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Ritter, Tod und Teufel

Hans Frhr. von Hammerstein: Ritter, Tod und Teufel - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleRitter, Tod und Teufel
authorHans Freiherrn von Hammerstein
year1921
firstpub1921
publisherC. F. Amelangs Verlag
addressLeipzig
titleRitter, Tod und Teufel
pages434
created20181004
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ottilie

Ein Tag wie ein blaugeäugtes Kind, das einen Strauß Primeln in der Hand trägt.

Mangold, schlicht und waldfarben zum Weidwerk gewandet, auf einen Schweinspieß gestützt und von zwei rotborstigen Rüden umlaufen, schritt durch Wiesengründe dem Steckelberg zu, der Huttenschen Burg, die, auf hohem, steilem Kegel die hügelnde Niederung des Kinzigtales übersteigend, von Osten zum Brandenstein herüberblickt. Zwei wehrhafte Adelsgeschwister beherrschen die harten Schlösser das Gesenke zwischen den Laubwaldgebirgen, die damals schlechthin die Puch genannt wurden, der Steckelberg dem Morgen zu gegen die kahlen Sattelhöhen von Sterbfritz und das Tal der Sinn lugend, der Brandenstein abendwärts den Lauf der Straße überspähend, die von Frankfurt über Hanau, Gelnhausen und Schlüchtern nach Fulda und Eisenach führt.

Am Fuß des Steckelberges lag der Huttensche Hof Ramholz, ein steiler, einfacher Steinbau. Mangold, herankommend, sah Gedräng um die Stufen, die zur spitzen Bogentür in der Mitte des Hauses emporführten. Armseliges Volk war da 200 versammelt, Sieche und Bresthafte aller Art, Blinde und Krückenhumpler, Kerls mit abgefressenen Nasen und schwärendem Grind, Weiber mit Gesichtern wie Leinwand, aus eingebrochener Brust hüstelnd, Kinder, die statt der Augen eiternde Schlitze unter der Stirn hatten, und was sonst an Elend über die Erde kriecht. Seitwärts lehnte der Narr vom Brandenstein mit seinem bunten Kopfputz an einem Baum und blies auf dem Hollerrohr.

Auf den Stufen in der Tür schöpften zwei Mägde aus dampfendem Kessel in hingehaltene Krüge und Näpfe. Mitten aber unter dem Volk des Jammers stand eine hohe Frau in schlichtem, braunem Gewand mit reinweißer Flügelhaube, fast wie eine Nonne anzusehen.

Sie trug sich schlank und aufrecht, ihr Antlitz war von jener Schönheit, die aus dem Blut und aus der Seele kommt, und die das Alter nur klarer und edler ausprägt. Gram hatte es ernst gemacht, aber seiner frischen Färbung nichts genommen und die Güte, die es ausdrückte, vertieft und geheiligt. Es hatte so viel Ähnlichkeit mit dem Mangolds, daß man es das seine ins Milde, Weibliche übertragen nennen konnte. Die Augen, blauer und sanfter, hatten doch seinen scharfen Aufblick, die Nase den kühnen Schwung der seinen, doch stand auf der reinen Stirn eine Helligkeit, die jene des Ritters nur selten und flüchtig übersonnte, und der Mund war, ungeachtet eines herben Zuges von den Nasenflügeln herab, weich und freundlich geblieben. Wie die schlichte, vornehme Frau dem Elend sich neigte, Armut aufmerkend sah, Klagen willig horchte, wie die adelige Hand nun einem erbärmlichen Kind auflag oder ein Almosen reichte, das zeigte Mütterlichkeit, die über den engen Kreis einer Sippe hinausgewachsen und Weltsegen geworden war. Die Armen umdrängten sie mit einem Glauben, der Wunder heischte; viele küßten ihr Gewand, und wenn der Jammer um sie stieg und sich überhöhte, so verlor er doch den Trotz und die Hoffnungslosigkeit vor diesem Wesen, das Gottes Gnade auszuteilen schien.

Mangold trat in den Haufen. Als die Edelfrau seiner ansichtig wurde, kam sie rasch auf ihn zu und begrüßte ihn mit 201 einem Kuß auf die Stirn. Noch einen Trost hierhin, eine Gabe dahin, einen Rat dorthin spendend, entzog sie sich dem scheußlichen Volk, das ihr laut geschriene Segenswünsche und klagende Gebete folgen ließ, und schritt an Mangolds Seite dem Weg zu, der gegen das Schloß hinaufführte.

»Ich hab's gar vergessen, daß du heut deinen Armen-Mittwoch hast,« sprach der Junker.

Ottilie von Hutten drauf: »Bist schon so lang nimmer auf dem Steckelberg gewest.«

Mangold: »Ist mir auch heut ganz recht, daß ich dich herunten find. Hab wenig Zeit.«

»Warst du jagen?«

Mangold schüttelte den Kopf.

»Daß du ungerüstet umhergehst, wo so viel Hader im Land ist.«

»Ich hab doch den Spieß. Kennst ihn nimmer? Ist derselbige, den du mir geschenkt, da ich vierzehn Jahr worden und meinen ersten Luchs erlegt hatt.«

»Ich denk's noch gut,« lächelte Ottilie. »Du hattest den Luchs angeschossen, warst ihm nachgekrochen ins Gestrüpp, da hat er dich angenommen und übel zugericht.«

»Mit bloßem Messer hab ich ihn gestreckt. Wie stolz war ich auf die Kratzer im Gesicht und den Lappen Fleisch, den er mir aus dem Arm gerissen.«

»Da ließ ich dir den Spieß beim Waffenschmied in Schlüchtern machen und schenkt ihn dir zum Geburtstag.«

»Mir hat seither kein Geschenk mehr solche Freud gemacht. Damals ließ ich ihn tagelang nicht aus der Hand, trug ihn im Hof, in der Stube sogar.«

»Denkst du auch noch der Worte, mit denen ich ihn dir reichte?«

»Wohl. Ich sollt recht viel wildes Getier mit ihm erlegen und dabei mich auch immer des bösen Luchsen versehen, der auf jedes Menschen Seele lauert. Komm, wir wollen auf das Bänklein da niedersitzen. Heut tut die junge Sonne wunderwohl. Beim Wandern macht sie schon fast heiß.«

Wo der Weg zur ersten Schleife bog und einen Absatz in den Hang schnitt, stand eine gewaltige Eiche, der Stamm 202 gehöhlt, doch auf den ausgemoderten Wandungen schwere, weitausgreifende Äste voll frischer Triebe. In die Höhlung war ein Bildstock gemauert, der unter schützendem Vordach eine gemalte Reliefschnitzerei trug, eine mater dolorosa, ein derbes Werk von wunderbarer Tiefe und Leidenschaft im Ausdruck, das ein junger Künstler gemacht hatte, der auf seiner Wanderschaft in Not und Elend aufgefunden und oben in der Burg eine Zeitlang gepflegt worden war. Beiderseits der Gruppe der Maria mit dem vom Kreuz Abgenommenen die knienden Gestalten der Stifter mit ihren Kindern und zwei Wappen. Darunter die Inschrift: »Dies Pild ward gesetzet durch Herrn Ulrich von Hutten zum Steckelberg Ritter und seine eheliche Haußwirtin Odilia eine gebohrne Ebersteinerin vom Brandenstein dem Tag da sie Hochzeit gehalten zum fünfundzwanzigsten Gedächtnuß. A. D. 1510. Mutter der Schmerzen pitt für uns.« Vor dem Stamm eine Kniebank, daneben ein hölzerner Sitz an die Böschung gelehnt.

Da saßen sie nieder, daß sie den Blick über's Tal gegen das Dörfchen Vollmerz hatten.

Eine weiche Stille war überm Land. Die Buchengebirge in zartem Flimmerduft. Dort und da aus dem rötlichen Grau der Waldungen junges Laub grell aufflammend. Über die westlichen Vorhügel die Dächer des Brandenstein ungewiß schimmernd. Im Gras des Abhangs spärliche Blumen, Primeln, Buschwindröschen. Ein paar Nester blauer Leberblümchen unterm Schatten des Lindenstamms. Ein Goldammer zirpte irgendwo. Und der Narr, vergnügt blasend, zog unten vom Hof weg ins sonnige Tal hinaus.

Die zwei Rüden lagen lechzend vor der Bank. Der eine ließ sich von Ottilie den schnauzigen Kopf krauen und rekelte sich wedelnd auf dem Rücken. Mangold zeichnete sinnend mit dem Schaft des Spießes im Sand. Die Schwester betrachtete ihn von der Seite. Ihr Blick wurde dunkler und wärmer. Der herbe Zug um ihren Mund trat stärker hervor. Sie bewegte einige Male lautlos die Lippen, eh sie ein Wort fand.

»Hast du mir Sonderliches zu sagen?« fragte sie schließlich fast verlegen. 203

Er schüttelte den Kopf und zog weiter Striche und Kreise auf dem Boden.

Dann mit einem Seufzer aufblickend und sich zurücklehnend: »Manchmal wird mir plötzlich fremd daheim unter all den wechselnden und – nicht wechselnden Gesichtern. Dann möcht ich deines sehen – was aus ganz alter, versunkener Zeit – die besser war . . .«

»Wer ist sonst noch?« fuhr er nach einem Stillschweigen fort. »Philipp sitzt auf dem Schwarzenfels, ein Amtmann, der schier nichts mehr ist als sein Amt. Ein wackerer Mann, ein getreuer Diener seines Herrn, des Grafen . . .«

Mit scharfem Ausdruck: ». . . ein Diener. Es hat immer wie eine Kluft zwischen uns gelegen. Wir finden uns nimmer. Wann wir reden, ist's außen herum.«

Ottilie: »Philipp hat ein gut, geruhsam Leben. Du hast's nicht.«

Er, scharf: »Ich konnt es nie haben. Ich stürb daran.«

Sie, mit einem Seufzer ihre lange, blasse Hand auf seinen Arm legend: »Daß du nit am unruhvollen verdirbst. Mir ist viel bang um dich.«

Er lächelte mit wegwerfender Bewegung.

Sie schwiegen.

Er nach einer Weile: »Und was treibt Ulrich, der Alte?«

Sie langsam: »Seinen Tag. Und einen wie den andern.«

Er: »Still und mürrisch wie immer.«

Sie: »Er hat Ursach dazu. Auch er ist ein Mann der fleißigen Ruh. Die läßt man ihm nit. Da sucht er seinen Weg nebenher und drum herum. War ihm leid genung, daß er nach Württemberg gemußt in den Krieg wider den Herzog. Ist wiederkommen, als früh es ging. Und lebt halt so fort.«

Er: »Und find't nur gut, was er treibt. Hat für andere nur ein karges, hartes Wort, ein Herunterziehen der Mundwinkel.«

Sie erwiderte nichts.

Er: »Insonderheit für seines Sohnes Hantierung.«

Sie schwieg.

Er: »Und da hat er recht. Da einzig stimm ich ihm bei.«

Sie rückte atmend auf, blickte wie ängstlich suchend umher. 204

Er: »Der Umgang! Schriftgelahrte, Schwarzkünstler, Wirbelköpfe, Irrlichtgeister. – Eine Druckstub in seines Vaters Burg zu bringen!«

Sie neigte das Antlitz.

Er: »Alle Welt aufhussen, allen Brennstoff anzünden, des Teufels Geschäfte treiben.«

Er wandte sich herum, sah, daß Tränen sich aus ihren Augen preßten und in Wangenfurchen, die plötzlich hervortraten, niederrieselten wie Regenbächlein, die gewohnte Risse nehmen. Jetzt sah sie alt und verfallen aus.

Er legte die Hand auf ihre Schulter.

»Wohl, er ist dein Sohn. Du liebst ihn mehr als die andern Kinder. Ich weiß.«

Beide schwiegen.

Mangold begann wieder: »Wieviel Weh hat er dir getan. Um das allein müßt ich ihm gram sein, wann sonst nicht.«

Sie stützte das Gesicht in die Hände.

Er fuhr fort: »Aber du, je mehr er dir – uns allen – antut, desto lieber wird er dir. Der Papst flucht ihm, die Pfaffen verfolgen ihn, die Ritter meiden ihn, keiner – ob Junker, ob Bürger – traut ihm. Wie sie alle stumm werden, wenn er eintritt, wie sie zurückweichen als vor – vor einem Pestkranken . . . Wie sollt er Lieb ernten, da er Haß aussät?«

Ottilie richtete sich auf.

»Er tut es aus Liebe, aus übergroßer Liebe,« sprach sie mit nassen Augen, groß und weit hinausschauend.

Mangold: »Zu wem?«

Ottilie: »Zur deutschen Nation, zum Reich.«

Mangold: »So sagt er. Eine seltsame, eine furchtbare Liebe, die zerstören will.«

Ottilie: »Das ist's. Es versteht ihn keiner, hat ihn nie einer verstanden. Er war immer einsam in sich, als Kind schon. Ich auch versteh ihn nit, aber«, ihre Tränen brachen stärker hervor, »ich hab ihn lieb, und ob ihr alle ihn verstoßt, ich steh zu ihm.«

Wieder barg sie das Antlitz in den Händen.

Zartflockige Wolkenschäfchen hatten sich am Himmel in 205 langen Streifen hingereiht. Vor der Sonne standen sie dichter mit grauen Bäuchen und grellsilbernen Rändern. Die Gegend lag in blassem Schein. Die Schatten wurden ungewiß.

Mangold, die Hand auf Ottiliens Schulter: »Daß du ihn lieb hast, das kann dir niemand wehren, aber du sollst's ihm nit so hingehn lassen, was er treibt. Du hast ihn verzogen seit je.«

Ottilie aufgerichtet, lebhaft: »Er war ein schwaches, blasses Kind, still und fromm. Es mocht ihn keiner recht leiden. Sie höhnten seine Träumerei, witterten Übles dahinter. Der Vater um so rauher und härter mit ihm, je weniger er in der ritterlichen Schul mit konnte, tat ihn endlich, meiner Bitten ungeacht, ins Kloster. Er soll Pfaff werden, wenn er zum Ritter kein Zeug hat. Da sprang er aus, irrt' in die Welt hinein . . .«

Mangold: »Hing sich an schlimme Genossen . . .«

Ottilie: »Studierte auf eigene Faust, wanderte, hungerte, fror . . .«

Mangold: »Trank und schlug die Leier . . .«

Ottilie: »Ward krank.«

Mangold: »Wie . . .?!«

Ottilie: »Das weiß Gott, der ihn schlug. Er trägt schwer daran. Und ich –? Mangold, kannst du's messen, was es heißt, wann eine Mutter ihr eigen Kind nimmer küssen darf?«

Sie schluchzte auf und machte eine Bewegung, als müsse sie die Hände ringen.

Sie schwiegen lange.

Ottilie, sich fassend, fuhr fort: »Soll ich ihn auch noch von mir stoßen, ihn plagen, ihm vorwerfen, was er sich tausendmal selber vorwirft? Auch Gott hat mich verstoßen, spricht er in seinen dunkelsten Stunden. Gezeichnet, mit Aussatz geschlagen, allen ein Ekel geh ich um – und dennoch hab ich's gewagt und dennoch muß es vollendet sein!«

Nach einer kurzen Weile redete sie, immer lebhafter werdend, weiter. Das Blut stieg ihr in die Wangen.

»Und wenn ich ihn bestreiten will, Mutter, sagt er, weißt 206 du, was es heißt, ein deutsches Herz haben? Und einsam sein damit? – Was es heißt, ein Volk lieben? – Was ist dies Volk? Eine Herde der widersprechendsten Wesen. Junker, Bürger, Bauern. Keiner will des andern wahr haben, jeder lebt, will leben, rennt den andern nieder, weil der auch leben möcht. Jeder verbohrt und vertan in das, was ihm zunächst für der Nas steht, töricht und rechthaberisch, und doch jeder ein Deutscher, ein Kerl, wie's sonst keinen gibt auf der Welt, stark, echt, gut in sich, wann man sie zusammenkriegte, aus ihren tausend Richtungen und Sonderweglein in einen hinbrächte, ein großer, mächtiger Strom wie der alte Rhein, welch ein Volk! Die Welt müßt ihm untertan werden, und es wär ihr Schaden nit, es ging keiner zugrund dabei. Aber wo faßt man dies Volk, um es zu einen? Spricht man dem einen Deutsch, ist's dem andern Spanisch, hat man den einen gewonnen, springt der andere aus, wird einem Feind, weil man dem andern Freund sein möcht. Sagt man: Vertraget euch! so werden sie alle mißtrauisch, wie Bauern, denen einer was Neues lehren will. Ja, Mutter, ohne Dank liebt eine Mutter ihre Kinder, aber keiner liebt so danklos wie der, der ein Volk liebt. Und doch: Wie ein rechtes Weib ihre Sippe lieben muß, so ein rechter Mann sein Volk.«

Mangold hörte, das Kinn an die Faust gestützt, wortlos zu.

Ottilie fuhr fort: »Oft sagt er dann wieder voll Verzweiflung: Herr Gott, bin ich denn der einzige Deutsche? Bin ich der, in dessen Hirn und Herz all diese abertausend auseinanderstrebenden, sich kreuzenden, sich verwirrenden Fäden zusammenlaufen? Spür nur ich's, worum es geht, weiß nur ich, was geschehn muß? Ja, und gerade darum mach ich's keinem recht, bin die Zielscheibe, nach der alle schießen. Oft ist's mir, das deutsche Wesen will reden durch mich. Wie im Traum lausch ich Worten, die tief, tief heraufsteigen aus urversunkenem Grund. Dann strömen sie mir ins Blut, schütteln mich wie ein Fieber, toben mir im Hirn, brennen mir auf der Zunge, in der Hand, ich muß sie aussagen, hinschreiben, ich möcht sie hinausschreien unter Blitz und Donner als Gottes furchtbares Gebot. Wer hört sie, 207 wer versteht sie? Sie nehmen sie auf und werfen sie mir wie Steine zurück.«

Mangold: »Steine sind's. Er schleudert sie hinaus und zerschlägt kostbare Dinge damit. Fackeln wirft er in die Häuser und Felder.«

Ottilie: »Das sagt ich ihm auch schon. Da sagt er nur: Es ist so viel Altes und Morsches, das muß zugrund gehen, das muß weg, weil es sonst ohnedem bricht und das Gute erschlägt. Aber es will keiner aus seiner Moderhütte, man stecke sie ihm denn an überm Haupt. Die Menschen wohnen in ihren Lügen wie die Reiher in ihrem Unrat. Und daß der Deutsche in Mist und Moder wohne, daß sein Geist verschüttet bleibe, daß seine Flamme in der Asche ersticke, das ist die Sorge der Welt, die Furcht hat vor seinem Licht und seiner Stärke. Deß sorgt der Lügenfürst zu Rom, deß sorgt der Weltkuppler zu Paris, der sich nur Land an Land zusammenkuppeln kann, solang der Deutsche mit sich selber hadert und blind und dumm sich selbst zerfleischt. Ein gutes, starkes Tier soll der deutsche Riese sein, fremde Karren schieben, fremde Häuser bauen, fremde Händel ausfechten. Aber weh, wann er aufwacht!«

Mangold, sich aufrichtend, erstaunt: »Es ist doch auch Gutes in dem, was er sagt.«

Ottilie wärmer: »Mangold, wenn du ihm einmal wohlwillig lauschen würdest, du sprächst nimmer so hart von ihm, du müßtest ihm in vielem beifallen, würdest ihn lieber haben, wie er dich gewinnt. Er hält gar viel von dir. Drei Männer, sagt er oft, gibt's in Deutschland: den Luther, den Sickingen und den Mangold. Zwei sind erwacht. Der Dritte schläft noch. Könnt ich ihn erwecken! Aber er ist hart wie der schwarze Stein der Rhönkuppen und zäh wie Roteibenholz, und just das ist mir so lieb an ihm, er ist der deutscheste von allen. Mangold, sei gut mit ihm. Du, ja du hättest Macht über ihn, dir tät und ließ er manches zulieb.«

Mangold sinnend: »Daran zweifel ich. Aber er ist dein Sohn. So muß Gutes in ihm sein, und das will ich suchen.«

Ottilie nach einer Stille mit einiger Selbstermutigung wieder beginnend: »Und du, Mangold, du hast wieder Händel?« 208

Mangold, fast aufbrausend: »Was ist dran? Ist's nit meine Hantierung?«

Ottilie zögernd: »Siehst du, der Ulrich sagt, wann nit jeder deutsche Edelmann ein kleines Haderlein hätt', daß ihm gar die größte Sach der Welt däucht, wann man sie nur einmal zusammenbringen könnt in einen Haufen zu einem ganzen, tüchtigen Krieg wider den Feind der Nation . . .«

Mangold ärgerlich einfallend: »Nun, so sollen sie alle mir helfen wider die Stadt.«

Ottilie: »Auch die Stadt muß leben.«

Mangold: »Sagt der Ulrich, und du red'st es ihm nach, wie jedes Weib dem nachredt, den sie lieb hat, er sei Galan oder Sohn. Ich aber sag, die Stadt, und Nürnberg zuvoran, die ist der Feind der Nation und gehört ausgetilgt wie Sodom.«

Ottilie: »Das solltest du denn, wie Sodom, Gott überlassen, ansonsten vertilgst du etwan just die Gerechten und lässest die Schlimmen laufen. Aber ich will dir nit widerreden. Tu, was dir recht dünkt. Ich meine nur – die Frauen, die . . .«

Mangold: ». . . die ich nun auf der Burg hab . . .«

Ottilie: »Ja . . .«

Mangold: »Und? . . .«

Ottilie: »Warum hast du sie auf die Burg genommen . . .?«

Mangold kurz: »Weil es sein muß. Du kennst mich. Wann ich was tu, dann hab ich's bedacht. Und bin niemand Antwort schuldig.«

Ottilie: »Mangold, um Frauen ist immer Gered. Ich wollt, du kämst nit drein.«

Mangold: »Was schiert mich Gewäsch. Ich geh darüber hin wie über Schlangen im Wald, ich geh nit barfuß durchs Leben.«

Ottilie: »Sie sind noch keine paar Tage da, und schon ist Gered.«

Mangold: »Wo?«

Ottilie: »Ach, wo ist ein Gered? Es liegt in der Luft, es flüstert im Busch, es saust wie der Wind um die Fenster. Wer erwischt es? Greif nach dem Wind, was hast du? Hasch ein Gered, jeder weiß was, keiner hält stand.« 209

Mangold: »Drum, ich lauf keinem Wind nach. Aber ärgert mich was, schlag ich zu, dann ist's hin, ob Fliege oder Mann. Das wissen die Leut auch und hüten sich.«

Ottilie, sehr zögernd: »Aber du, hüt'st du dich auch?«

Mangold: »Wovor?«

Ottilie: ». . . vor dem Luchs, der auf die Seelen lauert.«

Mangold, kurz auflachend: »Schwester, ich bin doch kein Bub mehr!«

Ottilie: »Mangold, du hast's nit gar gut daheim.«

Mangold: »Warum nit gar. Ich fühl mich recht wohl.«

Ottilie: »Was führst du dann so viel im Land um?«

Mangold: »Junkerblut.«

Ottilie: »Mein Ulrich, der alte, sitzt gar fest.«

Mangold lachend: »Um so weniger der Junge. Umgekehrt wär dir besser und mir lieber. Und wann ich viel umfahr, das stimmt, da kann erst recht bei mir zu Haus sein, wer mag, ich bin ja doch nit daheim.«

Ottilie, nach Überlegung: »Mangold, deine Margarete, sie ist ein gutes, braves Weib . . .«

Mangold: »Wie dein Ulrich ein Mann, aber – du magst die Schwägerin so wenig wie ich den Schwager.«

Ottilie: »Ich mag sie ganz gern. Hätt' dir freilich lieber eine gewünscht, die – die mehr ein Weib ist.«

Mangold zuckte die Achseln und schwieg.

Ottilie: »Sie war hübsch und frisch, als dich die Rosenbergischen mit ihr fingen.«

Mangold trocken: »Nun hat sie einen Bart und eine Stimm wie ein Feldhauptmann.«

Ottilie: »Ja, sie wär gut vor einen Landsknecht.«

Mangold: »Drum ist sie gut auf dem Brandenstein.«

Ottilie: »Wär da eine andere Hausfrau, der Ort wär kein Heerlager.«

Mangold: »Etwan eine Spinnstub. Da ruckt ich aus für immer.«

Ottilie: »Es müßt keine Spinnstub allein sein. Aber wo gut gesponnen wird, da sind saubere Lacken und lassen sich Männer wohl halten. Du hast's nie erfahren, wie eine rechte Frau tut.« 210

Mangold: »Ich brauch's nit, hab keine Zeit.«

Ottilie: »Du brauchst's wohl, ich kenn dich lang. Du bist gar gern in den Spinnstuben gesessen, hast Garn wickeln helfen und gered't und gescherzt dabei und warst gar gern gesehn bei den Weibern.«

Mangold: »Das ist lang her. Nun bin ich alt.«

Ottilie: »Nit so alt, daß du dich nit hüten müßtest vor einer schönen Frau – und sie vor dir.«

Mangold: »Ich wußt nit, daß sie schön ist. Aber sie ist so ehrbar wie du selbst. Komm hinüber und schau sie dir an, dann wirst du ruhig sein.«

Ottilie: »Bring sie herüber und laß sie da, ich hüt sie gut.«

Mangold: »Da kriegt dein Alter die Fraisen, jagt sie hinaus auf die Stund, er mag keinen Handel mit Nürnberg und niemand.«

Ottilie wußte nichts darauf zu erwidern.

Mangold erhob sich. Die Hunde fuhren auf. »Schwester,« sprach er, »wir sind ein eigen Geschlecht. Es mag nichts zu uns passen. Auch was wir uns da angeheuert haben, ist uns fremd blieben im Wesen. Ich hab mir oft andere Frauen angeschaut und immer gedacht dabei, es ist so gleich, die oder jene. So wie der Vater und die Mutter zusammen waren, so hab ich noch kein Paar gesehen, und da sind denn auch wir draus geworden und haben eine Heimat gehabt, wie sie Menschenkindern selten werden mag, und wollen Gott danken dafür und unseren seligen, adeligen Eltern bis ans End.«

Durchs alte Laub der Eiche über ihnen ging ein Flüstern wie ein Hauch aus einer anderen Welt. Auch Ottilie war aufgestanden und sah ihm bewegt ins Gesicht.

Er faßte ihre Hand und fuhr lächelnd fort: »Und das einzige Weibwesen, das mir zur Frau passen möcht, das hat Gott zu meiner Schwester gemacht.«

Er führte ihre Hand an die Lippen.

»So muß es uns dann recht sein, wie's ist,« schloß er. »Nun leb wohl, ich muß heim. Geh du in dein Werk, ich geh ins meine. Bis nun haben wir's beide gut geführt und der Welt nit merken lassen, wann Leid dabei war. Denn das geht 211 keinen nichts an. Und wegen der schönen Frau, da sei ruhig. Ich bin ein Ritter und weiß, wie ich's zu halten hab.«

Sie schloß ihn stumm in die Arme und zeichnete ihm dann ein Kreuz auf die Stirn.

Die Hunde schwänzten und heulten ungeduldig.

»Grüß deine Ulrichs,« sprach er, zum Gehn gewendet. »Der Alte soll mehr, der Junge weniger reden. Dann wird allen zusammen wohler sein da oben.«

Er winkte noch einmal und ging mit starken Schritten den Berg hinab.

Ottilie stieg langsam den Pfad zur Burg hinauf. Nach einer Strecke wandte sie sich um. Die Sonne war wieder rein. Stärkere Wolkenballen stockten grellweiß gehäuft über den Waldbergen. Mangold schritt unten durch grüne Wiesmatten talaus. Die Hunde umjagten ihn mit tiefen Nasen. Lange verfolgte sie seine kräftig und frei hinwandernde Gestalt mit sorgenvollen Blicken.

 

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