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Ritter, Tod und Teufel

Hans Frhr. von Hammerstein: Ritter, Tod und Teufel - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
booktitleRitter, Tod und Teufel
authorHans Freiherrn von Hammerstein
year1921
firstpub1921
publisherC. F. Amelangs Verlag
addressLeipzig
titleRitter, Tod und Teufel
pages434
created20181004
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Spinnstube

Für gewöhnlich vereinigte das Mahl alle Hausgenossen in der gangartigen Halle vor den Gemächern des ersten Stockwerks der Kemnate. Nur bei Anwesenheit vornehmer Gäste 344 oder, wenn die Junker was Sonderliches zu bereden hatten, wurde in der Stube neben dem Saal gegessen. Die erste Zeit nach Ankunft der Odheimerin auf dem Brandenstein war auf des Burgherrn Geheiß jede Mahlzeit in diesem Raum für die Herrschaft abgesondert vom Gesinde aufgetragen worden. Aber die Hausfrau hatte es verstanden, diesen umständlichen Vorgang nach und nach abzubringen und die frühere Ordnung wieder einzuführen, der Mangold nun, nachdem sich die Leute an die Gegenwart der Nürnberger Frauen gewöhnt hatten, nicht mehr widersprach.

So saßen sie auch heute wieder alle zur Abendmahlzeit versammelt um den langen Tisch in der Halle, oben unter dem dreigeteilten, über Manneshöhe angebrachten Fenster, zu dem Stufen emporführten, an einem der Quere gestellten Tisch die Hausfrau, der Burgherr, die Nürnbergerinnen, Nebukadnezar Voit und Ulrich von Hutten, dann an der langen Tafel zuerst der Kapellan, der junge Hutten, der von Miltitz und Jörg Dietz, weiter alle Reiter und Knechte mit Ausnahme des Vogts, der verheiratet war, und eigenen Haushalt im Torbau führte, von welchem er auch das niedere Gesinde des Vorhofs und die Gefangenen zu versorgen hatte, dann die Hausmägde.

Margareta von Eberstein hatte vorgelegt und ausgeteilt, und unter den Damen und den Edelleuten war ein Gespräch in Gang, an dem sich der wie gewöhnlich wortkarg vor sich hinbrütende Nebukadnezar nicht beteiligte. Der frühe Herbstabend umdämmerte schon tief die Burg, Nebel schwollen von den Tälern auf. Die Kienspäne, längs der Wand an den vortretenden Holzpfeilern in eisernen Gestellen eingeklemmt und alle Viertelstunden durch neue ersetzt, gaben geringes und unruhiges Licht.

»Was haben denn die Hund?« unterbrach Mangold plötzlich das Geplauder und horchte auf das vielstimmige, erregte Gebell, das aus dem Zwinger beim Vorhof zu vernehmen war.

»Die machen oft Lärm und wissen wohl selber nit warum,« sagte die Hausfrau. »Vielleicht haben drüben ein paar trunkene Bauern gejuchzt, ist ja Samstag heut.« 345

Man aß und plauderte fort. Aber der Ritter gab sich nicht zufrieden.

»Geh einer und schau, was los ist,« befahl er zu den Knechten hinab.

Der Claus erhob sich, ging die Treppe im Türmchen hinunter und blieb ziemlich lange aus. Die Hunde bellten immerzu weiter, und im Hof schien es unruhig zu werden. Mangold horchte manchmal hinaus. Jetzt kam der Claus wieder die Treppe heraufgestürmt und rief unter der Tür in die Halle hinein: »Der Grübel ist ausbrochen, an eim Seil beim Fenster hinab!«

Mangold und einige Reiter sprangen auf und liefen gegen den Ausgang.

»Schnell!« herrschte der Ritter. »Die Gäul gesattelt ein paar, und zween oder drei zu Fuß hinunter ihm nach!«

Der Claus: »Er mag noch nit gar weit sein. Da die Hund zu bellen anhuben und nit abließen, ist der Vogt gleich aufgewesen und hat Umgang gehalten, und der Nickel hat beim Fenster im Backhaus herausgeschaut und hatt das Seil hängen sehn. Der Vogt, er und der Sauhirt sind schon den Berg nunter.«

Mangold, mit den Knechten die Treppe hinab und über den Hof eilend: »Nehmt jeder ein paar Hund an die Koppel, daß sie die Fährt aufspüren, da werden wir die Sau bald haben. Verdammter Poswicht, treuloser, daß ihn Gottes Marter! . . . Aber nit alle hinaus, du, Schau, und du, Aschmesser, ihr bleibt da. Und schleußt das Tor gut hinter der Nacheil und paßt auf. Es könnt ein Anschlag aufs Haus dahinter sein.«

Im Augenblick war der Hof von Fackeln erleuchtet, in deren Schein hastig ein paar Pferde gesattelt wurden. Auch Hutten, der Voit und die Hausfrau waren nachgekommen. Mangold stand nun ruhig mitten in dem Tumult und gab mit scharfer Stimme klare Befehle. Dem Pfeifer, der am flinksten im Sattel war, rief er zu: »Reit nach Elm und tu die Bauern aufbieten, schick allerwegen vier an ein Ort, daß sie Achtung haben auf den Ausreißer.«

Atemlos kam eben der Vogt Peter vom Vorhof herein. 346 »Ich bin um den ganzen Berg herum in Eil, es ist still überall, aber für Dunst kann man nit weit sehen. Ich denk, er ist in den Escheberg nauf.«

Durch die Wehrgasse stob der erste Reiter hinaus, und hinter ihm keuchte eine Koppel Hunde, den Knecht an der Leine nachzerrend. Bald waren die Höfe wieder still und leer. Draußen um die Burg herum wurden die Hänge mit Fackeln abgesucht. Mangold schickte die Zurückgebliebenen und die beiden Knaben auf Posten auf die Mauern und ging selbst ruhelos in den Höfen umher. Der Vogt war an seiner Seite.

»Wie ist er zu dem Strick kommen?« sprach der Ritter.

Der Vogt ballte die Faust. »Der Kilian!« schnob er, »der Kilian hat ihm den geben! Ich hab's mir gedacht, daß der was Schlimmes anstellt, ehbevor er geht, hab dem Kerl nie nicht übern Weg traut, trotz seinem dummblauen Bauerngeschau. Aber der Herr hat immer gesagt, er ist ein guter Kerl, nur blöd.«

Mangold nachdenkend: »Wer weiß, ist's der Kilian. Den halt ich schier wirklich für zu dumm. Aber freilich von den andern möcht ich's von keinem denken.«

Der Vogt schwieg. Sie standen eben in der Wehrgasse vor dem Fallgatter. Der Junker war an die Mauer getreten und strengte sich an, den Berg hinab in die neblige Düsternis zu spähen. Über den Taldünsten standen die Umrisse der Höhen und Wälder vor klarem Sternenblau. Es war frostlüftig.

»Der Herr laßt's an Fürsicht mangeln, so er Gesind aufnimmt,« brummte der Vogt. »Ich sag's immer, ein jeglicher hergelaufener Kerl und Gaukler, wann er nur treuherzige Augen und gute Späß macht, der ist ihm gut vor einen Reuter oder Knecht. Und soll man doch immer wissen, woher einer ist.«

»So!« lachte Mangold. »Und vom Kilian haben wir vielleicht nit gewußt, woher er ist?«

Der Peter: »Das ist wahr. Den Kerl, wann ich ihn kriegen könnt! Aber der ist schon bei zwo Stund fort und wird sich fürsehen, so dumm er ausschaut.«

Mangold: »Na, so wir nur den Grübel wieder kriegen, dem werden wir's schon im Stock herausdrucken, woher er den Strick gehabt hat.« 347

»Mann!« rief Margareta von der Laube herunter, »komm herauf und iß weiter, wird alles kalt.«

»Laß warm stellen!« rief Mangold zurück. »Ich mag nit fort vom Tor.«

Die Hausfrau: »Die mehrern Knecht haben ohnedem fertig gessen, und wer später noch was mag, der kann's haben. Komm du herauf, ist ja alles still drauß und sind Wächter genug da.«

»Geht nur hinauf, Herr,« sagte der Vogt. »Verlaßt Euch drauf, es ist nichts sonst dahinter und so, wie ich sag. Der Kilian hat ihm den Strick bracht. Ich hab das Seil gleich vom Fenster genommen und angeschaut. Es ist aus der Kammer neben dem Kuhstall, wo das Fischzeug und die Jagdnetz hängen. Da daneben hat auch der Kilian geschlafen, deshalb hat er nit viel denken brauchen, daß er auf das Seil kommen ist.«

Mangold ging schweigend unter dem Fallgatter in den Vorhof zurück.

Der Vogt: »Und ich mach weiter die Rund und paß schon auf, und etliche sind ohnedem auf den Mauern.«

Mangold: »Es muß immer einer die Rund machen, wann Mahlzeit ist, dann kann so was nit geschehn. Der Türmer allein und der Torwart, die schaffen's nit, insonderheit bei solcher Trübung.«

Der Vogt: »So lauter sichere Leut im Haus sind, braucht's keine Rund, aber wann jede Woch ein neuer Knecht eingestellt wird, muß endlich einer auf den andern acht haben.«

Mangold: »Zur Nacht ist doch immer wer auf?«

Der Vogt: »Immer zween, einer beim Tor, einer im äußern Hof. Und ich schau auch nach, oft dreimal in der Nacht.«

Mangold: »Ich will noch die Stub sehen, von wo er hinaus ist.«

Sie gingen ins Tor und die Turmtreppe hinauf. In der leeren Kammer oben war nichts weiter zu sehen, als das Seil, das an der Angel des Fensterladens befestigt war und jetzt innen herein hing. Der Vogt leuchtete mit dem Windlicht die Stube ab.

»Er hat all sein Zeug mitgenommen,« sagte er.

Mangold drauf: »Der Hund – die beste Kammer hab ich 348 ihm geben, weil er vom Bürgerstand ist. Haben sonst nur Edelleut da geschlafen. Der meineidige Schuft – schwören, daß er nit davon trachten wird, und red mir einen Knecht herum und bricht aus!«

Der Vogt: »Was ist den Burgern ein Wort! Die haben andern Brauch, als wir Reiter.«

Nachdem sich der Ritter noch vergewissert hatte, daß die Zellen der zwei anderen Gefangenen gut verschlossen waren, verließen sie den Torbau und Mangold ging durch den Hof der Kemenate zu. An den Stufen zum oberen Hof stand ein langer Kerl wie ein Gespenst.

»Ach, du bist's, Voit,« sagte Mangold. Nebukadnezar ohne ein Wort ging neben ihm her.

Mangold: »Was meinst du, kunnten da die Nürnberger dahinter stecken?«

Nebukadnezar, hart auflachend: »Hast du Krieg mit Nürnberg, dann steckt freilich überall Nürnberg dahinter. Heut aber, mein ich, ist nichts zu besorgen.«

Sie gingen in die Halle hinauf und setzten sich wieder zu Tisch. An der untern Tafel fehlten die Reiter. Eine längere Weile kam kein Gespräch in Gang.

»Daß einer ausreißt,« sprach Mangold, nachdem er sinnend einen Schluck aus dem Becher getan hatte, »mag ich ihm nachsehen, aber wann einer sein Wort bricht, das tut mir Zorn.«

Margareta: »Ich hab's auch den Reutern schon oftmals gesagt, wann euch ein Kaufmann nit halt, was er euch zusagt, so haut ihm die Händ und Füß ab, laßt ihn liegen. Da werden die Bürger bald wissen, wie Reutersleut Wort halten.«

Die Odheimerin: »Aber liebe Frau Base, das ist gar ein harter Spruch.«

Margareta: »Die in der Stadt tun auch nit weicher. Wann die einen Edelmann fangen, der ihr Feind ist, legen sie ihm den Kopf vor die Füß und fragen nit lang nach, ob sie Gericht über ihn hätten oder nicht.«

Ulrich von Hutten: »Es ist eine grobe Zeit und Gewalt das stärkste Recht.«

Margareta: »Drum ist's gut, daß die Ritterschaft 349 zusammenhalt und Gewalt wider Gewalt setzt. Wir Edelleut lassen einander nit, da richt euch eben nach, ihr müßt halten und tun, was wir wollen. – Seid ihr als fertig?« fragte sie zu den Mägden hinab.

Auf die bejahende Antwort erhob sie sich, und wer noch bei der Tafel war, mit ihr. Der Kapellan brummte mit rollenden Augen ein Gebet, alle bekreuzten sich und sprachen: »Gute Nacht.«

»Wir wöllen noch eins spinnen,« sagte die Hausfrau. »Es ist zwar Samstag, aber wir müssen ohnedem auf sein, bis die Reiter zurück sind. Denn, wann sie den Grübel nit bald finden, kriegen sie ihn heut doch nimmer und müssen morgen weiter hinaus.«

An die Halle, die das Stockwerk der Quere mitten durch teilte, stieß offen ein ähnlicher, kleinerer Raum zwischen der Küche und dem Schlafgemach der Hausleute gegen die Nordseite des Hauses hin. Bänke und Truhen standen die Wände entlang, eine Feuerstätte war an der Küchenseite, unter demselben Schornstein, durch den der Rauch des Herdes abzog. Hier standen sieben Spinnräder, und wann die Abende länger wurden, versammelten sich da die Frauen und Mägde für eine Spinn- und Plauderstunde vor dem Schlafengehen. Die Männer setzten sich gern mit ihren Bechern dazu, und, wenn die Laune gut war, saß man schwatzend und singend bis spät beisammen. Zuoberst am Fenster um eine Stufe erhöht, stand das Spinnrad der Burgfrau. Das nächste an der Kaminseite war für die Odheimerin. Helena sollte das Spinnen erlernen, aber wenn Katharina, die Kämmerin, an diesem Rocken nicht die meisten Tritte getan hätte, wäre den ganzen Winter lang keine Rolle Garn davon gekommen.

Jetzt nahmen die Spinnerinnen alle ihre Plätze vor den Rädern ein. Ulrich von Hutten und Mangold folgten und ließen sich der Odheimerin gegenüber auf einer Truhe nieder. Nebukadnezar blieb mit dem Kapellan stumm an der Tafel sitzen. Der Pfaffe empfahl sich bald, und auf Zureden der Burgfrau ließ sich der einsame Weiberfeind doch herbei, neben ihr in der Fensternische auf dem Steinbänkchen niederzusitzen. 350 Eine der Mägde brachte ihm Krug und Becher nach und stellte diese aufs Fensterbrett.

Die Räder surrten, im Kamin schwelten und knackten ein paar große Scheite. Ulrich stand auf und stellte sich vor das Feuer. Er schien heute noch blässer als sonst und war trüb und schweigsam fast wie der Voit.

»Der Schweizer,« sagte Margareta, »wann sie ihn wiederkriegen, der soll bei Wasser und Hartbrot schmachten acht Tag. Hängen sollt' man ihn, wär's nit um die Schatzung. Jetzt lass ihn aber unter 2000 Gülden nit aus, den Lumpen, hörst du, Mangold?«

Mangold zog die Schultern. »Wann er's aufbringt?«

Margareta: »Im Stock erinnert sich bald einer auf sein Hab und Gut.«

Die Odheimerin, ohne von ihrem Faden aufzublicken: »Denkt doch nur, es ist gar schlimm, gefangen zu liegen, weit weg von Heim, Weib, Kind, nichts wissen von denen, und die nicht von ihm. Ich versteh's, daß einer entfleucht.«

Mangold: »Frau Base, dafür ist Wort und Handschlag, die sollen fester sein, dann Riegel und Gitter. Gibt einer sein Wort und hält's, dann geht's ihm nit schlecht bei uns, und kann auch Botschaft senden und empfangen von Weib und Kind.«

Die Odheimerin: »Aber die Heimsucht, die ist ein bös Fieber, zerfrißt Wort und Schwur.«

Sie errötete und ließ das Rädchen schneller surren.

»Seht,« fuhr sie fort, »ich bin nicht gefangen, bin wie daheim bei Euch und mangelt mir nichts. Aber was gäb ich drum, wann ich die Türme von Nürnberg wieder einmal schauen könnte nur von weitem.«

Mangold schüttelte den Kopf und tat einen Schluck.

Margareta sagte: »Die finstere Stadt, den wüsten, engen Steinhaufen.«

Ulrich, der in Gedanken verloren an den Kaminsims gelehnt stand, fuhr jetzt auf und wandte sich herum.

»Nürnberg ist eine gar sonderliche Stadt,« sagte er lebhaft. »Ich bin nit daheim dort, und doch hat's mich manchmal wie ein Heimweh dahin.« 351

Mangold saß vorgebeugt, die Hände zwischen den Knien verschränkt und schüttelte abermals das Haupt.

»Oheim,« begann Ulrich zu eifern, »du kennst Nürnberg nicht.«

Mangold einfallend: »Ich kenn es wohl, bin oft genug dort gewesen.«

Ulrich: »Ja, mit dem Willen, es häßlich und feindlich zu sehn.«

Mangold: »Beim Reichstag war ich dort, um den Kaiser zu sehn. Der hat mir recht wohl gefallen damals.«

Ulrich: »Und für Nürnberg hast du kein Aug gehabt? Nürnberg, das der selige Kaiser so lieb gehabt und seine schönste Stadt genannt hat?«

Mangold: »Warum ist er nit dort blieben und hat residieret in der Stadt, die ihm so lieb gewesen? Wär besser gewesen für Franken und das ganze Reich, dann fern zu Innsbruck zu sitzen.«

Ulrich: »Er hatte keinen Palast in Nürnberg – und kein Geld, einen zu bauen.«

Die Odheimerin: »Die Nürnberger hätten ihm gewiß gern einen gebaut, sie hatten ihn auch gar lieb.«

Mangold: »Mit Verlaub, das möcht ich bezweifeln, Frau Base. Eine Reichsstadt sieht einen Kaiser recht gern für ein Fest, auf das sie sich putzen und groß tun kann. Aber in den Mauern, da ist ihr schon ein Burggraf oder Bischof zu viel.«

Ulrich: »Das mein ich auch. Der Rat hätt dem Kaiser gewiß kein Schloß in die Stadt gebaut, hätt lieber das eine noch heraußen, wiewohl es so schön die Stadt bekrönet. Wahrlich, Oheim, wie ich jetzt die Burg im Geist vor mir schaue, den Luginsland, das hohe Dach der Kaiserstallung, die rotgiebligen Gassen hinauf, die Kirchen unten – mich faßt eine solche Lust an – ich möcht mein Pferd satteln und hinreiten. Und du solltest mitreiten, Oheim, ich will dir Nürnberg zeigen, und du wirst es nimmer hassen, ob du auch sein Feind sein mußt.«

Mangold warf ihm einen Blick zu, der auf die Odheimerin deutete. Ulrich sah hin und bemerkte, daß sie voll Eifer spinnend ihr Gesicht über das Rad gebeugt hielt, während ihr Tränen über die Wangen liefen. 352

»Wie könnt ich mich in die Stadt wagen, mit der ich Fehde hab?« nahm Mangold rasch das Gespräch wieder auf. »Da möcht doch gradsogut der Wolf am hellichten Tag im Bauernhof zukehren.«

»Und käm gewißlich heil wieder heraus,« lachte Ulrich, »dann es wär ein solcher Schreck, daß keiner den Knüppel fänd.«

»Der Epple von Geiling ist oft genug hineingeritten,« ließ sich plötzlich Nebukadnezar vernehmen, »und haben ihn nit erwischt.«

Mangold: »Heutzutag möcht das doch anders sein.«

Ulrich: »Wer kennt dich in Nürnberg? Wie sollt ein hoher Rat alle Junker kennen, mit denen er sich in den Haaren liegt? Oheim, das ist ein Spaß, daran werden wir Freude haben. Jetzt kann ich nicht, ich muß morgen nach Frankfurt und Mainz. Aber auf das Christfest hab ich einen Tag zu Nürnberg mit meinen gelahrten Herrn. Da kommst du mit.«

Margareta: »Mach keine Streich, Ulrich. Es kunnt schief ausgehn.«

Ulrich: »I wo. Der Oheim reit als mein Knecht, und ich hab doch allweg ein kaiserlich und kurmainzisch Geleit. An mich wagt sich keiner, es sei dann der Papst.«

Margareta: »Ist erst letzthin, wie ich hört, einer von Weiler erstochen worden, hat ein kaiserlich Gleit bei ihm gehabt, und die das getan, haben kein Straf darum gehabt.«

Ulrich: »Frau Base, wie viel Pfaffen und Herren hätten mich gern aus der Welt! Und fürcht mich doch nit, reit wann und wo ich will mit nit mehr als einem Knecht und ohne Harnisch oft genug.«

Margareta: »Bis dir einmal das Kraut vergerät. Habt ihr doch gleich so unfürsichtig Volk und Gesind, als wir's hier haben, mag leicht einer Verrat üben.«

Mangold: »Unfürsichtig Gesind? Wegen dem einen, dem Kilian? Wüßt nit, wer mich verraten tät. Der Kilian so er's war, hat's auch mehr dem Peter zum Trotz getan, dann mir. Der Peter war oft gar scharf mit ihm. Ei, Ulrich, die Reis nach Nürnberg, die wär so übel nit. Ich glaub, ich nehm dich beim Wort, bis Christnacht herankömmt. Im Winter ist 353 ohnedem sonst wenig Reitens. Muß doch einmal das Städtle inwendig auch verkundschaften. Vielleicht hol ich mir einen Ratsherrn heraus, wie's der Epple gemacht.«

Ulrich: »Eingeschlagen, Oheim! Mitten in Nürnberg feiern wir Christnacht, in eines Ratsherrn Haus! Da sollen noch unsere Enkel davon reden!«

Die Odheimerin, mit einem Aufblick wieder lächelnd: »So Ihr auch keinen Ratsherrn mitbringt, Vetter, mögt Ihr mir doch ein wenig Sach dort holen, die ich noch bei meinem Schwager, dem Lienhard Pönner hab, der ein guter Mann ist und mir niemals übel gewollt hat, wie leider meine leibliche Schwester getan. Sind nur kleine Ding, eine güldene Kett und ein paar gute Steine, auch ein Gebetbüchlein meiner Mutter selig, das ich gern bei mir hätt.«

Helena: »Und mir bringt ein großes, großes Lebkuchenherz mit und neun Ellen himmelblaue Seide auf ein neu Gewand.«

Die Frauen und Mägde lachten.

Mangold versprach, die Aufträge treulich auszuführen. Nun war Heiterkeit in der Spinnstube. Die Räder schwirrten, und fein spannen sich die Fäden in den eifrig drehenden Fingern.

»Wollen wir nicht eins singen?« schlug die Odheimerin vor. »Der Herr Nebukadnezar hört es sicherlich gern und singt auch einen Kehrreim mit. Es heißt, Männer, die viel schweigen, singen dafür desto baß.«

Der Voit leerte mit einem großen Zug seine Kanne. »Da mögt Ihr Recht haben,« sprach er grimmig, den Bart wischend. »Gesungen ist manches besser, dann gesprochen.«

Die Odheimerin: »Was singen wir dann? Das Lied von den sieben Jungfern?«

Helena und die Mägde stimmten lebhaft zu. Die Odheimerin begann. Sie sang nicht eigentlich, sondern sprach die Worte in schwebendem Takt mit ihrer linden, angenehmen Stimme zum Schnurren des Spinnrades, daß sie märchenhaft wie aus Windsausen und Waldweben zu kommen schienen:

Sieben Jungfern im Wald,
sieben Jungfern in der Höh,
sie brechen und hecheln,
sie treten und spinnen, 354
sie weifen und weben
um Busch und Wipfel,
um Stein und Gipfel
golden wie Sonne, silbern wie Schnee.
Sie ziehen und heben,
schweifen und schweben,
umspinnen die Höh.

Es stieß ein Jäger wohl in sein Horn,
und alles was er blies, das war verlorn.

Soll denn mein Blasen verloren sein?
So wollt ich nimmer kein Jäger sein.

Er blies in die Wälder, er blies ins Tal.
Es klang ihm wieder wohl siebenmal.

Siebenmal aus den Wäldern, siebenmal von der Höh.
So süßen Klang hört er nimmermehr.

Er blies und stieß in das Silberhorn.
Er gab seinem Roß die güldenen Sporn.

Er gab seinem Roß die güldenen Sporn,
Er hat sich in Wald und Berg verlorn.

Sieben Jungfern im Wald,
sieben Jungfern in der Höh,
sie spinnen und weben,
sie schweifen und schweben,
sie rufen und singen
trari – trara –
bald hier – bald da.

Die Erste, die hielt ihm die Augen zu,
die Zweite lacht: wer bin ich? wer bist du?

Die Dritte zupft ihn am blonden Haar,
die Vierte zog ihn ein wenig am Ohr.

Die fünfte kniff ihn ins Bäcklein rund,
die Sechste biß ihm die Lippe wund.

Die Siebent die jüngste und schönste war,
und was die getan, das weiß ich nicht mehr.

Das wissen sieben Jungfern im Wald,
das sagen sieben Jungfern in der Höh,
sie schweben und schwingen,
sie lachen und singen,
sie ziehen den Jäger 355
durch Wald und Busch
– trara – husch, husch –
surr, surr – trara –
sie sind verschwunden
und keine mehr da.

Junger Jäger, was stehst du im Wald so verlorn?
Und wo ist dein Roß, und wo ist dein Horn?

Mein Roß das weidet in Disteln und Dorn,
in Wildrosensträuchen, da hängt mein Horn.

Hängen sieben güldene Haare daran
und schwingen im Wind und schimmern so blank.

An sieben güldenen Haaren hängt mein Herz,
sieben Goldseidenhaare ziehn es waldwärts.

Sieben Jungfern in der Höh, die spinnen so fein,
Die Siebent und Jüngst ist die Liebste mein.

Sieben Jungfern in der Höh . . . . .«

Über die Treppe polterte, lief und sprang es herauf. Der Miltitz und der junge Hutten um die Wette stürmten in die Halle herein und schrieen: »Sie haben ihn! Sie haben ihn! – Bauern in Melbing haben ihn gefangen – sie bringen ihn schon zum Tor herein –«

Die zwei Knaben schwätzten so eifervoll durcheinander, daß schließlich gar nichts mehr zu verstehen war. Mangold hatte sich rasch erhoben und ging hinunter. Ulrich, Nebukadnezar und die Knaben folgten ihm. Auf dem Hof kam ihm, eine Fackel in der Hand, der Vogt entgegen.

»Da ist er schon,« sagte er. »Vier von den ausgeschickten Bauern haben bei Melbing im Feld ein Feuerlein gemacht, da hat er sie für Hirten angeschaut und ist herzu gangen, um den Weg zu fragen. Da haben sie ihn gefangen.«

Eben brachten die Bauern, von Reitknechten begleitet, den Flüchtling unterm Torgang herein.

»In den großen Keller mit ihm!« schrie ihnen Mangold entgegen.

Der große Keller war ein hohes, finsteres Gewölbe, das sich unter der ganzen Kemenate an Stelle ebenerdiger Wohnräume hinzog. Der Eingang dazu führte durch eine Bogentür 356 neben dem Treppenturm mehrere Stufen hinab. Wenige, schiefe Lucken, die hoch im gewaltigen Mauerwerk der Wölbung angebracht waren, ließen bei Tag spärliches Dämmerlicht ein. Mehrfach durch Gitterwerk und Bretterverschläge abgeteilt, diente der mächtige Raum zur Aufbewahrung von Vorräten aller Art. Ein Teil hinter starken Pfosten und gekreuzten Eisenstäben war Kerker für abgeurteilte Verbrecher oder bösartige Gefangene und enthielt im Vorraum auch mancherlei Folterinstrumente.

Der Vogt schloß die schwer mit Eisen beschlagene Doppeltüre auf. Der Gefangene wurde herangeführt. Die Fackeln beleuchteten sein bleiches, verschrecktes Antlitz. Mangold trat auf ihn zu. »Meineidiger Schuft!« fuhr er mit wutbebender Stimme los, schlug ihn zweimal hart ins Gesicht und packte ihn am Hals, daß er fast hintenüber gefallen wäre. »Wer hat dir das Seil gebracht, gleich sagst du's, wer hat dir das Seil geben? Sag's, oder ich reiß dir die Gurgel heraus?«

Der Grübel blieb stumm.

»In Stock!« schrie der Ritter. »Schließt ihm die Füß ein! Das Seil her, daran er auskommen, und den Poswicht damit über die Leiter aufgezogen, bis ihm die Knochen krachen!«

Sie schleppten den Schweizer über die Stufen hinunter in den finstern Raum. Der Vogt und Knechte mit Fackeln folgten. Unten warfen ihn die Bauern auf den Stock nieder, zerrten ihm die Beine auseinander, daß er stöhnte, und schlossen ihn über den Knöcheln in den engsten Löchern fest. Der Schau hatte mittlerweile das Seil geholt. Mit diesem wurden ihm die Hände auf den Rücken gebunden. Das freie Ende aber zogen sie über eine Leiter, die am Kopf des Stockes aufrecht stand.

Die vier Bauern saßen auf dem Stock und hielten den Eingespannten nieder, die Junker und die Knechte mit den Fackeln standen umher. Der schwarze Qualm zog an den schwankend beschienenen Steingewölben hin.

»Zieh auf!« befahl der Ritter.

Der Vogt zog am Strick. Der Grübel schnitt ein Gesicht und stöhnte. 357

Mangold: »Willst du's sagen, du Hund?« Der Gefangene biß sich auf die Lippen und schwieg.

Inzwischen waren auch die Frauen nachgekommen und standen im Eingang auf der Treppe.

»Gib mir den Strick,« sagte Mangold. Er trat hinter den Stock und nahm das Seilende selbst in die Hand.

»Nun sag's, wer hat dir hinausgeholfen?« Der Schweizer blieb stumm. Der Junker begann zu ziehen. Ruckweise bog es den Grübel vornüber. Aufstöhnend preßte er Mund und Augen zu.

»Sag's, wer hat dir Rat und Tat dazu geben?« Dem Gefolterten traten die Achseln vor die Brust. Der Schweiß perlte ihm von der Stirn. Wie ein Stier brüllte er auf.

Mangold fühlte eine zitternde Hand auf seinem Arm. Eine weiche Stimme flüsterte: »Laßt los, laßt los! Er hält's nit aus, er muß sterben! Seid nit gar so unchristlich grausam, Vetter!«

Der Junker wandte sich unwillig herum.

»Was wollen die Frauen da?« entfuhr es ihm. »Ich bitt euch, geht hinaus! Da dürft ihr nit dabei sein.«

Die Odheimerin lauter: »Ist er doch mein Gefangener, so darf ich für ihn bitten. Laßt locker, ihr brecht ihm Arm und Kreuz.«

Mangold unwirsch: »Ich aber führ Eure Sach. Ging's nach Euch, da kämen wir nie an ein End.«

»Das müßt Ihr schon leiden,« mengte sich Margareta von Eberstein hinein, indem sie näher herzutrat. »Das ist halt der Krieg.«

Mangold zog wieder an.

»Weh! Weh!« würgte der Grübel heraus. Tränen tropften ihm aus den verkniffenen Augen. »Der Kilian . . . der Kilian . . . hat das Seil . . . bracht . . .«

Der Ritter ließ los. Der Gefangene sank tief atmend und totenblaß zurück. »Nun laßt's gut sein,« flehte die Odheimerin, den Junker mit sanfter Gewalt wegziehend. »Hebt ihn aus dem Stock, laßt ihn ruhen, er hat's gestanden. Was wollt Ihr mehr?«

Mangold hart: »Bind't ihn ab, spannt ihm die Händ ein. Er muß die Nacht im Stock bleiben.« 358

Die Odheimerin, den Tränen nahe: »Frau Base, helft mit bitten, ihr Herren, helft mir doch! Er soll den armen Mann ruhn lassen, er hat genug ausgestanden.«

Margareta: »Das ist der Männer Sach, geht mich nichts an.«

Sie wandte sich ab und ging hinaus.

»Wer noch Essen will – es steht in der Küch« – rief sie zurück.

Ulrich von Hutten: »Ich meine auch, du sollst ihn herauslassen, Oheim, er hat Straf genug für heut.«

Mangold sah auf Nebukadnezar, der mit verschränkten Armen schweigsam abseits an einem Pfeiler lehnte und ihn tief sinnend anblickte.

»Wann sich die Weiber dreinschlagen . . .«, brummte Mangold ärgerlich. Über des Voiten Gesicht huschte ein spöttisches Lächeln. Er zog die Schultern auf, kehrte sich langsam und schritt dem Ausgang zu. Mangold wollte ihm folgen. Agatha hielt ihn am Arm zurück und sprach weinend: »Ich laß Euch nicht, Ihr hättet dann befohlen, daß er aus dem Stock kömmt. Und so Ihr's nicht sagt, bleib ich die ganze Nacht dahier sitzen.«

»Meinethalben, so nehmt ihn heraus,« sprach der Junker barsch. »Legt ihm Ketten an, stellt ihm Wasser hin und geht alle hinaus. Schleuß gut zu, Peter.«

»Ich dank Euch,« schluchzte die Odheimerin und eilte zur Türe.

Die Junker folgten ihr stumm und gingen langsam in die Halle hinauf. Der Voit saß dort einsam vor seiner Kanne. Nebenan in der Küche waren noch zwei Mägde auf. Mangold nahm einen Kienspan aus dem Hälter und einen Krug vom Tisch.

»Kommt in die Stube,« sprach er. Sie folgten ihm. 359

 

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