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Ritter, Tod und Teufel

Hans Frhr. von Hammerstein: Ritter, Tod und Teufel - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
booktitleRitter, Tod und Teufel
authorHans Freiherrn von Hammerstein
year1921
firstpub1921
publisherC. F. Amelangs Verlag
addressLeipzig
titleRitter, Tod und Teufel
pages434
created20181004
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Nebukadnezar

Mangold entzündete in der Stube mit dem Rest des Kienspans eine dicke rote Kerze, die in einem Leuchter auf dem Tische stand, und stellte den Krug hin. Der Voit warf sich in einen mit Leder bespannten Sessel, Ulrich lehnte sich an den kalten Ofen. Mangold begann, die Hände auf dem Rücken und das Haupt finster gesenkt, auf und ab zu schreiten. Keiner sprach ein Wort. Nebukadnezar leerte mit tiefem Zug seine Kanne und goß nach.

»Es ist nichts mehr drinn,« sagte er, den Krug wieder hinstellend.

Mangold nahm den Krug und ging hinaus. Der Voit rückte sich zurück, streckte die Beine lang unter den Tisch, faltete die Hände überm Bauch und stierte ins Licht. Dann stürzte er plötzlich den Becher, daß auch kein Tropfen mehr im silbernen Meerweibchen blieb, stellte das Gefäß hin und schlug mit der Faust auf den Tisch, daß Ulrich aus seinen Träumen aufschreckte.

»Die Weiber . . . die Weiber . . .,« sprach Nebukadnezar mit grimmig aufgerissenen Augen. »Hast du's gesehn? – Hast du's gespürt?« Er sprang auf und tat ein paar Schritte am Fenster her, blieb stehn, kehrte sich mit einem Ruck gegen Ulrich und lachte bitter: »Wann die Weiber sich dreinschlagen . . . . armer Mangold! – Hast du's gehört? – Ja, dann ists aus. Das kenn ich.«

Er machte eine Bewegung wie einer, der ein Netz von sich abstreifen will. »Rühr dich! Rühr dich! Du hast die Finger, die Füß, den Hals drinn – es ist um dich wie 360 Spinnweb – so leicht – so zäh – ich weiß nicht wie – gibt nach und hält doch . . . und du kannst nit mehr.«

Mangold trat wieder ein. Er trug drei prall gefüllte Bocksbeutel im Arm und stellte sie auf den Tisch. »Da hab ich was Bessers bracht,« sprach er. »Der ist so alt wie der Ulrich, 1488er, ein guter Jahrgang. Aber gebt acht, der sauft sich nit so leicht weg wie der vom Steigerwald, den wir sonst trinken. Der macht Füß als hätt einer Eisenschuh und Schienen an, und hab schon gar manchen nach etlichen Bechern davon über seine Sporen stolpern sehn.«

Er öffnete einen der Beutel und goß behutsam die Becher voll. Des Voiten Meerweib aber verschlang noch schier die Hälfte des nächsten Beutels dazu.

Alle drei hoben die Becher unter die Nasen und schnupperten mit andächtigen Mienen.

»Ich bring's euch zu!« sagte Mangold. »Auf treue Brüderschaft!«

Sie tranken.

»Nun, Alter?« lachte Ulrich zum Voit hinüber, »dein Spruch?«

Nebukadnezar machte eine abwehrende Handbewegung.

»Also dann,« sagte Ulrich, den Becher noch einmal hebend, »trutz dir: auf das schöne Geschlecht!«

Aber keiner der beiden trank mit.

Ulrich kippte den Becher und stellte ihn hin. Mangold füllte nach.

Ulrich zum Ofen zurückkehrend: »Freilich – Spinnweben – Netze. Und doch mag kein rechter Mann leben ohne das.«

Mangold sah ihn verwundert an.

Ulrich fortfahrend: »Der Freiheit mein Leben, dem Weib meine Freiheit!«

Mangold blieb stehen: »Du?«

Nebukadnezar sah ihn starr an, knickte wieder in den Sessel zurück, streckte die Beine weit von sich und bohrte die Blicke in den Boden.

Ulrich: »Ja, Oheim, was gäb ich drum, dürfte ich einem edlen, wohlgetanen Weib meine Freiheit hingeben! Frei bin ich. Der Hofdienst beim Kurfürsten zu Mainz beschwert 361 mich nicht. Sein Rat heiß ich zwar, aber nur, weil der Kardinal stolz darauf ist, Ulrich von Hutten seinen Rat zu nennen. Die gewöhnlichen Beratungen und Geschäfte gehn ohn mich ihren Gang. Nur in sonderlichen Fällen hört er mich gern und ist mein Freund geblieben, auch nachdem ich dem Papst zu Rom den Handschuh hingeworfen. Ich geh und komm, wann ich mag, fahre und reite, wohin ich will. Ich bin frei. Auch innen in mir bin ich frei geworden – nach langem harten Kämpfen. Aber was ist mir die Freiheit allein? Gebe mir der Himmel wieder einen gesunden Leib!« Sein Gesicht bekam einen schmerzlichen Ausdruck. »Gott hat mich geschlagen, daß ich immer zur Tiefe muß, wann ich des Weibes bedarf,« setzte er dumpf hinzu.

Die zwei anderen schwiegen, und jeder tat nachdenklich einen Schluck.

Ulrich fuhr fort: »Vor einem reinen Weib möcht ich niederknien und ihm meine freien Hände hinstrecken, daß es sie binde mit Liebe. Minne bindet das Irdische, den Geist macht sie erst wahrhaft frei. Wir müssen lieben, so viel Ungemach es uns bringen mag, und geliebt werden, so sehr uns das gleichwie ein blühend Schlinggewächs Herz, Hand und Fuß umstrickt und hemmt. Der Mann ist kein Mann ohne Liebe, er schafft nicht, er ist unfruchtbar auch im Geiste und in der Tat. Hinter jedem rechten Helden steckt ein Weib, hinter jedem Dichter, so er was taugt . . . .«

»Mind'stens ein halbes Dutzend,« ließ sich Nebukadnezar mit Grabesstimme vernehmen.

Mangold und Ulrich lachten. Der Voit nickte düster und tat einen tiefen Zug aus dem Meerfräulein.

Ulrich seufzend: »Ach ja, ein halbes oder ganzes Dutzend. Ich hab es satt. Was Liebschaft, Wollust und Tändelei! Eine wollt ich finden, die mich befreit, indem sie mich mit sanften Fesseln bindet, eine, die dem Vogelfreien Heimat würde.«

Sie schwiegen. Mangold schritt noch ein paarmal auf und nieder und setzte sich an den Tisch. Ulrich folgte ihm. Sie leerten die Becher, füllten sie neu.

Ulrich begann: »Ich muß eine Frau haben, Oheim, ich will heiraten.« 362

Mangold nahm bedächtig einen Schluck Weines, behielt die Hand am Becher, nachdem er ihn abgestellt hatte, und blickte ernsthaft vor sich hin. »Ich glaub, daran hättst du früher denken müssen,« sprach er langsam, ohne aufzusehn.

Ulrich: »Du meinst, wegen meiner Krankheit? Paracelsus, der große Arzt, wird mich ganz heilen. Er versprach es mir als gewiß. Es ist eine harte und peinvolle Kur, so er mit mir vorgenommen, aber sie erweist sich als wirksam. Ich fühl mich wohl, wie noch nie in meinem Leben. Noch einmal muß ich sie wiederholen, dann werde ich gesund sein.« Er lehnte sich zurück und reckte die Arme weit. »Ach, gesund sein und ein gesundes Weib umarmen dürfen!«

Er sprang auf und begann umherzuschreiten. »Ich müßt ein Wesen haben,« fuhr er eifrig fort, »bei dem ich mich von Sorgen und ernsten Studien erholen, mit dem ich scherzen, spielen, angenehme und leichte Unterhaltung pflegen kann, das mir den Gram, der so oft als ein düsteres Gewölk über mir hängt, durchsonnt, den Kummer um das Elend unserer Nation erheitert, die Hitze des Hasses wider unsere Feinde mildert. Mit jenen zarten, leichten Fäden muß sie mich umspinnen, die das Licht des Lebens noch einmal so schön machen, indem sie es fangen und spielen lassen in den schillernden Regenbogenfarben des Gefühls. Jung muß sie sein und schön, heiter und geduldig, klug genug, um teilzunehmen am Leben meines Geistes und stark, um die wilde Flut meines Blutes zu ertragen. Ach, laß sie nur ein rechtes Weib sein und mich von Herzen lieben, dann wird das Herz sie lehren, weß ich bedarf.«

Er blieb stehn und sah Mangold an. »Oheim,« sprach er, »glaubst du, daß mich ein weibliches Wesen noch lieben kann?«

Mangold nachdenklich: »Gott mach dich gesund und geb dir ein Weib nach deinem Sinn, Ulrich. Niemand möcht es dir wärmer wünschen als ich. Es gibt adelige Mädchen genug, die einer rechten Liebe würdig und fähig sind.«

Ulrich, ihn lebhaft unterbrechend: »Adelig? – Sie mag auch bürgerlichen Standes sein. Ich glaube, diejenige wird adelig genug sein, der Hutten die Hand reicht!« setzte er stolz hinzu. »Unter den edlen und ehrbaren Geschlechtern der 363 Städte, die ihr verachtet,« fuhr er fort, »will ich sogar eher ein Mädchen finden, das meinem Wesen entspricht. Die Bürgerinnen sind feiner, gebildeter und freieren Geistes als die Mädchen unseres Standes, die in einsamen Schlössern versperrt aufwachsen.«

Mangold stützte sinnend das Kinn in die Hand.

»Bedenk, Ulrich,« sagte er, »man heiratet nicht das Weib allein, sondern die Sippe dazu.«

Ulrich eifernd: »So denkt Ihr von der Ehe. Euch ist sie der Bund zweier Geschlechter, und so nur recht viel schöne Wappenschilde von beiden Seiten zusammenkommen, dann seid ihr's zufrieden und lobt das Paar.«

Mangold: »Es liegt ein gar tiefer Sinn im Stammbaum.«

Ulrich: »Den ich wohl verstehe und nicht gering schätze. Ihr aber seht nur nach Namen und Schild, nicht was sie bergen. Das solltet ihr fragen bei jedem Paar eurer acht oder sechzehn Ahnen, ob ihr sie als Vater und Mutter hättet haben mögen.«

Mangold voll aufblickend: »Das ist's, Ulrich, das ist der Sinn der Proben, das versteh ich unter edler Geburt. Wir wollen und sollen wissen, aus welchen Quellen das Blut fließt, das unsere Kinder bildet. Ein gewaltiges Geheimnis ist die Verbindung zweier Menschen. In dunkle Tiefen hinab reichen die Wurzeln des Geborenen. Sinnbilder sind Wappen. Sie leuchten zurück in die Düsternis des Vergangenen wie Sterne in die Nacht.«

Ulrich: »Da, Oheim, wären wir einig ganz und gar. Welcher Edelmann aber forscht noch so tief, wann es ihn gelüstet, sich zu beweiben? Der Adel berauscht sich an Eitelkeit und hohlem Schall, so ihn nicht, niedriger noch, die Gier nach Gütern treibt. Sippe heiratet in Sippe, einerlei ob Tugenden oder Laster Mitgift und Erbe seien. Dem Erstgeborenen die Güter, den Nachgeborenen die Pfründen im Domstift. Immer enger zieht sich der Kreis, immer wirrer verkreuzt sich Gevatterschaft und Schwägerschaft. Das Blut wird dick und faul, die Tatenlust erstirbt, man erzüchtet Fehler wie Krankheiten, und was ein Geschlecht endlich dem andern vererbt, ist nichts dann Leidenschaft, Hoffart und Torheit. 364 Glaub mir's, ich hab gesucht in unserem Stand nach einem Weib, das mir eine Gefährtin sein möchte. Wie vielen hab ich in die Augen, in die Herzen geschaut. Alle sind sie so tot, so verschüttet von den Dingen der Erde, so eingezwängt in Mauern und Höfe, in Sitte und Brauch. Der Mann – das bedeutet ihnen Gut, Haus, Kinder, Sippe, sonst nichts . . .«

Mangold einfallend: »Sonst nichts? Ich dächte, das wär des Weibes Wesen und bestes Leben.«

Ulrich, plötzlich wie müde geworden: »Ja, ja. Ich hab nichts von alledem und hätt es doch gern vielleicht.«

Mangold: »Haus, Kinder, Sippe, das heißt mir Weib. Die Kemenate, die ist ihr Reich, und der Hof dazu. Auf Mauern und Türmen, da fängt der Mann an. Aber wozu Mauern und Türm, wozu Stall, Roß, Rüstzeug und die ganze Reiterei, wann nit im Burgstall der Herd brennt, das Spinnrad schwirrt?« Er war aufgestanden und ging den Tisch entlang. »Kinder,« fuhr er fort, »die fehlen mir. Sonst nichts.«

Ulrich: »Sonst nichts?«

Mangold: »Ich wüßt nit, was. Aber ich wär gewiß noch einmal so munter, wann ich für eigenen Stamm zu sorgen hätt. Siehst du, Ulrich, das erst macht den Mann recht fruchtbar und zu Taten aufgelegt, wann er in Kind und Enkel sich fortgesetzet sieht.«

Ulrich: »Du hast recht. Ich aber denke nicht so sehr an Kinder des Leibes, als an die des Geistes. Und auch zu denen muß das Weib Mutter sein. So meint ich's.«

Mangold: »Mag sein. Davon versteh ich nichts. Jedennoch, so du ein Weib nimmst, mußt du leibliche Kinder wollen und an leibliche Kinder, deine Kinder, denken, mehr als an dich selbst und deine Wünsche.«

Ulrich kopfschüttelnd: »Wie Kinder werden, weiß Gott allein.« Mit Hohn: »Schau mich an! Setzt sich mein Vater in mir fort?«

Mangold blieb stehen und sah ihm scharf ins Gesicht. »Aber deine Mutter vielleicht.«

Ulrich düster: »Dafür bin ich zu schlecht.«

Sie schwiegen eine Weile. Der Voit leerte seinen Becher und goß sich nach. Dann lehnte er den Ellenbogen an die 365 Tischkante und stützte den Kopf in die Hand, daß der Schatten ihm übers Gesicht fiel. Zwischen den langen, knochigen Fingern standen seine grauen Haarbüschel in die Höh.

Ulrich sah nieder. »Mir ist so oft, als sei ich ohne Vater und Mutter zur Welt gekommen,« begann er vom neuem, »so unähnlich bin ich beiden, so eigen und neu in mir selbst. Und siehst du, darum bedarf ich eines sonderlichen Weibes.« Er richtete sich auf. Sein Blick war weit und dunkel. »Einer bedarf ich, die groß und frei ist wie ein Göttin, schön und dunkel wie eine Wetternacht. Einer, die brennen kann, in die ich mich stürzen könnt als in ein verzehrend Feuer. Wie treibt es mich nach solcher Glut, darin ich vergehn müßt ganz und gar und erlöst, erneuert auferstehn gleich dem Vogel Phönix.«

Nebukadnezar fuhr zusammen.

Ulrich zu Mangold: »Er schläft.«

Mangold: »Wann er zu schlafen scheint, hört er am besten.«

Eine Weile war es wieder still. Die beiden tranken ein Schlücklein, stellten die Becher hin und lehnten sich an den Tisch. Der Voit saß unverändert, die Hand vorm Gesicht, die langen Beine weit hingestreckt und atmete gleich einem schwer Träumenden.

Mangold schlug ein Bein über. »Was du da sprichst, ist mir fremd,« sagte er. »Ein guter Gesell muß die Frau sein, treu in aller Fährnis.«

Nebukadnezar unter der Hand her wie aus dem Schlafe: »Den hast du. Vor anderem hüt dich.«

Mangold sah erstaunt nach ihm hin. Ulrich lächelte: »Ein wenig gelinder könnt die Base schon sein,« sagte er.

Mangold: »Wer weiß, dann paßten wir vielleicht nimmer zusamm.«

Ulrich: »Der Mann ist scharf und hart von Natur. Mit Milde muß ihn das Weib umhüllen.«

Er verstummte und fuhr dann fort: »Da unten vorhin war's doch gut, daß ein Weib sich dreinschlug.«

Mangold, sich verfinsternd: »Für den Lumpen freilich, für das, worum wir streiten, aber nicht. Wer Streit hebt, der muß ihn hart führen, er finge dann besser keinen an. Ein 366 Frauenzimmer, das bringt keinen Krieg zu einem guten End. Itzt voll Hitz und aufgebracht, itzt in Mitleid schmelzend und in Tränen. Das hat keine Art. Die Weiber müssen wegbleiben von solchen Dingen.«

Nebukadnezar ohne aufzusehn: »Drum sprach sie: Ist der Männer Sach, geht mich nichts an. Das hat mir gefallen.«

Ulrich lebhaft: »Aber die andere, die hat mir gefallen. Da sie die Folter sah, tat sie, was eines Weibes ist und legt Fürbitt ein. Das war ihr gutes Recht.«

Mangold geärgert: »Hätt ich sie früher gesehn, ich hätt sie hinausgeschickt.«

Ulrich: »Sie ging deiner Frau nach.«

Mangold antwortete nicht. Er nahm die Lichtschere, streifte einen knisternden Räuber von der Kerze und stutzte den Docht. Es wurde für eine Weile dunkler im Gemach.

Ulrich hob wieder an: »Item, es ist nicht gut, daß der Mann allein sei. Ohne Weib, da ist er doch hart und öd als ein Turm auf kahlem Fels. Mag keiner drin hausen. Das Weib soll ihn umweben, umwohnen, gleichwie am Haus die freundlichen Linden stehn, rauscht der Wind drinn, zwitschern die Vögel vor den Fenstern.«

Er zwinkerte Mangold zu: »Sieh den alten, traurigen Weiberfresser an. Was wir reden, davor hält er die Ohren zu.«

Er wartete ein wenig. Der Voit regte sich nicht.

Ulrich fortfahrend: »Er steht auf und geht schlafen mit seinem Spruch und Segen, hängt sich übers Pferd und trägt ihn als grimmen Gruß von Schloß zu Schloß im Land herum. Schier wie der alte Cato ist er mit seinem ceterum censeo. Schon schrein es ihm die Kinder nach. Und immer neuen Weiberhaß trinkt er sich aus dem Wein, der in anderen die Liebe zu wecken pflegt.«

Er hob den Becher: »Ich aber möcht es jedem, dem ich wohl will, wünschen wie guten Morgen und gute Nacht: Gott bescher dir eine Liebste, Gott laß dich recht in Liebe brennen.«

Nebukadnezar fuhr auf. Die Haarsträhne standen von seiner hohen Faltenstirn empor, die tiefen, trüben Grauaugen starrten über den Tisch ins Leere. Er hob die Hände wie zur Abwehr wider etwas Entsetzliches, ließ die Linke langsam 367 sinken, fiel in den Stuhl zurück, bekreuzte mit der Rechten feierlich Stirn, Mund und Brust und sprach dabei: »Gott – schütz uns – vor den Weibern – Amen.«

Ulrich zwang sich zu einem lauten Lachen. Auch Mangold konnte ein Schmunzeln nicht unterdrücken.

Nebukadnezar mit drohender Gebärde, halb aufgerichtet, dumpf und langsam: »Lacht nur. So mein ich's. Gott helf mir und euch. Ein jeglicher enthält und nährt in ihm das Weib als eine Krankheit, und die besten von uns gehn daran zugrund. Sie frißt wie der Wurm im Holz, wie heimlicher Brand in den Sparren. Und plötzlich einmal bricht's aus, schlägt aus, über ihm zusamm, und er zerfällt, ist hin.«

Er leerte hastig die Kanne und goß nach.

»Wie's kommt und wann,« fuhr er lebhafter fort, »das weiß keiner, ist keiner sicher davor, er hab Stärke, Tugend, Glück, Weib, Treue und vermeint, daß er ruhig dürfe schlafen. Immer lauert es dunkel in uns und wächst, wir scherzen darüber hinweg, spielen gar damit in freventlicher Red und törichtem Brauch. Ein Hauch kann es rufen, ein Schimmer auf schönem Haar, ein dunkler Ton in einer Stimm . . .«

Er sah Ulrich über seinen Krummschnabel hinweg mit bohrenden Blicken an wie ein uralter, böser Adler: »So hat's mich zerstört, so dich. So,« er deutete steil auf Mangold, »wird's den haben, eh dann ein Jahr herum.«

Mangold mit ärgerlichem Lachen: »Du Narr, dich hat der Wein gefressen, nit das Weib. Und den . . .«

Nebukadnezar: »Und den der rote Franzos – gut – und mich der Wein. Das ist's. Man treibt den Teufel mit Beelzebub aus, die Frau mit der Hur, das Weib mit dem Wein. Aber den Teufel, den weiß keiner.«

Ulrich geschraubt heiter: »Den baren Teufel also schaut er im Weibe.«

Nebukadnezar: »Nenn's Teufel, Gott, Natur, Schickung. Das Weib kann so wenig dazu als der Mann, die edlen Weiber zerstört es so gut, wann es sie packt, als die Stärksten von uns. Nur die Starken, die nimmt, die bricht es, so wie die hohen Bäum nur wissen, was der Sturm ist. In Gras und Gestrüpp ist aller Wind ein Scherz.« 368

Ulrich spottend: »Alter, du schaust jedwedes Ding im Jammer deiner Räusche. Ich sah manch einen großen Mann und manch eine edle Frau in großer Lust und Zufriedenheit miteinander leben.«

Nebukadnezar: »Sahst du einem innen hinein? Meinst du, weil einer lacht, daß er froh sein muß? Das schlimmste Elend ist, das sich verbirgt, und wer Art hat, der weiß zu schweigen.«

Ulrich: »Dir aber sind wohl die Herzen offenbar?«

Nebukadnezar: »Ich hab um dreißig Jahr mehr gelebt als du, und der Wein ist ein guter Schlüssel zu den Herzen der Menschen. In manchen sah ich hinein, der rote Wangen, blanke Augen, lachenden Mund und den Wurm im Herzen hatte. Ich sag dir: es ist ein Gesetz, daß Mann und Weib einander zerstören. Da geht's schnell wie ein Wetterstrahl, da langsam und unvermerkt, ihnen selber kaum wissend, wie eines Baumes Sterben vom Kern heraus.«

Er stand auf und begann in langen Schritten vor dem Fenster hin und her zu gehen. Dann blieb er vorgebeugt, die Hände auf dem Rücken, stehen und sah verloren in die weite Ferne:

»Viele hab ich zugrund gehen sehn,« sprach er langsam, »bessere als ich bin, Männer, zu großen Taten geboren. Der ist in einem dummen Hader erschlagen worden, der ins Elend gefahren und nimmer gekehrt, der in Wein und Würfeln verkommen. Ein anderer in aller Stille verdorrt, oder – was schlimmer – in Trägheit und Wohlleben erstickt. Unfruchtbar verdorben alle, umsonst gestorben – warum? –«

Er wandte sich und sah die beiden an.

»Ich sag euch: Neun mal neun Arten hat die Liebe und ebensoviele das Verderben. Den nimmt es, da ihm kaum der Bart auf den Lippen sproßt, den läßt es groß und reif werden, glücklich und berühmt, daß sein Sturz um so schrecklicher sei. Und was ein rechter Kerl ist, der gibt keine Ruh, der jagt sein Verderben als der Jäger den Hirsch, der liebt sich von einer zur andern, bis er die findet, die ihn zerbricht. Ja, Ulrich, die Eine – die Eine! – Ich weiß besser als du selber, was du gesprochen hast in deiner dunklen Sucht . . .«

Ulrich: »Dann etwa muß es so sein.« 369

Nebukadnezar: »Ich sagt es dir: es ist ein Gesetz. Woher sonst der blinde Wahn, der die faßt, die in ihr End stürmen? Da hilft kein Abreden mehr, keine Klugheit, kein Freund. Die Gestirne wollen's und reißen ihn dahin. Und das hab ich erfahren: so einer was Großes vollbringen will, dem kreuzt ein Weib die Bahn und zieht ihn ab oder bringt ihn zu Fall. Schickt's der Teufel? – Schickt es Gott, dem solch Vorhaben wider den Plan war?«

Er setzte sich nieder und trank, starrte lange vor sich hin und sprach wie im Traum: »Und das ist das große Grauen am End: du schaust die Straße zurück, die du geritten, gerast bist hinter deiner Bestimmung her, da liegt eine Überrittene, da kniet eine Verlassene, da irrt eine Verdorbene. Eine um die andere hat dich gelockt und, die Schuld am End ist deine allein. Sie sind schuldlos, die Sterne haben sie dir in den Weg gestellt. Aber er, der die Sterne stellt, der fordert ihr Geschick von dir.«

Nach langem Schweigen wandte er sich an Mangold: »Nun wirst du wieder sagen, ich säh Gespenster, ich sei trunken. Laß es dabei. Meine Gespenster schrecken dich ja doch nicht vom Abgrund weg.« Er tat abermals einen tiefen Schluck. »Aber der Junge da,« fuhr er fort, – seine Zunge war schon schwer geworden, seine Blicke glommen in den roten Lidern –, »ist zwar nimmer viel an ihm zu retten – aber glauben sollt er mir – wer weiß, wozu es ihm gut ist . . . Sag, Mangold, du gedenkst es noch – war ich nit ein Kerl?«

Er hob sich in ganzer Länge auf.

Mangold: »Wahrlich, du bist ein schöner Kerl gewesen, und das Weibsvolk war hinter dir her.«

Nebukadnezar: »Wann ich auf den Stechboden ritt, da machten sie Hälse, da ging's wie Windgeraun hin und her: Seht – der schöne Voit von Rieneck – der holt sich heut wieder den besten Dank . . .«

Er schwankte und sah Ulrich mit kleinen Augen an: »Und du – willst du hören, welch ein edles, welch ein herrliches Weib dem Voiten den Wurm gab, der ihn zerstört hat . . .«

Mangold auffahrend: »Nebukadnezar!«

Der Voit: »Nur still – du weißt es – er soll's wissen – er soll seinem Vater Gerechtigkeit widerfahren lassen –« 370

Ulrich starrte ihm groß und fragend ins Gesicht.

Nebukadnezar mit dem Finger auf Mangold weisend: »Seine Schwester – deine Mutter . . .«

Ulrich sprang auf. Blut schoß ihm in die bleichen Wangen, Feuer in den Blick. Seine Hand fuhr nach dem Schwertgriff.

Nebukadnezar ruhevoll: »Laß dein Eisen stecken. Da ist nichts zu rächen. Wir sahen einander gar gern – nichts weiter – und haben nit zusammengefunden – nichts weiter. – Ursach? –« Er hob die Schultern. »Ich war jung und wild, sie war jung und scheu. Ich hab die Schuld, hab sie verschreckt, und sie ist mir entflohn. Nichts weiter. Dann hat sie einen Mann genommen, und ich ein Weib. Sie ist eine Heilige worden, und ich ein Säufer.«

Er stand, mit einer Faust auf den Tisch gestützt und starrte in die Wand. Es war ganz still im Raum. Nur die Kerze, nach einer Seite schief herabbrennend, flackerte knisternd und tropfte einen langen Wachszopf am Leuchter nieder.

Mangold griff endlich gedankenverloren nach dem Beutel und wollte nachschenken. Kein halber Becher mehr kam heraus. Er stand auf, um neuen Wein zu holen.

»Laß,« sprach der Voit. »Wir wollen schlafen gehn.«

Ulrich erhob sich. Mangold nahm den Leuchter und geleitete die zwei hinaus. Nach einer Weile kehrte er nochmals in die Stube zurück und schlug das südliche Fenster auf.

Ein See von Nebel füllte die Täler aus und war schon bis an die Burgmauer emporgestiegen. Die Höhen schwammen wie Inseln darin. Der abnehmende Mond stand trübrot glimmend über den Wäldern hinterm Steckelberg.

Der Ritter horchte lange hinunter. Nichts regte sich in weiter Runde. Nur ein gespenstisches Wallen war in den Dünsten. Schleier woben sich an das Tor hinan.

Er beugte sich weiter vor und sah die Giebel der Hofgebäude und den Turm schwer und schwarz in die Nacht ragen, die nur wenige Sterne hatte.

Nebel, Nebel in alle Weite, und die Burg darin wie ein Schiff, das versinkt.

Er trat zurück. Wie Rauch stob es zum Fenster herein, zog die Kerzenflamme flackernd einwärts. 371

Mangold stand und zupfte in tiefen Gedanken mit der Lichtschere am rußigen Docht. Er stand mit finsterer Stirn und das Haupt gesenkt, ein müder, dem Untergang geneigter Mann.

 

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