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Gutenberg > Hans Frhr. von Hammerstein >

Ritter, Tod und Teufel

Hans Frhr. von Hammerstein: Ritter, Tod und Teufel - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
booktitleRitter, Tod und Teufel
authorHans Freiherrn von Hammerstein
year1921
firstpub1921
publisherC. F. Amelangs Verlag
addressLeipzig
titleRitter, Tod und Teufel
pages434
created20181004
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Burgherbst

So tief und dunkelblau stand der Herbsthimmel über dem Burghof des Brandenstein, daß es gerecht und billig war, wenn der Pfeifer zwischen Stall und Kemnate auf der Mauer 327 überm Zwingergärtlein lag und in der mildheißen Sonne sich reifen ließ als eine edle Frucht. In seiner ganzen Länge lag er dünn und flach auf dem Rücken. Man konnte sein braunes Wams und seine roten Beine für eine verwitternde Bedachung des efeuumsponnenen Mauerkranzes halten. Nur die spitzen Schuhschnäbel standen aufrecht beieinander, und die Hände hatte er über dem Bauch gefaltet, wenn anders die Grube so zu nennen war, die er dort hatte, wo sonst ein ehrsamer Mann unter behäbiger Wölbung die Werkzeuge zur Verdauung einer bürgerlich verdienten Mahlzeit birgt.

Er lag und tat ein Sonnenschläfchen, das heißt, sein Leib ruhte in wohliger Gelöstheit, der Geist aber halb träumend, halb wachend, dämmerte hinter blinzenden Augenlidern. Er sah über sich im unsäglich tiefem sanften Blau die Krone des Nußbaumes, die über die Mauer hing, mit ihren gilbenden und fleckigen Blättern, von denen sich gar keines regte. Dennoch zuweilen, wenn etwa die Tauben vom Schlag im äußeren Hof sich hoben und in schwirrendem Geschimmer über den inneren feldwärts strichen oder wenn ein paar Spatzen anflogen und ein Weilchen schimpfend in den Zweigen hüpften, brach eins der ledersteifen Blättlein vom Stiel, kam in raschem Zickzack herunter und schwebte in die Wehrgasse hinab.

Der Pfeifer lag auf dem Efeu, und sein dürres irdisches Gehäuse überspielte die sanfte Goldflut der herbstlichen Sonne mit leisen, flimmernden Schlummerwellen. Seine Seele aber, in der tiefen Blaustille hervorgetreten, saß ihm auf der Brust. Des Pfeifers Seele, ein seltsames Wesen: der Kopf ein Raubvogel mit bösem Falkenschnabel und scharfspähenden Augen, die dunkel waren wie das innerste Geheimnis eines großen Waldes, die Flügel einer Fledermaus, zarthäutig und weitspannend und von hundert nervenfeinen Äderchen durchzogen. Und wie innen die Gefühle aufstiegen, schwollen, wechselten, vergingen, so wechselte immerzu das wundersame Vogelwesen die Farbe von Grau in Rot, in Lila, blau und tiefes Gelb oder grelles Grün, und manchmal schien es gar wie ein Regenbogen.

Die sonderbare Seele hockte da im Latz des Wamses 328 verkrallt und spreitete ihre sonderbaren Flügel in der Sonne. Und sie raunte ihrem Erdenleib in die schlummerumsausten Ohren: »Fallende Blätter – gilbender Wald – blaublaue Fernwellen – Goldwellen im Blau. Reben schwellen vor Süße – Mädchen im Wingert heben quellende Körbe aufs Haupt – schreiten zu Tal – blicken in Weiten – blautürmende Städte am silbernen Strom – steile Burgen auf rotem Stein – und Wälder – Wälder – in Wogen hinaus – wer fliegt die flutenden Fernen aus – wer schlürft die Mädchen – wer liebt den Wein? . . .

Was ahnen die Menschen von unserer Art? – Sie strömen im Tal, wo Tausende strömten – strömen des eigenen Geschwätzes taub – murmelnd – betend – murrend – singend – unter Kreuzen – hinter Fahnen – hinterm Schellenbaum her . . .

Wir fliegen um Türme – schweben um Wipfel – wie weh ist die Weite – wie tief die Welt! . . .«

Sie streckte die feinen, zackigen Flügel weit und wandte sie gegen das Licht. Da schienen sie durch wie feines Glas. Und nun faltete sie die Schwingen, drehte sich hüpfend, gurrte vergnügt wie eine Lachtaube und war nur mehr ein bunter, frecher Vogel, der harmlos schalkisch aus den Büschen lugt. Leis zwitscherte sie fort:

»Ei, Pfeifer, Pfeifer, was sind wir doch für ein wunderbares Gewächs Gottes! Ei, lustig ist, zu schauen, wie die Leute sich quälen, wie sie ackern und ernten, rennen und fahren, hinter ihnen die liebe Not her und vorn das liebe Geld weg als tanzende, schwebende Sonnenkringel, hascht sie einer – hui! ist es Luft. Wir aber, wir sind vom wahrhaft fürstlichen Geschlecht. Die Menschen müssen schaffen, des wir bedürfen. Unser Beruf ist nichts tun, nichts taugen. Wie die Blumen stehen wir in Sonne und Regen nur still, nur bereit, daß das Wunder an uns geschehe. Es geschieht. Die Blume geht auf, ein Klang entschwebt. Die Leute schauen, lauschen und wissen mit einmal, für einmal, wie schrecklich schön die Welt ist. Ein schweifender Schimmer des Paradieses streift sie, ein Hauch fremder Welten macht sie schaudern. Und sie versinken wieder in die Grauheit ihrer Tage und werken dumpf dahin.« 329

Die Seele schwieg und streckte die Flügel hoch, weit, daß blaue Ferne hindurch schien. Sie senkte die Flügel und blickte dunkel.

»Wir sind bös,« raunte sie, »ein schlimm und blutsaugerisch Geschlecht. Wie viel Lust, wie viel Weh muß uns nähren, daß unser Wunder geschieht. Aber was ist Lust und Weh den stumpfen Seelen? Was wissen sie von den feinen Adern unserer Flügel? Sie rührt noch lange nichts, da sind wir schon dunkelblau vor Qual, rotglühend vor Freude . . .«

Im Hof regte sich was. Die Seele schlüpfte in ihr Gehäuse. Der Pfeifer blinzelte hinüber. Ein sanfter Frauenschritt nahte. Die Odheimerin kam, trat in die Laube, bog sich, die weiße Hand vor den Augenbrauen hinaus und sah übers Tal zum blauenden Spessart hinüber. Sie trug ein zimmetfarbenes Gewand mit weißgeschlitzten Puffärmeln, schmiegsam bis zum Gürtel und von den Hüften in weitem Faltengebausch niederfließend. Sie bemerkte den Pfeifer nicht, setzte sich mit dem Rücken gegen ihn halb auf die Mauerkante, ließ ihre sanften Braunblicke auf und nieder wandern und blickte lange in die schleierige Talbreite hinab, die hinter Schlüchtern zwischen Spessart und Vogelsberg gegen Hanau zieht. Ihr schönes Haupt mit dem goldschimmernden Braunhaar unter kleiner Haube stand gegen den klaren Himmel, die Wildweinranken der Laube hingen rot über ihr, und oben trieb es einen seidigschimmernden Spinnfaden übers Stalldach langsam in die dunkelblaue Luft hinaus.

Unten wurden Schritte und halblaute Stimmen hörbar. Das Pförtlein zum Zwinger ging. Die Odheimerin sah hinab, lächelte und trat zurück. Sie wandte sich, schritt nachdenklich durch den oberen Teil des Hofes, horchte nach dem Stall hin, vor dem ein Reiter ein Pferd putzte und pfiff, bückte sich nieder, um ein Blümchen von der Einfassung des Weges zu brechen, und ging dem Haus zu.

Der Pfeifer neigte sich ein wenig zur Seite und sah unten im Gärtlein, das zwischen die schiefen Mauern oberhalb der Wehrgasse gebettet war, Jörgen Dietz und Helena. Das Mädchen lungerte mit dem Kinn in den Händen an dem Mäuerlein und hatte eine violette Aster zwischen den Zähnen, 330 der Schüler, mit einem dicken Buch unter dem Arm, stand bei ihr. Das Burgleben hatte ihn in die Höh getrieben. Er schien seit dem Frühling fast eine halbe Kopflänge geschoben zu haben, die Ärmel des Wamses bedurften der Anstückelung. Hände und Füße hingen ihm übermäßig und plump an den ungeschickten Gliedmaßen, das Gesicht war spitz und übernächtig und voll Ausschlag, unter der Nase und am Kinn sproßte Bartflaum. Voll Eifer murmelte er auf das Mädchen ein und hielt dabei immerzu mit steifer Wichtigkeit den Folianten an das Herz gedrückt. Helena rekelte sich behaglich in der Sonne und schien nicht eben eifrig zuzuhören. Plötzlich aber wandte sie sich herum, blinzte ihm mit den grünschillernden Äuglein ins Gesicht und fragte spöttisch: »Was schleppt Ihr da immer für ein Pfundbuch herum?«

»Das größte Buch der Welt,« erwiderte Jörg Dietz mit Stolz.

Helena: »Das seh ich wohl, ich hab nie noch ein so ungefüges erblickt.«

Jörg: »So meint ich's nicht, Jungfer. Es ist das klügste Buch der Welt, das Corpus juris des großen Kaisers Justinianus. Wer das weiß, was da drinnen steht, der regieret heut mächtiger, dann ein Fürst, dann er regieret alle Fürsten und Stände,« setzte er mit schlauer Miene hinzu.

Helena: »O, Gott, das muß ein Wasserkopf sein, wo das all hineingeht.«

Jörg mit überschlagender Stimme einen Scherzton versuchend: »Ich bin gar eifrig bemüht, einen solchen zu kriegen –« und nun fast flüsternd und bis hinter die großen Ohren errötend: »Euch zu Lieb, Jungfer Helena, studier ich so . . .«

Das Mädchen mit spitzem Gelächter: »Dann studiert nur recht fleißig, zumal bei der Nacht, und ich will auch alle 8 oder 14 Täg den Kopf messen.«

Der Schüler: »Ihr macht Scherz, aber das ist eine gar wichtige Sach für Euch.«

Helena: »Wieso?«

Jörg, indem er sich neben sie an die Mauer lehnte und zu dozieren anhob: »Seht, Jungfer, Eurer Mutter und Euere 331 Forderung wider die Stadt Nürnberg, die ist Euer ganzer Besitz.«

Helena: »Darum haben wir nichts.«

Jörg: »Distinguo. Wie man's nimmt. Eine Forderung ist ein Recht, und ein Recht ist nichts, so lang es nicht geübt wird.«

Helena: »Ich dächt, wir hätten es lang genug üben wollen, aber man ließ uns ja nicht.«

Jörg jedes Wort mit lehrerhafter Geste begleitend und immer eifriger: »Ei, da eben, sit venia verbo, liegt der Hund begraben. Es kommt darauf an, wie man ein Recht gebraucht. Ihr habt einen üblen, ja eigentlich gar keinen Gebrauch davon gemacht, weil Ihr keinen dieser Weisheit,« er klopfte auf das Buch, »Kundigen hattet, der Euer Recht vertrat. Das beste Recht aber ist einen Pfifferling wert, so man es nicht zu vertreten weiß, und aus dem schlechtesten läßt sich mit Hilf dieser fürtrefflichen Paragraphen ein Ding machen, das drei Häuser in Nürnberg wert ist, und eine sichere Burg, hundertmal uneinnehmbarer, dann dies alte Gerümpel da oben.«

Er kam ganz in die Hitze. »Recht ist Recht, sagt der Einfältige. So mag's gewesen sein, eh kluge Männer dies gewaltige Buch, römischer Geistesmacht extractum, uns zum Heile aus dem Süden gebracht. Der Rechtsgelehrte, der macht Recht oder Unrecht allein, der hetzt den Richter wie der Jäger ein Wild und treibt ihn ins Netz der Paragraphen, daß er nimmer aus kann.«

Helena: »Ich dächt, der Herr Mangold und seine Freunde, die werden ohne Richter und Paragraphen unser Recht zu jagen und zu kriegen wissen.«

Jörg, überlegen lächelnd: »Wetten wir, Jungfer, sie kriegen's nimmer. Aber hättet Ihr von Anfang an einen gescheiten Mann für Euch gehabt, wie den Doktor Drack, es wär Euch nimmer verloren gangen. Die Faust allein, die macht's heut nimmer. Was wollen ein paar Junker gegen das große, starke Nürnberg?« setzte er leiser hinzu. »Aber,« er blähte sich auf, »der Geist ist das Schwert, des Geistes saeculum ist angebrochen.« 332

Helena gähnend: »Nun, und? . . .«

Jörg: »Und?« . . . Er wollte so pfiffig als möglich dreinschauen, aber die Verlegenheit trieb ihm Wasser in die Augen. »Ich –« räusperte er heraus, »ich werde dies kostbare Buch, das Herr Ulrich von Hutten mir geliehen, ich werde es durchaus studieren, bis ich es innehab, wie das Vaterunser, und dann –« er richtete sich auf, »dann will ich Euer Recht verfolgen und erjagen, als – als wär es mein eigenes.«

Helena mit einem Seitenblick auf das Buch: »Wie viel Jahre wird das dauern?«

Jörg: »Oh, ich bin schon weit fortgeschritten. Wahrlich, Jungfer, Tag und Nacht bin ich dahinter her, und wann ich ein Capitulum memorieret hab, so üb ich's an manchem exemplum, bis ich spiele damit als mit einem Ball. Könnt ich nur erst auf die hohe Schul nach Erfurt oder Greifswald oder Altdorf, ich bin sicher, in drei Jahren seht Ihr mich mit dem Doktorhütlein.«

Helena: »Es stünd Euch gewiß recht gut.« Sie zog spielend an einem Kettchen, das sie um den Hals trug.

Jörg ermutigt: »Ja, und dissertieren will ich Euch, daß das ganze collegium nur so staunt. Und dann, wenn ich Doktor bin und . . .«, er stockte.

Helena: »Und? . . .« Sie hatte an dem Kettchen ein Ringlein hervorgezogen, das sie am Busen trug, und betrachtete es traumverloren.

Jörg, seine Schüchternheit niederkämpfend: ». . . und Euern Prozeß führen und gewinnen werde . . .«

Helena: »Wie viel Jahrzehnte wird das dauern? Ich hört, ein Prozeß beim Reichskammergericht währe stets an die hundert Jahr.«

Jörg: »So ihn schlechte Juristen führen. Ich aber werde ein tüchtiger sein und für Euch streiten wie ein Leu, wann . . .«

Helena: »Was wann . . .« Sie nahm das Ringlein in den Mund, das vordem im Bart des Kunz von Rosenberg gehangen hatte.

Jörg, verlegen girrend: ». . . Wenn Ihr mir dafür einen Preis versprecht . . .« Er schielte sie von der Seite an. Die Beine begannen ihm zu schlottern. Er stemmte sich an die 333 Mauer, um es zu verbergen. Das Mädchen, mit dem Ring zwischen den Lippen, schielte schlau zurück. Ein Weilchen waren sie beide stumm. Nun lachte sie, indem sie das Ringlein fallen ließ: »Ei – wie die Arbeit, so der Preis –«.

Sie stieß sich von der Mauer ab und ließ das Ringlein wieder in den Ausschnitt gleiten.

Jörg hatte wieder Atem bekommen. Er blickte sie von unten her schmachtend an und wollte ihre Hand nehmen. Sie hüpfte ein paar Schritte gegen die Mauer und wandte sich zum Pförtlein. »Mir wird's zu warm hie,« lachte sie. »Studiert nur recht brav, ich will's Euch von Zeit zu Zeit abfragen.« Und einen vielsagenden Blick zurückblinzelnd, schlüpfte sie zum Pförtlein hinaus und sprang behend die schmale Holztreppe in den Wehrgang hinab.

Der Jörg seufzte, sah ihr nach, druckte das Corpus iuris ans Herz und ging langsam in die äußerste Ecke des Zwingergärtleins. Dort, an einer Strebe der Kemnatenmauer stand ein Bänklein unter etlichen Gesträuchen. Da ließ er sich nieder und schlug die Pandekten auf. Innen im Buchdeckel vor dem Titel stand mit der Hand geschrieben: »Jura vigilantibus non dormientibus scripta sunt.«

Er seufzte noch einmal, blätterte um und begann mit faltiger Stirne zu lesen.

Der Pfeifer indes streckte sich im Efeu, drehte die Daumen über der Magengrube, blinzte in die Sonne, sah schimmernde Spinnfäden weitgeschwungen im stillen Blau treiben und schmunzelte vergnügt.

O corpus juris civilis! – Den Seinen gibt's der Herr im Schlaf.

Einem dritten auf dem Brandenstein wollte es nicht so baß gelingen, der lieben Sonne zu genießen. Er lag im Fenster des ersten Stockwerkes des Turmes just überm Torbogen und sah verdrossen in den Hof hinab. Zwar, das Fenster hatte weder Scheiben noch Läden, aber die Lücke in der Sandsteinfassung war so schmal, daß ein kräftiger Mann nur eben mit verdrehten Schultern ein wenig sich hervorzwängen konnte. Die Sonne, auf ihrem kürzeren Herbstgang schon über den Mittag gewendet, fand nicht mehr in das enge, düstere 334 Turmstübchen mit den klafterdicken Mauern. Nur wenn man sich recht herauslehnte und den Hals reckte, war noch der Saum ihrer laugoldenen Strahlenbahn mit Stirn und Wange zu erreichen.

Jorg Flock hieß der arme Gefangene, der sich also um das bischen Licht und Wärme plagen mußte. Er war ein Wetschkamacher aus Nürnberg, ein leidlich hübscher Kerl von etwa fünfunddreißig Jahren und Windhund sondermaßen, der sein Handwerk vornehmlich in der Weite trieb, mehr zusammengekaufte als selbstgefertigte Ware auf Messen und Märkten im Lande feil hielt und von dem eingenommenen Geld wenig nach Hause zu bringen pflegte. Kein Wunder daher, daß es seine junge Hausfrau Magdalena nicht gar eilig mit der Lösung des leichtfüßigen Gatten zu haben schien. Vielleicht dachte sie, die unfreiwillige Rast auf dem Brandenstein würde, bei mäßiger Atzung insonderheit, den wanderfreudigen Mann zur Einsicht bringen, daß man es mit der Erfüllung ehelicher Pflichten genauer zu nehmen habe. Vielleicht genoß sie eines Seelenfreundes, der sie über die schlimmste Sorge um den bei den fränkischen Schnapphähnen eingekerkerten Liebsten hinweg zu trösten verstand. Jedenfalls fand es Jorg Flock nötig, das folgende Schreiben an seine weibliche Hälfte ergehen zu lassen:

»Magdalena Flockin ich hab dir mein elende schwere hartte gefencknus vor zum dritten mal geschriben, die sich vmb mich teglichen mert, vnd du hast dir es, Laider got wol es erparmen, nit zw hertzen lassen wollen geen, vnd los mich nit lenger ligen, Lös mich vmb 300 fl. vnd vmb die atzung vnd gedenk vnd pring das gelt selber gein eckweispach oder aber zum brandenstain, als lieb vnd dir dein leben ist, vnd des sey dir einen hartten aid geschworn, dan dw mich ye nit neher kanst vnd magst erlosen sunder ye lenger ich gefangen lig ye mer ober mich geet, vnd darumb so sich vnd pis dar vor vnd das Rat ich dir, dan ich dir nit vil vmbstent schreib, dan sich vnnd gedenck vnd lös mich mit 300 fl. vnd zal die atzung die zeit für mich, so pringstu mich eher mit deinem kleglichen schreiben das dw mir gethan hast, dw vnd mein mutter da pringt Ir mich nit neher, das Las dir gesagt sein, dan ich wol wais das dw mich zu losen 335 hast, got hab Lob, vnd wan dw schon weder haller noch pfennig soltes behalten vnd soltest mit mir petteln geen, vnd so solts mich nit so lange zeit haben lassen gefangen ligen, das wir ein got wil nit bedurffen, vnd darumb gedenck vnd lös mich vnd das Rat ich dir In guten trewen, dan ich hab mir das schreiben durch grosse pit erborben, vnd ich hab darüber gelobt vnd geschworn das ich dir wol schreiben das ich gelöst werde, vnd darumb gedenck vnd lös mich auf das schreiben vnd las mich nit maynaidig werden, aber es bescheist mich und dich der tewffel, vnd das sey dir bey got zugesagt, vnd mein das wortzaichen das ich zum erla parillenmacher hab geschickt ist ein kleins zettelein, vnd dw hast mir auch geschriben, dw habst mir den erla parillenmacher geschickt, aber er ist nit zw mir komen, vnd er hat doch ein frey sicher gelait gehabt, es haben auch die von mörstat 100 fl. für mich wollen geben, aber ich wirt nit mit minder gelts gelost dan mit 300 fl., vnd die atzung mus für mich bezalt werden, vnd darumb Rat Ich dirs In gutten treuen also lieb dir dein leben ist, dw wollest komen vnd das gelt für mich pringem vnd das sey dir zugesagt, vnd damit spar dich got gesunt, datum geben am samstag nach Sandt michels tag 1519 Jar.

Von mir armen gefangen Jorgen Flocken

vnd sich vnd gedenk vn acht vnd tracht das dem potten nichts wider far als lieb mir mein leib vnd leben ist, das sey dir zwgesagt.

An Magdalena Flockin sol der brieff In Ir selbst handt.«

Nicht genug mit diesem bedräulichen Notschrei aus dem Turm, hatte er noch drei weitere Blätter schönen Lumpenpapiers mit ungefügen Schriftzügen bedeckt. Eines an seine Mutter:

»O mütterliche trew ist mir armen gefangen von dir gar abgeschlagen worden, des ich mich armer gefangner zw dir gar nit het versehen, den mir laider yzundt In gefencklichen notten erst hülff not ist, vnd pit dich noch vmb mütterlicher lieb vnd trew willen dw wollest mir In meiner hartten kalten thurnlichen gefengknus zu hilff komen auff das ich müg gelöst werden, vnd wollest mich mit solchem cleglichem schreiben vnbekömert lassen, dan es mich nit von meiner gefencknus nit 336 erlost, Sunder es mus got erparmen das mich mein weib wol hat zw losen usw., dem er folgendes Postskript an seine Schwester anfügte:

O mein hertz liebe schwester vrssel, ich armer gefangner dein pruder pit dich auch leutterlichen vmb gots willem dw wollest die mutter von meinen wegen pitten das sy meinen weib wolle behilfflichen sein vnd das ich auf das schreiben gelost werde, dan ich mus gelost werden, vnd pit dich auch vmb schwesterlicher trew willen, dw wollest mir dein heyratt gelt darstrecken pis ich gelost werd, vnd des soltu sehen vnd Innen werdem das ichs vmb dich verdienen wil, vnd darumb so ker fleis an vnd las mich armen gefangen nit lenger gefangen ligen, Item gedenck auch dw vnd die mutter vnd Ir alle, das dem potten nichts widerfar als lieb mir mein leib vnd leben ist, da pit ich dich vmb.

von mir Jorgen Flocken dein pruder.

Liebe mutter gib dem Erlen 2 fl. von meinen wegen vnd die mus er dem potten haben, vnd wie Lenger Ir mich da last gefangen wie mer pottenlons dar ober get.

Der brieff gehort katerina flockin Sebolt
            flockin meiner hertz lieben mutter In Ir hantt.«

Nun war es allerdings nicht gar freundlich in dem Gelaß, zumal, wenn die karge Sonne ihren schmalen Schein von den grauen Quadermauern genommen hatte. Aber auf der Pritsche im Winkel lag Stroh genug, daß der arme Jorg nicht zu hart liegen müsse, und die Atzung auf dem Brandenstein war, wenn der Gefangene erst einmal hinsichtlich des Lösegeldes mit dem Burgherrn handelseinig geworden, nicht so übel. Daß aber dem bedauernswerten Flocken im »harten, kalten, turnlichen gefangknus« nicht alle Lebensgeister erloschen waren, bewies folgende Stelle in einem dritten, dem »Erle Pryllenmacher oder Wettschkamacher, wonhafftig Im werdt« zugehörigen Brief:

»Mer so habt Ir einen briff an mein muter vnd den lest Ir selber, vnnd Ich hab Ir geschryben, das sy euch zween gulden gebe, vnnd die nempt vnnd kaufft ein pirsch püchsen mit einem eyseren ror dauon, vnd sprecht zu meiner muter, Ir habts dem poten müssen geben, aber Ir dörfft dem potten dauon 337 kein gelt geben, dan es wirt die Hanns rumerin am Winmarckt dem poten ein gulden geben alsz Ir dann ein briff da an sy habt, vnd was an den zweyen gulden an der püchsen vber pleybt vnd das behalt euch zu einer zerung vund antwurtt meiner frewen Iren briff auch, vndt nempt allenthalben beschayd vnd pringt mit euch einen guten Welschen wetschka, den will ich dem schencken der mein warrt.«

Ein viertes, gar flehentliches Sendschreiben hatte er an »Den Erbern Bernhardin strawben, Bartolme Flucken vnd mertheim Seldner« gerichtet. Alle vier Briefe lagen neben Tintenfaß, Gänsekiel und Streusandnäpfchen auf dem Tischlein, des Boten harrend, der sie nach Nürnberg bringen sollte.

Die Sonne war für heute unwiederbringlich hinter die Turmkante gerückt. Der Flock zog sich aus dem Fenster zurück, ging unwirschen Schrittes im Käfig auf und nieder, musterte noch einmal die geschriebenen Hilferufe und horchte dem Tritt, der durch den Bretterboden oberhalb vom zweiten Stockwerk zu hören war. Dort in gleicher Unrast und ähnlicher Zelle ging der Hans Rumer, genannt Hörauf, um, den Zeisolf von Rosenberg und Philipp von Rüdickheim bei Ochsenfurt gefangen hatten, und dem es seither nicht gelungen war, das Lösegeld aufzutreiben. Auf das erste Schreiben hatte ihm sein Ehweib geantwortet:

»Eeliche trew mit sampt meinem freuntlichen grus beuor, Mein hertz allerliebster Man, Was grosen schmertzen vnd hertzlayds Ich aus deiner gefengknus empfangen hab, kanst du wol gedencken. Bin aus solchem erschrecken vnnd kumernus schire aller meiner synn beraubt, Got der allmechtig woll vns baiden trost vnnd bejstand thun. Mein frumer lieber Hanns gestern ein stund in die nacht ist mir ein briff von dir zukomen, welcher mir gros Freud pracht hat, In dem das Ich dich noch bey leben erfarn hab, Widerumb auch grosen schmertzen empfangen, wie du mir schreybst, das du In so groser harter schwerer gefengknus ligst vnnd dich darynn geschatzt hast vmb vier hundert gulden, Welchs ye Inn vnserm allen vnd gantzen vermügen nit ist, vnnd du weist wol, das wir biszher zu keinem vorrat nye komen sein, haben allwegen mit geliehem gelt, 338 das vns frumb lewt geliehen vnd fürgestreckt haben, biszher gehandelt vnnd vns mit groser arbeit beholffen. Du waist auch wol, was wir noch schuldig sein, vnnd ob wir schon dagegen ein wenig weins noch haben vnnd auch etlich schuld bey den heckern zw Eiuelstat, So waist du wie wir bezalt von In werden vnnd mit was mühe wir solchs wider zu gelt können machen. Auch waist du ye wol, das wir ytz kein bar gelt haben. Darumb, mein hertz aller liebster man, kan vnd waisz Ich dich bey der warheit vmb solche grose schatzung nit zuerlösen, vnnd ob Ich schon alles das, das wir mit harter Mühe vnnd arbeit zu samen bracht haben, verkauffet vnnd hingöbe vnd mit bloser haud dauon gienge, das doch ye zuerparmen were, das sich solchs alles nit also auff ein grose Suma als vier hundert gulden erstrecken kont vnd möcht Mit sampt allem dem, das wir haben vnd vermügen. Wo es aber leidlicher vnserm armen vermügen nach sein möcht, als ongeuerlich bey hundert gulden Oder schon ein kleins mer, das doch ye genug wer, wolt Ich müglichen vleys fürkeren, das Ich verkauffet vnd bey fromen leuten souil zuwegen mocht bringen, damit Ich dich aus deiner schweren gefengknus möcht erledigen vnnd dir zu hilff komen, Darumb Ruff an vnd bitt dein herrn vmb gots willen, das sie dir in deiner gefengknus wollen genad vnd barmhertzigkeit erzeigen vnd die genad mit theylen, dich genediglich halten, nit gantz vnd gar vns vmb vnsere arme schwere erarbete narung bringen, damit wir vns vnnd vnser kyndt auch dester lenger mit eren mochten hinpringen. Bitt dich darauff, mein hertz allerliebster Mam wollest mir daruff auffs aller erst du kanst vnd vermagst widerumb zuschreyben, was du bey deinen herrn vnd Innckhern erlangen magst, wie sy es mit dir halten wollen, So will Ich allen müglichen vleys fürkern vnnd dich nit ver lassen, Ehe alles gut, das wir haben, verkauffen, vnnd wann wir schon miteinander In das elend geen musten vnnd petteln. Aber Ich hoff, sy sollen dir genad ertzeigen, So will Ich dich nit lassen, damit bisz got alltzeit beuolhen vnnd der himelischen kunigin Junckfrawen Maria.

Barbara Rumerin, dein elicher gemahel.«

Nach langen, fruchtlosen Verhandlungen mit seinen »Herren und Junkern« und mehrfach gescheiterten 339 Versuchen, das Geld bei Geschäftsfreunden leihweise zu erlangen, ließ er darum bei jetziger Gelegenheit dieses zweite, dringende Schreiben an die treue Gattin ab:

»An Barbara Hanns Rumerin am Weinmarck In des Rotenburgers hausz gehort dieser briff Inn Ir handt.

O mein harte schwere gefengknus las Ich dich wissen von mir armen gefangen Mann, vnd dein schreyben hab Ich vernumen das du mir gethan hast, es wirt nichts daraus, dann Ich mus haben vierhundert gulden vnnd die atzung, vnd gedenck das es gefall vnd anders wirt nichts daraus, ich musz gelost werden. Aber Ich musz noch herter gefangen werden, Aber Ich bitt dich als Ich dir vertraw als einem lieben gemahel, du wollest mich aus dieser harten gefengknus erlösen, vnnd das gelt must du schicken gein Prantstein, traust du dirs aber nit mit gewyser potschafft dahin zupringen vnd so macht es gen Würspurg In wechsel vnnd gee zum Eyrer das er dir hilfflich vnd retlich sey bey wem du wechsel machen sollst, vnnd sag Im nit warzu du das gelt wolst prauchen, könst du aber nit wechsel machen So schlag das gelt ein vnd schick es bey dem Linhart Payr oder du meinst das es gewysz sey, vnd schick es zum Claus Friderich gen Würspurg vnd schrey Im darpey das ers gein Pranstein verorden vnd schicke. Lasz mich bey disen potten wissen das es Ja sey vnd dann Ich musz vmb die vierhundert guldien vnd die atzung gelost werden, Nemlich ein wuchen zween guldn, vnd darumb gedenckt vnd las solche vncostung nit ober mich gen, vnd gedenck vnd los mich ytzund auff das schreyben, dann es nit anders gesein mag, thust du das nit so solt du es dein lebenlang gegen mir nit abwaschen, das sey dir zugesagt, vnd gedenck das es wer, vnd anderst nit wirt nichts daraus, da glaub mir vmb vnd schick das klein zettelein das war zeichen mit dem gelt, vnd gib dem potten ein gulden zum warzaichen zu lon von meint wegen, vnd sich vnd gedenck das dem potten nichts widerfahre als mir mein leyb vnd leben sey, das sey dir zugesagt, damit spar dich got gesundt mich vnd dich bisz das vns got wider zusamen fügt, ein gott will, lang vnd zeit, am Sambstag nach Sant Michel tag.

H. A. R. Von mir Hanns Rumer.«

Der dritte in diesem Schicksalsbunde wider Willen lag in 340 einer nicht üblen Stube des Torbaues, die das Fenster nördlich gegen den Escheberg hin hatte. Der hieß Jakob Grübel und war ein Kaufmann aus Sankt Gallen in der Schweiz, der mit Nürnberg Handel trieb. Am Sonntag vor Michaeli war er mit vier zufälligen Reisegenossen, darunter dem Sohn des Landschreibers in Baden, der eine Botenbüchse führte, auf der Reise von Frankfurt nach Leipzig zwischen Helnhausen und Salmünster von Schnapphähnen angeritten worden. Drei der Genossen hatten die Reiter gefangen genommen, den badischen Boten jedoch und den Grübel, da er sich als Schweizer ausgewiesen, reiten lassen. Im Gasthaus zu Schlüchtern, wo sie darauf ein Mahl eingenommen und sich gegen den Wirt und andere Anwesende ob des Unfalls beklagt hatten, waren sie nur ausgelacht worden. Anscheinend zufällig war auch der Pfeifer in das Gasthaus gekommen und hatte sich nach Leerung eines Schöppleins wieder entfernt. Das war ihnen verdächtig vorgekommen, und da sie von der Wirtin hörten, er sei ein Knecht vom nahen Brandenstein, hatten sie einen Geleitsmann genommen und waren dann unbehelligt bis Fulda gekommen. Dort in der Herberge hatten sie einen Edelmann und einen Boten des Hochmeisters in Preußen getroffen und sich diesem auf der weiteren Reise gegen Eisenach angeschlossen. Trotz dieser anscheinend sicheren Begleitung waren sie eine halbe Meile außerhalb Fulda abermals von vier Reitern ereilt und angefallen worden. Der Edelmann und der Bote des Hochmeisters hatten sich zur Wehr gesetzt und waren nach einigen Verhandlungen freigekommen. Desgleichen hatten die Reiter nicht gewagt, den badischen Boten zu fangen. Aber der Grübel mußte daran glauben und wurde seiner Barschaft beraubt, die 16 Gulden an Gold und Münze und eine Krone betrug. Außerdem wurden ihm drei pater noster bei 12 Gulden wert, 11 Ellen Damast und das Pferd im Wert von 24 Gulden genommen. Dann hatten sie ihm die Kappe bis über den Hals gezogen, daß er nichts sah, ihn auf das Pferd gebunden und auf den Brandenstein geführt. Seinem Einwand, er sei ein Schweizer und habe mit Nürnberg nichts zu tun, wurde entgegnet, man wisse wohl, daß er ein Warenlager zu 341 Nürnberg halte. Darum, weil er mit Nürnberg Handel treibe, müsse er sich schatzen. Durch kluges Feilschen und entschiedenes Auftreten war es ihm gelungen, die Schatzung, die erst auf 1500 Gulden angetragen war, auf 1100, schließlich gar nur auf 200 herunter zu drücken. Nun kam ihm noch ein Zufall zur Hilfe. Der Stallknecht Kilian, der in seinem Ehrgeiz, es zum Reiter zu bringen, vom strengen Vogt Peter mehrmals gekränkt worden war, hatte gekündigt. Eines Mittags, als er dem Grübel das Essen brachte, beklagte er sich gar sehr über schlechte Behandlung und Fopperei durch die Reiter. Der schlaue Schweizer, der im Rocksaum noch eingenäht ein paar Goldstücke gerettet hatte, wußte die üble Laune des Bauernsohnes auszunützen, gab ihm einen Gulden und versprach ihm weitere Belohnung, zehn Gulden und ein Gewand, wenn er ihm zur Flucht behilflich sei. Der Kilian, froh, eine Gelegenheit zur Rache zu finden, ging auf den Handel ein und versprach, bei rechter Stunde das Nötige zu tun. Während nun der Grübel in unruhvoller Erwartung seiner Befreiung auf dem Spannbett lag, sah der Flock abermals in den Hof hinab, wo Gelächter und Lärm sich erhoben hatte. Der Bader von Schlüchtern, ein dürres, kleines Männlein, der kein Bad hielt, sondern sein Gewerbe im Umherziehen auf den Schlössern der Umgebung ausübte, war zur samstäglichen Bartschur eingetroffen, und mit ihm der Narr, der ihn jedesmal, als wäre er dazu bestellt, vor dem Burgtor erwartete. Weder Angst vor den Hunden noch vor den groben Scherzen der Reiter konnte ihn abhalten, dieser, seiner Hauptkurzweil, zu obliegen, die er darin fand, wenn der Bader vor dem Stall die Knechte rasierte, dabeizustehen und zuzuschauen. In seinem tollbunten Aufzug, der ein Zerrbild der Junkertracht in Lumpen schien, auf dem lausigen Struwelhaar einen alten Reiterhut mit ganzen Büschen von Hahnenfedern besteckt, ein mit hundert farbigen Lappen zusammengeflicktes Wams am Leib, die Beine in zerfetzten Pluderhosen und ungleichen Stiefeln, an die ihm die Knechte verrostete Riesensporen gebunden hatten, stand er immerzu hinter dem Bader, hielt das Gesicht mit dem wirren Bart in die linke Hand geschmiegt und verfolgte schiefen 342 Kopfes jede Hantierung des Bartscherers, ohne einen Laut von sich zu geben, mit so aufmerksamen Blicken, als gälte es dem Meister das schwierige Handwerk abzugucken. Daß manchmal einer der Reiter in die Seifenschüssel griff und ihm eine Handvoll Schaum ins Gesicht schmierte, ein anderer ihm einen Fußtritt gab, ein dritter den Hut vom Kopf schlug, störte ihn nicht im mindesten. Mit beispielloser Geduld prustete er zehnmal den Schaum von Lippen und Nase, wischte den Bart, hob den Hut auf und sah wieder zu. Und nachdem sie alle barbiert oder geschoren waren, der Claus, der Schau, der schwarz Hänslein, der Aschmesser und andere, und dem Vogt Peter allenfalls der graue Bart gestutzt war, begab sich der Bader nun in die Kemenate, um den Burgherrn und seine Gäste zu scheren oder etwa den Damen eine Hühneraug am zarten Fuß zu schneiden oder auch einem vom bösen Podagra Befallenen das kranke Glied mit heilsamer Salbe zu massieren oder eine Wunde zu behandeln oder zu schröpfen und sonstiger Amtsverrichtung zu pflegen, wobei in schwierigeren Fällen auf Gunst oder Ungunst des Tages nach der Stellung der Tierkreiszeichen im Kalender gewissenhaft Bedacht genommen und nebstbei das Neueste aus Schlüchtern und Umgebung erzählt und Berichte von Reisenden wieder gegeben wurden. Denn der Bader war die wandernde Zeitung und darum zumal vom Frauenzimmer stets begierig erwartet. Die Knechte indes machten nun Feierabend, und da wurde allemal der Narr auf Besuch zu den Gefangenen geführt, was nie ohne gewaltigen Lärm und vielerlei Possen abging. Der Jockel lief im Turm und Torbau auf und nieder, in die Zellen hinein, schrie, trompetete auf dem Hollerrohr und hielt den armen Häftlingen Anreden in seiner unverständlichen Sprache, und die Gefangenen freuten sich der Abwechslung im trüben Einerlei ihres Kerkerdaseins. So kamen sie heute auch zum Grübel, und der trockene Schweizer bemühte sich eifrig, den Späßen eine lustige Seite abzugewinnen und den Rumor zu vergrößern. Während die Reiter mit dem Irren noch im Haus und Hof umhertobten, ging der Kilian, schon in sonntäglichem Gewand zum Abschied gerüstet, zum Grübel in die Kammer, schloß sorgfältig die 343 Tür hinter sich, zog ein Fischerseil zusammengerollt unterm Rock hervor und gab es dem Gefangenen. Das Kammerfenster war unvergittert, denn es stand so hoch über der jäh aus dem nördlichen Bergabfall aufwachsenden Mauer, daß ein Sprung nicht ohne Arm- und Beinbruch und tieferen Sturz über den felsigen Abhang hinunter möglich war, und auch von außen für eine Leiter etwa im steilen Gelände kein sicherer Stand gefunden werden konnte. Das Seil aber, an der Angel des Fensterladens befestigt, reichte längs der Mauer hinab, und unten war bei einiger Geschicklichkeit im Gestein, das von Grasbändern und kurzem Buschwerk durchzogen war, wohl Fuß zu fassen. Nachdem die Flucht in kurzen, eiligen Worten beraten und ein Treffpunkt ausgemacht war, begab sich der Kilian mit der harmlosesten Miene, über die er verfügte, wieder in den Hof und kam eben zurecht, als Nebukadnezar Voit und Ulrich von Hutten durch den Torgang einritten und vor dem Stall absaßen. Während die Knechte mit dem Empfang der Edelleute beschäftigt waren, ging er in den Vorhof, nahm dort aus dem Stall das geschnürte Bündel und verließ die Burg, in der es ihm nicht gelungen war, ein gerechter Reiter zu werden. Nur beim alten Torwart gab es noch ein Händeschütteln und Glückwünsche auf den weiteren Weg.

 

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