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Ritter, Tod und Teufel

Hans Frhr. von Hammerstein: Ritter, Tod und Teufel - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleRitter, Tod und Teufel
authorHans Freiherrn von Hammerstein
year1921
firstpub1921
publisherC. F. Amelangs Verlag
addressLeipzig
titleRitter, Tod und Teufel
pages434
created20181004
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Hinterm Busch

Auf der Landstraße, die von Nürnberg durch den Steigerwald über Kitzingen nach Würzburg führt, ritten von Iphofen heraus gegen Mainbernheim zwei wohlgekleidete Männer. Es war noch gar früh am Tage. Hinter den Steigerwaldhöhen, die hier mit den Burgbergen des Speckfeld und Schwanberg basteiartig ins ebene Land abfallen, stand ein windiges Morgenrot in hochgezausten, brandroten Dunstflammen, das würdige Städtlein Iphofen unten mit dem hohen Landturm, dem stattlichen Kirchengiebel und den rotbedachten Türmen und Türmchen seiner wehrhaften Wälle lag massig und traumdüster im Grau der Frühe, während Mainbernheim, das nicht minder rot und vieltürmige, in einiger Entfernung von Westen aus freundlicher Wiesenmulde zwischen hochwipfligen Aubäumen schon tagfroher herübersah. Der Himmel, in weichem Lichtblau über die von zartem Grün angelaubten Wälder des ausschwingenden Hügellandes und die duftige Mainbreite sich wölbend, versprach eine sanfte Frühlingssonne, und die brautfrische Lieblichkeit dieser fränkischen Landschaft störte einzig der Rabenstein, der etliche hundert Schritte nordwärts der Straße auf einer Bodenwelle als ein dreibeiniger Schattenriß schwarz und steif, krähenumflattert und verhängnisumwoben gegen das glutige Tagen starrte.

Die beiden Männer freuten sich des angenehm lauen Morgens und ritten lebhaft plaudernd dahin. Plötzlich verstummten sie, drei andere Reiter gewahrend, die ihnen von Mainbernheim herauf langsam entgegenzogen und an den breiten Hüten, Waffen und sonstiger Eigenheit sogleich als 181 zu jener Art gehörend erkennbar waren, die das Reisen auf mittelalterlichen Straßen allemal zu einem Wagnis machte.

»Habt keine Furcht, Herr Doktor,« sagte der eine, der zur Linken ritt. »Wir sind hier im Bannkreis gar mächtiger Herren und fester Städte, haben auch gutes Geleit in der Tasche. Ungerochen mag uns keiner was antun.«

»Die Rache«, versetzte der Doktor Angeredete, »ist ein geringer Trost, so man erst ein paar Wochen im Turm irgendeines Buschkleppers gelegen.«

Indem waren die drei Reiter nahe gekommen. Der erste, ein kräftiger Mann, trug einen schwarzen, fliegenden Kittel über rotem Wams, das, in breitem Schlitz über der Brust offen und zierlich mit schwarzen Schnüren gehalten, das weiße Hemd durchblicken ließ, dessen gefälteter Saum einen auffallend langen, sehnigen Hals umschloß. Sein Antlitz war nichts weniger als Behagen einflößend, braunblond und wollig gebartet, wetterhart und derb, eine stark vorschwellende Unterlippe, die mehr Gleichmut als Wohlwollen aussprach, eine herausfordernde, knotige Nase, die bucklige Stirn kreuz und quer zerfaltet, und was die sonst heitere, offene Miene zumal zweifelhaft machte, war, daß das linke Augenlid, von einem Schlag oder Stich durchschnitten, halb über den weißlich getrübten Stern herunterhing. So schien der Geselle immer vielsagend zu zwinkern und hatte etwas Lauerndes, ungewiß Spöttisches im Ausdruck, das im Verein mit der Kraft und sicheren Ruhe seines Gehabens nichts Gutes ahnen ließ. Sein Haar umschloß eng eine grüne, mit roter, weißer und gelber Farbe gezottelte Kappe; über diese hatte er einen zerhauenen Hut aus grobem, schwarzem Filz mit rot und weißer Federzier keck in den Nacken gestülpt.

Er ritt einen hohen, knochigen Fuchs mit großem Ramskopf, Schlappohren und kurz geknotetem Schweif. Am Sattelbogen hatte er einen Streitkolben hängen. Die zwei geharnischten Knechte hinter ihm, der eine auf einem Grauschimmel, der andere auf einem Rappen, hatten rohe Gesichter, die einander sehr ähnlich waren.

»Guten Morgen, Junker,« rief der Begleiter des Doktors vertraulich-heiter und schwenkte den Hut. 182

Der Junker hielt das Pferd an und betrachtete die zwei, ohne den Gruß zu erwidern, wie ein Raubtier, das kühl erwägt, ob der Sprung dafür stehe oder nicht.

Der Doktor lüftete gleichfalls den Hut, wagte aber kaum hinzusehen. Sie ritten vorbei, waren aber noch keine fünf Schritte weit, als der Edelmann sie scharf anrief: »Wer seid ihr?«

»Ei, kennt Ihr mich nimmer?« sagte der andere, indem er nun auch anhielt und zurückblickte. »Bin doch der Mertein Seldner, der Kramer und Hirschenwirt zu Neustadt an der Aisch. Und dies da ist mein guter Freund, der wohlgelahrte Herr Thomas Schwarz aus Augsburg, beeder Rechte Doktor, den ich auf Würzburg zu seiner bischöflichen Gnaden geleit.«

»Wahrlich!« sprach nun der Junker und lächelte auf einmal ganz gewinnend-freundlich, »ich hätt Euch schier verkannt. Nun, dann gute Fahrt und grüßt mir das ganze Kapitel, insonders meinen guten Bruder Ludwig.«

Der Krämer drauf: »Will's bestellen. Habt wohl große Geschäfte, daß Ihr so früh auf seid?«

Der Junker: »Es wird ein schöner Tag, geht jeder seinem Gewerb nach.«

Der Krämer: »Herr, dem Tag leih ich nit viel auf sein Gesicht. Seht nur das rauchige Windrot. Mag heut noch Sturm und Wetter geben.«

Der Junker: »Kann sein. Itzt liegt immer Sturm und Wetter in der Luft.«

Der Krämer: »Gott segn Eure Fahrt, Herr.«

Der Junker nickend: »Eure desgleichen.«

Sie grüßten neuerdings und ritten nach entgegengesetzter Richtung ab.

Als sie eine Strecke vor waren, sagte der Doktor leise: »Ein unheimlicher Gesell!«

Der Krämer drauf lächelnd: »Das ist der Zeisolf von Rosenberg, sitzt auf Gnotzberg da drüben, einer der verwogensten Strauchdegen im ganzen Frankenland. Aber ein gar lustiger Herr. Der schlagt euch die Laute wie keiner weit und breit, drum sieht man ihn gern in Schenken, auf Hochzeiten und 183 Festen, so man nit grad denen verwandt ist, mit denen er Händel hat.«

Der Doktor sah um. Der Ritter hielt ein Stück weiter oben an der Straße. Die drei Reiter standen im Sehfeld just gegen den Rabenstein. Die Morgenglut über den Bergen war in feurigem Vergilben. Gleißendes Licht stieg auf und überfloß schon die feinen Wipfelrisse des Höhenkammes und die starken, dunklen Baumassen der zwei Bergschlösser wie silberiger Schaum.

»Einen Hals hat er,« meinte der Doktor nachdenklich, »einen Hals wie gewachsen für das Richtschwert.«

»Da sei Gott vor,« lachte der Krämer und Wirt. »Er steht bei mir gar tief in der Kreiden.«

Sie ritten eine Straßensenkung hinab und verschwanden.

Zeisolf von Rosenberg hatte ihnen nachgesehen. Jetzt äugte er ins Land gegen Südosten, wo im Zug der Straße die Türme von Einersheim herüberblickten, und gegen Süden umher. Einer der Knechte deutete stumm auf den Waldsaum im Mittag, wo an einer Stelle leichter Rauch aus den Wipfeln stieg. Zeisolf trieb seinen Fuchsen an, und die drei ritten langsam einen Feldrain entlang dem Walde zu. Als sie dem Holz nahe kamen, trat ein Späher zwischen den Stämmen vor und winkte ihnen. Der Junker ritt heran.

»Da drinnen sind sie,« sagte der abgesessene Reiter, »bei hundert Gäng das Bächlein hinauf, wo's den Wiesengrund unter den Eichen macht.«

Der Junker: »Und kochen, daß man den Rauch bis Kitzingen sieht.«

Der Knecht sah verwundert an den Wipfeln hinauf.

Der Junker: »Mögen sie kochen. Der Braten hat ohnedem schon Füß gekriegt.«

Er ritt mit seinen Begleitern in den Wald und am Rand eines dünnen, vermoosten Bächleins fort.

Auf der kleinen Lichtung, einem angenehmen Platz unter breitkronenden, alten Bäumen, lagen zwölf bis fünfzehn Reiter um ein Feuer. Die gesattelten Pferde standen angebunden im Holz herum. Eben, während Zeisolf von der einen Seite anritt, kam drüben aus dem dichteren Wald her 184 zu Pferd eine Frau in langem, grünem Reitkleid mit einem großmächtigen Hut und wallendem Federputz auf aschblond hervorquellendem Haar. Kunz von Rosenberg und Philipp von Rüdickheim waren ihr entgegengegangen. Der Frau folgten zwei Fußknechte, die ein bepacktes Tragtier führten. Sie hielt an und ließ sich vom Sattel weich in Kunzens Arme niedergleiten, der sie sachtsam auffing und zu Boden stellte. Dabei hatte sie den Arm um seinen Nacken geschlungen. Nun gähnte sie und sah schläfrig umher mit Augen, die so mild und matt wie ein schwüler Frühlingshimmel waren und, von müden, durchscheinend zarten Lidern halbverdeckt, durch lange, seidenhelle Wimpern wie durch Schleier blickten. Ein bläulicher Schattenkranz zog sich unter jedem zur feinen Nasenwurzel hin und war schier die stärkste Farbe in dem ganzen, sehr weißen Gesicht, von dem die weiche Rundung des Mundes kaum abstach, der blaß und weit aufgeblüht war, gleich einer wilden Rose, die zerfallen will. Zwei Wangengrübchen, beweglich erscheinend und verschwindend, gaben dem trägen Ausdruck etwas leicht Spöttisches. Um den bloßen Hals hingen ihr drei Reihen großer, mondflimmernder Perlen in den sehr tiefen, spitzenumsäumten Busenausschnitt nieder.

Zeisolf war unvemerkt hinter die Gruppe geritten.

»Ei! Da mag das Fest nur wieder beginnen,« lachte er höhnisch. »Zu essen gibt's, zu trinken auch, und am Weibe fehlt es nit. Wie wär's mit einem Tänzlein im grünen Walde, schöne Wittib von Aub? Ist das best, das zu tun bleibt, dann die Nürnberger sind ohnedem durch und dahin.«

»Durch – wo? Hin – wo?« riß es den Kunz herum. »Zurück auf Nürnberg? Flugs – die Pferde! . . .«

Zeisolf: »Nur sachte, nur sachte, Bruder. Stoß dir kein Eck ab. Die kriegst du nimmer. Nit auf Nürnberg sind sie zuruck, aber der gnädige Herr zu Wertheim hat ihnen zwölf wohlgerüste Reuter gesandt, und die haben die guten Pfefferfuhren zwischen genommen, und itzt geht's dahin schön sicher über Giebelstadt und Neubrunn dem Main zu.«

»Gotts Marter!« loderte der Kunz auf. »Daß ihn der rote Franzos ankomm! Ein feiner Hauptmann fränkischer Ritterschaft! Holt uns den sauer errittenen Braten weg!« 185

»Meinst du dann,« lachte Philipp von Rüdickheim, »er wär unser Hauptmann darum, daß er uns Nürnberger War zuführe?«

Der Kunz fluchte und tobte fort und lief in der moosigen Wiese umher wie ein geärgerter Hahn. Susanne Truchseß schlug ein schallendes Gelächter an, wodurch er noch mehr in Grimm kam.

»Aber der Tropf soll ihn schon schlagen, den Grafen, den Schirmer aller Pfeffersäck,« meinte nun Philipp, indem er mit weher Miene ein Bein aufzog. »Die ganze Nacht in der Feuchte gelegen, das Podagra fuchswild in den Knochen geworden – da hätt ich mir besseren Spaß gewußt.«

»Und ich bin vor den Hühnern aufgestanden«, maulte die Truchsessin mit reizendem Gähnen und Armerekeln, »und dacht, ich fänd euch mit dem Imbiß schon nach gutem Fang, vier volle Wagen unterwegs zu mir oder auf Gnotzberg. – Und so kalt war's zum Reiten,« setzte sie schauernd hinzu.

»Da hätt ich mich halt an Eurer Stell nit so tanzlich aufgetan,« versetzte Zeisolf, indem er sich abwarf und das Pferd dem Knecht übergab. »Seid ja ausgeputzt und tragt Eure Schätz im Schauladen, als ging's zu einer markgräflichen Reiherbeize.«

Susanne ließ sich matt hängen und sah ihn mit kindlichem Augenaufschlag lächelnd an.

»Nun kommt alle nach Aub zurück,« sagte sie, zu Kunz gewendet. »Wir wollen aus der traurigen Nacht einen lustigen Tag machen, als hätten wir den Bürgermeister selbsten gefangen.«

»Erst frühmahlen!« rief Kunz. »Ich hab Hunger!«

Die Knechte hatten inzwischen das Tragpferd abgepackt, eine zinnerne Flasche mit Wein für die Edelleute, eine Butte Bier für die Knechte hingestellt, und auch Brot, Würste und Bratfische wurden auf einem hingebreiteten Tuch ausgelegt.

»Der Teufel hol die Buschklepperei!« schimpfte Philipp. »Ich hab's satt, ich reit heim.«

Zeisolf, die Flasche in der Hand, nach einem tiefen Zug: 186

»Durch was ist der Wald so grise?
Durch was ist der Wolf so wise?
Von mannigem Alter ist der Wald grise,
Von unnützen Gängen ist der Wolf wise.

Viel unnütze Gäng machen einen guten Jäger, Philipp. Ich reit heut nit heim, ich will noch ein wenig an der Straßen liegen. Kein übler Pirschtag, viel unterwegens. Ist mir der Hahn entwischt, vielleicht bleibt mir ein Spatz in der Hand. Ist auch besser, dann dreingespuckt. Euch aber rat ich, mit der ganzen Mahlzeit um etlichs weiter waldein zu reisen und gute Fürpasser aufzustellen. Die ganze Gegend ist nun voll von dem daneben gegangenen Streich. Unsere Reiter hat man hin und her wischen sehen. Kunnt leicht sein, daß euch ungebetene Gäst anrennen, etwan vom Grafen zu Castell oder die Nürnberger Söldner, die am End doch noch daher kommen, daß sie die Wagen von Ochsenfurt geleiten, und leicht ein Geschrei in Iphofen oder Mainbernheim oder Kitzingen machen und ein paar Bürger zur Hilf aufbringen. Eine Rauchfahn habt ihr ohnedem schon ausgesteckt, daß man sie von der Straßen sieht.«

Der Rat wurde befolgt. Man packte notdürftig zusammen, die Knechte banden die Pferde los, und der Zug bewegte sich tiefer in den Forst hinein. Zeisolf und Philipp, der mit ihm zu reiten beschloß, verabschiedeten sich von der Wittib Truchseß. Kunz, nach kurzem Überlegen, hielt sich zu ihr. »Der Mars hat ihn veracht, so wirft er sich der Venus in die Arme,« raunte ihm Philipp lachend zu.

Zwei Reiter traten an Zeisolf heran.

»Herr, mir sein thüngisch,« sagte der eine. »Wo ist unser Junker hin?«

Zeisolf drauf: »Herr Fritz von Thüngen, der ist mit dem langen Knecht vom Brandenstein, dem Fiedler oder Pfeifer, hinter den Wagen her, ob sich das Geleit etwan hinter Wertheim aufhörte und noch was zu holen sei. Den ereilt ihr nimmer. Wo liegt ihr?«

Der Knecht: »Auf dem Reußenberg. Der Herr Fritz war just dort, als der Pfeifer kam. Da hat er uns mitgenommen.« 187

»Kommt mit mir,« sagte Philipp, »wir haben einen Weg bis mindstens Würzburg oder Retzbach.«

So teilte sich der Trupp, und nachdem sich die nordwärts Reitenden noch mit Imbiß und Trunk versehen hatten, saßen sie auf.

Sie ritten gegen den Rand des Waldes, aber nicht aus diesem heraus, sondern im Holz, das licht war, fort. Gegen die Ochsenfurter Straße hin, die vor Mainbernheim von der nach Kitzingen abzweigte, stieß der Wald in einer breiten Zunge vor, die mit ihrer Spitze an einer das Straßenband überhöhenden Böschung endete. Als sie diese Stelle erreicht hatten, sagte Zeisolf zu dem von Rüdickheim:

»Das ist ein feiner Platz. Guck nur: da lugst du drei Straßen auf und ab und schier bis an den Main hinunter. Hab dahier schon manchen Tag gelegen und nit immer umsonst. Wir wollen absitzen.«

So taten sie, schickten die Knechte mit den Pferden auf Pfiffweite ins Holz zurück und lagerten sich im Gesträuch auf die Mäntel, so daß sie die Straßensenkung bei einer Klafter unter sich hatten und westwärts die Niederung mit einer Wegkreuzung, ostwärts über das Berglein hinweg aber alles, was von Iphofen und Mainbernheim käme, übersehen konnten.

Die steigende Sonne wärmte schon durch das laublose Eichengestrüpp, ein leichter Wind strich manchmal durch die höheren Wipfel, ging aber nur in gelinden, lauen Wellen über den Boden, die dürren Gräser und die darin Ruhenden hin.

»Mich schläfert,« sagte Philipp, als sie eine Weile gelegen hatten. »Du hast leicht lachen, bist die Nacht im Bett gewesen.«

Zeisolf: »Geschlafen hab ich wohl, bin aber auch nit aus den Stiefeln kommen. Schlaf nur. Ich paß auf für zwei.«

Philipp legte das Gesicht auf die überkreuzten Arme und schien bald entschlummert. Der Rosenberger spähte ruhevoll aufmerksam landauf, landab. Außer einem pflügenden Bauer da und dort war nichts zu sehen. Krähen flatterten um frische Furchen und schritten pickend in den Feldern, Stare 188 hoben sich in einer schwirrenden Wolke dunkelschimmernd durchs Blau und fielen wieder irgendwo ein.

Eine gute Weile war dahin, da ließ sich von Morgen her ein ferner Gesang vernehmen. Zeisolf sah hin und bemerkte zwei Gestalten die Straße herabkommen, in denen er alsbald fahrende Studenten erkannte. Sie schritten munter aus, sangen und verstummten und sangen wieder. Philipp hob den Kopf, lauschte und spähte gleichfalls nach der Richtung, woher die Stimmen kamen. »Ach!« gähnte er. »Vagantenbrüder.« Und senkte die Stirn wieder auf den Arm. »Horch!« sagte er dann, sich halb aufrichtend. »Was ist das für ein Lied? Das kenn ich gut.«

Zeisolf nickte und brummte ihm vor:

»Zu Oeberndorf sind zween neue Orden auskummen,
Das haben wir trunkene Brüder wohl vernummen
.   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .  
Gling, glang, gloria«Uhland: Volkslieder.   .   .   .   . und so fort.

Philipp, aufsitzend: »Das ist ein gutes Liedlein! Du weißt gewißlich noch den Text. Wie geht's weiter?«

Zeisolf, heiser summend:

»Der ander Orden ist von klugen Sinnen:
Wer da will mit Saufen und Fressen gewinnen,
der mach sich dar!
Er laß sich nit genügen
an Kandeln und an Krügen,
gling, glang, gloria,
des Fasses nehm er wahr.«

Philipp, während der Gesang näher kam und deutlicher wurde, heiter und ganz ermuntert, stimmte ein:

»Der Abt, der sprach: Wir Brüder wöllen tollen,
Wir wöllen saufen zu Halben und zu Bollen.
Wer das nit kann,
er soll bei uns nit bleiben,
aus dem Orden wöllen wir ihn schreiben,
gling, glang gloria,
wir wöllen ihn bei uns nit han.« 189

Die Studenten kamen den Bühel herab:

»Ei, Seltennüchtern ist allezeit der Beste,
auf seinen Füßen stand er nit gar feste,
er gang die quer,
er schlick das Bier und schlag den Gast.
Wohlauf und laßt uns eilen zum Faß,
gling, glang, gloria,
und taumeln hin und her.«

Nun hielt sich Philipp nicht länger. Er sprang auf und sang lustig mit den Vaganten:

»Der Abt, der sprach: Wie möcht uns baß gelingen?
Wohlauf, ihr Brüder! Wir wöllen Metten singen,
ist unser Art.
Der Gsang der laut so wünderlich,
sie ruften alle dem Uolerich,
gling, glang, gloria,
und jeder wischet sein Bart.«

Die Schüler schwenkten die Barette und lachten. Die Junker standen oben und grüßten fröhlich hinab.

»Einen schönen guten Morgen, ihr edlen Herren!« rief der eine herauf. »Wann ihr Nürnberger faht, so schlagt sie in Stock, laßt sie hungern und dürsten! Sie han uns nichts zu trinken geben für Gotteslohn in der schlechten Stadt!«

»Soll geschehn!« rief Zeisolf zurück. »Hätt ihr nur gleich ein paar Ratsherren mitbracht!«

Der andere Student: »Sie stunden in Pantoffeln wohl unter der Tür, traute sich keiner auf die Straßen herfür, sangen:

»Man darf nit ziechen aus dem Land
nach fremder Abenteure,
es ist ein wilder Edelmann
gling, glang, gloria,
der macht sie ungeheure.«

Der Erste: »Hol der Teufel alle Philister! Ein heia ho! all fahrendem Volk zu Roß und zu Fuß!«

Die Junker: »Ein heia ho!«

Sie zogen vorüber, und während sie hinwanderten, verklang es, und summten ihnen die Ritter nach: 190

»Auf den Abend wurden sie behende,
sie liefen mit den Köpfen wider die Wände,
da kein Tür nit was.
Sie fielen in die Winkel,
sie sprachen: gebt uns zu trinken,
gling, glang, gloria,
wohl aus dem hohen Glas!«

»Eine Stimm hast du wie eine Galgenkrah,« sagte Philipp, indem er sich wieder ins Gras streckte.

Zeisolf: »Mir gefallt sie, sagte die Krah, als ihr der Gutzgauch solches vorwarf.« Und legte sich neben den Rüdickheim auf den Bauch.

Nicht lang, so kam von der andern Seite ein zerlumpter alter Mann mit einem Hundekarren, auf dem ein Weib saß, das ein schreiendes Kind im Arm hatte. Als sie zur Stelle kamen, wo die Straße anstieg, hielt der Alte und schalt: »Steig runter, faule Metze! Dein Bankert kannst liegen lassen. Den derzieg ich noch. Ich wollt, es schnitt ihm wer den Schreihals durch. Der Teufel soll alle Landsknecht und Huren holen und dich dazu!«

Er fluchte fort, indem er die Deichsel nahm und dem Hunde ziehen half. Das junge Weib, abgehärmt und matt, ging hinterher. Nicht ganz auf der Anhöhe stand am Wegrand eine breitschirmige Föhre. Da ließ der Mann den Karren stehen und warf sich ohne weiters ins Gras. Der Hund legte sich im Geschirr mit langer Zunge keuchend nieder, die Frau nahm das schreiende Kind und schritt, es wiegend und einsingend, hin und her.

Unter den lauernden Junkern ging sie her und sang:

»Mein Feinslieb ist von Flandern
und hat ein wankeln Mut . . . .«

Ihr hübsches Gesicht war bleich und verfallen, ihre Kleidung, aus feinen Stoffen, abgetragen und liederlich, zeigte, daß sie bunte Tage gelebt hatte. Sie kehrte um und tänzelte wieder hinauf. Dann saß sie an der Böschung nieder und hielt das Kind an die Brust.

Plötzlich streckte sie den Kopf und horchte auf, und die Junker oben taten desgleichen. Von Iphofen her kam dumpfer 191 Trommelschlag. Zeisolf und Philipp spähten scharf die Straße hinauf. Eine dunkle Masse wurde dort sichtbar, die Staub aufwühlte und, langsam heranrückend, immer farbiger sich entwickelte. Jetzt loderte es vorn auf wie ein Fahnenwirbel, und ein Reiter war zu unterscheiden, der an der Spitze zog.

»Landsknechte!« flüsterte Philipp.

Zeisolf erhob sich vorsichtig. »Wir wollen aufsitzen,« sagte er leise, »daß wir Fersengeld geben können, so sie etwan nürnbergisch oder bündisch wären und uns was wollten.«

Sie krochen zurück und eilten zu den Pferden. Nach einer Weile ritten sie wieder heran, hielten zwischen den Bäumen und beugten sich in den Sätteln vor, um die Straße zu übersehen. Die Knechte standen weiter hinten aufgesessen im Holz.

Das Fähnlein kam näher. Trommeln und Schwegelpfeifen machten eine nicht eben schöne, aber kriegerische Musik. Dazwischen hörte man die Landsknechte in rauhem Chor singen. Der Fahnenschwinger, der vorauszog, schlug eben mit dem Banner ein Rad.

»Schwarzgelb geflammter Saum,« sagte Zeisolf, »und ich seh was wie die Kugeln im Feld. Seind Sickingsche.«

Er richtete sich unbesorgt auf und horchte der Weise, die sie sangen. Plötzlich schoß ihm das Blut ins Gesicht, und seine Stirn ward finster.

»Zum Teufel – das Lied!« schnob er.

Philipp lachte: »Ei, die Weis von Herzog Ulrich geht dir widers Haar?

»Und laßt es weit erschallen
im Württemberger Land!
Des Hutten Büchsen, die knallen,
das tut den Schwaben so and.
Er hat sich in das Rieß gelegt,
da man die jungen Gänslein zeucht
und hat noch keins erschreckt!«Uhland: Volkslieder.

Zeisolf: »Kaum eine Woch bin ich aus Württemberg zurück, da lagen die Sickingschen Landsknecht mit uns wider den Herzog zu Feld – und jetzt singen sie den verdammten Spottvers auf meinen armen Schwager Frowin.« 192

Philipp: »Was wiltu? Sind halt Landsknecht. Die meinen nit, was sie just singen, und singen nit, was sie just raufen. Heut schwarzgelb, morgen gelbrot. Der Sickingen war auch erst mit dem Herzog wider Euch.«

Der Kopf des kleinen Heerwurms, ein kunterbunt gekleideter Fähndrich zu Roß, dem der Bannerträger, die Trommler und Schwegler folgten, erschien oben auf dem Bühel. Schrill schrien die Pfeifen, schlachtgewaltig rollten die Trommeln in die fast schwermütige, langsame Marschweise des Liedes. Die Truppe bog sich nun herab und war gut zu überblicken. Es mochten nur etwa dreißig Soldaten sein, aber was mitlief und hinterher zog, das machte eine stattliche Länge aus. Schier jeder hatte ein Frauenzimmer und einen Buben bei sich, der Lanze oder Büchse, Helm und Mantel schleppte, und als Schwanz folgten drei hochbepackte Wagen, auf denen die Faulen mit Weibern saßen, und Kisten, Schanzzeug, Lagergerät, Bettzeug, Hühner und Gänse, die aus Steigen die Hälse reckten, und sonst gegartete und fouragierte Dinge geladen waren. Schweine quiekten irgendwo unterm Heu, ein magerer Ochs hatschte angebunden mit, ein paar Ziegen, von einem Troßbuben behütet, liefen nebenher und grasten vom Wegrain.

Der Kommandant, in einem schwarz und schwefelgelb gestreiften Wams mit gleichfarbigen, geploderten, zerschnittenen und dreifach gerafften Ärmeln und Hosen, hatte ein solches Ungeheuer von Hut mit einem solchen Schwall von gefärbten Straußfedern aufgestülpt, daß man von seinem Antlitz schier nichts als einen wilden, roten Bart sah.

Die Junker hielten still und unbemerkt im Holz, ließen den Führer und die Marschmusikanten vorbeiziehen und betrachteten die wildbunte Schar, die bärtigen Gesichter unter breiten Hüten oder Eisenhauben, die wüsten Gestalten in Wämsern mit gelappten und geploderten Ärmeln und Hosen, die immer grellfarbig, wenn auch vielfach geflickt und verschlissen waren, die Weiber geschminkt und schmuckbehängt in unordentlichem Putz, manche geschürzt bis über die Knie.

Der Zug war recht mitten vor ihnen, als plötzlich an seinem Ende kurz vor den Wagen Geschrei und Bewegung entstand. 193 Das Kärrnerweib mit dem Kind war in einen heftigen Wortwechsel mit einer der kriegerischen Damen geraten, die offenbar irgendein schlimmes Wort im Vorübergehen hingeworfen hatte. Ausbündige Benennungen zischten hin und her. Die brauche sich gar nit zu pfauen, würde auch noch einmal auf den Mist kommen; wie es würde, wenn man sich mit Lenningern einließe, sähe sie dahier und so fort. Der alte Mann mischte sich darein und hetzte seine Tochter noch auf, das arme Weib, nachdem sie ihr schreiendes Lumpenbündel unsanft auf den Karren gelegt hatte, fuhr mit Fäusten und Nägeln auf die geputzte Krönerin hin, daß alsbald Federn und Lappen flogen, die zunächst Stehenden ergriffen teils Partei, teils sahen sie lachend zu, der Galan der Angegriffenen aber riß seinem Buben den Spieß von der Schulter und ging wütend auf die Bettlerin los, die mit fürchterlichem Gekreisch hinter den Karren floh.

Da drückte Zeisolf seinem Fuchsen die Sporen an, und langen Halses mit ein paar mächtigen Sätzen war das Pferd über die Böschung auf der Straße unten und stob in den balgenden Knäuel hinein.

»Willst du von dem Weib lassen, verdammter Gartvogel!« schrie der Ritter, den Kolben schwingend, und schon flog die Eisenhaube des Landsknechtes mit Schall zu Boden, und ihr Träger, über den Spieß stolpernd, schlug längslang in den Straßengraben. Jetzt aber wandte sich der Tumult wider den Ritter. Das ganze Fähnlein machte kurz kehrt und Front gegen ihn, wie ein Windstoß warf es die Halparten herum und trieb sie in einen Keil auf ihn zusammen. Philipp von Rüdickheim, der sein Pferd sogleich im Sprung hatte folgen lassen, zog blank, die fünf Knechte hielten auch nicht mehr zurück. Zeisolf, ein paar Spieße, die ihm zu nahe kamen, mit Krach hinwegschlagend, schrie: »Und daß ihr's wißt, ich bin der Zeisolf von Rosenberg, und da hint hab ich zwanzig Reuter stehn, wann ihr wollt übern Haufen geritten sein!«

»Halt!« brüllte der Fähndrich, der eilig den Gaul verkehrt und in Trab gesetzt hatte. »Gewehr auf! Stillgestanden! Wo ist der Zeisolf von Rosenberg?«

Zeisolf, ihm zugewendet: »Hier steht er selbst!« 194

Der Fähndrich: »Zeisolf! Alter Stallbruder! Kennst mich nimmer? Da sollt uns doch der Teufel schänden, wenn wir zwei uns in Lappen schlügen!«

Zeisolf, den Kolben senkend: »Du bist's, Max? Bei Gott, in so viel Geploder und Federn, wie hätt ich dein Gesicht finden mögen!«

Und Philipp zugleich: »Du, Max Behaim? Wie kommst du unter die Landsknecht?«

Nun begrüßten sich die drei Edelleute mit großem Sturm und Händeschütteln.

Die zwei Junker in ihrer groben Gewandung schienen fast ärmlich gegen den farbenprunkenden Landsknechtoffizier, der ihnen auch alsbald riet, das Strauchreiten sein zu lassen und beim Sickingen oder Frundsberg Dienste zu nehmen. Er wolle seine Kompagnie nun in Franken und am Rhein durch Werbung auf den vollen Stand bringen und dann zum Heer des Sickingen stoßen, das sich mit den Frundsbergischen Scharen vor Frankfurt sammle, auf daß es bei der Königswahl auch mit rechten Dingen zugehe.

»Denn«, rief Max Behaim und tat sehr gewaltig dabei, »heut sind wir die Herren in Deutschland. Habt ihr's schon vernommen, das neue Liedlein?

Franz heiß ich,
Franz bin ich,
Franz bleib ich.
Pfalzgraf vertreib mich!
Landgraf von Hessen meid mich!
Bischof von Trier, du mußt mir halten!
Bischof von Mainz mußt auch herbei!
Run lugend welcher bis Jahr Kaiser sei!Uhland: Volkslieder.

He? Was meint ihr wohl? Wen wollen wir zum Kaiser machen?«

»Wann es so steht,« meinte Zeisolf von Rosenberg trocken, »da wird wohl der deutscher König sein, der die Landsknecht am besten zahlt.«

»Lanz, Lanz, Geld, Geld!« scholl es aus dem Haufen. 195

Zwischen die plaudernden Junker aber drängte sich jetzt der Knecht, den Zeisolf zu Boden geschlagen hatte. Er rieb sich eine blutige Beule am Kopf und heischte ingrimmig Genugtuung von dem Ritter. Er solle sich zum Zweikampf stellen. Darauf käm's ihm nit an, versetzte Zeisolf kühl, wenn er noch mehr Prügel haben wolle, die könne er haben. Doch fordere er, daß vorerst der Profoß ihm die Strafe für sein unsoldatisches Losgehen auf ein wehrloses Weib zugemessen habe, und diese auch an ihm vollzogen werde. Max Behaim fuhr den Knecht an und verwies ihn mit groben Worten in Reih und Glied. Der Knecht verzog sich grollend in den Haufen und rief dem Rosenberger zu, daß sie einander schon noch einmal wo treffen würden. Dann würd er's gedenken.

»Aber was zum Teufel«, meinte der Behaim, »hat dich geritten, daß du für das Weib da zu Feld gezogen bist? Ist etwan der Bankert gar von dir?«

»Kunnt sein,« lachte Zeisolf, »frag die Mutter, vielleicht weiß sie's noch. Das aber will ich euch sagen und nit verschwiegen haben,« wandte er sich zu dem Haufen, »daß ihr das garstige Lied auf meinen Feind, den Herzog Ulrich, gesungen, das hat mir die Gall aufgekocht. Schamt euch! Gehört ihr nit dem großen Sickingen zu und seid vor ein paar Wochen noch mit mir und meinen Schwägern und Freunden, denen von Hutten und anderen vom fränkischen Adel wider den Württemberg gezogen und habt ihn auch wacker schlagen und des Lands vertreiben helfen, und nun singt ihr des Herzogs Lied, als stündet ihr in seinem Sold!«

»Das wölln wir wieder gutmachen, Junker!« rief ein verwetterter Graubart aus der Schar.

Und als die Junker Abschied genommen hatten und das Fähnlein sich wieder in Marsch setzte, dröhnte es zu Trommeln und Pfeifen im vollen Chor:

»Was wölln wir singen und heben an?
Von einem fränkischen Edelmann
ein neues Lied zu singen.
Albrecht von Rosenberg ist er genannt,
Gott helf, daß ihm wohl gelinge.
—   —   —   —   —   —   —   —   —   196
Albrecht von Rosenberg, der hat ein Roß, das kann zelten und traben,
Drauf tut er manchen Nürnbergischen Pfeffersack jagen,
wohl auf dem Behmer Walde.
Er hat ein Roß, das ist so genge beritten
als das Hirschlein vor dem grünen Walde.«Uhland: Volkslieder.

So klang es zum hohlen Weg hinaus, das schräge Lanzenwäldlein schwankte im Takt mit den eisernen Spitzen, Zapfen, Sternen und Halbmonden in den Wipfeln; rot, weiß, schwarz, gelb, blau, grün und wieder rot ploderte und flatterte es die Straße hinab, hinten knarrten die schweren Wagen, zischten die Gänse mit langen Hälsen aus den Steigen, lachten die bunten Frauenzimmer, und vorn schlug das Banner, von seinem Träger im Rad geschwungen, eine schwarzgelbe Flamme auf, und der Staub fuhr in einer dicken Wolke wie Rauch zu den Wipfeln hinan.

Die Reuter blickten dem Zug nach. Dem armen Weib, das nun zu den Junkern trat, um sich für ihr Leben zu bedanken, warfen sie ein paar Geldstücke hin, dann wollten sie sich auf Mainbernheim in Bewegung setzen.

Das Weib aber meinte, sie habe ihnen noch was zu sagen, was ihnen nutz sein möchte, und sie wolle auch den edlen Herren für ihre ritterliche Hilf nit undankbar sein. Zu Ochsenfurt im Löwen sei gestern früh ein Mann gesessen, der habe zu einigen Reitern des Grafen von Wertheim, die wegen der Wagen von Nürnberg gekommen waren, gesagt, er sei ein Nürnberger, komme von Randsacker, habe Geschäfte da und wolle andern Tags, als heute, auf Iphofen und Einersheim reiten. Er habe sich Rümer oder Rumer, dann auch wieder Horauf genannt und eine gute Zeche getan, sei auch des Morgens, als sie Ochsenfurt verlassen, noch nit auf gewesen. Wann die Junker noch ein wenig hielten, er müsse wohl dieses Weges kommen, und das habe sie ihnen nit verhalten wollen, weil sie eine dankbare Perschon sei, setzte sie mit einem lächelnden Aufschlag ihrer schönen Augen hinzu. Darauf gaben ihr die Junker noch einige Batzen, banden ihr und 197 dem Alten auch ein, so sie auf Leute stießen, nichts davon zu sagen, daß sie hier Reiter gesehen, und ritten wieder ins Holz hinauf, während die Kärrner sich aufmachten und ihres Weges gegen Iphofen zogen.

Die Edelleute und Knechte hielten nun zu Roß im Wäldchen und spähten eifrig bald da, bald dort hinaus.

Die Sonne hatte den Mittagsbogen erstiegen. Die rotgetürmten Städtlein lagen flimmernd in der hellgrünen Landschaft. Von kreidigem Duft umspielt, zogen die jungbelaubten Höhen des Steigerwaldes im Osten hin. Alle Felder und Wege leer. Es war die Zeit, wo der Fürnehme speiset, der Bürger ißt und der Bauer frißt. Nur der arme Staudenhecht muß hinterm Busch an der Straße liegen, daß er seines Brotes wahrnehme.

Das Weib hatte nicht gelogen. Kein halbes Stündlein mochte vergangen sein, da kam vom Main herauf ein Mann geritten. Er saß im Sattel hinter einem hohen Mantelsack, ließ die Zügel hängen und das Pferd langsam die Straße hinziehen, während er sorglos irgend etwas aß und dazu einen Zug aus einer Flasche tat, die er dem Sack entnahm und wieder darin barg.

Zeisolf schuf den zwei thüngischen Knechten, im Holz eine Strecke entlang und dann im Bogen dem Reiter von hinten auf zu reiten, wann er etwan gegen Ochsenfurt zurücktrachten würde. Er selbst mit Philipp und den andern Knechten ritt, nachdem sie eine Weile zugewartet und ihn hatten herankommen lassen, auf die Straße heraus und ihm gemächlich entgegen.

»Der entkommt uns nit,« sagte Philipp. »Da braucht's keine Hinterhut. Taugt weder der Reiter viel noch das Roß.«

Nun wurde der Mann ihrer ansichtig. Er nahm hastig die Zügel auf und ließ ein Stück Brot, an dem er eben gezehrt hatte, zwischen den Zähnen stecken. Dann sah er sich rechts und links um, wetzte im Sattel hin und her, faßte sich wieder und beschloß offenbar, nichts dergleichen zu tun.

Zeisolf und Philipp setzten sich, den Knechten zu halten winkend, in Trab und ritten ihn an. Der Mann blieb in 198 ruhiger Gangart auf dem Weg und bemühte sich, recht unbefangen drein zu schauen.

»Von wannen reitst du?« fragte Zeisolf, indem er sein Pferd so mit der Nase gegen das des Ankommenden stellte, daß es von selber stehn blieb. Er antwortete: »Von Randsacker und will gen Einersheim.«

Zeisolf: »Wohlan, reit mit uns, du wirst gefangen sein.«

Der andere: »Das woll's Gott nit! Fahrt schön! Ich bin gut markgrafisch. Gehör dem Sigmund von Zedwitz zu Wimspach zu, von dann ich bürtig bin.«

Zeisolf: »Nein! Du bist nürnbergisch, und haben deß gut Wissen. Darumb reit mit uns und bist gefangen.«

Der Nürnberger: »Weß Gefangener sollt ich dann sein?«

Philipp: »Agatha Odhamerin und Helena, ihr Tochter, Gefangener wirstu sein und Mangolten von Eberstein.«

Zeisolf: »Nun mußt du geloben, mit uns zu reiten, nit von uns zu weichen, auch kein Geschrei zu machen oder Wortzeichen zu geben.«

Der Nürnberger ärgerlich: »In Gotts Namen dann, ich gelobs.«

Philipp: »Wie heißt du?«

Der Nürnberger: »Hans Rumer, nennen mich Hörauf. Bin ein armer Gesell, hab nichts zu geben.«

Zeisolf: »Das wird sich weisen.«

Er winkte einen Knecht heran und befahl ihm, dem Gefangenen das linke Bein mit einem Strick an das Steigleder zu binden. Der Knecht tat es und saß wieder auf. Nun ritten sie von der Straße ab, südwärts dem Holz zu und machten den Thüngenschen Reitern, die am Saum standen, Zeichen, auf sie zu warten. Zeisolf, der mit Philipp vorausritt, sprach leise zu diesem: »Itzt kommst du mit mir auf Gnotzberg. Die Thüngischen bleiben mit dem Gefangenen in Holz, bis Nacht wird, dann trefft ihr euch beim Landturm vor Ochsenfurt und reitet, wohin du den bringen magst.«

Philipp nickte und sagte: »Ich bring ihn auf den Brandenstein. Sieh, dort zieht es einen Regen auf.« 199 Zeisolf blickte nach Südwesten über die Wipfel hin und meinte: »Der Hirschenwirt von Neustadt hat recht geredet.«

Sie ritten schweigsam weiter. Philipp sah umher, pfiff und summelte vor sich hin:

». . . . gling, glang, gloria,
aus einem hohen Glas . . . .«

 

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