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Ritter, Tod und Teufel

Hans Frhr. von Hammerstein: Ritter, Tod und Teufel - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleRitter, Tod und Teufel
authorHans Freiherrn von Hammerstein
year1921
firstpub1921
publisherC. F. Amelangs Verlag
addressLeipzig
titleRitter, Tod und Teufel
pages434
created20181004
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Odheimerin

Zu Farrnbach unweit Nürnberg stand ein schlankes, drei Stock hohes Herrenhaus mit steilem Giebel, dessen Kanten vier lustig überhängende Ecktürmchen rundeten. Ein Baumgarten herum und eine kahle Mauer, der Straße zu mit starkem, schmiedeeisernem Gittertor geschlossen.

Der Gartengrund war sauber hergehalten. Weglein fein mit weißem Kies bestreut, die dunkle Erde der Beete aufgelockert und sorgsam gerecht. Frühe Salätlein grünten schon da und dort bei junger Pflanzung. Aus dem kurzen Wintergras der Raine stielten, die vorösterliche Kahlheit schmückend, in gelb brennenden Büscheln die Märzenbecher empor, zarter Krokus, blaßweiß und lila, öffnete die Kelche in die laue Luft.

Und ein dünnes Mädchen in leichtem, lichtblauem Kleid lief über den Kies, flatterte von einem Winkel in den andern wie ein eingesperrtes Vögelchen, bog sich zu den Blumen nieder, spähte zu den Bäumen hinauf, wo die Stare mit großem Lärm ihre Quartiere in den alten Häuschen bezogen und einrichteten, oder stand lauschend und träumend am 61 Brunnen still, der zwei blanke Strahlen aus gutmütigen Löwenköpfen in ein steinernes Becken spie.

Sie war gerade gewachsen wie ein Zaunstecken, die nackten Schultern und die Schlüsselbeine standen ihr eckig aus dem Kleid hervor. Rotes Haar, in einen dicken Zopf geflochten, hing ihr in den eingezogenen Rücken. Und ihr Gesicht war schmal und farblos, das freche Näschen mit Sommersprossen betupft, die Lippen spitzten sich gern, und die Augensterne flimmerten grünlichgrau und ungewiß wie die einer Katze.

Sie hüpfte mit einer zuckenden Hast umher und immer wieder die steinerne Treppe zu einer Laube hinauf, die, von blattlosen Wildweinranken überwölbt, einen erhöhten Lugaus im Mauerwerk bildete.

Da spähte sie hinaus auf die Straße vor das Tor und in die Gärten der Nachbarhäuser. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und bog den schlanken Rücken durch, um ja noch ein Stücklein mehr Weg, Wiese, Weiher und bläulichen Hügelrand zu erschauen, über den der leichte Märzhimmel mit sanften Reihenwölkchen und hellblauen Rissen sich niederneigte. Ihre Brüstlein, kaum geschwellt, wollten wie große Teichrosen hinausblühen in die Weite und Welt, Welt erschlürfen. Nur zu still war, was sich ihr da von der engen Mauer aus bot. Ein altes Weib schwemmte Wäsche auf der Bank im Weiher, ein stummer Ackersmann zog hinter dampfenden Gäulen mühsam Furchen ins Feld. Kein Frachtwagen mit Reisigen als Geleit, nicht einmal ein paar wehrhafte Nürnberger Langspießer zu Pferd, geschweige denn ein bunter Junker mit stolzem Geschau und Federhut oder der Graf von Hohenzollern, der mit Knappen, Hunden und Hörnern vom Gejaid nach der Burg zurückkehrte.

»Helena!« rief der alte Torwart, der auf eine grausame, blankgeputzte Hellebarde gestützt durch den Garten schritt. »Kindchen, komm herunter und laß dich ausschelten. Du hast mir wieder die schönsten Narzissen zerrupft und dabei hart in die junge Kresse getreten.«

»Schad't nichts, Alter!« näselte die Kleine mit schrillem Stimmchen zurück. »Ich kann die Kresse ohnedem nit leiden. Sie beißt mir die Zung.« 62

»Aber das solltest du denken, daß unsere Frau zum Gründonnerstag Grünes aufn Tisch will. Und gestern erst hatt ich dem Meister Albrecht ein Sträußlein Veilchen versprochen, weil er's malen will. Und die hast du mir auch abgegrast und an's Lätzlein gesteckt.«

»Laß neue wachsen,« versetzte das Mädchen schnippisch, indem sie die Treppe hinunterhüpfte.

»Warum trägst du den Spieß?«

»Mir ist, ich sollt ihn bei mir haben,« versetzte der Alte mit besorgter Miene. »Als ich ihn eben ins Eck stellen und fortgehn will, ist er mir nachgefallen, hat mich schier erschlagen.«

»Blasius Hasenfuß!« kicherte das Mädchen. »Meinst du, mich wollt wer stehlen?«

Blasius hob die Schultern.

»Es ist da vorhin ein Kerl um die Mauer geschlichen und hat beim Tor gar verdächtig hereingeschaut.«

»Wie sah er aus? Hübsch?«

»Nicht übel. Mich deucht, das Gesicht hätt in die Merklische Gevatterschaft gehört. Und bald darauf guckte wieder einer herum, der sah wüster.«

»I wo. Du siehst Gespenster. Ich hab da oben so fleißig umgeschaut und nichts Fremdes erblickt. Ist ja zum Erbarmen langweilig da,« setzte sie gähnend hinzu und steckte die Nase in die Veilchen an ihrem Busen. »Wieviel schöner war's in Nürnberg.«

Der Alte ging zum Tor, steckte den Kopf ans Gitter und bemühte sich, um's Eck die Straße hinauf und hinunter zu spähen.

»Das glaub ich,« sagte er, »daß du Langeweil hast. In der Stadt, da gibt's halt immer was zu schauen. Stündest im Erkerlein, gucktest auf den Milchmarkt hinunter, sähst die jungen Herren Ratssöhnlein mit den seidenen Ploderhosen, den nackten Hälsen und Federbarettlein auf und ab spazieren, und würde dir heiß ums Herz, wenn einer heraufschielt und lächelt.«

»Mir ist nie heiß worden,« warf die Kleine mit spöttisch verzogenen Lippen hin. 63

»Nicht einmal heiß? Kind, Kind, es ist gut, daß du fort bist. Und überhaupt sollt dich die Mutter noch auf ein paar Jahr zu den Ursulinen stecken. Bist ein geil Pflänzlein, wie ein Treibhausgewächs. Doch mir ist, die Mutter hätt vorhin nach dir gefragt. Sie sitzt oben in der Halle.«

»Und der Meister noch bei ihr?«

»Ich sah ihn nicht fortgehn.«

»Der bleibt wieder lang.«

»Und blieb wohl gern noch länger. Ich hab nichts wider ihn. Ist ein guter Herr. Und was er malt, das vermeint man greifen zu können, fast schöner als in Wirklichkeit.«

»Ich will hinaufschauen.«

Helena hüpfte hinweg, ins Haus und die schwere Eichentreppe hinauf, die im ersten Stockwerk in eine gewölbte Halle mündete, wo helles Licht durch hohe Bogenfenster fiel, daß es fast wie in einer Kirche war.

Den letzten Stiegenabsatz schlich sie auf den Zehenspitzen hinan, lugte oben vorsichtig um die Tür, trat zurück und schlüpfte lautlos wieder treppab.

In der Halle nah am Fenster auf einem hochlehnigen, geschnitzten Stuhl saß die Agathe Odheimer, auf der Fensterbank aber Albrecht Dürer, ein Reißbrett ans Knie gestützt und den Stift in der Rechten.

Eben zeichnete er an der feinen Frauenhand, wie sie weiß und gütig auf der Lehne des Sessels lag. Dann tat er wieder einige Striche am Überärmel des grünen Samtkleides, der aufgeschlitzt und lang niederhing, und dessen Seidenfutter prächtig schillerte. Es hielt ihn nicht dabei. Er blickte auf und zog die sanftgeneigte Linie des Halses nach, den ein feines Goldkettchen, in der Teilung des hochgeschnürten Busens verrieselnd, umschmiegte. Das Gesicht war auf dem Blatt noch ein weißer Fleck, nur die lieblich ins Kinn verlaufende Rundung leicht umrissen. An die sanfte Klarheit der braunen Blicke, den weichen Schwung der Lippen hatte er sich noch nicht gewagt. Das Häubchen, das mit einem perlenumsäumten Zwickel fast die Stirn berührte und aus lichten Schleierbauschen die vollen, glanzbraunen Haarflechten vortreten ließ, war schon sorglich ausgeführt. Aber 64 des Ganzen dieser starkblühenden Weiblichkeit wollte er noch nicht sicher werden. Die Fülle schien ihm zu derb, die fließende Schlankheit der Gestalt zu hölzern ausgedrückt. Unzufrieden lehnte er das Brett ins Fenster, verschränkte die Arme und sprach:

»Ich komm heut wieder nicht zustand. So schwer ist mir noch kaum ein Bild geworden.«

»Ihr malt's nicht gern,« lächelte die Odheimerin.

»Zu gerne nur, Frau Agatha, zu gern. Zu nah noch steht es meinem Herzen.«

Die Odheimerin sah zu Boden.

»Ferne muß haben, was ein rechtes Werk werden soll, kühle Ferne,« sprach Dürer. »Das ist das Bittere in der Kunst,« setzte er mit einem leichten Seufzer hinzu.

Die Odheimerin sah auf. Nicht ohne List war das Lächeln, mit dem sie sprach: »So geht doch heim und malt das Bild in Eurer Kammer zu Nürnberg fertig.«

»Gewiß, da steht es,« versetzte Dürer. »Da steht es angefangen als eine großmächtige Tafel, mit der ich Euch als Gottes-Mutter auf den Altar zu heben gedachte, auf daß ganz Nürnberg Eure Schönheit sollte anbeten. Doch seltsam: Mal ich an der Tafel, so will's mich plötzlich ein Wahnsinn bedünken, Euch das Christkind auf die Knie zu setzen. Mit Blumen und Früchten möcht ich Euch den Schoß füllen, einen blühenden Rosenzweig in die Hand geben und nicht das fromme Kügleingeschnür. Vor Lust und Leben lachend will Euch mein Pinsel malen, keine Farb ist ihm glühend genug. Euer Aug soll frei und fordernd hinausstrahlen, nicht in scheuer Demut niederblicken, wie man's von Maria gewohnt ist; aus dem Heiligenschein wird eine weltliche Perlenzier, statt der Englein will ich Euch lächelnde Ritter zur Seite stellen, und von heißem, venedischem Goldlicht müßt alles umflossen sein. Die da unten, die haben's weg. Die malen ihre Heiligen für ein Volk, das zum Leben betet, nicht für arme, verschreckte, in der Seele zerquälte Leute, die in halbfinstere Dome kommen, mit einem grausamen Gott zu ringen. O, wieviel Dunkel und Pein ist im deutschen Gemüt! Könnt ich in Morgenlicht meinen Pinsel tauchen und ihm 65 den goldenen Tag heraufmalen! Und dazu solltet Ihr mir helfen, schöne Frau!«

»So viel's an mir liegt, Ihr seht, ich dien Euch gern. Ihr nur zweifelt so viel und so sehr an mir, an dem Bild, an Euch selbst, daß Ihr's nicht weiterbringt.«

»Vielleicht, weil ich mir Verkehrtes hab vorgenommen. Vielleicht seid Ihr doch auch nicht ohne Schuld daran. Denn will ich Euch als Heilige malen, so tretet Ihr vielmehr als eine frohe Göttin des lockenden Lebens vor mich, und es zieht mich aus der stillen Kammer weg zu Euch selber hin. Nichts anderes soll das Bild werden als Ihr selbst, beschließ ich dann, nichts weiter als ein warmes und treues Konterfei Eurer Weibesblüte. Und steh ich dann hier und versuch es, Euch so zu fassen, da tretet Ihr kühl und fern zurück, seid Jungfrau, seid Madonna, wollt ein wenig angebetet sein und, so man eifrig betet, dem Sünder ein gnädig Lächeln schenken, im übrigen aber still und selig sein in Euch selbst.«

Er hatte das Brett wieder genommen und zeichnete fort.

»Ihr habt noch nie geliebt, Frau Agatha,« schloß er seine Rede.

Sie sah ihm verwundert ins Gesicht.

»Und mein Leonhard, den ich beweine?«

»Dem will ich nicht zu nah treten. Ihr wart eben fünfzehn, als er Euch aus der Kinderstube zum Altar führte.«

»Hab ihm doch fast ebensoviel Jahre in treuer Liebe angehangen und bin nun ein arm, verlassen Weib.«

»Das könntet Ihr leicht ändern.«

»Meint Ihr so leicht? Eine alternde Wittib, der man alles genommen hat bis auf ihr einzig Kind.«

»Alternd? So Falsches solltet Ihr nicht sprechen, Frau Agatha. Ihr habt es nicht not, Ab- und Widerrede herauszufordern.«

»Aber Helena ist da. Die streitet Ihr mir doch nicht ab. Und sie wird bald selber Hochzeit machen wollen.«

»Ich kann sie Euch nicht abstreiten, diese seltsame Tochter, ob sie gleich so wenig Eures Wesens hat, daß Ihr sie glaubhaft für ein Stiefkind ausgeben mögt. Sie scheint Euch nur 66 geworden, daß Eure eigene Blüte sich voll entfalte. Sie hat Euch so wenig berührt wie ein Tautropfen die Blume. Glaubt mir, Frau Agatha, die Natur spielt seltsame Streich. Eine Mutter vermeint, ihrem Gatten ein Kind geboren zu haben, und hat doch kaum ein Teil daran. Weiß Gott, was das Geschick mit der Helena wollte. Weiß Gott, wo Herr Leonhard seine Gedanken hatte, als –« Er hielt das Brett von sich ab und musterte die Zeichnung.

»Ihr sprecht Dinge, die mir dunkel und peinvoll sind, Meister Albrecht. Ihr wißt, solches hab ich nicht gern. Redet von anderem.«

»Verzeiht, es ist mir so, als müßt ich Euch einmal mit Wahrheit zu Leib rücken. Es drängt mich immer dazu. Vielleicht bin ich's gar nicht, der spricht. Vielleicht will das Schicksal aus mir reden. Es ist mir oft so, als diente ich nur höherer Macht.«

»Mit Eurer Kunst wohl. Was solltet Ihr mit unnützen Reden an einem Weibe dem Geschick dienen?«

»Wer mag das unterscheiden, Frau Agatha? Wenn ich Euch male, so leb ich und webe um Euch. Da ist dann Malen und Sprechen eins. Ich fühl Euch, wie mich selbst. Ich spür Euer Schicksal wie meines. Und darum muß ich's heut doch noch sagen: Ihr habt Euch manchen Feind gemacht, Frau Agatha.«

»Seid Ihr etwan auch schon unter die vielen Feinde gegangen, die mich verfolgen? Ich dachte, Ihr wäret mein letzter und sicherster Freund.«

»Bin's und will's bleiben von Herzen in Ewigkeit, Amen. Und eben deshalb muß ich Wahrheit sprechen.«

»So meßt auch Ihr mir Schuld an meinem Unglück zu?«

»Das tu ich. Nicht Eure Feinde allein sind schuld daran. Ihr habt viel Haß erregt.«

»Wodurch um Gottes willen? Wem wollt ich Böses?«

»Gewiß keinem. Aber Ihr zieht mächtig an und wisset das und tut das bewußt. Und wenn dann einer noch ein wenig näher kommen möcht, stoßt Ihr ihn zurück. Ihr seid zwiefältig. Jetzt Venus, dann Madonna.«

»Und wär es so, was könnt ich dafür? Auch Euch haben 67 sie schon herumgeredet in Nürnberg, ich seh es. Auch Ihr glaubt es schon halb, was sie mir Schändliches nachsagen.«

Ihre Augen füllten sich mit Tränen.

»Mich hat noch keiner herumgeredet. Da müßt schon einer wie der Doktor Luther sein an Kraft des Wortes, der das vermöchte. Jedem andern fühl ich mich über in meiner Meinung von Menschen und Dingen. Und das sagt auch keiner von Euch, was ich jetzt sagte. Sie schimpfen Euch, sie verfolgen Euch, weil sie enttäuscht wurden.«

»Allen voran der Matthes Preuß, weil ich ihm einen Korb gab.«

»Getroffen. Der Korb war auch kein Fehler an sich. Aber ein hartes Wort, das Ihr ihm nachgeredet, das hat ihn Euch zum grimmen Feind gemacht.«

»Er wollte meines Mannes Geld, nicht mich. Mir ekelt's vor dem habgierigen Schelm.«

»Ich denk, er wollt Euch so gern oder lieber als das Geld, wann auch vielleicht nicht ohne dem. Aber das Geld hat er nun, das ist seine Rache.«

»Und gibt sich nicht zufrieden damit, verfolgt mich weiter, und der ganze Rat in Nürnberg steht ihm bei. Wo gibt es noch eine Gerechtigkeit in der Welt?«

»So ist es. Alle fürnehmen Bürger Nürnbergs haben sich wider Euch verschworen.«

»Und vordem, als ich reich war und ein gutes Haus hielt, wußten sie mir nicht genug Freundliches zu sagen.«

»Und Euch selbst war die Liebedienerei ganz recht. Ihr saht es nicht ungern, als die jungen Tucher und Ebner, die Paumgärtner, Schürstab und Merkel, der Ritter Gehauf und andere um Euch scharwenzelten. Und als dann Herr Leonhard gestorben war und einer oder der andere aus dem Spiel Ernst machen wollte, da sagtet Ihr, es könnt Euch einfallen, einem Pfeffersack ins Geschäft zu heiraten. War's nicht so? Und Euer Mann sei ritterlicher Geburt gewest und dergleichen mehr, und an Sankt Sebaldi Tag ließt Ihr Euch vor allem Volk vom jungen Markgrafen zur Kirche geleiten.«

»Wie mengt Ihr Zufall und Gerede durcheinander! Ein einziges ist wahr davon, daß mir diese Kaufherren, diese 68 Geldwänste in der Seele zuwider sind. Das können sie, höfische Minne äffen und sich ausputzen, daß ein Fürstensohn neben ihnen steht wie ein armer Schüler, in Samt und Seide stolzieren, mit Riechwässerlein begossen, mit Ringen besteckt und bloßer Brust wie ein schlecht Frauenzimmer. Aber schaut einmal in ihre Köpfe und Herzen, so sie welche haben. Horcht ihren Reden, wann sie daheim im Laden sitzen oder in der Wirtsstub. Was erfüllt sie, was ist ihr Trachten früh und spät? Warenballen, Kaufzüge von Florenz herauf, Wechsel auf Ulm und Frankfurt und Wien, wie es zahlt auf dem und jenem Platz, und was für Vorteil dabei zu machen. Das ist ihre innere Welt, und da hab ich nimmer hinein mögen. Mag sein, daß ich ein- oder andermal sagte, was ich gedacht. Ich kann mich nicht verstellen. Darum ist mir das eitle Volk gram.«

»Ich kann Euch nicht widersprechen. Es ist, wie Ihr sagt und schlimmer sogar. Dennoch tragt auch Ihr gern Genueser Samt und Brabanter Spitzen. Wer anders schafft sie Euch, dann der Nürnberger Pfeffersack? Ihr lebtet und hieltet Haus zu Nürnberg, wie's nimmer eine Edelfrau vermag. Und Leonhard, der Odheimer, tat gut daran, den Nürnbergern einen Stadtschreiber abzugeben. Als armer, fränkischer Schnapphahn hätt er nicht halb so viel zu sagen gehabt, wär kaum weniger gefürchtet und nimmer so geehrt gewest. Und sein ehelich Weib dazu, abgerechnet, was auf ihre Schönheit kommt.«

»Ach, was erinnert Ihr mich noch an die gute Zeit! Jetzt sitz ich in dem kahlen Haus, und wer weiß, morgen vielleicht auf der Straße. Wenn ich irgend fehlte, ich hab's gebüßt. Warum seid Ihr nun so hart zu mir? Wer gibt Euch ein Recht, mich so zu quälen?«

Dürer stellte das Bild hin, pflügte mit den schlanken Fingern durch die Bartlocken und schwieg.

»Es ist wahr,« begann er nach einer Weile. »Ich wollt Euch doch eigentlich ganz andere Dinge sagen. Ich red herum, und die Worte verstricken mich in ihr Netzwerk, zerren mich weitab vom Weg, den ich mir vornahm. Weint nicht, schöne Frau. Ich bitt Euch, seid gut. Ich meinte es nicht schlimm.« 69

Er stand auf, trat zu ihr, stützte sich auf die Lehne ihres Sessels und sah auf sie herab.

»Ich bin ein schlechter Anwalt meiner Wünsche,« sprach er sanft. »Versteh nichts von dialektischer Kunst und römischer Spitz- und Witzfindigkeit. Und Ihr seid mir wirr und rätselvoll wie eine Sternennacht.«

»So sprecht, Meister Albrecht. Sprecht frei, was Ihr auf dem Herzen habt.«

Er richtete sich auf und ging tiefsinnend ein paar Schritte hin und her.

»Es ist viel,« sagte er stehenbleibend und die Odheimerin ernst anblickend. »Ich glaub, ich darf's nicht sagen. Über mir ist was Dunkles, das mir den Mut nimmt. Es ist doch einmal mein Los, daß mir versagt bleibt, was Menschen selig macht. Mein Glück und Reich ist nicht von dieser Welt. Und steh doch mit beiden Füßen recht auf der lieben Erde . . .«

Er sah auf und begegnete einem lächelnden Blick voll tiefer Güte. Sein Auge leuchtete, Blut stieg ihm zur Wange.

Da gab es Lärm draußen am Gartentor. Ein wilder Schrei und sterbendes Klagen drang herauf, Stimmengewirr brach in den Hof, Schritte hasteten unten über die Wege.

 

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