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Ritter, Tod und Teufel

Hans Frhr. von Hammerstein: Ritter, Tod und Teufel - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleRitter, Tod und Teufel
authorHans Freiherrn von Hammerstein
year1921
firstpub1921
publisherC. F. Amelangs Verlag
addressLeipzig
titleRitter, Tod und Teufel
pages434
created20181004
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Um Kaiser und Reich

Es war Nacht geworden. Nach dem Abendimbiß, bei dem sich die Junker auf Mangolds eindringliches Geheiß leidlich wohl betragen hatten, war es doch mählich lauter geworden, und der Hauswirt sah es lieber, daß die Frauen sich früh zurückzogen. Nur die Burgfrau, solcher Gäste gewohnt und ihren Ausartungen gewachsen, kam wieder und ging ab und zu, nach dem Rechten zu sehen, und hob auch gelegentlich selbst eine Kanne dabei, was sie nicht ungern tat.

Armleuchter mit dicken, bunten Wachskerzen, die, für einen heiligeren Ort bestimmt, wohl nicht mit Willen ihres Erzeugers an diesen geraten waren, erhellten den großen Saal. Auf den Bänken in den tiefen Fensternischen lagen bunte Federhüte und Mäntel, in den Winkeln lehnten Schwerter friedlich beieinander. An den Tischen aber saßen, lümmelten oder standen in Zwiegesprächen oder eifervollem Gruppengerede die bunten Junker, alte und junge Gesichter, lockige und kahle Köpfe, wilde Bärte und glatte Wangen, Wämser mit Schnitten und Puffen in vielen Farben, und der Wein füllte die Kannen und war des Abends Meister. Einzig Nebukadnezar befliß sich der Stille. Er saß in sich zusammengesunken und schlief, und die andern redeten hinweg über ihn.

Die Nacht hatte einen starken Wind geboren, der von Südwesten her das alte Bergnest umwarb, zuweilen kräftig an die Scheiben drückte und im Kaminschlauch auf und nieder pfauchend die ersterbenden Glutbarren wieder zum Flackern brachte.125

Philipp von Rüdickheim hatte sich mühsam erhoben und ein schweres Scheit in die Herdhöhlung gelegt. Jetzt stand er mit schmerzlich verkniffenen Augen vor dem aufprasselnden Feuer und rieb sich stöhnend das Hinterteil.

»Ei, Pechnase, noch immer kreuzlahm?« krähte der kurze, feiste Fuchs von Bimbach herüber.

Pechnase hießen sie den Rüdickheim, weil er ein Antlitz verwittert wie ein altes, trotziges Gemäuer und so feindlich lugende, schmalgezogene Blicke unter schief zur Nasenwurzel gesenkten, buschigblonden Brauen hatte. Fast ohne Sattel ging seine Stirn in die lange, scharfe Nase über, was ihm ein Gesicht gab wie das eines Topfhelmes über einem gothischen Wappenstein.

»Zum Teufel, freilich,« grollte Philipp, »das Schustergift werd ich nimmer los.«

Mangold lächelnd: »Du meinst wahrlich, daß es Gift sei?«

Philipp: »Hat der Hund sich doch dessen berühmt vor seinen Genossen im Gasthaus Krachbein zu Frankfurt. Mein Kundschafter hat's selber gehört. ›Da schütt ich ihm drei Tropfen in den Becher,‹ hat er gesagt, ›und nun geht er schon krumm wie ein uralter Karrengaul. Der schatzt kein Schuster mehr.‹«

Fritz von Thüngen: »Philipp, ich mein, du hast bloß das Zipperlein. Bist zu viel geritten in der Nacht.«

Kunz von Rosenberg: »Ja, ja! Und als du recht hurtig rittest, stieß der Wind das Kammerfenster auf und lief dir kalt über's Kreuz, davon ist es steif.«

Philipp: »Höhnt nur. Ich wünsch euch das Zeug in die Knochen, daß ihr anders sprächet.«

Wilhelm Fuchs: »Und hast du wirklich allen Schustern zu Frankfurt abgesagt?«

Philipp: »Ei, freilich, und weil mein Zorn groß war, gleich den Sattlern, Schneidern und verwandten Gewerben dazu.«

Wolfgang von Nisika: »Und was hat dir der Handel getragen bisher?«

Philipp: »Nun, ein paar hab ich aufgehoben und in Stock gespannt, bis sie schwuren, mir umsonst jeder ein Dutzend 126 Stiefel zu machen. Kein Schuster mehr hat sich auf Gelnhausen hinaufgetraut. Und drei Fuhren Häute habe ich abgefangen, die nach Frankfurt sollten. Der ganze Speicher in Rüdicken liegt voll davon. Wann ihr wollt, ihr könnt euch alle bei mir neu beschuhen.«

Hektor Behaim: »Ich hört, die Schusterinnung zu Frankfurt hätt dir auch hinwieder ein Fehdebrieflein zugeschrieben.«

Philipp: »So ist's, und schwuren darin, daß ich würd in Strümpfen reiten und mir die Sporen an die Knöchel binden müssen. Und eines Tags zogen sie gar im hellen Haufen aus, mich zu fangen. Mir ward's verkundschaft. Da ritt ich mit ganzen fünf Reitern und hielt eine Meil außer Hanau im Holz. Da kamen sie heran mit Spießen und Armbrüsten bei funfzig und sangen wie die Landsknecht und taten gar kriegerisch, hatten auch eine Vorhut vorausgeschickt. Die ließ ich vorbei, und als das Schuster- und Schneiderheer beim Holz war – hoscha! stoben wir drein. Das gab ein Geschrei und Gerenn, die einen warfen Spieß und Messer fort und liefen feldein, die andern kletterten die Bäum hoch, die dritten rutschten auf den Knien und flennten um Gnade. So mußten wir lachen, daß uns die mehreren entkamen. Ein paar haben wir mitgenommen, die hocken bei mir im Turm und fasten, bis sie mir den Jakob, den Giftmischer, ausliefern. Die Zünfte dräuen nun, daß sie mich beim Kurkollegium verklagen wollen, bis erst die Fürsten auf Frankfurt gezogen, den König zu wählen.«

Fritz von Thüngen: »Da hast du gut warten. Wer weiß, wann die nach Frankfurt kommen!«

Philipp: »Die Wahl ist ausgeschrieben, die Quartiere zu Frankfurt sind bereit. Dennoch verziehn sie von Woch zu Woch. Da der Kaiser noch lebte, waren sie einig, seinen Enkel zu wählen. Der Max ist tot, und ihre versprochenen Stimmen hat der Wind geholt. So eine schwere Königsgeburt hat das Reich noch nit gehabt.«

»Es ist halt auch schon gar alt,« sprach schläfrig der derbe, wortkarge Lorenz von Rosenberg.

»Ihr sollt sehen,« schrie der Fuchs herüber, »der König von Frankreich ist eine bessere Hebamm als der gute Max 127 es gewesen. Die mehreren Kurfürsten hat er ihm schon abgekauft gehabt, noch als der Kaiser am Leben war.«

Mangold auffahrend. »Abgekauft? Was du nit sagst! Das wär doch –! Deutsche Fürsten –!«

Der Fuchs: »Du glaubst noch immer an deutsche Fürsten? Da glaub ich schier noch lieber an den Papst und seine Bonzen.«

Wolfgang von Nisika: »Nit an die und nit an jene. Und das hab ich wohl auch vernommen, daß der Kurfürst von Mainz vom verstorbenen Kaiser zweiundfünfzigtausend Goldgülden als Handsalbe und ein Jahrgeld von achttausend Gülden versprochen gekriegt hat, daß er dem Karl die Stimm gäb. Auch ein hispanisch Bistum ward ihm zugesagt.«

Mangold: »Das glaub, wer mag, ich nimmermehr. So tief sind wir Deutsche noch nit gekommen.«

Lorenz von Schaumberg: »Ich muß es glauben, Mangold. Mir hat's der Sickingen selber gesagt und haargenau die gleiche Zahl.«

Mangold: »Sickingen – Franz von Sickingen?«

Lorenz von Schaumberg: »Jawohl.«

Mangold, den Kopf schüttelnd: »Die Wahrheit selber.«

Wilhelm Fuchs: »Und der Kölner Bischof hat zwanzigtausend Gulden vom Max genommen, dann war's ihm aber zu wenig, da hat er noch sechstausend aufs Jahr Pension verlangt und Geschenke und Jahrgelder für seine Kanzler und Rät.«

Philipp von Rüdickheim: »Und der Brandenburger, so sagte mir ein rheinischer Ritter, hat sich vom König Franz eine französische Schwiegertochter mit einhundertundfünfzigtausend Talern Mitgift verschreiben lassen für seine Stimm. Erst aber mußt ihm der Max Pommern und Schleswig versprechen und seinem Bruder Albrecht zur Inful von Halberstadt und Magdeburg den Kurhut von Mainz verschaffen. Und dann hat die ganze zollernsche Sippschaft sich doch dem König in Frankreich verhandelt.«

Wilhelm Fuchs: »Ja, guter Mangold, du glaubst noch an Fürsten, Papst, Kaiser und Gott. Ich schon lang nimmer.«

Mangold: »Das hab ich gewußt, daß leider Gotts des 128 deutschen Königs Erwählung allemal ein Judenhandel mit Ländern und Krönlein ist, aber daß ein deutscher Fürst, geistlich oder weltlich, schmieriges Geld nimmt . . .«

Philipp von Rüdickheim: »Und mit beiden Händen, hie von Habsburg, hie von den Lilien.«

Christof von Nisika: »Hätten sie drei Händ, es wurd ihnen nit zu viel.«

Wilhelm Fuchs: »Dafür nehmen sie mit einer von drei Herren. Der König von Engelland zahlt auch brav.«

Hektor Behaim: »Der wär mir noch lieber als der Franzos.«

Hans Jörg von Thüngen: »Und mir lieber als der Spanier. Ist doch an dem Habsburger kein deutscher Faden mehr.«

Fritz von Thüngen: »Drum sag ich's: Weg mit den Fürsten, hinaus die Wechsler aus dem deutschen Tempel. Wir wollen den König wählen.«

Mehrere sprangen auf und riefen durcheinander: »Das ist ein Wort! Brav gesprochen! Die deutsche Ritterschaft soll den König wählen.«

»Nicht die Ritterschaft allein,« rief da eine neue Stimme von der Tür her, die zum Nebengemach führte. »Das ganze deutsche Volk soll seinen Kaiser wählen, und nicht der Papst zu Rom, er selbst soll die Krone sich aufs Haupt setzen.«

Alle Gesichter fuhren herum. Ein Ritter von schmächtiger Gestalt, einfach gewandet, war eingetreten. Augen wie zehrende Flammen im schmalen, krankblassen Antlitz. Lange Nase, am Knorpel eingesunken, wie die eines Toten, und in den Flügeln gerötet. Ein schütterer Bart in die Mundwinkel hängend, unter verfallenen Wangen die abgemagerten Kiefern kaum verhüllend. Dunkelblondes Haar in schlichter Scheitelung bis fast an die Schultern fallend. Jede Bewegung hastig, zuckend, als führe ihm ein peinvolles Feuer unaufhörlich durch die Glieder.

Es wurde still. Dem bleichen Junker wollte kein Willkommgruß entgegenspringen. Zögernd boten sich ihm die Hände, als er schon im Kreise stand. Mangold fand zuerst ein Wort.

»Du, Ulrich? Wieder im Land?« sagte er wenig froh. 129

»Ja, Oheim,« sprach Ulrich von Hutten. »Der ewig Fahrende ist wieder einmal heimgekehrt, aber nicht, um zu rasten und zu bleiben. Hab nur den alten Steckelberg flugs in einen feuerspeienden Berg verwandelt. Flammen des Geistes schleudert er nun wider die Bösen, die Lügner, die Mächtigen dieser Welt, Fürsten und Pfaffen. Brände des Aufruhrs wirft er unter die Trägen, die Satten, die Schlummernden, prasselndes Feuerwerk des Hohnes in die stumpfe Menge der Allzugläubigen.«

Mangold: »Was soll das Gered?«

Ulrich: »Eine Druckerei hab ich in meines Vaters Burg eingericht. Da wird nun geschwärzt und gepreßt, und die Blättlein fliegen in alle vier Winde wie die Falken, daß es eine Lust ist.«

Mangold tat rasch einen Zug aus dem Becher.

»Das hat noch gefehlt,« sagte er verächtlich. »Das alte ritterliche Haus mit einer Druckstub versauen. Verfluchte Erfindung, verfluchte Schreiberei!«

Ulrich schlug ihm hart lachend auf die Schulter.

»Gesegnete Erfindung, größte Tat der Nation!« rief er. »Sie wird ihr die Freiheit und der ganzen Welt erst die wahre Erlösung bringen.«

Mangold: »Ich seh nichts dann Haß und Hader, Verführung und Empörung aus der schwarzen Preß kommen. Ein Maul, das die Höll aufsperrt, uns mit Unheil zu begeifern, mit Lüge zu überspeien. Das Drucken und das Pulver – die zwei schwarzen Künst! Und Deutsche mußten sie erfinden!«

Ulrich einfallend: »Magische Künste, Oheim, mächtige Künste. Sie werden uns die Welt erobern. Laß andere ein Land entdecken. Wir entdecken unsern Geist und nehmen Besitz von der ganzen Welt.«

Mangold: »Und die Welt wird solche Künste wider uns kehren und uns vernichten. Den einen hat sein eigenes Gekoch in die Luft gesprengt, das andere entflammt und zerreißt die ganze Menschheit. Zu beiden der Teufel der Vater. Und du, Ulrich, mit deinen gedruckten Brandpfeilen –. Lassen wir's. Da kommen wir wieder ganz auseinand. Hier 130 trink und sei willkommen auf dem Brandenstein. Aber drucken wirst du hier nimmermehr. Wie geht's der Mutter?«

»Sie ist wohlauf und läßt grüßen. Aber von deinem neuen Hader ist sie so wenig erbaut, wie du von meiner Druckerei. Ich soll dir abreden.«

»Zu spät. Der Fried ist schon gebrochen.«

»Desto besser. Es wäre mir ohnedem widers Haar gewesen, dir abzureden. Nur immer Kampf, Kampf mit allen und wider alle! Heil dem Römischen Reich! Auf einen gesegneten Untergang!«

Er leerte mit Hast den Becher.

»Ich soll nit trinken,« sagte er absetzend. »Der Arzt hat's mir verboten. Und doch plagt mich der Durst immerzu, der Durst nach Wein den Leib, der Durst nach Freiheit die Seel. Wovon spracht ihr doch, als ich hereinkam, ihr Herren? Ihr wart so schön in Hitze.«

»Von der Königswahl,« sagte Philipp von Rüdickheim.

Ulrich: »So war's. Ich bitt dich, leg noch ein Scheit ins Feuer. Mich friert. Zwar der Wind, der draußen geht, ist mild. Er bringt den Frühling. Es muß ein großer Sturm sein, der Deutschland den Frühling bringt, er muß uralte Bäume stürzen, Mauern brechen, Dächer reißen, daß die uralte, stickige Luft hinausgefegt wird, daß das Junge, das Neue leben kann.«

Fritz von Thüngen: »Nun, Ulrich, was meinst du zur Königswahl? Das ganze Volk soll wählen, hast du gesagt.«

Ulrich: »So soll es sein, so war's bei unsern Altvordern. Jeder freie deutsche Mann soll wählen, nicht sieben bestochene Fürsten. Und jeder Deutsche soll frei sein, ob Bauer, Bürger oder Edelmann.«

Lorenz von Schaumberg mit Bedacht: »Jeder frei, kein Herr, kein Knecht? Da brächte wohl keiner mehr ein Heer vor den Feind?«

Ulrich: »Nein, Lorenz. Kein Herr, kein Knecht mehr, und all Volk wie ein Mann wider den Feind. Aber es wird noch viel Knechts- und Herrenblut fließen, bis es so weit ist.«

Hektor Behaim: »Da müssen wir erst noch manchen König 131 wählen. Mit wem hältst du's, Ulrich? Wen willst du gewählt haben?«

Ulrich, einen neuen Becher bebend: »Heil, Kaiser Franz, sag ich.«

Wäre ein Balken von der Decke gestürzt, es hätte nicht ärger aufgerührt. Die Junker fuhren in die Höh.

»Franz?« rief Mangold. »Das ist Verrat!«

Philipp von Rüdickheim: »Ich sag dir ab, ich will dein Feind sein, merk's dir!«

Hans Jörg von Thüngen: »Zwischen uns ist's vorbei, Ulrich!«

Wilhelm Fuchs: »Was Wunder! Er ist im Mainzer Sold.«

Hektor Behaim, halblaut höhnend: »Das ist der rote Franzos in seinem Blut!«

Mangold: »Ich sag's ja – das Drucken, die Federfuchserei – so weit bringt's einen Ritter!«

Lorenz von Schaumberg: »Und du nennst dich noch einen Deutschen, Ulrich von Hutten?«

Ulrich, mit verschränkten Armen und schmerzvollem Lächeln ruhig einem zum andern ins Gesicht blickend: »Und doch bin ich der deutscheste von euch allen. Was schreit ihr, eh ihr's begriffen, ihr Kleingläubigen? Jetzt sperrt die Ohren auf und schlagt euch an die Stirnen: Nicht der spanische Habsburger, nicht der wälsche Franz, nicht der englische Heinrich soll deutscher König sein. Nicht einer von dem deutschen stamm- und ehrvergessenen Fürstenpack, nein, einer aus frischem, starkem Geschlecht, ein deutscher Mann von Kern und Schlag, ein Ritter wie wir: Franz von Sickingen.«

Da klaffte ein Schweigen.

Und über dem Abgrund, der zwischen ihnen aufgerissen war, tanzte das feurige Wort, das Hutten unter sie geschleudert hatte. Der sah's mit Lust, der mit Weh, mit Grausen ein jeder. Und keiner wagte, es aufzuheben.

Einzig der Rosenberger trat mit seinem Hurenlächeln heran und hob die Hand. Aber ein anderer schnitt ihm das Wort ab. Nebukadnezar Voit. Auf einmal stand er da, riesengroß, trunken und verwüstet, und in seinen Augen stieg ein Feuer aus den Dünsten.

Er reckte die Hand empor und ließ sie fallen. Er deutete 132 wirr umher, bewegte die Lippen, kämpfte schwankend um Halt und Wort und stieß endlich, steil aufgerichtet, starr ins Leere schauend hervor: »Die Krone – die deutsche Krone –, wer ist's, der nach ihr greift? Ulrich von Hutten – ein deutscher Ritter – ein Zwerg – weißt du's nicht – die Alten haben das Gold in den Rhein geworfen – die Krone ist hervorgestiegen – der Karl hat sie getragen – der Rotbart – der sechste Heinrich – und der letzte Ritter – ist keine Kron ihr gleich auf der Welt – ist die Krone der Welt – wer soll sie tragen –?«

»Ein Würdiger,« rief Ulrich dazwischen, »ein Deutscher, kein . . .«

»Wer kürt ihn?« schrie Nebukadnezar.

Ulrich: »Bestochene Fürsten!«

Nebukadnezar: »Was geht's dich an. Gott wird es richten.«

Ulrich: »Gott im Sold der Spanier, der Franzosen, des Papstes – ich lache.«

Nebukadnezar: »Und wären es Diebe und Mörder – dennoch ist es Gott – solang Ihr an ihn glaubt – dennoch ist's die deutsche Krone – solang Ihr an sie glaubt. Und trüge sie ein Jude – der Alte schläft im Berg und wird aufwachen, wann es Zeit ist«

Ulrich: »Das glaube, wer kann.«

Nebukadnezar: »Das ist's. Könnt Ihr nit mehr glauben, dann fahr hin Kaiser und Reich, ist keine Nation, kein König, kein Gott mehr, fallen sie übereinander her wie die Wölfe, Fürsten, Ritter, Bürger, Bauern, kommt der Wälsche, kommt der Heide, wirft uns nieder, führt uns fort als Knechte.«

Ulrich: »Sind sie nicht schon los wie die Wölfe? Raufen sie nicht schon, daß der Teufel seine Lust dran hat? Da – Mangold mit Nürnberg – Herzog Ulrich mit dem Bund – die Hutten mit Herzog Ulrich – der Luther mit dem Papst – Ritter mit Stadt – Ritter mit Ritter – und schon steht im Dunkel einer und hebt den Bundschuh auf und reckt die Faust mit dem Morgenstern ins rote Tagen –«

Mangold: »Und du, du stößt ins Sturmhorn dazu, du schreist: ›Pack an‹, streust deine schwarzen Lettern wie kleine, hüpfende Teufel ins Volk.« 133

Ulrich: »Sie sollen übereinander herfallen, sollen sich zerfleischen. Was ragt, muß stürzen, was liegt, muß aufstehn. Zerstörung und Untergang. Nur so wird das neue, das deutsche Reich.«

Lorenz von Schaumberg: »Und der Türk wird unser Kaiser sein.«

Ulrich: »Wird's sein, soll's sein, wann wir's verdienen. Leiden wir den Papst, den Franzosen, sind wir des Türken wert.«

Schaumberg: »Kann's denn keine Einigkeit geben?«

Ulrich: »Mit Fürsten und Pfaffen nimmermehr. Nimm die weg, stäup sie aus, wenn du kannst.«

Mangold: »Und die Städte?«

Ulrich: »Der Übel kleinstes. So ihnen die Pfaffen, die Fürsten nit helfen, wider die kommen wir auf. Es ist viel Gutes in den Städten, das wir brauchen. Wir sollten sie auf unsere Seite kriegen. Dann wär's gewonnen.«

Mangold: »Gutes? Ich seh nichts, dann Geld. Und das ist so schlimm wie Pulver und Drucklettern. Des Teufels drittes Kind.«

Nebukadnezar nickte und deutete was. Er war wieder in den Stuhl gefallen und stierte vor sich hin.

Ulrich: »Des Teufels Kinder, wenn uns der Teufel reitet. Ein starker Christ muß selbst ihn reiten können. Was ist der Teufel? Unsere Schwäche. Was ist Gott? Unsere Kraft.«

Lorenz von Schaumberg: »Du redst wie der Doktor Luther.«

Ulrich: »Ein großer Mann fürwahr.«

Mangold: »Wann ein kleiner Pfaff über die Stränge schlägt, ist er gleich ein großer Mann.«

Ulrich: »Wißt Ihr, welch ungeheure Kraft dazu gehört, daß ein Pfaff über die Stränge schlägt? Ich weiß es. Hätt selbst einer werden sollen, bin ausgesprungen. Seit meinem fünfzehnten Jahr kämpf ich wider Dummheit, Lüg und Tyrannei. Bin siech und elend davon worden. Aber nur ein paar Jahr noch soll dieser kranke Leib die brennende Seel ertragen. Der neue Tag bricht an. Seht euch vor, daß er euch wach finde. O, wie seid ihr stumpf und trüb! 134 Hängt voll uralter, welker Begriffe, wie die Eichen ihr abgestorben Laub nit lassen wollen, wenn schon an allen andern Bäumen die Zeichen des Frühlings geschehn, glaubt an Dinge, die längst nimmer sind, kämpft wider Schemen, jagt eure kleinen Lüste, trinket und tanzet, während schon riesig das Wetter der großen Erneuerung heraufzieht und der Sturm in Stößen das Abgefallene aufwirbelt, am Morschen rüttelt. Ich kann euer Reden nit mehr hören, flüchte vor der eigenen Sippe, weil ich's nimmer hören kann. Oft packt mich das Grausen, als säh ich plötzlich, daß ihr alle gestorben seid und leblos altgewohntes Zeug herplappert, und die Sprache der Welt ist schon lang eine andere geworden.«

Lorenz von Schaumberg: »Was du sprichst, das versteh ich wohl, weiß auch gar gut, daß eine neue Zeit kommt. Jedennoch mein ich, du tust zu große Sprüng.«

Hans Jörg von Thüngen: »Und große Sprüch.«

Lorenz von Schaumberg: »Den Sickingen ehren wir alle hoch und lieben ihn.«

Mangold: »Keiner mehr als ich.«

Mehrere stimmten lebhaft zu.

Lorenz fortfahrend: »Aber zum Kaiser schickt sich gottlob doch noch mancher Fürst in Deutschland.«

Wolfgang von Nisika: »Herzog Friedrich von Sachsen. Der hat saubere Hände. Für den geh ich auf glühendem Eisen.«

Lorenz von Schaumberg: »Und auch dem jungen Habsburger kann annoch Übles nit nachgeredet werden.«

Ulrich: »Er ist kein Deutscher mehr, er kann nit einmal Deutsch reden.«

Mangold: »Er wird's lernen. Er ist noch jung. Über viele Reiche wird er herrschen, und Deutschland wird sein Thron sein.«

Lorenz: »Der Sickingen selbst will ihn auf den Thron bringen. Er sammelt ein Heer mit dem Frundsberg . . .«

Ulrich: »Ich weiß es, und sie wollen vor Frankfurt ziehen und die Kurfürsten dunsten lassen, bis ihnen die wälschen Praktiken herausgeschwitzt sind.«

Mangold: »Nun, Ulrich, was willst du noch, wann der Sickingen dem Habsburger anhängt?« 135

Ulrich: »Franz ist ein echter Deutscher. Zum Anbeten. Groß wie kein anderer und sieht sich selbst nur klein. Mit Gewalt müßt man ihn erheben.«

Fritz von Thüngen: »Ich dächt, er wär ein trefflicher König. Ist nit unsereiner besser dann verwälschtes Fürstenblut?«

Nebukadnezar: »Wirf du den Fürsten vom Stuhl, der Bauer wirft dich herunter.«

Mangold: »So käm es, wann wir vom Recht ließen. Ich halt mit dem Sickingen zu Habsburg.«

Lorenz: »Ich auch.«

Philipp von Rüdickheim: »So däucht es auch mir am besten. Wir bleiben beim Recht und helfen dazu, wenn's not tut, mit dem Schwert. Das ist so gut als gewählt. Aber einig müssen wir sein.«

Ulrich: »Es freut mich, wenn ich euch wenigstens einig weiß, sind euch auch noch Hirn und Herz gefroren. Wann werden sie auftauen?«

Der junge Miltitz trat ein: »Es sind Reiter mit Gefangenen unten, sagen, Herrn Kunz von Rosenberg gehören sie zu.«

Kunz: »Die Nürnberger. Kommt. Wir wollen sie anschauen.«

 

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