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Ritter, Tod und Teufel

Hans Frhr. von Hammerstein: Ritter, Tod und Teufel - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
booktitleRitter, Tod und Teufel
authorHans Freiherrn von Hammerstein
year1921
firstpub1921
publisherC. F. Amelangs Verlag
addressLeipzig
titleRitter, Tod und Teufel
pages434
created20181004
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Königswahl

Frankfurt, die alte Reichsstadt, nahe dem Zusammenflusse der stärksten Adern deutschen Lebens, des Maines und des Rheinstromes gelegen, war seit Wochen der Knotenpunkt einer ungeheuren Spannung, deren Leitfäden aus allen Reichen und Völkern Europas hier zusammenliefen. Anfang Juni des Jahres 1519 waren nach und nach die sechs deutschen Kurfürsten und die Bevollmächtigten für die Kurstimme des minderjährigen Königs von Böhmen mit dem geringen Gefolge von je 200 Reitern, darunter nicht über 50 Bewaffneten, das die goldene Bulle zuließ, in den Mauern der Stadt eingetroffen, um endlich dem heiligen römischen Reich deutscher Nation den König und künftigen Kaiser und damit der gemeinen Christenheit das weltliche Oberhaupt zu wählen. Vor Jahren schon, noch zu Lebzeiten des Kaisers Maximilian, hatte der Kampf um die deutschen Kurstimmen eingesetzt und war mit dem Reichstag zu Augsburg im April 1518, den der Kaiser einberufen hatte, um seinem Enkel Karl von Spanien die Krone zu sichern, auf das lebhafteste entbrannt. Dem spanischen Habsburger stand als stärkster Rivale König Franz von Frankreich gegenüber. König Heinrich VIII. von England, früher vom schwankenden Maximilian selbst als Wahlwerber begünstigt, dann in kluger Vorsicht zurückgetreten und die Habsburgischen Ansprüche fördernd, drängte sich plötzlich zu Anfang Mai 1519 wieder vor und suchte durch seinen Gesandten Richard Pace die Kurfürsten, die sich teils dem Spanier, teils dem Franzosen, teils beiden zugleich verpflichtet hatten und 297 immer neue Forderungen nach dieser und jener Seite stellten, für seine Kandidatur zu gewinnen. Und zur selben Zeit trat, von Polen und Ungarn unterstützt, auch noch der junge König Ludwig von Böhmen als Wahlwerber auf den Plan, während das deutsche Volk dem reichsfremd gewordenen Spanier wenig vertrauend, den Franzosen in richtiger Witterung seiner ehrgeizigen Knechtungsabsichten hassend, am liebsten eine Bewerbung des Erzherzogs Ferdinand von Österreich gesehen hätte, von dem als landsässigen Fürsten am ehesten zu erwarten stand, daß er ein erreichbarer und von genügender Hausmacht unterstützter Kaiser sein würde.

Hingegen war es die vornehmste Sorge des Mediceers Leo X. des feigen und habsüchtigen Lebemanns auf dem päpstlichen Stuhl, daß einem möglichst schwachen Arm das weltliche Schwert zu Schutz und Schirm der Christenheit übertragen werde. Ein mächtiges und einig mit der Kaiserkrone geführtes Deutschland vor allem durfte nicht entstehen. Darum bekämpfte er mit ängstlichem Eifer die Bewerbung des spanischen Königs, der doch deutschen Fürstenblutes war und mit der römischen Krone ein weltumspannendes Reich erlangen würde, wobei Rom als äußeren Rechtsgrund den alten Vertrag anzog, nach dem eine Vereinigung der Krone von Neapel, die Karl trug, mit der Kaiserkrone auf ein und demselben Haupte unstatthaft sei. Frankreich, an sich schon gefährlich machtvoll, erhielt zwar auch mit dem Kaisertum eine schier unerträgliche Macht. Doch war es Deutschlands natürlichster Feind, und der Franzose ein Herrendiener, seinem allerchristlichsten König durch Gewalt und Eitelkeit unterworfen, während der eigenwillige Deutsche zäh daran festhielt, daß er nur als ein freier Mann dem römischen König, als dem höchsten Träger seines wundersamen Reichsgedankens zu folgen habe, und überdies Heinrich IV. Gang nach Canossa nimmermehr vergessen wollte. Neuestens gar grollte es von Deutschland manchmal dumpf herüber wie vom aufsteigenden Wetter einer kirchlichen Empörung. So schien es für Rom von größerem Vorteil, die Kaiserkrone dem französischen König aufzusetzen, der keine unmittelbaren Interessen in Italien hatte, und von dem vorauszusetzen war, daß er diese 298 neue Macht Frankreich zum Nutzen, Deutschland aber zum Schaden gebrauchen und die machtlüsternen deutschen Fürsten, den freiheitsdurstigen Adel, die üppig aufglühenden Städte und den unterm Joch knurrenden Bauern am raschesten und tatkräftigsten, wie es ihm schon im eigenen Land fast restlos gelungen war, einer unbedingten königlichen Tyrannei gefügig machen würde. Leichter sicherlich war es dann, einen einzelnen mächtigen Herrscher durch Privilegien und Schmeicheleien der Kirche günstig zu erhalten, als ein ganzes Volk, das gefährlich viel dachte und voll Drang nach Unabhängigkeit auch in geistigen und geistlichen Dingen war, zu bändigen, wenn es einen Herrscher hatte, der seine um den Erdkreis reichende Macht zum Schutz, zur Mehrung und Erhöhung seiner deutschen Reiche anwendete.

Die deutschen Kurfürsten selbst gingen hinwieder nach altem, bösem Brauch vor allem auf eigenen Vorteil und Mehrung ihrer besonderen Machtbereiche aus. Ihnen war daher wie immer schon, ein schwacher König willkommen, der dem Willen seiner Fürsten und Stände keine wohlbegründete Hausmacht entgegenstellen konnte. Andererseits sollte es doch ein Herrscher sein, der für die Bedürfnisse des Reiches gelegentlich in die eigene Tasche zu greifen geneigt und fähig war, damit er nicht immer, wie Friedrich und Maximilian Geld fordern mußte. Die Habsburger betrachteten eingestandenermaßen die römische Krone vor allem als Sicherung ihrer Erblande. Der beständige Geldmangel, unter dem die zwei letzten Kaiser dieses Geschlechtes gelitten hatten, schien den mächtigen Spanier weniger zu beschweren. Reicher war freilich der Franzose, für den Sympathien besonders bei Brandenburg bestanden, das eigene Hausmacht gegen die der Habsburger zu begründen anfing. Die Zollern, das begabteste und tatkräftigste, aber auch ehrgeizigste und habsüchtigste der deutschen Fürstengeschlechter, hatte von Frankreich am meisten zu hoffen, am wenigsten zu fürchten. Denn, ob die Rheingebiete in französischem Machtbereich ihre Selbständigkeit verloren, konnte ihm gleichgiltig, wenn nicht willkommen sein, und ganz ähnlich dem König von Frankreich strebten die Herrscher im deutschen Osten die Macht des 299 landsässigen Adels zu brechen und eine auf gefügigem Hofadel sicher beruhende, unumschränkte Fürstengewalt aufzurichten. Für jetzt däuchte dem Brandenburger die Kaiserkrone noch mehr eine Last als ein Vorteil. Ihr künftiger Erwerb, wenn die eigene Hausmacht tragfähig geworden war, schien nicht allzu schwierig. Jetzt schon wollte der Franzose, falls es ihm selbst nicht glückte, die Kaiserkrone zu erlangen, diese am ehesten dem Brandenburger gönnen. Unter dieser Rückversicherung wurde daher von Kurfürst Joachim der Handel um seine Kurstimme mit Frankreich betrieben, dem Habsburg bares Geld, auf die sicheren Augsburger Häuser der Fugger und Welser angewiesen, entgegensetzte, während es der reichen Schwiegertochter, die Frankreich anbot, mit einer österreichischen, die lockende Erbaussichten hatte, die Wage hielt. Um Geld vor allem war es jedoch dem geistlichen Kurfürsten von Mainz, dem Zoller Albrecht, Joachims Bruder, zu tun, der als rheinischer Fürst ein Anwachsen der französischen Macht nicht ohne Besorgnis sehen konnte und darum eher der habsburgischen Bewerbung zuneigte. Gleicherweise von Gold oder Goldeswert in Gestalt von Rechten, Ämtern, Ländern, Zöllen, Bistümern bestimmt, schwankte das Zünglein an der Wage der übrigen geistlichen und weltlichen Kurstimmen als Trier, Köln und Pfalz. Mehrmals verkauft, beschworen, urkundlich besiegelt, wurden sie durch neue Geschenke, Verehrungen, Vertröstungen und stets erhöhte Pensionen für sich selbst, ihre Verwandten, Räte, Hofschranzen und Kammerdiener auf die andere Seite gezogen, und des Reisens der Gesandten beider Wahlparteien, offener oder heimlicher Empfänge, Briefschreibens und Geldanweisens hin und her war kein Ende, wobei die päpstlichen Legaten alle Macht, die Rom auf Gewissen und Eitelkeit auszuüben imstande war, voll Eifer und, wo es verfangen mochte, mit Kardinalshüten winkend, für Frankreichs Bewerbung einsetzten. Die Wahlkostenrechnung des katholischen Königs belief sich schließlich auf rund eine Million rheinischer Goldgulden, wogegen Franz von Frankreich an dreizehn Millionen Sonnenkronen teils ausbezahlt, teils versprochen hatte.

So, während das deutsche Volk und die gesamte Christenheit 300 noch gläubig zu Papst und Kurfürsten aufblickte, die daran gehen sollten, die heiligste und gewichtigste Krone des Erdkreises einem würdigen Haupt aufzusetzen, das weltliche Schwert, das bei immer gefahrdrohenderem Andringen des östlichen Heidentums stark und entschlossen geführt werden mußte, einem tüchtigen Arm zu verleihen, war hinter der Szene ein widerliches Getriebe der Wechsler im Tempel des Reiches, ein nacktes Gefeilsch um Güter, Würden und Weiber. Ein einziger Kurfürst hielt seine deutsche Seele rein wie Gold: Herzog Friedrich von Sachsen. Mit steter Entschiedenheit lehnte er alle Anerbietungen nach beiden Seiten unter Hinweis auf die heilige Notwendigkeit und beschworene Pflicht einer gänzlich freien, unbeeinflußten Königswahl ab, und so höflich und wohlgesetzt die schriftlichen Erwiderungen seiner Kammer lauteten, so deutschderb und kraftvoll kam gelegentlich im persönlich gesprochenen oder geschriebenen Wort sein schamroter Ingrimm ob der deutschen Fürstenschmach zum Ausbruch. »Gott füge alle Sachen zum besten und uns armen Deutschen zu Genaden.« Mit dieser Gesinnung landete er am 11. Juni zu Schiff in Frankfurt und trat als der einzige der Kurfürsten unbestochen, frei und aufrecht in die letzten Wahlberatungen ein.

Es konnte bei den endlosen Verhandlungen über ganz Europa samt England hin nicht ausbleiben, daß die fürstlichen Praktiken zum Volk durchsickerten. Gerüchte und Geschwätz, allenthalben von den immerzu reisenden Bevollmächtigten der Wahlwerber künstlich ausgestreut, um die Stimmung zu beeinflussen, erregten die Gemüter immer mehr. Der Massen bemächtigte sich eine dunkle Ahnung, daß diese Form der Königswahl, vielleicht diese Form des Kaisertums abgestorben und lügenhaft geworden sei. Und zuerst in der erwachenden Ritterschaft stieg mächtig die Sehnsucht nach einem einigen, freien, von äußeren Einflüssen ganz unabhängigen deutschen Reiche auf. Rom in seinem bangen Eifer um eine ihm vorteilhafte Wahl verstieg sich zur Behauptung, das Wahlrecht sei den Kurfürsten vom Papst verliehen, deshalb dürften sie es nicht zum Nachteil des päpstlichen Stuhles ausüben, und alles göttliche und menschliche Recht verbiete die Wahl des Königs von Spanien als König von Neapel. Selbst die Kurfürsten, 301 die auf dem Tag zu Wesel im Frühjahr 1519 zur Herstellung einer Einigung unter sich und Abschluß eines Schutzbündnisses wider Gewaltanwendung von Seite der Wahlkandidaten versammelt waren, hatten diese unerhörte päpstliche Zumutung mit so scharfen Worten erwidert, daß dem Legaten eine solche Antwort unerwartet und für seine Heiligkeit sehr beschwerlich vorkam. Hier schien den Kurfürsten ihre rechtliche Stellung als Beauftragte des deutschen Volkes plötzlich einmal klar geworden zu sein. Schnell aber ging solch heilsame Erinnerung wieder in Selbstsucht und Schwanken zwischen der Sorge vor Machtbeschränkung und lockenden Angeboten des Mammons unter, während dagegen im Adel und Volk der Gedanke, daß der König ehedem von Heer und Volk gewählt worden, bei zunehmender Kenntnis von schmählichen Praktiken in der Wahlfrage immer kräftiger wieder aufzuleben begann. Von der Unzuverlässigkeit und Unersättlichkeit der Kurstimmen erbittert, fingen indes die Rivalen, und zwar der Franzose zuerst, an, auf Gewaltmittel bedacht zu sein. Zur Zeit stand in Deutschland die Kriegsmacht des schwäbischen Bundes, die eben den Herzog Ulrich von Württemberg niedergeworfen hatte, noch in Waffen. Ihre gewichtigsten Führer waren Franz von Sickingen und Georg von Frundsberg, jener ein gewaltiger Rittersmann, durch Feldherrngaben, rücksichtsloses Draufgängertum und unerhörtes Ansehen im Adel und bei den Truppen zu wahrhaft fürstlicher Macht gestiegen, in seinen letzten Absichten durchaus dunkel, jedenfalls mit seinen Reitern, Spießen und Geschützen eine Kraft, die bei Gewaltanwendung den Ausschlag geben konnte, dieser, der stürmisch beliebte Führer seiner Lanzknechte, deren Schöpfer er war, politisch anscheinend absichtslos, nur Soldat in der neuen Bedeutung, der die Zukunft zu gehören schien, und dem folgend, der ihn bezahlte. Um diese Macht nun als Sicherung neben den schwankenden Kurstimmen und nötigenfalls gegen sie begannen Frankreich wie Habsburg zu werben. Frankreich überdies versuchte durch den Grafen von Geldern Truppen in Lüneburg und Sachsen einzuschmuggeln, wo eine von den Herzogen Heinrich und Erich von Lüneburg unter nichtigem Vorwand vom Zaun gebrochene Stiftsfehde Anlaß für die 302 Sammlung einer kriegerischen Macht in französischem Solde gab. Letztlich aber an der deutschen Gesinnung der rheinischen Grafen und der fränkischen Reichsritterschaft, die sich Anfang Juni auf einem Tag zu Schweinfurt geschlossen den Kurfürsten zur Erhaltung voller Wahlfreiheit zur Verfügung stellte, scheiterten diese feindlichen Absichten. Im Volk stieg der Haß gegen jede fremde Einmengung derart, daß der päpstliche Legat Orsini bei Nacht und Nebel in Verkleidung aus Darmstadt flüchten mußte, die französischen Gesandten sich vorsichtshalber bis Koblenz zurückzogen, und der Engländer Pace in äußerster Besorgnis um sein Leben sich hauptsächlich zu Schiff auf dem Rhein hin und wieder fahrend aufhielt und seinem König in Briefen dringend von der Wahlwerbung abriet. Die bündische Truppenmacht, einschließlich der Schweizer Truppen, die von den scharf für einen deutschen König eintretenden Eidgenossen entsandt waren, 40 000 Knechte zu Fuß und 4000 Reiter stark, für Habsburg gewonnen, lagerte zu Höchst. Sie stand unter dem Oberbefehl des Markgrafen Kasimir von Brandenburg, während Graf Heinrich von Nassau die von den rheinischen Grafen aufgebrachten Kontingente mit entschiedener Drohung gegen Frankreich um Königstein gesammelt hatte. Immer aber blieben aller Blicke auf Sickingen, die derzeit gewaltigste der deutschen Kriegserscheinungen, gerichtet. Die allgemeine Spannung und Erregung stieg, als die Kurfürsten nach dem heiligen Geistamt und der Eidesleistung im Frankfurter Dom am 17. Juni die Wahlhandlung auf den 27. verschoben hatten. In letztem Ansturm versuchten die Botschafter der fremden Mächte und des römischen Stuhles zu den Kurstimmen zu dringen. Der Mammon aller Reiche blähte sich lockend auf, die Politik und Diplomatie ganz Europas umströmte die deutsche Wahlstadt, deren Rat in pflichtgenauer Beachtung der Vorschriften der goldenen Bulle gegen Jedermann, der nicht zum engen Gefolge der Kurfürsten gehörte, die Tore verschlossen hielt. Der französische König, die Aussichtslosigkeit seiner Bewerbung einsehend, suchte doch wenigstens den ihm gut gesinnten Joachim von Brandenburg, der Papst Friedrich von Sachsen zur Annahme der Krone zu bewegen. Aber die Tore Frankfurts blieben gesperrt, die Truppen zu 303 Höchst taten sich gütlich an Wildbret und Fischen, die den Kurfürsten in den Stadtmauern bestimmt waren, und drohend aus dem Ring der Waffen, der die Stadt umdrängte, aus dem Volk, das massenhaft von allen umliegenden Landschaften herbeiströmte, entschlossen zur Not mit Dreschflegeln und Morgensternen für einen deutschen König zu streiten, stieg das deutsche Schicksal empor und sah wie ein Wetter aus der Rheinebene zum Römer und zum alten Dom hinüber, dessen kronenartiger Turmhelm als ein bläuliches Luftgebilde über der sonnendunstigen Strombreite zwischen Vogelsberg, Taunus, Odenwald und Spessart schwebte.

Am 27. Juni, morgens sechs Uhr, hatten die Sturmglocken Frankfurts bewaffnete Bürger an ihre vom Rat vorbestimmten Plätze in den Straßen, an den Toren und auf den Wällen gerufen. Erst um acht Uhr, also nach der kundgemachten Ordnung mit einstündiger Verspätung, waren die Kurfürsten in feierlichem Zug, ihre Marschälle mit den erhobenen Schwertern voran, vom Römer zur Bartholomäuskirche geritten und nach gesungenem Hochamt in das Kapitelhaus eingetreten. Das Volk, gleich den Ameisen in einem aufgestörten Haufen, umwimmelte den Dom in allen Gassen und Plätzen umher. Die Geschütze auf den Mauern, die Glocken in den Türmen, die Fahnen hinter allen Dachluken, die Zungen von Abertausenden harrten des Jubels, der die Wahl Karls oder Ferdinands oder eines der Kurfürsten zum König verkünden sollte. Die bange Sorge, es könnte doch noch ein landfremder Herrscher aus der Kur hervorgehen, war fast geschwunden angesichts der drohenden Haltung der Truppen, die Frankfurt umschlossen und keinen Zweifel darüber ließen, daß in diesem Fall die Stadt belagert werden würde. Da ritten nach zehn Uhr die Kurfürsten unverrichteter Wahl wieder in die Herbergen. Gerüchte durchflüsterten die Massen, wie der leise Wind, der vor dem heranrollenden Gewitter die Ährenfelder bewegt. Es hieß, in der Kurkapelle sei es zu einiger Irrung gekommen. Der Kardinal von Mainz habe noch einmal in langer Rede klärlich bewiesen, was schon die veröffentlichten Gutachten der Wittenberger und anderer deutscher Gelehrten des Langen und Breiten erörtert hatten, 304 daß nach ältestem, von Papst Gregor V. bestätigtem Recht und Brauch nur ein deutscher Fürst oder doch einer deutschen Namens und Herkommens zum römischen König gewählt werden könne, daß Karl der Große, auf dessen Kaisertum Franz von Frankreich hauptsächlich sein Wahlrecht gründete, ein Deutscher und deutsch in all seinen Taten gewesen sei, schließlich, daß Unfriede und Empörung, Krieg und heillose Verwirrung die Folgen der Wahl eines Fremden sein würden. Dagegen habe sein eigener Bruder Joachim von Brandenburg leidenschaftlich für Frankreich gesprochen, worin er vom Trierer Bischof unterstützt worden, während endlich der weise Friedrich von Sachsen in gar unzarten Worten den Standpunkt vertreten, daß vorher verkaufte Kurstimmen überhaupt ungültig seien, daß, wer sich unterstehe, das Reich durch Bitte und Gabe an sich zu bringen, dessen unwürdig werde, und das Wahlrecht, so die Mehrheit der Kurfürsten beeinflußt, an die freigebliebene Minderheit falle, und wäre das auch nur mehr eine Stimme. Auf allseitige Beteuerungen unbeschwerter Gewissen und reiner Hände habe es gar unfürstliche Vorwürfe und Beschuldigungen hin und her gegeben, und endlich habe man sich für heute dahin geeinigt, daß es überhaupt ein unglücklicher, auch vom Leibastrologen des Brandenburgers als solcher bezeichneter Tag sei, und man die Wahl auf den nächsten verschieben wolle.

Die Aufregung und Enttäuschung in der Stadt ob dieses neuerlichen Aufschubs war bedrohlich. Der Rat verstärkte die Abteilungen der bewaffneten Bürger, die auf dem Leinwandhaus und im Rebstock lagen, die Wache vor dem Römer und den Quartieren der Kurfürsten und die Besatzungen der Wälle. Da am Nachmittag der Dunst des ungewöhnlich heißen Frühsommers, der dies Jahr herrschte, überm Rhein sich blauschwül verdichtet hatte, und der Wind Staubwolken von den Landstraßen hob, hieß es gleich, die Sickingenschen und Nassauischen seien im Anrücken, während andere wissen wollten, eine französische Truppenmacht, verstärkt durch 10 000 englische Bogenschützen, sei in Mainz gelandet, und die Schlacht zwischen ihnen und den Kaiserlichen habe bereits begonnen. Bis in die späten Nachtstunden flutete das Volk 305 in den Straßen und verlief sich erst, als Sturm, Wolken und Himmelsleuchten den gewaltigen Ausbruch eines Wetters zu verkünden schienen. Doch der Wind jagte das Gewölk trocken über die lechzenden Mainauen und die dumpfe Stadt hin, riß es in Fetzen und vertrieb es gegen den Spessart. Aber den Himmel ganz blank zu fegen gelang ihm nicht. Ein schwüler Schleier, der die Sterne ganz klein und unsicher machte, blieb überm Land, und bleigrau dämmerte nun die Frühe des Vortages vom Peter und Paulfest in die Stadt herein.

Der Römerberg, der hügelige Platz vor dem Rathaus, war leer. Unter den Bogen des Römers schritten ein paar Gewaffnete, von Kopf bis zum Fuß in Eisen, auf und nieder. Einige standen um den Gerechtigkeitsbrunnen, dem das Wasser schon Tage vorher abgesperrt worden war, auf daß er aus heimlich versenkten Fässern nach vollzogener Wahl dem freudigen Volke nach altem Brauch roten und weißen Wein sprudeln solle. Mit wachsendem Tagesgrauen kamen aus den Seitengassen wieder einzelne bürgerliche Gestalten zum Vorschein und standen flüsternd beieinander. Fenster öffneten sich oben in den Häusern, verschlafene Nachtmützen reckten sich in den dumpfigen Morgen, halblaute Rufe und Zwiegespräche gingen hinauf und herunter.

»Was gibt's?« – »Hört man noch nicht schießen?« – »Ist der Sickingen schon vor den Toren?« – »Nein?« – »Alles ruhig?« – »Vom Rhein her nichts zu vernehmen!« – »Das Wetter verzogen.« – »Oh, der Dürre!« – »Ich hab die ganze Nacht kein Aug zugetan.« – »Auch die Aufregung!« – »Werden sie heut wählen?« – »Und wen?«

Von den hohen Fahnenstangen vor dem Balkon des Römers hingen schlapp die sieben Banner der Kurfürsten herunter: Der böhmische Silberleu in Rot, der pfälzische Goldlöwe in Schwarz, der brandenburgische rote Adler in Weiß, Sachsens fünf schwarze Balken in Gelb, von der Lilienkrone durchquert, das schwarze Kreuz in Weiß von Trier, das rote in Weiß von Köln und das weiße Rad in Rot von Mainz. Die höchste Stange inmitten zwischen den vier weltlichen und drei geistlichen Kurbannern war leer. Da sollte das Banner des neugewählten Königs steigen. 306

Aus dem Limpurger Gäßchen am Rathaus kamen hastig vier Träger mit einer Bahre hervor, deren Hülle reichlich mit Kalk bespritzt war. Ein paar Handwerker, die sich da angesammelt hatten, stoben auseinander. Eine Pestleiche. Man sah den Trägern nach, die dem Main zuschritten. Es stirbt von Tag zu Tag mehr in der Stadt. Auch Main und Rhein abwärts stirbt es. Alle Dörfer und Flecken liegen voll Truppen, Gesandtschaften und Volk. »Wen tragt ihr da?« fragte ein Beherzter, der gleichgiltig stehen blieb, wo die Träger vorbeikamen. Einen Reiter von der polnischen Gesandtschaft. Um den ist nit schad. Daß die Pest die Kurfürsten hol, so sie nit bald mit ihren Stimmen niederkommen. Sie haben ohnedies Angst. Der Kölner wollt schon abreisen. Das fremde Gesindel bringt noch mehr Seuche herein. Sie saufen und radollen in den Schenken. Die Weiber sind wie toll, insonderheit auf die Ungarn, die Böhmischen und Pollaken. Die Prophetie von der Zerstörung des Reiches stimmt haargenau auf diese Wahl. Auch der Komet steigt schon auf. Bauern aus dem Odenwald haben ihn gesehen. Man sah ihn heut nicht, weil's zu dunstig war. In Schwaben soll sich ein Bundschuh erhoben haben. Die fränkischen Ritter haben ein neues Heer aufgebracht, bei 6000 Reiter. Die Spitzen sind schon gestern in Gelnhausen eingetroffen. Man wird die Stadt erobern, brandschatzen und plündern, wenn die verdammten Kurfürsten keinen Deutschen wählen. Überall steht Unfried auf.

Es war lichter geworden. In den Dunstschichten gegen Tag erglomm ein bleiches Rot. Schwüler Luftzug hob matt die Banner. Aus der Gasse, die zum Dom führte, unter dem Haus zu den zwölf Himmelszeichen, kamen eiligen Schrittes zwei Männer hervor. Eine würdige Gestalt in schwarzer Ratsherrntracht mit goldener Kette auf dem Wams und ein Ritter im Harnisch. Hamann von Holzhausen, der zweite Bürgermeister, und Martin von Heußenstamm, der Schultheiß. Inzwischen hatte sich schon mehr Volk auf dem Platz angesammelt. Einige Bürger liefen auf den Ratsherrn zu. Was es Neues gäbe? – Ob es heut endlich zur Wahl komme? – Ja. – Um sechs wollen die Kurfürsten auf 307 dem Rathaus sein, um sieben im Dom. – Heut wird's Ernst. Sie haben die halbe Nacht beraten. – Einige sind gar nicht vom Römer gekommen. Dort hält eben eine Sänfte vor dem Rathaustor. Es ist der Herzog Friedrich von Sachsen. Er hat gar schlimm das Podagra. Trotzdem ist er der Unermüdlichste, der Einzige, der seine Pflicht tut. Ist's wahr, daß er gewählt wird? Der Papst hat's befohlen. Der Papst hat gar nichts zu befehlen. Aber Friedrich wäre ein trefflicher Kaiser. Klug wie keiner sonst, nur zu mild. Er kann nicht strafen. Ein französischer Gesandter soll in Verkleidung eingelassen und vom Brandenburger empfangen worden sein. Er hat Geld gebracht. Nein, das ist nicht wahr. Aber tatsächlich haben die Kaiserlichen Briefe an die französischen Gesandten aufgefangen, durch welche mehrere Kurfürsten arg bloßgestellt werden. Kurfürst Joachim hat 50 000 Kronen von Frankreich erhalten, das ist nun klärlich erwiesen. Mit welcher Pracht ist er auch eingeritten und residiert hier fürstlich, wie keiner der anderen. Es ist ein tüchtiger Herrscher, aber habsüchtig, gar nicht zu sagen. Wie frech sich die aus Polland benehmen. Der Lesczinsky trägt ein schwarzes, hohes Samtbirett an den Seiten eingeschlagen, und vorn und hinten spitzig als ein Bischofshut und zu oberst ein Hahnenfederlein drauf. Es ist nit anders dann wie eine Inful. Das tut dem gnädigen Herrn von Mainz Zorn, daß er die Bischofshüt also schmäht. Was wollen überhaupt die Pollaken bei der Wahl? Ja, weil der König Sigismund der Vormund vom jungen Böhmen ist. Erst glaubten sie sogar, mitwählen zu dürfen und haben sich am 17. ganz trotziglich in der Kirche mitten unter die Kurfürsten gesetzt. Aber dann ward entschieden, daß nur der böhmische Gesandte, der Herr von Sternberg, die Stimme gleich wie einer der Kurfürsten abgeben darf. Seht nur, welch ein flammendes Rot im Osten aufgeht! All die Dächer, die ganze Front des Römers ist wie mit Blut übergossen. Der Holzhausen und der Schultheiß müssen ins Rathaus, vor dem schon ein Gedräng von prächtig gekleideten Gefolgsleuten, Bewaffneten und Volk.

Eben reitet der Pfalzgraf Ludwig von seiner Herberge im Deutschen Haus an und hebt sich vom Pferd. Hamann 308 von Holzhausen und der Ritter von Heußenstamm schreiten durch die Menge dem Römer zu. Halt! Halt! Was ist das? Tumult vom Main her. Eine Reitergruppe und Stadtknechte, die sie begleiten. Die Reiter scheinen erregt mit dem Wacheführer zu streiten. Sind sie eingedrungen? Dort am Main ist eines der zwei Stadttore, die offen bleiben und nur mit Schlagbäumen versehen sind. Einer der Reiter ist vom Kopf bis zum Sporn in blankem Eisen; Potzblau! Auf mächtigem Pferd in Eisen eine prächtige Gestalt. Schlank und gewaltig, wie der leibhaftige Sankt Jörg anzusehen. Vielleicht ist es der Sankt Jörg, der Deutschland zu retten kommt, oder der heilige Michel selber. Der Ratsherr und der Schultheiß eilen auf die Gruppe zu. Heiliger Himmel! Es darf doch niemand eingelassen werden, zumal kein Edelmann. Der Rat hat's beschworen und müßte es büßen nach der goldenen Bulle. Aber die zwei Herren, die den Ritter geleiten, sind vom kurmainzischen Hof und gestern als Boten hinaus. Der Graf Botho zu Stolberg und Ulrich von Hutten. Schon ist der Graf, eine hohe mächtige Gestalt mit scharfgeschnittenem Antlitz in ergrauendem Vollbart, adlernasig und ernsthaften Blicks in den tiefliegenden hellen Augen, abgesprungen und kommt auf Holzhausen zu.

»Kein Bannbruch,« sagt er mit sehr ruhiger Stimme. »Dies ist der Junker Mangold von Eberstein und bringt Botschaft von der fränkischen Ritterschaft. Wir haben ihm die Waffen am Tor abnehmen lassen.«

Hamann von Holzhausen mit besorgter Miene dagegen: »Lieber, gnädiger Herr, Ihr wißt es so gut als ich, daß keiner darf eingelassen werden, der nit am Tag, da die Kur begonnen und die Tore geschlossen wurden, schon herinnen war, auch kein Bot, es sei denn mit Wissen und Willen der Kurfürsten.«

Ulrich von Hutten, der inzwischen auch abgesprungen war, hastig und halblaut: »Unser gnädiger Herr von Mainz weiß davon. Er hat uns gestern hinausgeschickt, daß wir erkunden, wie es in Wahrheit beim Heer und beim Volke steht. Das haben wir gut vollbracht, und dieser Ritter, der mein Oheim ist, ward uns mitgegeben, daß er zeuge für unseren Bericht.«

Martin von Heußenstamm lächelnd: »Bedarf es eines Zeugen, 309 so der Graf von Stolberg berichtet? Bei den Fürsten wie in der Ritterschaft, bei Bürgern und Volk sogar geht es schier als ein Sprichwort: ›Was Stolberg sagt, das ist wahr‹.« Hutten lebhaft: »Dennoch schien es uns besser und von sonderlichem Vorteil, einen aus der Ritterschaft selbst, der keinem der Kurfürsten und keinem Herrn sonst, nur dem Reiche dient, mitzubringen.«

Holzhausen ernst: »Wohl ihr Herren, ich versteh es recht, wie ihr es meint. Aber wär es dann nit besser gewesen, zwo oder drei Stund eher einzureiten, da es noch still und leer auf allen Gassen war?«

Der Graf von Stolberg: »Ehgestern die ganze Nacht war das Volk auf den Gassen. Wir konnten's nit wissen, daß es heut anders sei.«

Hutten: »Und eben das Volk wird es beruhigen, so es den Ritter sieht. Führt uns hinauf. Ich sag euch, des Reiches Schicksal hängt an unserer Botschaft.«

Holzhausen blickte um. Die Menge drängte dicht und mit hunderten gespannter Mienen um die Gruppe. Der Ebersteiner war abgesessen und ragte als ein blankes Erzbild inmitten. Er hatte das Visier offen. Der Helm gab sein Gesicht mit der halben Stirn, dem klarblauen Blick, der scharfen Nase und den oberen Teil des Mundes frei. Es schien streng und unbeweglich wie aus rötlichem Stein gehauen. Holzhausen hob die Schultern und sprach: »So wollen wir hinaufgehen.« Die Menge öffnete vor ihm eine Gasse und ließ die Edelleute durchschreiten. Die ersten Sonnenstrahlen schossen über den Platz und das bewegliche Meer der Köpfe hin. Der Helm des Ebersteiners blitzte. Hinter ihm schloß die Flut wieder zusammen, und es flüsterte in den Wellen: Ein prächtiger Rittersmann, wie stark und gestreng er dreinschaut! Wer mag es sein? – Der Sickingen? – Nein, der ist kleiner und stämmig. – Man sah ihn, da er vor einigen Wochen mit sechshundert Reitern durch die Stadt nach Württemberg zog. – Dieser da trägt keine Farb, nicht einmal einen Helmbusch. – Sein Knecht will nichts sagen. – Hört! Hört! – Es soll ein Graf sein, ein unbekannter kleiner Graf, wie Rudolf von Habsburg es gewesen. – Sie werden ihn zum 310 König wählen – und gleich krönen im Dom. – Sie haben ihn herbeigeholt vom Gejaid, wie Heinrich den Finkler hinterm Vogelherd . . ., ein deutscher König neuen Stammes. Eine ungeheure Woge freudiger Erregung und Spannung wallte durch die Masse und hob sie drängend gegen den Römer hin, wo sie von den Reihen der Wachen zurückstaute. Der Ritter und seine Begleiter waren im Tor des Römers verschwunden.

In der unteren Halle des Rathauses um die gewaltigen Rundsäulen, die das schwere Bogengewölbe tragen, im Binnenhof dahinter und die Treppe auf und ab war ein lebhaftes Wogen buntester Gestalten. Deutsche Grafen und Herren, Gesandte in polnischen, böhmischen, ungarischen Trachten, Bischöfe und Domherren, Herolde, kurfürstliche Dienerschaft stehend, schreitend, eilend in vielfachem Stimmen- und Sprachgewirr durcheinander. Einer der polnischen Gesandten in rotschillerndem Seidenkaftan mit krummem Säbel, eine edelsteinfunkelnde Mütze mit hohen Reiherfedern auf dem Haupt, lehnte nachlässig an einer der Halbsäulen in der Mauer und plauderte lässig spöttischen Ausdrucks mit Ratislav Berkovsky von Sabirow und Jakob von Wressowitz, den ritterständischen Mitgliedern der böhmischen Kurabordnung. Die Böhmen waren in leuchtendes Blau gekleidet, das Gefolge des Brandenburgers trug durchaus ernstes Schwarz. Da die Marschälle der Kurfürsten im Harnisch waren, fiel es nicht auf, als jetzt mit Stolberg und Hutten ein Gewappneter eintrat und von ihnen über die Treppe hinaufgeführt wurde. Friedrich von Thun, Schloßhauptmann zu Weimar, einer aus dem kursächsischen Gefolge, rief Ulrich von Hutten an, als sie vorbeigingen, was es draußen Neues gäbe? Das würden die Kurfürsten am eigenen Leib erfahren, so sie den Franzosen wählten, versetzte Ulrich, die Grafen und Ritter seien hart entschlossen und hätten das gesamte Volk hinter ihnen.

»Recht so!« sprach eine Stimme drein. Ulrich wandte sich und sah einen hohen Herrn die Treppe nach ihm herauf kommen. Es war der Markgraf Georg von Brandenburg-Ansbach, der Vertreter des ungarischen Königs bei der Wahl: »So hat der Franzos umsonst mit Geld um sich gestochen« 311 fuhr der Markgraf fort. »Wir Deutsche werden, wann's not tut, mit dem Schwert dawider stechen.«

Im schmalen Spitzbogen des Treppenfensters ober ihnen lehnten zwei wohlgekleidete Herren des Trierschen Gefolges, ein Geistlicher und ein Edelmann, deren Mienen bei diesen Worten eine verlegene Steifheit annahmen.

»Ei, gnädiger Herr,« erwiderte Ulrich nicht ohne Schmunzeln, »es wird gar manchen gereuen, daß er sich in Hoffnung auf ein Jahrgeld in französischen Kronen schon neu in Samt und Seide hat kleiden lassen.«

Durch das Auf- und Niederströmen des Treppenhauses kamen sie nun oben in die Hallen vor dem Kaisersaal. Der Graf von Stolberg schritt ohne weiteres durch die hier noch dichter gedrängt stehende, harrende Menge der Herren und Gefolgsleute zur Tür der großen Ratsstube, vor der vier Frankfurter Patriziersöhne in Waffen die Wache hielten. »Laßt mich ein,« sprach der Graf. »Ich habe dem Kardinal etwas Wichtiges zu vermelden.« Die Wächter ließen es zu, daß er die Türe halb öffnete. Der Graf behielt einen Augenblick zweifelnd die Klinke in der Hand, dann trat er ein und kam sogleich mit dem Kurfürsten Albrecht selbst wieder heraus.

Der Kardinal von Mainz, ein feister, behäbiger Herr, obgleich er noch nicht volle dreißig Jahre alt war, trug, schon zum Kirchgang gekleidet, den weiten scharlachroten Atlasmantel mit Hermelin gefüttert, der ihm, wie das Gewand eines Frauenzimmers, lang und rauschend nachschleppte, und auf dem kräftigen Haupt mit dem großen, aufmerksamen Auge, der stark herabgebogenen Nase und vorschwellender Unterlippe, eine enganschließende Seidenmütze. In allen Bewegungen munter und lebhaft, reichte er fast lustigen Blickes Ulrich von Hutten die schwerberingte weiche Hand zum Kusse, musterte den Ebersteiner von Kopf bis zum Fuß und sprach lächelnd: »Das ist uns hochwillkommen, daß Ihr solche Botschaft bringt. Die kommt uns eben noch zu rechter Stund. Denn unser Herr Bruder ist gar ein harter Kopf und laßt sich nit abbringen und hat schier wieder die mehreren Stimmen auf Frankreich herumgered't, und so ihm das nit geling, daß doch die Wahl noch einmal verzogen werd.« 312

»Gnädiger Herr, das wär schlimm,« ließ sich nun Mangold von Eberstein vernehmen. »Die da draußen, so heut nit gewählt würd, sind nimmer zu halten, und Gott weiß, was geschehen mag.«

Der Kurfürst nickte und fuhr fort: »Es fallen allerlei große und böse Praktiken vor, die ganz beschwerlich, und ist wohl zu gedenken, je länger man verzugt, je mehr bös Ding mag und wird zufallen. Drum hoff ich, wir wollen es itzund auf die Bahn bringen. Wollet eintreten ihr Herren alle drei.«

Er wandte sich rasch und schritt durch die Tür, die von den Hütern aufgerissen ward, in die Stube zurück. Der Graf zu Stolberg, Hutten und Mangold folgten ihm.

Die große Ratsstube erhielt ihr Licht von einem mehrteiligen, breiten Bogenfenster nach dem Binnenhof. Vor diesem Fenster waren die Sitze der Kurfürsten auf einer geschnitzten, mit roten Kissen belegten Bank angebracht, in der Mitte erhöht jener des Kurfürsten von Mainz als des Einberufers des Wahlkapitels. An einem Tisch in der Mitte des Raumes saßen einige Räte und Protokollführer. Von den Kurfürsten hatten nur der Pfalzgraf Ludwig, der Erzbischof von Köln, Hermann zu Wied und Herzog Friedrich von Sachsen ihre Plätze eingenommen. Richard von Greiffenclau, der streitbare Erzbischof von Mainz, stand aufrecht am Tisch, und seinem lebhaften Gesichtsausdruck mit den großen glänzenden Dunkelaugen war anzusehen, daß er eben gesprochen hatte. Der mächtige, fettleibige Brandenburger schritt, die Hände auf dem Rücken, im Gemach auf und nieder. Ladislaus von Sternberg und Christof von Schwanberg, die böhmischen Botschafter, ersterer in ganz goldener Rüstung mit blaugoldenem Leibrock, standen linker Hand an der Tür, die zum Kaisersaal führte.

»Hier, ihr Herren,« sprach der Kardinal Albrecht, indem er am unteren Ende der Tafel stehen blieb, »hier kommt Botschaft aus dem Lager zu Höchst, und ich vermein schier, die würd euerem Reden ein End machen und uns gar rasch auf die Wahl vereinen.«

Der Brandenburger war stehen geblieben und musterte mit erstaunt grimmigem Blick seiner großen, etwas vorquellenden 313 Augen den blanken Ritter. Der Kurtrierer aber schlug mit den Knöcheln seiner derben Finger hart auf die Tischkante.

»Was hat das Lager zu Höchst mit der Wahl zu tun?« rief er, noch steifer in seinem Purpurmantel aufgerichtet. »Zu Höchst – zu Höchst, im Mainzer Schloß,« er betonte die letzten Worte, »liegen die habsburgischen Kommissarien. Laßt man die Franzosen und Engelländer nit ein, was haben die von Höchst hier zu suchen?«

»Zu Höchst liegt das deutsche Heer,« erwiderte der Mainzer scharf. »Deutsche Fürsten, Grafen und Ritterschaft, deutsche Nation sendet Botschaft an die Kur, zur Wahl eines Königs deutscher Nation,« er hob diese Worte. »Das ist was anderes, ihr Herren, als Botschaft vom französischen oder englischen König. Verehrungen bringen sie keine,« setzte er nicht ohne Spott hinzu.

»Ei, Herr Bruder,« fiel Joachim von Brandenburg ein, »ich dächt die französische Botschaft mit der frumben Stiftung zur Ehren der heiligen Maria Magdalena auf 120 000 Goldgülden rheinisch, zahlbar zu Mainz, ohngeacht weiterer Privilegia, Verehrungen und Pensionen, wär, vergangen drei Monat kaum, am Kurmainzer Hof gar wohl aufgenommen worden.«

Der Kardinal sein lächelnd: »Nit anders, dann die vom selben Tag auf 50 000 Sonnenkronen, ohngeacht jener, die ein Schwiegertöchterlein brächt, et cetera et cetera, zu Berlin aufgenommen ward, und anders doch, dann angeboten und angenommen, das ist zweierlei.«

Der bärtige Kurfürst von Sachsen richtete sich mühsam auf. »Ihr Fürsten,« sprach er streng, »was gebt ihr solche Schmach zum Besten? Laßt uns anhören, was der Ritter zu sagen hat.«

Der Kardinal ließ Mangold von Eberstein vortreten. Ulrich von Hutten zog eine Schriftrolle aus dem Wams und reichte sie ihm. Mangold, ohne die Eisenhandschuhe abzuziehen, entrollte das Blatt und wies es vor.

»Gnädige Fürsten und Herren,« begann er, »da leset. Es steht nit mehr drauf dann: was Herr Mangold von Eberstein spricht, das ist so gut, als von uns gesprochen. Folgen Sigilla und Unterschriften eigener Hand, so ihr sehen mögt, als Markgraf Casimir, Graf Heinrich von Nassau, Franziskus von 314 Sickingen, Georgius von Frundsberg und viel andere der Fürsten, Grafen, Herren und gemeiner Ritterschaft, ja, auch Bürgermeister und Räte von gar mancher Stadt, die eine Botschaft zur Wahl geschickt, daß sie bald erfahre, wer möcht gewählt sein, und auch solche von Gemeinden und Schultheißen aus der Bauernschaft in den deutschen Landen um Main und Rhein.«

Der Kurfürst von Brandenburg: »Nun, und was haben die uns zu vermelden?«

Mangold: »Anders nichts, dann der fränkisch Adel vom Tag zu Schweinfurt euern Kurfürstlichen Gnaden vermeldet, daß des römischen Reichs Würde und Kron nit in fremd Gezung gewendet werd, und, so der König von Frankreich, was Gott gnädiglich versehen wölle, durch Gewaltsame euer kurfürstliche Gnaden in ihren freien Wahlen verhindern und von denselben dringen möcht, das unzweifelig von euern Gnaden nit mit Willen und guter Geduld gelitten, sondern sich dagegen mit Hilf aller deutschen Fürsten und Stände des heiligen Reichs gesetzt wurd, sind alle dermalen um die Stadt versammelten Fürsten, Grafen, Herren und Ritter, Lanzknecht, Bürger und Bauern erbötig, sich mit Gottes Hilf, also wie unsere Eltern und Voreltern auch getan, getreulich und ganz unterthäniglich zu euern kurfürstlichen Gnaden zu halten, damit das heilig römisch Reich bei deutscher Nation bleib, die es mit so viel Taten und Blut in seine Hände gebracht und bisher dabei erhalten.«

Ein tiefes Schweigen im ganzen Saal folgte den Worten des fränkischen Ritters. Der Brandenburger hatte das Haupt gesenkt. Jetzt hob er es wieder und sprach, die Stirn in feisten Querfalten aufziehend: »Und so dann die Kurfürsten nach Anrufung des heiligen Geistes und fleißlicher Erwägung aller Sachen es vor gut befunden hätten, in der Mehrheit einen Fürsten zu wählen, der, wo auch fremder Gezung, das Reich stärker führen und insonders vor den Türken bewahren möcht, als es einem von den deutschen Fürsten möglich, die, wie kund, nit alle so gar großer Macht und Reichtums, als des Reichs insonderlich schwieriges, kostspieliges Regiment es fordert, was dann hätten die im Sinn, so das Brieflein da unterschrieben?« 315

Mangold: »Dann gnädige Herren, hab ich in deren Namen, die mich geschickt, zu sagen und bitt, ihr wöllet es mir nit verdenken, so beschwerlich es euern Gnaden sein mocht zu hören, daß von euern Gnaden und hochderen Leuten kein einziger aus dieser Stadt käm, eh dann bevor nit die falsche Wahl geändert und ein Fürst deutschen Stammes und Geblüts gewählt worden.«

Eine starke Bewegung ging durch den Saal. Der Brandenburger, den Bart streichend: »Und so die Kurfürsten nach ungetaner Wahl in dreißig Tagen auch bei Wasser und Brot, wie es die golden Bullen fürschreibt, zu keiner andern Wahl gekommen?«

Der Ebersteiner wurde um einen Zoll höher, sein Gesicht ganz Stein. Er antwortete kurz in verändertem Ton:

»Das will ich nit verhalten. Dann ist die Meinung, die Kurfürsten hätten die Wahl, so sie als deutsche Fürsten der deutschen Nation nicht zum Schaden tun dürfen, verwirkt, und sie falle an jene zurück, die sie vor alters in freiem Feld getan, an die deutschen Männer in Waffen.«

Der Kurfürst von Trier fuhr auf: »Das ist Empörung!« Auch der Pfalzgraf war aufgesprungen, der Erzbischof von Köln hob seine lange schmale Gestalt, die Böhmen traten näher zum Tisch, an dessen Kopfende Joachim mit rotem Gesicht neben dem Trierer stand. Jetzt hielt es Ulrich von Hutten nicht länger. Blaß, mit lodernden Blicken trat er neben den Ebersteiner vor und rief: »Ja, ihr Herrn, das ist die deutsche Empörung! Und, ob es euch leid, ihr sollt vernehmen, was der Graf von Stolberg und ich mit eigenen Augen gesehen, mit eigenen Ohren gehört haben drauß vor der Stadt, die Volk aller deutschen Lande in gar gewaltiger Hoffnung umdrängt, auf die es zuströmt von Tag zu Tag aus allen Winden, als wäre die Stadt wahrhaft jetzt Deutschlands Herz. Da wir gestern ins Lager kamen, hielt der Markgraf mit Sickingen und Frundsberg und vielen anderen vom Adel Truppenschau, und unabsehbare Menge, die meisten in Waffen, drängte umher. Die ganze Ebene Mainauf, Rheinab ist als ein Heerlager, wo sie unter Zelten, Wagen, Bäumen und freiem Himmel liegen. Uns däuchte, noch nie seit den Kreuzzügen 316 hätt Deutschland ein solches Heer aus allen Gauen und Ständen und solchen Geist im Volk gesehen. Und da die Feldherrn nun zurückritten und wir mit ihnen, und da wir durch die Gassen kamen, die das Volk auftat, alle Männer in Ordnung und Ruh, da hob sich ein Geschrei und Jauchzen, wie Meergebraus. Und wißt ihr, was sie schrieen? – Heil Franz! – Heil Kaiser Franz!«

Der Brandenburger, ihn unterbrechend, mit rascher Bewegung zu den Kurfürsten hinter ihm: »Da haben wir's! Das Volk will Franz von Frankreich.«

Hutten erregt: »Ihr irrt, gnädiger Herr, Heer und Volk meint Franz von Sickingen.«

Der von Trier empört: »Sickingen? Ist Sickingen ein Fürst?«

Hutten: »Ein deutscher Ritter.«

Joachim von Brandenburg überlegen lächelnd: »Und, Herr Ritter, da meint Ihr, ein Junkerlein, der Stand in allen Ehren, möcht die Kron tragen, die so gar manchen reichen Fürsten schier an den Bettelstab gebracht? – Freilich der Sicking hat Geld und Gut genug von den Straßen geholt, mag reicher daran sein, dann irgendeiner von uns Fürsten.«

Hutten: »Mit Verlaub, Euer Gnaden, ich dächt Brandenburg verstünd das Raffen nit minder. Ein Kaiser aber, dem die Nation vertraut, der des Reichs halber und nicht für seine Hausmacht herrschet, dem wird jeder Stand gern Steuer und gemeinen Pfennig leisten. Was die Nation will, das ist ein einig Reich unter starkem deutschen Regiment.«

Joachim: »Ei, Herr von Hutten, da wären wir eines Sinnes ganz und gar. Das ist auch unser Wunsch und Ziel, und nichts sehn wir, das es hindern möchte, dann der Ritterschaft trutziger Sinn. Der muß gebrochen werden.«

Ulrich: »Und der Ritterschaft Meinung hinwieder ist, daß nur der Fürsten Ehrsucht und Landgier ein einig deutsches Reich verhindern.«

Der Kurfürst von Trier: »Wohlan, ihr Ritter, so wählt einen König nach euerem Sinn. Wir fahren heim, wir legen das beschwerliche Amt der Kur zurück in die Hände der Nation, die uns nimmermehr vertrauen mag. Wollen sehn, wer's besser macht, und wie größer Irrung und Aufruhr vermieden werd.« 317

In diesem Augenblick begann die große Sturmglocke vom Dom zu läuten, und all die andern Glocken der Stadt fielen nach und nach ein. So stark schlug die schwere Stimme der deutschen Wahlkirche, daß die Butzenscheiben an den Fenstern der Ratsstube leise bebten.

Stolberg nahm das Wort. Er seufzte, fuhr mit der Hand in raschem, starkem Strich vom Hinterkopf über das kurzgeschorene Haar, zog die Braue überm linken Aug in Falten auf und sprach: »Es ist eine schwere Stund, ihr Herrn, und däucht mich, zum Reden und Raten keine mehr übrig. Was die Ritter da gesprochen, das ist wahr. Ich hab es mit angesehn und selbst vernommen. Die Feldhauptleut draußen sind selbst wider den Aufruhr, Franziskus von Sickingen zuvoran, der sich groß entsatzt hat ob des empörerischen Zurufs. Der Adel will einen König aus deutschem Stamm, und das Volk will ihn auch. Das ist alles. Geht ein solcher, und wer es immer sei, nur kein Fremder, aus der Kur herfür, dann ist Aufruhr vermieden, das Reich gerettet. Anders aber möcht leichtlich ein Unwetter losbrechen, dessen auch die Hauptleut und Sickingen selber und wir alle zusamt nimmer Herr werden mögen.«

Tiefes Schweigen folgte seinen Worten. Der Brandenburger hatte sich ungnädig abgewendet und sah zum Fenster hinaus. Minutenlang sprachen nur die vielen Glocken unter Führung der Königsglocke vom Dom gewaltig tönend in die Ratsstube herein.

Herzog Friedrich von Sachsen war an den Tisch getreten. Er strich den langen Bart, der sein noch jugendliches Antlitz um viele Jahre älter machte, und sprach sinnend: »Kein Wörtlein von dem, das die drei Herrn hier gesprochen, däucht mich unbillig. Nit anders hab ich selbst gesprochen und geschrieben seit vielen Monaten zum seligen Kaiser Max noch und zu allen Fürsten, Räten und Gesandten. Wollt Gott, ich wär besser erhöret worden. Frei ist unsere Wahl und soll es bleiben. Nur ein Gesetz darf sie bestimmen: das uralte, das von Kaisern und Päpsten mehr als einmal ward gesetzet, daß nur ein Deutscher die römische Krone tragen darf. Und nur einen Nutzen dürfen wir Kurfürsten uns vor Augen 318 stellen: Das Wohl der Nation. Das habt ihr in der Hand. Denket ihr Fürsten, es ist Gottes Werk, das ihr tut!«

Der Erzbischof von Trier: »Hab ich's je anders gemeint? So erleuchte uns der heilige Geist und lenke unsere Stimmen auf Einen, der mit starker Hand jegliche Empörung im Reich niederwerfe und strafe, insonderheit und zuerst,« er wies mit steilem Finger auf den Ebersteiner und Hutten, »die des halsstarrigen, unbotmäßigen, aufrührerischen Adels.«

Der Brandenburger wandte sich erfreut, rief »brav gesprochen!« und klatschte in die Hände. Aus Mangolds stahlblauen Augen fuhr ein Feuerstrahl. Er schnitt dem Neffen, der heftig erwidern wollte, das Wort ab, und sprach eisern:

»Gott laß Euer Wort Wahrheit werden, eh dann zwo Stund vergehn, hochwürdigster Herr. Einem starken, deutschen König wird der gesamte Adel zustehen, wie ein Mann, insonderheit wider Fürsten, die es mehr mit Rom oder Paris halten als mit Deutschland. Und das sei hier mein letztes Wort im Namen des Adels und der Nation gesprochen: Eh, daß ein Fremder zum König gewählt werde, eh halten alle Stände und wer noch ein deutsches Herz im Leib trägt zu Franz von Sickingen oder irgend einen, der es deutsch meint, und ziehn mit ihm und fegen hinaus aus des Reichs Grenzen, was nit deutsch ist, und gingen hundert Städt und Kirchen dabei in Rauch auf. Womit ich mir in Gnaden Urlaub erbitt.« Er verbeugte sich kurz und schritt klirrend hinaus. Hutten und der Graf zu Stolberg folgten ihm.

Vor der Tür der Ratsstube stauten sich Herren und Hofgesinde dicht zu Hauf. Von den zuweilen überlaut gesprochenen Worten mochte manches halb verständlich hinausgedrungen sein. Dumpfes Schweigen und gespannte Blicke empfingen den Ritter, der ohne rechts oder links zu schauen, ruhevoll durch die Vorräume seinen Weg bahnte und die Treppe hinabschritt, während hinter ihm zahlreiche Frager auf den Grafen und Ulrich von Hutten einstürmten.

Unten in der Halle wimmelte vermehrtes Getrieb. Die Glocken waren verhallt. Vor dem Römer auf dem besonnten Platz war die Menge durch die Wachen weit zurückgedrängt und standen die Pferde der Fürstlichkeiten und des Gefolges 319 stampfend und schnaubend in prachtvollem Putz mit vielfarbigen Wappendecken behängt. Ein frischer Wind, der sich erhoben hatte, ließ die sieben Kurbanner flattern. Bei tausend Bürger in Harnisch hielten eine Gasse über den Römerberg und den alten Markt hinüber zum Dom frei. Alle Fenster mit Teppichen und Fahnen geschmückt, hingen voll neugieriger Gesichter. Der Ebersteiner suchte sein Roß, um es zu besteigen und die Stadt zu verlassen. Hutten war ihm nachgeeilt und wollte ihn bereden, den Ausgang der Wahl abzuwarten. Aber Mangold erwiderte, er habe seine Pflicht als Bote erfüllt und dürfe nicht als Gaffer in der Stadt verweilen. Boten genug stünden bereit, um schneller, als er es auf schwer gewappnetem Pferd vermöchte, die Kunde von der Wahl nach Höchst zu bringen. Nicht ohne Mühe fand er im Gedräng seinen Knecht mit den Pferden. Als er aufgesessen war und langsam durch das Spalier der Wachen und die Kopf an Kopf gedrängte Menge dem Tor zuritt, erhoben sich Rufe im Volk und wuchsen zum dumpfen Gebraus über den halben Platz hin in die Seitengassen hinein. Die Leute heischten von ihm zu wissen, wie die Wahl ausfallen würde. Das Gedräng verdichtete sich immer mehr um ihn, Gruppen Neugieriger verstellten ihm den Weg. Sein Scheck wurde unruhig und schnaubte durch die eiserne Maske. Da erbat er sich von einem bewaffneten Bürgersmann das Schwert, stellte sich steil in die Bügel, hob es hoch empor und rief mit starker Stimme zurück über die wogenden Köpfe hin: »So die Kurstimmen falsch wählen, werden diese eisernen Zungen den deutschen König küren!« Ein donnernder Lärm hob sich. Hüte und Hände flogen in die Höh. Der Strom der Massen flutete mächtig heran, und es war, als trügen die Menschenwogen den schweren Eisenreiter durch die Gasse zum Tor am Main hin. Dort erhielt er seine Waffen zurück und ritt, von einem Dutzend Reitern, die vor dem Tor geblieben waren, empfangen und von lauten Zurufen gefolgt, stromabwärts unter den Stadtmauern her.

Indessen hatten vor dem Römer die Kurfürsten die Pferde bestiegen, und der feierliche Zug bewegte sich unter Fanfarenschall durch die Gasse der Bewaffneten zum Dom. Den 320 Fürstlichkeiten, die Kurhüte und scharlachrote Mäntel mit Hermelinsaum trugen, unter ihnen der böhmische Botschafter in goldener Rüstung, ritten die Erbmarschälle mit erhobenen Schwertern voran: Kurmainz Graf Eberhard von Königstein, Kurköln Graf Wilhelm von Neuenaar, Kurtrier Graf Ulrich zu Helfenstein, Kurpfalz der Wild- und Rheingraf Philipp Graf zu Salm, Kursachsen als dem Reichsvikar der Reichserbmarschall Ulrich von Pappenheim, Kurbrandenburg Witich Gans, Herr zu Putlitz. Eine Menge prächtig gekleideter Adel und Hofgesinde folgten. Unvermutet früh waren die Kurfürsten aufgebrochen. Erst für sieben Uhr war tags vorher nach Anordnung des Kardinals von Mainz der Zug zur Kirche bestimmt worden. Im Stadtrat herrschte nicht geringe Bestürzung. Hamann von Holzhausen und Simon Offsteiner mühten sich durch Seitengassen, ihnen zuvor zu kommen. Aber die Massen, durch das Spalier noch enger gestaut, standen so dicht, daß sie sich verspäteten, und der Zug vor verschlossenem Domtor anlangte. Die Kurfürsten wurden von den Pferden gehoben und mußten eine Weile in ihrer Ordnung warten. Der Brandenburger nahm es für ein übles Zeichen und teilte dies mit besorgter Miene dem Herzog von Sachsen mit. Der hob die Schultern und erwiderte lächelnd, so übel der Tag auch wieder sein möge, heut müsse es gewählt sein. Endlich wurde das Tor geöffnet, und der Zug trat ein. Zum zweitenmal läuteten alle Glocken. Hofleute blieben an den Toren und gaben nur denen Einlaß, die zur Abordnung der Stadt oder zum fürstlichen Gefolge gehörten. Doch der Ansturm war so stark, daß sich auch viel unnützes Volk eindrängte und den Dom füllte. Der Weihbischof von Mainz sang mit vier Ministranten die Messe. Im Chor standen die Kurfürsten, und zwar die drei Geistlichen in scharlachroten Atlasmänteln auf der Epistelseite, die drei weltlichen in scharlachroten Sammetschauben auf der Evangelienseite, dort auch der Böhme in seinem goldenen Stück. Die roten Kurmäntel hatten breite Hermelinkappen, von denen hinten ein ellenlanger Zipfel, mit rotem Pelz gefüttert, niederhing. Der Priesterschaft wegen standen die Kurfürsten hart gedrängt nebeneinander, und jeder hatte 321 über seinem Stuhl mit großen Buchstaben auf Pergament geschrieben, seinen Titel angebracht. Vor ihnen standen die Erbmarschälle mit erhobenen Schwertern, hinter ihnen die Gesandten von Ungarn, Böhmen und Polen, als Markgraf Georg von Brandenburg für Ungarn, Christoph Herr zu Schwanberg für Böhmen, Bischof Matthias von Cujavia für Polen, Ratislaus von Berkoysky und Jakob von Wressowitz für Böhmen, Raphael Lesczinsky für Polen und der Bischof von Brandenburg Hieronymus Schulz. Priester und Schüler sangen zur Orgel auf dem Lettner.

Als die Messe zu Ende war, sang der Chor das Veni creator, in das alle Kurfürsten einstimmten. Danach betraten sie und der böhmische Gesandte die linker Hand vom Hochaltar der Sakristei gegenüberliegende kleine Wahlkapelle, und der Domdechant von Mainz Lorenz Truchseß von Pommersfelden schloß hinter ihnen die Türe und blieb als Hüter davor stehen. Zum drittenmal ward Sturm geläutet. Nach etwa einer halben Stunde forderten die Kurfürsten Notarien und Zeugen, und es traten auf Berufung vom Domdechant zu Mainz in die Kurkapelle die öffentlichen Notare Martin Goel und Georg Griecker, ferner als Zeugen Hieronymus Bischof von Brandenburg, Heinrich Reuß zu Plauen, Domdechant zu Köln, Florenz von Venningen, pfalzgräflicher Kanzler, Friedrich von Thun, Hauptmann zu Weimar, und der Domdechant zu Mainz selber. Diesen Notaren und Zeugen offenbarten die Kurfürsten ihren Beschluß, daß, ob sie der Wahl eines römischen Königs nicht alle einmütiglich eins würden oder werden möchten, so sollten doch maiora vota gelten, und die Wahl verkündet und publiziert werden, wie es die goldene Bulle anzeigt. Nachdem hievon Akt genommen worden, verließen die Zeugen und Notare die Kapelle, wurden aber nach sehr kurzer Zeit wieder hereingerufen.

Etwa das Viertel einer Stunde mochte vergangen sein – die Uhr im Türmchen beim Pfarreisen schlug eben neun – da traten die Kurfürsten unter Vorantritt des Domdechants von Mainz aus dem Konklave und schritten in ihrer Reihe durch das mit Edelleuten, Stadtvätern, Patriziern und Volk 322 gefüllte Kirchenschiff, in welchem zwischen den Säulen die Festbanner aller Zünfte aufragten.

Jedes Auge haftete gespannt an den Mienen der Kurfürsten. Der Kardinal von Mainz, als erster hinter dem Domdechant, trug sich selbstbewußt aufrecht und ging raschen Schrittes, daß die Pagen, die des langen Kurmantels knisternde Schleppe trugen, fast eilig trippeln mußten. Und seine Augen leuchteten schier wie der mit Diamanten umsetzte Smaragd im Fischerring an der rechten seiner rotbehandschuhten Hände, die er vor dem Hermelinkragen steil gefaltet hielt. Aber alle die fürstlichen Gesichter waren ernst, würdevoll und unbewegt, nur das langbärtige des Sachsen schien ergriffen, das des Brandenburgers ein wenig besorgt. Sie schritten zum Lettner, bestiegen ihn und stellten sich in herkömmlicher Reihe. Der Domdechant trat an die Brüstung vor.

Jetzt wurden die drei Tore wieder erschlossen und ganz weit aufgetan. Das Sonnenlicht des Tages brach ein und spielte über die Köpfe hin. Die Massen, die draußen den Dom umlagerten, drängten in stoßendem Schwall herzu, und die Hüter hatten Mühe mit ihren Händen, Stäben und Waffen feste Schranken zu halten.

Der rauschenden Bewegung folgte atemlose Stille. Der Domdechant auf dem Lettner oben hatte eine große Pergamentrolle entfaltet und begann mit seiner kräftigen, klaren Tenorstimme zu lesenPublikatio aus dem Protokoll über die Wahl Karls V. aus »Deutsche Reichstagsakten«, jüngere Reihe, Bd. I, bearbeitet von August Kluckhohn, Gotha. 1893. S. 849.:

»Nachdem das heilig Romisch reich durch absterben etwan des allerdurchlauchtigsten Fursten und hern, hern Maximilians, erwelten Ro. Keisers, verledigt worden, haben die hochwirdigsten, durchleuchtigstem hochgeborenen Fursten und herren, meine gnedigsten herren die churfursten und derselben gesandten botschaften, wie sich inhalt der keiserlichen gesetze, darüber gemacht, gezimpt und gepurt, zur chur und wale eines andern heupts der christenheit und Romischen reichs gedacht und itzo zu lob und ehre dem almechtigen Got, nutz 323 und wolfart dem heiligen Romischen reich und gemeiner christenheit zu merung, sich semptlich und einmutiglich miteinander des vereinigt und vertragen und den allerdurchleuchtigsten, großmechtigsten fursten und herren, hern Carolum . . .«

Wie ein Windflüstern, das in hoher Sommerstille plötzlich die Waldwipfel rührt, ging es über die Menge in der Kirche hin und in leis raunender Bewegung zu den offenen Toren und durch sie hinaus in die Massen auf dem Platz.

». . . erzherzogen zu osterreich,« las der Domdechant weiter, »König zu Hispanien und Neapolis usw., unsern allergnedigsten herren, zu romischem konig . . .«

Vor den Toren schwoll es dumpf wie Sturmbrausen in meilenweiten Forsten. Der Domdechant las: ». . . und kunftigen keiser bewilligt, benennt und gewelt im namen des allmechtigen Gots . . .«

Vom Platz wogte und donnerte es verworren an die Portale und schlug schäumend herein »Karl – Carol – Karl – Karl . . .«

Die in der Kirche hielten es nicht länger. Der Domdechant las weiter, seine Stimme, mit Mühe das steigende Gemurmel übertönend, bebte: »Solch einmütige wale und chure verkunde und eroffen ich von wegen . . .«

»Karl!« sprang es irgendwo unten auf wie ein Jauchzer. »Karl – Carol – Karl!« murmelte, redete, rief es laufend durch alle Schiffe und Kapellen bis zum Chor hin. Und immer gewaltiger stieg draußen der Orkan.

»Heil König Karl!« Einer der Marschälle oder Grafen hatte es gerufen. Wie ein riesiger Alp wich es, wie ein riesiges Atemholen des gesamten Volkes hob es sich in den Hallen des Domes. »Heil Deutschland – Heil Österreich – Vivat Spanien – Vivat Carol – Heil Kaiser Karl!« brauste und toste es auf.

Der Domdechant mit höchster Stimme: ». . . der gemelten, meiner gnedigsten herren, der curfursten und irer geschickten botschaften, allermeniglich den gnanten herren . . . Carolum . . . wissen fur erwelten Romischen konig und kunftigen . . . keiser zu eern und zu halten, wie sich wol gepurt . . .«

Nun trat der Kardinal von Mainz an die Brüstung vor, 324 hob die Hand und rief in die Kirche hinunter: »Vivat rex!«

Und fessellos brauste es unten in gewaltigem Sturmchor durch erhobene Hüte, Hände und Schwerter zurück: »Vivat rex - vivat Carolus rex . . .!«

Die Kurfürsten stiegen vom Lettner herab in das freudige, rauschende, raunende Gewoge, schritten in purpurner Reihe zum Altar. Dem Sachsen rollten die Tränen in den Bart. Der Domkantor zog alle Register der Orgel und schlug in die Tasten wie ein Leu, das dunkle Brausen der Stadt in mächtige Tonflut wandelnd, die nun in prachtvollen Wellen durch die dunkelroten Gewölbe strömte. Und in der Krone des Domturmes schlug schwer an die Zentnerglocke Carolus magnus. Einige Minuten ganz einsam dröhnte ihre Riesenstimme. Und jetzt auf dem Wall draußen löste sich das mächtigste Geschütz der Stadt, ein ungeheuerlicher Mörser, mit Pulver geladen bis zum Bersten. Vom dumpfen Schlag bebte die ganze Kirche, klirrten alle die bunten Fenster.

Die Orgel schwieg. »Te deum« stieg es am Altar. Die Orgel schwoll, Pauken donnerten. Posaunen, Zymbeln und die Sänger fielen ein, die Kurfürsten sangen, der ganze Dom mit aberhunderten tiefergriffener Stimmen brauste mit: »Te deum laudamus . . .«

Es brauste durch die Tore hinaus, in aber Tausenden von Stimmen durch die Stadt hin, abertausend Häupter entblößend, scholl aus allen Kirchen mit Orgelklang wieder: »Te deum laudamus.« Alle Glocken aller Kirchen in Frankfurt fielen ein, alle Stücke auf den Wällen rollten es mit Gedonner hinaus, und zweiundzwanzig kurpfälzische und kurbrandenburgische Trompeter zu Roß hoben vor dem Domtor die Fanfaren und bliesen das kaiserliche Signal.

Und vor dem Römer hob ein lustiger Morgenwind die sieben Kurbanner und ließ sie spielend flattern.

Aber an der Mittelstange, der höchsten, wurde nun von Stadtknechten das achte Banner aufgezogen. Das war aus schwerer Seide und dick gestickt. Der Wind mußte sich mühen, es nur zu entfalten. Es stieg, stieg und blähte sich doppelt so breit, doppelt so lang als die sieben andern, es stieg und breitete 325 sich voll Majestät wie vom Jubelsturm des Volkes gehoben: Im goldenen Feld der schwarze Doppelaar mit Habsburgs Wappen auf der Brust, über den zwei Adlerköpfen Karls des Großen Kaiserkrone. Das Banner stieg und stand und hob sich in einem Wehen schwer über den Platz hin.

Hunderte von Boten sprangen auf die bereitgehaltenen Pferde, um die Kunde vom deutschen Wahlsieg in alle Winde hinauszutragen, Postillonen und Staffetten zu übergeben, die sie, Tag und Nacht reitend, in alle Städte und Gaue Deutschlands, in alle Länder Europas, nach Rom, Madrid, Paris, Moskau und Konstantinopel bringen sollten. Über See nach England, in die Reiche des Nordens und meerweit sollte sie eilen in kaum entdeckte Länder, die dem Szepter des neugewählten römischen Königs untertan.

Kein Bote aber sprang so behend auf, wie ein Bastard des Kurfürsten von Sachsen, ein zierlicher, flachshaariger Junge in schwarzgelber Heroldstracht mit grüner Seidenschärpe quer über der Brust. Zwei kurfürstliche Stallknechte hielten ihm nicht ohne Mühe den feingliedrigen, nervösen Goldfuchsen mit den drei weißgestiefelten, drahtigen Beinen, der weißen Blässe und dem rosa Schnäuzchen um die aufgeregt blasenden Nüstern. Jetzt saß der Bursche lachend im leichten Sattel über der gestickten Wappendecke, jetzt hatte er Zügel und Bügel, die Knechte ließen los, der Fuchs stieg in die Luft, das Volk stob auseinander, Weiberstimmen auf dem Platz und in den Fenstern kreischten auf, der blonde Knabe lachte. Der Fuchs schoß drei Forellensprünge über den Platz hin, der junge Reiter saß fest, hielt leicht mit lockerem Zügel die fliegende Mähne und bog den schlanken Leib neben den schillernden Hals des Pferdes vor. Er hatte das Mützchen mit der Falkenfeder verloren. Sein Flachshaar wehte. Man hob die Kappe auf und wollte sie ihm reichen. Aber der Fuchs schlug aus, nahm die straffen Zügel tief und legte los. »Bahn! Bahn!« rief der Knabe mit heller Stimme. Die Menge teilte sich hastig. Die Funken stoben unter klappernden Hufen. Wie ein Sonnenstrahl flog der jugendliche Bote hin, wandte sich halb, winkte lachend zurück und raste dem Tor am Main zu

Als erster hat er die Freudenkunde von der Wahl Karls V. 326 nach Höchst gebracht und vierhundert Goldgulden Botenlohn dafür erhalten.

Und Frankfurt, die Kaiserstadt, jubelte. Die Glocken dröhnten, der Donner der Geschütze rollte von den Mauern und Türmen, Fanfaren und Saitenspiel klangen in allen Gassen, des Reiches Farben flatterten von allen Giebeln. Die Kinder liefen mit Fähnchen umher und schrieen: »Carolli! Carolli!«

Auf dem Gerechtigkeitsbrunnen vor dem Römer spie ein zweiköpfiger Adler aus einem Schnabel roten, aus einem weißen Wein, ein ganzer Ochse, mit allerlei Tieren gefüllt, ward auf offenem Markt gebraten, ein haushoher Holzstoß für das Freudenfeuer inmitten des Römerberges errichtet.

Die Kurfürsten schritten zum Festmahl im Kaisersaal.

Über der Strombreite zwischen Vogelsberg, Spessart, Odenwald und Taunus in der sonnenblauen Luft, die der Ostwind von allen Dünsten des schwülen Morgens rein gefegt hatte, stand, ein klarblauer Riß, die Krone des Domturmes. Und durch den Freudenschwall des festlichen Geläutes schlug dumpf und schwer die Erzstimme der Glocke Carolus magnus ins Land um Main und Rhein hin, tief und schwer wie der Schlag von Deutschlands Herz: »Es ist ein König . . . ein Kaiser . . . ein römischer Kaiser deutscher Nation.«

 

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