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Robert Leichtfuß

Hans Hopfen: Robert Leichtfuß - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleRobert Leichtfuß
authorHans Hopfen
year1890
firstpub1888
publisherJ. Engelhorn
addressStuttgart
titleRobert Leichtfuß
pages368
created20150129
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Was war denn so Ueberraschendes in dieser längst vorausgesehenen Nachricht? Kein Mensch im Hause hatte je ein Hehl daraus gemacht, Sophie hatte es gleich bei ihrem Eintritt 32 erfahren und selbst erst jüngst ihren Pflegling mahnend daran erinnert. Warum kam es ihr heute so ganz entsetzlich, unbegreiflich und unmöglich vor, daß Erna nun wirklich einen Stiefvater bekommen sollte! War Baron Horst über Nacht ein andrer geworden? Oder Frau Emma vielleicht eine andre? Mit nichten! Oder wie, hatte der gestrige Abend Sophiens Gedanken und Empfindungen so sehr im Innersten verwandelt, daß sie in Ernas Vater nunmehr einen ganz andern Mann erkannte, als sie vordem verachtet hatte?

Sie wollte es nicht Wort haben vor sich selbst, und doch trieb es sie mit Gewalt danach, sich Aufklärungen über die Vergangenheit zu verschaffen, die ihrer veränderten Gesinnung Grund und Halt geben mochten.

Die Nacht hatte alle Regenwolken am Himmel verbraucht und die Sonne schien mit fröhlichster Laune über den Maimorgen hin. Allein die Herrschaften im Meyerschen Hause schliefen noch, denn man hatte in der gestrigen Feststimmung nicht so leicht auseinandergefunden, sondern dem Kellermeister immer noch frische Champagnerflaschen und den Musikanten immer noch einen Walzer abgefordert. Als man sich endlich unter wiederholten Glückwünschen trennte, schlugen zwar die Nachtigallen noch an ihren Lieblingsplätzen im Tiergarten, aber über den Bäumen war der Himmel schon lichtblau, und die lustigen Leutchen freuten sich, wieder einmal im Leben die Sonne über Berlin aufgehen zu sehen.

Sophie hatte bei dem fortwährenden Musizieren und Toastieren wenig Schlaf finden können. Sie war lang wach gelegen und hatte dabei allerhand und recht ungewohnte, meist erstaunliche Gedanken gehabt. Und war sie dazwischen in ihrer Müdigkeit denn doch eingeschlafen, so hatten die Träume ihren erstaunlichen Gedanken noch viel erstaunlichere Formen gegeben. Wirr und unzufrieden mit sich und im Zwiespalt mit ihrem bisherigen Empfinden war sie am Tag, später als sonst ihre Gewohnheit, erwacht. Und wie man ihr nun mit der Kunde von Frau Emmas demnächst bevorstehender Wiederverheiratung entgegentrat, ward ihr zu Mut, als sollte sie sich festhalten, um nicht ins Bodenlose zu sinken.

Alles ging auf den Zehen im Hause und nahm jede Thür in beide Hände, um ja die liebe Herrschaft nicht zu wecken. Dabei machte sich die Dienerschaft gar hurtig und beflissen über die schönen Reste her, und manch eine Champagnerflasche ward noch im Hui geköpft, die gestern für ganz andre Schnäbel aus der Tiefe geholt worden war.

Sophien widerte die verstohlene Schlemmerei der 33 Dienstboten an. Auch begriff sie nicht, wie eine Mutter ruhig in den Tag hinein schlafen konnte, deren erster Gatte vor dem Thor auf der Lauer stand, um ihr das Kind zu entreißen.

Er hatte versprochen, nicht an das Kind zu rühren, solange sie bei ihm bleiben würde . . . sie wiederholte sich's zur Beschwichtigung ihrer Angst. Aber war er ein Mann von Treu' und Glauben? Die im Hause hier sagten »Nein« dazu! . . . Und doch glaubte sie ihm, dem Vielgelästerten?

Sie wollte glauben. Sie wollte bleiben . . . auch wenn Erna einen Stiefvater erhielt, während der andre, der rechte . . .?

Auch dann wollte Sophie bei ihrem Liebling bleiben! Dann erst recht!

Aber würde Robert Leichtfuß sich an sein Versprechen, das er unaufgefordert, freiwillig gab, gebunden erachten, wenn er erführe, ein Fremder, ein Verhaßter säße als Herr an seinem Tisch und geböte seiner Tochter und diese müßte »lieber Vater« zu ihm sagen?

Robert Leichtfuß war ihr nicht so erschienen, als würde er einem andern Manne sein Kind überlassen. Nichts, was sie von ihm selbst und von andern über ihn gehört hatte, nichts Gutes und nichts Schlimmes ließ die Vermutung zu, daß er gutwillig solchen Schimpf und derlei Unbill tragen würde. . . . Und war sie nicht vor ihrem Gewissen verpflichtet, dem Vater zu sagen, wie's im Hause stünde? . . . Wie, was, verpflichtet? Dem fremden Mann verpflichtet, zu sagen, wie es in dem Hause stünde, darin man sie in Pflicht genommen? . . .

Wer war ihr denn dieser Herr Leichtfuß? . . . Er war Ernas Vater! Der Vater des Kindes, das sie liebte, und er liebte das Kind!

Ein sauberer Vater! Hatte sie alles vergessen, was sie über diesen Menschen gehört? Ueber diesen Menschen, der doch auch gestern sie selber durch seine Dreistigkeit entsetzt, beleidigt, verhöhnt hatte? Vergessen, weil er ihr eine Komödie leidenschaftlicher Vaterliebe vorgegaukelt hatte? War er darum schon ein Ehrenmann, weil er noch etwas Empfindung für sein Fleisch und Blut sich im Herzen erübrigte? Wie oft hatte sie sich nicht heute nacht den Gedanken wie eine spitzige Sonde ins Herz gebohrt, daß der leichtsinnige, der gewissenlose, der absichtliche Mensch sie mit zärtlichen, ja mit verliebten Worten nur bethören, nur kirre machen gewollt, damit sie seinen Absichten auf das Kind schwächeren Widerstand entgegensetzte!

Aber hatte ein so schlechter Mensch so gute Augen? . . . Ei, hatte der Bösewicht sie so rasch behext durch sein zutäppisches Wesen, daß sie an ihm, an sich, an allen Menschen irre 34 ward und nichts sehnlicher zu glauben verlangte, als daß sie dem Vater unrecht gethan habe und den Menschen liebenswürdig finden dürfe, und daß sie im Recht sei, ihm zu sagen, laß dir dein Kind nicht zum zweitenmal und für immer stehlen?

Sie wollte Gewißheit haben, wie der Mann zu schätzen sei. . . . Aber wo diese Gewißheit erlangen?

Ihr war, als sollte die Zimmerdecke sich herabsenken und sie ersticken. Sie mußte hinaus. Sie mußte frische Luft atmen. Sie kleidete Erna rasch an und stieg die Treppen langsam hinab; sie hielt sich fest ans Geländer; sie fürchtete, der Schwindel möchte sie hinabstürzen.

Mit dem ersten Schritt ins Freie kam ihr ein Gedanke. Sie wandte sich auf dem Schwellenstein noch einmal um und fragte den Pförtner, wo denn jetzt Ernas Amme, die Spreewälderin, wohne, die mit in Italien gewesen sei, und wie dieselbe nunmehr nach ihrer Verheiratung genannt werde.

»Aha, Fräulein! Sie wollen der dicken Person wohl auch eine Flasche Wein und eine halbe Torte vom gestrigen Feste bringen!« sagte der Mann im Kellergeschoß, und sein verschmitztes Gesicht zwinkerte vergnüglich durch das kleine Schiebfenster empor zu der Gouvernante. »Daran thun Sie recht! Die alte Hede will auch ihr Teil haben; nicht wahr, Erna?«

Sophie nahm das Geschwätz für einen unwillkürlich erteilten guten Rat. Mit leeren Händen machte sie die Spreewälderin nicht gesprächig; aber ein Viertelkubikmeter Kuchenteig und ein halber Liter Burgunder – das wußte sie – wirkten Wunder auf Frau Näppfgens Herz und Zunge.

Die gute Amme hieß jetzt Frau Näppfgen, sie war die rechtmäßige Gattin eines ehrbaren Schornsteinfegermeisters und hauste am untersten Ende der Potsdamer Straße, dicht vor dem Dorfe Schöneberg. Im Anfang ihrer Ehe hatte sie noch recht häufig bei ihrem geliebten Milchkind auf Besuch eingesprochen. Aber nach einigen Monaten war sie schmollend weggeblieben; nur ab und zu im Vorübergehen klopfte sie niederhockend mit dem Sonnenschirm ans Portierfensterchen der Villa Meyer und erkundigte sich, wie es denn ihrer Kleinen ginge. Aber hinauf stieg sie nicht. Frau Leichtfuß war ja nie so recht zu sprechen für sie. Immer nur so im Hui und über die Schulter weg. Und die neue Gouvernante, die mit dem armen Kind gar schon französisch plappern sollte, bildete sich auch auf ihre »sogenannte Bildung« zu viel ein, um eine ehrbare Bürgersfrau geduldig anzuhören, wenn diese ins Reden kam! Schornsteinfeger Näppfgens Ehehälfte wollte nunmehr 35 nach Gebühr respektiert und auch traktiert sein. Und wenn das nicht geschah, blieb sie lieber weg. Sie hatte ja daheim genug zu schaffen. Und die andern sollten's nur merken!

Sophie that also ganz klug daran, nochmal ins Haus zurückzukehren und sich allerhand Mundvorrat in ein Päckchen zu binden. Dann stieg sie in die erste Droschke an der Straßenecke und fuhr mit der lustigen Erna gen Schöneberg.

Frau Näppfgen machte nicht sehr einladende Augen, als sie »die hochnäsige Mamsell aus der Schweiz« vor ihrer Thüre stehen sah. Aber ihr geliebtes Milchkind that's ihr bald an, und daß man der alten Amme beim gestrigen Feste gedacht hatte, war denn doch eine nicht wegzuleugnende Aufmerksamkeit. Sie war ja kein Unmensch! Nachdem sie sich vollends in zappelnder Verlegenheit eine frische Schürze vorgebunden und eine weiße Haube aufgesetzt hatte und nunmehr einigermaßen manierlich auszusehen hoffte, wechselte sie auch die Laune und bat ihren Besuch, auf dem Roßhaarsofa Platz zu nehmen.

Erst schwatzte sie an Erna hin, die sie ein übers andre Mal noch immer so innig zu lieben versicherte, als hätte sie sie unter dem eigenen Herzen getragen. Wie aber die Kleine mehr Vergnügen daran fand, mit ihrem struppigen Milchbruder herumzutollen, als vor dessen Mutter andächtig stillzusitzen, wandte sich die Frau Meisterin der Gouvernante zu, die ihr heute gar nicht mehr so hochnäsig vorkam. Als ihr diese vollends die Neuigkeit auftischte, daß Ernas Mutter in wenigen Tagen sich mit Horst von Wolkenfels verheiraten werde, da war der Uebergang zu dem ersten Gatten Emmas von selbst gegeben und die hoch aufgezogenen Schleusen der Beredsamkeit ergossen sich über die weiten Felder der Erinnerung.

Frau Näppfgen war, in ihrer Eitelkeit gekränkt, ohnehin nicht sehr gut auf Horsts Verlobte zu sprechen, und so that es ihrem Herzen wohl, mit ihren Enthüllungen nicht hinter dem Berge zu halten. Zum erstenmal in ihrem Leben erfuhr jetzt Sophie die Wahrheit über den Aufenthalt in Venedig, und ihr schauderte bei dem Berichte der Augenzeugin, wie die eigene Ehefrau dem Gatten mitgespielt, wie diese den Schwerkranken ohne andre Entschuldigung, als ihre nervöse Abscheu vor allem Siechtum, verlassen, wie sie ihm das Kind, an dem er tausendmal mehr als die herzenskalte Mutter gehangen, fortgenommen, und der alte Geldsack zu dem Schaden noch den Schimpf gefügt und sich noch wunderswie berühmt habe, mit dem wehrlosen Mann in seinem Haß recht verächtlich umgesprungen zu sein.

Das Weib aus dem Volke spuckte zur Seite, über die 36 eigene Sofalehne weg, so zornig machte sie diese Erinnerung und die daraus gezogene Weisheit, daß reiche Leute, die das Geld nicht zu schonen brauchten, sich eben alles in der Welt und das Gemeinste ungestraft erlauben dürften. »Sollte sich unsereins den fünften Teil davon zu schulden kommen lassen,« rief sie, »mit Fingern wiesen Hinz und Kunz auf ihn, und die Polizei, wenn nicht gar der Herr Staatsanwalt, hätten einen gar bald am Kragen. Jene aber fährt demnächst ›viere lang‹ und heiratet ihren alten Liebhaber, mit dem sie in Italien von Stadt zu Stadt gezogen ist, während ihr armer Mann hilflos und verlassen am Lagunenfieber darniederlag, und dann heißt man sie Frau Baronin, und das Kind behält sie auch, denn, da der alte Spitzbube mit seinem Geld alle Räder geschmiert hatte, konnten sie auch den Herren Richtern an den Wagen fahren und ihnen getrost an den Wimpern klimpern, und so ward dem Kinde auch der Vater abgesprochen! Ein famoser Kerl, der Vater! sag' ich Ihnen, mein Fräulein! Ein närrisches Mannsbild, leichtsinnig, wie ein Vogel auf dem Zaun! Aber ein Herz von Gold und immer lustig und fidel! Ein Mann, wie ihn sich eine vernünftige Frau nur wünschen könnte. Und ein Vater! Ach was, Mutter und Vater in einer Person! Ich habe so was im Leben nicht wiedergesehen und habe mich nur darüber gewundert, daß er aus Schmerz über die Trennung von seinem Kinde nicht gleich gestorben ist. Aber dafür war er zu elend damals. Kranke Menschen räsonnieren ja nicht wie gesunde und empfinden auch nicht so stark wie im gesunden Zustand, wo ihnen nichts weh thut, als etwa der dumme Muskel, den man das liebe Herz nennt. Ja, wie ich sagte, erst war er zu elend dazu und nachher zu leichtsinnig, wie immer. Ja, das ist wahr, nahegeh'n ließ er sich nichts und verschmerzen konnte er alles. . . . Aber nein und dreimal nein! Und ich hab's immer gesagt, seine olle Emma die hat er verschmerzt, aber was das Kind ist, das verschmerzt er nicht! Nie und nimmer nicht! Und wenn sie sich's am allerwenigsten versehen, da ist er da und nimmt sich seine Göre auf den Arm und, hast du nicht gesehen, Addio, wie die Italiener sagen. Das Gericht und die Börse und die ganze Tiergartenstraße können sich auf den Kopf stellen, was fragt Herr Leichtfuß danach. Der Mutter hätt' er vielleicht noch das Kind gelassen, obwohl mir auch das auf die Dauer nicht recht wahrscheinlich geblieben wäre. Aber dem Krautjunker mit dem Monokel im Auge, dem Schnapphahn, der ihm die Frau abgekapert hat, dem läßt er seine Erna nicht, darauf können Sie Gift nehmen literweise! Das sag' ich Ihnen, und 37 recht hat er, das sag' ich auch. Ein wahres Glück, daß ich nicht mehr bei der armen Erna Wache zu stehen brauche, denn wissen Sie, liebes Fräulein, zu mir wenn Herr Leichtfuß käme, und sagte so mit seinen lachenden blauen Augen – er hat nämlich wunderbare Augen, der Mensch – ja, wenn er so sagte: ›Na nu, olle Hede, nu wollen wir 'mal den Stiel umkehren und uns die Sache von der andern Seite besehen; gib mir meine Göre, und ich lasse den Herrn Baron und die Frau Baronin und die Baroninmutter und den Baroninvater, den Erzhalunken, schöne grüßen,‹ wissen Sie, was ich ihm zur Antwort sagte? Nein, das wissen Sie nicht! Gar nichts, sagt' ich, aber ich gäb' ihm das Kind auf die Arme und dächte, Amen, und nun hat es erst, was es braucht! Die andern könnten mir gewogen bleiben oder nicht, darum würd' ich mir keinen Backzahn ausbeißen und mein Alter auch nicht! Möchten sie sich nachher totschreien vor Wut und Zorn . . . na, wie gesagt, ich bin schöne raus aus der Geschichte! Mich geht sie nichts mehr an . . . und ich will auch nichts gesagt haben . . . oder nur so viel, Fräulein, daß Sie über kurz oder lang darauf gefaßt sein können, Herrn Leichtfußens persönliche Bekanntschaft zu machen. Er läßt denen das Kind nicht! Wenn er's nur erst weiß, daß seine Emma sich wieder verheiratet! Ich wollt', ich könnt's ihm sagen! Aber wer kann wissen, wo der Sausewind sich herumtreibt! Ja, man müßt' es ihm mitteilen, wenn man das Herz auf dem rechten Flecke hätte . . . aber wie? . . .«

Frau Näppfgens Redestrom flutete unaufhaltsam weiter und weiter. Sophie saß schweigend und starr vor ihr, immerfort die Augen auf den Mund der Redenden geheftet, obschon sie nun nur mehr Worte hörte, doch keinen Sinn mehr verstand. Die Erzählungen der alten Amme hatten ihr das Herz im Innersten gewendet; nie noch in ihrem ganzen bisherigen Leben hatte ein Mensch mit seiner Rede sie so ergriffen, und jede Fiber in ihr zur höchsten Aufmerksamkeit gespannt. Aber nun gellten die Versicherung, daß Leichtfuß kommen werde, um sein Kind zu holen, und der Ausruf, daß man redlicherweise die Verpflichtung habe, dem Arglosen Nachricht von der Wiederverheiratung Emmas zu geben, diese beiden Vorstellungen gellten der Erregten immerfort durchs Gehirn; ihr Verstand konnte keinen andern Gedanken mehr fassen; ihre Ohren hörten keine andren Worte mehr.

Frau Näppfgen hatte auch eigentlich nichts mehr von Belang zu sagen, und da sie schon so viel gesagt hatte, daß ihr die Kehle trocken wurde, so unterbrach sie sich endlich selbst mit der Frage, ob nicht ein Schlückchen vom Burgunder eine ganz zweckmäßige 38 Anfeuchtung sein würde und das liebe Fräulein ihr nicht Bescheid thun möchte. Sophie, die so mäuschenstill und mit so andächtigen Augen zugehört und sie die ganze Zeit nicht ein einziges Mal unterbrochen hatte, war während dieser anderthalb Stunden ungemein in der Achtung der Frau Schornsteinfegermeisterin gestiegen. Und es that derselben wirklich leid, daß jene kein Tröpfchen Wein an ihre hübschen Lippen bringen wollte und es für höchste Zeit erklärte, mit ihrer Erna den Rückweg anzutreten.

Die gute Näppfgen dankte noch aufs umständlichste für Ehre und Aufmerksamkeit, die man ihr erwiesen, ließ sich den Herrschaften, gegen welche sie zuerst noch aus herzlicher Ueberzeugung in ihren Wetterworten gedonnert und geblitzt hatte, nunmehr aufs höflichste empfehlen und bat schließlich das Fräulein um Entschuldigung, wenn sie einen Ton zu viel geredet habe. Sie schwatze ja nur aus ihrem dummen Herzen heraus und wolle beileibe niemand Verhaltungsmaßregeln geben oder ihre gemeine Meinung aufdrängen oder gar an einem Unglück schuld sein.

Sophie beruhigte die Frau Meisterin freundlichst, dieselbe könne ganz außer Sorge sein; sie wisse die Pflicht, welche sie übernommen, über alle Anfechtungen des Gemüts sicher zu stellen, und werde Erna behüten wie ihren Augapfel.

Ob ihr bei all den Versicherungen so ganz behaglich war, wer möcht' es behaupten! Wie richtig beurteilte doch dies gewöhnliche Weib mit ihren gesunden Sinnen den Charakter Roberts! Keiner im Hause Meyer ließ sich träumen, daß jener schon sein Kind mit beiden Armen gefaßt hatte, um es mit sich zu nehmen, und es nur ihr, nur ihr, und warum nur ihr gelassen hatte! Und wie falsch hatte sie selbst das Wesen dieses Mannes beurteilt, der sie nie gekränkt, über den sie sich von seinen schlimmsten Feinden unverschämte Märchen hatte aufbinden lassen! Und welch erbärmliche Menschen waren dessen Feinde! Zwar das hatte sie lange schon geahnt. Aber mit wie andrer Meinung über Ernas Vater hatte sie heute diese Schwelle zum erstenmal überschritten, und mit wie andrer machte sie jetzt den Weg zurück.

Immer noch hallten die beiden Sätze, mit welchen die Reden der alten Amme sich für sie beschlossen hatten, in ihr nach. Robert Leichtfuß wird kommen und sein Kind holen. . . . Mag er kommen! Sie wird es nicht geben, das zweite Mal so wenig wie das erste Mal! Er hat es ihr in feierlichem Versprechen überlassen. Versprechen für Versprechen: sie will ausharren bei dem Kind in treuer Pflicht, aber in der Pflicht des Hauses! Er ist ein Mann, der sein Wort hält; er darf ihr das Kind nicht nehmen! Nicht mit Gewalt, nicht wider ihren Willen, 39 nicht ohne die Einwilligung derer, die es ihr anvertraut haben! . . . Nein, aber wer es gut mit ihm und ehrlich meint, der muß ihm sagen, was im Hause seiner Frau vorbereitet wird. Mag er danach seine Vorkehrungen treffen und Entschlüsse fassen, die seinen Ansprüchen gerecht werden.

Ja, das war ein gutes Wort der natürlich urteilenden Frau! Sophie wollte danach handeln. Sie hatte dem Vater Ernas so viel Unrecht gethan in ihren Gedanken, daß sie jetzt wie eine billige Sühne die Verpflichtung fühlte, dem Manne zu sagen: man will deinem Kinde bei deinen Lebzeiten einen Stiefvater geben und welchen! Sieh dich vor, wenn du's für recht hältst!

Nie war Sophie so schweigsam an der Seite ihres Zöglings geblieben. Ihre Sinne waren alle nach innen gekehrt. Kein Wort kam über ihre Lippen. Allein Erna hatte sich mit dem wackern Schornsteinfegersknaben so fleißig herumgetummelt, daß sie spielmüde und schlaftrunken neben ihrer Gouvernante im Wagen saß und bald, das Köpfchen an ihren Arm gelehnt, einnickte.

Erst als der Kutscher sein Rößlein in die Tiergartenstraße einlenkte, kamen beide Fahrgäste zu sich, Erna aus ihrem Schlaf, Sophie aus ihren Gedanken. Es fiel beiden ein, daß sie an dem wundervollen Maimorgen noch keine Bewegung im Freien gemacht hatten, und da solche zu den täglichen Pflichten gehörte, ließ die Gouvernante sofort halten und half der Kleinen, die wieder ganz munter und mutwillig aus den Augen guckte, über das Trittbrett herab.

Sophie, wohin gehst du? zuckte eine innere Stimme durch das Mädchen.

Und dieses antwortete gefaßt und bewußt: ich gehe hin, um den Mann zu sehen und zu sprechen, den ich nie wiedersehen zu wollen, mich thörichter-, frevelhafterweise verschworen habe. Wenn es unrecht ist, will ich Strafe dulden! Aber ich muß gehen! Ich kann nicht anders, weil ich das Kind liebe, das er liebt! Ich kann nicht anders, weil ich keine Mitschuldige jener Menschen sein will, die unverantwortlich an ihm gefrevelt haben. Ich kann nicht anders, weil . . .

Sie bracht' es doch nicht fertig, sich die ganze Wahrheit bis auf den allerletzten Grund zu gestehen. Sie bracht' es nicht fertig, sich selbst zu gestehen: weil ich ihn liebe! . . . Und doch war schon in diesem Augenblicke kein Gedanke mehr in ihrem schönen Haupte, der nicht ihm gehörte.

Woher wußte sie, daß sie ihm jetzt begegnen würde, da sie ihm doch vor wenigen Stunden jede Hoffnung auf ein Wiedersehen höhnisch abgeschlagen hatte? Und doch ging sie mit der sicheren 40 Ueberzeugung, wie sie nur ein liebendes Herz gibt, den Weg ins Grüne, daß er ihr nach wenigen Minuten erscheinen müsse . . .

Wenige Minuten, und Robert Leichtfuß stand vor ihr.

Es war nahe dem Platz unter den Bäumen, wo die Kinder spielten und Schanzen von Sand aufwarfen und Gruben aushöhlten, darein sie bis an den Gürtel, hei, schon bis an die Schultern einspringen konnten. Es war dicht unter der Kastanie neben der Bank, wo Robert Leichtfuß sein Kind gezeichnet hatte.

Erna jauchzte auf, da sie ihn von weitem sah und sprang, so schnell sie ihre kurzen Beinchen trugen, auf ihn zu mit hellem Ruf: »Papachen! Papachen!«

Langsam folgte Sophie. Nun ward ihr doch jeder Schritt schwerer und schwerer. Die Frage: Thust du recht, deiner eigenen trotzigen Rede so dreist zuwiderzuhandeln? hing sich wie mit zerrenden Fäusten hinterrücks an ihre Falten, an ihre Fersen. Wird er dich, wankelmütige Schwätzerin, nicht verachten? Hast du vergessen, daß er frech seine Lippen in dein Haar gedrückt hat mit dem Ruf: ›Auf Wiedersehen!‹ und da bist du nun und kommst ihm freiwillig entgegen!

Die stürmische Begrüßung des Kindes auf seinen Armen verhinderte Robert wohl, der Ankommenden entgegenzueilen. Oder war es ihm gar nicht darum zu thun, Sophien, der die Annäherung so ersichtlich schwer wurde, auf halbem Wege entgegenzugehen? Nur die letzten beiden Schritte ersparte er ihr, aus unerläßlicher Höflichkeit.

Er bot ihr die Hand und dankte, daß sie erschienen sei.

»Beurteilen Sie mich nicht falsch, mein Herr!« entgegnete sie, ohne die dargebotene Hand zu ergreifen, ohne die Augen sogleich auf ihn zu richten. »Wundern Sie sich nicht, daß ich meinen gestrigen Versicherungen zum Trotz mich auf einen Weg begab, wo ich Ihnen zu begegnen hoffen durfte! . . .« (Nun schlug sie den Blick empor und sah ihm fest ins Gesicht.) »Ja, mein Herr, ich hoffte, Sie zu sehen. Und ich bin froh, Sie gefunden zu haben. Aber aus keinem erfreulichen Beweggrunde. Es hat sich seit gestern etwas ereignet, was Sie wissen müssen, um mich dann darüber aufzuklären, ob Sie auch unter diesen Umständen Ihr mir gestern abend gegebenes Versprechen aufrecht erhalten wollen. Ich erachtete es darum wider Willen für meine Menschenpflicht, Sie zu suchen.«

Robert ergriff, ehe sie es verhindern konnte, in dankbarer Bewegung nun doch ihre Hand und bat sie, fortzufahren.

»Die Verheiratung von Ernas Mutter mit dem Baron Horst von Wolkenfels ist auf den übernächsten Sonntag 41 festgesetzt,« sagte sie ganz leise, vom Kinde abgewandt, daß dieses ihre Worte nicht verstünde; sie fürchtete schon, Roberts Entrüstung werde sich lauter äußern, als ihr Ernas wegen lieb wäre.

Robert aber versetzte nur ganz ruhig: »Ich weiß das seit heute früh.«

»Und was werden Sie nun thun?«

Er zögerte lächelnd, ehe er sagte: »Wollen Sie meine Vertraute sein?«

»Nein!« rief Sophie heftig und setzte sanfter hinzu: »ich darf nicht!«

»Das finde ich in der Ordnung; aber dann erlauben Sie, Ihnen meine Absichten zu verschweigen.«

»Nicht ganz! Ich darf von Ihnen verlangen, daß Sie mir unter diesen Umständen Ihr gestriges Versprechen wiederholen!«

»Das dürfen Sie nicht, mein Fräulein. Sie selbst sehen mit ihrem klaren Gefühl ein, daß die Sachlage durch diese Neuigkeit sich wesentlich verändert.«

»Mein klares Gefühl!« wiederholte Sophie sich selbst verhöhnend. »Sie versetzen mich in eine greuliche Lage voll Unsicherheit und innerer Widersprüche! Wiederholen Sie mir Ihr Versprechen und nehmen Sie meines dagegen, daß ich treu und gewissenhaft bei Ihrem Töchterchen aushalten werde.«

»Ich danke Ihnen für diesen Beweis Ihrer Liebe zu dem Kinde; aber auch für Sie wird sich die Lage ändern. Sie würden nur versprechen, was Sie halten zu können selbst nicht gewiß sind . . .«

»Ich verstehe Sie nicht!«

»Man wird Sie es, wie ich die Menschen kenne, bald genug verstehen lehren!«

»Sie weichen mir aus, Herr Leichtfuß! Das ist nicht recht von Ihnen.«

»Ich weiche Ihnen keineswegs aus, mein Fräulein. Ich weigere mich klar und einfach, Ihnen jenes Versprechen zu geben; weigere mich aus dem Grunde, weil für mich die Zeit zum Handeln gemessen ist und der wichtige Augenblick leicht verloren sein könnte, wenn Sie außer stande gesetzt sein würden, das Versprechen Ihrerseits zu halten.«

»Das ist Ihr letztes Wort, Herr Leichtfuß?« Der Ton ihrer Stimme klang so innig rührend. Sie meinte ihm, der ihr gestern so ganz anders entgegengekommen war, ihre Bitte abschmeicheln zu müssen.

Er sah sie liebevoll an, aber antwortete mit ruhiger Bestimmtheit: »Es ist so, mein Fräulein. Es kann nicht anders sein!«

»Dann,« versetzte Sophie und auch ihre Stimme klang 42 nun fest und entschieden. »Dann werden Sie aber auch begreifen, daß ich es für meine Pflicht erachte, der Frau, die mir ihr Kind anvertraut hat, mitzuteilen, daß Sie hier in Berlin sind, und daß sie, vor Ihren Anschlägen auf der Hut zu sein, alle Ursache habe.«

»Ich begreife das vollkommen!« war Roberts ruhige Antwort.

Sophie sah den Mann nun doch verwundert an. Sie betrachtete jeden Zug in seinem Gesicht, jede Falte auf seiner Stirn und die Wellenlinien seines Haares, als wollte sie sich die Erscheinung, die ihr in dieser Stunde so gut gefiel, tief ins Gedächtnis prägen, wohl wissend, daß es ein Abschied für lange, vielleicht für immer sei.

»Sie wissen, mein Herr, daß mir dieser Schritt nicht leicht fällt.«

»Ich weiß es und weiß, daß Sie ein braves, tüchtiges, edles Herz haben, an das ich glauben werde alle Zeit meines Lebens.«

»Ich danke Ihnen,« hauchte sie leise und reichte ihm nun zum erstenmal von freien Stücken die Hand hin. Er empfing sie in seinen beiden und drückte einen langen Kuß darauf. Sie ließ es ruhig geschehen. Das Kind stand zwischen ihnen, faßte mit seinen Händchen die eine an den Falten ihres Kleides, den andern an seinem Rockschoß und schaute lachend und zufrieden in die von Abschied und Liebe schmerzlich bewegten schönen Menschengesichter.

»Leben Sie wohl . . . für immer!« sagte Sophie noch leiser als vorhin, indem sie ihm die Hand entzog, um Erna zum Gehen zu wenden.

»Nicht für immer!« sprach Robert mit seiner freudigen Zuversicht. »Wir werden uns wiedersehen!«

»Ich glaub' es nicht!« erwiderte sie und leise seufzend kehrte sie sich ab.

»Ich hoff' es von ganzem Herzen!« rief er ihr nach.

Dann umarmte er noch einmal sein Kind und ließ die beiden ziehen. Erna warf Kußhändchen zurück. Sophie sah gesenkten Hauptes nur auf den Weg vor ihr und ging schweren Herzens dahin, um, weil sie es für recht hielt, seinen und nun auch ihren Feinden den Mann zu verraten, welchen sie liebte.


Hätte Sophie geahnt, daß ihr die Weisheit der Vorsehung und die Thorheit der Menschen das schwerste Teil ihres Vorhabens abnehmen würden, sie wäre rascheren Schrittes und leichteren Herzens nach der Villa des Kommerzienrates 43 zurückgekehrt. So aber wogte der Entschluß in ihrer armen Seele schmerzhaft auf und ab, und in tiefster Trübsal, in einer Verzweiflung, wie sie sie nie vordem erduldet hatte, kaum mehr ihrer Sinne mächtig, langte sie daheim an.

Sollte sie wirklich vor diese pflichtvergessene Frau hintreten und sie warnen, ihr Kind vor dem Manne zu hüten. der es mit dem ganzen Rechte seines Vaterherzens und seiner innigen Liebe verlangte? . . . Und mußte sie nicht also handeln, wenn sie sich selbst noch für ehrlich und gewissenhaft achten wollte? Hatte er es nicht selbst gesagt? . . . Er! Ach er! Warum gab es Menschen, die in überwallender Leidenschaft, im Trotz ihrer Selbstüberschätzung von der geraden Bahn, darauf sich so ruhig und gewissenssicher hinleben läßt, abweichen und andre von dieser Bahn noch abdrängen! Und wie konnte man seine Neigung, seine Achtung, alle seine Gedanken an solche Menschen verlieren!

Es muß sein! Ja, ich darf und kann nicht anders! sagte sie sich ein übers andre Mal. Und ihr war, als sähe sie den guten Vater im schwarzen Predigertalar, die weißen Bäffchen unter dem Doppelkinn und das volle graue Haar über der hohen Stirne, vor ihr stehen, die Augen liebevoll auf sie gerichtet, aber den rechten Zeigefinger ernsthaft und lehrhaft erhoben und sie hörte ihn sagen mit seiner hellen, ach so geliebten Stimme: Mein Kind, wenn Rechtthun immer leicht und wonnesam wäre, dann brauchte man niemand darum zu loben, wenn er recht thut. Dir selbst und deiner Neigung zuwider so und nicht anders handeln, wie du als recht erkennst, das hab' ich dich gelehrt von klein auf, und meine Sophie wird ihrem Vater keine Schande machen! . . . Und hinter dem Pastor erschien das teure Haupt der Mutter im weißen Spitzenhäubchen über dem glatt an den Schläfen liegenden Scheitel und der hohen Krause um den Hals und die Mutter sagte: Sophie, wie kann da nur ein Zweifel sein, wo dein Gewissen deutlich spricht? Magst du uns betrüben nach unserm Tode? Magst du unsern Grundsätzen untreu werden, du ein rechtbürtig Pastorenkind, du unser Stolz, unsre Freude?

Nein, nein! Sie wollte nicht anders! Sie bat nur um ein bischen Geduld, nur um ein Halbstündchen Aufschub, damit sie ihr Opfer würdig bringen, damit sich der Sturm in ihren Adern legen, sie ihre Besinnung fassen, ihre Gedanken sammeln könne und nicht außer sich vor schmerzender Neigung wie eine Thörin stammle und denen, die sie anreden müsse, nicht das Schauspiel eines verliebten Mädchens gebe, das seines heiligsten Gefühls vor aller Welt kein Hehl hat, während es sich selbst 44 nicht die Wahrheit zu gestehen wagt. Nein, also lächerlich wollte sie sich nicht machen! Auch das war sie sich selbst und ihren seligen Eltern schuldig.

Darum bat sie den Kammerdiener, Erna zum zweiten Frühstück abzuholen, das in wenigen Minuten aufgetragen werden würde, sie selbst aber bei der gnädigen Frau zu entschuldigen, weil sie sich wegen arger Kopfschmerzen für eine halbe Stunde zurückziehen und aufs Sofa legen müsse. Dann stürmte sie in ihr Zimmer, machte Erna rasch zurecht und, kaum daß diese sie verlassen hatte, brach sie vor dem nächsten besten Stuhl in die Kniee und verbarg ihr glühendes Gesicht in ihren gerungenen Händen.

Wie oft, wie so recht von innen heraus hatte sie hier in stillen Stunden Gott gedankt, daß er sie, die Elternlose, fern von der Heimat dies Haus hatte finden lassen, daß er ihr, deren Herz früh verwaist war und nach einem liebenswürdigen Wesen bangte, dies wohlgebildete, begabte, gute Kind zur Pflege anvertraut! Und nun verwünschte sie den Tag, an dem sie diese Schwelle überschritten, und wie glücklich wollte sie sich dünken, hätte sie dies Kind nie gesehen, dessen Liebe so grausame Pflichten auferlegte . . .

Dies Kind nie gesehen? . . . Was war das für ein Einfall? . . . Sie empfand es wie beschämende Strafe, daß ihr eifernder Schmerz sie so weit hingerissen hatte. Es war genug getobt; sie wollte nicht weiter rasen, sondern fromm und leidenschaftslos vollziehen, was geschehen mußte.

Sie stand auf, kühlte sich Gesicht und Hände mit frischem Wasser und schickte sich an, zu der Frau des Hauses hinabzugehen, die mit Eltern und Kind, wohl auch mit ihrem Verlobten noch bei Tische sitzen mochte.

Dort drunten hatte derweilen Klein-Erna was geschehen mußte schon aufs gründlichste besorgt. Und zwar also: Sie war voll Freuden mit einem blühenden Deuzchenzweig, den Robert vordem auf ihr Bitten im Tiergarten für sie abgebrochen hatte, in Heriberts Zimmer gesprungen und, nachdem sie alle Anwesenden, wie bräuchlich war, der Reihe nach begrüßt und teilweise geküßt hatte, mit der ganzen Familie zum Gabelfrühstück niedergesessen. Dasselbe währte heute länger als gewöhnlich. weil allerhand kalte Schüsseln vom gestrigen Feste aufgetragen wurden und der allzeit lüsterne Geheime Kommerzienrat keinen dieser schönen Reste vorübergehen ließ, ohne seinem vortrefflichen Garkoch die Ehre zu erweisen, welche diesem Vertrauensmann gebührte.

Darüber verlor Klein-Erna nach und nach die Geduld. Sie war bald gesättigt und verlangte nach ihrem jüngsten Spielzeug.

»Was hat denn das Kind heute? Laßt es doch aufstehen!« 45 brummte Heribert, der ungestört sich mit einer Schnepfenpastete zu befassen wünschte.

Man band Erna die Serviette ab, und sie lief sofort nach dem langen blühenden Deuzchenzweige, den sie vor dem Essen hatte beiseite stellen müssen, und schwenkte ihn, trällernd um den Tisch herumwandelnd, hin und her, bis der Geheime Kommerzienrat, der, seit seine Mahlzeit nicht mehr gestört wurde, vollkommen mit der Enkelin versöhnt war, seinen roten Kopf im fetten Halse herumwandte und, die Gabel in der einen, ein Weinglas in der andern Hand, die kleine Sängerin begütigend anredete: »Du hast ja da einen gar prächtigen Blütenzweig heimgebracht! Ei, ei, ei, wie schön grün und rosa! Sieh doch einmal an!« Und wieder zu den andern gewandt, sprach er leiser: »Mit wie wenig man doch so einem Kinde Freude machen kann!« Dazu seufzte er ganz leise und biß dann in das köstliche Fleisch der Schnepfe, daß die Knöchelchen zwischen seinen Zähnen krachten und seine vorstehenden weißen Augäpfel noch weiter aus dem roten Gesicht hervorzuquellen schienen.

Das Mädel blickte derweilen nur um so bewundernder zu seinem Blütenzweig auf und hielt ihn andächtig mit beiden Fäustchen vor sich wie eine Kirchenfahne bei einer Prozession. Etliche roten Blütchen fielen dabei nach rechts und links.

»Wie kommst du denn zu dem Zweige?« fragte Heribert, der sein heftiges Anbrummen vorhin wieder gut machen wollte. »Den konntest du doch nicht selbst abreißen.«

»Den hat wohl das Fräulein abgepflückt und dir gegeben?« sagte Frau Emma über ihren Teller hin.

Das Kind schüttelte das blonde Köpfchen und dann sprach es mit merklichem Stolze: »Den hat mir mein Papa gegeben!«

Emma warf einen glücklichen Blick auf ihren Verlobten, denn sie dachte nicht anders, als daß die Kleine, vielleicht von der klugen Gouvernante belehrt, nach der gestrigen Eröffnung schon jetzt ihren zukünftigen Gatten Papa nannte.

Horst wußte sich den verständnisinnigen Blick seiner Braut nicht zu deuten, denn er fragte verdammt wenig nach Kindergeschwätz und hätte diesem eine leise intime Unterhaltung mit seiner Schwiegermutter über irgend eine Frage von besondrer Vornehmheit vorgezogen. Er wußte gar nicht, wovon die Rede gewesen, und ward erst jetzt, ebenso wie Frau Hermione, auf die Zwiesprach von Mutter und Kind aufmerksam.

Heribert aber, dem es keineswegs in den Kram paßte, ohnehin schon stolze Leute durch Ehrentitel, die ihnen erst später gebühren werden, vor der Zeit üppig zu machen, und der gerne alles vermieden sah, was seinem zukünftigen Schwiegersohn 46 über Gebühr schmeichelte und infolgedessen zu größeren Ansprüchen verführen möchte, Heribert hielt es für geraten, der bräutlich-mütterlichen Freude seiner Tochter einen kleinen Dämpfer aufzusetzen, und sagte brummend zu seiner Enkelin: »Warum nennst du den Baron schon heute Papa? Er wird ja erst in vierzehn Tagen dein Papa werden . . .«

»Aber Heribert!« ließ Frau Hermione sich in verweisend langgezogenen Tönen vernehmen.

»Nur immer korrekt! Und alles zu seiner Zeit!« erwiderte der Angeredete und fischte sich eine frische Schnepfe aus der Pastete, sie mit hurtigem Besteck zu zerlegen.

Das Kind aber blieb gelassen vor ihm stehen und sagte: »Den Papa da mein' ich ja gar nicht. Meinen Papa mein' ich!«

Die Gesichter der Anwesenden zogen sich in die Länge, nur das des Kommerzienrats schien rund und rot anzuschwellen. Der Bissen blieb ihm im Munde stecken. Er stemmte Gabel und Messer auf den Tisch und lallte kaum verständlich mit den vollen Zähnen: »Was schwatzt das dumme Ding?«

Emma hatte die Serviette weggeworfen und das Kind zu sich herangewinkt, und fragte nun scharf: »Von welchem Papa sprichst du, wenn nicht von Horst?«

»Nu, von meinem Papa eben! . . . Von dem, der mit uns in Venedig war, und der oben im Atelier die Bilder gemalt hat!«

Eine Bombe, die aus friedlicher Luft der Gesellschaft in die Bratenschüssel gefallen wäre, hätte kein größeres Erstaunen und Entsetzen hervorrufen können, als es diese schlichten Worte des kleinen Kindes thaten.

»Was, der war mit dir im Tiergarten?! . . . Heute?!« rief die Mutter.

»Jawohl, und neulich auch, und gestern abend war er oben bei uns . . .«

»Bei wem?!«

»Beim Fräulein und bei mir!«

Heribert sprang vom Tisch auf und fuhr mit den Händen in der Luft herum. Er hatte den Mund voll Schnepfe und konnte weder hinunterschlucken noch ausspucken. Er rang nach Luft, taumelte an die Wand und suchte und fand mit seinem dicken, tastenden Daumen den Elfenbeinknopf der elektrischen Klingel. Nun gellte diese ohne Aufhören durchs Haus, während er selbst stöhnend den roten Kopf an der roten Tapete hin und her schob und die andern sich alle Mühe gaben, ihm zu Atem zu verhelfen. Emma sank in einen Stuhl und sah wütend vor sich hin. »Dieses Frauenzimmer!« stammelte sie vor sich hin und »das sind ihre Kopfschmerzen!«

47 Zwei Diener und ein Stubenmädchen sprangen nach und nach in den Speisesaal, Heribert hatte endlich seinen Mundvorrat bewältigt und schrie nun: »Ein Spion ist im Haus! Diebe, Räuber! . . . Fort mit dem Spion in Weibsgestalt! Wo ist sie? Her mit ihr und hinaus! Augenblicklich!«

Das größte Donnerwetter, welches je im Hause Meyer sich über einen seiner Insassen zusammengezogen hatte, war fertig und bereit, sich über Sophiens blondem Scheitel zu entladen.

Emma sandte den einen der Diener hinauf, um das Fräulein zu veranlassen, sofort hier unten zu erscheinen; Erna ward mit dem Stubenmädchen in ein andres Zimmer geschickt, und die ganze Familie begab sich, ohne weiter an die unterbrochene Mahlzeit zu rühren, ohne viele Worte zu wechseln, in den Salon. Nur einzelne kurze Ausrufe. wie: »Empörend!« »Schmachvoll!« »Und solchen Kreaturen vertraut man seine Kinder an!« wurden laut. Wozu Heribert hinzufügte: »Und das läßt sich noch dafür bezahlen! Aber warte!«

Sophie hatte sich ohnehin schon angeschickt, in die untere Wohnung hinabzusteigen und Frau Leichtfuß um eine kurze Unterredung zu bitten. Der Bediente, der zu ihr geschickt wurde, traf sie schon halbwegs auf der Treppe.

Er meldete dies auch vor ihrem Eintritt seiner Herrin, welche mit über der Brust gekreuzten Armen, mit eingekniffenem Mund und weitgeöffneten Augen inmitten des Salons stand, bereit, Gericht zu halten, und begierig, die Schuldige zu strafen.

Sophie, welche sich ganz gesammelt und im Gedächtnis an ihre guten Eltern ihren Mut von jedem störenden Gedanken geklärt hatte, trat nun gar nicht wie eine Schuldige, sondern ernst und unbefangen ein, bat, ohne eine Anrede abzuwarten, nach artigem Gruß Emma um Entschuldigung, daß sie zu so ungewohnter Stunde um eine Unterredung gebeten habe, und fing in ihrer klaren, ehrlichen Weise sofort zu berichten an, daß gestern, sehr zu ihrer Bestürzung, Herr Robert Leichtfuß in seinem Atelier erschienen sei, während sie mit Erna ahnungslos dort oben, wie so oft, gespielt habe. Sie hätte Herrn Leichtfuß früher nicht gekannt, wisse nicht, wie sie sich ihm gegenüber bei ferneren Begegnungen zu verhalten habe und bäte um genaue Weisungen . . .

Weiter kam sie nicht. Heribert, der sie gleich zu Anfang mit heftigen Ausbrüchen seiner Wut und seiner Furcht unterbrechen wollte und davon nur mühsam durch seine Frau und durch Horst abgehalten wurde, hatte sich nun aller Beschwichtigungen entledigt und sprang mit Geschrei zwischen Sophie und seine Tochter. »Sie lügen! . . . Sie sind bestochen! . . . Eine bezahlte Spionin sind 48 Sie! . . . Wir alle wissen, daß Sie heute mit meinem alten Schwiegersohn, mit dem geschiedenen Gatten dieser Ihrer Frau im Tiergarten ein Stelldichein gehabt haben! Sie führen ihm das Kind hinter unserm Rücken zu! Es ist himmelschreiend! Es ist skandalös! Die Polizei . . . Ja die Polizei muß hier ein Exempel statuieren! . . . Schickt nach dem Revierlieutenant! Aber sofort!«

Eine Zeitlang schrie nun alles durcheinander; dann aber ward es stiller und stiller, und es ward Sophien nicht schwer, solchem Ankläger gegenüber ihre Würde zu behaupten, ihre Unschuld zu beweisen, ihre Verachtung auszudrücken. Was sie Robert gegenüber, seiner Person und seinen Ansprüchen an das Kind gegenüber empfand, brauchte sie vor diesen Menschen nicht darzulegen. Sie hielt sich an die Thatsachen und berief sich auf des Kindes Aussagen und auf ihr eigenes Ehrgefühl.

Die meisten der Anwesenden, die beiden Frauen voraus, schenkten ihren Worten Glauben. Heribert hatte sich in seiner Wut so beschämend taktlos benommen, daß sein Benehmen nur dazu beitrug, Sophiens vornehme Ruhe und stolze Sicherheit in helles Licht zu setzen. Er war in sinnlosen Anschuldigungen so weit gegangen, daß die andern es wie eine Schuld empfanden, dem Fräulein gegenüber sich überzeugter und versöhnlicher zu stellen, als sie vielleicht wirklich waren.

In einem Punkt aber stimmten sie alle überein, darin, daß Sophie die Ansprüche des gerichtlich geschiedenen Gatten nicht stark und streng genug abgewiesen habe, daß man ihr, die sich nun einmal in gütliche Gespräche »mit diesem Menschen« eingelassen habe, nicht zutrauen könne, sie würde fortan diesem frechen Abenteurer anders und wirksamer entgegentreten, und daß es darum geraten sei, Erna, die mit diesem Vater keinerlei Verkehr pflegen dürfe, in andre zuverlässigere Obhut zu geben. Es reute Emma bald, daß sie solchem Verdacht Worte gegeben hatte, aber gesagt war nun einmal gesagt, und selbst die vornehm schweigsame Dame Hermione stimmte dem leider bei.

Auch Sophie mußte wünschen, einer Pflicht entledigt zu werden, die ihr, trotz gewissenhafter und liebevoller Erfüllung, einen Auftritt, wie diesen, und Vorwürfe, wie die aus des Geheimrats Munde, zugezogen hatte.

Und da Heribert nunmehr sein Stichwort gefallen wähnte und, leidlich zu Atem gekommen, wieder von Spionendiensten, Verräterei und polizeilicher Hilfe zeterte, gab die entrüstete Schweizerin die bestimmte Versicherung ab, daß sie keinen Tag länger mit einem solchen Menschen, wie Heribert Meyer, unter einem Dache zubringen werde, und darum um ihre sofortige Entlassung bitte.

49 Das war den andern Dreien nicht ganz recht, denn sie hätten nun gern Ausführlicheres und Genaueres über Roberts Erscheinen, Verhalten und Absichten erfragt. Das beleidigte Mädchen aber wies, nachdem es sein eigenes Verhalten in dieser Sache mit deutlichen Worten vollkommen gerechtfertigt zu haben glaubte, jede fernere Unterhaltung mit Stolz ab, bat, sich von dem Kinde verabschieden zu dürfen, und ging sofort daran, ihre Habseligkeiten zusammenzupacken und sich reisefertig zu machen.

Es war erbärmlich, sie so zu beleidigen, wie es diese Sippschaft sich unterstanden hatte! Und doch war eine stille Freude in ihrem Herzen darob, daß diejenigen, welche Robert so gottvergessen mitgespielt, sich nun auch gegen sie vergangen hatten, daß, wie sie die Liebe zu dem Kinde mit ihm gemein hatte, auch beider Feinde dieselben waren!

Da stand der Stuhl noch inmitten ihres Stübchens, davor sie – es war kaum über eine Stunde – den Tag verwünscht hatte, an dem sie in diese Familie eingetreten! Und nun war sie frei und verließ dies Haus, noch ehe der Tag zur Neige ging! Und sie hatte Robert nicht verraten brauchen! Es war alles gekommen ohne ein enthüllendes Wort aus ihrem Munde! Sie hatte nur sich zu verteidigen gehabt gegen ungerechte Anschuldigungen. Und dafür dankte sie Gott. Und hurtig wanderten ihre Sächelchen aus den Schiebladen in den Koffer, der sich mehr und mehr füllte. Bald, und sie durfte nach der Droschke schicken, die sie und ihre Habseligkeiten aus diesem Hause führen würde.

Da klopft' es an der Thüre, erst zögernd und dann immer dringender, und als sie, von schmerzlicher Ahnung bewegt, die Klinke hastig drehte, stand Klein-Erna davor mit halbverdutztem, halb schalkhaftem Gesicht und sagte: »Sophiechen, sie haben mich herausgeschickt, von dir Abschied zu nehmen . . . was heißt das, Abschied nehmen? . . .«

Das Kind! Das geliebte Kind! Daran hatte sie nicht gedacht in ihrer stolzen Entrüstung, nicht daran gedacht, wie ihr die Trennung von dem Kinde thun würde, an welches sie seit Jahr und Tag ihr ganzes Herz gehängt hatte! Sophiens Augen, die bei allen Anschuldigungen und allen Ungerechtigkeiten nicht einmal feucht geworden waren, sie füllten sich jetzt mit strömenden Thränen, und Klein-Erna weinte bitterlich mit, als sie am Halse ihrer Erzieherin erfuhr, daß diese von ihr ginge, weit fort, und noch heute, noch in dieser Stunde!

Was halfen ihnen ihre Thränen! Sie mußten scheiden! Weit, weit auseinander! Sophie wollte lieber gleich ein Ende machen. Sie warf das wenige, was von ihren Sächelchen 50 noch außen war, ohne sondernde Sorgfalt oben auf in den Koffer, stopfte ihren Handsack, drehte die Schlüssel in den Schlössern und nahm dann das Kind noch einmal auf ihren Schoß, sah ihm lang mit verzehrenden Blicken in die blauen packenden Augen, die es so ganz vom Vater hatte, preßte es an ihre Brust, daß ihnen beiden der Atem auszugehen drohte, und sagte dann zwischen ihren Küssen: »Gott segne dich, mein süßes Herz! . . . Habe deinen rechten Vater recht von Herzen lieb, so lange du lebst! . . . Und denke manchmal an deine Sophie, die dich niemals vergessen wird!«

Dann sprang sie auf und trug das Kind auf ihren Armen ins Erdgeschoß, hastig die Treppe hinabeilend. Ein Diener lief ihr rufend nach, als ob man fürchtete, sie möchte Erna gleich mit sich forttragen. Sie stellte es zur Erde und sah es noch einmal an. Das Kleine streckte weinend die Hände nach ihr empor.

»Wie man nur ein fremdes Kind so lieb haben kann!« sagte sie. Und dann schüttelte sie das eigene blonde Haupt und sprach: »Nicht fremd, nein, niemals fremd!« preßte die Hand aufs Herz und stieg in den harrenden Wagen, dessen Lenker sich fragend und nicht ohne Erstaunen dem thränenüberronnenen hübschen Gesichte seines Fahrgastes über den Kutschbock zukehrte.

»Anhalter Bahnhof!« rief Sophie, das Tüchlein vor die Augen drückend. Und fort ging's auf rollenden Rädern!

Sie sah nicht, daß ein kleines Kind in dem Vorgarten der eleganten Villa Meyer mit klammernden Händchen sich an den eisernen Gitterstäben hinaufmühte und aus Leibeskräften schrie: »Sophiechen, Sophie! Laß mich nicht alleine! Sophie, komm zu mir!«

Die Räder rollten und rasselten, Sophie sah sich nicht um. Sie war wie berauscht von ihrem Schmerz. Sie wollte ihr Opfer ganz und gar bringen. Und rasch! Heute noch wollte sie sich auf die Fahrt in die Heimat begeben . . . Zwar ihn hätte sie gern, ach so gern noch einmal gesehen und ihm gesagt, wie alles gegangen sei . . . aber nein! Das durfte sie nicht! In dem einen Punkte hatten vielleicht jene garstigen Menschen recht: sie war nicht mehr danach geartet, Robert Leichtfuß viel zu versagen, und wer weiß, was dieser wilde unbändige Mensch von ihr gefordert und erschmeichelt hätte!

Sie saß lange Stunden im Wartesaal des Anhalter Bahnhofs und harrte geduldig, bis endlich der Zug, mit dem sie Basel über Frankfurt am Main zu erreichen hoffte, auf die Schienen gestellt wurde. Sie wagte sich nicht noch einmal auf die Straße hinab, aus Furcht, sie möchte durch irgend eine Begegnung in der Ausführung ihres festen Vorsatzes gehindert 51 oder doch verzögert werden. Nein, sie wollte fort von Berlin! durchaus fort! . . . Freilich that ihr das Herz darum weh, o so sehr! Und nicht wegen der Aergernisse, die sie soeben dort erduldet hatte. Sie dachte nicht mehr an jene thörichten Menschen und wollte nicht weiter an sie denken. Nur an das Kind dachte sie, das sie so lieb hatte, und an den Vater des Kindes . . . Je nun, auch das mußte überwunden werden. Sie hoffte auf die Ferne, die Rückfall unmöglich macht, und auf die Zeit, die alle Wunden heilt, und sie ergab sich mit Gottvertrauen in ihr Schicksal.

Hunderte von abreisenden und ankommenden Menschen gingen in diesen Stunden an ihr vorüber, lauter fremde Gesichter, denen sie auch nur ein fremdes Gesicht war. Die Lokomotiven pfiffen immer wieder in denselben jäh ausbrechenden Tönen, die Räder rollten immer in demselben dumpfen Geräusch davon oder heran, und die hohe Bogenhalle gab immer denselben Widerhall zurück. Immer wieder wurden etliche weiße Taschentücher aus den Fenstern heraus geschwenkt, bis die abfahrende Wagenreihe immer wieder in derselben Kurve aus dem Gesichtskreise schwand, während die wenigen, die auf dem Perron gleichfalls mit ihren Taschentüchern oder Hüten winkend stehen geblieben waren, sich mit einem traurigen oder gleichgültigen Gesichte umwandten und zur andern Seite die Halle verließen.

Eine sanftere Wehmut schien Sophiens Schmerz abzulösen. War unser modernes Leben nur so ein ewiges Kommen und Gehen, mit der Hast, auf die Minute pünktlich einzutreffen, wo man seine Empfindungen kaum ausleben konnte und der schrille Pfiff der gefühllosen Maschine zwischen Freuden und Schmerzen schnitt mit der Mahnung: Nütze die Zeit, sie ist kostbar; die versäumte Minute ist ein verlorener Tag; und kümmere dich nicht um deinen Nachbar, denn es ist nur der Zufall, der euch auf ein und dieselbe Bank setzt!

Endlich kam der Abend, und der Portier riß die Thüre auf mit dem Rufe: »Frankfurt am Main einsteigen!« Sie eilte aufs erste Glockenzeichen hinaus und drückte sich in einen Winkel des durchgehenden Wagens, den sie nicht zu verlassen wünschte, bis die ferne Schweizer Grenze erreicht wäre. Sie sah nicht durchs Fenster, als der Zug in die Weite, die vom Abendrot übergoldet lag, hinausrollte; sie streckte kein wehendes Tüchlein zum Fenster hinaus, und auf dem Perron stand auch niemand, der um ihretwillen mit beengter Brust die dunkle Wagenreihe um die Ecke schwinden sah.

Sie wußte und sagte es sich in diesem Augenblick mit bitterem Gefühl: sie war wieder allein, mutterseelenallein! 52 Auch daheim erwartete sie niemand. Es war ja auch dort keine Seele mehr übrig, die nach ihren Schmerzen oder Freuden fragte, niemand, dem sie ihr volles Herz hätte ausschütten dürfen, niemand, nach dessen Wiedersehen sie sich sehnte. Ihr einziger Bruder war fern über Meer. Sie reiste in die Heimat, um dort eine neue Gelegenheit zu finden, sich an fremde Menschen zu verdingen, an fremde Menschen, die ihr innerlich fremd bleiben oder ihr wieder Kummer, Sorgen und Beschämungen bereiten würden wie diese, welche sie jetzt in Haß und Bitterkeit eben verließ . . .

Wie diese? . . . Nein, nicht wie diese! sagte sich Sophie. Derlei erlebt man nur einmal in seinem Herzen!

Und sie legte die Hand auf ihr pochendes Herz, und freundlichere Bilder bemächtigten sich ihrer Einbildungskraft. Sie dachte: Er kann mich nicht anklagen, weil ich mein Versprechen, bei dem Kinde auszuharren, nicht zu halten vermag. Nun kann er handeln nach Gutdünken! Ob es ihm gelingen wird? Ob die andern ihm das Gelingen schwer machen werden? Vielleicht unmöglich? Was dann? Und wenn's gelingt, ist er der Mann, das Kind in Gottesfurcht und Tugend zu erziehen? . . . Er allein, ohne weibliche Hilfe? . . . Und welche Hilfe? Mein armes süßes Kind!

Sie meinte, nun immer an das Kind denken zu müssen in aller Zukunft. Und sie hätte so gerne gewußt, ob Robert ausführen werde, was er im Schilde führte, und ob es zum Guten sein würde für ihn und für Erna . . .

Die Wagen rüttelten hin und her, es ward immer dunkler und dunkler, die Augendeckel fielen ihr zu und klappten dann jählings wieder auf. »Gute Nacht, Erna mein! . . . Gute Nacht auch . . . Nein, nein!« Sophie schüttelte seufzend das Haupt auf dem Rückpolster. Da fielen ihr wieder die Augen zu und die Deckenlampe des Waggons beleuchtete mit ihrer flackernden Holzgasflamme die ruhigen schönen Züge eines festschlummernden Mädchens. –

In der Villa Meyer in der Tiergartenstraße ward in dieser Nacht nicht so gut geschlafen. Alle Einwohner derselben waren in hochgradiger Unruhe und Besorgnis. Die Thüren waren noch sorgfältiger als gewöhnlich und doppelt und dreifach verschlossen; dem eigenen Nachtwächter war die peinlichste Wachsamkeit eingeschärft und eine besondre Gehaltsaufbesserung zugesagt worden; auf Heriberts Nachttisch lag ein funkelnagelneuer Revolver mit fünf geladenen Läufen.

Lauter Maßregeln, die einem den Schlaf nicht versüßen, besonders wenn man mit einer Schnepfenpastete Pech gehabt und, um nicht daran zu ersticken, etliche Knochensplitter dieser köstlichen Vögel gewaltsam verschluckt hat.

53 Auch die gerechte Sorge störte den Schlaf, woher von heut auf morgen für Erna eine neue Gouvernante kriegen! Notabene ein so zuverlässiges, energisches, unanfechtbares Wesen, bei dem man nicht jederzeit in Angst sein müsse, sie dulde weitere Annäherungen des verwünschten Malers oder gar dessen heimlichen Besuch. Wer hätte nicht jeden Eid auf Sophiens Gewissenhaftigkeit und Takt geschworen! Wer weiß, vielleicht war man doch zu streng, zu rasch gegen sie vorgegangen! Heribert sagte sich das nun unter wachsendem Alpdrücken selber. »Es kommt nie etwas Bessres nach!« das sagte er sich auch. Sophie war offenbar von dem unverschämten Menschen überrascht worden. Sie hätte sich gewiß belehren lassen. Sie hatte ja sogar ausdrücklich um Verhaltungsmaßregeln gebeten. Und sie war ein so hübsches Mädchen. Ja, ja, aber Heribert verlor immer alle Fassung, wenn er Robert Leichtfuß vor der Thür wähnte . . . geschehen war nun geschehen! Er seufzte und rollte sich mühsam auf die andre Seite. Aber da lag er auf dem Herzen und zudem störte ihn das Nachtlicht, dessen dünner Strahl mit den drei oberen Läufen des geladenen Revolvers in einer Weise liebäugelte, welche Heriberts Unbehagen vermehrte.

Er dachte jetzt, wie es denn wäre, wenn Robert Leichtfuß, der mehrere Jahre dieses Haus bewohnt hatte, denn doch einen geheimen Eingang zur Verfügung hätte, der den andren gar nicht bekannt sei. Ja, der geheime Eingang gewann, je länger der Geheime Kommerzienrat in solcher Lage darüber nachdachte, immer mehr Wahrscheinlichkeit. Wie hätte Leichtfuß gestern, wo das Haus voller Leute war, auf dem gewöhnlichen Wege ein und aus gehen können, ohne kontrolliert zu werden! Und wenn dieser Landstreicher nun wirklich im Hause war, wenn er die Thüre dieser Schlafkammer öffnete – denn dieselbe war nie versperrt, aus Furcht, den Kommerzienrat könnte nachts der Schlag treffen, und er also rasche Hilfe selbst ausgeschlossen haben – wenn der Rachsüchtige den Revolver schußfertig da liegen sähe . . . der Kerl hatte schwere Beleidigung erfahren, und er war zu allem fähig.

Heribert stand mitten in der Nacht auf und legte den Revolver etwas weiter weg und ganz ins Dunkle. Dann kroch er wieder in sein Bett zurück und quälte sich mit der Frage, ob er am Ende mit diesem unvorsichtigen Intermezzo sich eine schwere Erkältung zugezogen habe.

Da fing er schon an zu niesen . . . vier-, fünfmal hintereinander . . . er hoffte nur, diese Salve würde den drückenden Alp verscheuchen. Es war aber nicht also, der huckte gleich wieder auf ihn, und in Schweiß gebadet, mit offenen Augen 54 starrend, fand die aufgehende Sonne den vielgeplagten Freund der unseligen Schnepfenpastete in seinen zerwühlten Kissen.

Am Tage einigte sich der Familienrat dahin, daß es unter obwaltenden Umständen das klügste wäre, sich bei der Genfer Agentur eine neue Gouvernante zu verschreiben, die alle jene streitbaren Eigenschaften besäße, welche zur Verteidigung des Kindes nötig seien, ein bärbeißiges Mannweib, das der Belehrung zugänglich sei wie ein Polizeibeamter und zuverlässig wie ein Unteroffizier; für Geld konnte man alles haben. Zudem würde, bald nach Emmas Hochzeitsfeier, Hermione mit ihrer Enkelin in ein entferntes Bad reisen, wo sie die Kleine nicht aus den Augen lassen wollte. Vor der Hochzeit freilich war an eine Entfernung einzelner Familienmitglieder nicht zu denken. Und da denn doch auch diese zwei Wochen Erna nicht ohne leibliche Pflege und gerade während dieser zwei gefährlichsten Wochen nicht ohne Aufsicht bleiben durfte, hielt man es einstimmig für das geratenste, Ernas alte Amme, die vielerprobte, treue, sachverständige Spreewälderin aus ihrer Potsdamerstraße hereinzucitieren und durch Geld und gute Worte zu bestimmen, diese vierzehn Tage den Herrn Schornsteinfegermeister und ihren derben Sprößling sich selbst zu überlassen und dem stets vergötterten Milchkind ihre Wachsamkeit und Sorgfalt angedeihen zu lassen. Eine solche Gastrolle war ja beim Scheiden ausdrücklich besprochen und bedungen worden und an Frau Hedwig Näppfgens absoluter Zuverlässigkeit zweifelte niemand. Die bauernschlaue Wendin hatte, in ihrer Gewohnheit, jedem, mit dem sie gerade sprach, zu Gefallen zu reden, seinerzeit ja so viel über den Mann geschimpft, über welchen in Meyers Haus alle lebendigen Wesen schimpften, sie hatte, als ihr das Erkenntnis des Gerichtes, welches dem Vater sein Kind absprach, bekannt gemacht worden war, so hochtönende Zufriedenheit geäußert, daß niemand im Familienrate zweifelte, sie würde Robert eher ihre Faust als auch nur ein Haar des Kindes zeigen.

So waren sie von ihrer Weisheit gegenseitig sehr erbaut und machten den Bock zum Gärtner.

Als Frau Näppfgen noch am selben Vormittag Sophiens Abreise und die Höhe des sehr annehmbaren Geldgeschenks erfuhr, welches man ihr für die gewünschte Entschließung sofort anbot, besann sie sich nicht länger, als nötig war, um noch eine kleine Steigerung jener Summe zu bewerkstelligen, empfahl dann Haus, Kind und Gatten einer aushilfbereiten Nachbarin und stieg in den Wagen, den Frau Hermione vor ihre Thüre geschickt hatte.

Selbstverständlich zögerte sie, in der altbekannten Villa 55 angekommen, auch keinen Augenblick in die allgemeine Entrüstung mit einzustimmen, versicherte, daß sie der scheinheiligen Person mit dem welsch plappernden Schnabel und den klappenden Augen niemals über den Weg getraut hätte, und vermaß sich derb und deutlich, jedem Störenfried gehörig heimzugeigen, der ihr Herzblatt nur zu nahe begucken wollte.

Zum Ueberfluß gab man ihr auf alle Spaziergänge ins Freie einen stämmigen Hausdiener mit, der in gemessener Entfernung sie überallhin begleiten und Augen und Faust bereithalten mußte.

Nun sollte sich Herr Leichtfuß seine niederträchtigen Absichten, wenn er solche hatte, schon vergehen lassen!

Je näher man dem zweiten Sonntag kam, und je mehr sich die Vorbereitungen für die nur ja recht auffällig und pomphaft zu feiernde Hochzeit häuften, desto mehr kehrten sich zwar die Sorgen von dem kleinsten Geschöpf im Hause ab und die erst mit so barbarischer Strenge eingeschärften Sicherheitsmaßregeln wurden lässiger und lässiger gehandhabt; allein es blieb immer noch genug Vorsicht und Argwohn übrig, daß sich dem Kinde kein Unberufener nahen konnte.

Erna fragte manchmal und besonders in den ersten Tagen recht häufig, warum denn ihre Sophie fortgegangen sei, und ob denn ihr Papa nicht bald wiederkommen und ihr bunte Blüten von den Bäumen brechen werde; die Schornsteinfegershälfte ließ sie aber jedesmal so derb und unwirsch darauf an, daß das kleine Wesen, solcher Behandlung nicht mehr gewöhnt, erschreckt zusammenzuckte und allgemach so schlimm belohnte Fragen unterließ.

Wie sich nun der Feind, welchen Frau Näppfgen zu schrecken und zu bekämpfen begehrte, so gar nicht zeigen wollte, ward die treffliche Spreewälderin manchmal von einer seltsamen Ungeduld geplagt, die sie selber nicht zu erklären vermochte, bis sie sich eines Abends, während Erna neben ihr im zierlichen Bettchen ihr gereimtes Nachtgebet sprach, auf dem stillen Kalkül ertappte: was wohl einträglicher sein möchte, das Gnadengeschenk, welches Frau Meyer ihr nach Eintreffen der neuen Schweizer Gouvernante auf die bereits empfangene Summe darauflegen, oder das Sündengeld, welches Herr Leichtfuß springen lassen würde, wenn sie über des Vaters heimlichen Verkehr mit seinem Liebling eines ihrer duldsamen Augen zuzudrücken sich verstünde.

Hinterher nach geleisteten Diensten pflegten Leute mit so kaufmännisch gedrilltem Denken wie die Meyerschen ihre Geldtäschchen nicht über die Maßen anzustrengen. Das meiste hatte Frau Hedwig von diesen diesmal wohl schon vorweg, und die gute Kost und Behandlung, wofür die Wendin als ausgediente 56 Amme regen Sinn hatte, nahm mit der Ankunft der Französin ja auch ihr jähes Ende. Dagegen ein Sündengeld sich schon immer durch sein Gewicht auszeichnen muß, wenn's ziehen soll, und der leichtsinnige Maler niemals mit den Groschen geizte, wenn er die Tasche davon voll hatte, und schon gar nicht, wenn sein leidenschaftliches Wünschen sich etwas fest vorgesetzt hatte.

Ob der Sausewind nur eben die Taschen voll hatte, das war die Frage. Na, glauben sollte man's, wenn er auf einmal vom tiefsten Italien heraufgereist kam und sich mit bösen, will sagen mit kostspieligen Absichten trug. Ueberdies mochte er sich vorher nur deutlich über den Punkt äußern, ehe man sein christliches Gewissen zu beschwichtigen unternahm. . . . Aber, zum Teufel auch, er ließ sich ja gar nicht blicken und die Angstmeyer alle miteinander, die sich gewiß schon die ganze Zeit her vor dem ausgesetzten Gatten Numero eins gefürchtet haben mochten, und die jetzt knapp vor der neuen Entscheidung ein unliebsames Erscheinen des alten Hausgenossen besonders fürchteten, hatten wohl Gespenster gesehen. . . . Schade! hätte die Wendin beinahe gesagt! Und sie malte den Teufel recht oft an die Wand, damit er doch endlich käme!

Aber die vierzehn Tage gingen herum, ohne daß irgend etwas Bemerkenswertes sich ereignete. Heribert und Emma wunderten sich nachgerade selber, daß alle und jede Anfechtung ausblieb, und sie neigten sich allmählich der Vermutung zu, die gute Sophie, welche ja Robert Leichtfuß niemals gesehen, habe sich von irgend einem Spaßmacher oder Windbeutel dupieren lassen, der, mit den Verhältnissen der Familie mehr oder weniger bekannt, dem Kind und seiner Erzieherin weis gemacht habe, er sei der Vater. Kein andrer Mensch als diese beiden wollten um diese Zeit den Vater gesehen haben. Auf der Polizei wußte man nichts von seiner Anwesenheit. Darum gestanden sich die in der Villa Meyer, daß man zu hastig gegen Sophie verfahren sei und sich damit jede genauere Beurteilung des Vorfalls selbst abgeschnitten habe.

Heribert ärgerte sich über die Vorwürfe, die er wieder einmal von Frau und Tochter einstecken mußte. Noch mehr aber ärgerte er sich über die neue Gouvernante, die in seinem Hause gerade am Polterabend aus Genf eintraf. Ein reizloses Frauenzimmer, einem maskierten Wachtmeister vergleichbar, das bereits bei den Antipoden pädagogisch gewirkt hatte, über den mäßigen Zauber, welchen ihre Erscheinung, besonders beim ersten Auftreten, auf ihre Umgebung ausübte, sich kaum einer Täuschung hingab und wohl aus diesem Grunde nicht sehr friedfertig und freundlich in die Welt sah.

57 Auch Emma und Hermione zeigten sich nicht sehr erbaut von dem neuen Hausgenossen, obwohl seine Erscheinung genau dem Bilde einer streitbaren Hüterin entsprach, welches sie vor vierzehn Tagen dem Vorstande der Agentur für Schweizergouvernanten entworfen hatten.

Am allerwenigsten wollte sich Frau Näppfgen mit dieser Nachfolgerin Sophiens befreunden. Sie nahm kein Blatt vor den Mund und erklärte es geradezu für unbegreiflich, wie man ein so zartes Pflänzchen in so rauhe Hände legen mochte. Aber, meinte sie mit bedenklichem Zwinkern ihrer Augenlider, wenn die Hochzeitsglocken läuteten, verlöre manche Braut ihr gesundes Urteil, selbst wenn sie dieselben nicht zum erstenmal im Leben läuten hörte. Die erboste Spreewälderin hätte noch mehr gesagt, wenn sich Ohren gefunden hätten, ihr zuzuhören. Aber seit der schöne Junimorgen angebrochen war, an dem Horst seine Braut zum Altar führen sollte, stand der geschwätzigen Wendin kein Mensch mehr Rede. Jeder vom Gesinde hatte den Kopf voll andrer Gedanken und die Hände voll Arbeit, und daß die Herrschaften heute sich nicht um eine ausgediente Amme kümmerten, das verstand sich von selber.

Konnte man doch heute kaum mit dem Kinde viel Wesens machen, geschweige gar mit der alten Hede! Erna stand, in blendend Weiß gekleidet, ein breites himmelblaues Band aus schwerer Seide wie eine Schärpe umgeschlungen, mit dem verdutzten, fragenden, fast ängstlichen Gesicht heute jedermann im Wege. Stand sie doch da wie ein mit Spitzen verzierter lebendiger Vorwurf auf zwei halbnackten Beinchen. Der eine schob sie dort, der andre da zur Seite. Die Mutter selbst konnte sie – nur heute, gewiß nur in dieser Stunde vor der Trauung – nicht ganz ohne Verlegenheit betrachten. Und die Gäste – Festgäste sind eben auch Menschen, und Menschen sind manchmal recht boshaft – raunten sich wohl eine halblaute spöttische Bemerkung in die Ohren, während sie das kleine, aus einer frühern Ehe übergebliebene Ding mit verzwickten Augen, mit verkniffenem Lächeln von der Seite begafften.

So was konnte Frau Näppfgen nicht wenig entrüsten! Es war nicht mit anzusehen! Und dazu mußte man noch den Mund halten!

Nach reiflicher Erwägung hatte der Familienrat beschlossen, daß Klein-Erna der kirchlichen Feier nicht beiwohnen sollte. Das Kind verstand ja doch nichts davon; sein Vater war noch am Leben; und die Leute sind gar so moquant! Warum ihnen Gelegenheit geben u. s. w.

58 Sowie die glänzende Gesellschaft vollzählig versammelt war. wurden köstliche Erfrischungen herumgereicht. Erna durfte der guten Mama nochmals die Hand küssen, dann mußte sie Frau Hedwig zu ihrer neuen Gouvernante hinaufführen, während eine Karosse nach der andern mit ihren geschmückten Insassen nach der Kirche rollte.

Wie sie die Räder über die Steinfliesen der Einfahrt davonrasseln hörte, ließ Hedwig ihrer üblen Laune die Zügel schießen. »O du armes Kind,« sagte sie seufzend, man wußte nicht, ob vor Gram, oder weil ihr das Treppensteigen sauer wurde. »Wenn das dein Papa wüßte!«

Erna blieb recht verwundert stehen. Ihr Gehirnchen begriff den Zusammenhang der Dinge nicht recht und begriff vor allem nicht, warum sein Papa nicht bei der ganzen Unterhaltung dabei war. Es empfand jetzt nur freudige Ueberraschung darüber, daß ihre Hedwig, die sonst, sobald ihr eine Frage nach dem Vater entschlüpfte, sich bitterbös stellte, jetzt selber seinen Namen nannte. Und verwundert, aber ohne Scheu versetzte sie: »Weiß er's denn nicht?«

»Frage nicht so dumm!« gab die Amme zur Antwort.

Das Kleine aber ließ sich nicht schrecken und machte seinem denn doch gepreßten Herzchen Luft, indem es weiter fragte: »Gelt, Hede, ich hab' einen recht guten Papa?«

»Ach, nur einen allzuguten! Ich kann ein Lied davon singen! Wenn er so gescheit wäre, wie er gut ist, käm' er und nähme dich mit. Aber so . . !«

Das Kind blieb mit offenem Mund auf dem Treppenkopf stehen und starrte die Redende an. Und nach einer Weile lachte es mit dem ganzen Gesicht; ob aus dem Grunde, weil ihm der Gedanke schmeichelte, von seinem Papa ausgeführt zu werden, oder weil die Wendin in ihrem Aerger, zu viel gesagt zu haben, eine so komische Miene machte, wer weiß es!

Frau Näppfgen aber wollte sich nicht weiter verplappern, stieß die Thüre des Zimmers auf, in welchem die neue Gouvernante auf einer riesigen graulackierten Truhe ihre Habseligkeiten auspackte, schob Erna hinein, warf einen verächtlichen Blick auf die Fremde und rief: »Da haben Sie Ihren Zögling! Geben Sie gut acht darauf!«

Die Schweizerin, die wenig deutsch verstand und aus dieser Unvollkommenheit durch den Dialekt der Niederlausitz nicht gefördert wurde, gab eine französische Antwort, während Hedwig Näppfgen die Thüre schon wieder von draußen zumachte und sich anschickte, nach der Küche hinabzusteigen, ob sie da was zu helfen fände, denn vor dem üppigen Schmause wollte sie das Haus nicht verlassen. Das stand fest.

59 Erna war nicht gern mit der ungefügen Person allein, wenn schon das Kramen derselben in allerhand Sachen ihre kindliche Neugierde erregte. Dadurch kreuzte sie aber nun wieder den Ordnungssinn der gerechten Genferin, die es überdies auch nicht liebte, daß ihr eins unverwandt auf die breiten roten Hände sah.

Kurz angebunden und derb, wie sie war, nahm sie Kleinchen am Flügel und führte sie mit den Worten vor die Kammerthüre: »Du störst mich heute hier, mein Baby. Sobald ich in Ordnung bin, will ich mich dir widmen; heute mag deine Amme noch die Wache bei dir halten und für dich sorgen, wie sie es gewohnt ist. Geh zu ihr hinab! . . . Hé là bas! Frau Hedwig, nehmen Sie das Kind wieder zu sich!« fügte sie auf dem Treppenkopf stehend in mühsamem Deutsch hinzu, da sie die Tritte der andern noch unten auf den Stufen zu hören wähnte.

Dann schloß sie sich in der Kammer, die erst jüngst Sophie verlassen hatte, ein, um nicht weiter gestört zu werden, derweilen Erna auf ihren drallen Beinchen geschickt und, ihrer Kunstfertigkeit bewußt, gravitätisch die Stufen hinabturnte.

Frau Näppfgen vernahm wohl noch den Ruf der Genferin, hatte aber wenig Lust, sich daran zu kehren, was die da ihr nachwelschen mochte. Wie sie jedoch das umständliche Stapfen der bekannten Beinchen über sich hörte, da hielt sie denn doch still in dem tröstlich-gehässigen Gedanken: Das erachten diese albernen reichen Leute nun für zuverlässiger als unsereinen und zahlen ihm das Drei- und Vierfache an Gehalt!

»Was willst du denn, mein Herzblatt?« fragte sie das Kind, als dies endlich unten angelangt war.

»Ich soll bei dir bleiben, hat das Fräulein gesagt. Ich störe sie.«

»Das verdingt sich zu Kindern und wird durch Kinder gestört!« rief Hedwig und sah ihren gediehenen Säugling verständnisinnig an. Erna erschien ihr heute so ganz anders als vordem, erschien ihr so ganz bejammernswert. »Also komm in den Garten!« sagte sie mitleidig, reichte der Kleinen die Hand und führte sie ins Freie, wo hinter den zierlich geschwungenen, grünüberwucherten Stäben des schmiedeeisernen Geländers Magnolien- und Azaleenbäumchen in herrlichen Blüten standen. Vor dem Geländer wucherte wilder Wein so dicht, daß man von der Straße nicht viel gewahrte. Die Spatzen plauderten leidenschaftlich drauf los, als hätten sie sich eine merkwürdige Geschichte zu verraten, und von fern tönte ein unbestimmter Klang, den die Spreewälderin in ihrer trüben Stimmung für eine Kirchenglocke nahm.

60 Jetzt wechseln die vielleicht eben die Ringe, dachte sie sich, und das arme Ding da hat einen Stiefvater, und was für einen, derweil der richtige – daß Gott erbarm . . .

»Hede! . . Alte Hede, pst! pst!« ließ sich in diesem Augenblick eine Stimme vernehmen, die von der Straße her durch das dichte Laub des wilden Weins drang. Die Stimme klang wie aus Frau Näppfgens Gedanken heraus, und sie erkannte sie beim allerersten Ton. Doch blieb sie, starr vor Erstaunen, wie angewurzelt stehen. Da klang es wieder: »Frau Hedwig! Kommen Sie hierher!«

Das Laub zitterte. Die breiten, grünen Blätter wurden an einer Stelle bewegt und beiseite geschoben. Eine Hand wurde sichtbar und nun der Teil eines Gesichts und nun das ganze.

»Papa! Da ist Papa!« rief Erna jauchzend, riß sich von Hedwig los und stürmte über die Beete weg ans Gitter.

Die Wendin guckte sich erst vorsichtig nach allen Seiten um. Dann war sie mit drei Sprüngen dem Kinde nachgeeilt und rief leise, doch mit ungeheuchelter Freude: »Grüß Gott, Herr Leichtfuß, sind Sie endlich da?!«

»Endlich? Ja, endlich!« Robert schien über dies Wort, welches ihn die Bereitwilligkeit seiner alten Dienerin mehr als ahnen ließ, sehr erheitert. Er lachte und sagte dann: »Du kannst dir denken, Hede, warum ich hier bin! Ich mag mein Kind nicht länger missen, will es diesen Leuten nicht länger lassen. Willst du mir behilflich sein? Dann sag' es kurz!«

»Aber, Herr Leichtfuß, um Gotteswillen! Was denken Sie von mir?!«

»Entscheide dich rasch! Willst du oder willst du nicht?«

Die Hand, welche vorhin zuerst zwischen den grünen Blättern erschienen war, zeigte sich jetzt wieder, aber sie hielt zwei Hundertmarkscheine ziemlich sichtbar zwischen den Fingern.

»Ich will, weil Sie ja doch der Vater sind, und Gott ein Einsehen hat! . . . Wenn nur nicht der Portier gerade . . .« sie schaute sich bedenklich nach der Seite um, von wo sie Störung argwöhnte. Aber vom Hause her regte sich nichts. Dann trat sie, ihren Rock mit der einen Hand schürzend, über das letzte Beet, das sie noch vom Gitter trennte, und griff mit der andern nach dem Gelde, um dasselbe sofort mit den Fingern zusammenzuknäueln und dann mit hurtigem Griff und Ruck in ihren rechten Strumpf zu schieben.

»Ist denn niemand auf der Straße?« fragte sie leise.

»Drüben ein paar Spaziergänger, dort unten noch ein paar. Keiner, der unser achten würde, und in der nächsten 61 Nähe gerade niemand. Sonntägliche Stille ringsum, aber nicht lang mehr. Ich kann hier, ohne aufzufallen, nicht zögern. Reiche mir Erna über das Geländer! Rasch . . . oder . . .!«

»Willst du denn auch zu deinem Papa, Erna?« fragte die Wendin jetzt, herabgebückt zu Erna, wie wenn sie damit ihr Gewissen entlastete, wenn das unmündige Wesen »Ja« sagte.

Und dieses sagte »Ja,« laut, jubelnd und ungestüm, und es zappelte dabei mit Händchen und Füßchen.

Ein paar junge Burschen, die just des Weges vorbeikamen, lachten, wie sie ein juchheiendes Kind von zwei derben Armen in Weibsärmeln über das grünumblühte Eisengitter gehoben und dasselbe draußen von einem blonden Mann in Empfang genommen sahen, den es sofort mit klammernden Fäustchen um den Hals faßte und abküßte. Sie hielten's für Späße, die sich müßige Leute machen, und sie dachten nicht an Gewalt.

»Wenn Sie sich's getrauen, verziehen Sie noch ein paar Minuten!« flüsterte nun die Spreewälderin. »Mir schwante so was dergleichen schon lang. Und ich bin eine vorsorgliche Person gewesen mein Lebtag.«

Sie huschte rechts an den Hecken neben der Villa hin, um nach dem hinteren Eingang zu gelangen, der dem kleinen Stallgebäude gegenüberlag. Das Höfchen war wie ausgestorben, denn was an Dienstleuten noch im Hause sich befand, wurde eben in der Küche beschäftigt.

Sie blieb nur drei Minuten weg; aber dem Wartenden mit dem Kind auf dem Arm dehnte sich die Spanne Zeit. Er horchte auf fernes Wagenrasseln, er sah sich gespannt nach rechts und links um. Wenn jetzt die Hochzeit von der Kirche zurückkam – lang konnt' es nicht mehr währen, jeden Augenblick war die Heimkehr der Glücklichen zu gewärtigen – dann war der ganze Anschlag vereitelt, der bis jetzt so über alles Erwarten gelang. . . . Warum auch noch dies Gelingen aufs Spiel setzen? . . . Was konnte ihm Hedwig noch bieten, da er alles, wonach ihn verlangte, da er sein Kind schon auf den Händen trug? . . . Am Ende ging sie hin, nun das Geld unter ihrem Strumpfband geborgen war, und verriet ihn und holte sich Leute, die ihm sein Kleinod wieder abnahmen! Gutwillig gab er's nicht wieder her. . . . Aber wenn zu gleicher Zeit die andern kamen . . . wenn sie ihn niederschlugen und der Polizei überlieferten, was war dabei zu gewinnen? . . Leichtsinniger Thor, fort, fort, fort! . . .

Und doch blieb Robert stehen und fühlte gerade die wachsende Gefahr, alles noch einmal aufs Spiel gesetzt zu haben 62 und sich dessen in einer Minute vordoppelten Herzschlags vollauf bewußt zu sein, wie einen Kitzel, der ihn lachen machte.

Da war Hedwig zurück. Mit lautlosen Sprüngen, wie auf Katzenpfoten, hüpfte sie auf den bloßen blauen Strümpfen über gelben Kies und grünes Gras, und da steckte sie Robert ein Strohhütchen und ein mit vielen Stecknadeln wohlgeschlossenes Bündel durch die Gitterstäbe mit den Worten: »Hier drinn ein andres Kleid, und was so eine Göre an Wäsche für den Notfall braucht. Sie sind keiner, der an alles denkt, und mit einem Kindchen werden Sie wohl erst wieder umzugehen lernen müssen. Ich hatte für alle Fälle vorgesehen. Schön Dank noch einmal fürs Empfangene und nun recht rasch, Herr Leichtfuß!«

Robert mußte in seiner Aufregung noch einmal lachen, wie ihn alle in diesem Hause wegen seines Leichtsinns mehr oder weniger zu bemuttern gewohnt waren. Selbst die Amme seines Kindes . . . und selbst in solch einem Augenblick.

Indessen, unrecht hatte sie nicht gehabt! Er hatte für das Kind, das er entführen wollte, so wenig etwas mitgenommen, wie für sich; nur bar Geld hatte er in der Tasche und den Gedanken im Kopf, daß man für bar Geld sich überall alles kaufen könnte, was man brauchte. Das wichtigste für ihn war nur, sein Kind in Sicherheit zu bringen.

Er war gleich vom Gitter weg über Bürgersteig und Fahrstraße ins Gehölz hinein gesprungen und schritt dort, um nicht verdächtig zu werden, mit mäßiger Eile dahin. Das Herz hämmerte ihm so heftig unter dem Hemde, daß das Linnen über seiner Brust zitterte. Noch behielt er die Fahrstraße im Auge, obschon sie von den Bäumen mit ihrem strotzenden Grün bei jedem Schritt mehr und mehr verschleiert wurde. Nur wenn er rasch einen Wagen fand, vermochte er sich und das Kind in Sicherheit zu bringen. Hier im Tiergarten konnten ihm unter jedem Baume Bekannte begegnen, die aus Freundschaft für seine Frau ihn anhielten, ihm Schwierigkeiten bereiteten, ihn verfolgen ließen. Und wenn sie bloß aus Neugier oder Klatschsucht ihn verzögerten, jetzt war jede Minute kostbar und jede Minute gefährlich. An einem schönen Sommersonntag war in Berlin bald alle Welt auf den Beinen im Freien. Wie leicht käme ihm ein Bekannter in die Quere.

Auch war er sicher, daß Heribert und Emma, sobald sie das Verschwinden Ernas bemerkten, sofort die Polizei in Bewegung setzten und jedenfalls die Bahnhöfe durch zuverlässige Leute beobachten ließen, damit man ihn abfinge, ehe er mit seiner süßen Beute das Weite gewänne. Darum nur rasch einen Wagen finden! Einen Wagen!

63 Jetzt freilich ließen Pferdegetrampel und Rädergerassel sich von der Straße her vernehmen. Er hielt inne, stellte das Kind an die Erde und bückte sich, um besser unter den Zweigen durchspähen zu können.

Drüben auf dem Fahrdamm trottete in ungewöhnlicher Eile eine offene Droschke vorbei. Ein einzelner Herr saß darin, im schwarzen Frack und weißer Halsbinde, den Hut in der Hand, und trocknete sich mit einem weißen Taschentuch das feuerrote Gesicht und die breite Glatze.

Robert erkannte seinen Schwiegervater, der den andern Hochzeitsgästen voraus so schleunig wie möglich nach Hause zu kommen trachtete. Warum? . . . War ihm in der Kirche unwohl geworden? Vom Verschwinden seiner Enkelin konnte er doch noch keine Nachricht erhalten haben? Oder trieb ihn Angst und Ahnung heim, weil ein geheimnisvoller Sinn ihm ansagte, daß etwas geschehen sei, dessen ärgerliche Folgen nur durch sein sofortiges Dazwischentreten abzuwenden seien? . . . Wer konnt' es wissen!

Robert hatte gemeint, an einem Sonntagvormittag müss' es im Tiergarten von Gefährten wimmeln. Aber die Droschke, in der Heribert fuhr, war die einzige, die in der Nähe sichtbar geworden war.

Dabei fiel ihm auf, daß sein Schwiegervater statt im eigenen Wagen in einer Mietskutsche fuhr. Er hatte sich also nicht Zeit genommen, seine Frau zu erwarten, sondern war Knall und Fall, sowie die heilige Handlung beendet gewesen, in den ersten besten Karren gesprungen . . . er hatte es also sehr eilig . . .

Und die heilige Handlung war jetzt entschieden vorbei, die Ringe gewechselt, der Segen gesprochen, und dies Kind hatte einen Stiefvater! . . . Bei Lebzeiten des leiblichen Vaters! Einen Stiefvater, der nach dem sauberen Spruch des Gerichts sich das Recht einbilden konnte, Robert seine Tochter von der Hand zu nehmen und ihm zu sagen: Ich verbiete Ihnen, mit ihr zu reden!

Er stampfte mit dem Fuß in die welken Blätter, die, Abfall vom vorigen Jahr, in glitscherigen Haufen hier die Erde bedeckten, und er horchte, ob nun die andren Wagen hinter dem ersten Gefährte nacheinander erscheinen würden . . . aber nein, von der Stadtseite her ward kein Räderlärm vernehmbar, dagegen von der andern, wohin sich das Klappern der Droschke Heriberts verloren hatte, ganz ähnliches Geräusch wieder stetig anwuchs.

Zögern half nichts. Ein jäher Entschluß: Gewinnen oder Verlieren! und Leichtfuß trat mit dem Kind an der Hand unter den Bäumen geradeswegs durch das Gras auf den Reitweg hinaus, daneben die Fahrstraße hinlief.

64 Es war dieselbe Kutsche, die vor drei oder vier Minuten seinen Schwiegervater vorbeigetragen hatte. Sie kehrte leer mit langsamer trabendem Gaul zurück.

Robert rief den Kutscher an, versprach ihm doppelten Fahrpreis, wenn er noch vor Abfahrt des nächsten Zuges ihn auf dem Lehrter Bahnhof absetze, wo, wie er vorgab, bereits ungeduldige Gesellschaft zu einer Landpartie seiner wartete.

Der Droschkenlenker zog die Uhr, sagte ja und mit lachendem Wink nach dem Paket unter Roberts Arm rief er dem Einsteigenden zu: »Da hat Sie wohl Mutter mit Stullen versorgt für die Landpartie!«

»Kann schon sein!« antwortete der Vater, dem gar nicht scherzhaft zu Mute war, der aber doch also thun und lächeln mußte.

Dafür legte sich der Gaul aber jetzt auch stramm ins Geschirr, und das Wägelchen flog, als gält' es ein Trabrennen zu gewinnen, die sonnige Tiergartenstraße hinab.

Es war Robert zu Mut, als hört' er hinter sich schreien. Er wandte sich um, und nun meint' er dort hinten, etwa in der Höhe von Heriberts Villa, durch den blendenden Schleier des sonnig glitzernden Staubes, den die rollenden Räder hinter sich aufwirbelten, mitten auf dem Damm einen schwarzgekleideten Mann zu sehen, der mit allen Vieren zappelte, mit den Armen Zeichen machte, und mit den Beinen weit ausgriff, als rief' er, das Gefährt aufzuhalten, als lief' er dem Fliehenden nach . . .

Robert kniff die Lider herab, um schärfer zu sehen. Kein Zweifel, das war Heribert Meyer, aber die Gestalt wurde hinter dem schwindenden Weg kleiner und kleiner mit jeder Sekunde . . .

Wie aber, wenn der Kommerzienrat ein anders Fuhrwerk fand, ein schnelleres, das diesen Einspänner überholte? . . .

»Kutscher, wir kommen zu spät!« mahnte Robert mit der Uhr in der Hand.

»Keine Sorge!« antwortete der Mann auf dem Bock und gab sich keinerlei Mühe, den wackeren Braunen zu noch größerer Eile anzutreiben, während Robert zu seinem Verdruß still an sich halten mußte, um nicht ärgere Ungeduld zu verraten und dadurch einen Argwohn zu erregen, der im Fall der Verfolgung leichter auf seine Spur lenken konnte. Und dabei machte es ihm doch wieder Spaß, daß Heribert Meyer selber ihm das Gefährt zur Flucht in die Tiergartenstraße hatte bringen müssen.

Der Wagen bog nun in die Siegesallee ein. Aber während er die Wendung vollführte, wies der Kutscher mit ausgestreckter Peitsche in die hochgewölbte laubenartige Kastanienallee der Bellevuestraße hinab, unter deren prachtvollen Bäumen eine 65 lange Wagenreihe sichtbar wurde. An den weißen Leitseilen des vordersten Gespanns konnte jedermann erkennen, daß es ein Brautwagen sei.

»Hochzeit!« sagte der Droschkenkutscher, sich halbseitig zu seinem Fahrgast kehrend. »Feine Leute! Eklig fein!«

Robert drückte sein Kind an sich, betrachtete es mit inniger Liebe und bückte sich tief zu ihm herab, um es zu küssen, während sein Fuhrwerk die Kurve beschrieb. Rasselnd und stampfend hinter seinem Rücken rollten in langer Reihe Braut und Bräutigam und sämtliche Hochzeitsgäste die sonnenbeglänzte Tiergartenstraße hinauf vor die Villa Meyer.


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