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Ritter, Tod und Teufel

Hans Frhr. von Hammerstein: Ritter, Tod und Teufel - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleRitter, Tod und Teufel
authorHans Freiherrn von Hammerstein
year1921
firstpub1921
publisherC. F. Amelangs Verlag
addressLeipzig
titleRitter, Tod und Teufel
pages434
created20181004
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Am Rockenstuhl

Der Schau und der Pfeifer ritten von Geisa hinab in den Abendschein, der tiefer und röter hinter den Waldkuppen träumte, der die Bergschatten länger und dunkler in die Talwiesen wachsen ließ, auf dem stillen Fluß im Widerglanz der Wolken spiegelte und oben in den Kronen ein paar hoher Silberweiden verfangen hing. Scharf in den verklärten Westhimmel hinein zeichneten sich rechter Hand der spitzige Buchenkegel des Boxberg und weiter südlich die kahle, burgtragende Basaltkuppe des Rockenstuhl verbunden durch einen schwarzwaldigen Höhenrücken, in dessen Einsattelung ein roter Sandweg zwischen dürren Hutweiden, einzelnen Föhren und Wachholderstauden hinanführte. Unten im Tal schnitt eine Schleife der Ulster die Straße und wurde von hölzerner Brück überschlagen. Der seichte Fluß strömte hier in flachen Wiesenmatten, auf denen eben diesseits im Bergschatten eine Schafherde zum Wasser drängte, jenseits aber, von einem letzten Sonnenstrahl getroffen, zwei Reiter ihre Gäule zur Tränke ließen. Der eine war am Ufer abgesessen und hielt das schlürfend niedergebeugte Pferd am Zügel, der andere, den Spieß geschultert, war eine Strecke in das Flußbett hineingeritten, und der Gaul trank bis zu den Knieen im Wasser stehend.

Jetzt gewahrte jener, der zu Pferd geblieben war, den Pfeifer und den Schau, die eben am jenseitigen Brückenkopf anlangten, riß den Gaul auf, rief dem am Ufer stehenden Genossen zu, wandte das Pferd und trieb es eilig aus dem Fluß heraus. Der andere, nicht minder hastig, saß auf, 261 und beide waren rasch in dem Buschwerk des Tales verschwunden.

Die zwei herüben hatten angehalten. »Vorhut!« sagte der Schau. »Ob das auf uns geht?«

Der Pfeifer zuckte die Achseln.

»Wessen könnten die sein? Nürnbergische hier heroben im Fuldischen? Ich mein, die haben andere Masematten und mehr Angst vor uns dann wir vor ihnen.«

Der Schau, der sich umgewendet hatte: »Da hint kommen die Junker herab, die drin im Städtle für der Schenk saßen und so eifrig einander erzählten. Sieh nur, der Schwarzhaar red't noch immer, als gält es, dem römischen Reich auf die gichtischen Füß zu helfen.«

Der Pfeifer: »Vielleicht ist's auf die abgesehen. Wir wollens ihnen sagen, daß was in den Sträuchen steckt.«

Schau: »Sag's ihnen der Teufel. Ich halt mich aus fremde Händel.«

Die Gruppe von vier Reitern rückte inzwischen von der Stadt her auf sie zu. Vorn zwei Edelleute, der eine in grauem Reitrock mit rotbestecktem Federhut, der andere behelmt in weißer Tracht mit dem schwarzen Kreuz des Deutschen Ordens auf der Brust und dem halb von der Schulter geschlagenen Mantel. Hinter ihnen zwei Knechte, von denen der eine, der gleichfalls das Gewand des Ordens trug, eine Botenbüchse umhängen hatte.

Der Schau und der Pfeifer hielten beiderseits am Straßenrand vor der Brücke und ließen die Ankommenden aufreiten. Die zwei Ritter waren so im Plaudern, daß sie ihrer kaum gewahrten.

»Und du willst dann wirklich zum Sickingen?« sprach der vom Deutschen Orden.

»Er hat mir Botschaft geschickt, er wollt mich zum Hauptmann über seine Arkeley machen,« versetzte der mit dem Federhut, der lebhaft und schnell, aber stets mit leicht gedämpfter Stimme sprach. Er war dunklen Haares und hatte hellgraue, schmale, scharfblickende Augen in einem breiten Gesicht mit starken Backenknochen.

»So weit ist dann schon dein Ruhm herumkommen, du 262 Meister der Karthaunen!« lachte der Deutschherr, indem er seine etwas verträumten Blaublicke zu den Abendhöhen schweifen ließ.

Der andere: »Will's meinen! Mit allem, was knallt und raucht, tut's mir heut keiner gleich in Franken, Hessen und am Rhein. – Was tut Ihr da?« wandte er sich, das Pferd anhaltend, zum Pfeifer.

»Nit gar viel, Herr, wie Ihr sehn mögt,« antwortete dieser.

Der Junker: »Wem dient Ihr?«

Der Pfeifer: »Ei, Junker, was hieltet Ihr von Eurem Knecht, so er das einem jeden Fragekasten auf die Nas stecken tät?«

Der Junker: »Ihr tragt blauweiße Farb im Ärmel. Solch ein Wappen weiß ich nit da hier herum.«

Der Pfeifer: »Ist eine hübsche Farb und sicher so gut als Eure weißrote.«

Der Junker: »Falsch. Rotweiß ist älter.«

Der Pfeifer: »Ich dächt, was älteres dann Himmel und Wolken gibt's nit, es sei dann der Herrgott etwa, und die waren sein erstes Tagwerk, so sagt die Schrift.«

Der Jünker: »Aber blankes Eisen und rotes Blut, die waren das erste ritterliche Werk, darum sind sie die älteste adelige Farb.«

Der Pfeifer: »Zugestanden. Jedennoch sind unseres Herrn Nam und Wappen nit minder adlig, dann Eure, und eh Ihr Euch nit nennt, sagen wir unsern Stall nit.«

Der Junker: »Dies hier ist mein Grund, Ihr werdet meine Gefangenen sein, bis Ihr sagt, für wen Ihr reitet.«

Der Schau: »Ihr seid doppelt so viele jetzt, aber so Ihr mit unserem Herrn Hader wollt, könnten Euch über kurz doch zu viele der Unsern werden.«

Der Junker: »Wer steht mir dafür, daß Ihr nichts wider mich im Schilde führt?«

Der Schau: »Seid ihr etwan Nürnbergisch?«

Der Junker: »Nein.«

Der Schau: »Dann mögt Ihr außer Sorge sein.«

Der Pfeifer: »Und damit Ihr seht, daß nicht wir etwan Böses im Schilde führen, wollen wir's Euch nit verhalten: Es 263 haben da vorhin zween Reuter eilends vom Fluß in die Büsche getrachtet, da sie uns erblickt. Weiß nit, was sie fürhaben. Wir han keine Händel dahier.«

Der Junker nachdenklich: »Hätt mich auch derzeit von niemand Übles zu versehen. Und du, Hans?« wandte er sich an den Deutschherren.

»Wie meinst du?« fragte der, anscheinend aus weit wandernden Gedanken zurückkehrend.

Der Junker: »Ob du Irrungen hast dahier im Land oder dein Orden?«

Der Deutschherr: »Nit, daß ich wüßt. Sind doch nit in der Polakei.«

Der Junker: »Drum eben. Wir wölln reiten, daß wir vor Dunkel auf Tann kommen. Und so uns schon einer was wollt, der mag auf Eisen beißen.«

Der Pfeifer: »Dürfen wir zu Euch halten, solang wir eines Weges sind?«

Der Junker: »Das mögt Ihr.«

Er trieb sein Pferd an. Der Schau und der Pfeifer schlossen bei den zwei Knechten auf, und der ganze Trupp ging über die Brücke.

»Ein wundersamer Abend,« sagte der Deutschherr, in die farbige Klärung über den Bergen blickend. »Wie schön das Schloß dort in die Röte ragt. Soll doch Eure Karthaunen und Feldschlangen der Teufel holen, der sie erfand. Hin ist die gute, alte Zeit, hin Burg und Rittertum, das scheußliche Gepölder treibt den schönen, adeligen Geist aus. Ihr werdet noch einmal mit Grausen sehen, was Ihr mit Eurem Dampf und Stank angericht habt.«

»Freilich!« lachte der Pulvermann, »es mag nit ein jeglicher das Gepölder leiden, wie schon der alte Götz sagt, zumal wann's nit bloß kracht, sondern auch die großen Brummer rumfliegen, daß die Luft heult und winselt wie eine Hetze verliebter Hunde.«

Der Deutschherr: »Ist das noch ein Fechten? Ein unsichtbarer Feind, ein Teufelszeug aus der Luft und hinterrücks. Auf eines Schwertes Länge, da zeigt sich der Mut.«

Der andere: »Keineswegs, mein Lieber. Auf eines 264 Schwertes Länge, da ist leicht tapfer sein. Vor dem Heimlichen und dem, was unsichtbare Macht hat, da wird der wahre Mut erprobt.«

Der Deutschherr: »Und haut dir so ein Brummer auf ein paar hundert Gäng unversehens in die Därme und schmeißt dich zu Brei, was ist das für ein schändlicher Tod, das trifft den Tapfern wie die Memme gleich als schlüg einen der Tropf oder die Pestilenz.«

Der Junker, die Schultern hebend: »Andere Zeit, andere Waffen, andere Kurasche.«

Der Deutschherr, indem er seinem Rappen grimmig die Sporen steckte, daß der Gaul vorsprang und ins Gebiß knirschte: »Da möcht ich doch sehn, ob nit ehender die gute, alte Tapferkeit und der gerade deutsche Sinn die krummen Wege der neuen Zeit durchstoßen.«

Der Junker lachend: »I freilich! Hat doch der Deutsche das Pulver gemacht und gießt die besten Stück und scheußt damit, daß alle andern Völker zittern.«

Der Deutschherr: »Immer erfind't der Deutsche, was ihn selber zerstört.«

»Mit Verlaub, ehrwürdiger Herr,« mischte sich der Pfeifer darein, »das kommt von seiner ewigen Lust an Verneuerung, wie mein Freund, der Hampas, jetzt sagen tät: Ich will mich verändern, sprach der Teufel; da zündete er seinen Schweif an und setzte sich auf ein Pulverfaß.«

Die Junker und Knechte lachten. Der Deutsche Ordensritter kehrte sich im Sattel und blickte den Pfeifer aus seinen tiefliegenden Blauaugen unter zusammengezogenen Brauen sinnend an.

»Du mußt ein großer Narr sein,« sprach er langsam, »weil du kein Kind mehr bist und eine solche Wahrheit sagst.«

Der Pfeifer hinwiederum: »Ja, Herr, wann der Deutsche der größte Narr unter den Völkern der Erde, so bin ich gewißlich der ärgste Narr unter den Deutschen. Es vergeht schier kein Jahr, daß ich nit ein Pulver brau und an mir selbst versuch. Alle Trachten und Zuständ hab ich schon so versucht und bin immer wieder in meiner Narrenhaut herfürgangen.« 265

Der Junker: »Da führst du wohl die Schellenkappe im Schild?«

Der Pfeifer: »Nein, Herr, ein laufendes Dreibein führ ich, rot in weiß, doch als Helmzier ein Tödlein mit der Schellenkappe, das die Fiedel streicht.«

Der Junker: »Und wer hat dir solch gutes Wappen verliehn?«

Der Pfeifer: »Ich mir selbst. Mein Geschlecht ist so alt wie die Welt und mehr als frei, vogelfrei, und hat nur einen Stammhalter, mich selbst.«

Der Junker: »Da wird es nit gar alt mehr werden.«

Der Pfeifer: »So alt wie Tod und Narrheit, die sterben nie aus und ich komm immer wieder, immer wieder, wie das rennende Bein im Schild.«

Eine Weile ritten sie allesamt schweigend fürbaß. Der Pfeifer betrachtete die Tartsche, die der Knecht des Deutschherrn am Sattel hängen hatte. Sie zeigte im Geviert mit dem deutschen Kreuz drei rote Kirchenbanner im weißen Feld.

»Ihr führt da ein gar frumbes Wappen, ehrwürdiger Herr,« sagte er.

Der deutsche Ritter: »Das meinige meinst du? Meine Vorfahren, sagt man, führten, da sie noch heidnisch waren, drei Hämmer statt der Banner.«

Der Pfeifer: »Und ließen sich taufen und sind ein frumb christlich Geschlecht worden, und Ihr seid nun gar ein Ordensbruder.«

Der Deutschherr: »Mehrere meines Stammes nahmen das schwarze Kreuz.«

Der Pfeifer: »Laßt sich gut wohnen hinter ihm. Es schützt vor dem Ehstand mühloser, dann mein ewiges Wanderbein. Daher auch die gute Regel von den Bauern: So ein Fahrender kommt, sperr die Hühner ein, so ein Junker kommt, sperr die Gäul ein, so ein Deutschherr kommt, sperr die Mägd ein, so ein Pfaff kommt, sperr die Gulden ein, aber so ein Jud kommt, sperr dich selber ein, er verkauft dir Huhn, Magd, Gaul, Kuh, Haus, Hof und dich selber dem Teufel dazu.«

Sie kamen in ein Dörflein, das den Tag Kirmeß hatte. Vor der Kirche stand ein riesiger Lindenbaum, den im Kreis ein 266 steinernes Mäuerlein umzog. Innerhalb des Kreises um den breiten Stamm herum, an dem ein Dudelsackpfeifer lehnte, wurde getanzt. Einzelne Paare sprangen, indem sie sich an den Schultern hielten, plump und täppisch wie die Bären umher, andere zierlicher und gewandter bewegten sich in mancherlei Figuren, das Mädchen wand sich unter dem geschwungenen Arm des Tänzers hindurch, oder der Bursche umstampfte mit Händeklatschen die Dirne, die in steifer Festtracht mit geblähten Röcken sich drehte wie ein bunter Kreisel. Wieder andere saßen auf dem Mäuerlein, hielten sich umfaßt, und die breite Pfote des Galans lag dem Mädel auf dem seidenen Mieder. Außen herum standen die Alten und die Kinder zuschauend, und seitwärts war unter einem farbig bebänderten Maibaum eine Reisigbude aufgeschlagen, wo es Trunk und Atzung gab, und an rohen Tischen bei Wurst und Bier Würfel und Karten fielen.

Die Reiter zogen vorüber. Der Junker mit dem Federhut wurde allenthalben ehrerbietig und freundlich gegrüßt. Lang noch ging ihnen das Orgeln des Dudelsacks ins stille Tal nach.

Schon ein dunkelbrauner Schattenriß mit umglommenen Rändern, hob der Rockenstuhl seine steile Burg scharf und hart schier wie ein unbewohntes Urfelsgebilde in das durchsichtige Rot, Gold und Grün des immer tiefer hinter die Berge hinabglühenden Scheines. Die Ostseite des Tales aber wölbte das junge Maigrün ihrer Buchenwellen duftig und hell in die sanften Rosenlichter der flockig aufgereihten Wolkenschäfchen. Unten ward es dämmerig. Auf hundert Gänge mochte auch ein scharfer Blick ein Antlitz nicht mehr erkennen. Und just in dieser Entfernung standen nun plötzlich zwei Reitergestalten auf dem Weg. Eine Weile schienen sie unschlüssig, wandten sich rechts und links und gaben Zeichen. Dann setzten sie sich in Galopp und kamen stracks auf die Gruppe zu. Der eine hatte eine rote Kappe vor die Nase gezogen, der andere das Helmvisier geschlossen. Dieser hielt ein Handrohr schußfertig in der Rechten und war ein langer, schmaler Kerl auf einem edlen Goldfuchsen. Er eilte voraus und parierte jetzt vor den zwei Edelleuten, während seinem Begleiter, seitwärts aus Büschen hervorbrechend, sich noch vier Reiter angeschlossen hatten. 267

»Ihr seid fuldisch, ihr müßt meine Gefangenen sein!« rief er, das Handrohr auf den Junker richtend.

Dem schoß Feuer aus den Augen.

»Alle Hagel!« schrie er und riß vom Leder. »Dies Dorf ist mir untertan, und noch in meiner Gemarkung will mich ein Staudenhecht anreiten? Ich bin Walrab von Buttlar, und wer noch kein rechtes Eisen auf dem Grind gespürt hat . . .«

»Aus dem Weg!« tönte scharf und hell die Stimme des deutschen Ritters hinein. Auf einmal um einen Helm höher und schroff wie ein Erzbild stand er im Sattel. »Platz für den Gesandten des Hochmeisters in Preußen. Der ist ein Ritter gewesen, der das deutsche Kreuz auf offener Straß anfällt.«

Sofort schlug der Ritter das Feuerrohr in die Höh und setzte, dem Hieb des Walrab von Buttlar ausweichend, zur Seite.

Schon war auch mit einem Sprung seines Schimmels der Pfeifer zwischen den Rittern und sprach zu dem im Helm: »Ihr irrt, Junker, das sind wohl nit die, so ihr suchet.«

»Blendt mich heut der Teufel?« rief jener. »Das ist doch der Pfeifer?«

»I freilich bin ich das,« lachte der lang Hans. »Und Ihr seid vom Reußenberg« setzte er leise hinzu, »ich hab Euch gleich gekannt trotz des Maulkorbs.«

Indem rief der Knecht des Deutschherrn: »Seht Euch vor. Es kommen Reuter von hinten auf!«

Und wirklich nahten vom Dorf her drei Reiter in vollem Sprung, während die vier Genossen des Behelmten nun vorne den Weg sperrten.

»Platz!« riefen noch einmal der Deutschherr und der von Buttlar zugleich. Auch der Ordensritter hatte blank gezogen, und beide schickten sich an, mit Gewalt durchzubrechen.

»Halt! Halt!« rief der auf dem Goldfuchsen und gab lebhaft Zeichen nach beiden Seiten. Jetzt schlug er das Visier in die Höh, und das frische, junge Gesicht des Hans Jörg von Thüngen kam zum Vorschein.

»Verzeiht, ihr Herren!« sprach er, indem er das Pulver von der Pfanne blies und das Faustrohr am Sattel versorgte. »Ich hab euch mißkannt.« 268

»Halt! Halt!« schrie nun auch der vorderste der von hinten kommenden Reiter. »Seind die Rechten nit!«

Der Junker von Buttlar wandte sich rasch um.

»Du, Wolf?« rief er ingrimmig erstaunt. »Da sind wir auf dem Weg zu dir, und du rennst uns freißlich an auf der Straßen!«

»Daß euch alle mitsamm . . .« blies außer Atem Wolf von der Tann, seinen schnaubenden Gaul parierend. Nun schimpften und lachten alle durcheinander. Der Deutschherr grollte empört, daß man dem Zeichen seines Ordens den Weg habe verwehren wollen, der von Buttlar schalt, weil er auf eigenem Gebiet bedroht worden, und Hans Jörg von Thüngen fuhr wild auf die zwei Knechte los, die er als Kundschafter vorausgeschickt hatte.

»Seid ihr auf euren Glotzern gehockt, ihr Esel?« schrie er. »Wann ihr schon die fremden Herren verkannt, der Lange da, den kennt doch jeder Reitersmann in Unterfranken auf einen Schritt oder hundert.«

Der eine der Knechte kratzte sich hinterm Ohr und sprach ärgerlich zum Kameraden gewendet: »Sagt ich dir doch, der Kerl gleicht gar dem Klingenfetzer vom Brandenstein, wie kömmt der zu den Fuldischen?

»Ei!« verteidigte sich der andere, »hat's doch geheißen, vor Dunkel kommen die von Fuld, dörften sechs Reuter sein oder sieben, sah ich zween an der Bruck und viere hinten nach aus dem Städtle herfürreiten, hab gedacht . . .«

Hans Jörg: »Hab gedacht! Hab gedacht! Schauen soll ein Reuter und vermelden, was er recht gesehen hat, und das Denken tut der Herr. Derweil fegen sie daher und wispern: Sie kommen! Sie kommen! . . . Da ritt ich so gut mit alten Weibern, als mit euch Hornböcken!«

»Nun laßt es gut sein, ihr Herren,« wandte er sich drauf und streckte dem von Buttlar die Rechte im Eisenhandschuh entgegen. »Auf dem Rittertag zu Hanau sind wir beisammen gewesen.«

»Ich denk's noch«, erwiderte der andere, die Hand ergreifend, »da warst du noch halb ein Knab.«

Der Deutschherr, obwohl er sich nun auch zu einem 269 versöhnenden Händereichen herbeiließ, murmelte noch immer grollend, der Knabe schiene noch kein Mann geworden und dergleichen. Der Junker von Buttlar aber fragte jetzt den Hans Jörg, was zum Teufel so Hitziges er denn eigentlich da vorhabe.

Hans Jörg darauf: »Das will ich euch sagen und nit verhalten, so ihr's als rechte Rittersleut nit wollt wahr haben. Ich hab einen Strauß mit dem Stift eines Knechtes halber, den die Fuldischen mir wider Recht und Billigkeit nieder geworfen und gefänglich halten seit gut drei Monat. Da ward mir nun verkundschaftet, es sei morgen ein Tag auf dem Rockenstuhl, und einer der hohen Geistlichkeit käme besonderen Gerichtes wegen. Den will ich nun in allen Ehren fangen, ob sie dann wegen des Knechts mir meinen Willen täten. Und drum, ihr Herren, fahrt schön, und laßt mir meinen Anschlag, da ihr so versehentlich in mein Garn gegangen und es habt wahrgenommen.«

»Ei, ei!« sprach der von Buttlar, sich hinterm Ohr kratzend. »Das zu hören ist mir gar leid, dieweil ich auch Lehen vom Stift hab und sein Vasall bin.«

»Bist halt von dem Gepölder deiner Karthaunen schon ein wenig taub worden und hast nichts vernommen,« rief der Deutschherr.

Munter lachend schieden die Junker. Hans Jörg und der von der Tann schwenkten mit den Knechten wieder in die Büsche, die andern setzten ihren Weg fort.

»Was habt Ihr für Massematten da?« fragte im Wegreiten ein Thüngenscher Knecht den Pfeifer.

»Schatzung holen in der Apfelmühl,« antwortete dieser.

»Na, da habt Ihr kein langen Weg mehr,« rief der Knecht und setzte mit einem Gruß seinen Herren nach.

Eine Strecke weiter unterhalb des Rockenstuhles zeigten sich am Fluß ein paar Häuser. Der Straße zunächst vor einer kleinen Holzbrücke lag eine Mühle, die mit einem ausgesteckten Reisigwisch kundgab, daß sie zugleich eine Schenke sei.

»Dies ist die Apfelmühl,« erklärte der Junker von Buttlar, »und das Dörflein wird Motzlar genannt.«

»Apfelmühl? Ein seltsamer Nam,« meinte der Deutschritter. 270

»Dannoch der rechte,« versetzte der von Buttlar, »dieweil sie nit bloß Korn, sondern auch Äpfel mahlt, und der Müller preßt einen sonderlich fürtrefflichen Saft daraus, wovon er mir manch ein Fuder schon hat ins Haus führen müssen. Ob es gleich schon dunkel wird, wollen wir doch da nit vorüberreiten und einen bekömmlichen Trunk tun. Der Mond kommt bald herauf, da haben wir gut Licht auf den Weg nach Tann, und unser Gastherr wird doch noch eine Weil außen bleiben, mögen auch seiner Vettern einige daheim sein.«

Sie bogen von der Straße, ritten der Mühle zu und saßen vor dem Haus ab. Der Pfeifer fluchte, indem er das Bein überhob: »Gotts Marter, das ist ein Land! Wer einen schlechten Magen hat, der mag herreiten und sich mit einem Salätlein aus jungem Buchenlaub und ein paar Maß Apfelwein Durchgang schaffen. O, wie zieht's mich nach den Rebengeländen gen Würzburg hin!«

Der Schau hingegen pries, während er seinen Gaul an den vor dem Haus herlaufenden Schranken ankoppelte, erneuert die linden Wirkungen des Obstsaftes, worin er durch einen Mann unterbrochen wurde, der auf der Bank neben der Tür gesessen hatte, nun aufgestanden war und auf ihn zutrat.

»Guck! Der Schwenttendorfer,« begrüßte ihn der Schau. »Hast du das Geld?«

»Wohl,« versetzte der andere, »und hat mich saure Müh genug kost, daß ich's zu Leipzig aufbracht.«

»Ist's auch alles?« forschte der Schau.

»Alles,« erwiderte der nürnbergische Messerer, »unser halbes Leben lang werden wir uns schinden, der Richter und ich, daß wir's den Juden abzahlen und die Zinsen dazu, und Weib und Kind werden wir hungern sehn.«

Der Schau, ohne der Klage zu achten: »Wieviel hast?«

Der Schwenttendorfer: »Nu – zweihundert Gülden.«

Der Schau: »Daß dich der Teufel schändt – zweihundertfünfzig müssens sein und kein einziger minder!«

Der Messerer: »Zweihundert ward am End ausgehandelt.«

Der Schau: »Nu – und die Atzung? Meinst wohl, du Sau, 271 mein Ritter hätt dich und deinen Kumpan umsunst gemäst all die Wochen her, daß ihr euch ausfreßt bei den Junkern, ihr städtischen Hungerleider . . .«

Der Messerer: »Ja, mit Möhren und Wassersupp.«

Der Schau zu einer Maulschelle ausholend: »Ich seh schon, du gehörst noch ein paar mal in Stock, du Poswicht. Da komm nur gleich wieder mit uns, wirst aber nit in einer schönen Stub hocken, wie jetzt, sondern im Keller am Rüdenband hängen und Prügelsupp mit Knüppelgemüs und Deisbirn fressen, du Schweinhund, bis dein Kamerad sechshundert Gulden aufbracht hat, und wann du hin wirst, bis dahin . . .«

Er hatte sich so laut in Zorn geredet, daß die Knechte der Edelleute, nachdem sie die Pferde angebunden hatten, nun herankamen, und auch etliche der feiernden Dörfler sich neugierig näherten. Die Herren hatten sich schon ins Haus begeben.

Der Pfeifer schob sich ein: »Still! Still!« flüsterte er, auf die Horcher deutend. »Kommt in die Stub.«

So taten sie. Während der muntere Wirt mit den Junkern von Apfelwein, guten und schlimmen Wettern und Zeiten sprach, schoben der Pfeifer und der Schau den Schwenttendorfer zu einem Tisch im Winkel hinter dem Kachelofen, wo das Licht des angesteckten Kienspanes nur dämmernd hinlangte, und dort mußte der Nürnberger nun seufzend den Säckel ziehen und das schwer von Geschäftsfreunden in Leipzig erliehene Geld auf die Bank zählen – zweihundertfünfzig Gulden rheinisch, nichts minder, so sehr er flehte und beteuerte, daß er doch auch einen Reisepfennig auf den Weg nach Hause haben müßte, daß ihm fünfzehn Gulden, dabei ein goldener, im Wald bei Remlingen schon abgenommen worden, die abzurechnen nit mehr dann billig und christlich wäre, und was sonst ein geschatzter Gewerbsmann mehr an herzbeweglichen Gründen vorzubringen in der Lage war. Der Schau aber wies nur sein dürres Reiterherz, und ebensogut hätte man einem Schlehbusch Malvasiertrauben, als diesem Mitleid abschwätzen mögen. Ja, er wollte eigentlich noch fünf vom Hundert für seine und des Pfeifers Mühewaltung insonders haben, da das Herreiten doch auch keine geringe und kostenlose 272 Sache sei. Der Pfeifer jedoch erließ dem armen Messerer sogleich seinen Anteil und bewog auch schließlich den Genossen, von dieser Forderung abzustehen. Und schließlich lud er den Geschatzten und Gelösten zur Besieglung des erledigten Freiheitskaufes und Einleitung weiterer, günstiger Beziehungen auf eine Maß des sonderlich fürtrefflichen Apfelweins, die sie eben unter angeregtem Geplauder über die schätzenswerten Eigenschaften, Vor- und Nachteile der Reben- und Obstsäfte zu schlucken im Begriffe waren, als plötzlich ein Müllerbursch hereinkam und seinem Meister vermeldete, draußen scheine was vorzugehen, etliche Reuter, von Tann kommend, hätten ohnmerklich hinter der Scheune Aufstellung genommen, und von Schleid her sei Pferdegetrappel zu vernehmen. Die Junker bekundeten wenig Teilnahme für die aufregende Botschaft, auch der Schau bekümmerte sich nicht weiter darum und machte, im Gespräch fortfahrend, mit dem Nürnberger aus, daß er in Gemünden auf seinen, als Pfand für die Schatzung auf dem Brandenstein gefangen liegenden Genossen Richter warten solle, den ein Reiter sicher dorthin geleiten werde. Der Pfeifer jedoch stand auf und begab sich vor das Haus.

Es war mittlerweile völlig Nacht geworden. Der Mond, schon zu drei Vierteln voll, schickte sich eben an, die Buchenhöhen im Osten zu überklimmen, und sandte einen gelben Lichthof in den Wolkenlämmern voraus. Der Schenke gegenüber auf der anderen Seite des freien Platzes vor der Brücke lag eine kleine Hufschmiede. Eben wurde dort dem Pferd des deutschen Ordensritters ein lockeres Eisen geheftet. Durchs offene Tor der Werkstatt sah man die dunklen Gestalten des Schmiedes und seines Gesellen mit roten Gesichtern an der pfauchenden Flamme der Esse hantieren und dann den Schmied auf dem Amboß einen glühenden Nagel hämmern. Der Feuerschein flackerte über den Platz hin. Von der Straße her aber war verworrenes Pferdegetrappel zu hören, in das sich jetzt laute Rufe mengten. Ein Trupp schien sich eilig gegen das Dorf her zu bewegen, ein anderer verfolgend dahinter zu sein. Jetzt prellten plötzlich fünf oder sechs Reiter hinter der Scheune vor und klapperten im Galopp die Straße hinab. Keine 273 fünfzig Schritte von der Mühle weg stießen sie mit den Begegnenden zusammen. Ein gewaltiger Tumult entstand. Waffen blinkerten, ein Schuß blitzte auf und krachte mit langem Echo ins Tal hin, Geschrei und Flüche wurden laut. Ein Reiter löste sich aus dem Knäuel, raste auf den Platz herein und brüllte wie ein Stier: »Lärman! Lärman! Zieht die Glock! Was fuldisch ist, auf! Dreschflegel und Spieß heraus! Lärman! Mordioh!«

Ein anderer fegte hinterher, daß die Funken stoben. »Aufs Schloß hinauf!« schrie er. »Holt Hilfe vom Schloß!« Und mit Macht gab der erste seinem Gaul wieder einen Schwung und polterte über die Brücke hin dem Rockenstuhl zu. Den zweiten aber hatte nacheilend nun ein dritter erreicht. »Willst dus Maul halten, du Hund!« schrie er, einen Kolben schwingend, dessen Schläge nun hart auf Helm, Schultern und Rücken des fuldischen Reiters niederfielen, der sich auf dem wild gewordenen Pferd unbeholfen mit blanker Klinge zu wehren suchte.

Der Schmied war mit dem Hammer in der Faust, der Geselle mit einer Zange, die noch ein glimmendes Stück Eisen klemmte, aus der Werkstatt hervorgelaufen, über die Brücke rannten ein paar Bauern herbei, vor der Mühle standen der Wirt, die Edelleute und die Reiter. Im Schein des Mondes, der eben heller über die Berge hereinfiel, sah man auf der Straße zwischen den Gruppen der Kämpfenden und wild hin und her Jagenden jetzt zwei geharnischte Reiter aufeinander losstürmen. Sie prallten mächtig zusammen, das eine Pferd stieg steil in die Höh und überschlug sich mit dumpfklirrendem Fall. Und wie zuweilen das Wetter, wenn es den härtesten Schlag getan hat, aussetzt und grollend verläuft, so ward es plötzlich auf dem Kampfplatz stiller nach dem gewaltigen Sturz. Einige Reiter eilten herbei, einige sprangen ab, Freund und Feind schien sich um den Gestürzten zu bemühen, und aus dem Stimmengewirr sprang es jäh auf wie ein greller Schrei des Entsetzens. Das um die Mühle herbeigelaufene Volk, das die zwei raufenden Reiter getrennt hatte, die Junker, der Müller, die Knechte eilten nun zur Straße hin, von wo ihnen schon einige der Reiter entgegenkamen. 274

»Bringt Wasser!« rief der eine, »bringt eine Tragbahre!« der andere, »es ist ein Unglück geschehen.«

Während die Dörfler übereilig auseinanderstoben, um das Verlangte zu schaffen, trugen Tannsche, Fuldische und Thüngensche Reiter im Verein auf den Spießen einen schweren gewappneten Mann herbei, der schmerzlich stöhnte.

»Dort in die Schenke!« ließ sich die Stimme des Hans Jörg von Thüngen mit einem bebenden Ton vernehmen. »Rasch! Rasch! Nehmt ihm den Harnisch ab, der Schmied da soll helfen, die Rüstung losmachen – rasch! rasch!«

Jetzt Wolf von der Tann neben den Tragenden vorreitend: »Müller, geschwind! Richt ein Lager in der Stube. Der Fuldische Herr ist hart gefallen.«

Walrab von Buttlar eilte auf Hans Jörg zu: »Was ist geschehn?«

Hans Jörg mit verzweifelter Stimme: »Furchtbar! Gott helf uns! Ein Unheil – ein schwarzer Tag . . .«

Der Deutschherr zu den Trägern: »Wer ist's?«

Einer der Fuldischen Reiter: »Probst Melchior Kuchenmeister.«

Der von Buttlar herbeispringend: »Geschwind in die Stube! Kissen! Decken her!«

Hans Jörg: »Holt den Bader, es muß doch im Schloß ein Bader sein . . .«

Der Probst, während sie ihn eben durch die Tür ins Haus trugen und der Lichtschein auf sein Antlitz fiel, mit schmerzlichem Lächeln: »Laß gut sein, Hans Jörgel, holt den Pfarr, ich fühl's, mit mir ist's aus.«

Hans Jörg jammernd: »Sprecht nicht so, sprecht nicht so, lieber Herr, es kann Euch doch nit so Arges geschehn sein.«

Der Probst: »Doch, doch, du hast mich gar gut getroffen, und der Gaul, der auf mich fiel, hat mir den Rest geben.«

Sie trugen ihn hinein und auf Geheiß des Müllers durch die Wirtsstube durch in eine Nebenkammer, wo in Eile, was an Kissen erreichbar gewesen, auf eine Bettstatt zusammengetragen worden war. Nun mühte man sich, den Verwundeten von Koller, Krebs und Schienen zu befreien. Den Helm hatte man ihm draußen abgenommen. Während der Arbeit, die, 275 trotzdem man das Riemenzeug durchschnitt, nicht ohne manches Hin- und Herwenden und Heben des Körpers vor sich gehen konnte, wurde der alte Mann plötzlich aschfahl und schloß mit peinvoll verzerrten Lippen die Augen.

»Er stirbt, bei Gott, er stirbt!« klagte Hans Jörg, die Hände ringend.

Gleich aber schlug der Probst die Augen auf und holte tief Atem.

»Noch nit ganz,« lächelte er, »mir ist wohler jetzt. – Aber ich spür's, da drinn ist was hin. – Ein paar Rippen gewiß – das Kreuz vielleicht – und mehr noch. – Mir ist wohler – seit ich das Eisen los bin – laßt mich so – es rinnt und rinnt was da drinn – das ist gut – kein Schmerz mehr – aber es wird – bald ein End haben . . .«

Hans Jörg sank neben dem Bett auf die Knie, ergriff die Hand des Domherrn und barg seine Stirn an ihr.

»Verzeiht, verzeiht!« rief er in tiefster Verzweiflung. »Warum auch habt Ihr so hart widerstanden! Mit Fleiß hatt ich noch so viel Reiter aufgebracht von den Tannschen, daß Ihr Euch gleich ergeben müßtet, daß es zu keiner harten Tat käm . . .«

Jetzt zog der Probst die graubuschigen Brauen zusammen und lachte herb. »Was?« sprach er, so zornig ers noch konnte, »ich mich ergeben ohne Schwertstreich? Gotts Blitz, bin ich kein Rittersmann, ob ich gleich das geistliche Gewand trag? Da, Hans Jörgel, hast du dich verrechnet im alten Kuchenmeister.«

Hans Jörg: »Hätt Ihr nur nit gleich das Visier vorgeschlagen, hätt ich Euch nur erkannt! Spornstreichs wär ich umkehrt und hätt Euch reiten lassen . . .«

Der Probst: »Ei, was wär das für ein Anschlag, wo man den Feind von der Person unterscheidt? Feind ist Feind, ob Vetter, Schwager, Bruder, und ritterlich angerannt, das kann kein Ritter für übel nehmen. Und, wie der Mangold sagt, wer vom Leder zieht, muß Blut sehen können. Schau, Hans Jörgel, was liegt an mir? Bin ich hin, so dank ich dir ein ritterlich End. Mir hat immer gegraut vorm schleichenden Tod im Bett, bin immer mehr ein Ritter, dann ein Pfaff 276 gewest. Alt bin ich auch, das Reiten, meine größte Lust, hätt bald ein End gehabt, und im Chor rückt mir gern ein anderer nach. Der Buttlar, der Riedesel, der Rab von Pappenheim und all die andern Brüder in Christo, sie singen mir das Totenamt, sie setzen mich in die Gruft und den Wappenstein davor und verkleistern den gut, und einer setzt sich in meine temporalia und – Requiescas in pace, alter Melchior, warst ein braver Kerl, hast einen Spieß und einen Humpen schwingen können und nie keinem ein Späßlein verdorben – schlaf dich gut aus beim heiligen Bonifaz. Amen.«

Ein Mann mit rotem Bart betrat die Kammer. Es war der Schultheiß des Ortes. Bader sei keiner da, sagte er, es sei denn, man holte den von Tann, aber der Schäfer verstünde sich gar wohl auch auf menschliche Gebreste und zumal auf Wundbehandlung besser als mancher Arzt, den habe er darum gleich mitgebracht.

»Was Bader, was Schäfer!« lächelte der Probst. »Laßt mich liegen, wie ich lieg, und macht mir nit erst noch viel Pein. Den Gottesschäfer holt, das räudige Schaf will seiner Sünden ledig werden und muß in den großen Pferch, ob es mag oder nit. Und ich mag gern.«

»Um den Pfarr ist schon einer auf Schleid gefahren,« versetzte der Schultheiß, »und mag sein, daß der Kapellan vom Rockenstuhl noch ehnder da ist. Er war just im Ort und erst wieder auf dem Weg zum Schloß hinauf. Ist ihm einer nachgelaufen.«

Hans Jörg aber drang darauf, daß der Schäfer seine Kunst versuche. Der alte Mann trat zum Verwundeten, sah ihm nur in die Augen, horchte an seiner Brust, befühlte sacht die Gegend der Rippen und schüttelte den Kopf.

»Gute Nacht, hochwürdiger Herr,« sprach er mild und ernst. »Fahrt schön heim. Ein Junger hätt so fallen mögen, es ging ihm hart ans Leben, aber vielleicht dran vorbei. Alte Adern sind morsch und reißen bei solchem Stoß.«

Wie um die Weisheit des Alten zu bestätigen, wurde der Probst plötzlich sehr bleich, und als er lächelte und eine Antwort geben wollte, quoll ihm das Blut aus dem Mund, das ein röchelnd gerissener Atemzug noch vermehrte. 277

In diesem Augenblick trat ein junger Priester ein. Der Probst machte eine Handbewegung und die Männer zogen sich zurück. Nur der Schäfer blieb, um dem Sterbenden das Gesicht vom Blut zu reinigen und ihm durch Höherbettung ein wenig Erleichterung zu verschaffen.

Draußen die Wirtsstube stand dicht voll schweigender oder flüsternder Menschen.

Walrab von Buttlar und der Deutschherr sprachen leise dem Hans Jörg von Thüngen zu, der ganz gebrochen von Schmerz und Vorwurf auf einen Stuhl gesunken war. Der Amtmann vom Rockenstuhl, der inzwischen mit einigen Knechten zu Roß und zu Fuß eingetroffen war, verhandelte draußen vor der Tür mit Wolf von der Tann.

Nach einer Weile ward die Kammertür wieder geöffnet und der Geistliche winkte. Die Edelleute traten ein. »Ist der Amtmann da?« flüsterte der Kaplan. »Er soll kommen, der Herr Prälat wünscht ihn.« Walrab von Buttlar eilte, den Junker zu holen. Als er mit ihm eintrat, fanden sie Hans Jörg von Thüngen neben dem Probst stehen, der seine Hand hielt. Melchior Kuchenmeister gab ein Zeichen, man möge näher treten.

»Herr Amtmann,« sprach er angestrengt mit schwacher Stimme, »und Ihr – Herr – vom deutschen Kreuz – und Ihr – Junker – sollt Zeugen sein – hier vertrag ich die Fehd – es soll kein Hader – mehr sein und auch – kein Gericht. Laßt den Knecht frei – der von Thüngen stift ein ewige Meß – für meine arme Seel – Amtmann – reit morgen auf Fuld – vermelds seiner fürstlichen Gnaden – mit – einem – letzten Gruß – von mir. Friede – Friede – Friede . . .«

Hans Jörg war aufs Knie gesunken.

»Verzeiht, verzeiht mir!« schluchzte er.

Der Probst lächelnd: »Hans Jörgel – ich verzeih dir nicht nur – ich segne dich – hier – mit meiner – ritterlichen Priesterhand – – –«. Hans Jörg, sich aufrichtend unter der Hand des Probstes, die auf seinem Blondkopf lag: »Das schwör ich hier, und bringt meinen Schwur zu Gott: in keiner 278 Handlung mehr zieh ich das Schwert, es sei denn gegen die Feinde des Reichs und gemeiner Christenheit.«

Der Probst schüttelte lächelnd den Kopf: »Das schwör nit – du wirst meineidig – wen Gott einen – Falken werden ließ – der wird keine Henn. – Aber – das versprich mir – Hans Jörgel – dein Weib ist – eine Rosenbergische – halt dich aus der Sipp – hüt dich vor der Zucht – die ist schlimm – deine Schwäger – das sind Rauber . . .«

Er wurde sehr blaß. Schweißperlen traten ihm auf die Stirn. »Das Sakrament –« murmelte er.

Eben war der Pfarrer von Schleid angekommen, der es brachte. Im Chorrock, begleitet vom Küster, der eine Klingel und eine Laterne trug, trat er ein. Die Männer in der Kammer und draußen in der Stube knieten nieder.

Als der Pfarrer unter Beihilfe des Kaplans die Sakramente gespendet hatte, begannen die Geistlichen und der Deutschherr, der auch sein Brevier hervorgezogen hatte, die Sterbegebete.

»Luft!« flüsterte der Probst mit einem Blick zum Fenster.

Hans Jörg sprang hin und öffnete es.

Der Sterbende schloß die Augen und atmete schwer.

Die Kerzen flackerten im Zug der milden Nachtkühle, die durchs Fenster wehte. Die Priester und der Ordensritter beteten wechselnd mit lauter Stimme.

Draußen klang eine Laute.

Hans Jörg von Thüngen zog die Brauen zusammen, trat zum Fenster, spähte hinaus und fuhr erblassend zurück. Walrab von Buttlar trat rasch zu ihm: »Was ist's?«

Hans Jörg sah noch einmal hinaus.

»Es ist nichts,« flüsterte er dem von Buttlar zu, der sich neben ihm ins Fenster beugte. »Der Gaukler vom Brandenstein steht dort am Brunnen und spielt. Sieh, wie ihm der Mond über den hellen Kopf rinnt. Vorhin war's mir, es sei der leibhaftige Tod.«

»Er soll aufhören,« flüsterte Buttlar. Aber wie gebannt blieb er stehn und horchte.

Wunderseltsam klangen die Saiten in das dunkle Gemurmel der Gebete. Nur leis gerührt, abgerissen, kaum mehr als eine eigenartig tropfende Tonleiter. Der Junker schüttelte sich, 279 als liefe ihm ein Schauder über den Rücken. Auch die Knienden horchten auf.

Hans Jörg leise in tiefem Sinnen lauschend: »Das ist wahrlich, als spiele der Tod.«

Probst Melchior tat einen tiefen Seufzer und streckte sich. Hans Jörg sprang ans Bett, kniete hin und ergriff seine Hand, die kalt wurde und blau anlief.

Der Deutschherr beugte sich über den Liegenden.

»Er ist hinüber,« sprach er, sich aufrichtend.

»De profundis . . .« begann der Pfarrer.

Und »Vater unser« beteten die Männer drinnen und draußen allesamt in starkem Chor.

»Requiescat in pace – Amen.«

Dann war tiefes Schweigen. Hans Jörg schluchzte. Der Deutschherr stand neben dem Haupt des Toten aufs Schwert gestützt wie ein Steinbild mit düster verwittertem Antlitz.

Auch draußen war es still. Nur die angekoppelten Pferde schnoben und stampften manchmal in der mondhellen Nacht.

Allgemach leerte sich das Haus. Der Amtmann gab Befehle für die Heimführung des Leichnams am nächsten Morgen. Die Junker hielten abwechselnd mit gezogenem Schwert die Totenwache. Der deutsche Ritter und der Kaplan blieben die ganze Nacht brevierbetend im Sterbezimmer.

Gegen Mitternacht gingen Hans Jörg von Thüngen und Walrab von Buttlar einmal über den stillen Platz vor der Mühle. Der Mond stand hoch. Sein hartes Licht hatte in weitem Umkreis fast alle Sterne verscheucht. Wenige schneeweiße Wölkchen zogen langsam über die silberig dämmernden Buchengebirge. Ein schwarzer Block mit gleißenden Giebeln sah das Schloß vom Rockenstuhl herab.

Eine wilde Ros im Hag,
eine wilde Ros im Hag,
wie lang die blüht?
Wind weht, Regen streift,
Wind weht, Nacht reift,
Eine Ros im Hag,
wie lang die blüht. 280

Eine wilde Ros im Hag
ist aufgetan,
dehnt sich, lacht in blauen Tag.
Wind weht. Wer sie holen mag?
Eine Ros im Hag,
wie lang die blüht?

Eine wilde Ros im Hag
wie Morgenrot.
Ein Wölklein zart im Blau vergeht.
Ein Mündlein lächelt. Wind weht.
Eine Ros im Hag
und der Tod.

Eine wilde Ros im Hag,
sie blüht, sie blüht.
Morgen gehst du am Hag her.
Wind weht. Das Ästlein leer.
Eine Ros im Hag
verweht, verglüht.«

Als im ersten Frühgrauen der Schau in den Stall kam, wo sie die Pferde eingestellt hatten, war der Platz des Fliegenschimmels leer. Verwundert ging der Schau den Pfeifer suchen. Ein Müllerbursch sagte ihm, der Dürre mit der Leier habe kurz nach Mitternacht gesattelt und sei in gutem Trab fort, südwärts gen Tann hinauf.

 

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