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Robert Leichtfuß

Hans Hopfen: Robert Leichtfuß - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleRobert Leichtfuß
authorHans Hopfen
year1890
firstpub1888
publisherJ. Engelhorn
addressStuttgart
titleRobert Leichtfuß
pages368
created20150129
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweiter Band

Robert Leichtfuß hatte Florenz in der drückenden Schwüle des italienischen Sommers verlassen. Er kam nach Berlin zu der Zeit, da noch die Fliedersträuche von violetten Blütendolden, die wilden Kastanien noch von ihren roten und weißen Büscheln überdeckt stehen und die langen Zweige der spätblühenden Akazien von den Spitzen ihrer ersten Blätter nur da und dort wie mit einem lichtgrünen wolkigen, durchsichtigen Hauch belegt erscheinen.

Feuer und Flamme war er ausgefahren. Nicht ohne Bedenken, nicht ohne Besorgnis kam er an.

Was er wollte, wußt' er nach wie vor klar und entschieden. Aber wie er es erreichen sollte, das dünkte ihn, je näher der rasselnde Zug ihn der deutschen Hauptstadt brachte, immer unklarer, immer schwieriger. Und er, der nie vordem nach irgend eines andren Meinung gefragt hatte, ward auf einmal unsicher, wie er, ohne die geltende Sitte zu verletzen und die Achtung ehrbarer Mitbürger zu verscherzen, ja seine Selbstachtung preiszugeben, sich mit jenen Leuten ins Einvernehmen setzen sollte, die ihn aufs tiefste gekränkt hatten und doch zur Zeit über Thun und Lassen seines Kindes uneingeschränkt und gesetzgemäß verfügten.

Er wollte teilhaben an der Erziehung, an der Liebe seines Kindes, an allen Freuden und Schmerzen, die ihm als Vater Ernas zukamen. Er zweifelte nicht im geringsten an seinem Rechte dazu. War es nicht von Gott und der Natur gegeben! Und wer wollte, wer konnte das bestreiten! Er dachte auch nicht daran, daß jene das bestreiten würden. Allein um zu seinem Rechte, zum Ziele seiner Sehnsucht zu gelangen, sollt' er das Weib, das ihm davongelaufen, sollt' er den Mann, der ihn im hilflosen Zustand auf gemeinste Weise beleidigt, sollt' er die Sippe, die sich mit allen Kniffen und Pfiffen von ihm losgetrennt hatte, mit guten Worten kirren? Sollt' er bittweise fragen, wann und wie es ihm gestattet werden möchte, sich als Vater zu fühlen und zu geberden?

4 Er ging alsbald nach seiner Ankunft zu einem Rechtsanwalt, an dessen gefeierten Namen er sich noch von früher her erinnerte.

Der Mann las das Erkenntnis des Gerichtes, welches die Scheidung ausgesprochen hatte, und zuckte die Achseln.

Danach hing Roberts Verkehr mit seinem Kinde allerdings lediglich vom guten Willen der Mutter ab, die mit Anschuldigungen und Anträgen Recht behalten hatte.

Aber wie in aller Welt hatte Robert solche Anschuldigungen unwidersprochen über sich ergehen lassen! Wie solche Anträge schweigend erdulden mögen! Der Rechtsgelehrte sah den unbegreiflichen Klienten staunend an.

Doch dieser gab ihm Staunen zurück. Er hätte doch solche Menschen keiner Antwort würdigen sollen?

»Die Partei nicht, aber den Richter!« meinte der andre und versicherte, daß es Pflicht des braven Bürgers und des ehrlichen Mannes sei, den Richter nicht in falschem Glauben sich verirren zu lassen, sondern ihm nach Kräften zur Wahrheit zu verhelfen.

Das mochte nunmehr auch wohl Robert einleuchten, doch da das falsche Urteil nun einmal gefällt war, was sollte weiter geschehen, um dessen Folgen unschädlich zumachen? Ihn verlangte nach dem Kinde!

Der Anwalt zuckte nur wieder mit den breiten Schultern und sprach von sträflichem Leichtsinn.

Leichtsinn! Leichtsinn! Das sagten sie alle; das hörte Robert, solang er auf Erden! . . . Er konnte sich nicht anders machen, als er war, und er hegte auch keinen Wunsch, etwa zu sein, wie die andern waren . . . und geschehen war nun einmal geschehen!

Das meinte der Anwalt auch. Aber in anderm Sinn, und darum vermocht' er ihm keinen klügeren Rat zu geben, als es denn doch vorerst in Güte zu versuchen, ob die Mutter das Kind mit ihm teilen wolle und in welcher Weise. Vor den Kopf stoßen konnte da nichts helfen. Die Zeit des Streitens hätte Robert früher wahrnehmen müssen. Nun war sie verpaßt unwiederbringlich.

Der Vater Ernas ging von diesem gerechtesten Manne Berlins wie ein von Straßenräubern Ausgeplünderter niedergeschlagen und hoffnungsbar hinweg. Er sah in den ersten Stunden wirklich nicht, wo aus, wo ein. Er irrte auf den Straßen herum, ohne zu wissen, wohin er ging, und streifte die Wände der Häuser mit seinem Ellbogen, wie ein Trunkenbold, der nicht mehr geradezu gehen kann.

Es war ein wunderbarer Frühsommermittag. Der wohlgepflegte saftgrüne Rasen leuchtete in behaglichem 5 Sonnenschein, während auf den dunkleren Blättern des Unterholzes noch der Frühregen in Milliarden blinkender Perlen zitterte. Die Büschel des Farnkrautes, welche die Mäher über dem glattgeschorenen Grase hatten stehen lassen; das Nadelholz, das an den alten, fast schwarzen Zweigen die jüngsten Triebe als ganz hellgrüne Spitzen angesetzt hatte; die wie aus einem grünen Teppich gradaufsteigenden, mächtigen Waldbäume, mit kleinerem Gewächs von Weiß- und Rotdorn, Schneeball und Goldregen und allem, was da blüht im deutschen Frühling, glücklich gemischt, es sah so frisch gewaschen, duftausströmend, segenatmend aus, daß jedem das Herz aufging, der sich an solcher Pracht der Natur rückhaltlos weidete.

Roberts Herz krampfte sich noch zusammen. Aber die Wonne der Pflanzenwelt, die ihn umgab, weckte doch nach und nach seine Sinne. Jetzt erst merkte er, daß er in seine Gedanken verloren die Stadt hinter sich gelassen hatte, und – er wußte nicht zu sagen, wie lange schon – auf einer Bank im Tiergarten saß. Die Spatzen, die zu Füßen des reglosen Mannes ihr Wesen trieben, flogen piepsend von ihm fort, da er sie plötzlich durch eine Bewegung erschreckte.

Er fand einen häßlichen Gedanken in seiner Seele, der ihn, je ruhiger er denselben nun betrachtete, desto fremder anmutete. Und doch konnt' er ihn nicht sogleich abstoßen: wer weiß, ob es der Mühe wert war, sich um das Kind zu härmen und in seinem Besitze das Glück des Lebens zu suchen?

Erna war wohl jetzt über vier Jahr alt. In diesem Alter fing so ein Menschlein schon an zu denken und sich nach der Art derer, die es umgeben, zu formen. Sie war aufgewachsen, ohne den Vater zu sehen, ohne jede Erinnerung an ihn. Wenn sie sich nach ihrer Mutter, nach ihren mütterlichen Großeltern instinktiv und aus gegebenen Anlagen entwickelt hatte und weiter entwickelte, was für Gewinn war für sein Leben zu hoffen aus dem Verkehr mit einem solchen Sprößling! . . . Vielleicht strebte Robert mit aller Sehnsucht nur neue Qual, Enttäuschung und Schmach an, und würde eines Tages froh sein, wenn er den Schatz, nach dem jetzt seine Seele sich verzehrte, wieder an jene schlechten Menschen abgeben dürfte, zu denen er besser paßte! . . .

Robert schüttelte jähzornig das Haupt. Nein, das konnte nicht so sein! Es war ihm, als sollte er nach dem bösen Gedanken schlagen, wie nach dem Versucher.

Und wenn es nicht so, und wenn Erna wirklich das süße Geschöpf war, wie es in den zärtlichen Gedanken des darbenden 6 Vaters lebte, durft' er es der Mutter, dem mütterlichen Einfluß ganz und gar entziehen? Konnt' er es? – Und hieß das nicht Unrecht mit Unrecht vergelten? Denn jene blieb doch die Mutter, wenn sie auch ein schlechtes Weib gewesen war. Und sie war dem Kinde vielleicht eine gute Mutter!

Wie aber wollt' er sein Kind an seinem Herzen halten und es in seinen Gedanken und Anschauungen und Grundsätzen großziehen, wenn er den Einfluß der Frau, die er verachtete, nicht kurz und ganz abschnitt? Er sah nicht ein, wie da geteilt werden sollte. Er wandte sich ab von der ebenso lächerlichen wie entwürdigenden Vorstellung, daß er etwa auf zwei oder drei Besuchsstunden die Woche gesetzt würde, da sein Töchterchen schüchtern, mit peinlicher Verlegenheit, mit halbem Herzen, pflichtmäßig bei ihm antreten, ein nichtssagendes Gespräch mühsam unterhalten und mit dem still ersehnten Glockenschlag der Frohn ein Ende machen, sich empfehlen und aufatmen würde . . .

Nein und nein! Er mochte solch Almosen nicht empfangen. Solch Almosen konnte sein darbendes Gemüt nicht bereichern, die Lücke in seinem Leben nicht ausfüllen; nur sie deutlicher, ärger, empfindlicher machen. . . . Und um solch ein Almosen sollt' er noch betteln! Und jene Frau darum anbetteln!

Und das ins Werk zu setzen, war er über die Alpen hierhergekommen! Was war er nicht bei den Welschen geblieben, wo er sich unerwarteterweise Broterwerb, Achtung und Herzensfrieden geschaffen hatte . . .

Er konnt' es in diesem Augenblick seelischer Erschlaffung nicht begreifen, und wär' ein Zaubermantel sein gewesen, er hätt' ihn ganz um sich gezogen und sich nach der heißen Stadt am schmutzigen Arno zurücktragen lassen, ohne sein Kind gesehen zu haben . . .

Er brütete stieren, stumpfen Blickes vor sich hin. Ihm war so schal, so zwecklos, so armselig zu Mut. Er hätte sich selbst aus dem Wege gehen mögen, weil ihn die Schlaffheit seines Willens anwiderte, der er sich so ganz und widerstandsunfähig hingegeben fühlte. Er wußte nicht, daß dies zeitweilige Versagen seiner moralischen Kräfte ihn nur auf die höchste Anspannung seines Willens vorbereitete, der Windstille vergleichbar, die dem Sturme vorhergeht.

Plötzlich schrak er aus seinem Grübeln auf. Er merkte, daß er, wie der Stamm der Eiche, darunter er saß, von braunen, langhaarigen Raupen überkrochen war. Er schüttelte das Gewürm ab und verließ die Bank. Er betrachtete die Gegend, und sie kam ihm bekannt genug vor. Ohne es zu wollen, ohne daran zu denken, war er instinktiv die alten 7 Wege gewandelt. Die Stelle, wo er eben eine Weile gesessen, lag dem Hause, das er einst mit seiner Frau bewohnt hatte, nicht fern. Er mochte wohl auch früher ab und zu nachdenkliche Stunden hier verbracht und also die Gewohnheit ihn unbewußt hierhergeführt haben.

Aufs neue fiel ihn der Ekel vor der Möglichkeit an, sein entlaufenes Weib wiederzusehen. Nein, lieber auch das Kind nicht, als dies Wiedersehen durch jenes erkaufen müssen!

Er zertrat die Raupen, die sich vor ihm auf dem gelblichen Sande krümmten, mit zorniger Hast, als wären es Erinnerungen an Emma, die just von ihm abgefallen waren und die ihn nie wieder überkommen sollten. Dann schritt er tiefer in den Tiergarten hinein, noch immer unschlüssig, ratlos und scheu.

Sandbedeckten Weg entlang wandelnd, daneben ab und zu Reiter auf trabenden Pferden ihn überholten oder ihm entgegenkamen, stieß er auf einen grünen Platz, in dessen Mitte der gelbliche Sand bald zu Hügeln geschichtet, bald zu Mulden ausgehöhlt war, mit denen sich Scharen von kleinen Kindern, Schaufeln, Kellen, Schiebkarren und andres noch winzigeres Geschirr hantierend, gar emsig zu schaffen machten.

Das grub und schlug und schichtete und klopfte rastlos auf dem Sand herum, sprang in die Tiefen, krabbelte auf die Höhen und lachte dazu und gab Befehle und führte sie gleich selber mit emsigen Pfötchen aus. Kein Mißton zwischen der munteren Schar.

Auf den Bänken daneben saßen die Bonnen und Gouvernanten, die einen schwatzend, strickend oder auch die Hände im Schoß; die andern ein Buch oder eine Reihe von der Zeitung abgeschnittener Feuilletons lesend.

Einige Kinder, die sich älter und gesetzter dünkten oder vom Spiele müde waren, ließen wohl auch ihre Beinchen von den Bänken hängen, während die ganz kleinen in glänzend lackierten Korbwägelchen von ihrer modisch gekleideten Mama oder von einer wendischen Amme in steifer weißer Haube, kurzem, über den roten Wadenstrümpfen schaukelnden Faltenrock und spitz zwischen die Schultern hinabhängendem bunten Tuch die Allee hinauf und wieder hinabgeschoben wurden.

Robert ward eigentümlich zu Mut, als er all das lachende kleine Volk sah und die viele Lieb' und Sorgfalt, die man demselben hierzulande so reichlich angedeihen läßt unter freiem Himmel.

Er setzte sich auf einen leeren Platz und sah etlichen winzigen Pionieren zu, die mit geschäftigem Eifer, als hinge die Sicherheit des Vaterlandes von ihrer Arbeit ab, einen Wall aufwarfen, ohne von ihrer Arbeit aufzusehen. . . . Ob Klein-Erna 8 auch schon solche Künste konnte? fragte sich Robert . . . und wie sie wohl aussehen mochte?

Vielleicht war sie unter der Schar dort drüben! Und seine Augen ruhten auf ihr! Und er wußte nicht: es war sein Kind!

Das dünkte ihn nun ein schimpflich Darben des Herzens. Es jagte ihn wieder auf und er schritt langsam fürbaß, die Kinder, besonders die kleinen Mädchen betrachtend und nach Aehnlichkeiten forschend, die ihm verraten sollten, ob er sein Fleisch und Blut aus der Menge heraus erkennen könnte.

Bald verwarf er selbst dies thörichte Forschen, setzte sich abseits auf eine andre Bank unter blühenden Kastanien, konnt' es aber doch nicht lassen, nach dem jubelnden Haufen hinüberzusehen.

»Hier wollen wir ein wenig ausruhen,« hörte Robert jetzt eine herzgewinnende frische Stimme auf französisch sagen.

»Warum denn hier?« antwortete ein Kindermund, bei dessen Klang dem still Dasitzenden das Herz zuckte.

»Es ist keine andre Bank frei!« erwiderte die erste Stimme und zugleich kam hinter dem Kastanienbaum; der den Maler ihren Blicken verborgen, ein blondes Fräulein hervor, dem das lichte Sommerkleid wie angegossen an dem drallen wohlgebildeten Körper saß. Es hielt ein blondes Kind an der Hand. Und dies Kind blieb stehen und sah mit großen verwunderten blauen Augen den fremden Mann an, den es nun erst bemerkte und der es so seltsam anstierte.

»Ach!« rief das Fräulein enttäuscht aus, da es auch auf dieser Bank einen sitzen fand, den sie vorhin nicht gewahr geworden war. Das verdrießliche Wörtchen war ihr unwillkürlich von den blanken Zähnen gefallen, die wie eine Reihe gleicher glänzender Elfenbeinstückchen zwischen den lustig aufgeworfenen Lippen sichtbar blieben. Gesundheit und Frohsinn schien von jeder Bewegung des entzückenden Geschöpfes auszustrahlen.

Robert, der vorab nur das Kind sah und wie von einem Zauber betroffen sich fühlte, stand jetzt von der Bank auf, da das Fräulein mit der Kleinen sich wieder entfernen wollte.

»Nehmen Sie Platz, mein Fräulein,« sprach er, »ich will Sie und das liebe Kind nicht stören.«

Die Angeredete hielt inne und sah den Mann etwas überrascht an. Der eigentümliche, der bebende Ton seiner Stimme mochte sie befremden, dann nickte sie ein wenig wie zum Dank und sagte, ohne ihn weiter anzusehen: »Aber ich bitte, sich unsertwegen nicht stören zu lassen. Wir wollen nur wenige Minuten uns hier verschnaufen. Das Kleinchen war jüngst noch krank.«

»Schwer krank?« fragte Robert, der sich wieder gesetzt 9 hatte, und er fragte so teilnehmend, daß das Fräulein, welches sich mittlerweile am andern Ende der Bank niedergelassen hatte, ihn überrascht ansah und sich eines Lächelns nicht erwehren konnte.

Robert merkte wohl, daß er für einen Fremden etwas zu viel Eifer in seine Frage gelegt hatte; wie er aber unter dem Blick der blauen Augen, nicht ohne vor Verlegenheit zu erröten, aushielt, machte er auch die Bemerkung, daß jene Augen sehr schön waren und zu dem etwas stumpfen Näschen und den lachenden roten Lippen wohl paßten, die jetzt im Ton höflicher Abwehr sagten: »Nicht schwer krank, mein Herr!«

Es klang, als machte sich die schalkhafte Blondine über den Fragenden etwas lustig, dessen Eifer sie wohl von der Furcht eingegeben wähnte, neben einer ansteckenden Krankheit Platz zu behalten.

Robert sagte, nur um nicht durch sein bloßes Anstarren des Kindes zu befremden: »Es sieht so wohl aus, es ist ein schönes Kind!«

»Es geht uns auch recht gut jetzt,« sagte das Fräulein, mit der Hand der Kleinen Gesicht und Haare streichelnd. »Nicht wahr, arme Maus?«

Und das Kind, mit innigem Augenaufschlag an dem Mädchen hängend, sagte leise: »Bei dir geht mir's immer gut, du liebe Sophie!« und dann barg es halb spielend, halb liebkosend sein Gesicht im Schoße der sorgsamen Freundin.

Das Mädchen mit dem Kinde saß an dem einen, Robert an dem andern Ende der Bank. Dazwischen war noch reichlich Platz. Das Mädchen sah über das Kind weg, dessen Locken sich in seine Hände schmiegten, geradeaus ins Grüne, als wollte es weitere Ansprache des Fremden unmöglich machen. Robert wagte sich nicht zu rühren, wagte nicht zu sprechen, ja kaum zu atmen, aus Furcht, er könnte die beiden verscheuchen. Der Gedanke quälte ihn, was er thun würde, wenn sich jene dort in der nächsten Sekunde erhöbe und das Kind von ihm wegführen wollte. Sein Puls flog wie im Fieber und seine Fäuste ballten sich unwillkürlich. Daß das sein Kind, sein und Emmas Kind war, daran zweifelte er nicht mehr und doch schrie er in der Inbrunst eines bebenden Herzens lautlos zum Himmel um ein Zeichen der Gewißheit, daß sie es wäre.

Nun hob das kleine Geschöpf auf einmal den Kopf wieder auf, als hätt' es die brennenden Blicke des Nachbars gefühlt, und sah ihn aus blauen Kinderaugen unverwandt so fragend, so ernsthaft an, und dabei öffnete sich ein wenig und dann mehr das rote Mündchen.

Robert hätte schreien mögen: Nicht wahr, du bist Erna? Du bist mein? Aber er hielt an sich und war froh, solange die blonde 10 Gouvernante – denn von den Anverwandten seiner Frau konnte diese nicht sein – sich gar nicht um seine Anwesenheit kümmerte.

Bald hatt' er vergessen, daß außer dem Kinde noch jemand auf der Bank saß. Er sah nur mehr das Kind, das ihn anstarrte, und dessen Aehnlichkeit mit seinen Gedankenbildern, mit halbverblichenen Erinnerungen, mit ihm selbst immer deutlicher und deutlicher zu seinem Herzen redete.

Mit Emma war kaum ein Zug von Aehnlichkeit an dem kleinen Wesen . . . aber war es denn auch wirklich sein Töchterchen? Er wünschte innig, daß dem so wäre. Es war ein schönes Kind! Zart und lieb! . . .

Und es starrte ihn so ernsthaft, so traurig an, als suchte es unbewußt auch in seinen Zügen etwas . . . vielleicht den Weg zu seinem Herzen . . .

Ach, das war Täuschung! Es ward wohl nur durch seinen starren Blick gefesselt, geängstigt. Aber jetzt zogen sich die Lippen in die Wangen und das kleine Ding neigte das Köpfchen zur Seite und lächelte ihn an.

Und er durft' es nicht ergreifen und ans Herz drücken und mit seinen Küssen bedecken! Die Wärterin wäre um Hilfe schreiend davongelaufen!

Das Kind lehnte den Kopf auf die Bank und streckte die Hand ein klein wenig von sich und jetzt weiter und weiter, bis es die Hand Roberts berührte, und dann hielt es seinen Mittelfinger fest und kicherte dabei leise vor sich hin.

Robert spürte, wie das warme Händchen ihm nahe rückte, und nun den packenden Griff desselben . . . er konnte nicht dafür, er hatt' es kommen fühlen und nun rann ihm eine dicke Thräne aus den Augen und langsam über die Wange.

Wahrscheinlich merkte jetzt das Fräulein, wie ihre Pflegebefohlene weiter und weiter von ihr abrückte; es sah darum erst nach dem Kinde und sagte: »Sei nicht unartig, Erna, du fällst dem Herrn lästig!«

Robert konnte oder wollte in dieser Erregung nicht sprechen; er schüttelte nur heftig das Haupt und umspannte mit der ganzen Hand das liebe kosende Händchen.

Da wandte das Fräulein ihren Blick auch auf ihn und erstaunte ob der Thräne, die sie im wetterbraunen Angesicht des fremden Mannes gewahrte.

Sie wollte sich erheben. Aber auf eine bittende Handbewegung Roberts gewann menschliche Teilnahme oder auch frauenzimmerliche Neugier über ihr Befremden und ihre Scheu die Oberhand. »Sind Sie krank, mein Herr?« fragte nun sie.

11 »O nein, mein Fräulein!« entgegnete er und er lächelte wie ein Glückseliger unter Thränen.

Seltsam! dachte jene, die vielleicht noch nie einen Mann weinen gesehen hatte und gar an dieser robusten, wetterharten Erscheinung keiner sentimentalen Anwandlung gewärtig war.

Er brachte etliche Worte hervor: »Eine wunderliche Aehnlichkeit des Kindes . . . eine Erinnerung aus alter Zeit . . . ich bitte mein Betragen zu entschuldigen . . . Erna heißt die Kleine? . . . Ah! . . . Ein schöner, ein lieber Name!«

»Erna,« wiederholte die Gouvernante, während das Blut ihre Wangen verließ und sie sich ratlos fühlte, ob sie davongehen oder neben dieser seltsamen Begegnung noch länger verweilen sollte. Aber es war ihr, als hätte sie Blei in den Füßen, als würde sie mit Gewalt auf die Bank zurückgedrückt, so oft sie der Gedanke anwandelte, sich zu erheben.

Robert betrachtete in seiner Sorge nun auch das Fräulein. Er sah sie unruhig werden. Er fragte, um sie zu beschäftigen, dies und das, wie alt das Kind sei und ob sie schon lange bei demselben in Stellung.

»Anderthalb Jahr etwa,« sagte jene, auch daß sie aus der französischen Schweiz, aber von deutschen Eltern sei. Den Namen des Hauses, in dem sie jetzt lebte, nannte sie nicht, wie sie denn überhaupt ihre Antworten als notgedrungene behandelte und so knapp wie möglich bemaß. Allein der Fragende hörte die Antworten kaum, denn er verlor seine Aufmerksamkeit immer wieder durch das Anschauen des Kindes.

»Aber es ist Zeit, zu gehen!« sagte nun mit einemmale die Gouvernante zu Erna. Das Unstatthafte eines längeren Geplauders mit einem fremden Menschen mitten im Tiergarten fiel ihr trotz der wunderlichen Gedanken, die sie zu längerem Verweilen verführten, doch empfindlich aufs Gewissen.

Robert konnte sich jetzt noch nicht von dem wiedergefundenen Wesen trennen. Zu erkennen wollte er sich der Schweizerin doch nicht geben. Das widerriet die Klugheit. Sie stand im Dienst und hatte ihrer Herrin zu gehorchen. Und wer konnte wissen, in welcher greulichen Anschwärzung sein Gedächtnis im Hause Meyer bewahrt wurde, welche Vorsichtsmaßregeln gegen eine zufällige Begegnung wie diese gegeben waren. Und in dieser Vermutung war durchaus kein Irrtum.

In seiner Not kam er auf den Gedanken, sein Skizzenbuch aus der Tasche zu ziehen und zu bitten, ob er nicht mit etlichen Strichen das liebe Gesicht des Kindes abzeichnen dürfte.

»Sie sind ein Maler?!« fragte die blonde Schweizerin 12 jetzt langsam, ihre Worte betonend und ihn mit großen Augen anstarrend.

»Manche halten mich dafür . . . warum wundert Sie das?« entgegnete Robert, aber ohne die Augen von seinem Kind und seinem Skizzenbuch wegzuwenden, und das war gut, denn hätt' er den Ausdruck des Erstaunens gesehen, mit dem jene ihn jetzt betrachtete, er wäre wohl in seiner Arbeit gestört und zu andern Reden genötigt worden.

In des Mädchens Kopf stürmten die Gedanken, suchten sich zu vereinigen und stießen einander wieder ab, um gleich darauf wieder Anknüpfungspunkte und wieder neue Zweifel zu finden.

Wer war der Mann, der beim Anschaun dieses Kindes in Thränen ausbrach? Und nun, ganz in sein Glück verloren, den Augenblick mit hastigem Stifte festzuhalten suchte? . . . Ein Maler? . . . Auch Ernas Vater war ein Maler . . . das hatte sie oft genug sagen hören. Und droben in der abgesonderten Balkonstube neben dem Dachboden, die man noch immer das Atelier nannte und wo sie manchen Winternachmittag, wenn es draußen schneite und stürmte, mit der kleinen Erna verbracht hatte, hing allerhand bemalte Leinwand herum. Niemand im Hause achtete darauf. Sie hatte auch nicht viel darauf geachtet. Denn sie hatte über Ernas Vater nur das Schlechteste reden hören. Und von dem Augenblick an, da sie das Kind liebgewonnen, hatte sie diesen Vater gehaßt, der sich in der weiten Welt sorglos herumtrieb, sich um ein herziges Geschöpf, das Gott ihm zu eigen gegeben, nichts kümmerte und es Leuten, wie Emma, Heribert und Hermione, zur Erziehung überließ, von denen keines das Kind liebte, wie es geliebt und erzogen werden sollte.

Sie hatte sich ein Bild von dem verlaufenen Gesellen gemacht, der, wie sie Herrn Meyers Reden nicht anders erklären konnte, sich sein Vaterrecht für Geld hatte abkaufen und widerspruchslos aberkennen lassen, um ohne Pflichten und ohne Gewissen den ungebundenen Lebenslauf eines verbummelten Genies im Welschland weiterzuführen, und der nach niemand, auch nach seinem einzigen Kinde nichts fragte.

Ein häßliches Bild . . . ein ganz andres, als diesem Manne da neben ihr glich, der ihr wider Willen gefiel, dessen bescheidenes Gebaren, dessen so gewaltsam verhaltenes und doch aus jedem Ton und Wort durchquellendes Gefühl es ihr anthat wider Willen und sie festbannte, wo sie besser fliehen sollte.

Nein, das konnte jener leichtfertige Lüdrian nicht sein, von dem niemand ein gutes Wort zu sagen wußte, jener Lump, dessen Namen vor dem armen Kinde zu nennen streng 13 verboten war . . . . . . Aber wenn er es nun doch war?! Sie meinte auf einmal in seinen Zügen eine gewisse Aehnlichkeit mit dem Kinde zu entdecken . . . und sein ganzes Gebaren ließ sich daraus erklären . . . durfte sie dann auch nur noch eine Minute länger neben ihm verweilen? . . . War das mit der Pflicht, die sie der Mutter ihres Zöglings, mit dem Abscheu, den sie einem solchen elenden Menschen schuldig war, zu vereinbaren?!

Nein, nicht eine Minute länger wollte sie neben solchem Rabenvater auf einem Brett sitzen, wenn er es war . . . und wenn er Ernas Vater nicht war, so hatte sie neben dem gleichgiltigen Fremden schon lange genug gesessen. Also auf und fort in jedem Fall!

»Wie, mein Fräulein, Sie brechen schon auf! . . . Bitte, nur noch fünf Minuten! Nur noch zwei!« sagte der Zeichner und seine Bleifeder strich hastiger übers Papier hin und her.

Und wie er nun die Augen von Erna wegwandte und Sophie bittend ansah mit dem lachenden seelenvollen Blick, mit welchem er der Menschen Wohlwollen gewann, da stach es der blonden Schweizerin wie mit einer Nadel durchs Herz. Ja, das war Ernas Vater! Mit demselben Blick sah das Kind sie zuweilen an, wenn es seinen Wunsch ihr vom Herzen schmeicheln wollte. Alles, was da um die Augen herumsaß, das hatte das Kind von ihm! Es war jede Linie, jeder Zug wie aus seinem Gesichte gerissen!

Wie sie mich anstarrt, als sähe sie ein Gespenst! dachte Robert und vergaß also Aug' in Auge den Stift sofort wieder in Bewegung zu setzen.

Sophiens Herz preßte sich zusammen. Sie verfärbte sich. Sie hätte in dieser Sekunde der Gewißheit dem frechen Manne, welcher sein Kind, das er nicht gesucht hatte, auf der Straße fand und sich über sein eigen Vatergefühl wie über die redliche Liebe zu dem Kind in ihrem Herzen leichtfertig lustig zu machen schien, sie hätte ihm ins Gesicht schlagen mögen. Ihr war, als hätte sie noch nie einen Menschen so leidenschaftlich gehaßt, wie diesen da in diesem Augenblick.

Sie maß ihn verächtlich von oben bis unten, ohne seine Bitte einer Antwort zu würdigen, und streckte die Hand gebieterisch nach der zögernden Erna aus. »Komm, du armes Kind!« sagte sie mit einem Blick und einer Betonung, darin der Haß nur allzudeutlich aufloderte.

Robert lächelte, ohne das Auge von der erregten kleinen Person abzuwenden. »Sie nennen das Kind arm? Warum?«

Sophie nagte ein wenig an der Unterlippe, als zögerte 14 sie noch ein Weilchen, das grobe Wort, das ihr auf der Zunge saß, auszusprechen. Aber ihr jäher Herzschlag ließ sie jedes Bedenken abstoßen. »Weil es einen erbärmlichen Menschen zum Vater hat!« gab sie trocken zur Antwort.

»Sind Sie dessen so gewiß, mein Fräulein?«

»Ja!« warf sie über die Schulter zurück und zog das Kind hastig mit sich fort, während dieses im Laufschritt neben ihr her noch ein- und andresmal das Köpfchen wandte und den Mann anlachte, der die Arme über der Brust gekreuzt wie angewurzelt neben der Bank stehen blieb und den Davoneilenden mit leuchtenden Augen nachsah.

Es war ein reizender Anblick, wie sie dahinstürmten, das schöngewachsene Mädchen mit dem lieblichen Kind an der Hand, wie der Wind ihnen entgegenblies und sachte ihre Gewande hinter ihnen bauschte.

Das Kleinchen mochte sich wohl über die allzurasche Gangart dieser jähen Flucht beklagt haben. Denn Robert sah die Schweizerin plötzlich im Wandel innehalten, sich tief herabbeugen, das Kind, welches wohl in Thränen ausbrechen mochte, mit beiden Armen umschließen und Mündchen und Aeugelein mit heftigen Küssen bedecken. Dann gingen beide langsameren Schrittes nebeneinander weiter.

Der Wind, der von ihnen herblies, fiel in die Zweige des rotblühenden Kastanienbaumes, raufte lustig darin herum und warf eine Menge stäubender Blüten über den im Nachschauen ganz verlorenen Mann. Und dieser dachte nicht etwa daran, sich die rosigen Kelchlein, wie vorhin die langhaarigen, häßlich kriechenden Raupen, abzuschütteln. sondern er ließ sie ruhig auf Schultern, Bart und Haupthaar sitzen und trug sie mit sich fort. Eines war ihm gar auf die Lippen geweht, und er hielt es mit diesen fest, als wär's ein blütegewordener Kuß von liebem Munde, der so rosig wie es.

Er lächelte, wie die Glücklichen lächeln. Gott hatte den alten Leichtsinn noch lieb. In tiefster Trübsal und Ratlosigkeit war ihm wieder das Licht der Freude plötzlich und unerwartet aufgegangen. . . . Was für ein schönes Kind er hatte! . . . Und wie treu und gut es behütet war!

Der flammende Zorn, in dem die Schweizerin von ihm geschieden, that Robert nicht weh. Sie haßte ihn so heftig, weil sie sein Kind so innig liebte. Er konnt' ihr ihren Haß nicht vergelten, sondern nur die Liebe, die sie zu seinem Kinde hegte.

Nun waren jene beiden an dem Ende der langen Baumreihe verschwunden.

15 Da packte Robert noch einmal ein jäher Zweifel an. Wenn es doch nicht seine Erna gewesen wäre, sondern die Erna irgend jemands, der pflichtvergessen in der weiten Welt sich umtrieb! Es gab ja derlei Menschen genug.

Robert stürmte im nächsten Augenblick davon. Er wußte, wie der Weg zu Heriberts Haus in der Tiergartenstraße abzuschneiden war. Er lief und hielt erst unter den Bäumen am Waldrand inne . . . Dort drüben sah er sie gehen, Hand in Hand, mit gemäßigter Eile . . . sie konnten ihn nicht sehen . . . noch fünf Schritte, da machten sie rechtsum, gingen durch den schönvergitterten Vorgarten und verschwanden im Thorweg der wohlbekannten Villa.

Kein Zweifel mehr! Es war sein Kind! Wann wird er es wiedersehen? . . . Er dachte, bald. . . .


Robert dachte, wunders wie bald er sein Kind wiedersehen werde. Aber Sophie dachte ganz anders. Nie wieder, wenn es von ihr abhing!

Sie liebte Ernas Mutter nicht, weil sie kein Herz in ihr entdecken konnte, welches mit Muttergefühlen vertraut war. Ein konventionelles Halbstündchen am Vormittag, ein konventionelles Halbstündchen am Nachmittag, und ab und zu, wenn Besuche da waren, so viel Minuten, als man brauchte, um Erna im neuesten Kleidchen zu produzieren, das war in der Regel alle Zeit, die sie auf das Kind verwandte. Man sah ihr an, daß ihr das Frätzchen unbequem war, weil es sie durch ihr Dasein an eine Vergangenheit und an eine Liebe mahnte, an welche beide sie nicht gemahnt sein wollte. Hätte Erna nicht fatalerweise auch noch ihrem Vater so ähnlich gesehen! Aber es war gar nichts Meyerisches an ihr. Sie ging in dieser Familie herum wie ein weißer Rabe in einem kohlschwarzen Nest, und manchem von der schwarzen Sippe war, er sollte den Schnabel wetzen, wenn diese leibhaftige Erinnerung an den ehemaligen Eindringling ihnen zu nahe kam.

Nicht daß es Erna schlecht gehabt hätte. Es fehlte nur die rechte Liebe, die ein Kind von nöten hat, wenn es gedeihen soll. Man ließ sie aufwachsen, ohne daß man sich zu sehr über ihr Wesen und Gedeihen die Köpfe zerbrach. Vordem war sie ihrer alten Amme, der Spreewälderin, so ziemlich allein überlassen geblieben; nunmehr war sie der Schweizer Gouvernante mit voller Verantwortung anheimgegeben. Es war ein Glück, daß man mit dieser einen guten Fund gethan. Alle 16 Leute im Hause lobten Sophie – einige sogar etwas zu laut und zu angelegentlich. Hätte man indessen mit Sophiens Wahl das Richtige nicht getroffen, man hätte sich weder im Erdgeschoß noch im ersten Stockwerk der Meyerschen Villa heftig gegrämt.

Manchmal sagte sich Sophie, daß Frau Leichtfuß – noch hieß sie ja so, wenn auch nicht mehr lange – mehr an dem Kinde hinge, als ihr zu zeigen beliebte. Sie hatte so Anfälle von jäher und stürmischer Zärtlichkeit; aber diese gingen vorüber und gingen regelmäßig in ein gleichgiltiges Gebaren über, wo man ihr von dem Kinde Gutes und Schlechtes berichten konnte, gleichviel, es regte sie nicht mehr auf, als ein Bericht über das Wetter in Kalkutta oder über das Erbrecht bei den Samojeden gethan hätte.

Emma fühlte sich schon ganz Baronin, und je länger sich die Verehelichung mit Horst hinausschob, desto hochfahrender, menschenfeindlicher und launischer gab sie sich. Sie war in den drei Jahren, seit sie aus Italien heimgekehrt war, nicht jünger und nicht liebenswürdiger geworden. Aber sie war noch immer eine junge, hübsche, elegante Frau, und wenn sie bezaubern wollte, gelang ihr das bei ihren körperlichen und geistigen Gaben noch ganz wohl. Die Gouvernante ihres Töchterchens zu bezaubern, fühlte sie keine Veranlassung. Sie sah in ihr nur eine bezahlte Dienerin. Und für eine solche war diese viel zu hübsch und zu auffallend nach ihrer Meinung. Ihr Vater und selbst ihr Bräutigam waren immer hinter dem Mädchen mit Höflichkeiten und Aufmerksamkeiten her, welche Emma für übertrieben, ja für gar nicht am Platz erachtete, und wenn sie von dem Fräulein redeten, gebrauchten sie nur superlativische Ausdrücke. Sie hätte dasselbe am liebsten gleich am Tag seines Eintritts wieder nach Lausanne zurückgeschickt, denn sie kannte die Schwäche der Männer für hübsche Hausgenossinnen . . . und sie sah darum dem Mamsellchen gehörig auf die Finger. Indessen diese Tochter der freien Berge hielt sich streng und tadellos, Erna gedieh sichtlich unter ihrer Obhut, und da Emma denn doch in allernächster Zeit Hochzeit halten und eine Hochzeitsreise antreten wollte, war es immerhin das Geratenste, die erprobte Hüterin bei dem Kinde zu lassen bis zu ihrer Rückkehr. Mochte sich inzwischen Papa Heribert noch vollkommen in die hübsche Person verlieben! Das war Mamas Sache. Und diese dachte über die spießbürgerliche Frage der ehelichen Treue ihrer greisenhaften Hälfte sehr vornehm kühl. Was Horsts zeitweilig allzu warme Anerkennung der Gouvernante betraf, so meinte seine Zukünftige, die Hochzeitsreise ziemlich weit weg von Berlin und der 17 Schweiz zu führen, und fern vom Schuß war keine Gefahr. Darum wollte Emma bis zu dieser Abreise das Fräulein weder fortjagen noch verhätscheln. Und es war kein Vergnügen, ihr zu dienen.

Sophie wäre auch gleich nach den ersten Wochen im Meyerschen Hause um ihre Entlassung eingekommen, hätte es ihr nicht schon in den ersten Tagen Roberts Kind im Herzen angethan. Sie faßte bald ein leidenschaftliches Mitleid mit der von ihrem Vater, und genauer betrachtet, auch von ihrer Mutter verlassenen Kleinen. Und aus dem leidenschaftlichen Mitleid ward innige Liebe. Sie staunte selbst darüber, daß sie sich so mit dem ganzen Herzen an ein fremdes Wesen anschließen gekonnt. Allein sie hatte kaum jemand mehr auf der Welt, dem sie ihr Gefühl hätte zutragen dürfen. Ihre Eltern, die auf einer Pfarre im Waadtlande gesessen, waren beide tot; von den Geschwistern waren nur zwei übrig geblieben; sie war nach Deutschland mit dem frommen Vorsatz gegangen, sich ganz und gar ihrem Berufe zu widmen, und wenn sie eine Stellung fände, die ihrer Neigung wert wäre, mit dieser Neigung nicht zu kargen. An das reiche Haus in Berlin durch einen wohlmeinenden Freund ihres Vaters empfohlen, war sie gleich nach den ersten Stunden von all der Herzenskälte, Vornehmthuerei und abgeschmackten Steifheit peinlich in sich zurückgeschreckt worden; aber sowie ihr Erna entgegenlachte, war es immer, als stieße man in dunkler, dumpfer Stube einen Fensterladen auf und die liebe Herrgottssonne schiene mit goldigem Strahl breit herein. Erna war so ein Kind wie ein Sonnenstrahl.

Daß ihr Zögling dies lachende, herzgewinnende Wesen nicht von mütterlicher Seite, also wohl doch vom vielverketzerten Vater her hatte, war Sophie bisher nie eingefallen. Sie hatte bisher nur so gedacht, daß einer, den selbst diese Menschen als einen unwürdigen und verhaßten aus ihrer Gemeinschaft gestoßen hatten, nur noch unfreundlicher und unerquicklicher als jene und schon ganz grundschlecht sein müßte.

Den Mann, der ihr heute so unerwarteter-, so wunderlicherweise im Tiergarten nahe gekommen war, hatte sie anfangs gar nicht beachtet. Sie war nicht danach geartet und nicht daran gewöhnt, dem ersten besten, der vorüberging, irgend welche Aufmerksamkeit zu schenken. Wie ihr aber aus dessen auffallendem Benehmen erst die Vermutung und dann die Gewißheit entgegengeleuchtet, daß das Ernas leibhaftiger Vater sei, der zu ihr und dem Kinde redete, als verstünde sich dieser unerlaubte Verkehr von selber, da war ihr nicht anders zu Mute geworden, als wenn ihr eins zugerufen hätte, der Satan 18 plaudere mit ihr und strecke derweilen hinterrücks die Krallen nach dem Kind aus. Sie hätte es am liebsten gleich auf ihre Arme gehoben und wäre laut betend heimgerannt.

Aber alles auffällige Gebaren war ihrer feinfühligen Seele zuwider. So meinte sie, recht gethan zu haben, wie geschehen war, und das beleidigende Wort, das sie zum Abschied dem vermeintlichen Vater Ernas zugeschleudert hatte, reute dies tapfre Herz keineswegs.

Wenn er's nicht war, ging's ihn ja auch nichts an und brauchte ihn nicht zu kümmern! Obwohl nun der Zeichner auf der Bank das Wort nicht so gleichmütig hingenommen hatte, wie einer, den es nichts kümmert, so fragte sich Sophie nun doch zuweilen, ob sie sich nicht geirrt habe. Sie hatte Augenblicke, wo sie sich über solche Gespensterseherei selbst auslachte, und andre, wo sie ihrer Sache wieder ganz sicher zu sein glaubte. In jedem Fall dachte sie viel und oft an die seltsame Begegnung im Tiergarten, öfter und mehr, als der Ruhe ihres Herzens zuträglich war. Aber den Weg, wo er sie jüngst betroffen, vermied sie. Er sollte durch ihre Hilfe oder Nachgiebigkeit sein Kind nicht wiedersehen. Es war seine Sache, Mittel und Wege zu finden, welche die Familie, der sie sich verpflichtet hatte, welche die allgemein giltige Sitte, welche ihr eigenes, ängstliches Gewissen billigten.

Mochte die Mutter Ernas sein, wie sie wollte, mochte der Mann, welcher das Kind im Tiergarten abgezeichnet hatte, Ernas Vater sein oder nicht sein, Sophiens Pflicht lag klar vor ihr: sie hatte das Kind vor jeder Begegnung, die ihm nicht im Hause der Mutter widerfahren konnte, zu hüten und zu bewahren; und sie wollte dieser Pflicht streng und gewissenhaft nachkommen, wie sie jeder Pflicht nachkam von Jugend an. . . . Daß sie einen Augenblick darüber in Zweifel hatte schwanken können, nur das verwunderte sie manchmal in aller Stille, wenn sie das kleine Wesen, das spielend zu ihr aufsah, nachdenklich betrachtete und ihr dabei die Aehnlichkeit mit jenem Mann auffiel.

Doch auch das mochte Augentäuschung sein . . . Sophie hatte den Fremden doch nur kurze Zeit gesehen. . . . Sollte sie ihrer Gebieterin von der Begegnung Anzeige machen? . . . Wozu! Mochte der Störenfried sich selber ankündigen, wenn er es für nötig fand! Daß er dem Kinde nichts anhaben sollte, dafür vermaß sich die selbstbewußte Schweizerin allein gutzustehen. Und sie hätte ihrer Herrin doch nur eine ganz leere Vermutung vortragen können, die, je mehr sie sich einen solchen Vortrag im Geist ausdachte, auf immer schwächeren Füßen zu 19 stehen schien. Frau Emma liebte nicht, daß man ihr mit leerem Gerede lästig fiel. Frau Emma liebte nicht, daß man sich in Dinge mischte, in Familienangelegenheiten drängte, die einen nichts angingen. Sie hatte niemals vor Sophien ein Wort über ihren geschiedenen Gatten verloren. Derselbe war also ein Ding, das Sophien nichts anging.

Gar nichts! . . . Warum sie sich das nur so oft und eindringlich wiederholte?

Doch da sie's für ihre Pflicht erachtete, bei den täglichen Spaziergängen mit Erna den Tiergarten soviel als möglich und den sonst gewohnten Weg, wo jener sie betroffen hatte, ganz bestimmt zu vermeiden, war es kein Wunder, daß sie sich tagtäglich mit der Erscheinung, der sie zu begegnen fürchtete, in Gedanken beschäftigte. Gerne geschah's nicht.

Sie freute sich ordentlich, wenn ein grauer Landregen einbrach, der für mehrere Tage, vielleicht für Wochen standzuhalten versprach. Da waren die Spaziergänge im Freien beschränkt. Sie fuhr meist nur zu Wagen aus und spielte dafür, wenn der Regen auf Viertelstunden nachließ, im Garten hinter dem Hause oder, wenn's auf den Kieswegen noch zu feucht war, auf der Terrasse unter dem Glasdach vor der Wohnung.

Und wollten sich Pflegerin und Zögling einmal recht ungestört tummeln, droben im Atelier war ja Platz. Dort waren keine Teppiche, die man schonen, keine Nippes, die man nicht anrühren durfte, keine modischen Möbel, an deren Kanten man beim Herumtollen anstieß, und daneben kein Besuch, um dessentwillen man nicht laut lachen und lustig aufschreien durfte . . . auch kein Vater, den man bei der Arbeit gestört hätte! . . .

Erna war schon durch die Amme aus dem Spreewalde daran gewöhnt worden, die verlassene Werkstatt ihres Vaters so recht als ihr Bereich und ihren Tummelplatz zu betrachten. Sophie wußte es auch nicht anders und bevorzugte den großen, stillen Raum, wo sie das kleine Wesen so ganz für sich allein hatte, wo weder der zudringliche alte Großvater, noch der etwas zweideutige Bräutigam der Hausfrau sich hinauf verloren, denn keiner von beiden liebte es, den Erinnerungen an den verflossenen Gatten Emmas nachzugehen, und überdies wußten sie vielleicht gar nichts davon, daß Kind und Gouvernante hier oben stundenlang spielten und die eine dabei ihren Gedanken nachhing, ungestörter als anderswo in diesem eleganten, aber geräuschvollen Heimwesen.

Sophiens Gedanken waren bisher im Atelier nie bei demjenigen gewesen, der früher hier oben gehaust und geschaffen 20 hatte. Jetzt war dem anders. Recht wider ihren Willen. Allein wenn sich die beiden müde gespielt hatten und nun draußen der Regen unaufhörlich auf das grauüberrieselte Oberlicht klatschte, so geschah's ganz natürlich, daß eins vor irgend einer Ecke stehen blieb, wo ein Leinwandrahmen über dem andern mit dem Gesicht gegen die Wand lehnte, und daß man einen oder den andern trotz des Staubes, der auf der Kante lag, anfaßte, hochhob, vielleicht gar auf die Staffelei, die man rasch heranrückte, günstig gegen das fahle Licht stellte und daran sich in Betrachtungen und Gedanken erging.

Es waren lauter unfertige Sachen. Angefangene Bilder, meist nur Skizzen oder Kartons zu jenen monumentalen Werken, von denen Robert so viel geträumt und keines ausgeführt hatte. Sophie fand sich keineswegs angeheimelt von jenen Velleitäten. Es sprach nichts zu ihrem Herzen, nichts zu ihrem Geschmack. Sie begriff, daß ein Mann, der so war, wie ihn die Familie da unter ihren Füßen schilderte, in derlei unfruchtbaren, gespreizten Entwürfen Zeit und Kraft verzettelt haben mochte. . . . Ein andermal aber fand sie Mappen mit Skizzen, kleine Zeichnungen, Parkstudien, Kinderköpfe und Spielszenen, wie sie ein Freund dieser winzigen Menschen auf Spaziergängen in der Umgegend, auf einer Bank im Tiergarten hingeworfen haben mochte . . . wie jener Mann neulich! . . .

Aber war das ein und derselbe Künstler, der hier so innig die Natur belauschte, dort überweltliche Fratzen in überspannten Götter- und Heldenverrenkungen übereinanderlog? . . . Sie hatte keine rechte Ahnung vom Werdegang eines Künstlers; in ihrer Vorstellung kam der Meister fertig zur Welt und irrte nie auf dem geweihten Pfade seines Strebens, allerwege seiner selbst sicher . . . die Skizzenbücher mußten wohl von einem Freunde des Herrn Leichtfuß herrühren.

»Wer hat denn das gemacht?« fragte sie eines Nachmittags unwillkürlich das Kind, als könnte dies aus eigener Erfahrung davon Wissenschaft haben.

Erna that auch nicht anders dergleichen und antwortete mit ernster Miene mit dem Finger auf die einzelnen Blätter tupfend: »Das hat mein Papa gemacht.«

»Ach, was weißt denn du davon, Schwätzerchen!« antwortete Sophie, das Kind und ihre eigene Thorheit zugleich belächelnd.

Aber Erna muckte stolz auf und sagte: »Wohl hat das mein Papa gemacht, das und das und das auch und alles, was in dieser Stube ist! Alles hat mein Papa gemacht! . . . Mein guter Papa, der mich so lieb gehabt hat.«

21 Sophie fuhr erschreckt auf, als sie das Kind so sprechen hörte. Das Kind hatte noch niemals von seinem Vater geredet in den achtzehn Monaten, die sie seiner wartete. Wie kam es jetzt dazu? Eine drückende Angst befiel sie. Hatte jemand in einer unbewachten Minute mit dem Kinde von seinem Vater gesprochen? . . . Und wer?

Zornig fuhr sie den Liebling an. »Wer hat dir das gesagt, daß dein Papa gut zu dir war und dich lieb hatte?«

Erna guckte ihr mit den großen blauen Augen ganz unverfroren ins Gesicht und sagte laut: »Das weiß ich, und Hedwig hat es mir gesagt!«

Sophie schwieg und sah noch immer das kleine Ding streng an, während sie die Eifersucht, welche sich plötzlich in ihrem Herzen geregt hatte, zu dämpfen und sich einzureden suchte, daß die Spreewälderin wohl so obenhin geplaudert und von einem guten Vater erzählt habe, wie man etwa dem Kinde, das nicht einschlafen will, vorsingt, daß sein Vater ein Graf sei und in seinem Garten die Schafe gehen.

Aber Erna schien es sich in den kleinen Kopf gesetzt zu haben, ihre Pflegerin noch mehr zu erbosen und zu erschrecken. In einer unbegreiflichen Ideenverbindung fing sie jetzt an, zu fragen: »War das neulich mein Papa?«

Sophie glaubte, der Boden wanke unter ihren Füßen. Also auch das Kind hielt den Mann . . . die Gedanken versagten ihr einen Augenblick. Wieder überkam sie Furcht, daß man das Kind hinter ihrem Rücken beeinflußte. Aber sie wich ja Tag und Nacht keine Minute mehr von ihm seit jener Begegnung, die sie verwünschte! Sie brachte nur ein Wort hervor.

»Wer?«

»Der Mann auf der Bank neulich im Tiergarten?«

»Wer hat dir das gesagt, Erna?«

»Niemand!«

»Und warum glaubst du, daß der fremde Mann dein Papa war?«

Das Kind sah sie lang an und lächelte nur, um Antwort verlegen. Die Augen schienen zu sagen: wie man nur so dumm fragen kann! Da aber Sophie mit ernstem, ja bösem Gesicht weiter in es drang, sprach es gelassen, nur den Kopf ein wenig schief stellend: »Weil er ein lieber Mann war, und weil er so zeichnete wie Papa.«

»Kannst du dich denn deines Papas erinnern, Erna?« fragte Sophie milder im Tone, aber die Hand auf dem hämmernden Herzen.

22 Das kleine Ding machte große traurige Augen und schüttelte verneinend den blonden Kopf. Es rührte Sophien und sie schämte sich ihrer Heftigkeit von vorhin.

Und die blonden Haare streichelnd, tief zu dem verwaisten Geschöpf herabgebeugt, fragte sie weiter mit gütiger Stimme: »Wenn du dich nicht erinnern kannst, wie dein Papa ausgesehen und was er gemacht hat, dann kannst du ja auch nicht wissen, daß er so oder so gezeichnet hat. Nicht wahr, Erna?«

Da nickte die Kleine, wieder sehr wichtig thuend, mit dem Köpfchen und sprach: »Doch! Das hat mir alles meine Hedwig gesagt!«

Sophie wünschte in Gedanken alle gewissenlosen Schwätzerinnen zum Kuckuck, welche Kindern unverantwortliches Zeug in den Kopf setzen; ward aber später erst recht erbost, als sie sich auf dem Gedanken ertappte, ob die Wendin nicht ganz gut daran gethan habe, dem Kinde zuweilen von seinem Vater zu sprechen.

In keinem Fall hielt sie es für geraten, dies Gespräch mit Erna weiterzuführen. Schweigend saß sie da auf dem einzigen Schemel, der noch in der alten Malerwerkstatt vorhanden war, und preßte das kleine Wesen auf ihrem Schoß an die Brust und ihre Lippen in sein Haar.

Das abscheuliche Wetter schien die Dämmerung früher zu bringen, als dieser Jahreszeit gemäß war. Man hörte den Regen immerfort auf die große Scheibe klatschen und rieseln, und der Himmel darüber schien ein endlos Grau. Dann hörte man die Wagen anrollen, die um diese Stunde ein paar Dutzend Gäste vor dem Hause absetzten, denn beim Geheimen Kommerzienrat Heribert Meyer war heute großes Diner. Die ganze Sippe der Wolkenfels-Krümelshausen war geladen, und es sollte ihnen zu Augen und zu Gaumen demonstriert werden, daß dieser Junker Horst nicht schlecht führe, so er es seinem Vetter gleich thäte und Heriberts Schwiegersohn würde, der beneidenswerte Sterbliche!

Sophie wollte sich und das Kind auf andre Gedanken bringen und sagte: »Hörst du die Wagen rollen, Erna? . . . Und wieder einer und noch einer! . . . Da steigen feine Damen in seidenen Kleidern aus mit Blumen und Federbüscheln in den hochfrisierten Haaren und blitzenden Steinen an Hals und Armen. Und dann setzt man sich zu Tisch bei der lieben Mama und läßt sich die guten Sachen schmecken. Und wenn sie mitten drin sind im besten Schmausen, steht ein Herr im schwarzen Frack mit einem Stern um den Hals auf und hebt sein Weinglas empor und sagt: ›Meine Damen, meine Herren, Klein-Erna 23 soll leben hoch!‹ und alle stehen auf und rufen: ›Hoch! Und abermals hoch! . . .‹ Klein-Erna ist aber ein kluger Schatz; denkt sich, ›ihr schreit mir lange gut; solch üppige Schmauserei ist nichts für kleine Kinder, die gehören ins Bettchen, wo sie auch schon drinliegt und schläft und schläft bis an den lichten Morgen!‹«

Sophie wiegte das Kind, während sie so sprach, in ihren Armen hin und her, als wollte sie es schon jetzt einschläfern, und lachte ihm dann ins Gesicht. Das Kind aber lachte nicht. Die großen blauen Augen sahen in dem fahlen Licht so glänzend zu der Freundin empor, daß diese mit ihren Scherzen unwillkürlich innehielt und nur schweigend das herzige Geschöpf betrachtete.

Da sagte dieses, gleichsam seinerseits das Bild fortspinnend: »Und wenn Klein-Erna gut ausgeschlafen hat, dann gibst du ihm fein zu frühstücken, und nachher gehen wir, wenn die Sonne scheint, miteinander auf und suchen Papa im Tiergarten.«

»Nein!« rief Sophie laut aus und stellte, selbst aufs tiefste erschrocken, das erschreckte Kind auf seine Beine. »Der fremde Mann war nicht dein Vater! . . . Dein Vater ist weit fort, weit, auf Nimmerwiedersehen . . . und Klein-Erna bekommt demnächst einen neuen Papa, Papa Horst, der sie sehr lieb haben und den sie lieb haben und dem sie gehorchen wird, wie sich's gehört.«

Das Kind antwortete nicht. Es sah Sophien nur wieder mit großen Augen an, mit den Augen des Mannes, den Sophie verwünschte, und auf einmal füllten sich diese Augen mit Thränen, und es barg das Gesicht in ihrem Schoß und weinte bitterlich.

Sophie wußte nicht, wie das Kind beschwichtigen. Sie wußte ihm nichts Freundliches, nichts Böses zu sagen. Das Schluchzen auf ihrem Schoß klang wie eine laute Anklage. Aber sie wollte es nicht so verstehen. Sie wollte nur wieder Erna auf andre Gedanken bringen.

»Horch! Horch!« sagte sie und hob das Köpfchen in die Höhe, während sie den Zeigefinger gerade aufreckte. Und nun hörten sie Tellerklirren und Gläserklingen und munteres Stimmengeräusch, alles gedämpft, von unten herauf, aber behaglich und lustig. Das Gastmahl schien eben zu beginnen. Und da, horch! wie gerufen ertönte von Klavier und Streichquartett ein heiterer Marsch, mit dem die Tafelmusik, welche Heribert zu diesem besondern Feste bestellte, ihrer Pflicht zu genügen begann.

Glückliche Elastizität des Kindergemüts! Kaum daß die ersten Takte der einschmeichelnden Musik erklangen, da lachte Klein-Erna schon mit dem ganzen Gesicht, darauf die Thränen noch nicht getrocknet waren. Und als das erste flotte Thema 24 wiederkehrte, da hob sie die kleinen Arme und hüpfte auf Sophiens Schoß im Takte hoch und nieder.

Das ältere Mädchen aber horchte still und regungslos, mit ausgespannten Augen den aus dem Erdgeschoß heraustönenden Rhythmen. Seltsames Haus, in dem sie wohnte! Seltsame Mutter, der sie diente! Da lebten sie herrlich und in Freuden und bewirteten mit aller Aufmerksamkeit und Freigebigkeit ein Viertelhundert Gäste, die ihnen mehr oder weniger gleichgiltig waren, aber nach dem einzigen Kinde hatte, ganz in die Vorbereitungen dieses Festes verloren, weder Mutter noch Großmutter den ganzen Tag auch nur ein einziges Mal gefragt! . . . Fester drückte sie den lieben Pflegling, den das bißchen Klingklang jetzt so glückselig machte, an ihre Brust und dachte dabei, was sie so oft schon gedacht hatte: ›Armes Kind, was soll unter diesen Umständen aus dir werden!‹

Sie sprach es nicht laut aus, aber ein unwillkürlicher Seufzer entrang sich dem jungfräulichen Busen. Da hielt das Kind verblüfft im Jauchzen inne und fragte: »Bist du traurig? . . . Du mußt nicht traurig sein. Ich habe dich ja so lieb!«

Die unschuldigen Worte klangen so seltsam in dem weiten leeren Raum des alten Ateliers. Die Musik hatte in demselben Augenblick aufgehört, da das Kind zu sprechen begonnen, und die Stille, welche dem Geräusch folgte, hatte etwas Befremdendes, etwas Erwartungsvolles, daß Sophie unwillkürlich der Kleinen, die sie fester an sich drückte, mit einer Handbewegung Schweigen gebot und selber aufhorchte, als müsse sie der kommenden Minute was ganz Besondres ablauschen. Sie sagte sich, jetzt spricht dort unten einer der Gäste den ersten Toast, er rühmt in übertreibenden Worten die Bedeutung des Hauses und die Tugenden der Wirte, diese blicken verschämt nach noch ärgeren Lobeserhebungen begierig, mit falscher Bescheidenheit, auf den leeren Teller vor ihnen, um in der nächsten Minute mit strahlenden Augen und lächelndem Munde sich vom einen zum andern zu wenden und für die brausenden Hochrufe sittig zu danken. Gleich wird's losgehen! . . .

Und richtig, nachdem man von der vorhergegangenen Rede hier oben nichts hatte vernehmen können, unterbrach die atemlose Stille jetzt ein rauschendes Durcheinandertönen von Stimmen. Es war, als dröhnten dabei die Balken und höben sich die eichenen Dielen merklich, und dazu klingelte und klirrte es durchs ganze Haus, als gäben dem hellen Klang der überschäumenden Weingläser alle die Hunderte blinkender Krystalle an den Deckenkronen und die verhüllten Fensterscheiben der beiden Wohnungen zustimmende Antwort.

25 Sophien war in der Spannung und Stille vorhin so seltsam angst geworden. Sie bildete sich ein, sie hörte noch ein andres Geräusch, das zu den festlichen Tönen ganz und gar nicht stimmte, als knackten die Treppenstufen, als suchte jemand draußen vor dem Atelier mit tastender Hand nach der Thürklinke . . . es benahm ihr den Atem, sie starrte gerade aus, sie wollte sich erheben, rufen . . . da ging die Thüre wirklich auf und vor ihr stand der Mann aus dem Tiergarten und sah sie an mit seinen lachenden blauen Augen.

Sophie glaubte einer Sinnestäuschung zu unterliegen und fuhr sich mit der flachen Hand übers Gesicht. Das war nur eine Sekunde. In der nächsten sprang sie auf, stellte sich zwischen den Mann und das Kind und sprach mit greller Stimme mühsam, als schnürte der Schrecken ihr die Kehle zu: »Was wollen Sie hier? . . . Wer sind Sie?«

Der Angeredete drückte rasch, aber vorsichtig die Thüre hinter sich ins Schloß, wandte dann wieder den beiden sein heiteres Gesicht zu und sprach gelasseneren Tones, als ihm wohl ums Herz war. »Wer ich bin? Ich bin Robert Leichtfuß, der Maler dieser Scharteken, der Eigentümer dieses Gerümpels allhier und der Vater dieses Kindes, bei dem Sie, wie mir scheint, Mutterstelle vertreten.«

»Oh!« rief Sophie schaudernd aus und flüchtete mit der kleinen Erna, die von dem ganzen Auftritt nichts Rechtes begriff, so weit von ihm zurück, als es die Wand gestattete.

Jener aber fuhr, ohne sich an der Entsetzten Blick und Geberde zu kehren, lächelnd fort: »Was ich hier will? Sie wiedersehen! Sie beide! Die dort, an der mein Herz hängt, seit sie diese Wände beschrieen hat, denn sie ist mein liebes, mein einziges Kind! (Hier schlug dem Redenden doch die Stimme um und verriet seiner Seele mächtige Bewegung. Er mußte einen Augenblick inne halten und die Aufwallung niederkämpfen. Und dann erst sprach er, wenn auch etwas mühsamer als zu Anfang, weiter.) Und auch Sie selber, mein Fräulein, wollt' ich wiedersehen, denn Sie haben es dem Vater angethan in dem Augenblick, da er, unverhofft und doch so heiß ersehnt, sein gestohlenes Kind wiederfand und in guten, lieben, liebevollen Händen, deren Walten ihn in einer halben Stunde über die Sorgen und Befürchtungen von Jahren beruhigte. Ob es Ihnen recht ist oder nicht, mein schönes Fräulein, Sie werden sich dareinfinden müssen, daß ich mit inniger Dankbarkeit, ja mit der besten Zärtlichkeit meines Herzens an Sie denken und mit aller Ueberlegung und Ausdauer darnach trachten werde, Sie wiederzusehen, so oft es angeht!«

26 »Gott bewahre mich davor!« rief Sophie, deren zürnende Seele sich jetzt vor dem Eindringling aufbäumte, der sie nur zu höhnen schien. »Gott bewahre mich auch vor Ihrem Dank! Freut Sie und beruhigt meine Wahl Ihre Sorgen, die Sie jahrelang ziemlich leicht genommen, so danken Sie denen, die diese Wahl getroffen haben!«

Robert lächelte schon wieder. »Jene waren sich dabei wohl Ihrer Tüchtigkeit nicht mehr bewußt, als einer, der in einen Lostopf greift, die Nummer kennt, welche er ziehen wird. Und mich wundert nur, daß diese Leute, nun sie Sie kennen, Sie bei der Kleinen belassen.«

Dies Urteil traf Sophien seltsam. Er hatte recht. Sie hatten sie genommen, ohne sie gesehen zu haben, und hatten kein Verdienst dabei, wenn sie dem Kind zu liebe in dem unfreundlichen Hause blieb. Er kannte seine Leute. Und sie fand nicht gleich ein erwünschtes Wort der Entgegnung.

Mittlerweile beugte der Mann ein Bein, daß sein Kopf nicht viel höher als der Ernas über dem Boden stand, und streckte die Arme nach dem Kind aus, das die resolute Schweizerin noch immer in den Falten ihres Kleides barg und festhielt.

»Gehen Sie! Gehen Sie augenblicklich! Oder ich rufe um Hilfe!«

»Rufen Sie nach Belieben! Wenn Sie befehlen, will ich Ihnen sogar im Rufen helfen!« antwortete Leichtfuß, ohne die Augen von seinem Kinde wegzuwenden. »Aber ich will doch abwarten, ob Sie, ein Mädel, welches das Herz auf dem rechten Fleck hat, einem Vater verwehren werden, sein Töchterchen zu umarmen.« Und dabei lockte er wieder mit beiden Armen und rief sanft und kosend dem Kinde seinen Namen zu.

»Ich habe nicht zu bestimmen, wer Erna sehen soll, wer nicht. Ich kenne Sie nicht und bin nicht Ihre Dienerin. Was kommen Sie wie ein Dieb in der Dämmerung, während arglose Menschen beim fröhlichen Mahle sitzen, und führen mich in Versuchung?«

»Was Dämmerung!« erwiderte Robert aufrecht. »Man sieht die Sonne nicht vor Regenwolken; doch geht sie noch in einer Stunde nicht unter. Nach den Gastmählern der Gottverlassenen hab' ich kein Begehren und gönne niemand hier im Hause die Ehre meines Besuchs als den beiden hier anwesenden Damen verschiedenen Alters. Und nun genug der Spässe! Finden Sie sich mit Ihrer vermeintlichen Pflicht ab, wie Sie wollen! Ich habe keine Zeit dazu, Ihr calvinistisches Gewissen, das sich in Versuchung fühlt, zu beruhigen. Ich habe aber Pflichten gegen mein Kind, und mein Kind hat Pflichten gegen 27 seinen Papa, und die dringendste Pflicht dieses Augenblickes ist, daß wir zwei uns unverzüglich umarmen! . . . Komm Erna, komm zu deinem Papa! Geschwind!«

Er hatte sich wieder auf ein Knie niedergelassen und beide Arme ausgestreckt, und Klein-Erna, die schon immer alle Welt mit Fragen ermüdet hatte, warum sie nicht auch einen Papa habe wie die andern Kinder, und wann denn endlich ihr Papa kommen würde, zappelte jetzt immer ungeduldiger unter den Händen Sophiens. Diese wußte nicht, hatte sich das winzige Ding aus eigener Kraft befreit, oder hatten die Eindrücke, die sie selbst Schlag auf Schlag empfangen, ihre Hände gelähmt; sie sah nur, daß das Kind jetzt, wie vom Sturm eines liebenden Herzens hingeweht, auf den knieenden Mann zustürzte und seinen Hals mit beiden Aermchen umklammerte, und wie dann dieser es aufhob, zu dem Schemel, den sie bei seinem Eintritt verlassen, hintrug, sich dort niedersetzte und es nun herzte und küßte und immer wieder küßte und herzte, während ihm die herben Thränen über beide Wangen flossen.

Die Welt rundum, auch Sophie, war für die Glücklichen verschwunden. Sie sah's und daß sie jetzt aus allen Lungenkräften um Hilfe schreien und daß sämtliche Meyer und Wolkenfels nebst Anverwandten, Tafeldeckern und Lakaien mit Messern und Gabeln auf den leichtsinnigen Menschen hätten eindringen können: er würde ihnen allen ins Gesicht lachen und eher mit seinem Kinde über den Balkon zwei Stock hoch auf die Straße springen, als dieser langentbehrten Umarmung sich eine Minute früher, als ihm gefällig war, entwinden.

Aber daß der Mann da dies Kind nicht liebte, damit sollte ihr keiner mehr kommen! . . . Es war etwas Ueberwältigendes, etwas Herzgewinnendes, Herzbefruchtendes im Ausbruch dieser Vaterliebe. Und Sophie stand schaudernd, im Innersten verwandelt vor diesem Liebesausbruch, wie ein annoch knospenloser junger Stamm, den der erste warme Frühlingsregen überschauert, und der nicht weiß, was ihm geschieht.

Sie wagte jetzt nicht zu sprechen. So sicher sie, ihrer Pflicht zu gehorchen, sich jederzeit vermessen hatte, sie glaubte sich doch nicht berechtigt, die Seligkeit dieser Minute zu stören. Sie vermochte es nicht und sah aus ihrem Winkel an der Wand den jauchzenden beiden zu, abwartend, was da werden sollte.

Im stillen fragte sie sich dann, wie der Mann da ins Haus hereingekommen und bis hier herauf gedrungen sei, ohne daß irgend jemand ihn gehindert habe. Gläserklingen, Hochrufen und Tusch aller Instrumente gaben ihr von unten die 28 Antwort darauf. Man mochte den Mann wohl für einen der Musikanten gehalten und mit diesen durchgelassen haben. Einmal über dem Halbstock, begegnete er heute, wo alle Hände, außer denen Sophiens, vollauf beim Feste beschäftigt waren, auf der Treppe niemand. Die Wohnung Emmas war zugeschlossen. Sophie selbst trug den Schlüssel dazu in der Tasche. Robert kannte das Haus und schien über Art und Dauer der Festlichkeit – vielleicht von einem der Musikanten oder Lohndiener, den er bestochen – sehr genau unterrichtet.

Doch nun meldete sich die Angst bei Sophien, was würde wohl geschehen, wenn man sie so hier fände, wenn man . . . Ja auch das dachte sie: wenn man ihn hier oben und mit dem Kinde fände!

Sie machte eine heftige Bewegung und näherte sich dem Kinde, das aus den Armen des Vaters heraus ihr ein Händchen entgegenstreckte.

Da fand auch Robert endlich aus seinem Himmel zur Erde und sagte: »Sie müssen mich für einen seltsamen Thränentopf halten, mein Fräulein. Die beiden Male, daß wir uns sehen, laufen mir die Augen wider Mannesgewohnheit über. Allein Sie treffen es auch immer so absonderlich. Und ein Hundsfott von einem Vater, dem die Wimpern nicht naß werden, wenn er nach drei Jahren sein gestohlenes Kind endlich wieder einmal ans Herz preßt.«

»Darum tadl' ich Sie wahrlich nicht, mein Herr!« versetzte Sophie leiser, als sie bisher mit ihm geredet hatte. »Aber bedenken Sie nun auch meine Lage und machen Sie dieser für mich wahrhaft entsetzlichen Situation ein Ende!«

Robert war bei diesen Worten vom Schemel aufgestanden, und das Kind noch auf den Armen rief er lustig: »Jawohl, machen wir ein Ende!«

»Um Gottes willen, wie soll das enden?!« rief Sophie, die bei dieser wilden Fröhlichkeit nichts Gutes ahnte.

Und Robert sprach: »Wie es enden soll? Einfach und klar! Folgen Sie mir, wie Sie gehen und stehen, mir und dem Kinde, das Sie lieben! Gott und das Glück wird mit uns Dreien sein! Amen!«

».Sind Sie rasend?!« rief da Sophie und faßte das Kind in Roberts Armen mit ihren beiden Händen an. Sie hatte ihren Abscheu, ihre ganze Wut und Entrüstung mit einemmal wieder. Der Mann, der ihr mit lachendem Munde zumuten konnte, Pflicht und Ehre kurzweg mit Füßen zu treten; das Vertrauen der Menschen, die sie arglos in Pflicht genommen hatten, aufs gröbste, aufs unerhörteste zu verletzen, der Mann, 29 der sie zweimal im Leben gesehen und ihr antrug, mit ihm ein Kind zu stehlen und mit ihm, mir nichts, dir nichts, in die weite Welt zu laufen, das war denn doch einer, zu dem man sich all der schlimmen und schlimmsten Dinge versehen konnte, wie sie der alte Heribert nicht müde ward, ihm nachzusagen . . .

Sie hätte ihm jetzt das Kind um keinen Preis der Welt aus seinen Armen gelassen und lieber laut um Hilfe geschrieen. Allein er machte, schon um Erna nicht wehe zu thun, keinerlei Anstrengungen, es ihr vorzuenthalten, sondern ließ die Kleine sanft in ihre Hände gleiten, während er sagte: »Rasend nennen Sie mich? Mit Unrecht! Vielleicht etwas brutal, aber vollkommen bei Verstande. Sie werden mir einst, vielleicht bald, in Ihrer ehrlichen Seele zugestehen, daß es das Gescheiteste gewesen wäre, was wir hätten thun können.«

»Niemals!« rief sie und streichelte das Kind, als wäre diesem durch die Berührung des Vaters ein Leid geschehen und könnte sie dessen Berührung mit ihren zärtlichen Händen von ihm abstreifen.

Robert sah ihr lächelnd zu und sprach: »Ich will Sie ja nicht überreden; aber mir werden Sie mein Recht auf mein Kind nicht streitig machen!«

»Ich?« entgegnete sie achselzuckend, »das Gericht hat Ihnen dies Recht aberkannt.«

Robert Leichtfuß lachte bitter: »Ein Gericht . . . das Recht? das Recht, welches hier in meiner Brust unaustilgbar, tiefer als in Stein und Erz gegraben ist, das soll mir ein Gericht aberkannt haben?! . . . Nicht so viel (er ließ den Daumen über dem Mittelfinger knallen) und nicht eine Sekunde lang würde mich solch ein Narrenspruch verzögern, mein Töchterchen auf diesen meinen Armen fortzutragen! . . . Wenn ich es nicht thue, wider die Stimme meines Herzens und meines Kopfes nicht thue, dem festen Entschluß, mit dem ich diese Stadt, dieses Haus betreten habe, zum Trotz nicht thue, so unterlass' ich es, weil ich kein Recht an Sie habe. Nicht das Recht, Sie mit mir zu nehmen, nicht das Recht, Sie, wenn auch wider Ihren Willen und mit Gewalt zur unfreiwilligen Mitschuldigen an einer That zu machen, die man Ihnen als Verbrechen anrechnen und die Sie selbst als ein Verbrechen betrachten würden. Verzeihen Sie mir, was ich vorhin, von der Freude des Wiedersehens, von der ungewohnten Wonne an meinem Kinde berauscht, Ihnen vorzuschlagen wagte. Es thut mir herzlich leid, ein so vortreffliches Wesen gekränkt zu haben, wenn auch nur in Worten, weiß Gott nicht in Gedanken! Verzeihen Sie mir . . . und versprechen Sie mir . . .«

30 »Ich habe Ihnen nichts zu versprechen,« unterbrach den Stockenden Sophie, »und Sie haben mir kein Versprechen abzunehmen!«

»Auch gut!« sagte Robert gelassen. »So will ich Ihnen etwas versprechen. Ich bin so glücklich darüber, daß Erna in Ihnen eine so tüchtige, so liebevolle, so treue Pflegerin ihrer Kindheit gefunden hat, ich fühle mich – wie Sie auch immer über diesen Ausdruck denken mögen – für Ihre hingebende Sorgfalt so sehr zu Danke verpflichtet, daß ich Ihnen von freien Stücken verspreche, alle Absichten väterlicher Eifersucht und männlicher Rache aufzugeben und nichts zu unternehmen, um mein Kind in meinen Besitz, in meine Obhut zu bringen, solange Sie bei dem Kinde bleiben und ich es in Ihrer Obhut wohlgeborgen weiß. Bleiben Sie bei meinem Kinde, so lang es Ihnen möglich ist! Ich bitte Sie darum. Und lassen Sie mich es zuweilen wiedersehen, wenn sich Ihre Gewissensskrupel gegen mein Recht gelegt und Ihre Meinungen über meinen Charakter zum Bessern geändert haben werden!«

»Wenn Sie darauf warten, mein Herr,« antwortete Sophie höhnisch, »so fürcht' ich, die Zeit wird Ihnen etwas lange werden. Aber auch ich habe die Geduld verloren und bitte Sie alles Ernstes, mich sofort zu verlassen.«

»Guten Abend also!« versetzte Robert und schickte sich wirklich an, zu gehen. Allein schon nahe der Thür, wandte er sich plötzlich noch einmal um, warf einen innigen Blick nach Erna, die über Sophiens Schulter dem Scheidenden ihre Händchen nachstreckte, schlang seine Arme um das Kind und bedeckte Wangen und Haar mit seinen Küssen. »Leb wohl, du Schatz! Leb wohl, mein kleines Herz!«

Sophie hatte nicht Zeit, auch wohl nicht den Willen gehabt, die Kleine diesem stürmischen Abschied zu liebe zur Erde zu setzen oder sonst aus den Händen zu geben. Und da Robert Leichtfuß auch gar nicht daran dachte, solches Entgegenkommen abzuwarten, so machte es sich ganz von selber, daß sich die Schweizerin zu ihrem Schrecken und Entsetzen in die heftige Umarmung Ernas miteinbegriffen und von der unsinnigen vatersfreudigen Kraft fest umschlossen fühlte, ohne sich dessen erwehren zu können.

Und wären es nur die Arme Roberts gewesen, die sie zu ihrem Verdruß um Rücken und Schultern fühlen mußte, sie hatte da wohl noch an ein unabsichtliches, in der Hitze des Gefühles entstandenes Versehen glauben können; aber, nachdem sie auf Ernas Wangen und Stirne ein halb Dutzend der väterlichen Küsse dicht vor ihren Ohren hatte klatschen hören, fühlte 31 sie auf einmal – o nur allzudeutlich – einen herzhaften Kuß in ihren eigenen Haaren und hörte die wohlbekannte Stimme des schändlichen Menschen, der dabei sagte: »Lebe wohl, auch du, blonder Trotzkopf! Und auf Wiedersehen!«

Sophie schrie auf und duckte sich zur Erde, wie um sich vor einem zweiten Kuß zu retten. Aber Robert war fort. Den Schall seiner Tritte auf der Treppe verschlangen schmetternder Tusch und jubilierende Hochrufe, mit denen ein neuer Trinkspruch all andres Geräusch im Hause Meyer soeben triumphierend übertönte.

Die Schweizerin, die noch immer das kleine Wesen umschlungen hielt und sich eben noch verwundert in der leeren Malerwerkstatt umschaute, ward von dem gesellschaftlichen Jubel, der durch alle Dielen zu ihr heraufdröhnte und der ihrer eignen Stimmung so grell widersprach, seltsam betroffen. Es überlief ihr den Rücken.

Was ist ihnen nur geschehen dort unten, daß sie auf einmal gar so unmenschlich Vivat schreien? fragte sie stumm. Die Lebehochs wollten schier kein Ende nehmen.

Und dann hätte sie weinen mögen, wenn sie sich sagte, daß noch nie vordem eines Mannes Lippen ihr schönes Haar gestreift, und daß es nun der Mund dieses Unwürdigen gewesen, der ihren unberührten Scheitel keck entweiht hatte.

Sie dachte im Ernste darüber nach, ob sie sich die schönen blonden Haare, die jener mit seinem Kuß beleidigt hatte, und die sie nun ärgerten, nicht mit sühnender Schere abschneiden und verbrennen sollte. Und das wäre auch aller Wahrscheinlichkeit nach wirklich ausgeführt worden, wenn man ihr nicht gleich nach dem Erwachen am andern Morgen eine Nachricht mitgeteilt hätte, die – zu ihrer Ehre sei's gesagt – ihr Gemüt, wenn nicht mehr, so doch nachhaltiger in Aufregung versetzte als Roberts unerbetener Kuß.

Die Leute vom Gesinde fragten sie, ob sie denn den Jubel nicht vernommen, der gestern so gegen acht Uhr abends die Villa durchbraust hatte. Und als sie nach der Ursache so allgemeiner Freude sich nachträglich erkundigte, ward ihr der Bescheid, es wäre die Antwort der bewegten Gäste auf die Verkündigung des Herrn Geheimenrates gewesen, daß Frau Emma gestern über vierzehn Tage mit dem Freiherrn Horst von Wolkenfels am Altar die goldnen Ringe wechseln werde.


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