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Ritter, Tod und Teufel

Hans Frhr. von Hammerstein: Ritter, Tod und Teufel - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleRitter, Tod und Teufel
authorHans Freiherrn von Hammerstein
year1921
firstpub1921
publisherC. F. Amelangs Verlag
addressLeipzig
titleRitter, Tod und Teufel
pages434
created20181004
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Junker

Mit geziertem Gruß betrat er die Stube. Ein junger Mann in den späten Zwanzig mit Neigung zur Beleibtheit, blaßweichem, rundem Gesicht und verschwommenen Augen in falben Wimpern. Dem Lockengeringel des halblangen, seideglänzenden Haares von aschblonder Farbe schien künstlich nachgeholfen, ins Gekräusel des Bartes, zwei Finger breit unter der fleischigen Lippe, war ein goldenes Ringlein geflochten. Kappe und Harnisch hatte er schon abgelegt und erschien in einem ackeleyfarbenen Wams, das den Hals bis an die Schultern bloßgab und schwefelgelbes Taffetfutter durch geraffte Schlitzen hervorscheinen ließ, und in grünen, vielfach zerschnittenen, weitgeploderten Hosen. Der ganze Kerl war so gebläht, gelappt und gefranst, daß der Wind, wann er dreinfuhr, ein schillerndes Spiel hatte wie im Gefieder eines wälschen Hahnes. Schwertgriff, Dolch und Gehäng funkelten von bunten Steinen. Ein Hauch wohlriechender Öle umwob den ritterlichen Stutzer.

Er verneigte sich höfisch vor den Damen, und sein Blick verknüpfte sich rasch und seltsam mit dem aus Helenas neugierigen Augen. Mangold reichte ihm finster und nachlässig die Hand.

»Ich hab Nürnberger gefangen,« rief Kunz von Rosenberg stolz und wunderte sich, verdutzte Mienen und keinen erfreuten Widerhall zu finden. »Die Knechte halten mit ihnen 114 im Wald, bis Nacht wird. Dann werden sie hergeführt,« setzte er hinzu.

»Nürnberger? Du?« fuhr ihn Mangold an. »Wer hat's dir geschafft? Oder hast du etwan Fehde mit Nürnberg?«

Kunz erstaunt: »Ich nit, aber du, und für dich hab ich sie geschnappt.«

Mangold schlug die Hände zusammen, Nebukadnezar lachte hohl auf, Margareta, die Türklinke in der Hand, sagte: »Aber Kunz, du machst auch immer dumme Streich.« Damit verließ sie die Stube.

Mangold in höchstem Ärger: »Ich hab doch noch gar nit aufgesagt.«

Nebukadnezar schauerlich: »Da hast du erst mit dem Feuer gespielt, und schon brennt dir das Dach lichterloh.«

Er tat einen sehr tiefen Schluck und nickte mehrmals düster mit dem Haupt.

Der Odheimerin war alles Blut aus den Wangen gewichen. Helena, lüstern der Neuigkeit, spitzte Nase und Ohren.

Der Rosenberger, schnell gefaßt: »Wenn's weiter nichts ist. Was braucht's lange Feindsbrief. Die Ordnung im Reich hat längst der Teufel geholt. Endlich dacht ich, du hättst schon aufgekündigt. Hektor Behaim, der mit mir war, dacht auch so.«

Mangold: »Wo ist der Behaim?«

Kunz: »Sein Roß hat sich geschrammt. Er läßt's drunten im Stall einbinden.«

Mangold: »Wer sind sie, die ihr gefangen habt?«

Kunz: »Seien Handwerker, sagen sie.«

Mangold: »Wo habt Ihr sie angeritten?«

Kunz: »Bei Raikelsdorf außer Bamberg.«

Mangold: »Also haben die Nürnberger doch recht, daß sie sagen, ich hätt ihnen schon Leut niedergeworfen. Wie haben sie's nur erfahren?«

Kunz: »Leichtlich. Einer ist uns in der ersten Nacht auskommen. Die andern zwei hatt ich ein paar Tag bei mir.«

Mangold: »Wo? In Uttenhofen?«

Kunz zögernd: »Nein . . . in Aub, bei der Truchsessen Wittib.«

Mangold: »Ach so.« 115

Nebukadnezar räusperte sich vernehmlich.

Mangold: »Und hast du den Leuten, als du sie fingst, Namen genannt?«

Kunz: »Wohl. Ich hab gesagt, daß sie in der Odheimerin Namen gefangen sein müssen.«

Mangold achselzuckend: »Der Vogel ist aus dem Sack, wer fängt ihn wieder.«

Die Odheimerin: »So schickt die Leut zurück, sagt, es wär Irrung.«

Kunz: »Du willst doch Fehde haben, Schwager. Ob du nun heut oder morgen anhebst, was tut's?«

Mangold: »Ich begeb mich mit deiner Tat des rechtlichen Anhubs.«

Nebukadnezar: »Dächt, da käm's nit gar so auf Recht oder Unrecht an, daß es ein Pillendreher auswiegen könnt.«

Im Hof wurde ein starker Rumor. Mangold blickte hinaus und sah, daß mehrere ankommende Reiter absaßen und Pferde herumgeführt wurden.

»Die Junker sind da,« sagte er. »Ich seh den Schaumberger, zwei Nisika, und das dort ist Hektor Behaim.«

Die Odheimerin erhob sich und winkte ihrer Tochter.

Mangold: »Ihr wollt fort, Frau Base?«

Die Odheimerin lächelnd: »Unter so viel Männern ziemt sich's nit, daß wir bleiben.«

Kunz eifrig: »Im Gegenteil, schöne Frau, werden alle gar höflich sein.«

Agatha wurde rot. »Ihr Männer habt zu reden miteinand. Da stören wir.«

Der Rosenberger wollt erwidern, aber Mangold schnitt ihm kurz die Rede ab.

»Dann bis zum Spätmahl, Frau Base. Frowin, geleit die Damen hinauf.«

Die Ritter verneigten sich. Die Frauen gingen. Auch der Kapellan brach auf und schied mit einem brummigen Gruß.

Kunz sah dem Mädchen nach. Als sich die Tür geschlossen hatte, nahm er den Kristallbecher, der auf Helenas Platz gestanden hatte, zur Hand, füllte ihn aus der Kanne und hob ihn ans Licht. 116

»Potz blau!« sagte er. »Schwager, ich versteh's, daß du raufen willst um dieses Weib.«

Ein Feuerblick aus Mangolds Stahlaugen traf ihn.

Er fuhr ihn an: »Das Weib? Was soll das Weib dabei? Ums Recht schlag ich, nit ums Weib.«

Kunz lächelte und sah, ein Auge zukneifend, durch den Becher, in dessen Schliff sich wunderbar das Licht brach. Er drehte ihn langsam in der Hand. Mangold schritt erregt auf und nieder.

»Ah!« seufzte Kunz gefühlsam. »Da hat ihr Mündlein gehaftet. Mein Leben hab ich an einem so jungen Ding so kußbare Lippen nit gesehn. Und wie sie hinausgeschlüpft ist, dieses Biegen im Kreuz – ei, die wär mein Gusto, die sollt ich im Bett haben.«

Mangold: »Schwein. Ich werf dich vor die Tür.«

Kunz leerte den Becher und schnalzte mit der Zunge.

Indem kamen Stimmen und Tritte den Gang heran. Die Tür ging auf, und allsogleich war die Stube voll rauhem Lärm, Gerede und Gelächter der eingetretenen Junker.

Da stand der breite Hektor Behaim im schlichtgrauen Reitrock mit mächtigen Sporen an den Schuhen und verantwortete vor Mangold, der ihn ungnädig begrüßte, den Fang der Nürnberger. Da waren die zwei kleinen, geschmeidigen von Nisika, dunklen, undeutschen Schlags. Wendisches Blut war bei ihnen noch deutlich in Bildung und Wesen zu spüren. Lorenz von Schaumberg, harten Gesichts, ernst und ritterlich, hatte sich schon als Führer in Frundsbergs Scharen hervorgetan. Er brachte ohne Säumnis mit Mangold eine sachliche Verhandlung des Streitfalles in Gang, erwog das Für und Wider feindlicher Maßnahmen, fragte, wieviel Pferde der Ebersteiner aufbringen könne, und hielt die Sache nicht für aussichtslos.

»Ihr lieben Herren,« sagte Mangold schließlich, die zweite Zimmertür öffnend. »Wir wollen hier neben weiter reden. Da ist mehr Raum und mehr Wein. Ihr sollt es euch bequem machen.«

So betraten sie den anstoßenden Saal, wo in einem mächtigen, wappengeschmückten Kamin große Scheite 117 knatterten, mancherlei altes Geschild und Gewaffen an den Wänden hing, deren Fries mit Wappen bemalt war, und lange Tafeln im Hufeisen standen, hochlehnige, geschnitzte Sessel daran, oben wie ein Thron der Sitz des Hausvaters.

Für den Türmer auf dem Burgstall gab es heut viel zu schauen. Schon wieder zog ein Trupp vom Städtchen Elm gegen den Brandenstein herauf. Nur wenn es mehr als drei Pferde waren, ließ er den althergebrachten Ruf ertönen. Dann traten drüben am äußeren Tor Knechte mit Halparten an. Aber es gab lauter bekannte Gesichter und Wappenfarben, ungefragt und ungeleitet ritten die Ankömmlinge zum Vorhof, und das knirschende Schlagen und Rutschen der Pferdehufe hallte hart in der engen Wehrgasse.

So kamen im Verlauf etlicher halber Stunden noch Philipp von Rüdickheim, Wilhelm Fuchs von Bimbach und Lorenz, der älteste der Gebrüder Rosenberg.

Ihre Knechte mehrten nach Einstellung der Rosse den Lärm in der Reiterstube unterm Torbogen, die Herren aber den im Saal, wo zwei Fäßlein auf Kreuzböcken standen, eines mit dem weißen Saft der fränkischen Rebe, eines mit dem roten der hunnischen, die fleißig gemolken wurden, und wo die Hausfrau mit den Knaben und Mägden viel zu laufen und zu schaffen hatte.

Plötzlich verstummte das Geplauder, denn eine Musik kam die Treppe herauf. Die Saaltür ward auf und der Narr hereingestoßen, der in sein Hollerrohr tutete und plumpe Sprünge tat. Hinter ihm tanzte – ein lachhafter Gegensatz – der Schüler Jörg Dietz herein, und sein steifes Scholarenmäntelchen flog wie ein Rad um ihn herum. Dem folgte der Pfeifer mit der Laute, die langen roten Beine im Takt knickend und hebend, und dann kamen zwei Thüngen, Fritz von Zeitlofs und Hans Jörg vom Reußenberg, gleich jenem hochgewachsen und sehnig, zwei treffliche, adelige Reitergestalten, doch Hans Jörg nicht hart und wettergebeizt wie der ältere Vetter, sondern in der blonden Vollfrische seiner dreißig Jahre, lustigen Blickes und Mundes, des dem Geschlecht eigenartigen starken Kinnes nicht entbehrend. Als Gatte einer Rosenberg war er dem Hause verschwägert. 118

Der Narr lief blasend im Saal herum, die Junker lachten und schlugen nach ihm, der Pfeifer sprang auf den Tisch, spielte und tanzte dazu. Sattsam umhergejagt, fiel der Narr schließlich in einen Sessel und zog sich Rock und Schuhe aus.

»Laßt's ihm nit angehn, werft ihn hinaus,« rief Mangold herüber.

Die Junker lachten, stießen ihn und zerrten an seinem Federputz.

»Obacht auf die Läus, die aus seinem Gewand fallen,« warnte der junge Miltitz.

Lautes Gelächter hob sich. Die den Tölpel gefoppt hatten, rückten ab und suchten, ihn mit Fußtritten zur Flucht zu bewegen. Aber der Irre schlug um sich und verschanzte sich hinter Stühlen. Da kroch Frowin von Hutten unter den Tisch und ahmte einen kläffenden, zähnefletschenden Hund nach. Der Miltitz half ihm dabei, und mit wildem Gekreisch stürzte der Narr zur Tür hinaus. Gewandstücke, Kopfputz und Stiefel flogen die Treppe hinab hinter ihm her.

In der neuen Wirrung, die der zwei Thüngen und des Pfeifers Ankunft gebracht hatte, verließ Mangold den Saal. Er schritt durch den Gang bis zur engen Wendeltreppe im Turm und ging sie bedachtsam zum zweiten Stockwerk hinauf. Oben klopfte er an eine Tür. Eine Frauenstimme lud ihn einzutreten. Der Ritter öffnete und stand in einem langen, freundlichen Gemach, das nordwärts in eine tiefe Fensternische ausbuchtete, zu der zwei Stufen hinaufführten. Da saß die Odheimerin.

»Ihr seid allein?« fragte Mangold erstaunt.

»Helena spielt unten mit den Kindern,« versetzte Agatha, den Junker freundlich begrüßend und auf das Bänkchen im Erker zum Sitzen einladend.

Sie saß vor dem dreiteiligen Bogenfenster, das den Blick auf den Escheberg hatte, in einem hochlehnigen Sessel und hatte vor sich auf dem dunklen Eichentischchen ein Kästchen voll kleinen Krames stehen.

»Wie fühlt Ihr Euch bei den Rittern, Frau Base?« sprach Mangold, nachdem er eine Weile ihrem Kramen zugesehen hatte. 119

Die Odheimerin lächelnd: »Es sind alle gar freundlich zu mir, man hat uns arme Verjagte mit so viel Güte aufgenommen.«

Mangold: »Ein harter Schlag, diese fränkischen Junker. Ich versteh's, daß Euch Red und Brauch gar fremd ist. Wir meinen's nit so grob, wie wir manchmal tun. Ihr müßt's nachsehen.«

Agatha: »Hab nichts nachzusehen, nur um Nachsicht zu bitten.«

Mangold: »Das Höfische, das haben sie nie so recht lernen wollen. Trinken und Raufen geht ihnen über Minnesang. Da ist halt allemal viel Lärm, wenn ein paar zusammenkommen.«

Agatha: »Das hört ich wohl, daß keine Ritterschaft so streitbar sei wie just die fränkische in deutschen Landen. Drum, wer Schutz braucht, der ist wohl auf fränkischen Burgen am besten aufgehoben.«

Mangold mit Wärme: »Und den sollt Ihr auch haben, edle Frau, bei meines Vaters Geist und Schwert.«

Agatha: »Euer Herr Vater, das ist der, der den schönen Stein in der Kapelle hat. Eine starke Gestalt. Er ist im Kampf geblieben, wie die Schrift sagt.«

Mangold: »Ja. Er hat den Bauern gezeigt, was ein Ritter ist. Das hat ihm den Tod gebracht. Von uns stirbt kaum einer im Bett. Mein Vater, Philipp war sein Name, hat in einem Handel der Hutten und Thüngen wider den Grafen Otto von Henneberg Reiter und aufgeboten Landvolk geführt, die Henneberger geworfen und den Joßgrund hinunter über die Sinn bis an die Saale gejagt. Da, als sie bei Frankenborn schon an die Grenze vom Hennebergischen kommen sind, sagt er: ›Ihr Nachbarn, nun laßt uns umwenden, denn wir ziehen jetzt einem andern Herrn ins Land.‹ Aber die Bauern, wild auf ihr Vieh, das ihnen der Henneberger abgetrieben, grollten und riefen: ›Nun muß es Gott erbarmen, daß wir von dem unsern lassen sollen, der Adel will nit vorrucken!‹ Das war meinem Vater leid, und er rief hinwieder: ›Nun wohlan und dran, einem andern ist der Bauch so weich wie mir! So will ich Leib und Leben für euch wagen!‹ Und 120 läßt den Adel vor's Fußvolk rucken. Die Henneberger aber, die in einer Höhle bei Frankenborn staken, ließen sie vorbei und schossen ihnen unversehentlich einen ganzen Hagel in die Flanken, daß die kecken Bauern flugs ans Laufen kamen. Da kriegt mein Vater einen Schuß im Schenkel und ist dran verschieden.«

Agatha sinnend: »Einen Schuß im Schenkel. Seltsam. Mir war's neulich im Traum, Ihr kämt mit blutendem Schenkel zu mir. Das könnt ich nit ertragen, daß Euch meinetwegen ein Leids geschäh. Lieber ließ ich dem Preuß alles, was ich hab, als daß Blut drum vergossen würd.«

Mangold: »Und haben Euch schon einen Knecht, einen braven Mann erschlagen.«

Agatha: »Gott verzeih's ihnen. Doch drum sollt Ihr nit härter mit den Nürnbergern sein, als not tut.«

Mangold achselzuckend: »Das steht bei ihnen. Wer sich gutwillig aufheben laßt und ehrlich schatzt, dem wird kein Haar gekrümmt. Und so die Nürnberger ihr Unrecht bald einsehen, von ihren Praktiken ablassen, werden wir schnell einig sein. Anders mögen wir wohl manchmal hart aneinander kommen. Es ziehe keiner vom Leder, er könne denn Blut sehen. Kein kläglicher Ding als ein Mann, der mit dem Schwert rasselt und fuchtelt und es einsteckt, wanns der andere drauf ankommen laßt.«

Agatha: »Ach, wär nur schon alles gut vorbei. Mir ist so bang. Daß der Herr von Rosenberg auch gar so eilig angefangen hat!«

Mangold: »Er ist ein Leichtfuß, ein Windhund, hab schon manche Not mit ihm gehabt. Nun, da es geschehn, wird's wohl haben so sein müssen. Gott bedient sich gar häufig der Unbedachten, um Wohlbedachtes ans Ziel zu führen.«

Sie schwiegen ein paar Augenblicke.

»Es mangelt Euch doch an nichts dahier, Frau Base,« begann Mangold wieder. »Sagt nur frei, wessen Ihr bedürft. Ihr sollt von Eurem Brauch nichts missen, so ich's nur irgend schaffen kann, sollt nit sagen, daß es wie im Gefängnus sei auf dem Brandenstein. Freilich, so fein und üppig wie in Nürnberg . . .« 121

»Ach, fein und üppig hatt ich's schon lang nit mehr,« fiel die Odheimerin ein. »Und vermeint Ihr, der reichste Bürger zu Nürnberg hätt es so prächtig wie Eure Gaststätte dahier? Die Prunkbetten, das feine Leilach, das wolkenweiche Pflumit, der kostbare Brokat, das schwere Silber – der Kaiser hat's nit schöner. Tut nit so armselig, Herr Vetter, man lebt fürstlich auf Eurem Schlößlein.«

Mangold lächelte: »Ist zumeist Nürnberger Arbeit.«

Agatha: »Da seht Ihr's, sind die Städt doch zu was nutz. Und Ihr wollt bar Feuer und Schwefel regnen lassen über sie.«

Mangold erhob sich: »Wären in Sodom sieben Gerechte erfunden worden, Loth hätt nit ausziehen müssen. Die Reichsstädt sollen andern ihr Recht und Leben lassen, nit Wucher, Zinsknechtschaft, Schuld und Elend ins Land tragen mit ihrer Üppigkeit, dann lassen wir ihnen auch ihren Platz im deutschen Land. Gebt mir Urlaub für jetzt, Frau Base. Ich muß zu meinen Gesellen. Ihr kommt dann zum Mahl herunter. Ich will schon sorgen, daß sie noch nit zu viel haben und sich guter Aufführung befleißen. Sind gar kurzweilige, feine Herren dabei.«

Auch Agatha war aufgestanden. Eine leichte Röte flog ihr übers Antlitz. »Ich möcht Euch noch was sagen, Herr Vetter,« sprach sie und sah verlegen zu Boden. »Ihr mögt wohl bald meinethalben in mancherlei Gefahr kommen, da ist's billig, daß auch ich zu Eurem Heil tu, so viel ich vermag außer beten. Seht hier,« sie entnahm dem Kästchen ein Schmuckstück, »ein kleines Ringlein, mein Vater selig hat's getragen bis an sein End und ist vielen Fährlichkeiten heil entgangen, es ist lang in unserem Haus.«

Mangold nahm und betrachtete den Ring. »Ein schöner, grüner Stein in einem Fünfstern, das ist ein uralt Heiltum.«

Agatha: »Den sollt Ihr anstecken.«

Mangold: »Ich dank Euch, Frau Base, ich will's tun, und das Ringlein soll mir ein Zeichen sein, daß ich für Euch fechte. Aber anstecken müßt Ihr mir's.«

Er hielt ihr die Linke hin.

Agatha: »So müßt Ihr ihn tragen, mit dem Spitz nach außen.« 122

Mangold: »Warum?«

Agatha: »Durch den einen Zacken geht's aus, zwischen den zweien geht's ein. Umgekehrt kömmt Euch das Böse an. So bannt es der Fünfstern von Euch und faßt Eure Kraft zusammen und strahlt sie aus mit Macht. Schütz Euch Gott allewege.«

Mangold: »Geb mir Gott die Kraft, Euer Sach zu gutem End zu führen. Mir ist gar wohl, so ich weiß, daß Eure Sorge mit mir ist.«

Er führte ihre Hand an die Lippen.

»Ich will recht beten, daß Ihr Glück habt, und es ohne Gewalttat abgeht,« sagte sie, während Mangold sich verneigte und der Tür zuschritt. »Und faßt mir arme Nürnberger nit gar zu hart an.«

»So viel an mir liegt, sie sollen's spüren, daß sie eine milde Feindin haben,« sagte Mangold und verließ das Gemach.

Gegenüber war eine mächtige, eisenbeschlagene Tür, die er nun öffnete. Es war die Rüstkammer, die er betrat. Ein großer Saal, den an einer Seite schwere, kantige Eichenpfeiler stützten. Da standen längs der Mauern reihan wohlgeordnet Halparten, Lang- und Kurzspieße, Schwerter, Kolben und Büchsen. Harnische, Eisenhauben, Schilde und sonstige Waffen aller Art aus zwei Jahrhunderten lagen und hingen auf Bänken und Gestellen, geschichtet häuften sich Steinkugeln und Bündel von Pfeilen, und mitten trugen zwei Böcke Vollrüstungen für Mann und Roß, eine davon prachtvolle Arbeit in Schwarz mit silberner Verzierung. Gewaltig starrten die hohlen Reiterschemen in den halbdunklen Raum. Mangold stieß einen Fensterladen auf und musterte die Bestände. Da und dort prüfte er das angeschimmelte Riemenzeug an den Helmen und Kürassen, hielt ein Bündel verrosteter Sporen in der Hand und warf's wieder hin, nahm ein Schwert und befühlte die Schneide. Eine geraume Weile stand er breit, die knochigen Hände in die Hüften gestemmt, mitten im Saal und ließ mit runzliger Stirn die Blicke umherwandern. Dann trat er zum Fenster, um es zu schließen, und blickte zu den düstern Spessarthöhen hinüber, die südwärts das Gesichtsfeld grenzten. Tiefes 123 Gewölk zog über sie hin und rührte fast an den Saum der Gipfel.

Von unten vernahm er Stimmen. Er beugte sich vor und sah in den kleinen Zwingergarten hinab, der ober der Torgasse just unter diesem Fenster des Gemachs lag.

Auf der Mauerbrüstung saß Helena, ein Blümchen in der Hand, vor ihr stand Kunz von Rosenberg ziervoll gespreizt und balzte sie an. Seitwärts spielten die Kinder im Sand.

Mangold sah ihnen eine Weile zu und warf endlich mit Schall den Laden in die Riegel.

Als er die Treppe zum ersten Stock hinabschritt, kam eben der Kunz eilig vom Hof herauf und wollte zurück in den Saal.

Mangold vertrat ihm den Weg.

»Du,« sprach er halblaut und schneidend, »laß mir das Mädel in Ruh. Treib deine Rammelei anderswo, bei der Wittib Truchseß oder wo du magst. Hier ist ein ehrsam Haus.«

»Papperlapapp,« lachte Kunz. »An jedem Plätzlein ein Schätzlein, da schläfst du gut und ohne Sorgen und reitst aus frischgemut an jedem Morgen. Im übrigen, Schwager, ich bräucht wieder einmal Geld. Kriegführen ist teuer, ich muß doch rüsten für deine Handlung, bei der ich nun mit ganzem Herzen mittu, verstehst du, auch mit dem Herzen.«

»Oder sonst was,« versetzte Mangold kurz. »Geh zum Frundsberg, der kann dich brauchen – als Hurenweibel. Ich schaff's ohne dich.«

Damit schritt er durch den Gang, den ostseitig im Erker schmale, übermannshoch angebrachte Fenster hellten, in den Saal und warf die Tür hinter sich zu.

Kunz lachte fett und ging ihm nach. 124

 

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