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Ritter, Tod und Teufel

Hans Frhr. von Hammerstein: Ritter, Tod und Teufel - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleRitter, Tod und Teufel
authorHans Freiherrn von Hammerstein
year1921
firstpub1921
publisherC. F. Amelangs Verlag
addressLeipzig
titleRitter, Tod und Teufel
pages434
created20181004
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Brandenstein

Auf dem Brandenstein bollen die Hunde.

In der schrägen Talrinne, die, vom Dörfchen Elm ostwärts heraufsteigend, den Vorsprung des Schloßberges von den nördlich vorgelagerten Höhen des Ebertsberges und Escheberges abdrängt, stand bei einem fließenden Brunnen ein buckliges Männlein und ließ eine Butte voll Wasser laufen. Zwei Esel mit Traggerüsten auf dem Rücken warteten geduldig nebenbei und rupften grünende Kräutlein vom Rain der steinigen Burgstraße. Während die schwache Quelle langsam gurgelnd das erste Behältnis füllte – drei ebenso große harrten noch der Füllung am Brunnenrand – sah der Bucklige in der Gegend herum. Listige Schlitzaugen wohnten ihm über der aufgeworfenen Stumpfnase, deren Kürze im Gesicht ein überlanges Kinn ausglich. Er blinzelte zur wettergrauen Nordseite der Burg hinauf, die steil oben gegen einen silberig durchscheinenden Regenhimmel auf der kahlen Bergnase hingestreckt lag: gegen Osten, wo der Rücken mit einer sanften Einsattelung vom Escheberg abzweigt, zuvörderst aus Felsgrund erwachsend der hohe Bau der zweistöckigen Kemenate mit wenigen kleinen Fenstern im unbeworfenen, düstern Bruchsteingemäuer und jähem Schindeldach, hier von der Schmalseite zu sehen mit einem eckig ausladenden Erkerbau gegen den Berg hin und einem geduckten, runden Turmdach nach der Hofseite, anstoßend niederer die langen Nebengebäude mit einem wieder stockhoch steigenden Querbau, der, einen stämmigen Wehrturm aufreckend, die 82 innere Burg abschloß, dann um eine Stufe tiefer die Mauern und Stadel der Vorburg an den westlichen Niederstieg der Höhe hinausgeschoben. Da, wo es den Absatz von der inneren zur äußeren Burg macht, sprang hinter der auseckenden Mauer des Grabenzwingers das wilde Hundegebell hervor, züngelte heiß und lechzend an dem verwitterten Turm hinauf und trieb mit dem seufzenden Nordwestwind über die scharfen Giebel ins Land hinaus.

Ihm wurde Antwort drüben von der Berglehne, wo unter den alten Eichen, die zwischen verstreuten Felstrümmern in lichten Abständen den Grashang überwölbten, jetzt eine Schafherde wollig drängend hinwimmelte. Aufgeregt lief der Wolfshund um den schmutziggelben Haufen herum, stieß mit der spitzen Nase die abirrenden Lämmer zurück, blieb wieder stehen und bellte aufheulend zur Burg hinüber, als vermute er nichts Gutes in dem Zorn der eingesperrten Genossen. Der Eseltreiber nickte grinsend zum Schäfer hinauf, der den Hund anrief und langsam niederzog.

»Guten Morche, Meinrad,« rief er ihm zu und setzte die nächste Butte unter den Brunnen.

Der Schäfer kam herbei und blieb auf die Schippe gestützt stehen.

»Morche, Nickel! Hast wieder arg Plag mit 'm Wasser,« sprach er, den Buckligen unter der spitz vorstoßenden Mützenkrempe mit klugen Braunaugen anblickend. Ein graues Bartkränzlein, von Ohr zu Ohr unterm Kinn verlaufend, umgab sein ruhiges Faltengesicht.

»Was Plag?« versetzte der andere. »Nit mehr Plag, als du mit 'm Hüte. Ich und meine zween Eslein, wir lebe halt fürs Wasserschlebbe. Hätt's ein Brunne obe, wir wäre nit da.«

Der Schäfer drauf lächelnd: »Ist halt schlimm, daß die im Schloß drei Esel fürs Wasser halte müsse.«

Der Nickel: »Du bist gar ein weiser Mann, Meinrad. Von dir laß ich mr den Esel scho gfalle. Weißt nix Neus?«

Der Schäfer: »Wie wüßt ich was Neus? Vom Dorf rauf und runter ist mein Weg. Mal zum Ebertsberg nauf, mal in den Burgfriede rein, mal zum Giebel nüber – Gott sei gelobt, daß es da rum nix Neus gibt.« 83

Der Nickel, die letzte Butte unters Rohr stellend, mit schlauem Blinzeln: »Aber der Schäfer von Elm weiß allemal was, was andere Leut nit wisse, so sage d' Leut.«

Der Schäfer pfiff dem Hund. »Ich dächt, heut wüßtst du mehr,« sprach er und sah den Nickel forschend an. »Ihr habt Gäst obe, hör ich.«

Der Nickel: »Ja, drum schlebbe wirs doppelte Wasser heut. Sind zwo Frauen aus Nürnberg, müsse gar feine Leut sein, weil so viel Wasser her muß.«

Er hing je zwei der gefüllten Butten den Eseln an die Tragsättel. Die Tiere legten erst mißmutig die langen Ohren zurück und begannen dann ohne weitere Aufforderung die Burgstraße hinaufzutrippeln.

»Na,« sprach der Schäfer, indem er sich zum Gehen anschickte, »da soll's wohl bald wieder Unfriede habe. Eine unruhige Zucht, die Junker! Wann 's kein Hader habe, ist ihne nit wohl. Bhüt Gott, Nickel, ich muß weiter. Meine Schaf gehn mer sonst gar ins Huttensche nüber.«

»Bhüt Gott, Meinrad,« erwiderte der Bucklige und schwang den Stecken hinter den Eseln her, die grasend sich am Berghang verweilten.

Der Schäfer zog bergwärts die Wiese hinan, der Eseltreiber nebenher die Straße weiter, die sich oben in der Sattelung verzweigte: ein Ast stieg an einem bebüschten Steinbruch vorbei den Escheberg hinauf, einer lief jenseits den Hang nieder ins östliche Tal, der dritte bog scharf nach Westen um zur Burg hinüber und führte erst durch ein altes Gemäuer, den Rest eines vor Jahrhunderten zerstörten und nicht wiederhergestellten Vorwerks, dann eine erhaltene Mauer, die ihn südseitig gegen die Berglehne grenzte, entlang auf das erste Tor zu.

Die Esel lenkten von selbst in diese Abzweigung ein und trabten an der Mauer fort, ihr Begleiter blieb stehn und blickte ins Tal hinunter, das, im Hauptstrich von Morgen gegen Abend ziehend durch mancherlei Hügelungen unterbrochen und geteilt, im Osten und Süden von weiten Waldhöhen umschlossen wird. Auf eine halbe Meile ostwärts vor dunklen Forstwänden, die schon der Rhön angehören, steil 84 aufzackend mit Turm und Giebel der Steckelberg, die Huttensche Burg, im Mittag die letzte Welle des Spessart breit und mächtig hereinblauend, westwärts, von einem Grashügel, der Giebel genannt, zum größten Teil verdeckt das Städtchen Schlüchtern im Tal der Kinzig, das dann nach Südwesten zwischen dem Spessart und den Verbreitungen des Vogelsberges offen über Steinau, Salmünster und Gelnhausen gegen Aschaffenburg hinabzieht.

Der Nickel bemerkte nichts Ungewöhnliches im Tal und schritt pfeifend seinen Eseln nach durchs Burgtor, das mit einem Nebenpförtchen unter dem steilen Bau der Kemenate an den grauen, brüchigen Mergelfels gelehnt, den Weg überwölbt. Am Bogengiebel war das Hanausche Wappen in Stein gemeißelt, weil die Grafen von Hanau die Burg vom Bistum Würzburg zu Lehn und dem Großvater des Mangold von Eberstein in Pfandschaft mit dem Beding vergeben hatten, daß er die Befestigungen ausbaue und das Schloß wohl behüte. Hinter dem Tor vor dem hangseitig stehenden Pförtnerhäuschen saß der alte Torhüter benebst seinem Spieß. Ohne Gruß trollte der Eseltreiber vorbei und die Wehrgasse zwischen der Mauer und dem burgwärts in schmalen Terrassen aufsteigenden Zwingergärtlein entlang dem zweiten Tor zu, das den Vorhof mit einem Schnellgatter abschloß.

Im Hof, wo eine alte Linde sich wölbte, stand eben der Stallbub Kilian, eine Schippe mit dampfendem Roßmist unschlüssig in den ungefügen Händen, und starrte offenen Mauls zum wolkentrüben Himmel. Das strohsteife Blondhaar strähnte ihm blöd in die niedere Stirn, der grobleinene Kittel umbauschte in kantigen Falten seine unfertige Hünengestalt, die mächtigen Plattfüße in Holzschlapfen strebten auseinander wie Mainkähne, von denen jeder aufs andere Ufer will.

Die Kuhmagd mit zwei Trankbutten hastete vorbei, ließ den einen Eimer hinten an seine Wade streifen und kicherte.

Kilian wandte sich nach der Enteilenden, wie aus dem Traum erwacht.

»Du harrst wohl, bis sich die Spatzen ihren Mittag von 85 der Schaufel holen,« lachte die Magd, indem sie umblickte und ihm nicht ungefällig in die guten, blauen Augen sah.

»Die Hund bellen so,« versetzte der Bursche langsam und beförderte mit Schwung den Mist übers Plankenwerk, das den Düngerhaufen im Hofeck abzäunte.

»Guck! Da kommts frische Wasser,« rief die Magd, der zwei Esel ansichtig werdend, die unterm aufgezogenen Gatter hereintrollten. Schleunig kam sie von ihrem Vorhaben ab, die Eimer an der bei der Stallmauer befindlichen Zisterne zu füllen, und lief den Grautieren entgegen.

Von der andern Seite aber setzte sich der Nickel, solches bemerkend, in Trab.

»Nix da, nix da!« rief er herrisch. »Das Wasser kommt ins Schloß! Tränk dein Hornvieh aus 'm Regenfaß!«

Enttäuscht setzte die Magd ihre Butte hin. Der Kilian kam ihr zu Hilfe.

»Schon 's drittemal heut bringst du Wasser ins Schloß,« schalt er. »Soll der Hof verdürsten? Die Roß saufens abgestandene Zeug da aus 'm Loch nimmer. Ist faul und stinkt.«

Der Nickel stand vor ihm, stellte sich auf die Zehenspitzen, sah ihm wunderlistig ins Gesicht und sprach:

»Erst die Weibsleut, dann 's Viehzeug!«

»Die Weibsleut,« fuhr der Kilian auf, »die Weibsleut saufen doch nit zwölf Butten!«

»Mit der Gurgel saufe ses freili nit, du Ochs,« lachte der Nickel, »bade tun ses! Weiberfleisch will gewasche sei.«

Wiehernd trieb er die Esel nach rechts zur Schlagbrücke, die über dem kurzen, mauerumschränkten Grabenstück lag, das die innere Burg vom Vorhof schied. Links der Brücke war der Graben als Hundezwinger abgeteilt. Die Köter huben ein verstärktes Wutgeheul, als die Eselei über die Brücke polterte und im finsteren Torbogen verschwand, über dem sich, dem stockhohen, steinernen Querbau aufgesetzt, der kräftige Turm mit Wappensteinen, Pechnase und vorspringendem Wehrkranz unterm Dach erhob. Wie das Haus, dem er entstieg, aus unbeworfenen, bräunlichen Bruchsteinen erbaut und an den Kanten von stärkeren Quadern gefaßt, blickte der hohe Landspäher düster und abweisend 86 aus schmalen Schießscharten, die den inneren Treppenstieg bezeichneten, und kleinen Bogenfenstern über die Fachwerkbauten und Holzstadel der Vorburg ins Tal nach Elm und Schlüchtern hinunter und drüber hinaus weit in die waldigen Höhenzüge.

Nun trat aus dem Burginneren der graubärtige Vogt auf die Brücke.

»Daß der Teufel die Köter . . . .« schrie er. »Was haben sie nur? Schon den ganzen Morgen geht das Gezeter.«

Er war eiligen Schrittes mitten in den Hof gekommen.

»Sie spüren halt das Fremde,« meinte der Kilian bedeutend.

»Was, Fremdes?« äffte der Vogt sein einfältiges Geschau. »Scher dich um deinen Mist, du Maulaff. Hast du dem Schimmel das Bein frisch einbunden?«

»Just vor einer halben Stund,« freute sich der Bursche, der groben Anfuhr entgegnen zu können. »Es ist gar nit mehr warm.«

»Zeuch den Gaul herfür. Ich will's sehn,« befahl der Vogt, der seinen Ärger vor so viel Pflichteifer dämpfen mußte.

Der Kilian lehnte die Schaufel an die Planke, ging in den Stall und kam alsbald mit einem starken Fliegenschimmel am Halfter wieder heraus. Das Pferd war abgemagert und schonte den rechten Vorderfuß.

»Nimm den Fetzen ab,« sprach der Vogt. Kilian tat es. Der Vogt beugte sich nieder und befühlte die Sehne.

»Nit mehr warm! Nit mehr warm! Du hast auch ein Gespür in den Fingern, als ob sie aus Horn wären, du Bauernlapp. Natürlich ist's noch warm, wenn auch besser als gestern. Trab an!«

Der Knecht zog am Halfter, der Gaul machte einen langen Hals und wollte nicht. Auch aufmunterndes Zungenschnalzen tat keine Wirkung.

»Na! Hoscha! Hopp!« rief der Vogt und klatschte ihm eines auf die Hinterbacke. »Schau ihm nit so dumm ins Gesicht, schau weg, gradaus beim Vorführen! Wie oft muß ich dirs noch sagen!«

Der Kilian, der die Holzschuhe abgeworfen hatte, legte sein ganzes Gewicht in die Halfter, tat knieweich wie ein Läufer 87 und glotzte tatkräftig. Der Gaul glotzte nicht minder, ließ sich immer mehr vornüberziehen und machte endlich ein paar kläglich krumme Schritte.

»Das Pferd ist hin! Das Pferd ist hin!« schalt der Vogt in höchstem Grimm. »Dem Kaspar, dem möcht ich paar um die Ohren schlagen! Das gute Roß so zurichten! Saufen, ja, und 's Maul aufreißen, das kann er, aber reiten wie eine Wildsau, der bayrische Vierschrot, der Münchner Bierschlamp, der – –! Kein braver Pferd hab ich nit im Stall gehabt, kein zacheres, nit zum Umbringen, und der bringt's um, der Holztepp – einen Fliegenschimmel, 17 Faust hoch, Füß wie Stahl, und reit ihn stockkrumm!«

»Ist halt wieder scharf hergangen hinter die Pfeffersäck« schmunzelte der Kilian mit Beschwichtigung.

»Ja – oder vor den Wertheimischen,« grunzte der Vogt. »Wär nit schad, wenn s' den Lumpen niederwürfen. Führ's hinein. Und alle zwo Stund frische Fetzen, verstanden?«

Der Bursche blinzelte zaudernd.

»Ich möcht ihn wohl besser reiten,« zog er hervor.

»Ja, du gar, du heiliger Christoffel von Kippelbach. Du kannst dir einen Mastochsen aufzäumen, das gibt ein Bild.«

Eh der Kilian den krummen Gaul stallwärts gewendet hatte, scholl Hufschlag von der Wehrgasse her. Unterm Schnellgatter erschien Mangold von Eberstein auf seinem Schecken, von einem Knaben, dem jungen Hutten, gefolgt.

Der Vogt trat ihm, den Hut ziehend, entgegen.

Mangold hielt, warf das Bein über und stieg ab. Der Knabe turnte hastig vom Sattel und fing den Zügel des Hengstes, der schnaubend zur Zisterne drängte.

»Was gibt's Neues, Peter?« fragte der Ritter, am Vogt vorbei dem Fliegenschimmel nachschauend.

»Nichts, Herr, was euch unwissend wär. Sie sind da und . . .«

»Und?«

»Alles in Ordnung, Herr.«

»Kreuzteufel! Was haben denn die Hund?«

»Sie keifen schon so, seit Tag ist.«

»Laß sie aus.«

»Dann geht's über die Hühner.« 88

»Laß die einsperren. Die heulen nit. Die Hund sind schon zu lang eingesperrt. Wollen halt wieder einmal hatzen. – Was ist mit dem Schimmel?«

»Krumm wie ein Klosterbettler, Herr.«

»Halt du!« rief Mangold dem Kilian nach, der schon unter die Stalltür trat. »Bring das Roß noch einmal her.«

Der Knecht tat wie ihm befohlen.

»Ich mein, Herr, der Schimmel kommt nimmer zustand,« sagte Peter.

Der Ritter hatte den Schaden besehn.

»Der Kaspar, . . .« klagte Peter fort.

»Es ist nit so schlimm,« unterbrach ihn Mangold, sich aufrichtend und um den Gaul herumgehend. »Das Pferd ist als arg herunter. Gib ihm doppelten Hafer, und du wirst sehn, in ein paar Tagen ist er wieder lustig. Er hat das Jagen satt. Er will sich einmal ausrasten und täuscht uns nur. Führ ihn zum Stall, Kilian.«

Der Bursche führte den Schimmel ab. Der Edelknabe ging mit dem anderen Pferde über die Brücke zur Herrenstallung in der inneren Burg. Der Vogt senkte düster nachdenklich das Gesicht.

»Mit dem Hafer, das ist so eine Sach, Herr,« sagte er langsam. »Wir haben nimmer gar viel. Immer bei zehn Pferd im Stall und so viel Durchgang, manchen Tag zehn bis fünfzehn Junker und reisige Leut.«

»Da kann ich nit abhelfen,« sprach der Ritter. »Die Bauern müssen's schaffen.«

Der Vogt sah nach den Wolken.

»Die Bauern sagen, sie können nimmer aufkommen,« versetzte er zögernd.

»Sie müssen,« fiel Mangold scharf ein. »Ich laß ihnen sonst manches an Zins und Robott ab. Ich glaub, meine Bauern haben's so gut wie weit und breit keine Hörigen um Röhn und Spessart. Aber der gemeine Mann achtet's nit, was man ihm erläßt, und nimmt man ihm heut die Halbscheit seiner Pflicht, so ist ihm morgen das Verbliebene so schwer, wie das Ganze erst nit war.«

Der Ritter hatte finster blickend ein paar Schritte der 89 Schlagbrücke zu getan. Peter ging gesenkten Hauptes neben ihm her.

»Der Bauer ist ein Vieh,« fuhr der Junker unwirsch fort. »Nur im Joch tut er gut. Ein wenig Lassung, und er ist wild und tölpisch wie ein Gaul auf der Weide.«

»Es geht ein Gemurr unter den Bauern allenthalb landauf, landab,« bemerkte Peter.

Mangold stehen bleibend: »Ich weiß es. Und mancherorts hat es gute Ursach. Es sind Herren, die der Teufel reit. Und so lang werden sie den Bauern schinden, bis er wider alle Herren aufsteht, und der Gerechte mit dem Schlimmen leidet. Und das jetzt, wo Eintracht so not tät wider Städt, Pfaffen, Fürsten!«

Der Ritter schwieg und sah finster hinaus.

»Aber den Hafer mußt du schaffen,« fuhr er fort. »Wir werden auf die nächste Zeit gar viel brauchen. Die Burg ist offen für den ganzen Adel schier in Hessen und Franken. Es wird noch viel mehr Durchgang geben. Auch stell ich mehr Pferd ein, und sie müssen allweg gut im Futter sein.«

Peter drauf: »Wann die Burschen nur nit so toll reiten täten, so gar ohne Verstand und Achtung vor Roßfüßen. Was hat's denn mit den Wertheimischen wieder geben, daß der Kaspar so hat eilen müssen?«

Der Ritter zog die Schultern. »Der gnädige Herr zu Wertheim treibt es seltsam. Man kennt sich nit aus. Einmal lacht er, wann ein Junker einer Stadt was abbricht, schimpft selber fleißig über die Bündischen, will Krieg mit ihnen wie der Markgraf Albrecht Achill vor 60 Jahren, dann tut er wieder, als läg ihm die hohe Polizei und Landfriedens-Einhaltung auf allen Straßen ob, wirft unversehentlich Reisige nieder, laßt sie wieder laufen, oder schreibt's denen von Nürnberg. Ich hab Wind, daß er auch schon in meiner Sach was geschrieben hätt, das ihn nichts angeht. Er soll Acht haben. Wann er mich reizt, hol ich meinen Hafer in seine Dorf, seng ihm dabei ein paar Bauern ab, ist mir nit drum!«

»Dann haben wir der Fürsten und Großkopfigen mehr auf dem Hals. Denkts, Herr. Es ist nimmer wie vor 60 Jahren, 90 wo der Adel mit Markgraf Albrecht wider Nürnberg zog. Die großen Herren haben itzt ihr Geliebel mit Pfaffen und Städten.«

»Ja, ja,« entgegnete Mangold sinnend. »Das ist die Mod. Jedwedes Gräflein will hoch hinaus. Erst haben die Herren Kurfürsten kaiserlicher Majestät eine Bürde um die andere abgenommen und die Würde dabei schön langsam und unvermerklich mitgehn lassen, jetzt möcht ein kleiner Herr auch bald in Purpur und Hermelin stolzieren, Hofhalten, anschaffen und erlassen hin und her und Rittersleuten gar gnädig sein. Na, mich können sie alle – die Großen wie die Geringen. Niemandes Gnade brauch ich, dann Gottes. Und die werden's auch noch sehen, was der Ritter vermag. Wann nur mehr Eintracht wär! Wie viele Pferd sind denn heut aus?«

»Viere sind mit den Bauern in den Wald um Holz,« antwortete Peter. »Dann der Claus auf dem neuen Braunen, den der Schau bracht hat, und der Kaspar auf dem schweren Blässen mit Botschaft, wie der Herr gestern angeschafft. Weiß nit wohin.«

Mangold nickte.

»Der Kaspar darf den Schimmel nimmer reiten, Herr,« fügte Peter hinzu. »Der Bläß hält den Klotz besser aus, und auf dem mag er sich abtreiben, der zieht sich gut. Schadt dem Kaspar nix, wann er Fett laßt.«

Mangold drauf: »Ist mir recht. Ich hab auch schon einen für den Schimmel. Ein langer Kerl, dürr wie Schilfrohr. Die Tag wird er sich stellen. Hab ihn in der Roßmühl aufgeklaubt und verpflicht. Gefallt mir gut. Hat Witz und eine Laute. Nimm ihn gut auf, wann er sich meldt. Schaut ein bissel windig aus, als ein Fahrender. Macht nichts. Ist ein Schüler bei ihm, den brauch ich als Schreiber.«

»Daß sich der Herr nur keinen städtischen Kundschafter einlegt. Fürsicht ist not. Jetzt doppelt, wo der Handel mit Nürnberg schon allenthalb unter die Leut kommt. Und der Bursch müßt doch schon lang hergefunden haben,« setzte der Vogt nachdenkend hinzu. »Das ist schon ein paar Wochen aus, daß der Herr in Farrnbach war.«

»Der ist auf dem Weg im Zeitlofs zur Nacht blieben, da 91 haben ihn die Herren von Thüngen gleich behalten wollen, weil er gar so kurzweilig sei. Aber der Mann hält seine Pflicht. Der Herr Fritz hat's mir in einem Brieflein angezeigt und gebitt, ich soll ihn ihm eine Zeitlang lassen. Er könnt viel Liedlein und ander Gaukelei, müßt ringum in den Schloßlein aufspielen, sie hätten alle einen Narren an dem Narren gefressen. Ich denk, die von Thüngen bringen ihn vielleicht heut oder morgen selber mit und den Schüler auch.«

»Die Gaukler und die Studierten, auf die halt ich gar nichzid,« brummte der Vogt.

»Da sieh dich vor, alter Peter,« lachte Mangold. »Denn der ist gar ein studierter Gaukler.«

Die Hunde hatten für eine Weile von ihrem wüsten Gebell abgelassen. Nun fing wieder einer zu kläffen an, als hätt er ein Gesetz abzubeten, und die andern fielen als Chorus ein, daß es ein Greuel war.

Eben kam die Magd wieder vorbei. Mangold rief ihr, sie solle die Hühner in den Schuppen jagen, und schuf dem jungen Hutten, die Gatterlein zu schließen, die an der Brücke und am äußeren Tor zu solchem Zweck angebracht waren. Der Kilian half der Magd, das Federvieh scheuchen, das mit törichtem Gegacker um den Misthaufen stob. Nur eine Henne wollte durchaus nicht in die offene Scheuertür und rannte dumm und eigensinnig mit gesträubten Flügeln um die Linde herum.

Indes war Mangold an den Zwinger getreten und öffnete das Pförtlein. Da fuhr die ganze schwänzige Rotte heraus wie der bare Höllenschreck und vorerst mit heulender Liebe am Ritter empor, daß er sich die Fäuste vors Antlitz hielt wegen der vielen zärtlichen Ringelzungen und mit den Beinen um sich trat, weil ihm bang war um unliebsame Erweiterung seiner Hosenpuffen durch die plumpen Krallen. Dann wurde der junge Hutten umgerannt, der Vogt angeknurrt, die Magd in heillose Angst um ihren Kittel gebracht, jetzt ging's der Henne nach, die sich plötzlich aufs Fliegen besann und zeternd in hohem Bogen über die Mistlatten flüchtete. Und schließlich begaben sich die Köter über den Hof hin zerstreut an allerlei hündische Verrichtungen. Der erste hob ein 92 Bein am Zaun, der zweite an der Linde, der dritte versuchte es an Kilians Wade und bekam einen Tritt. Und jeder kratzte dann heftig Staub auf, bellte dazu und tat sehr selbstbewußt. Der vierte hatte eine Katze eräugt, fuhr ihr nach, daß der Sand stob, und rannte im Schuß den halben Lindenstamm hinauf, während der Kater gesträubt oben in den Zweigen hing und greulich pfauchend orgelte. Der fünfte half ihm nun am Fuß der Linde verbellen. Der sechste hockte mitten im Hof und beeilte sich mit mühevoller Miene, das spärliche Gras zu düngen. Der siebente, ein würdiger Alter, tat einen Rundlauf und prüfte schnobernd, ob es Neues gäbe. Die achte, die Mutter vom Ganzen, umhüpfte freudig noch immer den Ritter, und der neunte, der Jüngste, tanzte halberstickt vor Lebenslust immerzu johlend um sich selber herum.

Jetzt gab es plötzlich neue Aufregung, und erst ein Paar, dann die ganze Meute fuhr mit wütendem Gekläff ans äußere Burgtor, wo vor dem Gatter ein zerlumpter Mann mit seltsamem Federputz am Hut erschienen war. Er freute sich albern, daß die Hunde nicht herauskonnten, und machte ihnen mit aufgepusteten Backen auf einem Hollerrohr eine kindische Musik vor, worüber sie einmütig in hellsten Zorn gerieten und ihn, die Haare stellend, gefährlich anhaßten.

»Wart nur, Jocklein,« rief der junge Hutten, »ich machs Gatter auf, dann verreißen sie dich,« und ging dem Tor zu.

Der Narr hörte zu blasen auf und erging sich heftig mit den Armen deutend in drohenden Beschwörungen wider den Edelknaben und die Hunde. Dann, wie der Hutten tat, als wollt er wirklich das Gatter öffnen, lief er laut schreiend den Weg hinab.

Der Burgherr war indes mit dem Vogt auf die Schlagbrücke getreten. Sie schlossen das niedere Gatter gegen den Hof hinter sich und schritten dem inneren Tor zu. Da kam ihnen im Torgang lebhaft eine starke, stattlich gekleidete Frau mit braunem Haar unter der Netzhaube und rundem, gerötetem Antlitz entgegen.

Ein paar Flaumhärchen in den Winkeln der Oberlippe und am doppelten Kinn verstärkten den Ausdruck fast männlicher Derbheit, ein knapp gewordenes Festgewand aus rotem, 93 flandrischem Tuch mit schwarz unterlegten Schlitzen an den Ärmelpuffen stand ihr wenig zu Gesicht. Am Gürtelband trug sie Täschchen und Schlüsselbund.

Mangold begrüßte sie mit flüchtigem Kuß auf die Stirn.

»Gut, daß du wieder da bist,« sprach Margarete von Eberstein mit einer harten, unweiblichen Stimme. »Ich hab schon gedacht, daß du wieder länger ausbleibst, weil du immer ausbleibst, wann ich dich hier notwendiger hätt.«

»Es war not, daß ich umgeritten bin zu Vettern und Schwägern,« versetzte Mangold, während ihm ein Schatten über die Stirn strich. »Ich hab wohl gewußt, daß du mich wünschen tätest. Aber es wird wohl auch so gangen sein.«

Sie gingen schweigend nebeneinander her bis in den inneren Hof. Der Vogt empfahl sich unterm Tor und betrat sein Gelaß, das der Wachstube gegenüber lag.

Der innere Burghof, mitten quer von einem mannshohen Mauerabsatz, den ein Treppchen durchbrach, in einen tieferen und einen höheren Plan geteilt und von Gebäuden verschiedenster Art umdrängt, gemahnte fast an ein verlorenes Plätzchen in einem alten Städtlein. Im Osten, dem Torbau gegenüber auf dem oberen Plan die Breitseite der hohen Kemenate mit einem runden Treppenturm in der Mitte, der das Hütchen nicht bis zum Dachfirst erhob. Südseitig des Tores die Herrenstallung, nordseitig niedere Häuschen, eins tiefer, eins höher, eine Linde dazwischen. Das Pflaster rauh und uneben, hier eine Mulde, da ein Stüflein hinauf, da eins hinunter. Eckige und bogige Tore, Türen, Fenster und Fensterlein, Strebepfeiler, verwitterndes Fachwerk und unbeworfenes Steingemäuer, Ziegel- und Schindeldachung, Giebel und Giebelchen. Zwischen Stallung und Kemenate auf dem höheren Absatz ein Gärtchen in neuer Stufung zur Südmauer ansteigend und in diese an der Stallwand mit einer Laube ausbuchtend, die den Blick hinunter auf das äußere Tor, das Pförtnerhäuschen, die Wehrgasse mit dem Zwinger und drüber weg in Talung und Gebirge gab. Ein uralter Nußbaum überwölbte es und breitete die Zweige noch jenseits der Mauer hinaus.

Mangold musterte mißfällig den Hof, wo zwischen den 94 Fliesen Gras keimte und mancherlei Unrat aus den Wirtschaftsräumen hingeschüttet war.

»Es ist nit gar sauber hie,« sprach er, die Brauen zusammenziehend, »ich hab dich gebeten, du sollst scharf rein machen lassen, eh die Gäst kommen.«

»Gestern mittag ist die Botschaft kommen, ums Abendwerden waren sie da,« entgegnete die Burgfrau heftig. »War genug zu schaffen in den Kammern oben, daß sie's grad noch gut zum Schlafen hatten. Können sich nit beklagen. Haben's beste Zimmer im Haus, das Fürstengemach, wie du's wolln hast. Und dann Aufkochen und Braten, sind doch verwöhnte Leut, sollten's nit arm finden auf einer Burg. Und heut früh – na, es war schon recht lang licht – Bad und heiß Wasser und weiß Gott was. Die Mägd sind gerennt treppauf und ab wie noch nie dahier.«

»Gut, gut,« sagte Mangold. »Dann, wenn Zeit ist, soll eine hier unten den Besen schwenken.«

Er wollte weitergehen. Seine Frau stand und sah ihn an.

»War's nötig, Mangold, daß sie herkommen sind?« fragte sie, Hand in Hand legend. »Du weißt, ich helf dir treulich in all deinen Sachen. Es ist noch nie kein Reiter ungeatzt von hinnen geritten, und wär ein Dutzend auf einmal am Brandenstein angeflogen. Ich verred dir sonst nit deine Händel und mach kein Gejammer wie andere Frauen, wann der Herr ausreit. Aber die Geschicht, die hat mir von Anfang an nit recht ein wollen. Da halt ich's mit dem Nebukadnezar, den ich sonst nit gar lieb hab, das alt Saufhaus. Wozu die Weiber? Und wenn schon, hätten sie nit weiter in Würzburg bleiben können, wo's gewiß besser war für sie und für uns? So Stadtleut, die können sich nit gut fühlen auf einsamen Schlössern.«

»Sie haben nicht in Würzburg bleiben können,« erwiderte Mangold langsam und betont: »Ich hab einen Brief vom Bischof bekommen . . . .«

»Was hat dir der Bischof zu sagen?« fiel Margarete ein.

Mangold scharf: »Laß mich ausreden. Mir ist eine Abschrift zugeschickt worden von einem Brieflein, das die Nürnberger an den Bischof geschrieben haben, er sollt sich 95 dreinschlagen. Und der Bischof, wie man hört, wollt's tun. Da mußten sie fort, sollt anders der Handel nit gleich verpfuscht sein. So hat mir auch dein eigen Bruder, der Dompfaff, geraten, der den Brief erkundt und mir Abschrift geschickt hat, item der Geistliche von Nisika und der Voit.«

»Der Ludwig,« schalt die Hausfrau, »der ist auch nie zu was gut gewesen. Was der rat, das ist schon gefehlt. Darum macht der Bischof so viel Dummheit, weil er sich den zum Rat erkürt hat.«

»Der Ludwig ist der beste von der ganzen Rosenbergischen Schwäherschaft,« versetzte Mangold mit leichtem Spott. »Ich möcht wissen, wozu der Kunz und der Zeisolf gut waren bis heut. Das weißt du selbst am besten, was sie dich an Klag und Geld und Ärger gekost.«

»Aber wann's Händel gibt, da sind sie dir doch recht,« erwiderte Margarete. »Und jetzt wirst du sie wohl brauchen können.«

Mangold seufzend: »Wollt Gott, ich käm ohne sie aus. Der Kunz, der Leichtsinn, kann mir mehr verderben als nutz sein in einer so heikligen Sach. Aber sei gut, Weib, du siehst, ich hab's nit anders drehen können, ich hätt dir gern so viel Plag und Pein gespart. Sei gut auch mit den Weibern von Nürnberg. Sie ist eine brave Frau, bescheidentlich und still, hat viel Unglück erlebt, ich denk, es laßt sich auskommen mit ihr.«

Margarete darauf: »Aber das Mädel, das ist ein Gewächs, da macht man Augen und Ohren! Ein Gesicht, wie die heilige Jungfrau auf Annas Schoß, und ein Geschau wie eine alte Katz. Die ist verdorben von Grund aus, die weiß mehr, als eine Edelfrau gottlob ihr Leben lang erfahrt. Und wo ein Mannsbild auftaucht, da gehen schon die Äugeln. Komm hinauf. Das Essen ist gericht.«

Eifrig in halblautem Ton weitersprechend und ihr Kleid raffend, ging sie mit dem Ritter die Treppe hinauf. 96

 

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