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Robert Guiskard

Heinrich von Kleist: Robert Guiskard - Kapitel 3
Quellenangabe
typedrama
booktitleRobert Guiskard
authorHeinrich von Kleist
year1994
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-006857-6
titleRobert Guiskard
pages49-50
created19990422
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1808
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Siebenter Auftritt

Die Vorigen ohne Robert.

Eine Stimme (aus dem Volk).
Ihr Himmelsscharen, ihr geflügelten,
So steht uns bei!

Eine andere.               Verloren ist das Volk!

Eine dritte.
Verloren ohne Guiskard rettungslos!

Eine vierte.
Verloren rettungslos!

Eine fünfte.                       Errettungslos,
In diesem meerumgebnen Griechenland! –

Der Greis (zu Abälard, mit erhobenen Händen).
Nein, sprich! Ist's wahr? – – Du Bote des Verderbens!
Hat ihn die Seuche wirklich angesteckt? –

Abälard (von dem Hügel herabsteigend).
Ich sagt' es euch, gewiß ist es noch nicht.
Denn weil's kein andres sichres Zeichen gibt
Als nur den schnellen Tod, so leugnet er's,
Ihr kennt ihn, wird's im Tode leugnen noch.
Jedoch dem Arzt, der Mutter ist's, der Tochter,
Dem Sohne selbst, ihr seht's, unzweifelhaft.

Der Greis.
Fühlt er sich kraftlos, Herr? Das ist ein Zeichen.

Der erste Krieger.
Fühlt er sein Innerstes erhitzt?

Der zweite.                                       Und Durst?

Der Greis.
Fühlt er sich kraftlos? Das erled'ge erst.

Abälard.
– Noch eben, da er auf dem Teppich lag,
Trat ich zu ihm und sprach: Wie geht's dir, Guiskard?
Drauf er: »Ei nun«, erwidert' er, »erträglich! –
Obschon ich die Giganten rufen möchte,
Um diese kleine Hand hier zu bewegen.«
Er sprach: »Dem Ätna wedelst du, laß sein!«
Als ihm von fern, mit einer Reiherfeder,
Die Herzogin den Busen fächelte;
Und als die Kaiserin, mit feuchtem Blick,
Ihm einen Becher brachte und ihn fragte,
Ob er auch trinken woll'? antwortet' er:
»Die Dardanellen, liebes Kind!« und trank.

Der Greis.
Es ist entsetzlich!

Abälard.                       Doch das hindert nicht,
Daß er nicht stets nach jener Kaiserzinne,
Die dort erglänzt, wie ein gekrümmter Tiger
Aus seinem offnen Zelt hinüberschaut.
Man sieht ihn still, die Karte in der Hand,
Entschlüss' im Busen wälzen, ungeheure,
Als ob er heut das Leben erst beträte.
Nessus und Loxias, den Griechenfürsten
– Gesonnen längst, ihr wißt, auf einen Punkt,
Die Schlüssel heimlich ihm zu überliefern
– Auf einen Punkt, sag ich, von ihm bis heut
Mit würdiger Hartnäckigkeit verweigert –,
Heut einen Boten sandt' er ihnen zu,
Mit einer Schrift, die diesen PunktDieser Punkt war (wie sich in der Folge ausgewiesen haben würde) die Forderung der Verräter in Konstantinopel: daß nicht die von dem Alexius Komnenes vertriebene Kaiserin von Griechenland im Namen ihrer Kinder, sondern Guiskard selbst die Krone ergreifen solle. bewilligt.
Kurz, wenn die Nacht ihn lebend trifft, ihr Männer,
Das Rasende, ihr sollt es sehn, vollstreckt sich,
Und einen Hauptsturm ordnet er noch an;
Den Sohn schon fragt' er, den die Aussicht reizt,
Was er von solcher Unternehmung halte?

Der Greis.
O möcht' er doch!

Der erste Krieger.       O könnten wir ihm folgen!

Der zweite Krieger.
O führt' er lang uns noch, der teure Held,
In Kampf und Sieg und Tod!

Abälard.                                         Das sag ich auch!
Doch eh' wird Guiskards Stiefel rücken vor
Byzanz, eh' wird an ihre ehrnen Tore
Sein Handschuh klopfen, eh' die stolze Zinne
Vor seinem bloßen Hemde sich verneigen,
Als dieser Sohn, wenn Guiskard fehlt, die Krone
Alexius, dem Rebellen dort, entreißen!

Achter Auftritt

Robert aus dem Zelt zurück. Die Vorigen.

Robert.
Normänner, hört's. Es hat der Guiskard sein
Geschäft beendigt, gleich erscheint er jetzt!

Abälard (erschrocken).
Erscheint? Unmöglich ist's!

Robert.                                         Dir, Heuchlerherz,
Deck ich den Schlei'r jetzt von der Mißgestalt!
(Wieder ab ins Zelt.)

Neunter Auftritt

Die Vorigen ohne Robert.

Der Greis.
O Abälard! O was hast du getan?

Abälard (mit einer fliegenden Blässe).
Die Wahrheit sagt' ich euch, und dieses Haupt
Verpfänd ich kühn der Rache, täuscht' ich euch!
Als ich das Zelt verließ, lag hingestreckt
Der Guiskard, und nicht eines Gliedes schien
Er mächtig. Doch sein Geist bezwingt sich selbst
Und das Geschick, nichts Neues sag ich euch!

Ein Knabe (halb auf den Hügel gestiegen).
Seht her, seht her! Sie öffnen schon das Zelt!

Der Greis.
O du geliebter Knabe, siehst du ihn?
Sprich, siehst du ihn?

Der Knabe.                         Wohl, Vater, seh ich ihn!
Frei in des Zeltes Mitte seh ich ihn!
Der hohen Brust legt er den Panzer um!
Dem breiten Schulternpaar das Gnadenkettlein!
Dem weitgewölbten Haupt drückt er, mit Kraft,
Den mächtig-wankend-hohen Helmbusch auf!
Jetzt seht, o seht doch her! – Da ist er selbst!

Zehnter Auftritt

Guiskard tritt auf. Die Herzogin, Helena, Robert, Gefolge hinter ihm. Die Vorigen.

Das Volk (jubelnd).
Triumph! Er ist's! Der Guiskard ist's! Leb hoch!

(Einige Mützen fliegen in die Höhe.)

Der Greis (noch während des Jubelgeschreies).
O Guiskard! Wir begrüßen dich, o Fürst!
Als stiegst du uns von Himmelshöhen nieder!
Denn in den Sternen glaubten wir dich schon – –!

Guiskard (mit erhobener Hand).
Wo ist der Prinz, mein Neffe?

(Allgemeines Stillschweigen.)

Tritt hinter mich.

(Der Prinz, der sich unter das Volk gemischt hatte, steigt auf den Hügel und stellt sich hinter Guiskard, während dieser ihn unverwandt mit den Augen verfolgt.)

Hier bleibst du stehn, und lautlos. – Du verstehst mich?
– Ich sprech nachher ein eignes Wort mit dir.
(Er wendet sich zum Greise.)
Du führst, Armin, das Wort für diese Schar?

Der Greis.
Ich führ's, mein Feldherr!

Guiskard (zum Ausschuß).       Seht, als ich das hörte,
Hat's lebhaft mich im Zelt bestürzt, ihr Leute!
Denn nicht die schlechtsten Männer seh ich vor mir,
Und nichts Bedeutungsloses bringt ihr mir,
Und nicht von einem Dritten mag ich's hören,
Was euch so dringend mir vors Antlitz führt. –
Tu's schnell, du alter Knabe, tu mir's kund!
Ist's eine neue Not? Ist es ein Wunsch?
Und womit helf ich? Oder tröst ich? Sprich!

Der Greis.
Ein Wunsch, mein hoher Herzog, führt uns her.
Jedoch nicht ihm gehört, wie du wohl wähnst,
Der Ungestüm, mit dem wir dein begehrt,
Und sehr beschämen würd' uns deine Milde,
Wenn du das glauben könntest von der Schar.
Der Jubel, als du aus dem Zelte tratst,
Von ganz was anderm, glaub es, rührt er her:
Nicht von der Lust bloß, selbst dich zu erblicken;
Ach, von dem Wahn, du Angebeteter!
Wir würden nie dein Antlitz wiedersehn;
Von nichts Geringerm als dem rasenden
Gerücht, daß ich's nur ganz dir anvertraue,
Du, Guiskard, seist vom Pesthauch angeweht –!

Guiskard (lachend).
Vom Pesthauch angeweht! Ihr seid wohl toll, ihr!
Ob ich wie einer ausseh, der die Pest hat?
Der ich in Lebensfüll' hier vor euch stehe?
Der seiner Glieder jegliches beherrscht?
Des reine Stimme aus der freien Brust
Gleich dem Geläut der Glocken euch umhallt?
Das läßt der Angesteckte bleiben, das!
Ihr wollt mich, traun! mich Blühenden, doch nicht
Hinschleppen zu den Faulenden aufs Feld?
Ei, was zum Henker, nein! Ich wehre mich
Im Lager hier kriegt ihr mich nicht ins Grab:
In Stambul halt ich still, und eher nicht!

Der Greis.
O du geliebter Fürst! Dein heitres Wort
Gibt uns ein aufgegebnes Leben wieder!
Wenn keine Gruft doch wäre, die dich deckte!
Wärst du unsterblich doch, o Herr! unsterblich,
Unsterblich, wie es deine Taten sind!

Guiskard.
– Zwar trifft sich's seltsam just, an diesem Tage,
Daß ich so lebhaft mich nicht fühl als sonst:
Doch nicht unpäßlich möcht' ich nennen das,
Viel wen'ger pestkrank! Denn was weiter ist's,
Als nur ein Mißbehagen, nach der Qual
Der letzten Tage, um mein armes Heer.

Der Greis.
So sagst du

Guiskard (ihn unterbrechend).
                    's ist der Red' nicht wert, sag ich!
Hier diesem alten Scheitel, wißt ihr selbst,
Hat seiner Haare keins noch weh getan!
Mein Leib ward jeder Krankheit mächtig noch.
Und wär's die Pest auch, so versichr' ich euch:
An diesen Knochen nagt sie selbst sich krank!

Der Greis.
Wenn du doch, mindestens von heute an,
Die Kranken unsrer Sorge lassen wolltest!
Nicht einer ist, o Guiskard, unter ihnen,
Der hülflos nicht, verworfen lieber läge,
Jedwedem Übel sterbend ausgesetzt,
Als daß er Hülf' von dir, du einziger,
Du Ewig-Unersetzlicher, empfinge,
In immer reger Furcht, den gräßlichsten
Der Tode dir zum Lohne hinzugeben.

Guiskard .
Ich hab's, ihr Leut', euch schon so oft gesagt,
Seit wann denn gilt mein Guiskardswort nicht mehr?
Kein Leichtsinn ist's, wenn ich Berührung nicht
Der Kranken scheue, und kein Ohngefähr,
Wenn's ungestraft geschieht. Es hat damit
Sein eigenes Bewenden – kurz, zum Schluß:
Furcht meinetwegen spart! –
                                              Zur Sache jetzt!
Was bringst du mir? sag an! Sei kurz und bündig;
Geschäfte rufen mich ins Zelt zurück.

Der Greis (nach einer kurzen Pause).
Du weißt's, o Herr! du fühlst es so wie wir –
Ach, auf wem ruht die Not so schwer als dir?
In dem entscheidenden Moment, da schon – –

(Guiskard sieht sich um, der Greis stockt.)

Die Herzogin (leise).
Willst du –?

Robert.                 Begehrst du –?

Abälard.                                         Fehlt dir –?

Die Herzogin.                                                   Gott im Himmel!

Abälard .
Was ist?

Robert.           Was hast du?

Die Herzogin.                       Guiskard! Sprich ein Wort!

(Die Kaiserin zieht eine große Heerpauke herbei und schiebt sie hinter ihn.)

Guiskard (indem er sich sanft niederläßt, halblaut).
Mein liebes Kind! –
                                  Was also gibt's, Armin?
Bring deine Sache vor, und laß es frei
Hinströmen, bange Worte lieb ich nicht!

(Der Greis sieht gedankenvoll vor sich nieder.)

Eine Stimme (aus dem Volk).
Nun, was auch säumt er?

Eine andere.                           Alter, du! So sprich.

Der Greis (gesammelt).
Du weißt's, o Herr – und wem ist's so bekannt?
Und auf wem ruht des Schicksals Hand so schwer?
Auf deinem Fluge rasch, die Brust voll Flammen,
Ins Bett der Braut, der du die Arme schon
Entgegenstreckst zu dem Vermählungsfest,
Tritt, o du Bräutigam der Siegesgöttin,
Die Seuche grauenvoll dir in den Weg –!
Zwar du bist, wie du sagst, noch unberührt;
Jedoch dein Volk ist, deiner Lenden Mark,
Vergiftet, keiner Taten fähig mehr,
Und täglich, wie vor Sturmwind Tannen, sinken
Die Häupter deiner Treuen in den Staub.
Der Hingestreckt' ist's auferstehungslos,
Und wo er hinsank, sank er in sein Grab.
Er sträubt, und wieder, mit unsäglicher
Anstrengung sich empor: es ist umsonst!
Die giftgeätzten Knochen brechen ihm,
Und wieder nieder sinkt er in sein Grab.
Ja, in des Sinns entsetzlicher Verwirrung,
Die ihn zuletzt befällt, sieht man ihn scheußlich
Die Zähne gegen Gott und Menschen fletschen,
Dem Freund, dem Bruder, Vater, Mutter, Kindern,
Der Braut selbst, die ihm naht, entgegenwütend.

Die Herzogin (indem sie an der Tochter Brust niedersinkt).
O Himmel!

Helena.               Meine vielgeliebte Mutter!

Guiskard (sich langsam umsehend).
Was fehlet ihr?

Helena (zögernd).
                          Es scheint –

Guiskard .                                       Bringt sie ins Zelt!

(Helena führt die Herzogin ab.)

Der Greis.
Und weil du denn die kurzen Worte liebst:
O führ uns fort aus diesem Jammertal!
Du Retter in der Not, der du so manchem
Schon halfst, versage deinem ganzen Heere
Den einz'gen Trank nicht, der ihm Heilung bringt,
Versag uns nicht Italiens Himmelslüfte,
Führ uns zurück, zurück, ins Vaterland!

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