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Ritter, Tod und Teufel

Hans Frhr. von Hammerstein: Ritter, Tod und Teufel - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleRitter, Tod und Teufel
authorHans Freiherrn von Hammerstein
year1921
firstpub1921
publisherC. F. Amelangs Verlag
addressLeipzig
titleRitter, Tod und Teufel
pages434
created20181004
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Schnapphähne

Endres Koler, Ringmacher, Bürger zu Nürnberg, in der Grasergasse gesessen, Hans Schwenttendorffer und Hans Richter, beide Messerer und Bürger zu Nürnberg, hatten, von der Frankfurter Messe kommend, zu Lengfurt, einem Ort am linken Mainufer, ein paar Meilen stromaufwärts von Wertheim, genächtigt und waren früh des Tags aufgebrochen, um auf dem Weg, der das Knie schneidet, das der Main durch das Bergland von Würzburg über Gemünden bis Wertheim macht, nach Würzburg zu gelangen. 212

Es hatte am Abend zuvor geregnet. Nun hing der Nebel ins Maintal, und ein zähes Gewölk hielt sich wider die Morgensonne. Die drei Bürger stiegen wandernd vom Tal auf und zogen die Straße, die auf der flachen Höhe hinführt, gegen das Dorf Remlingen zu. Ein Schüler, der sich Sebastian Marquard nannte, und ein anderer Messerer aus Nürnberg, ihnen nicht mit Namen, sondern nur als der sogenannte Wehe bekannt, weil er eine offene Wunde am Bein hatte, waren ihre Genossen in der Herberge zu Lengfurt gewesen und hatten sich zugleich mit ihnen aufgemacht. Der wehe Messerer ging langsam, und der Schüler leistete ihm Gesellschaft. So waren die zwei ein wenig abgeblieben. Die drei ersten aber schritten rüstig aus. Als sie durch Remlingen schritten, sahen sie in einem Hof, dessen Tor weit offen stand, einen Bauer eben damit beschäftigt, ein Roß vor den Karren zu spannen. Der Schwenttendorfer, obwohl der stärkste und munterste der drei, fand es nicht übel, eine Strecke zu fahren. Der Koler, der ein geiziger Sauertopf war, verhielt sich ablehnend, und der Richter meinte, es wäre nicht gar so weit nach Würzburg, und so der Schwenttendorfer immer fahren wolle, müßt er bis Nürnberg noch gar viel Fuhrlohn zahlen. Dieser aber hatte durch den Verkauf eines Hirschfängers, eines schönen Zierstückes, an einen vornehmen Herrn, ein gutes Geschäft gemacht. Dem roten Gulden, den er im Wetschka hatte, war unwohl bei den Silbergröschlein und Pfenningen, doch mußte er nicht viel springen und klingen, um seinem Besitzer nicht aus der Erinnerung zu kommen. Der vergaß ihn auch so keine Stunde und war darauf bedacht, ihn bis Nürnberg möglichst von der schlechten Gesellschaft der Scheidemünzen, in der er sich befand, zu befreien. Also, während die anderen langsam vorausgingen, trat der Schwenttendorfer auf den Bauer zu und fragte, ob er geneigt sei, sie zu fahren. Der Bauer, der ohnedem nach Roßbrunn wollte, war bereit. So wurden sie des Handels bald einig, und der Schwenttendorfer rief seinen Gesellen nach, daß sie warten sollten. Der Bauer schwang sich hinter die Deichsel, der Karren rollte aus dem Hof, und alle drei saßen auf. Der Richter meinte, man solle den wehen Messerer und 213 den Schüler auch mitnehmen. Der Schwenttendorffer aber und der Koler widersprachen und hießen den Bauern zufahren. So schwang der Gaul sich schon in plumpem Trab dahin, als die beiden Nachzügler eben bei den ersten Häusern der Dorfgasse einbogen. Der Karren holperte hart auf dem üblen Weg, die Nürnberger saßen auf den Leitern und hielten sich fest. Bald hinterm Dorf, das in einer Senkung lag, hob sich die Straße, und das Roß fiel in Schritt. Nun ging es abermals über eine Höhe an Forchenhölzlein und Ginsterbüschen, die schon lohgelbe Blütenflämmchen austaten, vorüber, dann abwärts in ein Tal, wo ein paar Häuser um eine Kapelle lagen und ein fließendes Wasser im Wiesengrund war, dessen Zug entgegen der schlechte, schmale Steig hinführte. Auf des Richters Frage, wie man die Gegend nenne, sagte der Bauer: Habichttal. Ob denn da so viel Habichte wären, meinte der Richter. Der Schwenttendorffer darauf, um dem ängstlichen Koler widers Haar zu streichen, er sähe keine, aber es hätte da im Land vielleicht viel Schnapphähnlein. Der Bauer sagte nichts. Erst als der Koler fragte, ob ein Schloß in der Nähe sei, nannte er Urspringen und deutete nordwärts. Wer dort sitze? Die Voite von Rieneck, und das seien freilich gar arge Schnapphähnlein. Dem Koler verzog es das Gesicht, der Schwenttendorffer lachte. Nun sahen sie oben den Schüler mit dem Messerer wieder nachkommen. Wie dieser dahinhumpelte und der Schüler bemüht war, dem Lahmen zulieb seinen Schritt zu mäßigen, schienen sie dem Schwenttendorffer lächerlich, und er machte eine spöttische Bemerkung. Der Bauer kehrte sich um und sah hin. Während die drei schon wieder von anderem redeten und ihre Aufmerksamkeit nach vorne wandten, kehrte sich der Bauer noch einmal und sah länger um.

»Es reiten Reuter doher,« sagte er dann mit Bedacht.

Rasch wandten sich auch die Nürnberger. Wirklich hielten auf der Höhe zwei Reiter bei dem Messerer und dem Schüler, mit denen sie zu sprechen schienen, während sie abwechselnd nach dem Wagen herunterblickten. Daß sie gespannte Armbrüste mit Pfeilen vor der Sehne in der Hand hatten, war deutlich zu sehen. »Wer mögen die sein,« sagte der Richter. 214 Nun tauchten hinten noch zwei zu Pferd auf. Indem setzten sich die vorderen schon in Bewegung und kamen im Sturm die Straße heruntergesprengt.

Sagt der Bauer: »Wahrlich! Die Reuter haben die Nacht gehalten. Steigt vom Karren herab.«

Mit einem jähen Satz war der Koler, ebenso schnell der Richter unten. Der Schwenttendorffer ließ sich mehr Zeit.

Schon waren die ersten zwei Reiter da. Der eine, ein langer, sehniger Mann auf einem langgeschwänzten Schwarzbraun, war seinem Gehaben nach unschwer als ein Edelmann anzusprechen. Er trug unterm Harnisch einen braunen Reitrock aus Kämmelgarn bis unter die Knie, hatte die rote Kappe tief über die Nase gezogen, so daß nur ein blondes Bärtchen über der Lippe und die Blicke durch die Schlitze zu sehen waren, und einen grauen, zerschnittenen Hut mit bunten Federn auf. In der Linken führte er die Zügel, mit der Rechten hielt er die Armbrust mit vorgelegtem Pfeil auf den Wagen gerichtet. Eine Hetzpeitsche, deren Riemen um den Stiel gewickelt war, hing ihm vom Handgelenk herab. Der zweite, anscheinend ein Knecht, ritt einen Rappwallachen, war dem Edelmann ähnlich gekleidet, hatte gleich jenem kleine, gelbe Striche an den Ärmeln, war auch verkappt und trug Armbrust samt Winde nebst dem Schwert.

Der Edelmann parierte hinter dem Wagen und fuhr die Nürnberger mit scharfer, heller Stimme an: »Wer seid ihr?«

Der Koler schlotterte und brachte kein Wort hervor. Der Richter sagte gefaßt: »Von Nürnberg und fahren von Frankfurt.«

Darauf der Edelmann: »Ihr seid die rechten. Gebt euch gefangen.«

Inzwischen war das andere Reiterpaar nachgekommen, ein langer, dürrer Gesell mit lichtgrauem Reitrock und engen, roten Hosen, auch verkappt und bewaffnet wie die ersten auf einem knochigen Fliegenschimmel, und ein kräftiger Bube auf einem kleinen braunschwarzen Pferd, gekleidet wie der Edelmann. Der hatte am Sattel ein Täschchen und die Halftern von den Armbrüsten hängen.

Der Koler hob die Hände auf. »Ach, lieber Junker, was 215 wollt ihr uns zeihen? Wir sein gut arm Handwerksleut,« flehte er.

Der Edelmann schroff: »Kurz umb, rührt an! Ihr müßt gefangen sein!«

So legten der Koler und der Richter die Hand an sein Knie, und der Schwenttendorffer folgte, nachdem der Edelmann mit einer unzweideutigen Bewegung der Armbrust sein Zögern beschleunigt hatte. Den Bauern hieß der Junker auch anrühren und band ihm streng auf, in zweien Tagen nichts von dem, was er gesehn, zu sagen, so lieb, als ihm Leib und Leben sei. Dann mußte er hinwegfahren, ohne daß ihm Zeit gelassen wurde, sich um den Fuhrlohn zu kümmern.

Nun wurden die drei Nürnberger ungebunden in die Mitte genommen und mußten gar eilig mitgehen, so schnell, als die Reiter ritten, die ihre Pferde zu einem guten, raschen Schritt antrieben. Es ging links ab der Straße an geackertem Feld hin zu einem Holz, in das sie einritten. Der Schwenttendorffer, der sich umwandte, sah noch den Bauern mit seinem Karren langsam das Tal hinaufziehen. Vom wehen Messerer aber und dem Schüler war nichts mehr zu erblicken. Offenbar hatten sie es vorgezogen, sich hinter die Büsche oder die Hütten im Grund zu schlagen.

Im Holz hielten die Reiter an.

Der Edelmann drohte mit der Armbrust und sagte: »Nun seid ihr meine Gefangenen und müßt mit Treuen an Eides Statt geloben, mit mir zu gehen, von mir nit zu trachten durch Flucht, Geschrei, Winken oder Deuten, oder wie sich das machen mocht, so Leut auf uns stießen.«

Da gelobten sie es abermals mit Worten bei ihrem Leib und Leben.

Weiter sagte der Junker: »Nun schanzt auf, was euer jeder hab.«

Zum ersten wurde dem Schwenttendorffer sein Wetschka abgenommen. Danach sagte der Knecht auf dem Rappen zum Hans Richter: »Gib her, was du hast.«

Also gab der Richter ein wenig Geld her, das taten sie in Schwenttendorffers Wetschka. Danach sagten sie zum Koler: »Gib her! Was hastu?« 216

Sagte der Koler: »Liebe Herren, ich hab kein Geld, bin ein armer Weller und komm von unser lieben Frauen zu Ach und bin erst zu Frankfurt zu meinen Gesellen kommen und hab mein Geld als verzehrt und hab euch nichts zu geben.«

Also gaben die Reiter dem Buben des Schwenttendorffers Wetschka.

Sagte der Edelmann zum Knecht auf dem Rappen: »Steig ab und bind sie zusammen.«

Stieg der Knecht ab und band sie alle drei zusammen an eine Halfter, einen jeden bei einer Hand. So mußten sie nun gebunden mitlaufen zwischen den Pferden, zwei Reiter vorn, zwei Reiter hinten, aus dem Holz heraus und über die Felder und wieder durch Holz.

Das Gewölk braute vor der Sonne. Ab und an strich ein frostiger Wind über die einsamen Höhen. Die groben Kleider der Reiter atmeten die Feuchtigkeit der Nacht aus. Der dünne Knecht auf dem Schimmel sagte manchmal etwas in einer unverständlichen Sprache, worauf die anderen lachten. Der Bube, der nicht verkappt war und ein sehr eifriges, wichtiges Gesicht machte, mußte auf seinem kleinen Pferd häufig im Trab zotteln, daß er mit den Großen Schritt hielt.

Bei anderthalb Meilen lang ritten sie immerzu auf den Höhen hin und kamen endlich in ein dickes Holz. Da stieg der Edelmann ab, band sein Pferd an eine Staude und legte die Armbrust in einen Baum. Dann schickte er den Buben und den Knecht auf dem Schimmel weg und ging vor den Gefangenen hin und wieder. Der andere Knecht, der auch abgesessen war, kramte im Wetschka herum, den sie dem Schwenttendorffer abgenommen hatten. Er zog Briefe hervor und gab einige dem Edelmann. Sie brachen die Briefe auf und lasen. Der eine war von einem Frankfurter Kaufmann an einen Apotheker in Nürnberg gerichtet. Da fragte der Junker lesend: »Wo ist der Apotheker? Kumbt er nit bald hernach?« Und dann: »Sind der Kaufleut noch viel danieden oder hinten hernach?«

Sagten die Nürnberger: »Das wissen wir nit.«

Nun fand der Knecht einen silbernen Ring im Wetschka. 217 »Weß ist der Ring und das Petschier?« fragte er. Antwortete der Schwenttendorffer: »Es ist mein.«

Der Knecht steckte den Ring an den Finger, betrachtete ihn an der aufgehobenen Hand und schmunzelte.

Indem kam der lange Knecht wieder zu ihnen in das Holz geritten und sagte was in derselben unverständlichen Sprache. Da saßen der Edelmann und der andere Knecht wieder auf, und nun wurden die Gefangenen wieder weitergeführt, erst eine Weile zurück im Holz, dann hin und her und schließlich in ein kleines Forchenwäldlein. Als sie eine Weile darin hingeritten waren, hielten sie still und stiegen alle drei ab, banden die Pferde an die Bäume und hießen die drei Gebundenen niedersitzen.

Fing der Edelmann an und sagte: »Nun gebt her, was ihr habt. Dann welcher das nit tut, so wird sein Sach nit recht stehn, wann wir etwas darüber bei ihm finden, das sag ich euch fürwahr. Darum, so gebt's alls von euch, was ihr habt.«

So warf der Schwenttendorffer noch ein klein Säcklein mit Geld dar, sagend: »Liebe Herren, ich hab fürwahr nit mehr, ich will mich gern besuchen lassen.«

Sprach der Edelmann zum Richter: »Zeuch dein Rock ab.«

Zog der Richter den Rock ab, sie nahmen den Rock, breiteten ihn auf, und der eine Knecht sagte. »Nun gib auch her, was du hast.«

Da gürtete der Richter noch seinen Wetschka ab und gab ihn hin. Es war Geld darinnen. Nun wurde ihm befohlen, sich aufzutun und abzuziehen. Sie untersuchten ihn und fanden nichts mehr. Danach sagte der Junker zum Koler: »Gib her, was du hast.«

Antwortete der Koler: »Ich hab euch vor gesagt, daß ich nichts hab, und bin ein armer Weller.«

Hieß es: »Gib her dein Wetschker auch.«

So nahmen sie den von ihm und fanden bei anderthalb Gulden an Münz darinnen. Nun nahmen sie die drei Wetschker und das Säcklein, schüttelten alles aus auf des Richters Rock und klaubten das Geld auseinander. Es waren bei zehn oder zwölf Gulden. Der Knecht, der den Rappen ritt, schüttelte 218 noch einmal des Schwenttendorffers Wetschka, und ach!, da sprang der schöne Goldgulden, der sich recht im Grund verkrochen hatte, mit Klingen und Blinken hervor und lag auf den Groschen und Pfennigen. Der Schwenttendorffer zuckte zusammen, als stäch ihn das Podagra. Die Reiter lachten. Der Junker nahm den Gulden und fragte: »Was gilt der?«

Sagte der Schwenttendorffer mit schmerzvollem Blick: »Zwölf Pfund.«

Nun teilten sie das Geld in fünf Teile.

Indem kam der Bube wieder geritten. Dem gaben sie etliche Pfennige davon. Bald nach dem Buben kamen zwei zu Fuß. Die hatten jeder einen schwarzen Kittel an, und der eine hatte eine graue Kappe aus Kämmelgarn und einen grauen, zerschnittenen Hut auf, der andere eine schwarze Mütze. Und beide trugen leinene Hosen und niedere Schuhe, Schweinspieße und lange Messer. Der eine war ein schwarzer, kurzer Knecht mit einem kurzen Bart, der andere ein junger, weißer Gesell. Sie brachten eine zinnene Flasche mit Wein bei drei Maßen und ein kleines, blechenes Fläschlein, einen gebratenen Fisch in einem Tüchlein und einen Laib Brot mit und gaben das den Reitern. Der Edelmann nahm den Bratfisch und brach ihn auseinander, und der eine Knecht zerschnitt den Laib. So gaben sie den drei Gefangenen den Fisch halb, das kleine Fläschlein mit Wein und Brot dazu zu essen. Das andere tranken und aßen die Reiter und Fußknechte miteinander. Nachfolgend stunden die Reiter auf, und sprach der Edelmann zu den zwei Fußknechten: »Tut Strick her und bind't die Gefangenen.« Also zog der eine Fußknecht einen Pfennigstrick aus dem Busen und band den Schwenttendorffer an einen Baum. Danach banden sie den Hans Richter mit einer großen Rebschnur an einen Baum, dann den Koler, und der Junker stach ihn selbst durch den Rock und band ihn mit einer Halfter fest. Also gebunden mußten sie alle drei an den Bäumen sitzen. Die Reiter und die Fußknechte gingen ein wenig abseits, blieben nicht lang aus und kamen wieder. Zurückgekehrt, saßen die vier Reiter auf und ritten hinweg. Die zwei Fußknechte blieben bei den Nürnbergern.

Es mochte nun um Mittag sein. Die Sonne hatte sich 219 wieder ganz verkrochen. Dichtes, treibendes Gewölk füllte den Himmel. Die schwarzen Föhrenwipfel stieß ab und zu der Wind an, daß sie sausten und Tropfen schüttelten.

Die Gefangenen saßen stumm und froren. Die Knechte gingen hin und her, sprachen abseits miteinander, ohne die Nürnberger außer acht zu lassen, lachten und gingen wieder auf und ab. Dann setzte sich der Bärtige auf einen Strunk und gähnte. Er sei zu zeitig aufgestanden, sagte er. Der Blonde darauf, er habe überhaupt die Nacht kein Bett berührt. Sie besprachen sich leise, und danach suchte der Schwarze einen trockenen Fleck an einem Baum, saß nieder, lehnte sich wider den Stamm und schien einzuschlafen. Er hatte das Gesicht gegen die Gefangenen gekehrt und blinzelte noch manchmal zu ihnen hin, so daß man nicht wußte, ob er wirklich schlief oder nur so tat. Der Junge schritt weiter auf und ab im Kreis um die Nürnberger herum, blieb manchmal stehen und horchte scharf in den Wald hin. Auch von den Gefangenen tunkte bald der eine, bald der andere mit dem Kopf nach vorn, dann riß es ihn wieder auf, und er schauderte fröstelnd.

Der Schwarze hatte sicherlich bei zwei Stunden geschlafen und sägte eben mit zurückgefallenem Kopf und aufgerissenem Maul, aus dem ihm der Geifer trenste, ganz erbärmlich, als ihn der andere mit dem Spieß sacht anstieß und weckte, weil es ihm schien, er habe irgendwo ein Geräusch vernommen. Der Bärtige fuhr auf und ermunterte sich mühsam, indem er hörte, was der Blonde zu ihm herabgebeugt raunte. Endlich machte er sich auf die Beine und pürschte vorsichtig spähend ins Holz der Richtung nach, die sein Gesell deutete. Scharf horchend blieb dieser zurück. Nach einer Weile kam der Schwarze wieder und zeigte, daß es nichts sei. Nun redeten sie wieder zusammen, der Blonde saß nieder, wo der erste vordem geschlafen hatte, zog den Hut in die Stirn und versuchte zu schlummern. Der Bärtige übernahm die Wache, ging aber nicht weit um und hielt sich immer nah vor und hinter den Gefangenen. Manchmal blieb er stehen und betrachtete sie mit seinen schlauen, nicht gar Vertrauen erweckenden Fuchsaugen. Der Koler mußte einen heftigen 220 Nießer tun. »Ihr werd't den Strauchen kriegen,« grinste der Knecht. Der Koler rückte in seiner Umschnürung zusammen und jammerte, es sei ihm kalt, sie würden sich den Tod holen, er möchte sie doch ledig lassen, sie schwüren, daß sie nicht entlaufen wollten, sei ohnedem nichts an ihnen zu holen und dergleichen mehr. »Halts Maul,« sprach der Knecht, »sonst schlag ich dir den Spieß in die Zähne.« Darauf wagte keiner mehr ein Wort.

Dem Blonden am Baum wollte der Schlaf nicht geraten. Bald schob er den Hut ins Genick, bald zog er ihn vor, warf ihn weg und setzte ihn wieder auf. Jetzt zog er den Kittel aus, breitete ihn auf und streckte sich ganz hin, indem er den Hut als ein Kopfpolster nahm. Dann fror ihn wieder, er deckte den Kittel über sich und lag eine Weile ruhig. Endlich richtete er sich auf, schüttelte sich, gähnte und reckte die Arme.

»Bei der Ursel ist's halt besser,« meinte der Schwarze grinsend.

Der Junge erhob sich und starrte, die Fäuste unterm Hosenriemen, voll Unbehagen vor sich hin. Dann gingen sie wieder auf und nieder, redeten, raunten und lachten miteinander. »Ich wollt, es käm auf einmal ein Hirze, daß wir ihn erlegten,« sagte der Blonde. Der Bärtige drauf: »Eine Wildsau wär mir lieber. Die stäch ich an und hetzte sie auf die Pfeffersäck dort, daß ihnen wärmer wurd.«

Und nun begannen sie, ihren Witz an den Gefangenen zu erproben und trieben viel unnütze Reden.

»Was ist mit dem Tetzel, der gefangen ist gelegen,« fragte der Schwarze. »Ist er tot oder lebt er noch?«

Die Nürnberger wußten nicht, wen er meine. Der Münch Tetzel, mit dem der Doktor Luther gestritten, meinte der Richter. Nicht den, sagte der Schwarze. Oder den Nürnerberger Bürger und Rat, fragte der Koler. Der sei aber seines Bedünkens nicht gefangen gewesen. Nein, der Schwarze, meinte einen Genossen und Schnapphahn, von dem wußten sie nichts.

»Item,« sagte der Bärtige, »den Herrn Endres Tucher, den wollt ich, daß wir ihn für euch hätten, so müßt er uns eintausend Guldin oder zwei geben, wär uns nutzer, dann ihr.« 221

Dann fragte er sie nach ihrem Gewerb und Verdienst, und sie wetteiferten nun alle drei, ihre Umstände möglichst recht armselig darzustellen.

»Was seid ihr Handwerker für thoret Leut,« sagte der Knecht, »daß ihr in der Gemein nit eins miteinander werd't und schlacht die Herrn im Rat zu tod, dann ihr seid mehr dann sie und faht ein ander Regiment an, dann es kann sich niemand vor ihrem großen Gewalt und Gut geregen, und wollen alle Menschen eintun.«

So redeten sie noch mancherlei, bis daß es dämmrig ward. Nun lösten sie die drei von den Bäumen, banden sie erst alle zusammen und führten sie zwerch unterm Holz hin eine Weile. Dann ließen sie die Nürnberger auf einen umgefallenen Baum niedersitzen und warteten wieder bei einer Viertelstunde. Es stand ein Nußbaum dabei. Der Junge scharrte mit dem Spieß das Laub vom Boden und fand noch einige Nüsse, von denen er auch den Gefangenen gab, aber sie waren zumeist schon faul oder taub.

Danach, da es schon gar dunkel ward, nahmen sie die drei wieder und führten sie aus dem Wald hervor und quer weit über Feld. Die Gegend war öde. Das Gewölk stand tief am finstergrauen Himmel hin. Fern im Abend lag ein gelber Schein verdämmernd in den Dunstschichten, und ein paar schwarze Waldstreifen hoben sich düster davor ab. Als sie so bei einer Stunde gegangen waren, kamen sie über eine Höhe zu einem Dorf, darinnen sie viele Lichter scheinen sahen. Die Gefangenen hörten, wie die Fußknechte zueinander sprachen, und der Bärtige sagte: »Welcher schreit oder red't, so stoß den Spieß in ihn.« So hielten sie sich mäuschenstill und ließen sich an dem Dorf vorbeiführen. Die Lichter verschwanden hinter einer Hügelwelle, es ging wieder über Feld ungefähr eine halbe Meile. Abermals tauchte ein kleines Dörflein auf, und zur rechten Hand ungewiß gegen den Himmel ein Kirchlein und ein Häuslein. Sie wurden über einen Anger geführt und kamen nach ungefähr einer weiteren halben Stunde zu einer Wacholderstaude an einem steinigen Feldrain. Da hießen die Knechte sie niedersitzen. Als sie bei einer Viertelstunde gesessen waren, ging der schwarze Knecht eine Strecke 222 abseits ins Dunkel hinaus und fing mit den Fingern im Mund zu schwegeln an. Nicht lang, so hörte man Hufe im Ackerboden und Rosseschnauben, und drei Reiter tauchten im Dunkel auf. Der Knecht, der bei den Gefangenen geblieben war, sprach: »Steht auf und geht mit uns.« So gingen sie zwei Ackerlängen mit den Reitern und den Fußknechten. Indem fing der Edelmann an und sagte zu den Knechten: »Fluchs! Nehme jeder einen auf das Roß hinter ihn!«

Die Fußknechte lösten die Gefangenen voneinander und hoben sie hinter die Reiter, aber so, daß dennoch jeder gebunden blieb und der Reiter das Ende des Strickes vorn in der Hand hatte. Nun ritten sie mit ihnen davon, und die Fußknechte verkamen hinten im Dunkel. Vorn ritt der Edelmann, den Schwenttendorffer hinter sich, dann der Knecht auf dem Rappen mit dem Koler, dann der auf dem Schimmel mit dem Richter. Bei einer Stunde ging es zwerch über Feld, dann kamen sie an ein Holz und zogen weiter auf einem steinigen Weg auch wohl eine Stunde lang. Nun kam ein Berg, den es auf einem Steig hinaufging. Unterwegs hielten sie still, daß die Pferde ruhten und verschnauften. Nun kamen sie an einen tiefen Weg. Da mußten die drei Gefangenen absitzen. Man sah nur einen Schein von Wasser in der Nähe. Die Reiter ritten zu, jeder der Gefangenen mußte hinter einem hergehen und streckenweis laufen. Nach ungefähr einer Viertelstunde tauchte ein großes Gebäude, Kloster oder Schloß, vor ihnen auf. Da stunden die Tore offen und bellten die Hunde. Die Reiter führten sie durch ein offenes Tor und ritten zu der rechten Hand in einem Zirkel durch den Hof aus. Nun stockte der Zug. Der Edelmann vorn riß ein hölzernes Gatter auf. Sie ritten durch und kamen wieder an einen tiefen Weg, oben Wald zu beiden Seiten. Es mochte um Mitternacht sein.

Immerzu ging es in dem tiefen Weg fort. Der Koler befand sich nun am Schwanz des Zuges, weil der Knecht auf dem Schimmel im Schloßhof vorgeritten war, um das Gatter, das der Junker geöffnet hatte, zurückzuhalten. Der Hohlweg hatte tiefe Rinnen, in dem alle Ellen lang große Steine hervorstanden oder lose rollten. Die Gefangenen 223 mußten hinter den Pferden darüber herstolpern. Den Koler schnitt der Halfterstrick in die Gelenke, er war schon todmüde und dem Verzweifeln nahe. Jetzt verlor er über einem Stein die Füße, stürzte hin und wurde auf den Knien fortgeschleift. Der Knecht tat, als merke er nichts davon. Der Schmerz verschlug dem Koler die Stimme. An die Böschung taumelnd, wurde er von dieser zurückgestoßen, und kam am Strick wieder in die Höh. Der Weg war nun besser, die Pferde gingen gleichmäßiger, und wie der Koler nun ruhiger dahintrottete, wunderte er sich, daß der Knecht seinen Sturz nicht am Strick gespürt haben mochte. Er strengte sich an zu schauen, suchte zu tasten und kam darauf, daß der Strick im Sattelkranz festhing, so daß der Knecht immer ein strackes Ende in der Hand hielt. Diesen Vorteil gewahrend, beeilte er sich, mit Zähnen und Händen die Lösung seiner Fessel zu versuchen. Er biß und zerrte verzweifelt zu, und schließlich war es gelungen. Eben führte der Weg an einem steilen Hang hin. Unten tief war der Schimmer eines breiten Wasserbandes im matten Glanz des Mondes zu sehen, der hinterm Dunst spät emporging. Der Koler ließ sich dem Fluß zu in die Stauden fallen und blieb liegen. Er sah die Reiter undeutlich in der Finsternis verschwinden. Als er sie nach den Hufschlägen bei fünfzig Schritt ab wähnte, kroch er über den Weg und den steilen Abhang hinauf und begann, in das Holz hineinzulaufen. Schon aber hatten die Reiter gemerkt, daß er abhanden gekommen. »Hoscha! Hoscha!« hörte er schreien und einen zurückgaloppieren. Er duckte sich in ein dichtes Eichengestrüpp. Die Hufschläge entfernten sich wieder, und es wurde ganz still. Nun wartete er, bis es Tag wurde, dann kroch er hervor und sah sich um. Es regnete und war windig. Er ging eine Weile im Holz hin und kam an eine Halde. Unten floß der Main. Drüben lag unter Waldhöhen ein Städtlein und ein weißes Schloß am Hang über ihm mit einem hohen Turm. Und drei Wasser flossen da bei dem Städtlein zusammen. Zwei kamen drüben aus tiefen Waldtälern hervor, das geringere strömte in das breitere und beide vereinigt unter einer Bogenbrücke, die vom Tor des Städtleins westwärts führte, in den Main, der an der Stadtmauer 224 umbog und sich gegen Süden wandte. Der Koler dachte, das müsse wohl Gemünden sein. Darum wandte er sich ostwärts, hielt sich noch eine Strecke auf den Waldhöhen hin und kam auf einem Karrenweg schließlich zu einem Dorf an den Main hinab. Dort ging er in das erste Haus, fand den Bauern und bat ihn, daß er ihn nach Würzburg führe. Er klagte ihm seinen Unfall, und daß ihm die Schnapphähne alles Geld abgenommen. Aber im Rock eingenäht hatte er doch noch ein Goldstück. Das trennte er heraus und versprach dem Bauern den halben Gulden, wenn er ihn führen und ihm auch einen Kittel leihen wolle, denn er besorgte sich, die Reiter kämen ihm nach und würden ihn an seinem schwarzen Rock erkennen. Der Bauer fand sich für den Lohn bereit, lieh ihm einen Kittel und ging mit ihm. Der Koler erzählte ihm umständlich das ganze Abenteuer und fragte, was der Bauer wohl meine, wes Gefangener er gewesen sein mochte. Er hätte einmal von den Reitern den Namen des von Rüdickheim nennen hören. Der Bauer zuckte die Achseln und sagte, es gäbe so viel Schnapphähne, und wann einer von Rüdickheim dabei gewesen, hätten sie ihn gewißlich nicht beim Namen gerufen. Und wo wohl seine Gesellen hingebracht würden, fragte der Koler. Der Bauer dachte nach und meinte schließlich, am ehesten auf den Reußenberg. Es lägen viele Schnapphähnlein daselbst.

So kamen sie nach Karlstadt, dort ließen sie sich übersetzen, weil ihnen das andere Ufer vor den Reitern sicherer schien, und gingen weiter nach Würzburg, wo sie gegen Abend wohlbehalten anlangten. 225

 

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