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Ritter, Tod und Teufel

Hans Frhr. von Hammerstein: Ritter, Tod und Teufel - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleRitter, Tod und Teufel
authorHans Freiherrn von Hammerstein
year1921
firstpub1921
publisherC. F. Amelangs Verlag
addressLeipzig
titleRitter, Tod und Teufel
pages434
created20181004
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Berge und Wolken

Langer Hans, dein Kopf hängt und baumelt als wie ein Apfel, den die Bauerdirn am Baum vergessen hat. Da hängt er einsam, fault und dörrt, der Wind holt die welken Blätterlein um ihn herum und . . .«

». . . und laßt ihn hängen. Denn es kann nur ein Holzapfel sein, der so zäh am Ast hängt und selbst vom Wind veracht wird. So du dich schon mühst, es mir gleich zu tun in der Poeterei, wünscht ich, du fändest anmutigere Bilder für mein ehrbares Haupt. Ein welke Ros ad exemplum wär meinem edlen Antlitz gemäßer, du hohler Kürbis, der nit einmal vor eine Feldflaschen taugt, weil er rinnt.« 254

Der Schau lachte unmäßig.

»Eine Ros – und deine Fratze! Haha! Nein, mein Lieber, ich bleib bei dem Bild und find es fürtrefflich ersonnen. Was ich von der Poeterei verlang, ist nit ein süßlich Gesäusel und schmeichelnd Geschmus, wie es freilich denen Mädchern behagt, sondern daß sie ins Schwarze trifft.

Ich hab ein schöns Schätzel,
wanns nur auch so bleibt:
Stells naus in Krautgarten,
daß's die Vögel vertreibt!«»Des Knaben Wunderhorn«.

Der Pfeifer ließ die Zügel fahren und hielt sich mit beiden Händen die Ohren zu.

»Ich bitt dich, laß das Singen!« rief er mit einem Gesicht, als hätt er in eine Schlehe gebissen. »Jeder Häher im Busch triffts besser als du.«

Der Schau: »Weiß nit, was du heut hast. Dein Witz ist aller zu Fuld in Churfürsten blieben, und macht dir keiner was recht.«

Der Pfeifer das Pferd anhaltend: »Wüßt lieber, wo wir eigentlich sind.«

Der Schau: »Du paßt auch gar nit auf den Weg, trottest die Nas im Boden daher als ein Schaf hinterm Hammel.«

Der Pfeifer: »Ein Hammel wärst du schon, was das Hirn angeht, aber der find't doch Weide und Stall. Und was kümmert mich der Weg? Alle Welt ist mein Weg.«

Der Schau, der nun gleichfalls hielt: »Ei, dies Gebürg ist die bucklige Puch.«

Der Pfeifer: »Und dies Land rum ist Deutschland ohn Zweifel. Dann in der Polakei sähs wüster.«

Der Schau: »Und da wir heut morgen von Fuld ausgeritten, kunnten wir wohl noch nit in der Polakei sein.«

Der Pfeifer: »Aber doch etwan auf dem geraden Weg dahin, statt zum Rockenstuhl. Dann immer der Nas nach ist freilich gut, so man sie des Morgens richtig gestellt und kein Rausch gehabt hat wie du.«

Der Schau: »Mein Rausch find't allemal den Weg. Du 255 aber wardst aus einer Eheburg, wo dir keine Öffnung zustand, auf die Straß geworfen, daß dir alle Sterne für den Augen tanzten und alle Himmelsecken durcheinanderfuhren, und des Morgens hattest du sie noch immer nit in die Reih gebracht, dann du wolltest zum Frankfurter Tor naus, statt zum Eisenacher.«

Der Pfeifer: »Kenn sich der Teufel aus in dem Pfaffennest. Auch war der Morgenstern ganz falsch aufgangen.«

Sie ritten einen Hügel hinan. Oben auf der Anhöhe begegnete ihnen ein Bauersmann, der eine Kuh am Strick führte. Da sprach der Pfeifer zum Schau: »Nun laß die Reuterweisheit ein End haben, wo sie's zumeist find't, so sie nimmer Abend noch Morgen weiß – beim Bauern.«

»Ei, Gevatter,« fragte der Schau, »sagt uns doch, wie heißt man das Städtlein da vorn?«

Der Bauer stehen bleibend: »Das Städtche heißt Geiß.«

Der Schau: »Und das Schlößlein auf dem Berglein dahint?«

Der Bauer: »Ist der Rockenstuhl.«

Der Schau zum Pfeifer stolz: »Nun sieh da! Ob meine Nas nit richtig gestellt war! Habt schön Dank, Gevatter, und fahrt schön.«

Der Bauer trieb die Kuh weiter. Der Pfeifer aber hob das Bein über, saß ab, zog dem Gaul die Zügel übern Hals, hing sie sich um den Arm und setzte sich am Straßenrain ins Gras.

»Wie?« rief der Schau, »hier willst du rasten?«

Der Pfeifer: »Deine Nas ist so geschwind, daß sie gar die Sonn überholt hat. Nun müssen wir der Zeit lassen, daß sie uns nachkommt. Ich dacht, wir wären erst am Abend in Geisa. Nun mag es die fünfte Stunde nach Mittag sein.«

Der Schau: »Zu Geiß wird's doch wohl ein Schöcherbett haben. Wozu dahier im trockenen Gras hocken?«

Der Pfeifer: »Deinem Hintern ist nit wohl, er habe dann eine Bierbank unter sich. Mach, was du willst. Ich bleib da. Es ist gar schön hier.«

Eine Weile bedachte sich der Schau. Dann schwang er sich auch ab und saß neben dem Pfeifer hin. Die Pferde schüttelten sich, daß die Bügel flogen, drängten mit langen Hälsen zum Rain und begannen, das Gras zu rupfen. 256

Der Pfeifer hatte wahrlich einen schönen Ort zur Rast gewählt. Die Höhe öffnete einen weiten Blick nach Süden das liebliche Tal der Ulster hinauf. Im Vordergrund das Städtchen Geisa mit roten Dächern schuppig steil um einen Hügel zur stattlichen Kirche und einem festen Haus auf dem Gipfel hinangehäuft, die Hauptstraße hügelüber mittendurch, so daß man die Leute darin gehen sah. Unten, eine sanfte Windung um die Stadt ziehend, der Fluß in Wiesen, hohe Baumgruppen und ein paar Mühlen am Ufer. Hinten die lebhaften Berglinien, die runde Kuppe des Rockenstuhl mit der Burg. Zur rechten Hand davon kegelartige Rhöngipfel in den Abend hinein, zur Linken beiderseits des Tals die Buchenhöhen im frischen Grün des späten Mai hinaufziehend, und fern im Mittag die Wasserkuppe, ein hoher, blauer Rücken, den Ausblick beschließend. Und einzelne, träumende Wolken über den Bergen, die näheren unmerklich ziehend, die entfernten tief am Horizont ruhend und des Abendscheins gewärtig in unbekannte Weiten blickend, wie Gipfel einer höheren Welt.

Der Pfeifer lehnte an einem verwitterten Meilenstein und hatte die Laute, die er an einem Band auf dem Rücken trug, nach vorn gezogen. Er träumte und pfiff sich was und klimperte leise dazu, so gut ihn der grasende Schimmel ließ, der ihn manchmal mit der blasenden Schnauze anstieß und den Rain auf und ab weidend am Zügel zog.

»Warum bist du heut so ein trauriger Hund?« fragte der Schau.

Der Pfeifer drauf: »Weil mir inne ward, wie furchtbar lustig das Leben ist. Wollte man's gebührlich belachen, man lachte sich zu Tod. Und das wär doch zum Weinen.«

Der Schau: »Du hast einen Kater, das ist alles, und zwar einen gedoppelten: vom Wein und vom Weibe.«

Der Pfeifer: »Den hab ich eigentlich immer. Gott schuf mich zur letzten Fastnachtsstunde. Da sitz ich auf der Kippe: ein Bein hängt mir in Tanz und Narretei, das andere ins Aschermittwochsgrauen hinunter. Drum muß ich soviel Musik machen.«

Der Schau: »Ich dächt, wir bezögen doch wieder eine 257 Schenke. Ein Apfelwein, wie sie ihn hierzuland machen, wird dein Gemüt wundersam klären.«

Der Pfeifer: »Es ist so klar wie dieser wundersame Abend, den du nit siehst mit deinen ewigen dicken Bieraugen. Schau heißt du wahrlich nur, weil man dir alles erst weisen muß. Da oben, als wir über die Höh ritten, war eine meilenweite Sicht über die Wälder und Berge hin. Da sah man ganz fern im Norden auf blauem Waldkamm eine hohe Burg, und stand ein schneeweißes Wolkengebäude drüber. Ich zeigte hin. Du meintest den Vogel und sagtest: das ist ein Rab. War aber ein Bussard.«

Der Schau: »Nun? Und was geht mich das Schloß an? Gibt Burgen in Deutschland mehr als genug.«

Der Pfeifer: »Aber solche nit viel. Es war die Wartburg.«

Der Schau: »Das stund wohl an der Wolke geschrieben?«

Der Pfeifer: »I freilich, für den, der's lesen kann.«

Der Schau: »Ich hab überhaupt keine Burg gesehn. Du siehst überall wunderliche Ding.«

Der Pfeifer summend zur Laute:

»Sind wir oft beisamm gesessen
manche schöne halbe Nacht.
Haben wir oft den Schlaf vergessen
und mit Lieben zugebracht.«»Des Knaben Wunderhorn«.

Der Schau:

»Morgens, wann ich früh aufstehe,
ist mein Schatz schon aufgeputzt,
schon mit Stiefeln, schon mit Sporen
gibt er mir den Abschiedskuß.«»Des Knaben Wunderhorn«.

Der Pfeifer, in eine neue Weise übergehend:

»Mir ist heut so regnicht zu Mut.
Wann ich wüßt, was mein Schätzel itzt tut!
Wann ich nur wüßt,
ob sie traurig ist
oder lacht oder wie ihr zu Mut.« 258

Der Schau:

»Mir ist heut so sonnig zu Mut,
weil ich weiß, was mein Schätzel itzt tut,
weil sie lustig ist
und Vogelkirschen frißt,
und ihr Mündlein ist röter wie Blut.«

Der Pfeifer:

»Sie sitzt wohl allein überm Tal,
sinnt, seufzet und luget zumal,
ob ich käm irgendwo,
schleicht heim, weint ins Stroh.
Ist sie traurig und treu, bin ich froh.«

Der Schau:

»Sie hängt wohl eim Lumpen am Hals.
Sind ihrer so viel auf der Walz!
Und tun ein Geschleck.
Er ist schon wie ein Scheck,
und frißt meine Kirschen mir weg.«

Der Pfeifer:

»Und wann ich den Lumpenhund find,
dem verschlag ich den Lausegrind,
daß der Schädel ihm schwirr,
ich verschlag ihm das Gschirr,
daß er nie in kein Fenster mehr findt.«

Klirr! Da riß ihm der Schimmel die Finger von den Saiten weg. Der Schau sprang auf. »Ei! jetzt wird der Kater gar wild,« sagte er. »Sitz du da, bis dir der Tau ins Maul tröpfelt, und sing den Mond an. Ich reit ins Städtel auf eine Halbe oder zwei.«

Damit zog er seinen Braunen auf die Straße und saß auf.

Der Pfeifer klimperte fort und sah ihm nach, wie er die Straße hinunter trabte.

Die Baumschatten wuchsen allgemach länger über den Weg und die Böschung hinab. Die Berge wurden blauer, die Wolken falber, und röter die Giebel des Städtleins. Der Schimmel schlug mit dem Schweif nach den Fliegen, schüttelte den groben Kopf und rieb sich das Ohr unzart an der Schulter seines Reiters. Der Pfeifer legte ihm den Arm um den struppigen Hals. »Ja, alter Trappert,« sprach er, »Du bist halter mein 259 bester Kamerad. Bleibst stehn, wo ich sitzen mag, frißt Gras oder Baumrinden und bist es zufrieden. Jetzt los, ich will dir was fürsingen.«

Und während der Gaul sich daran machte, ein neues Schöpflein abzurupfen, schlug der lange Hans eine herzbewegliche Melodie und sang:

»An meine Trudel denk ich allstund.
Stehn viel Hügel und Berg in der Rund.
Hüglein grün, Berglein blau.
Von der Wasserkuppe hätt ich weite, weite Schau.

Da säh ich den Dreistelz, den grünen Berg,
und vom Dreistelz säh ich den Sodenberg,
und vom Sodenberg die Roßmühl im Tal
und die Trudel Gäns hüten an der grünen, grünen Saal.

Ein Wölklein wohl seh ich überm Land fern.
Auf dem Wölklein da oben stünd ich gern.
Zu meinem Schätzel schaut es grad herein,
davon hat es so rosenroten, rosenroten Schein.

Wirds dämmrig in den Gründen bald,
ziehn die Wolken hell fort übern Wald,
macht ihnen der Mond einen schneeweißen Saum,
schwimmen wie auf blauem Wasser der weiße, weiße Schaum.

Zur Nacht hab ich kein Schlaf und Ruh.
Schwing mich auf und reit immerzu,
immerzu die ganze, lange Nacht,
bis daß mich die Sonn und mein allerliebstes Schätzel anlacht.

Nun, Schimmel, wie lang, meinst du, daß wir bis zur Roßmühl reiten?«

Der Schimmel aber schüttelte nur wiederum den Kopf und kaute dabei, daß der grünliche Schaum in Flocken herum und dem Pfeifer ins Gesicht flog. Da hob sich der lange Hans, führte das Pferd in die Mitte der Straße, legte die Zügel über, saß auf und ritt langsam dem Städtlein zu. 260

 

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