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Ritter, Tod und Teufel

Hans Frhr. von Hammerstein: Ritter, Tod und Teufel - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
booktitleRitter, Tod und Teufel
authorHans Freiherrn von Hammerstein
year1921
firstpub1921
publisherC. F. Amelangs Verlag
addressLeipzig
titleRitter, Tod und Teufel
pages434
created20181004
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sonnwendnacht

Blausamtene Dämmerung. Waldschattenriß schwarzklar vor grünlichtem Abendstreif. Feuergewölk in später Glut. Ein Stern groß und strahlend wie durch Kristall.

Talauf Eulenruf: Uh – huuuu . . . 281

Antwort von der Heide herab: Uh – huuuu . . .

Der Pfeifer tat ein paar weite Sprünge, bog die Ginsterschöpfe auseinander: »Uh – huuuuuu . . .«

Horchte. Rascheln, Springen im Gebüsch. Ein Reh? Leise rief er: »Uh – huuuuuu . . .«

Antwort nah aus dem Strauch: »Kiwitt, kiwitt.«

Er spähte. – Funkelnde Blicke – ein Sprung – und hing ihm am Hals.

»Ei, mein Käuzlein, dein Mund ist lind und warm, als ein Eulenflaum.«

Die Trudel biß ihn in die Lippe.

»Ich wollt, er wär hart und scharf, als ein Kauzenschnabel, ich möcht dir das ganze Gesicht zerhacken. Wo bist du so lang blieben? Seit die Sonn unten ist, wart ich dein, und das ist schier zwo Stund.«

»Hab ich nit gesagt, die Eul würde dir rufen? Und die ruft am Sonnwendtag zwo Stund vor Mitternacht.«

Er reckte sich auf, hielt hohle Hände an den Mund und rief: »Uh – huuuu . . .«

Vom Waldsaum Antwort: »Uh – huuuu . . .«

Und plötzlich ein großer Schatten über ihren Köpfen und ein paar funkelnde Augen ihnen nah in die Gesichter spähend. Die Trudel fuhr zusammen. Ein erschrockenes Flügelwenden blitzschnell, und waldwärts ins Dunkel verschwebte die große Waldeule, weich, lautlos, schattenhaft, wie sie gekommen.

Der Pfeifer ihr nachschauend: »Die hat's aber herumgerissen! Sie hat meine Kappen vor ihren Buhlen angeschaut.«

Die Trudel lachte.

Und abermals vom Wald her der dunkle Ruf.

Der Pfeifer antwortete. Näher die Erwiderung. Geräusch in den Büschen.

Der Pfeifer flüsternd: »Das ist auch eine Eul, die wo keine Flügel hat.«

Er zog das Mädchen hinter eine Staude und duckte sich neben sie hin.

Uh – huuuu . . . Uh – huuuuuuuuuu.

Im dürren Geäst knisterte es. Brombeerranken streiften 282 am Gewand. Das hohe Waldgras wurde bewegt. Noch einmal der Ruf. Der lange Hans blieb stumm. Ginsterschöpfe teilten sich. Ein Kopf, schmutziggraue, störrische Haarzotten, ein tartarisch Antlitz, stumpfnasig, schlitzäugig, schnauzbärtig, mit schielendem Katzenblick in die Dämmerung lauernd.

Halblaut: »Hiesl? – Wu schefst?« (Wo bist du?).

Der Pfeifer: »Uh!«

Der andere vorsichtig einen Schritt näher machend: »Fopp nit – Hast was bickt« (erwischt).

Der Pfeifer schnellte in ganzer Länge hinterm Busch in die Höh. Der Kunde fuhr zurück.

»Ganhart!« (Teufel). Er griff nach dem Messer im Gürtel.

Der Pfeifer: »I bschiede! Bin der loe Ganhart! Lass'n Zackum stecken oder friß Deisbirn, daß 'd Sefel gaferst!« (I freilich, bin der Leibhaftige! Laß das Messer stecken oder du kriegst Stöße, daß du Sch . . . . speist.)

Der andere verblüfft: »Bist an a Meiskopf? Vu welchener Kammerusche? Kneis di nit, hab di nenta nopel gspannt.« (Bist auch ein Kunde? Von welcher Bande? Kenn dich nit, hab dich nie noch gesehn.)

Der lang Hans: »Schranz mir die dein, du dofel Voppart, dann wirst spannen, woher ich scheft.« (Nenn mir die deine, du alter Narr, dann wirst du erfahren, woher ich bin.)

Der andere: »Bi der schielend Pawel, Ulrich von Basels Kammerusche.«

Der Pfeifer: »Ei! Quante Beckneistere! Bin der lang Hans. Hab kein Kammerusche, schwenz allein.« (Ei! Gute Bekannte! Hab keine Kameradschaft, fahr allein.)

Der schielend Pawel, da die Trudel auch aufgestanden war: »Und die Schickse?« (Mädchen.)

Der Pfeifer: »Ist meine Esche.« (Geliebte.)

Der schielend Pawel: »Woher schwenzt ihr?«

Der Pfeifer: »Vom Schein in die Leile, du Bork. Mußt dein Richert in Hackel scheften? Wo hockt ihr?« (Vom Morgen in den Abend, du Esel. Mußt deine Nas in alles stecken? Wo lagert ihr?)

Der Pawel: »Schom am Strombart.« (Dort am Wald.) 283 Er deutete nach dem Waldsaum. Sie waren inzwischen ein paar Schritte an der Halde emporgestiegen.

Der Pfeifer, der einen schwachen Feuerschein drüben unter den Bäumen bemerkte: »Ist das euer Funkert?« (Feuer.)

Der andere nickte und musterte mißtrauisch den Pfeifer von der Seite.

Der Pfeifer: »Fünkelt ihr quants? Han den ganzen Jamm Windsupp geschnappt.« (Kocht ihr was Guts? Haben den ganzen Tag gehungert.)

Der andere: »Han maat z'mengeln. Der Hiesl is garten gholcht. Hätt ihr was kekelt, ein Strohbutzer oder Gackenscheer.« (Haben wenig zu essen. Der Hiesl ist fouragieren gangen. Hätt ihr was bracht, eine Gans oder ein Huhn.)

Der Pfeifer: »Will spannen, was der Hiesl kekelt und was ihr im Ohrhansl habt.« (Will sehen, was der Hiesl bringt und was ihr im Hafen habt.)

Der Pawel lachend: »Quien mit Knollfinchen, wann ihr's mögts.« (Hund mit Knödel.)

Der Pfeifer verzog das Gesicht: »Warmer Hund mit Wurzeln? Da schieb ich lieber Kohldampf.« (Da leid ich lieber Hunger.)

Sie wanden sich im hohen Gras durch die Stauden und Dornranken dem Waldsaum zu. Der klare Lichtstreif hinter den Bäumen, nun in tiefes Ockergelb verfärbt, schien durch die Stämme. Das Gewölk verblaßte in lila Bleifarbe bis auf ein paar Säume und Fetzen, die braunglühend wie verglimmender Zunder über den schwarzmassigen Buchenwipfeln hingen. Zahlreich traten die Sterne aus der dunklen Klärung hervor.

Die Trudel klammerte sich an den Arm des Pfeifers und sah manchmal scheu nach dem jenischen Gesellen hinüber, dessen zwielichtene Miene unheimlich dämmerte.

»Wie du kient hast,« sagte der Pawel, »hab ich denkt, der Hiesl hat so grandig z'buckeln, daß ihm koft wird. Derweil is so a Gaifenik, so a Possenmalochner, und kekelt nenta, als a maatche Glid.« (Wie du gerufen hast, hab ich denkt, der Hiesl hat so viel zu schleppen, daß es ihm zu schwer wird. Derweil 284 ists so ein Windbeutel, so ein Possenreißer und bringt nichts, als eine kleine Hur.)

Der Pfeifer lachte. »Wo ist der Hiesl hingholcht?« fragte er.

Der Pawel: »Weiß nit. Bei dribis Schoh is er bleete.« (Bei drei Stund ist er fort.)

Sie kamen zum Feuer, das etwas unterhalb der Höhe am Schlag bei zehn Schritte vom äußern Waldsaum entfernt mäßig brannte. Ein Topf hing darüber, ein uraltes, zerlumptes Weib hockte daran und rührte die kochende Suppe um. Abseits, vom Feuer beschienen, ein Wagen mit grober Leinwand überdacht, daneben ein Schleiferkarren und eine dürre Mähre an den Baum gebunden.

Die Alte würdigte die Ankommenden kaum eines Blickes und fuhr in ihrem Kochgeschäft mit trüber Stätigkeit fort. Aus dem Schatten hinter dem Karren trat eine verblühte, gelbe Frau mit fettschwarzen Haarsträhnen hervor, die einen Lumpenrock um die Hüften trug und ein schmieriges rotes Wolltuch kreuzweis über den hemdlosen Oberkörper geschlungen hatte. Sie sah den Pfeifer und das Mädchen mit scharfen Funkelblicken an.

»Jenische,« sagte der Pawel, mit einem Aug den Pfeifer, mit einem die Frau anblickend. Dann hockte er an einem Baum beim Feuer nieder und wollte ein wenig dürres Holz in die Glut legen. Die Alte schlug ihm schweigend den heißtropfenden Löffel auf die Hand und rührte gleichmäßig weiter. Dieselbe Behandlung drohte der Nase des Pfeifers, als er sie über den Topf neigen wollte. Er zog sie rasch zurück, stand nun, die Hände im Gürtel, und betrachtete die Umgegend des Wagens. Die schwarze Frau machte sich unter der Plache zu schaffen, wo plötzlich Kindergeraunz laut wurde. Davon erwachte ein Mann, der an den Rädern schlummernd gelegen hatte. Er richtete sich auf und sah mißmutig verschlafen vor sich hin. Er hatte ein rotes Gesicht mit einem brandroten, vollen Bart und einen zerknüllten, grünen Hut auf dem Kopf. Jetzt gewahrte er die Gäste, sprang auf und musterte sie.

»Jenische,« sagte die Frau, indem sie ein etwa vierjähriges, nacktes Mädchen unter der Karrenplache hervorzog. Ein etwas älterer Bube mit bildschönem schwarzem Lockenkopf 285 und großen Glanzaugen kroch von selber nach und kletterte an der Deichsel herunter. Er war unbekleidet wie das andere Kind und machte sich sogleich voll Neugier an die Fremden.

Der Rotbärtige zwinkerte den Schlaf aus den Augen und rückte den Hosenriemen hinauf. »Di hab i scho wo gnischt,« sprach er zum Pfeifer. (Dich hab ich schon wo kennen gelernt.)

»So ist mir auch,« erwiderte der. »Bist'n Schnidlingsschinägler aus Scheffengere in Kirrischmedine.« (Bist ein Scherenschleifer aus Sitzental in Osterreich.)

Der andere nickte: »Der Romak bin i. Und du – bist nit bei der Kabolnickler Kammerusche vom Strohschneider gwest? San mer nit in Mokum Resch beiachtof gwest aufn Schock, wos in der Dumme eingschabbert ham?« (Bist nit bei der Seiltänzertruppe vom Strohschneider gewesen? Sind wir nicht in Regensburg beisammen gewesen auf dem Markt, wo sie in der Kirche eingebrochen haben?)

Der Pfeifer: »Kunnt sein. Kneisen tu ich dich von einer grandigen Schränkerei. Bist nit verschütt gangen damals?« (Kennen tu ich dich von einem großen nächtlichen Einbruch. Bist du nicht eingefangen worden damals?)

Der Romak: »Tschi. Die Ilteis ham mi bickt, und wär schier an Dolme gholcht. Aber der Ulrich hat mir als a Gugelfranz aus der Klems gholfem« (Ja. Die Schergen haben mich erwischt, und wär schier an den Galgen gegangen. Aber der Ulrich hat mir als ein Mönch aus dem Gefängnis geholfen.)

Indem kam ein hochgewachsener, dunkler Geselle vom Schlag herein.

Er war mit viel Freude am Bunten in zerlumpte, gute Stoffe gekleidet und trug einen Hut mit kecker Feder.

»Na, Hiesl, was hast derwischt?« fragte ihn der Romak.

»Den Mistkratzer da und a paar Schwimmerling hab i im Floßhart kappt (den Hahn da und ein paar Fische hab ich im Fluß gefangen)« erwiderte der hübsche Bursche, indem er einen abgekragelten Hahn hinwarf und dann aus einem Tuch etliche Fische zum Vorschein brachte. Die Frau nahm den Hahn auf und befühlte ihn.

»A schofler Holderkautz,« sagte sie wegwerfend, »lauter 286 Pfläumling, ka Boßhart.« (Ein schlechter Hahn, lauter Federn, kein Fleisch.)

Der Hiesl: »Is vo an maatl Ruachkobel. Da drunt bei der Klapper warn Strohbutzer, grandige, quante, im Kotscher. Hab ein ganfen wolln, is mer so a Beller, so a verschlitzter an Stämmerling gfahren, hat an schallern Hamore gemacht, hab müssen hortig abbauen.« (Ist von einem kleinen Bauernhaus. Da drunten bei der Mühle waren Gänse, große, schöne im Hof. Hab eine stehlen wollen, ist mir so ein Hund, so ein verfluchter, an den Fuß gefahren, hat einen lauten Lärm gemacht, hab müssen schnell mich heimlich davon machen.)

Die Trudel drückte ihr Gesicht an den Arm des Pfeifers und kicherte leise in sich hinein.

Der Hiesl fuhr fort: »An Schmalbuckel bin i nachgrennt, habn aber nimmer bickt. I lens! Was is das vor a quants Mossel?« (Einer Katze bin ich nachgerannt, hab sie aber nicht mehr erwischt. Ei schau! Was ist das für ein hübsches Mädel?) wandte er sich an die Trudel.

»Di is scho verkümmert,« sagte der Pfeifer. »Zopf dir die Dofel Dotsch da.« (Die ist schon verkauft. Nimm dir die alte . . . da.)

Der Hiesl: »Die is mer z'luft und hat an borstigen Schnabelsträuber.« (Die ist mir zu weit und hat einen borstigen Schnurrbart.)

Die Alte spritzte zornig mit dem Löffel nach ihm hin. Sie lachten.

»Maika, dipp uns z'acheln,« sprach der Hiesl, »i hab Kipper.« (Mutter, gib uns zu essen, ich hab Hunger.)

Der Pfeifer: »Ihr habt da nit gar grandig z'mengeln, wir wölln euch nopel wegacheln, holchen wieder übern Glentz.« (Ihr habt da nicht gar viel zu zehren, wir wollen euch nichts wegessen, machen uns wieder übers Feld hin.)

Der Romak: »Bleibts da, d'Maika fünkelt uns d'Schwimmerling mit Schmierling und Sprenkert, is a quante Achelei und sein grandig genug.« (Die Mutter brät uns die Fische mit Butter und Salz, ist ein gutes Essen und sind groß genug.)

Er wandte sich zum Karren, kramte drinnen herum und zog 287 eine Zinnflasche hervor. »Und da is a grimmer Fünkelioham,« sagte er, die Flasche öffnend. »Da, schwäch amal.« (Und da ist ein vortrefflicher Branntwein. Da, trink einmal.)

Der Pfeifer tat Bescheid und lobte das Getränk.

»Den hab i an Gallach ganfnet,« (den hab ich einem Pfarrer gestohlen) erklärte der Romak, tat auch einen Schluck und räusperte sich behaglich. Sie ließen sich alle am Feuer nieder. Die schwarze Frau brachte eine Bratpfanne und einen Hafen mit Butter herbei und schickte sich an, die Fische auszuweiden und abzuschuppen. Die nackten Kinder riefen: »Achel – Achel – Achilo!« (Essen – Essen!) und tanzten um sie herum. Als der Bube die Großmutter anstieß, bekam er eines mit dem heißen Löffel auf den blanken Hintern und schrie.

»Du hast da a Klingen buckelt,« sagte der Hiesl zum Pfeifer, auf seine Laute deutend. »Rür uns was für, mir wölln eins schallen und gleischbern dazu.« (Du hast da eine Laute umhängen, spiel uns was vor, wir wollen eins singen und jauchzen dazu.)

Der Pfeifer nahm die Laute vor und schlug ein paar Akkorde. Er sang:

»Übern Grünhart wohin stolfft dein Sinn.
quanter Gleicher?
Hast Masematten im Mokum drinn,
oder krautst nachn Strombart hin,
quanter Gleicher?

Ins Mokum nit trau ich mich,
quants Mossel,
ometen da die Iltis auf mich,
surten mich vorn Bschiederich.
Ein schön Gruß vom Dolme!«

Da antwortete hinter ihnen eine kecke Mädchenstimme aus dem Walddunkel:

»So reib mit mir in mein Ringeling,
dort hinterm Strombart.
Zeig dir zwo quante Pommerling
und zwischen zwo loven Stämmerling
an tuften Blombart.« 288

(Übers Feld wohin steht dein Sinn,
guter Geselle?
Hast Geschäfte im Städtlein drin,
oder streifst du nach dem Walde hin,
guter Geselle?

Ins Städtlein trau ich mich nit,
schönes Mädel,
lauern mir da die Schergen auf,
schleppen mich vor den Amtmann nauf –
einen schönen Gruß vom Galgen!

So komm mit mir in mein Gärtelein,
dort hinterm Wald, Geselle.
Ich zeig dir zwei hübsche Äpfel blank
und zwischen zwei weißen Bäumlein schlank
ein Brünnlein helle.)

Ein Mädchen, wenige Jahre älter als die Trudel, kohlschwarz von Gelock und Augen, mit frischroten Backen und Lippen sprang in die Runde. Es klirrte von den Silbermünzen, die ihr um den Hals hingen. Über die Brust hatte sie ein grellgrünes Seidentuch geschlagen und trug einen schwarzen Taffetrock, der am Saum mit roten Bändern durchzogen war.

»Tufte Leile (guten Abend), lang Hänsel!« rief sie mit blitzenden Zähnen lachend und gab dem Pfeifer einen schallenden Kuß.

»Adone! (Gott!) die Ladek Nanni!« rief der Pfeifer verwundert. »Da ist ja bald die ganze Sitzentaler Kammerusche beisamm!«.

»Itzt hast a lovens Mossel (blondes Mädel)« lachte die Nanni, indem sie die Trudel musterte.

Der Pfeifer: »Ei freilich, die schochorn hab ich sof seit dir!« (Die schwarzen hab ich satt seit dir.)

Die Nanni: »Und i die loven Schekez (Buben), seind mer z'gaifelik (windig), i schwenz itzt mitm Hager Hiesl da.«

Und gleich, damit er ihrer Treue versichert sei, umhalste sie den Hiesl und biß ihn ins Ohr, daß er schrie.

»Draußt hat's scho Funkerte auf alle Gipfel,« sagte sie. (Draußen hat es schon Feuer auf allen Höhen.)

»Ganhart!« fuhr der Hiesl auf, »heunt is ja Sunnawend, 289 hätt's schier gmangelt (vergessen). Und mir Sitzentaler ham kan Funkert!«

»Omet a Zeitl,« meinte der Romak bedeutungsvoll, »mir wern scho an Funkert ham, an grandigen!« (Wart ein wenig, wir werden schon ein Feuer haben, ein gewaltiges!)

Er trat auf den Schlag hinaus und sah nach dem Himmel.

Der Hiesl drauf: »Der Ulrich hat barlt, mir sölln ihm Zinken stecken mit Funkert balds Schwärz wird, daß er quant lenst, wo mer hocken.« (Der Ulrich hat gesagt, wir sollen ihm Zeichen mit Feuer geben, wann es finster wird, daß er gut sieht, wo wir lagern.)

Der Pawel leise zum Hiesl: »Schwärz wird's, er wird scho ausgworfen (Feuer eingelegt) ham.«

Die Nanni: »Kommts, mach mer an grandigen Sunnawendfunkert da draußt am Grünhart.«

Sie sprang voraus und begann, dürres Holz zu sammeln. Der Pfeifer und die Trudel folgten ihr und halfen. Der Hiesl und der Pawel gingen tiefer in den Wald hinein und brachen starke Äste von ein paar gefallenen Bäumen.

Von der Wiese draußen auf der Anhöhe sah man weit gegen Mittag ins Land. Sie warfen das dürre Holz zuhauf und schleppten noch mehr herbei. Der Romak kam langsam nach, blieb abseits stehen und spähte aufmerksam das Land ab.

Die Sonnwendfeuer standen im schwarzen Blau der Landschaft verstreut wie Fackeln und Sterne. Immer noch gingen neue auf, nahe auf Hügeln, die schwelend emporflackerten, ferne, die still glimmend im Dunst hingen. Die kleinen Sterne des weiten Himmels darüber glitzerten zwischen hohem, sinnendem Gewölk, das auf hellen Scheiteln noch den Schimmer des langen Tages trug, der nicht sterben wollte. Tief im Westen über den dunklen Spessartwellen klaffte noch immer ein klarer Glutstreif.

Der Hiesl hatte Feuer geschlagen und einen Span entzündet. Der Romak rief ihm was zu und deutete südwärts. Der Bursche ließ den Span aufflammen und schwang ihn durch die Luft ein – zwei – dreimal in bestimmten Runden, wartete spähend ab und schwang ihn wieder. An einem Waldsaum bei Aschenrod schien zur Antwort ab und zu ein Licht 290 aufzublitzen. Unweit des Dorfes im Feld brannte ein großes Feuer, um das die Fackeln tanzend kreisten.

Jetzt stieß der schwarze Hiesl den Span in den Holzstoß, von dem die Flamme sogleich prasselnd Besitz ergriff. Als er hoch brannte, sprang er mit einem Juchzer darüber. Er packte die Nanni bei der Hand und sprang mit ihr zurück. Der Pfeifer faßte die Trudel, die ganz still abseits dagestanden hatte, und sprang mit ihr. Die Nanni tanzte, daß ihr Goldschmuck von Münzen klirrte. Der Pfeifer schlug die Laute und sang:

»Der Gallach z'Krautmokum,
Der schlaunt als so quant,
kannst'n Kolbkitt auskehren,
weil ers nit spannt.«

(Der Pfarrer zu Würzburg
der schläft als so gut,
kannst'n Pfarrhof ausrauben,
weil ers merken nit tut.)

Der schwarze Hiesl tanzte um das Feuer und sang hinwieder:

»Der Gallach z'Mokum Resch,
der schlaunt bei seiner Esch.
sie fleppen und neppen,
kannst die Dumme wegschleppen.«

Und nun sangen sie beide und die Nanni dazu und die Kinder schrien mit:

»s'Hunderl ins Haferl,
Knödel dazu,
n'Gari ins Dutscherl,
hallo juhu.«

Der Hiesl schlug sich mit den flachen Händen auf die Schenkel, daß es knallte, juhute und strampfte mit den Füßen und schleuderte Feuerbrände in die Höh, daß sie flammenwirbelnd und funkenspritzend durch die dunkelnde Luft fuhren. Der Pfeifer schlug eine neue Weise, Der Hiesl tanzend sang:

»Zigeunerisch Madel,
wo hast dei Quartier?
I schluifat soviel geren
eini bei dir.« 291

Die Nanni tanzend erwiderte:

»Mei Haus hat ka Fenster,
mei Kammer ka Tür,
es hat lei a wengerl
a seidas Vorhängerl,
hebs auf und lug für.«

Er:

»Tuifel, da is ja
pechfinstere Nacht,
und der Wind hat mirs
Laternel umbracht.«

Sie:

»Du bausericher Ballme,
lens nit so wittsch,
zopf außer in Dalme
und scheft'n in d'Glitsch.«
(Du feiger Soldate,
schau nit so blöd,
zieh heraus den Schlüssel
und steck ihn ins Schloß.)

»S'Feuermandel! S'Feuermandel!« schrien die Kinder und zeigten mit den Fingern gegen das Dorf hinab.

Alle hielten inne und blickten in die gedeutete Richtung.

»Dort is aufgstiegen,« rief das Mädel, »dort im Steinhäufel (Dorf), überm grandigen Kobel (großer Hof), hoch, hoch mit fierige Haar und Händ und is in Himmel nei gfahrn.«

»I hab's auch gsehn,« eiferte der Bube.

»Sei stad!« herrschte halblaut die schwarze Frau.

Der Romak und der Pawel, die spähend abseits gestanden hatten, schlenderten langsam heran. Der Pawel hatte die Hände auf dem Rücken geschränkt und kehrte seinen Schielblick noch einmal rasch nach dem Dorf hin. Der Romak trat zum Feuer und sah gleichgültig in die niedergehende Glut.

Da ging von Aschenrod plötzlich ein riesiger roter Schein auf. Im Flug war der ganze Himmel purpurn. Ein schwarzer Rauchbaum hob und entfaltete über dem Dorf seinen ungeheuren Wipfel, von unten glutig beleuchtet. Jetzt brach die Flamme aus, lohgelb und leckend, und stieß unter dem wachsenden Qualmwipfel eine wildgewundene Feuersäule empor. Die Sterne oben verloschen. Ein ungeheurer 292 Funkensturm schoß in die Finsternis hinauf und fiel in langgezogenen, flatternden Glutfäden garbenförmig durch den Rauch auseinander meilenweit gestreut. Die Flamme brach knatternd im glühenden Dachgebälk. Viehbrüllen und dumpfes Geschrei. Ein jämmerliches Glöcklein schlug Sturm.

»Funkertjoh – Funkertjoh – Funkertmuhre!« (Feuer-joh – Feuerlärm!) schrieen die Kinder und tanzten wie kleine schwarzrote Teufel im Flammenschein umher.

»Bože moi, Bože moi« klagte es vom Wald her. Die Alte stand da glutübergossen und rang die welken Hände. Die andern, stumm und gleichmütig an Mienen, spähten lauernd in den Brand.

»Es lupft an Bläselt« (es hebt einen Wind), sagte der Romak, als der Funkenstrom in den oberen Luftschichten sich gegen Osten zu neigen begann. »Wird noch a paar Kitten (Häuser) nehmen.«

»Han die Basler tufter Flaggerschuppen« (desto besser Brand rauben) meinte der Hiesl.

Ostwärts glutübergossen trat die schwere, schwarze Burgmasse des Sodenberges über Waldwipfeln aus dem Dunkel hervor und sandte dumpfe Sturmhornstöße ins Land hinaus. Die Nachbardörfer ringsum hoben bange Glockenstimmen.

Die Trudel stand hinter dem Sonnwendfeuer, das allen Glanz verloren hatte, und sah mit glutglänzenden, großen Blicken hinab. Der Pfeifer packte sie an der Hand und riß sie mit einem Satz in den Wald hinein.

Sie rannten im finstern Gehölz hin. Der Glutschein sprang ihnen voraus, schwang sich an den Stämmen hinauf, warf lange schwarze Baumschatten und ihre eigenen fliehenden Schatten ins Finstere hinein. Sie liefen, liefen, sprangen über Wurzeln und Astwerk, das rote Leuchten blieb zurück, es war dichtschwarze Waldnacht umher.

Sie liefen. Der Pfeifer hielt das Mädchen an der Hand und hob es im Schwung neben sich her, leicht und sicher, als wär es sein eigener Schatten. Sie liefen weit, weit in Wald und Nacht hinein.

Auf einer Lichtung hielten sie endlich, Atem schöpfend, still. Die Sterne standen ruhig oben in einem kleinen 293 Ausschnitt von samtenem Dunkelblau. Da reichte kein Glutschein hin.

Waldeinwärts rief die Eule: Uh – huuu . . .

Die Trudel sprang dem langen Hans an den Hals und küßte ihn mit einer Wildheit, die ihm an ihr ganz neu war. Sie biß ihm die Lippen blutig und würgte ihn. Dann plötzlich preßte sie das Antlitz an seine Brust und schluchzte, daß ihr zarter Leib sich wand wie in Krämpfen.

Er hielt sie ruhig umfaßt und strich ihr über das helle Elfenhaar, das im matten Nachtschein flimmerte wie verirrtes Sternenlicht.

»Ei, ei, Mädel,« flüsterte er ihr ins Öhrlein, »will tu ein Weiblein werden?«

Ihre Arme umknüpften seinen Nacken, ihre Lippen hingen sich an seinen Mund und tranken tief minutenlang, bis beide taumelten. Er löste ihre Hände sanft, sie sank herab und hing wie trunken in seinem Arm. Er stellte sie auf die Füße und begann ruhig über die Lichtung zu schreiten. Sie hielt seine Hand umklammert und ging neben ihm her.

Mitten in der Lichtung hielt er still und sah zum Himmel. Südwärts zeichneten sich die dunklen Wipfelmassen schärfer gegen rötlichen Schein.

»Ei, ei,« sprach er sinnend und langsam. »Der Wind, der ewige Wanderer, hat keine Frucht. Er weht und säet umher, aber zeugt nicht, und was wird, das ist nicht sein. Er reißt und wirft, aber es wächst kein Kraut von ihm. Er wiegt und singt, aber da ist nichts, das ihn hält. Sein ist alles und niemandes ist er.«

Er ging weiter und nahm sie enger um die Hüfte, so daß sie von seinem langen Schritt getragen neben ihm herschwebte. Er sah ihr nah in die glänzenden Augen hinab und sprach:

»Mädel, willst du des Windes sein? Immer mit ihm fliegen und wirbeln, nimmer rasten, nimmer wurzeln, immer Blüte, nimmer Frucht sein?«

Sie hing sich fester an seine Schulter und sah flimmernd zu ihm auf.

»Mädel,« sprach er, »willst du immer bleiben, was du bist?«

Sie schwang sich an ihm auf, so daß er sie trug. 294

»Ich will immer mit dir sein und sonst gar nichts,« flüsterte sie und küßte ihn aufs Ohr.

Er trug sie eine Strecke weit auf dem linken Arm und sprang mit ihr über Baumstrünke und umgestürzte, modernde Stämme weg. Dann ließ er sie niedergleiten. Ihr Kleid streifte an die Saiten der Laute, daß sie leise klangen.

Sie gingen einen Gipfel hinauf. Alte mächtige Eichbäume, kurzstämmig und breitwipflig, standen in lichten Abständen umher. Felstrümmer ungewiß dazwischen, einzelne Glühwürmer im kurzen, trockenen Gras, einzelne ziehend wie grüne Funken im nachtenden Zwielicht.

»Uh – huuuuuu« rief unten die Eule im Wald. Von halber Höhe blickten sie um. Über dem Wipfelsaum des Waldes unter ihnen glomm wieder der Brandschein herauf, heller und bewegter, je höher sie stiegen. Jetzt sahen sie wieder das glutige Wogen im treibenden Rauch, jetzt neue, gelbe Flammen, die eben erst aufgegangen schienen. Das Prasseln und Brüllen drang nicht mehr herüber.

Sie kamen über den schütteren Eichenbestand hinauf. Das kahle Haupt des Gipfels mit ein paar schwarzen Felsblöcken und steilen Wachholderstauden stand ungewiß umrissen gegen einen Kranz funkelnder Sterne.

Hinterm Wald tief im Land unten der Brand. Die Sonnwendfeuer in der dunklen Weite bis auf einzelne glimmende Punkte verloschen. Südwestwärts über den Mainhöhen, die noch gegen lichteren Himmel verschwommen sich abhoben, gewaltig aufgequollene Wolkengebirge, die eben ein zuckendes Leuchten überflog, daß die hohen Stirnen und Scheitel weiß aufblickten. Ein Schaudern strich flüsternd über die Eichenkronen.

Die Trudel stieß den Pfeifer hastig in die Seite und deutete gegen die Kuppe hinauf.

»Was hast du?« fragte er.

»Sieh! Sieh!« flüsterte sie, »der große Reiter, der alte Breithut . . .«

»Ei,« versetzte er gleichmütig, »ist Sonnwendnacht. Er fährt über Land.«

»Ich hab ihn deutlich gesehn,« flüsterte sie fort, »das falbe 295 Roß, den wogenden Mantel, den großen, schlappen Hut. Er stand still über den schwarzen Steinen, nit länger dann ein Wetterblick huscht, die Wachhalterstauden hat's gebogen, dann war er hinten hinunter mit dem Windstoß.«

Sie zitterte ein wenig.

»Fürcht dich nit, liebs Kind,« raunte der Pfeifer. »Er kennt uns gut. Uns tut er nichts.

Der lange Hans zog das Mädchen zu den Steinen hinauf. Sie kletterten durch die Trümmer den höchsten der stumpfen Basaltblöcke empor, standen oben und sahen über die unendlichen finstern Waldwogen und den nächtlichen Umkreis des Landes hin. Leichter Wind sauste in den steifen Wachholderstauden und strich dem Mädchen die lichten Löckchen aus der Stirn.

Ein schwelender Glutherd lag draußen in der dunklen Fläche das brennende Dorf. Der glühende Rauch zog in langen Fahnen gegen Osten. Von den Wolkenbergen überm Main leuchtete es häufiger herüber.

Der Saale zu, im Walddunkel nordwärts hinunter, rief die Eule: Uh – huuuuuu . . .

Eine Weile standen sie eng umfaßt und blickten nach den Sternen. Sie zog sein Gesicht nieder und küßte ihn. Er wandte sich, schlang den Arm fest um ihren Leib und hob sie in leichtem Schritt über den Felsen jenseits hinab.

Uh – huuuu . . .

Sie gingen unter in der blausamtenen, wetterblickenden Nacht. 296

 

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