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Gutenberg > Heinrich von Kleist >

Robert Guiskard

Heinrich von Kleist: Robert Guiskard - Kapitel 2
Quellenangabe
typedrama
booktitleRobert Guiskard
authorHeinrich von Kleist
year1994
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-006857-6
titleRobert Guiskard
pages49-50
created19990422
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1808
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Erster Auftritt

Ein Ausschuß von Normännern tritt auf, festlich im Kriegsschmuck. Ihn begleitet Volk jeden Alters und Geschlechts.

Das Volk (in unruhiger Bewegung).
Mit heißem Segenswunsch, ihr würd'gen Väter,
Begleiten wir zum Zelte Guiskards euch!
Euch führt ein Cherub an, von Gottes Rechten,
Wenn ihr den Felsen zu erschüttern geht,
Den angstempört die ganze Heereswog'
Umsonst umschäumt! Schickt einen Donnerkeil
Auf ihn hernieder, daß ein Pfad sich uns
Eröffne, der aus diesen Schrecknissen
Des greulerfüllten Lagerplatzes führt!
Wenn er der Pest nicht schleunig uns entreißt,
Die uns die Hölle grausend zugeschickt,
So steigt der Leiche seines ganzen Volkes
Dies Land ein Grabeshügel aus der See!
Mit weit ausgreifenden Entsetzensschritten
Geht sie durch die erschrocknen Scharen hin,
Und haucht von den geschwollnen Lippen ihnen
Des Busens Giftqualm in das Angesicht!
Zu Asche gleich, wohin ihr Fuß sich wendet,
Zerfallen Roß und Reuter hinter ihr,
Vom Freund den Freund hinweg, die Braut vom Bräut'gam,
Vom eignen Kind hinweg die Mutter schreckend!
Auf eines Hügels Rücken hingeworfen,
Aus ferner Öde jammern hört man sie,
Wo schauerliches Raubgeflügel flattert
Und den Gewölken gleich, den Tag verfinsternd,
Auf die Hülflosen kämpfend niederrauscht!
Auch ihn ereilt, den Furchtlos-Trotzenden,
Zuletzt das Scheusal noch, und er erobert,
Wenn er nicht weicht, an jener Kaiserstadt
Sich nichts als einen prächt'gen Leichenstein!
Und statt des Segens unsrer Kinder setzt
Einst ihres Fluches Mißgestalt sich drauf,
Und heul'nd aus ehrner Brust Verwünschungen
Auf den Verderber ihrer Väter hin,
Wühlt sie das silberne Gebein ihm frech
Mit hörnern Klauen aus der Erd' hervor!

Zweiter Auftritt

Ein Greis tritt auf. Die Vorigen.

Ein Krieger.
Komm her, Armin, ich bitte dich.

Ein anderer.                                         Das heult,
Gepeitscht vom Sturm der Angst, und schäumt und gischt,
Dem offnen Weltmeer gleich.

Ein dritter.                                     Schaff Ordnung hier!
Sie wogen noch das Zelt des Guiskard um.

Der Greis (zum Volk).
Fort hier mit dem, was unnütz ist! Was soll's
Mit Weibern mir und Kindern hier? Den Ausschuß,
Die zwölf bewehrten Männer braucht's, sonst nichts.

Ein Normann (aus dem Volk).
Laß uns –

Ein Weib.         Laß jammernd uns –

Der Greis.                                         Hinweg! sag ich.
Wollt ihr etwa, ihr scheint mir gut gestimmt,
Das Haupt ihm der Rebellion erheben?
Soll ich mit Guiskard reden hier, wollt ihr's?

Der Normann.
Du sollst, du würd'ger Greis, die Stimme führen,
Du einziger, und keiner sonst. Doch wenn er
Nicht hört, der Unerbittliche, so setze
Den Jammer dieses ganzen Volks, setz ihn
Gleich einem erznen Sprachrohr an und donnre,
Was seine Pflicht sei, in die Ohren ihm –!
Wir litten, was ein Volk erdulden kann.

Der erste Krieger.
Schaut! Horcht!

Der zweite.               Das Guiskardszelt eröffnet sich –

Der dritte.
Sieh da – die Kaiserin von Griechenland!

Der erste.
Nun, diesen Zufall, Freunde, nenn ich günstig!
Jetzt bringt sich das Gesuch gleich an.

Der Greis.                                                     Still denn!
Daß keiner einen Laut mir wagt! Ihr hört's,
Dem Flehn will ich, ich sag es noch einmal,
Nicht der Empörung meine Stimme leihn.

Dritter Auftritt

Helena tritt auf. Die Vorigen.

Helena.
Ihr Kinder, Volk des besten Vaters, das
Von allen Hügeln rauschend niederströmt,
Was treibt mit so viel Zungen euch, da kaum
Im Osten sich der junge Tag verkündet,
Zu den Zypressen dieses Zeltes her?
Habt ihr das ernste Kriegsgesetz vergessen,
Das Stille in der Nacht gebeut, und ist
Die Kriegersitt' euch fremd, daß euch ein Weib
Muß lehren, wie man dem Bezirk sich naht,
Wo sich der kühne Schlachtgedank' ersinnt?
Ist das, ihr ew'gen Mächte dort, die Liebe,
Die eurer Lippe stets entströmt, wenn ihr
Den Vater mir, den alten, trefflichen,
Mit Waffenklirrn und lautem Namensruf
Emporschreckt aus des Schlummers Arm, der eben
Auf eine Morgenstund' ihn eingewiegt?
Ihn, der, ihr wißt's, drei schweißerfüllte Nächte
Auf offnem Seuchenfelde zugebracht,
Verderben, wütendem, entgegenkämpfend,
Das ringsum ein von allen Seiten bricht! –
Traun! Dringendes, was es auch immer sei,
Führt euch hierher, und hören muß ich es;
Denn Männer eurer Art, sie geben doch
Stets was zu denken, wenn sie etwas tun.

Der Greis.
Erhabne Guiskardstochter, du vergibst uns!
Wenn dieser Ausschuß hier, vom Volk begleitet,
Ein wenig überlaut dem Zelt genaht,
So straft es mein Gefühl: doch dies erwäge,
Wir glaubten Guiskard nicht im Schlummer mehr.
Die Sonne steht, blick auf, dir hoch im Scheitel,
Und seit der Normann denkt, erstand sein Haupt
Um Stunden, weißt du, früher stets als sie.
Not führt uns, länger nicht erträgliche,
Auf diesen Vorplatz her, und seine Kniee,
Um Rettung jammernd, werden wir umfassen;
Doch wenn der Schlaf ihn jetzt noch, wie du sagst,
In Armen hält, ihn, den endlose Mühe
Entkräftet auf das Lager niederwarf:
So harren wir in Ehrfurcht lautlos hier,
Bis er das Licht begrüßet, mit Gebet
Die Zeit für seine Heiterkeit erfüllend.

Helena.
Wollt ihr nicht lieber wiederkehren, Freunde?
Ein Volk, in so viel Häuptern rings versammelt,
Bleibt einem Meere gleich, wenn es auch ruht,
Und immer rauschet seiner Wellen Schlag.
Stellt euch, so wie ihr seid, in Festlichkeit
Bei den Panieren eures Lagers auf:
Sowie des Vaters erste Wimper zuckt,
Den eignen Sohn send ich, und meld es euch.

Der Greis.
Laß, laß uns, Teuerste! Wenn dich kein andrer
Verhaltner Grund bestimmt, uns fortzuschicken:
Für deines Vaters Ruhe sorge nicht.
Sieh, deines holden Angesichtes Strahl
Hat uns beschwichtiget: die See fortan,
Wenn rings der Winde muntre Schar entflohn,
Die Wimpel hängen von den Masten nieder,
Und an dem Schlepptau wird das Schiff geführt:
Sie ist dem Ohr vernehmlichen als wir.
Vergönn uns, hier auf diesem Platz zu harren,
Bis Guiskard aus dem Schlafe auferwacht.

Helena.
Gut denn. Es sei, ihr Freund'. Und irr ich nicht,
Hör ich im Zelt auch seine Schritte schon. (Ab.)

Vierter Auftritt

Die Vorigen ohne Helena.

Der Greis.
Seltsam!

Der erste Krieger.
                Jetzt hört sie seinen Tritt im Zelte,
Und eben lag er noch im festen Schlaf.

Der zweite.
Es schien, sie wünschte unsrer los zu sein.

Der dritte.
Beim Himmel, ja; das sag ich auch. Sie ging
Um diesen Wunsch herum, mit Worten wedelnd:
Mir fiel das Sprichwort ein vom heißen Brei.

Der Greis.
– Und sonst schien es, sie wünschte, daß wir nahten.

Fünfter Auftritt

Ein Normann tritt auf. Die Vorigen.

Der Normann (dem Greise winkend).
Armin!

Der Greis.   Gott grüß' dich, Franz! Was gibt's?

Der Normann (dem ersten Krieger, ebenso).     Maria!

Der erste Krieger.
Bringst du was Neues?

Der Normann.                       – Einen Gruß von Hause.
Ein Wandrer aus Kalabrien kam an.

Der Greis.
So! Aus Neapel?

Der erste Krieger.       – Was siehst du so verstört dich um?

Der Normann (die beiden Männer bei der Hand fassend).
Verstört? Ihr seid wohl toll? Ich bin vergnügt.

Der Greis.
Mann! Deine Lipp' ist bleich. Was fehlt dir? Rede!

Der Normann (nachdem er sich wieder umgesehen).
Hört. Aber was ihr hört, auch nicht mit Mienen
Antwortet ihr, viel weniger mit Worten.

Der Greis.
Mensch, du bist fürchterlich. Was ist geschehn?

Der Normann (laut zu dem Volk, das ihn beobachtet).
Nun, wie auch steht's? Der Herzog kommt, ihr Freunde?

Einer (aus dem Haufen).
Ja, wir erhoffen's.

Ein anderer.                 Die Kaiserin will ihn rufen.

Der Normann (geheimnisvoll, indem er die beiden Männer vorführt).
Da ich die Wache heut, um Mitternacht,
Am Eingang hier des Guiskardszeltes halte,
Fängt's plötzlich jammervoll zu stöhnen drin,
Zu ächzen an, als haucht' ein kranker Löwe
Die Seele von sich. Drauf sogleich beginnt
Ein ängstlich heftig Treiben, selber wecket
Die Herzogin sich einen Knecht, der schnell
Die Kerzenstöcke zündet, dann hinaus
Stürzt aus dem Zelt. Nun auf sein Rufen schießt
Die ganze Sippschaft wildverstört herbei:
Die Kaiserin, im Nachtgewand, die beiden
Reichsprinzen an der Hand; des Herzogs Neffe,
In einen Mantel flüchtig eingehüllt;
Der Sohn, im bloßen Hemde fast; zuletzt –
Der Knecht, mit einem eingemummten Dinge, das,
Auf meine Frag', sich einen Ritter nennt.
Nun zieht mir Weiberröcke an, so gleich
Ich einer Jungfrau ebenso und mehr;
Denn alles, Mantel, Stiefeln, Pickelhaube,
Hing an dem Kerl wie an dem Nagelstift.
Drauf faß ich, schon von Ahndungen beklemmt,
Beim Ärmel ihn, dreh ihm das Angesicht
Ins Mondenlicht, und nun erkenn ich – wen?
Des Herzogs Leibarzt, den Jeronimus.

Der Greis.
Den Leibarzt, was!

Der erste Krieger.         Ihr Ewigen!

Der Greis.                                           Und nun
Meinst du, er sei unpäßlich, krank vielleicht –?

Der erste Krieger.
Krank? Angesteckt –!

Der Greis (indem er ihm den Mund zuhält).
                                    Daß du verstummen müßtest!

Der Normann (nach einer Pause voll Schrecken).
Ich sagt' es nicht. Ich geb's Euch zu erwägen.

(Robert und Abälard lassen sich, miteinander sprechend, im Eingang des Zeltes sehn.)

Der erste Krieger.
Das Zelt geht auf! Die beiden Prinzen kommen!

Sechster Auftritt

Robert und Abälard treten auf. Die Vorigen.

Robert (bis an den Rand des Hügels vorschreitend).
Wer an der Spitze stehet dieser Schar,
Als Wortesführer, trete vor.

Der Greis.                                     Ich bin's.

Robert.
Du bist's! – Dein Geist ist jünger als dein Haupt,
Und deine ganze Weisheit steckt im Haar!
Dein Alter steht, du Hundertjähr'ger, vor dir,
Du würdest sonst nicht ohne Züchtigung
Hinweg von deines Prinzen Antlitz gehn.
Denn eine Jünglingstat hast du getan,
Und scheinst, fürwahr! der wackre Hausfreund nicht,
Der einst die Wiege Guiskards hütete,
Wenn du als Führer dieser Schar dich beutst,
Die mit gezückten Waffen hellen Aufruhrs,
Wie mir die Schwester sagt, durchs Lager schweift,
Und mit lautdonnernden Verwünschungen,
Die aus dem Schlaf der Gruft ihn schrecken könnten,
Aus seinem Zelt hervor den Feldherrn fordert.
Ist's wahr? Was denk ich? Was beschließ ich? – Sprich!

Der Greis.
Wahr ist's, daß wir den Feldherrn forderten;
Doch daß wir's donnernd, mit Verwünschungen
Getan, hat dir die Schwester nicht gesagt,
Die gegen uns, solang ich denken kann,
Wohlwollend war und wahrhaft gegen dich!
In meinem Alter wüßtest du es nicht,
Wie man den Feldherrn ehrt, wohl aber ich
Gewiß in deinem, was ein Krieger sei.
Geh hin zu deinem Vater und horch auf,
Wenn du willst wissen, wie man mit mir spricht;
Und ich, vergäß' ich redend ja, was ich
Dir schuldig, will danach schamrot bei meinen
Urenkeln mich erkundigen: denn die,
In Windeln haben sie's von mir gelernt.
Mit Demut haben wir, wie's längst, o Herr!
Im Heer des Normanns Brauch und Sitte war,
Gefleht, daß Guiskard uns erscheinen möge;
Und nicht das erstemal wär's, wenn er uns
In Huld es zugestände, aber, traun!
Wenn er's uns, so wie du, verweigerte.

Robert.
Ich höre dich, du grauer Tor, bestät'gen,
Was deine Rede widerlegen soll.
Denn eines Buben Keckheit würde nicht
Verwegner als dein ungebändigtes
Gemüt sich zeigen. Lernen mußt du's doch
Noch, was gehorchen sei, und daß ich es
Dich lehren kann, das höre gleich. Du hättest
Auf meine Rüge, ohne Widerrede,
Die Schar sogleich vom Platze führen sollen;
Das war die Antwort einzig, die dir ziemte;
Und wenn ich jetzt befehle, daß du gehst,
So tust du's, hoff ich, nach der eignen Lehre,
Tust's augenblicklich, lautlos, tust es gleich!

Abälard.
Mit Zürnen seh ich dich und mit Befehlen
Freigebiger, als es dein Vater lehrt;
Und unbefremdet bin ich, nimmt die Schar
Kalt deine heißen Schmähungsworte auf;
Denn dem Geräusch des Tags vergleich ich sie,
Das keiner hört, weil's stets sich hören läßt.
Noch, find ich, ist nichts Tadelnswürdiges
Sogar geschehn, bis auf den Augenblick!
Daß kühn die Rede dieses Greises war
Und daß sie stolz war, steht nicht übel ihm,
Denn zwei Geschlechter haben ihn geehrt,
Und eine Spanne von der Gruft soll nicht
Des dritten einer ihn beleidigen.
Wär' mein das kecke Volk, das dir mißfällt,
Ich möcht' es anders wahrlich nicht, als keck;
Denn seine Freiheit ist des Normanns Weib,
Und heilig wäre mir das Ehepaar,
Das mir den Ruhm im Bette zeugt der Schlacht.
Das weiß der Guiskard wohl und mag es gern,
Wenn ihm der Krieger in den Mähnen spielt;
Allein der glatte Nacken seines Sohnes,
Der schüttelt gleich sich, wenn ihm eins nur naht.
Meinst du, es könne dir die Normannskrone
Nicht fehlen, daß du dich so trotzig zeigst?
Durch Liebe, hör es, mußt du sie erwerben,
Das Recht gibt sie dir nicht, die Liebe kann's!
Allein von Guiskard ruht kein Funk' auf dir,
Und diesen NamenGuiskard heißt Schlaukopf, ein Zuname, den die Normänner dem Herzog gaben. mindstens erbst du nicht;
Denn in der Stunde, da es eben gilt,
Schlägst du sie schnöd' ins Angesicht, die jetzt
Dich auf des Ruhmes Gipfel heben könnten.
Doch ganz verlassen ist, wie du wohl wähnst,
Das Normannsheer, ganz ohne Freund noch nicht,
Und bist du's nicht, wohlan, ich bin es gern.
Zu hören, was der Flehende begehrt,
Ist leicht, Erhörung nicht, das Hören ist's:
Und wenn dein Feldherrnwort die Schar vertreibt,
Meins will, daß sie noch bleib'! – Ihr hört's, ihr Männer!
Ich will vor Guiskard es verantworten.

Robert (mit Bedeutung, halblaut).
Dich jetzt erkenn ich, und ich danke dir,
Als meinen bösen Geist! – Doch ganz gewonnen
Ist, wie geschickt du's führst, noch nicht dein Spiel.
– Willst du ein Beispiel sehn, wie sicher meins,
Die Karten mögen liegen, wie sie wollen?

Abälard.
Was willst du?

Robert.                     Nun, merk nur auf: Du sollst's gleich fassen;
(Er wendet sich zum Volk.)
Ihr Guiskardssöhne, die mein Wort vertreibt
Und seines schmeichlerisch hier fesseln soll,
Euch selber ruf ich mir zu Richtern auf!
Entscheiden sollt ihr zwischen mir und ihm
Und übertreten ein Gebot von zwein.
Und keinen Laut mehr feig setz ich hinzu:
Des Herrschers Sohn, durch Gottes Gunst, bin ich,
Ein Prinz der, von dem Zufall groß gezogen:
Das Unerhörte will ich bloß erprüfen,
Erprüfen, ob sein Wort gewichtiger
In eurer Seelen Waage fällt als meins!

Abälard.
Des Herrschers Sohn? – Der bin ich so wie du!
Mein Vater saß vor deinem auf dem Thron!
Er tat's mit seinem Ruhm, tat's mit mehr Recht:
Und näher noch verwandt ist mir das Volk,
Mir, Ottos Sohn, gekrönt vom Erbgesetz,
Als dir – dem Sohne meines Vormunds bloß,
Bestimmt von dem, mein Reich nur zu verwaltenWilhelm von der Normandie, Stifter des Normannerstaates in Italien, hatte drei Brüder, die einander, in Ermangelung der Kinder, rechtmäßig in der Regierung folgten. Abälard, der Sohn des dritten, ein Kind, als derselbe starb, hätte nun zum Regenten ausgerufen werden sollen; doch Guiskard, der vierte Bruder, von dem dritten zum Vormund eingesetzt – sei es, weil die Folgereihe der Brüder für ihn sprach, sei es, weil das Volk ihn sehr liebte, ward gekrönt, und die Mittel, die angewendet wurden, dies zu bewerkstelligen, vergessen. – Kurz, Guiskard war seit dreißig Jahren als Herzog und Robert als Thronerbe anerkannt. – Diese Umstände liegen wenigstens hier zum Grunde. ! –
Und nun, wie du's begehrt, so ist's mir recht.
Entscheidet, Männer, zwischen mir und ihm.
Auf mein Geheiß zu bleiben, steht euch frei,
Und wollt ihr, sprecht, als wär' ich Otto selbst.

Der Greis.
Du zeigst, o Herr, dich deines Vaters wert,
Und jauchzen wahrlich, in der Todesstunde,
Würd' einst dein Oheim, unser hoher Fürst,
Wär' ihm ein Sohn geboren, so wie du.
Dein Anblick, sieh, verjüngt mich wunderbar;
Denn in Gestalt und Red' und Art dir gleich,
Wie du, ein Freund des Volks, jetzt vor uns stehst,
Stand Guiskard einst, als Otto hingegangen,
Des Volkes Abgott, herrlich vor uns da!
Nun jeder Segen schütte, der in Wolken
Die Tugenden umschwebt, sich auf dich nieder
Und ziehe deines Glückes Pflanze groß!
Die Gunst des Oheims, laß sie, deine Sonne,
Nur immer, wie bis heute, dich bestrahlen:
Das, was der Grund vermag, auf dem sie steht,
Das, zweifle nicht, o Herr, das wird geschehn! –
Doch eines Düngers, mißlichen Geschlechts,
Bedarf es nicht, vergib, um sie zu treiben;
Der Acker, wenn es sein kann, bleibe rein.
In manchem andern Wettstreit siegest du,
In diesem einen, Herr, stehst du ihm nach;
Und weil dein Feldherrnwort erlaubend bloß,
Gebietend seins, so gibst du uns wohl zu,
Daß wir dem dringenderen hier gehorchen.
(Zu Robert, kalt.)
Wenn du befiehlst zu gehn, wir trotzen nicht.
Du bist der Guiskardssohn, das ist genug!
Sag, ob wir wiederkommen dürfen, sag
Uns wann, so führ ich diese Schar zurück.

Robert (seine Verlegenheit verbergend).
Kehrt morgen wieder. – Oder heut, ihr Freunde.
Vielleicht zu Mittag, wenn's die Zeit erlaubt. – –
– Ganz recht. So geht's. Ein ernst Geschäft hält eben
Den Guiskard nur auf eine Stunde fest;
Will er euch sprechen, wenn es abgetan,
Wohlan, so komm ich selbst und ruf euch her.

Abälard.
Tust du doch mit dem Heer, als wär's ein Weib,
Ein schwangeres, das niemand schrecken darf!
Warum hehlst du die Wahrheit? Fürchtest du
Die Niederkunft? – – (Zum Volk gewandt.)
                                    Der Guiskard fühlt sich krank.

Der Greis (erschrocken).
Beim großen Gott des Himmels und der Erde,
Hat er die Pest?

Abälard.                     Das nicht. Das fürcht ich nicht –
Obschon der Arzt Besorgnis äußert: ja.

Robert.
Daß dir ein Wetterstrahl aus heitrer Luft
Die Zunge lähmte, du Verräter, du!
(Ab ins Zelt.)

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