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Ritter, Tod und Teufel

Hans Frhr. von Hammerstein: Ritter, Tod und Teufel - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleRitter, Tod und Teufel
authorHans Freiherrn von Hammerstein
year1921
firstpub1921
publisherC. F. Amelangs Verlag
addressLeipzig
titleRitter, Tod und Teufel
pages434
created20181004
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Reiter

Ziegelfarbene Morgenstreifen überm rotgrauen Gekraus der Spessartbuchen. Eine Lichtung im Forst. Ein paar arme Äckerlein und heidige Wiese. Mitten darin ein altersschwaches Bauernhaus mit steilem Strohschopf und verkommenem Hüttenwerk um den Misthof. Sechs Pferde zwischen Streifbäumen an den windschiefen Zaun gebunden, mit feuchten Decken behängt, zwei mit langem Hals schläfrig nickend, drei niedergelegt, eins am Zaunholz herumknabbernd. Die kühle Nacht hatte den Tau der Wiesen fast in Reif gezogen. Mattsilbrig glänzte er gegen den Waldsaum hin. Neben den Pferden in Mäntel gewickelt drei Gestalten ins Gras gestreckt.

Die Tür schlug. Der Bauer im groben Zwilchkittel, schmierigen Hosen und Bundschuhen trat in den Hof, ließ Wasser, sah stumpfnasig gen Himmel, räusperte und spuckte dabei. Dann zog er eine Gabel aus dem Mist und schlürfte stallwärts. Er kam bei den Pferden vorbei, besah sie und die schlafenden Reiter mit furchtsam-gehässigem Blick.

Die Tür knarrte. Ein kleines Mädel im Hemd hüpfte herfür und hockte am Rand des Misthaufens nieder. Ein schmutziger Bube mit verschlafenem Schopf erschien. Die Bäuerin klapperte auf Holzschuhen nach, schmiß den Inhalt 158 eines Eimers über die Mistlake hin, daß es knallte, trieb die Kinder scheltend in die Stube zurück.

Einer der Reiter regte sich, nestelte sich mühsam aus dem Mantel, reckte lange Arme, gähnte ungeheuer und blinzelte mißvergnügt auf die Gestalten neben sich. Der Kaspar war es. Er litt es nicht lange, daß sein Nachbar noch des süßen Schlummers genoß, und verabreichte ihm einen Fußtritt. Der längliche Sack wurde lebendig wie eine Schlange, krampfte zusammen und entrollte sich mit Heftigkeit. Vier lange Glieder fuhren heraus, die des Pfeifers waren. Hühner, die hinterm Zaun im Hof herumpickten, stoben erschreckt gackernd auseinander. Der Hahn faßte sich zuerst und begann ein trutziges Krähen.

»Verfluchter Frühgeller!« murrte der Pfeifer, sich die Augen reibend. »Soll's wirklich schon wieder Tag sein? Mir träu – träu – träumte so sü–ü–üß,« gähnte er.

»Träume sind Schäume, aber was man ins Bett macht, das findet man wieder,« sprach es trocken neben ihm. Des Rosenbergers Knecht, der schon einige Zeit halbwach gelegen hatte, tauchte mit schwarzsträhnigem Kopf und hölzernem, bartstoppligem Bauerngesicht aus nächtlicher Umhüllung hervor. Er hieß Lenhart Schupff, ward aber Hampas gerufen.

»Er hat ein Maul, man sollte besch . . . . . . Windeln drin waschen,« ripostierte der Pfeifer. »Ich will dir geben, einem zum ersten Morgengrauen mit Sprichwörtern ins Gesicht schießen.«

»Morgenstund hat Gold im Mund,« sagte der andere, sich ruhevoll aufrichtend.

»Aber Blei im Hintern,« setzte der Pfeifer fort, sprang in die Höh und streckte sich, daß die Gelenke knackten. »Wenigstens in deinem. Dein Maul ist allemal frühauf, der Rest zieht sich. Und mit dem Maul voraus ist eines Helden Gegenteil, heißt es weiter, wenn dir das bekannt ist.«

»Dies hört ich nie von meinem Ohm selig, der mir der guten Sprüch so viel vermacht,« versetzte der Schupff. »Doch wie dem auch sei, mir deucht, ich hab in der Finsternis einen Kuhfladen zum Kopfpolster erwählt. Macht nichts. Es war weich, und ich schlief gut.« 159

Er hatte sich gemächlich erhoben und besah nun gebückt seine Lagerstätte.

»Du gehörst ohnedem als Ganzes auf den Mist,« warf ihm der Pfeifer zu, indem er sein Wams glatt strich. »Sieh, da geht auch der Schau schon auf und, mich dünkt gar, aus den Polstern der Mägdekammer.«

Der Schau kam zufrieden gähnend über den Hof geschritten.

Hinter ihm wischte irgendwo eine rotköpfige, wenig saubere Maid aus dem Haus und eilte, vom Schelten der Bäuerin beflügelt, mit zwei Butten nach dem Brunnen.

»Ei, ei! Wie kommt's, daß du junge Gänsfederlein hinter den Ohren treibst?« begrüßte ihn der Pfeifer. »Du warst wohl weicher gebettet als wir.«

»Mußt du allemal am wärmsten nächtigen?« schmunzelte der Schau. »Das ist der Vergelt fürs Zuspätkommen damals in der Roßmühl.«

Der Pfeifer: »Sei dir vergunnt. Um das Stalldüftlein bin ich dir nit neidig.«

Hampas: »Wer von der Hur geht, hat eine gute Tagreise.«

Der Schau: »Ein hart Wort für eine brave Saudirn.«

Kaspar: »Eine Jungfer wird's nit kost haben.«

Hampas: »Die Jungfernschaft ist ehrenwert, doch nimm vorlieb, was Gott beschert.«

Die drei andern lachten gewaltig.

Hampas: »Nun will ich die Herren wecken. Sie haben da hinten im Heuschuppen Quartier bezogen. Ihr fangt derweil zu füttern an.«

Das taten sie, während der Schupff nach dem Schuppen ging. Der Kaspar trat auf den Bauern zu, der eben vom Stall kam, und heischte von dem darob arg Mißvergnügten Hafer und Heu für die Pferde. Stumm und mürrisch führte ihn der Bauer in die Kornkammer, aus der der Reiter mit einem gefüllten Scheffel wiederkehrte. Sie gossen den Hafer in die Futtersäcke und banden diese den Rossen vor.

»Mich hungert,« sagte der Schau. »Ein Näpflein Milch wär schön zum Frühbrot.« 160

Kaspar: »Hast ja gute Freund – und Schwägerschaft im Stall. Vielleicht schaun auch ein paar Eier heraus.«

Der Pfeifer: »Die such ich mir lieber selbst in der Steige. Bei der Freundschaft kämen wir zu kurz.«

Sie zerstreuten sich, jeder sein Glück auf einen Morgenimbiß zu versuchen. Der Bauer, der nicht gefragt wurde, verfolgte mit bösem Blick ihre Pfade, wagte aber keine Widerrede.

Nun kamen auch Kunz von Rosenberg und Philipp von Rüdickheim, vom Knecht Hampas geleitet, zum Vorschein.

»Einen Imbiß für die Herren Ritter,« herrschte der Schupff die Bäuerin an, die eben ihren Weg querte. Das Weib stammelte eine Klage.

»Laß sie,« sagte Philipp. »Bring Wein und Brot aus den Satteltaschen. Ist mir lieber.«

»Mir auch,« gähnte Kunz.

Die Junker saßen auf der Hausbank nieder und betrachteten, das Morgenbrot, das Hampas brachte, verzehrend und aus einem Zinnfläschlein abwechselnd dazu trinkend, das Treiben auf dem Hof.

Der Bauer spannte eine dürre, struppige Mähre, die ein verdrossenes Gesicht machte, und eine schwache Kuh vor den Pflug, die Bäuerin lief mit Melkeimern, der Schau, mit einem Napf Milch auf der Schwelle der Stalltür sitzend, kniff die Magd in die Wade, als sie sich vorbeidrückte, eine Henne flatterte aufgeregt aus einem Schuppen, hinter ihr kam der Pfeifer mit Eiern in der Hand hervor, Hampas und Kaspar brachten Heu zu den Rossen, die Kinder standen und gafften die bunten Junker an. Im Stall muhte, bähte und grunzte es, der Hahn krähte angestrengt, die Spatzen fuhren rauschend vom Mist aufs Dach, vom Dach auf den Mist.

Endlich waren die Gäule gefüttert und getränkt, die Zäume aufgelegt, die Gurten angezogen, die Reiter legten Harnisch an, zogen die Kappen über Kopf und Schultern, stülpten die Eisenhauben oder die zerschnittenen Hüte auf, Hampas und Kaspar halfen den Herren in die Kürasse und reichten ihnen die Handschuhe; man gürtete die Schwerter, lehnte die 161 Spieße an die Sättel, hing die Armbrüste in die Halftern, der Schau prüfte noch kauend Schloß und Pfanne eines klobigen Handrohres, der Schupff ließ ein Branntweinfläschchen kreisen und schloß die Runde mit dem Rest, und dann ward aufgesessen.

Die Sonne brach über die Spessartbuchen herein, Waldschatten lagen tauig in der Wiese, der Rauch ringelte aus dem Strohdach.

Die Reiter zogen im Schritt einem schlechten Karrenweg zu, der an der Lichtung entlang führte. Sie kamen am pflügenden Bauern vorbei. Kunz hielt das Roß an, der Bauer sein ungleiches Gespann.

»Daß du 's Maul hältst,« sprach Kunz mit vielsagendem Blick. »Sonst setz ich dir den roten Hahn aufs Dach.«

Der Bauer stand, den spitzigen Filz in der Hand, und sah verprügelt zu Boden.

»Wo sollt ich reden?« sagte er mit leidendem Aufblick, »zu mir finden sonst nit drei Leut im Jahr.«

Kunz: »Aber du kommst zur Kirchen, ins Wirtshaus, auf die Märkt hinunter. Da hüt dich. Und fürs Maul deiner Alten stehst du mir auch.«

Philipp von Rüdickheim warf ein Silberstück vor seine Füße in die Schollen. »Da für den Hafer und was es dich sonst kosten mag.«

»Schau, du mußt einen Taufpfennig dazu stiften,« rief der Pfeifer.

»Wann du einen Patentaler herlässest,« gab der Schau zurück.

Die Junker und Knechte lachten.

Der Bauer hob die Münze auf und verbeugte sich tief dankend, einen Blick voll Haß unter sich schlagend.

»Gott vergelt jedem nach seiner Gabe,« sagte er listig.

»Gib Arsch, nimm Arsch, heißt das besser,« sprach der Schupff.

Der Bauer hatte den Filz aufgestülpt und die Pflughalter wieder genommen. »Hü!« sagte er anfahrend. »Und so heißt's auch: Wem man gibt, der schreibt's in Sand, wem man nimmt, in Stahl und Eisen. Auf gute Reis', ihr Herren!« 162

Gaul und Kuh zogen mühsam hin, der Bauer stemmte ingrimmig die Pflugschar in den Grund, der sich schwarzglänzend aufwälzte. Seine mageren Arme zitterten in den schmutzigen Zwilchärmeln.

Die Reiter bewegten sich schweigend waldwärts. Der Forst nahm sie auf. Bläulicher Duft braute sonnendurchwoben zwischen den steingrauen, goldfleckigen Buchenpfeilern. Die Vögel schmetterten. Feuchte Schattenfrische stieg Reitern und Rossen in die Nüstern. Sie schnoben und schüttelten die lauen Reste des Schlafes von sich. Philipp von Rüdickheim hob sich im Sattel. Seine hellblauen Augen blitzten ins Frühlingsblau zwischen den knospenden Baumkronen hinauf.

»Wenn ich noch einmal auf die Welt komm, ich werd wieder ein Reiter, und sollt ich zweimal gehenkt werden,« sprach er fröhlich.

»Ich ein Pfaff,« gähnte Kunz, und das Ringlein in seinen Bartlocken tanzte funkelnd. »Da hab ich all des Junkers Freuden ohne seine Sorgen, und hab ich ausgefressen, so leg ich mich hin und sterb friedvoll in gottseligem Geruch.«

»Da hat mein Herr recht,« ließ sich der Schupff von hinten vernehmen. »Und ich wollt, er nähm mich dann zum Küster. Denn also sprach mein Ohm selig, der mir zwar kein Geld, aber viel Weisheit vermacht: Wer einmal will gut leben, der nehm ein gebraten Huhn oder ein hübsches Maidlein. Wer zweimal, der nehme eine Gans, am Abend hat er noch Kräglemägle. Wer eine Woche, der stech eine Sau, so hat er Schinken und Würste. Wer einen Monat, der schlacht einen Ochsen. Wer ein Jahr, der nehm ein Weib – wenn es so lange vorhält – wer aber allzeit gut leben will, der werd ein Pfaff.«

»Ich mein, wir singen eins,« rief der Pfeifer, an die Laute schlagend, die er am Sattel hängen hatte. »Sonst bringt uns der Kerl mit seinen Sprichwörtern noch um.«

»Ja, wir wollen singen,« fiel ihm der von Rüdickheim bei und hub sogleich an. 163

»Merkt auf, ihr Reutersknaben,
was unser Orden inhält:
So wir nimmer Pfennig haben
und uns Futter und Mahl entfällt,
so müssen wir fürbaß werben
daß wir nit Hungers sterben,
die reichen Kaufleut erben,
so oft er dir werden mag,
acht nit, was er dir sag.«Uhland: Volkslieder.

Ein paar Stimmen hatten mitgetan. Jetzt begann der Schau:

»Fuchswild bin ich, ich armer Knecht,
ich kann mich nimmer ernährn,
in aller Welt fragt man nach Geld,
wo ich beim Wirt tu zehrn.
Von der Hausmaid hab ich kein Steur,
der Wein ist teur,
ist süß und mild, ich bin fuchswild.«Uhland: Volkslieder.

Kunz von Rosenberg: »Das wär dann das Neuste, daß Heckenreuter mit Gesang an ihr Gewerb gehen.«

Kaspar: »Als wären die Pfeffersäck Zugvögel, die ein Liedlein auf den Leim lockt.«

Hampas: »Da lob ich mir meine Sprüch, die sind weise und leise.«

Der lang Hans: »Ja, und stinken auch so, aber der eigenen Nas duftet allemal wohl, was andere rümpfen macht.«

Hampas: »Gut, wann du meiner Weisheit widerstrebst, so widerstreb ich deinem Gesang. Mein Herr hat recht. Wir wollen das Maul halten allesamt, vielleicht kommen dann die Kaufleut von selber drangeflogen.«

Philipp von Rüdickheim: »In den Wald dahier dürft sich so leicht kein Kaufmann verirren, es sei denn, Heckenreuter hätten ihn hereingebracht. Dann ist er schon abgebrüht und freut uns nimmer. Wir haben noch ein gut Stück zur Straße. Das soll uns der Pfeifer mit einem Reuterliedlein verkürzen.«

Kunz: »Wohl denn. Der lang Hans soll singen. Und was Neues. Ein Liedlein, wie du sie von den Bäumen pflückst. 164 Nur nit wieder vom Schelmenbaum. Das hör ich nit gern auf den Straßen gen Nürnberg.«

Der Pfeifer hing den Zügel in den Arm, und präludierte auf der Laute:

»Also eins vom Hagedorn,« sprach er. »Da hat's ein jungfrischer Reutersknab hängen lassen im Vorübertraben allen Maidlein zur Freude:

Eins Tags ich kam geritten
vor eines Wirten Haus,
tät mir ein Trünklein bitten.
Der Wirt, der kam heraus
und sah mich an so schief und scharf:
Ein Reuter, und der muß zahlen,
eh daß er trinken darf.

Ach, lieber Wirt, o glaube,
mein Geld, das rennt so rasch,
es rennt im Straßenstaube
in eines Kaufmanns Tasch.
Da muß ich schmiern die Gurgel wohl,
da darf mich sein nit dursten,
so ich's ereilen soll.

So dir die Gulden entliefen,
dann laß du mir ein Pfand.
Hast guldne Sporen an den Stiefeln,
die gib mir auf die Hand.
Laß ich die guldnen Sporen dir,
wie mag mein Rößlein laufen?
entlauft der Kaufmann mir.

Hast ja ein rote Kappen,
so laß mir deinen Helm.
Schlägt mich wer auf den Lappen,
bin ich ein toter Schelm.
So gib du mir dein gutes Schwert.
Womit hau ich ihn wieder,
so einer deß begehrt?

Unter der Tür da stunde
dem Wirt sein Töchterlein.
Sprach: Er ist gar so junge,
ich steh wohl für ihn ein.
Hat gar ein lieb und brav Gesicht,
er wird sich wieder stellen,
so ihm nit bös geschicht. 165

Sie bracht mir einen Humpen,
sie hat mir eingeschenkt.
Ich dacht, dem Wirt, dem Lumpen,
laß ich ein Pfand, daß er 's denkt.
Ich legt sie wohl aufs Haberstroh.
Wir stießen an die Gläslein,
deß waren wir beide froh.

Ich wischte mir den Schnabel,
sie wischte sich das Maul.
Ich schwenkte meinen Sabel,
ich schwang mich auf den Gaul.
Hab Dank, Wirt, daß du vorgestreckt,
will alsbald wiederkehren
Dieweils mir wohl geschmeckt.

Den Kaufmann ich ereilte
und hab ihm wohl geschatzt.
Da kauft ich Sammt und Seide
zu Nürnberg auf dem Platz.
Das bracht ich dem Wirtstöchterlein.
Sie kam mit Krug und Gläslein.
Wir schenkten einander ein.

Und wann der Mond geschwunden,
so wird er allmal voll.
So schlanke Maidlein runden,
man sie vermeiden soll.
Sunst blieb ein freier Kamerad
in einem Ehring hängen
und wurd ein Wirt. Wär schad.

Dies Lied hat neun Gesetzlein,
so sang ichs recht mit Fleiß.
Ich grüß mein holdes Schätzlein,
wird ihr schon manchmal heiß?
Und wann eine gute Jungfer fiel,
so fallt sie auf den Rücken,
das schadt ihr gar nit viel.«

Der Schupff: »Alsdann wärst du mit deinem Liedlein zum Schluß doch wieder in meine Sprüch geraten. Man sieht, ohne Weisheit besteht auch kein Dichter. Drum es auch heißt: Der Weise tut das am Anfang, was der Narr am Ende tut.« 166

Der Pfeifer: »Es heißt aber auch: Die Narrenschellen klingen vielen besser als Kirchenglocken. Wo ihr dann alle Narren wärt. Denn meinen Liedern lauscht ihr gern, aber in der Kirch hab ich noch keinen von euch gesehn.«

Hampas: »Bist du etwan drin gewesen?«

Durch den lichtenden Wald vor ihnen brach Tag und Landschaft. Die waldigen Mainhöhen blau hingezogen, zartgrünes Getal, Stromgeblitz, Geleucht von Dörfern, Blütengewölk wie weißer Rauch an Hügellehnen, hier und dort schon junge Laubflammen, und drüber der kreidigblaue Himmel mit sonnigen Weißwölkchen.

Aber eh sie die am Wald vorbei führende Straße unter die Pferde nahmen, ließ Kunz halten.

»Was wollen wir eigentlich?« fragte Philipp von Rüdickheim.

Keinerseits ward ihm Antwort. Alle spähten sie gewohnheitsmäßig das Land ab. Nur Bauern allenthalben an frühjahrlichem Werken. Kein Wanderer, kein Fuhrwerk, kein Reiter hin und hin.

»Ja so,« sagte der Rosenberger endlich, im Sattel sich zurücksetzend. »Der Mangold hat Kundschafter auf Gemünden und die Steig gen Würzburg geschickt. Die sollen uns irgendwo begegnen. Und der Nebukadnezar soll von Lohr herauf zu uns stoßen.«

Philipp: »Wann ihm nichts zugestoßen.«

Kunz: »Was dann?«

Philipp: »Außer einem Humpen zuviel. Sollt er am End kundschaften?«

Kunz: »Er wollt es tun.«

Philipp: »Wann wir solche Hund voraufschicken, dann werden wir guten Wein, aber keine guten Kaufleut fangen.«

Der Pfeifer: »Ein Rat wärs allemal, da wir sonst keinen zu wissen scheinen. Ich dächt, Herr Kunz, wir ritten fürs erste die Straße mainwärts. Sie hat gar einen guten, lichten Zug ins Weinland hinab.«

Kunz: »Wohl denn. Aber mit Fürsicht. Sollen der Schau und der Kaspar uns Augen machen und vorausreiten. Auf fünfhundert Gäng folgen wir. Ihr wißt den Pfiff: Einmal 167 heißt, es kommt was zu Fuß, zweimal zu Wagen, dreimal auf Rossen. Scharfer Doppelpfiff: Obacht! Schlagt euch ins Holz. Scharfer Dreischlag: Spieß auf die Knie, zur Hilf herbei. Dasselb gilt für hinten.«

Der Pfeifer: »Sapperment, davor reicht mir der Wind nit.«

Kunz: »Ich mein für Gefahr oder Näherung von hinten. Daß zwei eine Hinterhut machen, dünkt mich annoch nit not.«

Der Schau und der Kaspar ritten aus dem Wald hervor und setzten auf der Seitenzeile der übelzerfahrenen Straße ihre Gäule in Trab. Eine Weile, nachdem sie hinter Bug und Busch verschwunden waren, zogen die andern im Schritt nach.

Gegen Morgen hin auf einem hellen Hügel über einem blumigen Erlengrund stand ein Schäfer, an die Schippe gestützt.

»Der könnt was wissen,« sagte Philipp von Rüdickheim, »der hat weiten Blick.«

»Schäfer wissen gar viel,« der Pfeifer.

Philipp: »So wollen wir hinreiten, ihn fragen.«

Er bog vom Weg ab. Der Pfeifer folgte ihm. Durch den Grund ging ein versumpftes Bächlein. Sie mußten eine Weile hin und her reiten, bis sie einen Übergang fanden. Dann setzten sie die Gäule in Schwung und galoppierten den Hang hinauf.

Der Schäfer wandte ruhvoll das Haupt mit dem breiten Schlapphut nach den dumpfen Hufschlägen, die herankamen. Seine zwei Wolfshunde flogen aufgeregt bellend um die Herde, die dumm blökend ins Tal niederdrängte.

Jetzt hielten die zwei Reiter vor ihm auf den heftig schnaubenden, Schaumflocken werfenden Pferden.

»Wie lang stehst du hier?« fragte Philipp.

Zwei tiefe, kühlscharfe Graublicke schauten ihm und dem Pfeifer aus einem alten Gesicht mit kühner Adlernase forschend entgegen.

»Viel hundert Jahre,« sprach der Schäfer dann, ohne seine Stellung zu verändern. Er wandte nur das Haupt, wobei 168 sein Silberhaar unter der Hutkrempe zum Vorschein kam, und pfiff den Hunden.

Der Junker schwieg verblüfft. Dann mit einem Lächeln: »Und was sahst du?«

Der Schäfer: »Sonne und Mond rollen um mich her, Sterne und die bunte Welt der Menschen. Ich sah, was ihr seht, und manches, das ihr nicht seht.«

Philipp: »Was sahst du gestern und heut auf der Straße?«

Der Schäfer: »Den Heerwurm bei fünf Meilen lang. Brand und Rauch um ihn, wie immer. Der aber kommt erst in fünf Jahren, ward mir offenbar.«

Philipp: »Narr.«

Der Pfeifer einfallend: »Laßt ihn. Wir sind eines Schlags. Wir deutsche Narren haben ein Zeichen – den Morgenstern im Aug. Sag, Alter . . .«

Der Schäfer hatte sich ihm zugewendet.

»Dich kenn ich auch,« sagte er ruhig.

Der Pfeifer: »Du meinst wohl, du kenntest so viele Narren, als ich Schäfer kenne.«

Der Schäfer: »Ich war du, du wirst ich sein.«

Der Pfeifer: »Nun glaub ich's auch, daß du wahnwitzig bist.«

Der Schäfer: »Ich war der Gaukler, der du bist, ich war der Wandrer, der du wirst, und einmal wirst du auch der Hirt sein. Liebe nur zu, was dein Herz fassen mag. Das ist der Weg.«

Ein Pfiff tönte von der Straße herauf. Philipp sah um. Die unten winkten ihnen lebhaft. Der Schäfer ohne Gruß hatte sich abgekehrt und ging seiner Herde nach.

Sie warfen die Pferde herum und ritten den Hügel hinab.

Der Rosenberger, der Hampas und der Schau hielten auf der Straße. Ein kleiner, bäuerlich gekleideter Mann stand bei ihnen.

»Der Matthes aus Elm,« sagte Kunz zu den Heranreitenden, »einer von unsern Kundschaftern. Drei Wagen von Nürnberg unterwegs auf Frankfurt zur Meß!«

»Ja,« fuhr der Kleine berichtend fort, »da sie bei Ochsenfurt heraus waren, ereilte sie Botschaft, sie sollten sich 169 vorsehen, der Herr Mangold hätt den Nürnbergern abgesagt. So sind sie wieder umkehrt, han in Ochsenfurt eingestellt, Botschaft auf Nürnberg geschickt, es sollen Reisige zum Geleit kommen.«

Philipp: »Und was führen sie?«

Matthes: »Das durft ich nit fragen. Sie hätten's gespürt, daß ich kundschaft. Muß aber was Gutes sein, weil sie auch Botschaft auf Wertheim zum Grafen schicken, mit Ersuchen, er mög ein Geleit entgegensenden auf Neubrunn. Da bin ich in ein Schiff, das just den Main herunterging, mitgefahren bis Gemünden und komm itzt herauf von dort. Wann die Herren eilen, sie möchten wohl bei den Wagen sein, eh dann die Nürnberger und die Wertheimischen in Neubrunn zusammenkommen. Ich schätz, zwei Tag stehen sie gewiß noch zu Ochsenfurt und warten.

Kunz: »Da wollen wir reiten. Wär mir nur lieb, wir hätten mehr Pferd. Wieviel Leut sind bei den Wagen?«

Matthes: »Vier mit Spießen, ohne die Fuhrleut.«

Philipp: »Da kommen leicht noch vier zu Roß hinzu. Sind wir zu wenig.«

Kunz: »Wir reiten auf Aub. Da kann ich zwei oder drei Knecht aufbringen.«

Philipp: »Auf den Nebukadnezar ist kein Verlaß. Wie wär's, es ritt einer auf den Reußenberg hinüber, holte den Hans Jörg oder den Joachim Thüngen herbei?«

Kunz: »Das ist wahr. Schau, mach dich schleunig auf den Reußenberg.«

Der Pfeifer: »Da ritt ich gern. Ich hab ohnedem in der Roßmühl was vergessen, liegt mir am Weg.«

Der Schau: »Was denn?«

Der Pfeifer: »Das Loch muß ich flicken, das du in den Zaun gerumpelt hast.«

Der Schau: »Ja so, das Loch, das glaub ich, das will gar oft geflickt sein. Hört einmal sagen, wann der Teufel wo sein Schweif vergißt, da muß er wieder hin, und findt ihn wer, dem muß er zu Willen sein, solang der lebt. Findt ihn zumeist ein Frauenzimmer, seltener ein Mann.« 170

Kunz: »Eine gute Mär, eine teuflisch sinnige Mär. Alsdann Pfeifer, reit deinem Wegweiser nach, aber erst sag den Thüngenschen, sie sollen mit drei, vier Pferd auf Aub zur Wittiben Truchseß eilen. Dann hol, was du vergessen hast und komm nach.«

Der Pfeifer: »So will ich tun, Herr. Hoff, daß ich morgen abend bei euch bin.«

Matthes: »Laß dir Zeit. Morgen ist Sonntag, da fahren die Wagen so nit aus.«

Philipp: »Und dann ist, däucht mich, gar die heilige Woch, soll man nit reiten.«

Kunz: »Das schiert mich nit. Wann sie fahren, dann reit ich.«

Der Pfeifer machte sich mit einem Gruß davon. Erst ritt er ein Stück die Straße zurück, dann einen Seitenweg gegen Osten ab.

Die Junker verabschiedeten den Kundschafter und zogen mit den Knechten, die Pferde antreibend, fürbaß dem Maintal zu.

Kunz sprach: »So wollen wir vorerst bei der Truchsessin einkehren.«

Philipp: »Da muß man wohl bei dir um Verlaub bitten?«

Kunz: »Warum?«

Philipp: »Ich dächt, du stündest da vor dem Türlein als ein Leu auf der Wacht.«

Kunz lachte: »Wurd mir bald leid. Eine Frau bewachen, noch dazu die. Steht man vor der Tür, so hat sie Fenster genug.«

Philipp: »Und hat sie keins, so macht sie eins.«

Kunz: »Flinker als der Zimmermann.«

Philipp: »Ich dächt, so schnell, als ein Schneider die Scheer aufmacht.«

Kunz: »Hampas! Einen guten Spruch auf die Weiber.«

Hampas: »Wohl Herr. Zum Beispiel: Ein Sack voll Flöh ist leichter zu hüten als ein Weib.«

Kunz: »Das Schwarze getroffen.«

Hampas: »Oder auch: Wem zu wohl ist, der nehm ein Weib.« 171

Philipp, sich fröhlich in die Bügel stellend: »Da ist mir noch lang nit wohl genug, wann mir auch im Sattel so wohl ist, daß ich alleweil singen möcht. Aber ich sag: Auf Pferden soll man an Weiber, auf Weibern an Pferde denken. So hält man sich schön im Gewicht und reitet heil durch's Leben.«

Und sie zogen in den blauen Tag hinein.

 

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