Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hans Frhr. von Hammerstein >

Ritter, Tod und Teufel

Hans Frhr. von Hammerstein: Ritter, Tod und Teufel - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleRitter, Tod und Teufel
authorHans Freiherrn von Hammerstein
year1921
firstpub1921
publisherC. F. Amelangs Verlag
addressLeipzig
titleRitter, Tod und Teufel
pages434
created20181004
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Das Turnier

Schräg die Sonne von Südwesten her. Die Flaggen um den Festplatz schlapp niederfließend im windstillen Nachmittag. Den ganzen Giebel um die buntbehängten Schaugerüste und den Burgberg bis unter die Wehrmauer hinauf zum Gaffen herbeigeströmtes Volk.

Aber die Lust am ritterlichen Spiel war schon ein wenig ermattet. Das Gedränge der Zuschauer lichtete sich stellenweise, kleine Gruppen waren plaudernd abgewendet, Paare losgelöst wandelten im Grün. Mehr häufte sich die Menge nun vor den Buden, die einige Wirte in der Nähe des Platzes 233 aufgetan hatten, als an den Schranken, in denen, nur von den Eifrigsten noch mit Spannung verfolgt, gerannt und gestochen wurde. Auf der Bühne, wo die edlen Frauen und Jungfrauen saßen, war eifriges Gerede und Scherwenzen der Junker um die Damen. Um die Vierung des Stechbodens aber durch die Menge und weiterab auf den Wiesen allenthalben wurden Pferde geritten und geführt, gerüstete und in farbige Decken und Mützen gehüllte, wie ledige und abgesattelte, die von Schweiß und Schaum troffen.

Vor dem westlichen Eingang in die Schranken, wo, gleichwie an der gegenüberliegenden Pforte, ein Reisiger zu Pferd hielt, stand eine Gruppe von Edelleuten in lebhaftem Gespräch.

Der fuldische Domherr und Probst von Johannisberg, Melchior Kuchenmeister, Oheim des Mangold von Eberstein, ein hochgewachsener, behäbiger Herr von fürstlichem Ansehen, wurde eben von zwei Knechten mit Harnisch und Schienen gerüstet. Würdevoll, als stünd er vor dem Altar, um sich durch Leviten mit Inful und heiligen Gewändern für das Hochamt kleiden zu lassen, empfing er Krebs, Rückenplatte und Koller, hielt die Arme hin, stellte das Bein auf ein Schemelchen vor, daß man das Riemenzeug fest anziehen konnte, und hörte dabei auf die Reden der Junker.

Ein Ritter, der seinen Waffengang vor kurzem getan hatte und ohne Helm, aber sonst noch voll gewappnet in der Gruppe stand, führte gerade das Wort. Er war groß und trug auf einem langen, leicht geblähten Hals ein rotrundes Gesicht mit lang vorstehendem, blondem Schnauzbart und großrunden, hervorgequollenen Augen, die er mit wichtiger Miene dahin und dorthin den Angeredeten zurollte, während er halblaut und sehr eifrig sprach.

»Nein!« sagte er mit eindringlicher Entrüstung, »es darf keiner reiten um den Dank. Es wär wider alle adlige Regel.« Und dann mit heftiger Armbewegung, den Daumen vorgestreckt, belehrend: »Es soll auch keiner, der in den Städten geburgert ist, zum Turnier zugelassen werden, er hab dann seine Burgerschaft zuvor aufgesagt, und ob derselb nach gehaltenem Turnier wieder Burger würde, der soll hinfür zum 234 Turnier nimmermehr zugelassen werden. So ward's gesetzt auf dem Turnier zu Heidelberg Anno tausendvierhunderteinundachtzig und auf mannigem andern Turnier seither, ist von kaiserlicher Majestät, Fürsten, Grafen und Edlen gebilligt und gehalten und auf mannigem Tag des Adels und gemeiner Ritterschaft beschlossen worden. Also, wann kein Burger würdig ist zu turnieren, und keiner, der Handel treibt und Kramerei und ander kaufmännisch Gewerb, wie sollt dann eine Burgersfrau Turnierdank austeilen dürfen?«

Die umstehenden Junker, von denen die mehreren nicht gar aufmerksam zugehört hatten, zogen sich um eine Antwort.

»Ich weiß nit, was sich der Mangold hat beikommen lassen,« fuhr der aufgeregte Ritter mit kropfiger Stimme fort, »wo er's sonst so scharf hat auf Städt und Bürgertum und Pfeffersäck, daß er uns heut so was wagt herzusetzen, laßt ein Nürnberger Wappen auftragen, und gar nit eins von denen bessern, laßt's hineinhängen in all unsere guten, alten vom hessischen, fränkischen, rheinischen Adel, so was – ich weiß nit, was ihm einfallt . . . .«

»Ei, mein lieber Walderdorff,« sprach Zeisolf von Rosenberg, »da ist eben nit ein pfalzgräflicher oder sonst fürstlicher Hof, da geht's nit so gar nach Satzung und Regel. Wann ein paar Junker zusammenkommen, lauter gute Freund, Schwäger und Vettern, was muß man sich da viel mit Regeln plagen und etwan unhöflich sein gegen eine Frau, noch dazu eine schöne.«

»So mein ich's auch,« lachte sein Bruder Kunz. »Ich scher mich den Teufel um den Schild. Bei einem Frauenzimmer ist ihr Gesicht das Wappen, für das ich reit.«

»Das sind Reden!« schnob der von Walderdorff. »Wann ihr so denkt, da möcht sich doch gleich das ganze Rittertum aufhören.«

Der alte Neidhard von Thüngen, Feldhauptmann in Ysenburgschen Diensten, ein gar würdiger Herr, wandte sich hier vom Schranken, an dem er gelehnt hatte und sprach nicht ohne Schärfe, indem er die Rosenbergischen mißbilligend ansah: »Da stimm ich dem Waldendorff bei; entweder es ist eine Satzung oder es ist keine. Und wann eine ist, dann gilt 235 sie so gut für ein Stechen am Hof zu Wien oder Innsbruck oder Heidelberg, wie für eins auf dem Land, und sollten gar nur vier oder acht Ritter zusammenkommen, die gut Wappen führen und ihr adlig Herkommen können erweisen, wie es ist vorgeschrieben.«

Darauf Zeisolf von Rosenberg: »Aber zu Nürnberg, da wird's doch anders gehalten. Wann der Kaiser dort zum Reichstag kommt und ist ein groß Stechen, da reiten sie alle, die Tucher und Ebner und Baumgärtner und Koler und Schürstab und wie sie heißen und zu Augsburg die Fugger, ob sie gleich die größt Kramerei und Pfefferfahren treiben im ganzen deutschen Land.«

»Was sollt sie der Kaiser nit rennen und stechen lassen?« lachte der kleine, lustige Wolfgang Landschad. »Nimmt er ihr Geld, sind sie ihm adlig gnug, und zahlt's ihnen wohlfeil mit Krönlein und Wappenbesserung heim.«

Neidhard von Thüngen: »Drum eben, wann sich der Adel nit selber wahrt gegen die Schweinerei, wird er sich nimmer rein halten. Der Kaiser, so er Geld braucht, gibt jedem Krämer ein Wappen, macht ihn zum Ritter und Freiherrn gar. Wir aber, wir allein sind Richter über Herkommen, adlige Art und ritterlichen Brauch. Was wir binden, das ist gebunden, was wir lösen, das ist gelöst. Ich pfeif dem Kaiser auf die Wappen, die seine Hofkanzlei für unbezahlte Zinsen malt. Ich weiß, was gute, alte Farb ist im deutschen Land, und stell ich Turnierschranken auf oder bin ich zum Teilen und Zulassen verordnet, mir reit keiner in den Stechhof, er führe dann einen ehrlichen Schild.«

»Das ist ein ritterlich Wort,« rief der von Walderdorff erfreut. »Das hör ich lieber, als euer sündhaft Geschwatz, ihr da von Rosenberg . . .«

Da hob sich ein mächtiges Geschrei an den Schranken. Die Zuschauer drängten heran, überall hoben sich die Köpfe.

»Der ist hart gefallen!« hieß es, und »da sind Knochen hin.« – »Wer ist's?« und dergleichen Rufe, übertönt von den Fanfarenstößen der Trompeter, wurden laut. Ein lediges Pferd mit flatternden Schabracken, die einen springenden Fisch im roten Schild zeigten, stürmte scheu gegen den Ausgang. 236 Der Reisige warf seinen Gaul herum und stellte sich ihm entgegen, die Grieswärtel und Stangenknechte im abgeteilten Raum liefen durcheinander. Neben dem Balken, der mit Tuch behangen den Rennplatz mittendurch teilte, lag einer zwischen Lanzentrümmern im Sand. Sein Gegner, auf der andern Seite der Teilung noch im Sattel – er führte das Wappen der Echter zu Mespelbrunn, drei blaue Ringe auf weißem Querbalken in blauem Feld, auf dem Wappenrock und den lang herabwallenden weißen Decken des Pferdes – hob die abgesprengte Lanze in die Luft. Der Gestürzte wurde aufgehoben.

»Es ist Wolf von der Tann,« rief einer der Junker.

»Nichts geschehen!« rief ein anderer. »Er rührt sich, schüttelt sich heil.«

»Der verträgt schon einen Stoß,« ein Dritter.

»Seht, er zieht vom Leder, er will zu Fuß fechten.«

Ein Vierter: »Aber gut hat ihn der Echter gehoben.«

Man sah nun, daß der Echter zu Mespelbrunn absaß und gleichfalls das Schwert ergriff. Sein Pferd wurde weggeführt. Knechte liefen und hielten die Stangen vor, um zu wuchtig geführte Streiche der Kämpfenden aufzufangen oder sie zu trennen, wenn sie gar zu sehr in die Hitze kommen sollten.

Die Aufmerksamkeit wandte sich allmählich von dem heute schon oft gesehenen Schauspiel wieder ab. Das unterbrochene Gespräch kam neuerlich in Gang.

»Weiß nit, was du willst,« sagte Zeisolf von Rosenberg zum Walderdorff. »Das Wappen der Odheimerin, so da oben an der Frauenbühne hängt, gfallt mir recht gut. Ein weißer Balken im roten Feld, ich dächt, das sieht so rechtschaffen alt aus wie dein roter, hüpfender Leu, der die Zung herfürstreckt, als hätt er was Gepfeffertes erwischt.«

Die Umstehenden lachten.

»Die von Odheim sind ohn Zweifel ein ritterlich Geschlecht,« sagte Hans Jörg von Thüngen, der inzwischen herzugetreten war.

»Aber eine geborne Kramerin!« fiel der von Walderdorff em. »Der Nam allein!«

»Halt Nürnberger,« meinte der Thüngen. 237

Der Walderdorff: »Eines Gerichtsschreibers Tochter!«

Kunz von Rosenberg: »Die Pömer, die Schürstab, die Merkel, ihre Verwandten, alles Nürnberger Geschlechter. In den Kirchen zu Nürnberg hängen ihre Schilder bis hoch an die Pfeiler hinauf.«

Philipp von Rüdickheim: »Der Teufel soll die Nürnberger Wappen samt denen Geschlechtern holen. Da gibt's immer Mohrenköpf und Affen und Katzen und Blättlein und Firlefanz die Kreuz und Quer, gespalten, geschrägt, geviertelt kunterbunt, eitles Zeug. Zwo Farben, ein rechtes Zeichen oder drei, ein adlig Tier schlicht und klar im gerechten Schild, das laß ich mir gefallen, da sieht man gleich, was ein edles Blut ist. Aber die Fürsten und großen Herren, die lassen sich jetzt zu Wien alle Jahr was Neues hineinmalen, es kann einer nimmer genug Felder und Helme haben. Ein ganzes Kartenspiel trägt so einer im Schild, er könnt gleich trumpfen damit, wie er mag, aber den alten Sinn unserer Zeichen, den weiß keiner mehr.«

»Sie balgen sich noch immer herum,« sprach Hans Jörg von Thüngen, über die Köpfe der Nächsten weg in die Schranken spähend. Er war selbst zum Ritt gerüstet und trug schon den Stechhelm mit aufgeschlagenem Visier. »Sieh, der von der Tann schlägt wacker drauf los. Zu Fuß ist er dem Echter über.«

Der Probst Kuchenmeister, der nun fertig gewappnet war, an seine Seite tretend: »Der wehrt sich aber auch nit schlecht. Der Wolf hat ihm das Kleinod noch nit abhauen können.«

Hans Jörg von Thüngen: »Nun, hochwürdiger Herr, wollen wir zusamm eine Lanz wagen?«

Der Probst: »Ei, Hans Jörgel, du bist mir zu geschwind. Ich renn lieber mit einem älteren.«

Hans Jörg: »Ei, Herr Prälat, Ihr seid doch ein rechter Krieger Gottes, der Ritter unter den fuldischen Herren. Da möcht's bald geschehen, daß Ihr von Eurem gnädigen Herrn Fürstabt Befehl kriegt, wider mich auszufahren.«

Der Probst lachend: »Du meinst, der Irrung halber, die du mit dem Stift hast, wegen des Knechts, den sie dir bei Geisa fingen?« 238

Hans Jörg: »Wohl. Und Ihr wisset, ein Thüngen gibt nit nach.«

Der Probst: »Der Bursch hat sich, wie ich hör, übel wider unsern Amtmann betragen. Er war trunken.«

Hans Jörg: »Gibt das ein Recht, ihn gefänglich zu halten und Buß von mir zu verlangen?«

Der Probst ablenkend: »Nun, das wird sich vertragen lassen.«

Der von Walderdorff: »Item, wer Handel treibt oder sonst erwirbt, der soll zum Turnier nit zugelassen werden. So ward es weiter gesetzet auf dem Tag zu Würzburg Anno . . .«

»Item, wer arbeit und sich sonst mit ehrlichem Gewerb seiner Hände fortbringt, der soll zum Turnier nit zugelassen werden, wer aber seine Faulheit dem Herrgott unter die Nas stinken laßt und ihm neun Wochentag stehlen tät, hätt der liebe Gott nit nur sieben gemacht, wer Bauern schindt und Straßen fegt und Kaufleut schatzt, der darf turnieren und ist ein gar adliger Herr.«

So rief hinter ihnen eine scharfe Polterstimme. Alle riß es herum. Ein kleiner, alter Mann war herangetreten, der überm Harnisch einen schwarzen Kittel, einen schlichten schwarzen Hut ohne Federn und einen derben Stock mit einer handlichen Streitaxt als Krücke in der Faust trug. Er hatte einen wilden, weißen Bart ums Kinn, eine knollige, rote Nase, und rollte wilde, dunkle Äuglein lustig unter scharf zusammengezogenen strauchigen Brauen. Während er sprach, was er so vernehmlich tat, daß es weit in die Runde scholl, hob und senkte er immerzu im Ruck das Gesicht und musterte dabei wechselnd den einen und den andern mit schiefem Kopf von unten her wie ein Kampfhahn.

»Der Bastian Lautter!« rief es mit fröhlicher Begrüßung in der Runde, und jeder beeilte sich, dem unwirschen Alten die Hand zu schütteln.

»Ja, der Bastian ist da,« versetzte grimmig der kleine Amtmann zu Lohr, »und hat schon vernommen, was die Junker da wieder für Unfug schwatzen.«

»Ei, ei, gestrenger Herr Amtmann,« warf der alte Neidhard von Thüngen ein. »Da wollt ich mich doch ausgebeten haben bei dem Unfugschwatzen.« 239

»Ich auch, ich auch!« rief der von Walderdorff. »Wir wissen's ganz gut, daß einer nit stechen soll, der sich auf freier Straßen nährt.«

»Und dennoch seid ihr auch da!« schrie Sebastian von Lautter. »Und derweil der Bauer mit dem Hunger rauft, der Bürger um Hab und Gut vor den Straßenraubern banget, der Turk des Reichs Pforten berennt, der Wälsche des Reichs Zertrümmerung sinnt, derweil wird im deutschen Adel turniert, buhurtiert, gefressen, gesoffen, getanzt, gehurt und das ganze, lange Jahr zum geilen Montag gemacht, außer, daß einer, wann ihm die Münz rar wird, ausreit, an der Straßen liegt, und ein Kaufmann oder sechse fangt, die ihm sein Ludersleben zahlen müssen. Dann wiederum von vornen – tandaradei – hollahohei! Herbei, herbei – der Herr von Eberstein hat ein paar Nürnberger geschatzt, das muß verstochen, versoffen und vertanzet sein – herbei ihr Junker, Frauen und Fräulein all aus Franken, Hessen und vom Rhein, Sammet, Seide, Banner und Wappen, Zinken, Zimbeln, Trompeten, Schimmeln und Rappen – hollahe, hollahei! Haut auf die Helm, daß es kracht, zünket und walzt auf die Nacht, der Bauer schwitzt's, der Städter zahlt's, der Jud pumpt's, der Pfaff absolviert's und der Herrgott schaut zu und lacht . . .«

Den Mantel auseinander sträubend, tanzte der Alte mit hochrotem Gesicht im Kreis herum, daß ihm das Schwert an die Sporen schlug, und die Junker wollten sich zerschütteln vor Lachen. Sein Geschrei hatte Edelleute und Volk von allen Seiten herbeigelockt, und an diesem Ende der Vierung achtete niemand mehr auf den Ausgang des Kampfes zwischen dem Echter und dem von der Tann, den die Trompeter nun mit gewaltigen Fanfarenstößen verkündeten.

Mitten in die Gruppe der lachenden Junker um den grimmheitern Sittenprediger schnob und stampfte ein mächtiges Roß hinein. Die zu äußerst standen, traten auseinander und sahen zu einem Ritter empor, der auf blauweiß verkapptem Pferd steil aufgestreckt, die Lanze mit dem Krönlein auf den geschienten Schenkel gestützt, im hohen Sattel stand und in der Tartsche das Ebersteinische Wappen, auf dem geschlossenen Helm die halbe Mohrin in blauem Gewande trug. 240

»Hans Jörg,« rief er durch das Visier, »was ist's? Ich dacht, wir wollten uns auf ein gutes Stechen in hohen Zeugen in der Bahn treffen?«

Hans Jörg von Thüngen, der über der Kurzweil vergessen hatte, daß an ihn die Reihe kam, schrie nach seinem Gaul und trollte, so rasch es die schwere Rüstung gestattete, der andern Seite des Platzes zu.

Der Ritter mit der Mohrin gab die Sporen und ritt durch die Menge in die Schranken.

»Ist das der Mangold?« fragte der von Walderdorff.

»Nein,« entgegnete ihm Philipp von Rüdickheim. »Es ist sein Vetter Georg auf Ginolfs in der Rhön.«

»Da kommen zwei treffliche Reiter zusamm,« meinte der Probst Kuchenmeister, dem Eberstein nachschauend. »Wir werden ein gutes Stechen sehen.«

»Potz Leichnam!« schnob der feiste Marsilius Voit heran. »Alle Buden sind kahl ausgefressen, kein Schinken, kein Würstlein mehr.«

»Bist du schon geritten?« fragte ihn Georg von Deiningen.

»Ich reiten – ich?« pustete Marsilius, »bin ich nit von Urspringen hergetrabt an einem Tag, schier ungefrühstückt das ganze Sinntal herauf?«

»Zum Buhurt mit Schinkenbeinen und Kapaunenstelzen heut Abend im Saal auf dem Brandenstein,« meinte Zeisolf von Rosenberg. »Du weißt halt, wo im Land sich gute Spieß überm Feuer drehen und feiste Vöglein in der Pfanne prasseln.«

Drauf Philipp von Rüdickheim: »Wo hast du deinen großen Bruder Gott-schütz-dich-vor-den-Weibern gelassen? Ich hätt gern eine Stange mit ihm gekreuzt.«

Marsilius: »Was weiß ich, wo der säuft. Hab ihn acht Tag nit gesehn. Dem mußt du einen Stechhof im Wirtshaus ausstecken.«

Wolfgang Landschad: »Und dir in der Kuchel. Da hat der Herrgott doch ein feines Paar gebrüdert, der eine frißt, der andere sauft. Euer Vater muß rein in Hunger und Durst zerfallen sein.«

Die Stimme des Amtmannes zu Lohr übertönte ihr Reden. »Und da hat der fürnehme Truchseß Augen gemacht, schier 241 wie der Walderdorff, so ihm was Bürgerlichs aufstinkt, als er mich vorige Wochen nächst meinem Hof zu Lohr hinterm Pflug im Acker sah. Er ritt vorbei und blinzelte mich überzwerch an, meint, es sei ein Bauer. Guten Morgen, Schwager, rief ich. Da warf's ihn schier aus dem Sattel. Ei nun, wann es ritterlich ist, einem Kaufmann das Schwert auf den Bauch zu setzen, bis er Taler scheißt vor Angst, soll's minder ritterlich sein, mit der blanken Pflugschar sein Land zu furchen?«

Sand und Rasenfetzen flogen den nächst der Schranke Stehenden um die Köpfe. Georg von Eberstein hatte seinen Hengst losschießen lassen. Der blauweiße Kittel bauschte sich um die fliegenden Hinterhufe und den schlagenden Schweif des hindonnernden Rosses. Auf der andern Seite der Mittelschranke sprengte ihm, die Lanze eingelegt, der Thüngen auf rotgelb bedecktem Pferd, den Schild mit den drei roten Strömen im goldenen Querbalken und dem bärtigen Mannskopf auf dem Helm entgegen. Seine Lanze fuhr ober der rechten Schulter des Ebersteiners her in die Luft, die des Gegners rutschte an seiner Tartsche ab. Die Reiter brausten aneinander vorbei und hatten alle Mühe, die in Schwung gekommenen, schweren Gäule vor den Schranken aufzunehmen, wo die Zuschauer vor den Heranfahrenden auseinanderstoben. Aber beide lenkten, die Lanzen hochhaltend, ihre Pferde in halber Runde knapp an den Pforten herum und sogleich wieder den Gang verstärkend längs des Mittelschrankens in die Bahn, so daß sie nun entgegengesetzt, ein jeder wie vordem mit der rechten Seite und der eingelegten Lanze nach innen, aufeinander losrannten. Das Wechseln hatten sie so gleich in der Gangart und jeder Bewegung gemacht, daß es ein schöner Anblick war und ihnen hier und dort von den Kunstverständigen lautes Lob zugerufen wurde. Mit noch stärkerem Schwung als im ersten Gang stürmten sie sich nun entgegen und trafen einander mit den Lanzenkrönlein in gewaltiger Wucht. Der Thüngen fiel zusamt dem Roß, wie vom Wind umgeblasen; der Hengst des Ebersteiners stieg jach turmgerade in die Höh, daß man den braunen Bauch und alle vier Hufe im flatternden Mantel sah und es einen bangen Augenblick schien, er müsse sich überschlagen. Aber der geschickte Reiter drückte ihn mit 242 dem ganzen Gewicht wieder nach vorn zu Boden, und donnernder Beifall vom Schaugerüst und rings um die Schranken bis weit an die Hügel hinauf lohnte das prachtvolle Schauspiel. Die Knechte liefen, um dem Thüngen unter dem gestürzten Roß hervorzuhelfen. Aber ehe sie zur Stelle kamen, waren beide schon von selbst in der Höh und schüttelten sich. Hans Jörg saß, von den Knechten unterstützt, wieder auf. Einer der Turniervögte kam herbei. Es ward Fortsetzung des Kampfes mit Kolben ausgemacht.

»Das war ein gutes Rennen,« sagte der Domherr Kuchenmeister. »Auch der Hans Jörg ist gar ritterlich gefallen. Brav Thüngen!« rief er, da dieser eben umgewendet die Bahn herabgeritten kam, »brav Thüngen!« und schlug die Handflächen aufeinander.

»Brav Thüngen!« zeterte hinter ihm der Sebastian von Lautter. »Keine ärgeren Lumpen, dann die Thüngen. Wo was Arges geschieht, da ist sicher einer von der Zucht dabei. Das wär mein bösester Traum, daß ich drei Thüngen zu Söhnen hätt statt meiner eigenen, die mir auch just nit lauter Feiertäg bereiten. Einzig die Rosenberger sind noch ärger.«

»Bastian!« drohte Neidhard von Thüngen, sich umwendend. »Ich dächt, du könntest Gott um vier Knie bitten, ihm drauf zu danken, wann er dir einen solchen Sohn oder Bruder geben hätt, als ich einer bin.«

Ein grelles Weiberlachen loderte auf einige Schritte hinter ihnen in den Trompetenschall, der neuen Kampfbeginn ansagte. Die mehreren sahen um. Eine hübsche Frau, herausfordernd in lichtblauen Atlas mit weißen Puffenschnitten und Säumen gekleidet, spazierte zwischen zwei Junkern vorüber und sah beiläufig einmal mit einem frechmüden, lichtblauen Blick her. Sie trug das aschblonde Haar in dichten Flechten aufgekrönt ohne Haube mit Netz und Perlenschnürlein umflochten. Lang zog ihr die knisternde Schleppe über den Rasen nach.

Kunz von Rosenberg beeilte sich, zu ihr zu stoßen.

Der von Walderdorff sah ihr eine Weile nach. »Ein widerliches Frauenzimmer, diese Nürnbergerin,« sagte er dann. »Das echte, geile Stadtweib.« 243

»Ei, du meinst gar, das sei die Odheimerin?« lachte ihn Zeisolf von Rosenberg an. »Du irrst, die sitzt da oben auf dem Gerüst, siehst du, die dort im dunkelgrünen Gewand, die so freundlich und bescheidentlich dreinschaut.«

Der Walderdorff, erstaunt glotzend: »Und wer ist diese dann? Hat der Mangold noch mehr Burgerinnen eingeladen?«

Zeisolf: »Die dort ist so adlig, wie ich und du, ist die Susanna Truchseß, die Wittib zu Aub. Was däucht sie dir so bürgerlich?«

Der von Walderdorff: »Weil sie so unehrbar gewandet ist, so viel Blankes auslegt.«

Fritz von Deiningen: »Ei, mit Luder fängt man Füchs . . .«

»Insonderheit Rosenbergische,« meckerte Wilhelm Fuchs von Bimbach.

Sebastian von Lautter warf den Kopf auf. »Wie wollt ihrs dem Frauenzimmer verdenken, daß es sich seines Werkzeugs berühmt? Tragt doch der Reitersmann gern seinen Hintern in prallen Hosen zur Schau. Auf einem Stechen zu Mainz sah ich gar einen Engelländer in voller Rüstung mit nackichtem Sitzfleisch.«

»Seht!« rief der Domherr in das Gelächter. »Der Hans Jörg hat dem Ginolfser die Mohrin vom Helm geschlagen. Nun sind sie wieder gleich auf gleich.«

Im Tumult der Fanfarenstöße und des Beifalls ging seine Stimme unter.

Die beiden Reiter kamen auf noch erregt schnaubenden, schaumwerfenden Pferden mit durchschwitzten Decken zugleich aus den Schranken geritten. Es gab lobende Zurufe und glückwünschendes Händeschütteln.

Durch die drübere Pforte des Stechhofes aber ritt der junge Miltitz auf weißem Zelter zwischen zwei Bläsern ein. Er hob ein silbernes Kränzlein mit langer, rotseidener Schleife in die Luft und verkündete, daß nun um den Dank der Frau Agatha Odheimerin zu rennen sei.

»Ausrufen laßt er's auch noch!« stampfte der von Walderdorff. »Das sag ich euch, wer für den Dank rennt, den verklag ich bei der Turniergesellschaft vom Einhorn und bei der Ritterschaft im Land Hessen.« 244

»Warum nit gar bei der heimlichen Behme in Westfalen,« lachte Ulrich von Hutten, der hinterrücks herzugetreten war, hart auf. Mit großen. brennenden Augen sah er den Junkern ringsum in die Gesichter.

»Wär ich heut nicht so krank,« fuhr er fort, »und wollt ich meine Knochen nicht für was Besseres aufsparen, ich ritte gleich für das Kränzlein, und die edlen Gesellschaften vom Einhorn, Leitbracken, Falken, Fisch, Wolf und Esel könnten mich allezusammt . . .«

Der von Walderdorff sah ihn empört von der Seite an und kehrte sich ab.

Eben sah man in einiger Entfernung den Burgherrn vorüberschreiten.

»He, Mangold, he!« rief der kleine Amtmann zu Lohr und eilte ihm spornstreichs, den wehrhaften Krückstock heftig einsetzend, in stechenden Tritten nach, wie einer, der ein Hühnchen pflücken will.

Über die Junker war eine Stille gefallen.

Ulrich sprach weiter: »Was Helmteilung und Wappenschau und Turniergesellschaft, Zank um Ahnen, und ob ein Bürger edel sei oder nicht! Die von gutem Blut in den Städten waren fürnehm, als wir in unseren vermauerten Burghöhlen noch lebten wie die Mohren, und heut unterscheidet sie Sitte, Brauch und Verstand weit edler von uns, als uns dergleichen vom Bauer unterscheidet. Denn Überfluß und breites Leben, die machen Adel mehr, dann edles Blut. Der Reichtum zeugt herrische Geschlechter, und vom Wohlsein leben die Künste, blüht das Gewerb.«

Neidhard von Thüngen: »So gäbst du dann dein Wappen und Geschlecht hin für eine wohlbehäbige Bürgerschaft in der Stadt?«

Ulrich: »Nicht das, Neidhard. Wo Gott einen gepflanzt hat, da soll er wachsen und nur da kann er wachsen und sein natürlich Wesen aufs beste ausbilden. Stolz soll einer sein auf sich und den Stamm, der ihn getrieben, aber eitel nit. Nur wider den Dünkel kämpf ich bei uns, der um die meisten von uns steht wie die Mauerenge eines Turms. Siehst du, da drüben wächst ein Baum, ich halt den Schwertgriff ans 245 Aug und meß ihn: so klein ist er, ha! kaum eine Spann, und ich fünf Schuh hoch. So machen's die Edelleut, wann sie von Stadt, Bürgern und Dingen reden, die sie nit kennen wollen.«

»Aber euch bessert nichts mehr,« setzte er müden Ausdrucks hinzu. »Ihr werdet noch Helm teilen, Ringel stechen und Ahnen zählen, wenn schon der Mann aus der Tiefe aufgewachsen ist wie ein Wetter und die Keule hebt. Wappen, Helme, Namen sind schön, schön Laub und Blüten eines starken, trefflichen Baumes. Aber ist das Jahr um, flattert das Laub in den Sturm. Und so den Baum kein junger Saft belebt, gehn auch die Zweige mit und wird er selber stürzen im Sturm. Euch wird's mit allen Euren Eitelkeiten fortwirbeln, wann Ihr nit Eures Geistes Blut erneut. Nicht die Wappen Eurer Väter zählet, ihrer Taten berühmt Euch und setzet sie fort in dem Sinn, den die Zeit fordert. Daß Ihr von so viel trefflichen Männern und guten deutschen Müttern stannnt, das freilich macht Euch zu den Besten der Nation, das kann Euch kein anderer Stand nachmachen. Aber Männer müßt Ihr sein und schaffen, schaffen mit Geist oder Pflug, wann die Zeit des Schwertes aufgehört hat. Dann werden Eure Stammbäume mehr sein als gemalte Hallenzier.«

»Seht!« sagte der von Walderdorff nicht ohne Befriedigung, »es ist noch immer keiner in die Schranken getreten.«

Darauf Zeisolf von Rosenberg: »Dann will ich mit Fritz Thüngen reiten. Wo ist der Fritz?« Und er ging ab, ihn zu suchen.

Der Walderdorff, ihm nachsehend, halblaut zum Domherrn: »Auch eine Ehr für die Burgerin von Nürnberg, wann just die ärgsten Schnapphähn um ihren Dank rennen.«

Man hörte den Sebastian von Lautter mit Mangold zanken: »Gut, hätt ich dir die Sach vertragen und in allen Ehren für dich und die Frau dazu. Aber du willst halt raufen. So rauf dich zu Tod. Und das sag ich dir: So du in meinem Amt buschklepperst, ich fang dich und liefer dich auf Rieneck in Haft.«

»Dann spiel ich mit dem Grafen Schachzabel,« lachte Mangold, »wir trinken einen guten Steinwein dazu und reiten 246 zum Schluß miteinander aus gegen Nürnberg oder den Türken, mir ist's einerlei. Was nach Gotteswillen ein Geier worden ist, aus dem machst du auch im Käfig keine Henn oder Taube, mein guter Bastian.«

Ein silberweißer Windhund stand plötzlich zwischen ihnen und beschnupperte Mangolds Pelzschaube. In der Menge wurde Bewegung. Auf edlem, feingliedrigem Pferd ritt ein schöner, schlanker Herr in grüner Jagdkleidung heran, ein feines Antlitz mit lebhaftem Blick und spitzgeschnittenem, braunem Bart. Berittene Jäger mit geschwungenen Hörnern um den Leib, keuchende Hundekoppeln an der Leine, folgten ihm. Seltsam gekleidete Läufer mit fremdländischem Gesichtsschnitt und gelblicher Hautfarbe, lange Spieße und Netze in den Händen, gingen nebenher.

Mangold schwang den Hut und eilte sogleich auf den Reiter zu.

»Das ist nit schön von Euch,« sprach er, da jener, sich überbeugend, herzlich seine Hand ergriff, »so spät kommt Ihr und nit einmal gerüstet? So tut Ihr meinem Fest keine Ehr an?«

»Ich war die ganze Woch beim Vetter in Hanau zur Sauhatz in seinem Geheg,« sagte der andere, indem er überwarf und absprang. »Erst heut früh hat mich deine Botschaft erreicht. Und gern mag ich noch ein Rennen tun, so einer gegen mich halten will.«

Mangold: »Ihr könnt Roß und Rüstung von mir haben.«

Der andere lachend: »Wozu? In München sind sie in seidenen Hemden geritten und haben scharf gestochen. Ich reit wie ich bin mit dem Schweinspieß. Guten Abend, ihr Herren!« sagte er heiter, mit Mangold unter die Junker tretend. »Wer wagts mit mir auf ein paar Gäng?«

Mangold: »Es geht eben um den Dank der Frau Odheimerin aus Nürnberg.«

Der Fremde: »Das ist mir lieb und eine Ehr. Hab schon viel Gutes gehört von der schönen Frau.«

»Wer ist der?« fragte der Walderdorffer leise den Wilhelm Fuchs.

»Graf Eberhard von Rieneck,« raunte dieser zurück, »des jungen Grafen Philipp zu Rieneck Oheim.« 247

»Nun, Euer Gnaden, Herr Prälat, wie wärs mit einem Rennen?« rief der Graf von Rieneck den Probst an.

»Ei, gnädiger Herr,« lachte der Domherr. »Ihr seid jung und behend, ich bin alt und langsam, da würd ich bald im Sand sitzen.«

Der Graf: »Ihr führt die Lanze noch immer als einer der besten weit und breit. Ich schlag Euch vor: Ihr reitet in der Rüstung, ich so und nur mit der Tartsche.«

»Gut,« sprach der Domherr, »das wird ein kurzweilig Rennen und ein seltsamer Anblick.«

Der Graf: »Und versteht sich, scharf.«

Mangold: »Das geb ich nit zu. Davor ist mir euer beider Wohlsein zu lieb.«

Der Graf: »Also mit Krönlein. Mangold, du gibst mir Lanze und Schild.«

Mangold ging, einen Knecht zu rufen, daß er das Zeug herbeischaffe, der Domherr befahl sein Roß. Die Erwartung des nicht gewöhnlichen Kampfspieles schuf neue Belebung in der Runde.

Während der Graf von Rieneck sich mit den Junkern unterhielt und das Volk seine Pferde, Hunde und finnischen Läufer begaffte, kamen von den Schaubühnen und Hügeln herab manche, die den ankommenden Trupp erschaut hatten und von der neugierigen Bewegung, die um ihn entstanden war, herbeigezogen wurden. Auch Helena, vom jungen Hutten und Jörg Dietz geleitet, schlüpfte durch die Menge. Adelhard von Miltitz hatte sie wahrgenommen und trabte auf dem weißen Zelter heran. Unter allerhand Scherzen, von denen der Scholar die derbsten abbekam, wurden die neuen Erscheinungen bewundert, zumal der große Windhund, der sogleich ein Zutrauen für Helena zeigte, sich von ihr das lange, seidige Haar streichen ließ und sich wedelnd an ihren Rock schmiegte.

»Ein schönes Tier,« sagte Jörg Dietz, dem Hund verschüchtert auf die lange Schnauze klopfend.

»Gib acht, er schnappt,« rief der Miltitz vom Pferd herab. Jörg fuhr ängstlich zurück. »Er mag nämlich die Nürnberger nit,« setzte der Miltitz spottend hinzu. 248

Die zwei Burschen lachten. Der Scholar aber grinste erfreut: »Da möcht er doch das Fräulein auch beißen.«

»Ei, das ist ganz was anders,« sprach nah hinter Helena eine galante Stimme. Eine Welle von Wohlgeruch schlug ihr an die Nase. Sie wandte sich. Kunz von Rosenberg stand da. »Der Hund ist gar ein kluges, adliges Tier,« fuhr Kunz fort. »Ein Nürnberger Damenhändlein wird er niemalen beißen, er weiß, wie gut ein solches streicheln kann.« Dabei sah er dem Mädchen verliebt in die grünlichen Äuglein.

»Ich meinte eigentlich auch –« sagte der Miltitz ärgerlich, »ich meinte, daß er nur die Nürnberger Mannsleut nit möge, insonderheit die Schulfuchsen und das Tintenfedervieh.«

Kunz: »Die Nürnberger Mannsleut, die mögen wir auch nit, Nürnberger Frauen und Fräulein davor desto baß. Und Ihr, Fräulein, nit wahr, Euch sind die fränkischen Junker auch lieber, dann die Bürgerklötz, die Euch so übel mitgespielt haben.«

Das Mädchen lachte ungewiß.

Kunz: »Ei, Miltitz, mir ist, Herr Mangold hätt eben nach dir geschrien.«

Der Miltitz: »Nein, nein, den Gilg hat er gerufen oder den Pfeifer.«

Kunz: »Nein, nein, ich weiß es genau. Er rief Miltitz und: der Kerl steckt natürlich schon wieder bei den Kitteln.«

Miltitz: »Das heißt dann, nit gar weit vom Junker Kunzen.«

Kunz: »Auch nach dir, Hutten, scheint mir, rief er. Kurz, er wollte was.«

Miltitz: »Er wird's schon wieder vergessen haben, sonst rief er noch.«

Kunz: »Ich dächt, ihr suchtet ihn doch besser. Sonst ist er wild und läßt euch zur Straf abends nit auf den Tanzboden.«

Mißvergnügt und zögernd begaben sich die beiden Knaben weg.

Kunz lächelnd und leise zu Helena: »Kommt, schöne Jungfer, wir wollen ein wenig spazieren.« Er bot ihr den Arm. Und geheimnisvoll: »Wißt Ihr schon, was meine Knecht und der Pfeifer für einen Spaß bereiten? Ich will's Euch zeigen. Dort hinter den Buden stecken sie sicherlich.« 249

Er führte sie durchs Gedränge. Aber hinter den Buden war es ganz leer. Kunz tat enttäuscht. Der Windhund, der mitgegangen war, schlang gierig Wurstfetzen und Knöchlein hinunter, die da hingeworfen waren.

»Pfui!« sagte Helena, ihn am Halsband aufnehmend. Da fühlte sie einen sanften Druck auf ihrer Brust und sah, hinabschauend, eine Hand da liegen, deren Finger sich an ihrem Halsausschnitt spreizten. Und jetzt fühlte sie sich stark an ein knisterndes Atlaswams gepreßt. Sie sah auf. Des Rosenbergers Gesicht hing nah über ihrem, seine schwimmenden Grauaugen glänzten aus langen, seidigen Wimpern in die ihren. Das Ringlein in seinem Bart taumelte funkelnd hin und her und schlug ihr fast an die Nasenspitze. Er küßte sie sehr auf den Mund und dann auf die Schulter und dann auf den Nacken und drückte sie sehr dabei. Was er flüsterte, verstand sie nicht. Sie lachte leise und hakte flugs ihren Finger in den Ring.

»Da hab ich euch!« kicherte sie, seiner Umstrickung sich entwindend.

»Du Schelmchen!« hauchte Kunz, dem schmerzhaften Zug nachgebend und sie wieder greifend.

Sie hielt den Kopf weg. »O nein! Nur für das Ringlein gab ich Euch noch einmal die Lippen.«

Kunz an ihrem Ohr: »Das kost mehr als ein Küßlein.« Aus seinem feuchten Blick glomm es sie an, wie ein Irrwisch. »Willst dus haben?«

Sie entschlüpfte ihm. »Vielleicht . . .« lachte sie und hüpfte hinter der Bude weg und in die Menge hinein.

Der Jörg lief sie an. Er hielt ihr ein paar Veilchen entgegen. »Da seht, Jungfer,« sagte er hastig und glücklich. »Den ganzen Tag hab ich welche gesucht, seit dem frühen Morgen schon. Jetzt, dort hinter der Bude fand ich sie.«

Sie nahm die Blümchen und lachte nach dem Rosenberger zurück, der wieder hinter ihr auftauchte.

Nun aber hob sich die mächtige Gestalt des fuldischen Prälaten in Helm und Rüstung zu Roß über die Köpfe empor, auch der Graf von Rieneck war aufgesessen, die ungleichen 250 Kämpfer ritten in die Vierung, und alles lief an die Schranken, drängte sich, stellte sich auf die Zehen, um das neuartige Schauspiel zu genießen.

Der Graf, nur mit Tartsche und Lanze gerüstet, jagte auf der leichten, zierlichen Fuchsstute um den ganzen Platz und schwenkte eben am Mittelschranken parierend ein. Der geistliche Herr stellte sich als ein eiserner Turm ihm unten gegenüber, und ein paar Knechte hielten die Hände hoch, um ihm allenfalls die schwere Lanze zu stützen. Der Turniervogt gab das Zeichen, die Herolde bliesen, die Reiter legten los. Der Probst in kurzem Galopp, die Lanze mit Bedacht und sicher führend, traf den von Rieneck mitten auf die knapp vor den Leib gehaltene Tartsche, daß es dumpf aufschlug, und empfing den Stoß des Gegners selbst unerschüttert an der Hüftschiene, während es den Grafen schlank zurückbog, daß er mit den Hutfedern die Krupp des Pferdes berührte. Sie hoben die Lanzen, ritten einander grüßend vorbei, und umschwenkten entgegengesetzt die Schranke. Im zweiten Gang traf der Domherr abermals und härter den Schild des Grafen, dessen Lanze am Buckel der Harnischplatte des Kuchenmeisters abrutschte. Der Graf hielt das Pferd scharf an, daß es ganz in den Sand niedersaß, und blieb unbewegt im Sattel. Man klatschte ihm lebhaft Beifall. Jetzt beim dritten Lauf machte der Graf Eberhard kurz vor dem Zusammentreffen eine leichte Schwenkung nach außen, fing die Lanze des Gegners mit der eigenen, ließ sie wirkungslos in die Luft stoßen, und traf den Probst gut am Helmvisier, so daß es ihn jäh nach der Seite überhob. Er stürzte, der rechte Bügel klirrte leer an die Rüstung des Pferdes, doch wie der schwere Herr sich neigte, fingen ihn die Läufer des Grafen, die ihm zur Seite mitgerannt waren, behend auf, und ehe er sich's versah, saß er wieder fest im Sattel, ja hatte, von einem der Läufer dargereicht, auch schon den verlorenen Bügel am Fuß. Freudiger Beifall erscholl. Der Prälat aber senkte die Lanze und gab sich mit höflicher Verneigung gegen den Grafen für besiegt.

Eberhard von Rieneck ließ sein Pferd vom Stand aus über den Schranken setzen, legte sich dem Domherrn zur Seite, und 251 beide ritten vor die Bühne, wo unten die Turniervögte, oben die Damen saßen.

Die Sonne war schon hinter der Höhe des Giebels versunken. Das Tal war von Schatten überwachsen, Nur oben der Brandenstein mit funkelnden Fenstern und wehendem Bannerschmuck stand wie von Brandröte beleuchtet im niedergehenden Schein.

Überall um den Festplatz ward aufgebrochen. Die Scharen stockten an den Ausgängen und begannen langsam in die Wege abzuströmen. Reiter übereilten sie und jagten burgwärts hinan. Von den Schaugerüsten floß und bewegte es sich bunt in Plaudern und Lachen die hölzernen Treppen nieder.

Da stockte plötzlich wieder das auseinanderstrebende Gewimmel. Zwei wunderliche Erscheinungen waren im Stechhof aufgetaucht. Lenhart Schupff, des Rosenbergers Knecht, als ein Bauer, den Kittel unförmig ausgestopft, auf dem Rücken eine Butte, unter jedem Arm eine Gans, saß auf einem lächerlich bekränzten Ochsen, der mit langen Decken behängt war, auf die allerhand bäurische Geräte als Spottwappen gemalt waren, und hielt eine Mistgabel mit knödelartigen Gebilden auf den Zinken in der Hand. Ihm gegenüber der Pfeifer mit einer hohen, schellenbehängten Narrenkappe, eine lange, oben mit rauchendem Werg umwickelte Stange haltend, auf einem Esel. Er rief dem groben Bauernpopanz zu:

»Weil du zu Markt warst, Gänse holn,
hab ich die Hühner und Enten gestoln,
derweil du bist im Wirtshaus gsessen,
hab ich deine Schinken und Würst gefressen,
mit Dirnen pflagst du Zeitvertreib,
derweilen ich mit deinem Weib . . .«

Der Miststoffel zeigte sich mit jedem Reime sichtbarlich erboster, blies die mit roter Farbe bestrichenen Backen auf und begann, den Ochsen heftig zu spornieren.

»Wart, du Stirischnalzer, du Stratifeger, wart, ich komm dir schon!« rief er und riß aufmunternd an den Zügeln.

»Ich wart ohnedem!« höhnte der Pfeifer zurück. »Ich wart schon drei Tag auf dich. Aber du mußt besser reiten, dein 252 Hornbock weiß nit, soll es nach vorn oder nach hinten. Itzt wart du, ich will dir helfen.«

Damit trabte der Pfeifer im Bogen herum und den Ochsenreiter von hinten an, und das Volk brüllte vor Vergnügen, denn, da ihm die dünnen Stelzen bis schier auf die Erde hingen, lief er die eiligen Tritte des Esels mit, und es sah aus wie ein sechsbeiniges Wesen. Nun stieß er dem Ochsen, der nicht vorwärts wollte, mit dem pechgetränkten, brennenden Wergwisch der Stange ins Hinterteil. Schweifdrehend schlug der Ochse aus und riß einen heftigen Sprung vor, der Bauer kippte vornüber, wobei ihm die Gänse entflatterten und die Butte sich über seinen und des Horntiers Kopf entleerte. Zwei gackernde Hennen, ein quiekendes Ferkel, eine pfauchend ausfahrende Katze, Eier, Äpfel, rasselndes Geschirr, all dies strömte mit gewaltigem Lärm aus dem bäurischen Füllhorn hervor, kugelte, flatterte, rollte und rannte über den Sand hin und auseinander. Der Ochs ging durch, die Menge schrie und johlte, die Burschen sprangen über die Schranken und jagten den eßbaren Wesen und Dingen nach, kläffende Hunde mengten sich dazwischen, der Pfeifer hatte seinen Esel stehen lassen, hob Eier auf und warf sie dem Turniergegner, der sein Streitroß vor dem Ausgang wieder erfangen hatte, zielsicher an den Kopf, schlug Räder über den ganzen Platz, sprang hinter dem Hampas auf den Ochsen, der durch den Tumult scheu geworden, nun wild die Vierung entlang raste, machte auf den Schultern des andern Handstand und sonstige gauklerische Kapriolen und stürzte schließlich mit ihm verklumpt und verknäult zur Erde. Rasch waren sie wieder auf den Beinen, der Dicke stürmte unbeholfen dem Dünnen nach, der nun als ein Seiltänzer auf den Schranken rannte, um dann über den Bauern plötzlich herzufallen und ein wüstes Handgemenge mit ihm zu beginnen. Erst stieß er ihn um, wobei zwei Blasen, die der Hampas im Hosenboden befestigt hatte, zum Jubel des Volkes mit lautem Knall zerbarsten, dann riß er ihm den Kittel auf und zog ihm zur Verblüffung aller bei fünfzig Ellen Leinwand ab. Der Hampas drehte sich wie ein Kreisel, der Pfeifer lief mit der endlosen Webe über den Platz hin, und jetzt zeigte es sich, daß der Marktbauer noch über und über in Würste gepackt war. 253 Mit ungeheurem Freudengeheul fiel nun die ganze Horde über ihn her und zerstörte ihn vollends. Ja, sogar die Stiefel, die ganz neu waren, zogen sie ihm aus, und weil's in einem hinging, alles bis aufs Hemd, und jeder eilte lachend mit seinem Beutestück davon. Einige zeigten sich sogar geneigt, auch den Ochsen, der sich auf den Hügel gerettet hatte und dort bereits friedlich graste, für ein Festgeschenk zu halten, wurden jedoch durch Reitknechte mit Maulschellen und Fußtritten eines Besseren belehrt. Hochbeglückt und erheitert verlief sich das Gewimmel.

Der Platz lag öde. Die Fahnen, leise schlagend, standen gegens Abendrot. Vom Brandenstein herab, wo Lichter aufblinkten, verkündete Fanfarenschall die Verteilung der Preise und leise Musik den Beginn des Tanzfestes.

 

 << Kapitel 20  Kapitel 22 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.