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Ritter, Tod und Teufel

Hans Frhr. von Hammerstein: Ritter, Tod und Teufel - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleRitter, Tod und Teufel
authorHans Freiherrn von Hammerstein
year1921
firstpub1921
publisherC. F. Amelangs Verlag
addressLeipzig
titleRitter, Tod und Teufel
pages434
created20181004
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Überfall

Die Odheimerin horchte erblassend hinaus. Dürer stand wie vom Blitz gerührt und lauschte. Helena mit heißen Blicken und Wangen flog herein und rief:

»Mutter, sie haben den Blasius erschlagen!«

Frau Agatha starrte sie an, brachte kein Wort hervor. 70

»Gewaffnete sind im Hof,« hastete atemlos das Mädchen. »Sie dringen schon ins Haus.«

Dürer trat rasch zum Fenster und riß es auf. Unten lag ein Mann quer übern Weg, die Stirn blutig, ein dunkler Fleck neben seinem Haupt im Sand. Ein Soldat in der Tracht der Nürnberger Stadtknechte schritt eben über den Leichnam hinweg, ein anderer stand vor dem erbrochenen Gittertor. Eine Magd lief schreiend gegen das Haus zurück. Schwere Tritte stürmten die Treppe herauf.

Die Odheimerin erhob sich, an allen Gliedern zitternd, im Sessel. Dürer eilte herbei, sie zu stützen. Ein voll geharnischter Mann trat klirrend in den Saal, die Hand ans Schwert gestützt. Ihm folgten ein kleiner, spitznasiger Kerl in schwarzem Barett und Mantelkragen, der eine Rolle unterm Arm trug, ein geckenhaft gekleideter Bursche mit bloßem Degen in der Faust und zwei Stadtknechte mit langen Spießen, die sogleich wie Schildwachen vor den Ausgängen der Halle Stellung nahmen.

Dürer trat auf den Geharnischten zu und sprach: »Herr Matthes, ob Ihr Mummenschanz treibt oder Ernst, ist es eine Art, mit solchem Auftritt einer ehrbaren Frau ins Haus zu fallen?«

»Ei sieh, der Maler!« rief der junge Stutzer. »So ist's doch wahr, was in Nürnberg die Spatzen pfeifen. Verzeiht, werter Meister, daß wir Euch ein Rosenstündlein stören. Jedennoch – wir haben Geschäfte hier.«

Dem Meister schoß das Blut zur Stirn.

»Sebastian Merkl,« erwiderte er scharf, »wer gestern noch die Schulbank wetzte, dem gelingt's nicht, heut schon Albrechten Dürer zu beleidigen.«

»Was mengt Ihr Euch in unsere Sachen?« sagte Matthes Preuß, ihn beiseite schiebend und auf die Odheimerin zutretend. »Mit der da hab ich zu reden. Doktor, weist Eure Schrift.«

Der Kleine im schwarzen Kleid zog eine Hornbrille aus dem Busen, setzte sie auf die Nase, entfaltete die Rolle und las.

»An Agatha Odheimerin, geborene Kramerin, und Helena, 71 ihre Tochter. Wir Bürgermeister und Rat der Stadt Nürnberg tun Euch als unserer verpflichten Bürgerin kund und zu wissen: Nachdem Ihr des Stadtgerichts zu Nürnberg Urteil, inhalts, daß Ihr den Merklschen Hof zum Windegg zu Farrnbach denen Merklschen und Schürstabschen Erben samt Gerätschaft, Vieh und Fahrnis zu übergeben und von Eurer Person zu räumen . . .«

»Welches Urteil?« rief die Odheimerin mit aufblitzenden Augen. »Zeigt mir das Urteil!«

»Habt Ihr genau heut vor drei Wochen zugestellt erhalten. Appellation verabsäumt,« versetzte der Doktor, sie über die Brille weg mit lauernder Miene anblickend.

»Nichts hab ich erhalten. Keine Zeile.«

»Hier Beweis und unterfertigter Empfang.«

Der Doktor zog einen Pergamentumschlag aus der Tasche und hielt ihn ihr vors Gesicht, mit den Fingern die Unterschrift berührend, die auf dem Zettel zu lesen war. Da stand in großen Buchstaben: »Helena Odheimer, mein eigen Hand«. Und darüber mit anderer Schrift hineingefügt »Agatha und«.

»Das ist falsch!« rief die Odheimerin, bleich wie der Mauerkalk. »Ein offener Betrug, nicht meine Handschrift . . .«

»Aber die Eurer Tochter,« schrie Matthes Preuß, zugleich mit dem Doktor auf die Frau eindringend.

Die Odheimerin drauf mit bebenden Lippen:

»Ich hab die Schrift nie gesehn!«

Der Doktor: »Rechtmäßig zugestellt.«

»An ein unmündig Kind?«

»Einen Hausgenossen, wie's die Stadtordnung bestimmt, wann der Angeschriebene nicht zu treffen. Ist niemand im Haus, wird's angeschlagen.«

»Helena, hast du das geschrieben?«

Das Mädchen stand abseits mit dem Finger im Mund und sah halb verschreckt, halb neugierig dem Auftritt zu.

Der Doktor wies ihr das Schriftstück. Sie nickte.

»Wann hast du's geschrieben?« herrschte die Odheimerin.

Das Mädchen zuckte mit den Achseln.

»Ich will Euch drauf helfen,« sprach der Doktor. »Besinnt Euch, Jungfer. Vor drei Wochen war's, da draußen am Tor. 72 Ihr wolltet nicht aufmachen. Die Mutter wär bei der Nachbarin. Da habt Ihr den Brief durchs Gitter genommen und dies da geschrieben, hab Euch noch die Feder geben und mein Büchlein untergelegt.«

»Wohl auch die Hand geführt, denn sie kann nicht schreiben,« rief die Odheimerin in steigender Empörung. »Und meinen Namen dazugefälscht.«

»Geschrieben hat sie's,« drängte sich der junge Merkl ein, »da steht's.«

Die Odheimerin wieder: »Wo hast du den Brief?«

Helena: »Ich hab ihn in die Stub gelegt.«

»Warum hast du ihn mir nicht gegeben?«

»Vergessen.«

»Hol ihn.«

Das Mädchen rührte sich nicht und sah von einem zum andern.

»Geh und hol ihn, hörst du?«

»Weiß nit, wo er ist.«

»Du sagtest doch in der Stube.«

»Nein, ich glaub in der Schlafkammer.«

»So geh und such.«

Helena wandte sich, lief ein paar Schritte weit durch die Halle der Tür zu, blieb wieder stehn und sah sich um.

»Ich geh mit ihr,« sagte Albrecht Dürer. »Komm.« Er nahm sie bei der Hand.

Neben der Tür, die in die Stube führte, stand eine Truhe mit geschnitztem Aufsatz, auf den Zinngeschirr gestellt war.

»Da ist er,« sagte das Mädchen und zog den Brief aus einem Krug hervor.

Dürer nahm ihn.

»Kein Siegel ab,« sagte er, den Umschlag vor den Männern herumweisend. Dann gab er der Odheimerin das Schriftstück.

Sie erbrach die Urkunde, überflog sie und sank auf den Sessel zurück.

»Kind, was hast du getan!« rief sie, in Tränen ausbrechend.

»s'ist klar, ihr Herren,« sagte Dürer. »Das Urteil ist nicht in der Ordnung zugestellt worden, nicht in die rechten Hände gekommen.« 73

»Was geht's Euch an?« versetzte Matthes Preuß. »Uns gilt die Stadtordnung.«

Dürer darauf: »Aber, liebwerte Herren, ihr wollt doch nicht Unrecht tun. Hier muß doch Recht vor Satzung gehn. Ihr seht es ja . . .«

»Satzung ist Recht,« fuhr der Doktor fort. »Überhaupt, was habt Ihr zu reden? Wer gibt Euch Vollmacht?«

»Der Umstand,« erwiderte Dürer fest, »daß ich klärlich dahier der einzige Mann bin, der noch weiß, was Sitte, Anstand und Christenpflicht ist.«

Der Doktor nahm achselzuckend seine Rolle wieder vor und las weiter:

»Ohngeacht Ihr solchermaßen besagtes Urteil empfangen und vernommen, auch dawider nicht Appellation ergriffen . . .«

»Wie konnt ich das?« rief die Odheimerin, die Hände ringend. »Ich hab's nicht empfangen und vernommen, Ihr seht es doch . . .«

Der Doktor fuhr fort: »Habt Ihr bisher noch keinerlei Anstalt getroffen, noch sonst erwiesen, daß Ihr Sinnes wäret, gemeldetes widerrechtlich besetztes Gut zu Farrnbach . . .«

Die Odheimerin richtete sich auf. »Widerrechtlich?« rief sie. »Das wißt Ihr so gut wie ich, daß mir an diesem Haus verbrieftes Recht zusteht . . .«

»Nicht allein!« fiel ihr Matthes Preuß in die Rede.

Die Odheimerin: »Ich hab Euch Antrag gestellt, Euer Teil abzulösen!«

». . . zu Farrnbach,« las der Doktor mit erhobener Stimme, »in dreien Wochen zu räumen und zu verlassen, also haben wir Herrn Matthes Preuß und nomine Schürstabscher Erben Herrn Johannes Drack, römischen Rechts Doktorem, Vollmacht erteilet, für mehrbesagten Urteilsvollzug selbsten Sorg zu tragen und genanntes Haus und Gut in Besitz zu nehmen, und, so Ihr nicht gutwillig davon lasset, mit Gewalt einzudringen . . .«

»Damit habt Ihr angefangen,« rief die Odheimerin. »Mit Mord und Totschlag eingebrochen, meinen Knecht erschlagen.«

»Der uns das Tor aufzuschließen geweigert,« schrie der Doktor, »uns den Spieß fürgehalten.« 74

»Was reden wir lang?« fiel Matthes Preuß ein. »Die Sach ist klar. Packt Euch hinaus, damit punktum.«

Die Odheimerin: »Hinaus? Wohin? Auf die Straße, ins Elend?«

Matthes Preuß zuckte die Achseln.

Der Doktor sagte. »Ihr hattet Zeit, Euch ein ander Quartier zu suchen.«

Dürer legte sich abermals ins Mittel. »Ihr Herren,« bat er, »doch ein paar Tage gebt Frist.«

Preuß schüttelte den Kopf. »Heut muß es sein.«

»Zur Stund noch,« fügte der Doktor hinzu.

Die Odheimerin stand auf. »So will ich mein Bündel schnüren,« sagte sie dumpf. »Kind, geh hinunter und sag dem Barthel, er soll einspannen.«

»Nichts da!« rief Matthes Preuß. »Pferd und Wagen bleibt hier. Wie Ihr seid, so geht. Einen Mantel mögt Ihr nehmen.«

»Die Kett um Euern Hals,« mischte sich der junge Merkl drein, »und die Perlenhaube tut Ihr ab. Ist Merklscher Schmuck.«

»Das ist Raub und Gewalt!« fuhr Dürer auf.

Die Odheimerin setzte sich wieder.

»Tut, was Ihr wollt,« sprach sie kalt. »Ich geh nicht.«

Der Preuß: »So laß ich Euch hinaustragen.«

Die Odheimerin: »Wohlan.«

Der Doktor zu den Knechten: »Greift den Sessel.«

Dürer dazwischen tretend: »Ihr seid wahnwitzig.«

Der junge Merkl: »Weg, Maler, oder . . .«

Er flog unsanft zur Seite und sah zornig um.

Ein hoher, breitschultriger Mann, ungehört in dem Lärm hereingetreten, stand unter ihnen. Sie wichen auseinander.

Er hielt den Hut in der Hand und verbeugte sich vor der Odheimerin.

»Verzeiht, edle Frau,« sprach er, »ich fand niemanden, der mich hätt anmelden sollen. Ich komm wohl ungelegen und dannoch, dünkt mich, eben zurecht.«

»Wer seid Ihr?« fuhr der Preuß ihn an.

»Was wollt Ihr da?« der Doktor. 75

»Ich bin Mangold von Eberstein zum Brandenstein,« sagte der Ritter, sie mit eisgrauen Augen von oben her anblickend.

Sie traten alle ein wenig zurück.

»Seht her,« fuhr Mangold fort. »Diese Frau da rühr ich an mit dieser meiner Hand. Wißt ihr, was das heißt? Nun steht sie unter meinem Schutz, und was ihr geschieht, ist mir getan.«

»Reiterische Bräuch!« suchte Preuß wegzuwerfen. »Hier ist nürnbergerischer Bann.«

Mangold, sich breit hinstellend: »Wo ich steh, da ist mein Bann.«

Der Doktor wild: »Landfriedensbruch! Gewalt! Wir wissen, wo uns Recht wird.«

Mangold: »Kusch, lausiger Falschmünzer des Rechts. Sonst hast du ausgefeixt.«

»Da muß der Stahl reden,« brauste der junge Merkl und hob zum Stechen aus.

Wie der Blitz lag Mangolds Faust an seinem Handgelenk.

»Ah!« stöhnte der Bursche, zusammenknickend und mit den Zähnen vor Schmerz knirschend. Der Degen fiel klirrend auf den Boden. Mangold setzte den Fuß auf die Klinge und stieß den Jungen, ohne ihn anzublicken, gegen die Wand, wo er ächzend und den Arm reibend stehen blieb.

Helena lachte.

Matthes Preuß hatte die Hand an den Schwertgriff gelegt.

»Laßt stecken,« sagte Mangold zu ihm. »Ihr seht traurig genug aus in Eurer entliehenen Rüstung. Die Halsberge drückt Euch wund, die Beinschienen sind viel zu lang. So ich Euch mit dem Finger stoß, fallt Ihr um und könnt nimmer auf.«

»Ich laß Euch ergreifen!« schäumte jener.

Mangold lachend: »Nur zu. Fürcht Euch nit. Ich bin allein. Hab nur einen Buben mit, der hält draußen die Pferde. Ich hab auch keinen Harnisch an. Ein Ritter trägt das nit, wenn er zu Damen geht. Aber greif mich nur einer. Mit Wichten Eures Schlags nehm ich's zu einem Dutzend auf, da hab ich schon andere Kerle mit bloßer Hand geworfen.« 76

Der Preuß zu den Knechten: »Ruft die andern herauf und faßt ihn.«

Der Knecht, auf den Spieß gestemmt: »Herr Preuß, der Hauptmann hat uns mitgeschickt, daß Ordnung gehalten werd, nit aber, um Händel mit fränkischen Rittern anzuheben.«

Preuß, blaß vor Wut: »Ihr seht doch, da ist keine Ordnung, wir werden von einem Edelmann angegriffen. Er schlägt sich in Nürnberger Stadtsachen.«

Der Knecht: »Ist nit Nürnberger Stadtsach, ist Euer eigen Sach. Da seht, wie Ihr mit dem Herrn auseinander kommt. Ich käm in Stock, wenn ich Schuld hätt, daß die Stadt in Irrung mit fränkischer Ritterschaft käm.«

Preuß: »Du Esel! Der will doch Hader mit Nürnberg.«

Der Knecht: »Den Esel werdt Ihr mir zinsen. Ob der Herr von Eberstein Handel mit Nürnberg oder die Stadt mit dem Herrn von Eberstein haben will, das wird sich weisen. Mich geht's nichts an. Ich halt mich an meine Pflicht. Den Erschlagenen unten, den habt auch Ihr zu verantworten. Ich mach dem Hauptmann Meldung, wie's war.«

Nun mischte sich der Doktor Drack drein: »Im Namen des Rats der Stadt Nürnberg, ich befehl Euch, greift den Mann.«

Der Knecht fuhr auf: »Ihr habt gar nichts zu befehlen. Mir befiehlt mein Hauptmann, Herr Konrad Gehauf, Ritter, oder sein Fähndrich. Und dahier, da befehl ich, weil ich der Rottmeister bin.«

Doktor Drack: »Aber deinem Hauptmann, dem befiehlt die Stadt. Und ich steh dafür, sie befiehlt ihm, daß er den Ritter soll greifen lassen.«

Der Knecht: »Was mein Hauptmann für Befehl hat, weiß ich nit, nur, was er mir geschafft hat, und dabei bleib ich.«

Mangold: »Du bist ein braver Soldat. Was hast du Lohn?«

Der Knecht: »Zehn Gulden auf den Monat, Herr.«

Mangold: »Komm zu mir. Ich geb dir zwölf mit Kost, Quartier und Beuteteil.«

Der Knecht: »Das will ich überlegen, Herr. Ihr habt einen guten Namen bei allem, was Spieß trägt. Ich bin ein alter Frundsberger, hab den Dienst in der Stadt ohne 77 dem satt, wo jeder römische Scheißdoktor vermeint, er könnt was dreinreden.«

Mangold hob herzlich zu lachen an: »Nun bedenk's,« sagte er dann, »und wenn du magst, stell dich zum Brandenstein. Und laß Herrn Konrad Gehauf grüßen, er soll mir nit bös sein, daß ich dich geworben hab. Und du?« wandte sich Mangold zum andern Knecht.

Der schüttelte den Kopf: »Hab Weib und Kind, kann nit fort von der Stadt.«

Der erste: »Aber denen unten will ich's sagen, so Ihr Wort habt, Herr Junker.«

Mangold: »Bei meinem Schwert, es bleibt, wie ich gesagt.«

»Gut,« sprach der Knecht, wandte sich und schritt die Treppe hinab.

»Verdammte Söldner!« zischte der Doktor.

Mangold wieder zum Preuß: »Nun könnt ich Euch greifen. Aber ich laß Euch laufen, damit Ihr's in Nürnberg erzählt. Werte Frau,« wandte er sich zu Agatha. »Ich denk, es ist besser, wir verlassen diesen Ort. Ich kann nicht hier bleiben, Euch zu schützen. Euch abzuholen kam ich her. Ich bitt Euch drum, packt Euer Sach und laßt anspannen.«

Die Odheimerin erhob sich und nickte seufzend.

»Kind, geh und hol die Mägde,« sagte sie zu Helena.

»Das will ich besorgen,« sprach der andere Stadtknecht und wandte sich zur Tür.

Nun reichte Mangold der Odheimerin und Dürer die Hand und sprach mit ihnen, der andern nicht achtend, die sich zusammentaten und flüsternd berieten.

Zwei Mägde waren heraufgelaufen. Die Odheimerin ging mit ihnen in die Kammern.

Der Doktor Drack schritt zum Tisch, der in der Mitte der Halle stand, entfaltete auf ihm ein unbeschriebenes Pergament, zog ein Tintenfläschchen hervor, schraubte es auf und putzte einen Kiel.

»Was wegkommt, wird aufgeschrieben,« sagte er mit lauter Stimme. »Denn das ist natürlich gestohlen Gut.«

Er und der Preuß nahmen am Tisch Platz.

»Schreibt nur ein Protokoll,« sagte Mangold, der sich mit 78 Dürer unterhielt, über die Schulter zurück. »Ich zeichn es dann.«

Die Mägde kamen mit Kleidern, Schuhen und Leinwand heraus, um eine der im Saal stehenden Truhen damit zu füllen.

Der junge Merkl stand dabei und rief aus: »Drei seidne Gewänder, vier paar Schuh, zwo Leilach . . .«

Der erste Knecht kam mit dem zweiten wieder herauf. »Von denen unten will auch einer zu Euch, Herr,« sagte er.

»Vergeßt nit,« rief Mangold den Schreibenden zu, »zween Nürnberger Stadtknecht.«

Als die Truhe voll war, nahmen sie auf Mangolds Geheiß die Knechte und trugen sie hinab.

Nach einer Weile kamen die Mägde mit einem gepackten Schrein.

Der junge Merkl hieß sie niederstellen, öffnete und begann zu kramen.

Mangold kam herbei und trat den Deckel zu, daß dem Merkl die Fingernägel kreischten. Er fuhr zurück und blinzelte erschrocken.

»Schreibt, was Ihr wollt,« herrschte ihn der Ritter an. »Die Rechnung stell ich auf. Wir wollen sehn, welche früher bezahlt wird. Auf meiner steht auch ein toter Mann, der Weib und Kind hatte. Das wiegt mehr als drei römische Doktores.«

Die Knechte trugen den Schrein ab.

Die Odheimerin und Helena traten, in Mäntel gehüllt, mit hohen Hauben auf dem Haar, hervor.

»Bist du fertig, Paragraphenmurkser?« fragte Mangold, sich auf den Tisch stemmend.

Mit raschem Griff nahm er das Tintenfaß und schüttete es über die Schrift hin. Der Doktor schnellte, den Sessel umwerfend, in die Höh. Matthes Preuß hob abwehrend die Hand gegen die Tinte, die ihm den Harnisch bespritzte.

Helena lachte laut auf. Dürer nahm schmunzelnd das Zeichenbrett unter den Arm, setzte den Hut auf und wandte sich zum Gehen. Mangold folgte und ließ die Frauen voraustreten. In der Tür blieb er stehen und kehrte sich um. Der 79 Doktor und Sebastian Merkl standen an der Wand. Preuß saß am Tisch. Keiner rührte sich.

Mangold spuckte aus, wandte sich und ging langsam mit breiten, hallenden Tritten hinter den andern die Stiege hinab.

Der junge Merkl ging zum Fenster und öffnete es.

»Er steht bei dem Toten,« sagte er. »Er spricht mit einer Frau, die ein Kind auf dem Arm hat und weint. Er gibt ihr Geld.«

Der Doktor war herangetreten und sah ihm über die Schulter.

»Das war ungeschickt, daß Ihr den Mann erschlagen habt,« meinte er, »das verwickelt die Sach.«

Der Merkl drauf: »Er stieß nach mir, ich fing's auf. Da kam er mir in die Klinge.«

Der Doktor, sich in den Saal zurückwendend: »Teufel! Nun haben wir die ganze fränkische Ritterschaft auf dem Hals.«

Matthes Preuß darauf: »Meint Ihr, er wird absagen?«

Der Doktor: »Frage! – Den Handel hat er schon lang gesucht. Und die Schnapphähn halten zusamm wie Kletten.«

Der Preuß mit einem Seufzer: »Man wird's mit ihm aufnehmen.«

Der Doktor: »Aber kosten wird's. Und die Stadtväter werden uns schelten, daß wir ihnen den Klüngel auf den Hals gehetzt. Wer weiß, sie geben nach, und der Prozeß ist verloren.«

Der junge Merkl, dem Abrollen des Wagens horchend: »Und da geht das schöne Zeug alle hin! Die Perlen, die Steine! Ich hatte der Grete ein seiden Gewand versprochen. Ist der Ebersteiner ein grober Klotz!« schloß er, sein blaues Handgelenk und die abgesprungenen Nägel betrachtend.

Dann begannen sie das Haus zu durchsuchen.

Albrecht Dürer ritt auf seiner Eselin fürbaß. Bei der Straßenkreuzung, wo es ostwärts gegen Fürth, westwärts gegen Veitsbronn abzweigt, übereilte ihn der Wagen, auf dem die Odheimerin, ihre Tochter und eine Magd saßen. Mangold auf einem starken Rotschecken und sein Bube ritten nebenher. 80

Dürer zog den Hut. Der Ritter und Frau Agatha grüßten zurück. Und noch einmal wandte sich die Odheimerin um und winkte mit der Hand. Dann verschwand der Zug hinter einer Straßenwelle.

Meister Albrecht ritt nachdenklich dahin und sprach zu sich: »Wie schön wollte mir die Blume just aufgehn. Wieder einmal nichts weiter als ein flüchtiger Hauch und ein Bild in der Seele. Und mit eisernen Griffen zwingt es mich zurück in Arbeit und Einsamkeit.«

Er blickte auf. Die niedergehende Sonne brach in breiten Nebelstrahlen durch's Gewölk. So friedlich lag das lenzende Land und am Gesichtskreis Burg und Getürm seines lieben Nürnberg im goldenen Rauch. Er aber sah in der Wolke vier grimme Reiter kommen. Ihre Mäntel flatterten rot. Ihre Gesichter waren Entsetzen. Und Qualm stieg unten im Land auf, wo sie herritten. 81

 

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