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Ritter, Tod und Teufel

Hans Frhr. von Hammerstein: Ritter, Tod und Teufel - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleRitter, Tod und Teufel
authorHans Freiherrn von Hammerstein
year1921
firstpub1921
publisherC. F. Amelangs Verlag
addressLeipzig
titleRitter, Tod und Teufel
pages434
created20181004
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Pfeifer

Auf der Treppe begegnete ihnen Ulrich von Hutten, den sein Bruder Frowin begleitete.

»Wohin?« fragte Hektor.

»Heim auf den Steckelberg,« erwiderte Ulrich müd. »Hab Weltweise dort, keine Zeit zum Spielen und Saufen.«

Sie gaben sich die Hände.

»Dann richt nur die Welt gut ein mit deinen Weisen,« rief Kunz dem Hinabschreitenden nach. »Aber laß für die Spieler und Säufer ein Plätzlein übrig. Sonst muß die mehrere und beste Ritterschaft heraußen stehn.«

Im Saal war der Lärm beträchtlich angeschwollen. Die Kerzen brannten tief und flackernd. Weindunst schwängerte die Luft. 141

Die Junker hatten sich in Gruppen zerschlagen. Die älteren um Mangold trieben weiter Politika. Andere besprachen eine Jagd, andere einen Pferdehandel.

»Ich hab einen Hengst gekauft, ein hunnisch Pferd,« sagte Christoph von Nisika. »Ein flinkeres und edleres hast du nit gesehn.«

»Mir wär's zu leicht,« warf Fritz von Thüngen ein. »Der Gaul bricht nieder, steigst du gerüstet auf.«

Christoph: »Halbharnisch trägt er, und mehr braucht's nit. Ich sag euch, dem leichten Reiter gehört die Zukunft. Den schweren Reisigen schießt die Kartaun entzwei.«

Philipp von Rüdickheim kam aus dem Nebenzimmer und schwang einen Becher, in dem es klapperte, nicht von Wein, sondern von Bein. Der Klang der Würfel schreckte einige der Junker freudig auf und zog sie nach an ein Tischeck, wo sie sich zum Spiel niederließen.

»Ich wüßt noch bessern Ton,« meinte Hektor Behaim. »Ein Liedlein möcht ich hören.«

»Der Pfeifer!« rief Hans Jörg von Thüngen. »Her mit dem Pfeifer. Er soll uns singen.«

Wolfgang von Nisika lief hinab, ihn aus der Reiterstube zu holen.

Nebukadnezar saß stumm und hielt seinen Becher mit offenem Deckel in der Hand. Wilhelm Fuchs wollte ihm eingießen. Er wehrte ab. »Ist noch mancher Schluck drin,« sagte er, auf den hohlen Schuppenschweif der Figur deutend.

»Einem Frauenzimmer kommt man nit auf den Grund,« meinte der Fuchs.

Nebukadnezar zog die Mundwinkel herab.

»Weil's überhaupt keinen hat,« holte er tief aus seinem Gemüte.

Der Pfeifer kam mit einer Laute im Arm. Die Spieler nahmen ihn nicht wahr. Die Ernsthaften um Mangold und Lorenz von Schaumberg trieben weiter ihr fruchtloses Weltgerede am Kamin. Die Jungen schoben dem langen Hans einen Sessel zum Tisch, füllten ihm eine brave Kanne und rückten um ihn zur Runde. 142

»Nicht so,« sprach der Pfeifer. »Das sittsame Sitzen ist mir wider die Art. Da mag mich der Geist nit anwehen.«

Mit einem federnden Satz war er auf dem Tisch, stand einen Augenblick unendlich erhaben unter der Decke und saß, die langen Beine einknickend, nieder wie ein Türk.

Der Schimmer des hinter ihm stehenden Leuchters strich ihm über den kleinen, runden Schädel, der wie ein Kinderkopf von schütteren, seidigen Strähnchen lichtblonden Haares belockt war. Mit täppisch-harmlosem Ausdruck ließ er die runden Blaublicke umhergehen.

Die Junker lachten.

»Dem Herrn steht gewißlich der Sinn auf ein geistlich Lied.«

»Wohl denn,« sagte Fritz von Thüngen. »Eine fromme Weltbetrachtung mit brauchbarer Nutzanwendung.«

Der Pfeifer griff ein paar Akkorde und blickte sinnend gen Himmel.

Dann fing er mit ernsterm Bedacht zu singen an:

»Keiner ist zufrie–ie–den
mit seinem Los.
Gut geht 's dem andern,
immer dem andern bloß.
Der Klempner möcht ein Tischler sein,
Der Tischler möcht ein Schneider sein,
der Schneider möcht ein Schuster sein,
der Schuster aber ein Dichter.
Juchei, juha, juha, ha, ha, ha, ha –
der Schuster aber ein Di–i–ichter.

Des reichen Prassers Magen
verträgt Schnepfen nit mehr.
Ich tät sie schon vertragen,
aber wo nehm ich sie her?
Der ein möcht zehner Weiber Gunst,
der andre gäb die sein umsunst
und was dazu und was dazu.
Wir haben keine, ich und du,
deß laß uns fröhlich sein, hahu.
Denn wir haben Ruh.

Nur 's Geld wird stets zu wenig
und ist keinem zu schlecht.
Papst, Kaiser und König
sind seine Knecht. 143
Wenn der goldne Teufel streicht,
tanzen sie alle federleicht,
Reichermann, Bettelmann, Mönch und Hur.
Nur, nur, nur
Geld her, Geld juheißa, Geld – Geld – Geld.
Das wär jedem recht.

Drum hab ich mich ergeben
der edlen Musika.
Lustig läßt sich leben
aus andrer Säckel da.
Ich hab kein Haus, das mir verbrennt,
Kein Weib, das mir ein Reuter schändt.
Und haben Kinder mein Gesicht –
Juchheißahei – eiapopei – Kuckucksei –
Mit gehören sie nicht, ha – ha
mir gehören sie nicht.«

Die Junker lohnten ihn durch Lachen und Beifall. Auch die vom Kamin hatten die Reichsverbesserung aufgeschoben und waren während der letzten Strophen herangetreten. Die Spieler horchten herüber.

»Das ist eine haltbare Moral,« sagte Hektor Behaim. »Mit der fährt man wohl durchs Leben. Nun hört ich gern ein Reuterstück.«

»Ja, ja, ein Reuterstück!« rief der schon stark angetrunkene Wolfgang von Nisika.

»Epple von Geila zu Dramaus
reit allzeit zu vierzehnt aus.«

Und stampfend fielen einige im Chor ein.

»Epple von Geila zu Dramaus
reit allzeit zu vierzehnt aus.«

»Oder«, fiel Hans Jörg von Thüngen ein:

»Es ist nit lang, daß es geschah,
daß man den Lindenschmidt reiten sah
auf einem hohen Rosse.«

Es überschlug ihm die Stimme. Er räusperte sich und trank.

»Das sind alte Lieder, wenn auch gar gute,« sagte der lang Hans. »Ich sing lieber frisch gewachsene, wie man sie im Wandern aufliest.« 144

»Woher hast du das vom Schneider und Schuster?« fragte Kunz von Rosenberg.

Der Pfeifer: »Das hab ich von einem Äpfelbaum. Ich hab aber auch welche von Birn- und Kirschbäumen, von Buchen und Fichten.«

Kunz: »So möcht ich ein kirschbaumenes. Die Blüte hat einen anregenden Duft, so man zu Mädels geht, und der Branntwein von den Beeren ist mir der liebste.«

»Nein,« versetzte der Pfeifer. »Ich will euch eins vom Baume singen, der solche Früchte trägt, wie Ihr eine seid, Herr Junker.«

Kunz: »Und das wär dann welcher?«

Der Pfeifer: »Der Galgen.«

Kunz: »Nit übel. Ich dächt, da würden wir eines Stammes sein.«

Der lang Hans ließ die Saiten anklingen und begann:

»Ich bin ein armer Schnapphahn,
mein Schloß ist gar nit fein.
Es steht auf wüstem Berge,
wo alle Stürme schrein.
O ich armes Schnapphähnlein,
mag keiner bei mir Türmer sein.

Der Regen, der Regen,
der schlägt mir durch das Dach.
Der Hagel allerwegen
und Schnee, die kommen nach.
O ich armes Schnapphähnlein,
so geußt Gott Wasser in meinen Wein.

Es hecken und schrein die Spatzen
in meinem Wappenstein.
Es huschen Mäus und Ratzen
in meinem Kellerlein.
O ich armes Schnapphähnlein
wie sollt mir wohl daheime sein.

Das Gras wächst auf dem Hofe,
hat aber mein Roß kein Heu.
Kein Feuer brennt im Ofen,
mein Weib macht groß Geschrei.
O ich armes Schnapphähnlein
da reit ich aus und querfeldein. 145

Mein Schild hat keine Farbe,
kein Feder mehr mein Hut.
Mein Schwert hat manche Narbe,
aber es pfeift noch gut.
O ich armes Schnapphähnlein
so muß es mein Ernährer sein.

An einer schönen Straßen
da steht ein guter Strauch,
da lieg ich unterm Gaule
wohl tagelang am Bauch.
O ich armes Schnapphähnlein
wie friert mich oft an Händ und Bein.

Das Halten und das Liegen
ist gar ein hartes Brot.
Was weiß der feiste Bürger
von eines Ritters Not?
O ich armes Schnapphähnlein,
wie sollt mein Gall nit bitter sein.

Ein Kaufherr kommt gefahren,
da sitz ich auf und reit.
Ich nehm ihn bei den Haaren
und sag: du tust mir leid.
Ich bin ein armes Schnapphähnlein
dein Säcklein muß das meine sein.

Die Herren Nürnberger
mein Reiten gar verdreußt.
Da sind sie voller Ärger
auf Innsbruck zugereist.
Herr Kaiser fang das Schnapphähnlein
wir steuern sunst kein Hellerlein.

Der Kaiser tät erbosen
und schmiß nach mir die Acht.
Ich lüpft im Sattel die Hosen
und hab mir was gedacht.
Bin ein freies Schnapphähnlein
und laß das Reiten nimmer sein.

Ins Abendrot, ins Abendrot
Da ragt ein Galgen steil,
da werd ich einmal hängen
an einem hanfnen Seil.
Dann hab ich ausgeschnappt und reit
wohl auf dem Wind, doch komm nit weit. 146

Die Raben, die Raben
die fliegen mit Gekreisch:
Herbei ihr Brüder und Schwestern,
ich weiß ein Edelmannsfleisch.
Ich armes Schnapphähnlein, o Graus,
sie trinken mir die Augen aus.

Und der dies Lied gesungen,
der reitet Schritt und Trab
und klappert wohl von Nürnberg
bis Frankfurt die Straßen ab.
Will trutz Landfried, Galgen und Rad
ein Schnapphahn sein von Teufels Gnad.«

Immer mehr Stimmen hatten den Kehrreim mitgesummt. Nun sprangen die Junker auf, und es donnerte im Chor durch den alten Saal:

»Will trutz Landfried, Galgen und Rad
ein Schnapphahn sein von Teufels Gnad.«

Und »Heil Mangold!« wurden die Kannen geschwenkt.

»Trutz Nürnberg!« »Trutz Landfried und Reichskammergericht!« »Trutz Fürsten und Pfaffen!« »Trutz Kaiser und Papst!« wurden die geleerten niedergestoßen.

Aber Nebukadnezar hob sich lang und düster: »Gott schütz uns vor den Weibern . . .« hob über und leerte das frischgefüllte Wasserfräulein bis in die letzte Flosse.

»Noch ein Lied! – Noch ein Lied!« rief es von allen Seiten zum Pfeifer.

Er schwieg und zupfte verschiedenerlei Weisen, von einer in die andere springend, aus der Laute.

»Ich will euch lieber ein Märlein erzählen,« sagte er dann träumerisch. »Ein Märlein von der Straße, vom Wind und von mir.«

»Los! Los!« hieß es rundum. Sie rückten enger im Kreis. Auch die Spieler, die längst die Würfel hatten stehen lassen, schoben sich ein.

Der Pfeifer tat einen tiefen Zug aus dem Becher und erzählte, indem er dazu auf der Harfe bald voller, bald leiser eine Begleitung spielte: 147

»Es war einmal eine Landstraße. Eine kalkweiße, eine staubheiße, eine vielgewundene, eine vielgeschundene, eine zerfahrene, zerrittene, eine wandertüchtige, fernsüchtige Landstraße. Das Morgenrot spiegelte in ihrem Kot, ins Abendrot schwang sie taldurch, hügelüber ihren landflüchtigen Schlangenleib. Durch Dörflein, zeitverschlafende, düngerdüftige, bauernlüftige, schoß sie breit und grade hin, Städte schluckten sie ein mit turmstolzem Tor, da verlor sie sich in wirren Gassendärmen, entschlüpfte wieder dem irren Lärmen und floh ins Grün, ins Braun, ins Blau, klomm bergan zu landweiter Schau, schwang Ströme über auf schreitenden Brücken, lief schattentief entlang Waldhügelrücken, um Schlößlein, die wie Falken auf Felsen sitzen und scharf spähn aus Mauerschartenritzen, schlich sie herum, wallfahrtete zu breiten, weißen Klöstern frumm. Hatte in aller Eile viel gute Weile, war dem Hastenden lang, dem Furchtsamen bang, dem Traurigen zu voll, dem Lustigen zu leer. Leben band sie an Leben bunt, laut und froh, Liebe entwand sie der Liebe ins Nirgendwo. Tanzbeine trug sie und Stelzbeine, vierfüßigen Stolz, zweibeinige Eselei, windleichte Schelmerei, Ehrsamkeit steif wie Holz, rasselnden Reichtum, karrende Not, heißlachende Lust und gramschleichenden Tod.

Und der Wind war ihr Buhle, der schnaubende Wind. Lief sie landaus, landein auf und ab im Wirbelstaub und Flatterlaub, heulte sie vor Lieb und Wehmut an, sang und seufzte über die Felder heran, war hier und dort, machte ein großes Wesen mit pfauchendem Besen, Aufheben und Federlesen, warf alles wieder hin und war fort.

Weiß Gott, wie's geschah, ein Meilenstein stand da, wies aber nit Weg und Zeit, sondern Leben und Ewigkeit, da wurde der Wind einmal ganz toll und liebeblind, blies eine Hose auf, als gäb's Wetter, Dreck, Lumpen und Blätter, ließ sie fallen in jähem Sturz, tat einen sausenden Furz und – Gott weiß, wie's geschah: ich war da.

Da lachten sie beide, Straße und Wind, wohl über das plötzliche, scheckige, dreckige, ergötzliche Kind, nahm mich der Sturm vors Knie, ritt mit mir, daß ich schrie, schaukelte mich die Straße hoch und tief, hügelauf, talab und lachte sich 148 krumm und schief, wie mir für Rot das Wasser lief, schmissen mich mit einer Mistwolke zu fahrendem Volke, das liederfroh, lappenbunt lag unter einer Brücke wo und briet einen Hund.

Nun sagt: Hab ich recht, bin ich nicht aus edlem Geschlecht? Sturmgeboren, straßenerkoren, ein Ritter vom leichten Fuß, treu wie der Wind und die Lieb, ehrlich wie ein Schelmengruß, lustig wie Marktgetrieb.

Drum tu ich auch sondermaßen, was mir mein Vater, der Wind, einbläst und bin auf allen Straßen in der Schul gewest. Schneider war ich und Schuster, Tänzer und Scholar, Reiter, Hofmann und Mönch sogar. Lang hat es mich nirgends gelitten, hört ich den süßen Gesang von Wanderschritten, sah ich die lichten Staubfahnen um grüne Wipfel wehn, die lieben Straßenschleifen zu Gipfel gehn und ins Blaue schweifen, ließ ich Herrn und Gesind, Napf und Spind, das Mädel mit dem Kind, war weg wie der Wind.

Doch einmal hat's mich gehascht. Da hatt ich zu viel genascht von Honiglippen süß und rot, verlor Verstand und Beruf – – ei! das mag nit reimen . . .«

»Weiter, weiter!«

»Nun . . .« er schlug ein paar dumpfe Akkorde. »Ein Mädel, das ist klar, guter Leute Kind, fraß einen Narren an mir, das ist klar. Ich hatt ein bißchen zu tief ins Glas und in ihr Fürtüchlein geguckt, paßt nicht auf. Brachen Vater und Mutter herein, schwapp! hatt ich den Strick um den Hals, zum Pfarrer geschleift, kopuliert aufs Handumdrehn, Vettern und Gevatter, Basen, Tanten und Geschnatter über mir, ein Haufen Geld, Lust und Ehrbarkeit, wollt ich ein wohlhäbiger Meister und Bürger werden.

Mir war wüst im Kopf, wußt nimmer, wie herein und wo hinaus, gab mich drein, dacht, es hätt noch schiefer gehn können, und bei Gott! es stieg in mir was wie ein ehrlicher Vorsatz auf, ich sollt den Narren ausziehen und einen ordentlichen Menschen anlegen. Ja, Kleider machen Leute, aber der Lump sitzt mir noch unterm Hemd, seine Haut wird man nit los, es sei denn beim Henker, das hatt ich nit bedacht. Lebten so eine Weil in Schmalz und Zufriedenheit, leckten 149 uns die Mäulchen von Küssen und Krapfenfett, und ob's mich auch schon manchmal grimmig gähnen machte, von einem Tag zum andern bestrebt ich mich, das gottgefällige Gewerb der Spießbürgerei zu erlernen. Mein Mädel – heißt meine Frau – kriegt Junge, gleich zwei Buben auf einmal, des ward ich berühmt in der ganzen Stadt, und man gedachte mich zum Ratsherrn zu machen. Denn, hieß es, Gott hat gesprochen, das gute, alte Haus stand auf zwei Augen, noch dazu weiblichen, nun ward ihm Himmelssegen durch diesen Hergelaufenen, so hat ihn Gott geschickt, und er ist keines Schinders Sohn.

Ich litt es, dacht, setzt mich nur ins Kollegium, ich schlag euch Räte, daß die Stadt eines Morgens aufwacht und nimmer weiß, ist sie böhmisch oder spanisch. Insonderheit entwarf ich flugs eine Reformation der Frauenhäuser, die der Stadt zu Nutz und Gedeihen und allen frischen Gesellen zum Beifall geraten wäre. Aber Gott, der meine Herkunft doch kennen und dem Städtlein nit ungnädig sein muß, war vor, sonst wär ich am End noch Bürgermeister worden.

Also lag ich einer Nacht meinem Weibe bei, da erschien mir im Traume meine Mutter, die Landstraße, so weiß und wunderschlank, wie sie durch Wald und Wiesen sang, sausende Wipfel entlang hügelüber flog, mit lieblichen Schlingen in verheißendem Schwingen zur Ferne, Ferne, Ferne zog, Reiter sah ich reiten, frohe Burschen zu den vierzehn Nothelfern des Weins und der Liebe wallfahren, Schnapphähne halten, Bauern um die Linde tanzen, hörte Wanderklang und Geigenstrich – da erwacht ich und fand mich für Sehnen in Tränen.

Fuhr mein Weib auf und sprach: ›Was weinst du, Lieber?‹ Sagt ich: ›Wenn ich aufhör, Liebe, wirst du weinen müssen.‹

Schmeichelte sie, umrankte mich – o der tausendfüßige, klammernde, saugende Efeu! – und bettelte Liebe. Aber ich war arm. Ich hatte keine mehr im Vorrat.

Saß im Bett auf, horchte, da sie wieder einschlief, in die Märznacht. Alles still. Da klopft es am Fenster.

Leise klopft es. 150

Riß mich in die Höh, schoß mir durch Herz und Glieder. Ich wußt es, das ist mein Vater, der Wind. Er kommt aus fernem, wunderbarem Land, findt mich im Kerker von Weib, Sippe, Wohlsein und Ehrbarkeit. Das muß ihn wurmen. Und horch! Da tat er schon einen Heuler wie ein Hund, der seines Herrn Tod wittert. Und stob zornvoll übers Haus hin, hui! zum Schornstein herein, wieder hinaus, lag rauschend in den Gartenwipfeln und schlug Ranken wider die Läden.

Und sang, sang, wie drauß vor den Toren die Märzfelder im Mond liegen, knospende Wipfel hin und wider wiegen, die Straße flimmernd ins Weite verloren, von Sternen rieselt 's Gold in die Fernen, Gipfel, die dämmernd im Tagen träumen, und die Luft, die harfende Luft in den Bäumen, hoch, oben hoch ein Wandervogelschrei – da war's aus und vorbei.

Ich stund auf, kramte leise mein Narrengewand hervor, stopfte Zehrung in den guten, alten Wetschka, nahm einen Reisepfennig und die Laute vom Nagel, segnete Weib und Kinder, dacht, Mutter, Großeltern und der Vater im Himmel sind euch genug und besser als ich, von mir lernt ihr doch nichts Gerechtes. Behüt euch Gott! . . .

. . . die ewige Wanderschaft. Den Weg will sie, nicht das Ziel, ein freies Spiel von Lust und Kraft. Wohin? Wie's wendet, wie's endet? Der Sinn? Was geht's mich an, solang ich rüstig bin und wandern kann.« – –

Er sprang mit einem Satz vom Tisch.

»Und da bin ich nun unter euch. Zieht mir einen Schnapphahn an. Auch den werd ich darstellen, wie ihr besser keinen gesehn. Fehde sag ich den Städten an, Feindschaft den Bürgern, die geborgen in Schmer und Wolle sitzen, daß ihnen Tugend und Ehrbarkeit wächst wie der Schimmel im Kellerloch. Verheeret sie, zerstöret sie! Sie wollen der Welt ihre köstliche Buntheit abtun, wollen in grauer Ordnung alles gleich und bürgerlich machen, sie wollen der freien Straße Zäume anlegen, die adlige Lust hinwegtilgen, daß zwischen ehelichem Kindbett und natürlichem Totenbett das Leben sittsam und sicher einherschreite als ein feister Kaufherr mit Gespons und einem Schweif braven Gezüchts. Kein 151 Trunk, kein Kuß aus dem Stegreif mehr, kein Lied, kein herzfrischer Raufhandel. Feiges Wohlleben hinterm Stachelzaun von Sitt und Satzung, gieres Geldraffen hinter Türmen und Wällen, fettes Herkommen und starres Vererben. Tod den Spießbürgern! Es lebe die ritterliche Freiheit, das Reiten und die Straße!«

Die Becher fuhren in die Höh und schallten aneinander. Wilde Stimmen hoben die Freiheit, kräftige Arme den Pfeifer hoch.

Er aber hüpfte wie ein Heuschreck über ihre Köpfe weg und war zur Tür hinaus. 152

 

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