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Rinaldo Rinaldini der Räuberhauptmann

Christian August Vulpius: Rinaldo Rinaldini der Räuberhauptmann - Kapitel 4
Quellenangabe
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typefiction
authorChristian August Vulpius
titleRinaldo Rinaldini der Räuberhauptmann
publisherInsel Verlag
seriesinsel taschenbuch
volume426
printrun1. Auflage
editorKarl Riha
year1980
firstpub1799
correctorfranka.antenne@gmx.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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Drittes Buch

Getäuscht, geblendet und vom Wahne
Der wilden Eigenmächtigkeit,
Geworben für die stolze Fahne,
Steht er nun da und flieht den Streit.

Originalillustration

Rinaldo ging endlich, noch immer als Pilger gekleidet, auf das Kloster bei Montamara zu, in welchem sich Aurelia befand, und verlangte die Äbtissin zu sprechen.

»Sie ist soeben in einem Verhöre vor den Kommissarien, die aus Urbino hier sind«, – sagte die Pförtnerin.

»Was hat denn die fromme Dame begangen?« – fragte Rinaldo mit einem andächtigen Seufzer.

»Ohne ihr Verschulden ist sie, des berüchtigten Rinaldini wegen, in einen schlimmen Handel verwickelt worden. – Übrigens ist auch, bis nach geendigter Untersuchung, jedem Fremden der Eintritt in unser Kloster verboten, – antwortete die Pförtnerin und schlug, mit einer frommen Verbeugung, die Pforte zu.

Rinaldo umging die Klostermauern und fand dieselben sehr stark und hoch.

Bei einem Kapellchen, der heiligen Klara geweiht, das zwischen drei hohen Pappeln stand, warf er sich nieder, überdachte seine Lage und deliberierte, wohin er sich wenden wollte. – Darüber schlief er ein.

Als er erwachte, sah er einen andern Pilger, der ihm gegenüber saß und in tiefes Nachdenken versunken zu sein schien. Rinaldo gab sein Erwachen zu erkennen. Jener drehte sich herum und sagte:

»Und du konntest hier so sicher und so ruhig schlafen?« Rinaldo erschrak, suchte sich aber gleich wieder zu fassen und fragte:

»Ist es denn hier unsicher?«

»Und du sprichst von Sicherheit?«

»Was hat ein armer Pilger wohl zu fürchten?«

»Der arme Pilger hat nichts zu fürchten. Aber auch der nicht, der des armen Pilgers Kutte über seine reichen Missetaten geworfen hat?«

Rinaldo sprang auf, faßte den Pilger recht ins Auge und schrie laut auf:

»Cinthio?«

Cinthio Ha! erkennst du mich endlich?

Rinaldo Wie kommst du hierher?

Cinthio Mit meinem Willen wahrlich nicht!

Rinaldo Was ist geschehen?

Cinthio Wir sind völlig auseinandergesprengt. – Von drei Seiten angegriffen, fochten wir wie Verzweifelnde, streckten manchen braven Kerl nieder; wurden aber so zusammengenommen, daß unserer gewiß kaum ein halbes Dutzend davongekommen sind.

Rinaldo Um Gotteswillen! Wo ist Rosalie geblieben?

Cinthio Das weiß ich nicht.

Rinaldo Hast du meinen Brief durch Alfonso nicht erhalten?

Cinthio Ich habe ihn nicht gesehen.

Rinaldo Vor drei Tagen schickte ich ihn an dich ab.

Cinthio Da waren wir schon auseinander.

Rinaldo Altaverde sitzt mit mehreren unserer Brüder zu St. Leo im Kerker.

Cinthio So mag er auf ein seliges Sterbestündchen denken. Wir retten ihn nun nicht.

Rinaldo Schlimm! – Cinthio! was ist jetzt zu tun?

Cinthio Zu fliehen, so weit wir können. – Rinaldo! Hier ist es aus. Wir wollen nach Kalabrien. Dort will ich eine neue Gesellschaft zusammenziehen. In Kalabriens Schluchten, Gebirgen und Wäldern hausen wir sicherer, und unser Handwerk gedeiht gewiß gut. – Und werden wir auch dort vertrieben, so suchen wir nach Sizilien zu kommen.

Rinaldo O Cinthio! ist es nicht besser, wir enden?

Cinthio Nicht eher, als bis es dem Schicksal gefällig ist, einen Strich durch unsere Rechnung zu machen. – Du wirst wohl noch so lange hier herumtaumeln, bis dich die Sbirren erhaschen, und dann – gute Nacht, Kopf Rinaldinis! Auf deinen Torso steigt Cinthio und setzt Länder in Schrecken und Polizeien in Verlegenheit.

Rinaldo Ein beneidenswertes Glück!

Cinthio Kennst du für uns ein besseres? – Jede andere Laufbahn ist für Menschen unsers Treibens und Tuns mit einem Schlagbaum versehen. Die schlechte Bahn, auf welcher wir uns befinden, hätten wir gar nicht betreten sollen, oder wir müssen darauf fortwandeln.

Rinaldo Ach Rosalie!

Cinthio Deine Weiberaffären taugen nichts! Sie haben uns schon in mancherlei Verlegenheiten gebracht, und dich werden sie noch um Kopf und Rumpf bringen. – Wenn man dich hier zwischen Kapellen und Klöstern umherwandeln sieht, sollte man dich eher für einen Betbruder als für einen Mann von Entschlossenheit halten. – Nenne mir den Ort, wo ich unsere Brüder finde. Ich gehe jetzt nach Rom. Und wenn du einmal durch Kalabrien reisen willst, so will ich dir eine Sicherheitskarte geben.

Rinaldo Ich bleibe noch einige Zeit in dieser Gegend. Finde ich Brüder, so schicke ich dir sie nach. – Ich selbst folge dir in Kürze nach Kalabrien.

 

Cinthio verließ ihn bald darauf, und Rinaldo ging nach Corinaldo. Hier traf er ganz unvermutet auf drei seiner Gesellen, die er unverzüglich Cinthio nachschickte. Der eine derselben meinte, Rosalie müsse in die Gebirge geflohen und entkommen sein. Gewißheit konnte ihm keiner geben. Er selbst wankte, noch immer nicht ganz entschlossen, was er tun wollte, auf Jesi zu.

Ein starker Volkszusammenlauf machte ihn aufmerksam. Er fragte, was es gebe, und erfuhr, es werde eine verdächtige Person öffentlich mit Ruten ausgestrichen werden. Diese Nachricht vernahm er ganz gleichgültig und ging nach der Pilgrimsherberge zu. Aber er fand schon alle Straßen mit Menschen besetzt, und als er sich eben über einen offenen Platz drängen wollte, kam der Exekutionszug vorüber.

Mit Widerwillen warf er seine Augen auf das gestäupte Opfer der Justiz, sah in der Unglücklichen die Amazone Fiorilla von seiner Bande und fuhr heftig zusammen.

Diese warf eben die Augen auf die Seite, erkannte ihn und schrie, vom Schmerz gefoltert, laut auf:

»O Rinaldini!«

Auf diesen unbesonnenen Ausruf erhob sich sogleich ein verwirrtes Geschrei:

»Rinaldini? – Wo ist er? – Haltet ihn fest.«

Alles kam in Bewegung. Man fragte, man lärmte und schrie nach Wache. – Die Sbirren durchbrachen mit gezogenen Säbeln die Reihen; man drängte sich nach dem Platze zu, wo sich Rinaldini wirklich befand, und dieser, in der größten Gefahr, als ein unbekannter Fremdling ergriffen und angehalten zu werden, konnte sich nur durch einen schnellen Entschluß retten.

Er faßte einen neben ihm stehenden Kerl mit unerhörter Frechheit beim Arme, schleuderte denselben den Sbirren entgegen und schrie:

»Haltet ihn fest. Er ist es!«

Die Diener der Gerechtigkeit umringten den Kerl sogleich. Das Volk drängte sich herzu und schrie frohlockend:

»Rinaldini! Rinaldini!«

Man jauchzte und lärmte, und der Kerl kam nicht zum Worte. – Endlich betrachtete man ihn genau und sah – was man in der ersten Hitze nicht gesehen hatte –, daß der arme Tropf ein der ganzen Stadt wohlbekannter Fleischerknecht war.

»Seid ihr denn klug?« – fragte er mit zitternder Stimme. – »Kennt ihr mich denn nicht? Bin ich Rinaldini, oder bin ich es nicht?«

Jetzt ertönte ein lautes Gelächter, ein wildes Toben und Rufen. »Es ist Giakomo, der Fleischerknecht!«

Die Sbirren wurden wütend. Sie schrien:

»Hier ist ein Betrug vorgegangen, durchsucht die Stadt. Rinaldini ist mitten unter uns.«

»Durchsucht die Stadt!« – lärmte das Volk und brachte den Exekutionszug in Unordnung.

Rinaldini aber war in eine offene Kirche gesprungen, warf hinter einem Beichtstuhle sein Pilgergewand ab, setzte sich schnell eine falsche Nase an und ging in Bauerntracht, die er unter der Pilgerkutte trug, unangehalten aus dem Orte.

 

Ohne sich aufzuhalten, eilte er Paterno vorüber und kam auf die Landstraße, hungrig und müde, nach Torette.

Vor dem Orte stand ein einzelnes Häuschen. Auf dieses ging er zu. Zwei Mädchen saßen vor der Haustür und strickten. – Er redete sie an:

»Kann ich hier bis morgen früh Quartier bekommen?«

»›Bei uns?‹« fragten die Mädchen mit Verwunderung.

»Nun ja, bei euch! wenn ihr wollt.«

»›Ihr wißt wohl nicht, daß Ihr hier in ein Judenhaus kommt?‹«

»Nun, was tut das?«

»›Eure Glaubensgenossen fliehen unsere Wohnungen.‹«

»Daran tun sie nicht wohl. – Ich bin sehr müde. Laßt mich nicht weitergehen und nehmt mich auf.«

Die Mädchen sahen einander verlegen an. Endlich sagte die eine: »›Wir sind allein hier im Hause. Unser Vater ist nach Ancona gegangen‹«

Er Ich habe Lust, euch Verschiedenes abzuhandeln, wenn ihr habt, was ich suche. Ich bin nicht, was ich zu sein scheine, und habe Geld.

Sie Nun, wir wollen's mit Euch wagen! Kommt herein und nehmt vorlieb!

Sie führten ihn in ein enges Stübchen, brachten Brot und Käse, Feigen und Äpfel und setzten auch Wein auf. Rinaldo nötigte die Mädchen, mit ihm zu trinken, und als eine Flasche geleert war, hub er an:

»Ihr scheint ein Paar herzlich gute Mädchen zu sein, und es verdrießt mich, daß ihr, wie ich glaube, arm seid. Ich will eure Umstände verbessern. – Ich bin ein edler Venezianer, bekam Händel mit einem Nebenbuhler und hatte das Unglück, ihn im Duell zu erlegen. Deshalb floh ich in dieser Tracht und machte mich unkenntlich.«

Hier nahm er seine falsche Nase ab, und die Mädchen lachten. – Er aber fuhr fort:

»Habt ihr Kleider zu verkaufen?«

»›Ein paar sind im Hause‹«, – sagte Rahel, die älteste der beiden Schwestern.

»›Die andern‹«, – setzte Silpa hinzu, – »›hat der Vater mitgenommen.‹«

»Zeigt her, was ihr habt«, – fuhr Rinaldo fort.

Sie brachten ihren Kleidervorrat herbei. Eine Uniform war darunter, die nicht ganz schlecht war, und diese wählte sich Rinaldo. – Man setzte sich hierauf wieder zu Tische und leerte noch ein paar Flaschen.

Dann schafften die Mädchen einige Polster herbei und wünschten ihrem Gaste glückliche Ruhe; aber er schlief nur wenig.

Als es tagte, ward aufgestanden, ein kleines Frühstück eingenommen, und Rinaldo kleidete sich in die erhandelte Uniform.

Rahel Wahrhaftig, jetzt, da Ihr die Uniform anhabt, sieht man es doch gleich, daß Ihr ein Kavalier seid. Sie steht Euch allerliebst!

Silpa Ihr seht recht stattlich aus!

Rahel Ei der Tausend! Habt Ihr ein paar schöne Uhren!

Silpa Und die prächtigen Ringe!

Rahel Ihr müßt ein reicher Herr sein!

Rinaldo Diese Bauernkleider schenke ich euch. Mein Nachtlager bezahle ich euch mit einem Wechsel von 100 Zechinen. – Für die Bewirtung und die Uniform zahle ich euch 25 Zechinen bar. – Ihr seid doch zufrieden?

Rahel O! Ihr seid gar zu großmütig! So viel verdienen wir ein ganzes Jahr hindurch nicht.

Silpa Jetzt kennen wir Euch und wollen ein andermal nicht wieder so viele Umstände machen.

Rinaldo Auch die Umstände haben ihr Angenehmes. – Lebt wohl, ihr guten Mädchen, und erinnert euch meiner!

Damit verließ er sein Nachtquartier und ging auf Poggia zu, wo er sich ein Pferd kaufte und ohne Aufenthalt der Grenze des Kirchenstaates zueilte. – Teramo, im Gebiet des Königs von Neapel, war der erste Ort, wo er anhielt und ausruhte.

 

Als er sich in Aquila mit Kleidern versehen hatte, nahm er dort einen jungen muntern Burschen, der Antonio hieß, in seine Dienste, ging weiter und kam unter dem Namen Graf Mandochini in Neapel an.

In dieser glänzenden Stadt bezog er ein schönes Quartier, wo er die Aussicht auf den Hafen bei freundlichen Wirtsleuten hatte. Er lebte sehr still, las viel, dachte noch mehr, machte sogar Verse, komponierte seine Lieder und sang sie auch selbst zur Guitarre ab. Damit vertrieb er sich so ziemlich die Zeit. – Nach und nach aber schien die Langeweile doch bei ihm sich einfinden zu wollen: er fing daher an, fleißiger auszugehen, und besuchte die öffentlichen Häuser, wo er viel sprechen hörte. Einigemal war er selbst, – als Rinaldini, – der Gegenstand öffentlicher Gespräche, und da gab er denn ganz getrost sein Wort auch mit dazu.

Einst brachte ein Fremder sogar die Nachricht, Rinaldini sei zu Ferrara erwischt und fest eingekerkert worden. – So hörte er die Leute gern sprechen und wurde dadurch in Neapel immer sicherer.

Unter allen Menschen, die er täglich auf den öffentlichen Häusern sah, fiel ihm ein Mann besonders auf, der eine Uniform trug, wie er sagte, ein Korse war und Kapitän genannt wurde. Dieser Mann saß bei seiner Tasse Schokolade oft den ganzen halben Tag, sprach kein Wort, dankte, wenn man ihn grüßte, bloß durch eine Verbeugung, nahm nicht den geringsten Anteil an irgendeinem Gespräch, mischte sich in keine Unterredung, und hätte sie auch sein Vaterland betroffen, sah immer gerade vor sich hin und schien beständig in das tiefste Nachdenken verloren zu sein. Er wurde von allen bemerkt, schien aber keine Seele zu bemerken, und kein Mensch wußte, wie er mit ihm daran war.

Diesem Manne näherte sich Rinaldo absichtlich so viel wie möglich, es wollte ihm aber nicht gelingen, ihn zur Sprache zu bringen. Eines Tages nahte er sich ihm noch zudringlicher als gewöhnlich. »Mein Herr!« – redete er ihn an, – »verzeiht mir eine Bemerkung.«

Kapitän Über mich?

Rinaldo Über Euch – Ihr fallt allgemein auf.

Kapitän Das ist möglich.

Rinaldo Ihr wollt das vielleicht?

Kapitän Es kommt mir nicht in den Sinn.

Rinaldo Vielleicht nagt irgendein geheimer Kummer an Eurem Herzen?

Kapitän Davon ich nichts weiß.

Rinaldo Oder irgendeine Verlegenheit macht Euch sprachlos.

Kapitän Ich bin nie verlegen.

Rinaldo Mitteilung macht den Menschen glücklich.

Kapitän Nicht immer.

Rinaldo Unterhaltung vertreibt wenigstens die Langeweile.

Kapitän Diese kenne ich nicht.

Rinaldo So seid ihr beneidenswert und müßt ein großer Philosoph sein.

Kapitän Philosoph kann jeder Mensch sein, wenn er es sein will, und er ist wohl daran, wenn er es ist.

Rinaldo Das letztere glaube ich, das erstere kann ich kaum glauben.

Kapitän In Glaubenssachen nimmt man es so genau nicht. Und je mehr man sich in diesem Punkt selbst täuscht, desto glücklicher ist man.

Rinaldo Täuschung ist Traum.

Kapitän Wohl dem, der glücklich träumt.

Rinaldo Und wenn er erwacht?

Kapitän So wünscht er gewiß, selbst um des Traumes willen, wieder fortzuträumen.

Rinaldo Und so macht die Nichterfüllung des Wunsches ihn unglücklich.

Kapitän Jeder Mensch ist glücklich, sobald er es nur ernstlich will.

Rinaldo Seid Ihr es?

Kapitän Ich bin es.

Rinaldo So seid Ihr ein beneidenswerter Sterblicher.

Kapitän Das glaube ich selbst.

Rinaldo Da aber jeder Mensch seine eigenen Begriffe von Glückseligkeit hat, so –

Kapitän So wünscht Ihr zu wissen, welches die meinigen sind? – Sie liegen etwas weiter außer dem Zirkel dieser menschlichen Welt.

Rinaldo Ich verstehe Euch nicht.

Kapitän Das glaube ich. – Es versteht und begreift in dieser Welt überhaupt nicht leicht ein Mensch den andern. Diese Mißverständnisse machen aber die Unterhaltung in Euern Gesellschaften aus, sonst wären sie so einförmig und ermüdend wie ein Karthäuser Chor. – Das beste und schönste Einverständnis können nur Seelen und Geister knüpfen.

Rinaldo Kennt Ihr die Geisterwelt?

Kapitän Ich kenne sie.

Rinaldo Wie?

Kapitän So gut, wie ich Euch kenne.

Rinaldo Ihr mich? – Kenne ich mich doch selbst nicht.

Kapitän O ja! – Auf einen gewissen Punkt wenigstens, gewiß.

Rinaldo Ihr wißt, wer ich bin?

Kapitän Ich sage ja, daß ich Euch kenne.

Rinaldo Ich habe Euch doch nie gesehen, seit ich in Neapel bin.

Kapitän Das weiß ich. – Ich seh Euch hier auch zum erstenmal. Aber ich kenne Euch dennoch.

Rinaldo So seid Ihr ein Hexenmeister. – Wer sagte Euch, wer ich bin?

Kapitän Meine Wissenschaft.

Rinaldo Ihr schaut also ins Verborgene?

Kapitän Warum nicht?

Rinaldo Ihr geht mit Geistern um?

Kapitän Jetzt spreche ich mit einem Menschen, der sich, wie ich hoffe, gebessert hat.

Als er das sagte, stieg er auf, bezahlte seine kleine Zeche und ging fort. Rinaldo hatte nicht Mut genug, ihm zu folgen.

 

Daß Rinaldo in nicht geringer Verlegenheit war, läßt sich denken. Er hatte so lange mit dem sonderbaren Manne genauer bekannt zu werden gewünscht, und jetzt wünschte er, ihn niemals gesprochen zu haben. So hascht der Mensch beständig nach Wünschen, deren Erfüllung ihm oft weit bittere Entdeckungen macht, als er deren welche sich geträumt hat.

»Dieser Mann« – sprach Rinaldo bei sich selbst, – »weiß, wer ich bin? – Wie? und die Entdeckung meines Namens ist in der Gewalt eines solchen Sonderlings? – Wer ist er, dieser sonderbare Sterbliche, der irdische Gesellschaft nicht die seinige nennt? – Ha! er muß mir Rede stehen, oder ich vernichte ihn, diesen Feind meiner Ruhe.«

Er durchstreifte einige Tage lang die Promenaden, besuchte die öffentlichen Häuser und fand den furchtbaren Wissenden nicht, selbst nicht einmal da, wo er sonst täglich zu finden war. Das machte ihn noch unruhiger.

Schon war er im Begriff, Neapel zu verlassen, als er eines Morgens den gefürchteten Korsen auf der Promenade nach dem Hafen zu fand. Er saß auf einer Bank unter einer Statue, an deren Postament er seinen Rücken gelehnt hatte; seine Augen waren über sich, zum Himmel gekehrt, und seine Hände lagen gefaltet ineinander. Man hätte glauben können, einen Menschen zu sehen, dessen ganze Seele in ein zum Himmel gerichtetes Gebet ergossen sei.

Rinaldo stellte sich ihm gegenüber und wagte es nicht, ihn in seinem überirdischen Seelenvergnügen zu stören. Nur zuweilen fing er an, sich zu räuspern, zu husten, und endlich brummte er die Melodie eines damals beliebten Liedchens. Der Kapitän regte sich nicht. Er schien in einer überirdischen Verzückung an einen Stein gelehnt selbst zu Stein geworden zu sein.

Des Harrens und Wartens überdrüssig, ging endlich Rinaldo mit wankenden Schritten auf ihn zu, stellte sich an seine Seite, legte seine Hand auf seine Schulter und sagte kurzatmend:

»Herr Kapitän! Ich freue mich, Euch wiederzusehen.«

Der Kapitän ließ seine Augen fallen, drehte seinen Kopf, erblickte den Grüßenden und fragte:

»Was seht Ihr über Euch?«

Rinaldo Den reinen, blauen Äther.

Kapitän Das Bild einer schuldlosen Seele; die verschwisterte Farbe eines reinen Geistes. Durch die Augen dringt diese ätherische Geistesform ins Herz. Hier ist der Sammelplatz der schönsten Freuden, die außer uns und dennoch in uns sind. Wir machen sie uns eigen. Der Himmel schenkt sie uns. Was sind die lachendsten Fluren gegen dieses azurne Meer der Reinheit und Klarheit? Wer hier den Anker wirft, liegt in dem schönsten Port.

Rinaldo Eure Begeisterung ist schön und groß! Ich muß es mir zum Vorwurf machen, Euch in Euern erhabenen Betrachtungen gestört zu haben. Aber, verzeiht das meiner Ungeduld, mit der ich Euch zu sprechen wünschte.

Kapitän Ihr seid mehr verlegen als ungeduldig. Gesteht es nur, – Ihr fürchtet mich. – Ihr habt nichts zu fürchten. Ich bin kein Inquisitor und weder Fiscal noch Kriminalrichter. Und das sind doch die Leute, die Ihr zu fürchten habt.

Rinaldo Irrt Ihr Euch auch nicht?

Kapitän Nein.

Rinaldo So sagt mir meinen Namen.

Kapitän Er kostet Geld.

Rinaldo Wo?

Kapitän Bei jeder Obrigkeit. Man könnte ihn verkaufen wie ein Kleinod, wenn man in Verlegenheit wäre.

Rinaldo Herr Kapitän! Es gibt eine gewisse Sprache, die Beleidigung ist, sobald sie Ernst wird.

Kapitän Das weiß ich.

Rinaldo Mit einem Worte: Wer bin ich?

Kapitän Der geächtete und gefürchtete Mann, der der Schrecken der Reisenden und das Erblassen der Wanderer ist. Der König der Schlupfwinkel und der Beherrscher der Gebirgshöhlen. – Du bist Rinaldini.

Rinaldo Wer sagt dir das?

Kapitän Ich weiß es.

Rinaldo Mit Gewißheit?

Kapitän Ebenso gewiß als ich weiß, wer ich selbst bin.

Rinaldo Leb wohl!

Kapitän Wohin gehst du?

Rinaldo In den Hafen, zu sehen, ob dort ein segelfertiges Schiff liegt, das mich einnehmen kann.

Kapitän Warum willst du Neapel verlassen und die Ruhe fliehen, die dich hier umgibt?

Rinaldo Weil ich dich fürchte.

Kapitän Wenn der Mann, der du bist, etwas fürchtet, so muß auch wirklich etwas zu fürchten sein. – Dein Schicksal interessiert mich. Ich will dir davon einen entscheidenden Beweis geben, der dich ganz sicherstellen soll. Aber laß mich dich nicht wieder auf deiner alten Bahn finden, sonst wirst du den Freund in einen Feind verwandelt finden.

Trommeln verkündigten den Anzug der Mannschaft, die die Kastell- und Hafenwache bezog, und endigten diese Unterhaltung. Eine ganze Gesellschaft von Offizieren spazierte einher, und Rinaldo und der Kapitän sahen sich bald von denselben umgeben. Man kannte sich zum Teil aus öffentlichen Gesellschaften, man grüßte sich, und die Unterhaltung begann.

»Wißt Ihr auch, Herr Kapitän! daß man sich über Eure Person in allen Gesellschaften die Köpfe zerbricht? Ihr seid die größte Neuigkeit des Tages.«

»O!« – antwortete der Kapitän, – »Ich will Euch wohl eine noch weit größere Neuigkeit erzählen. Ihr zerbrecht Euch ohne Erfolg die Köpfe über mein Ich. – Wißt, hier in Neapel, mitten unter euch, lebt der berüchtigte Rinaldini.«

Rinaldo stand wie vom Donner gerührt. Die Offiziere sahen sich verlegen an. Eine allgemeine Stille überfiel die Gesellschaft und band die geschwätzigsten Zungen.

Der Kapitän zog die Dose heraus, bot Prisen rundherum an, schlug die Dose zu, drehte sich herum und ging nach dem Hafen zu. Keiner hielt ihn auf. Man sah sich an und fragte:

»Wie ist das?«

Rinaldo schöpfte Atem und sagte, als der Kapitän schon nicht mehr zu sehen war: »Nun, meine Herren, was meint Ihr? Hat uns dieser sonderbare, rätselhafte Mann, den niemand kennt, nicht deutlich genug zu verstehen gegeben, wer er ist?«

»Bei Gott!« – schrien alle, – »Er selbst ist Rinaldini.«

»Das ist auch meine Meinung«, – sagte Rinaldo ganz gelassen.

Einer tat den Vorschlag, ihm nachzugehen.

Ein alter Obrist nahm das Wort und sagte:

»Wir sind keine Sbirren. Es ist die Sache der Polizei, sich Rinaldinis zu bemächtigen. Und ist dieser Unbekannte wirklich Rinaldini selbst, so muß er auch wissen, wie weit er in seiner Selbstentdeckung gehen kann. Indessen wollen wir ein wachsames Auge auf diesen Menschen haben. Doch muß ich offenherzig gestehen, daß sein bisheriges Betragen, soweit ich ihn kenne, mir etwas zu verraten scheint, das mit einem Kopfe, der ganz in seiner Ordnung ist, sich nicht recht zusammenräumen läßt. Wie? wenn er nun etwa bei zerrüttetem Gehirne sich einbildete, jener furchtbare Räuber zu sein? Gibt es nicht dergleichen Exempel von Einbildungen verrückter Phantasien? – Wir wollen also behutsam gehen. Und vor der Hand empfehle ich den Herren eine kleine Verschwiegenheit. Wir wollen den Unbekannten näher beobachten und dann erst bestimmen, wie wir uns gegen ihn verhalten wollen.«

Dieser Rede gaben alle ihren Beifall, und nun ging die Gesellschaft in eine Eisbude, wo sie ganz vergnügt ihr Frühstück einnahm.

 

Rinaldo war in einer Bewegung, die sich nicht beschreiben läßt. Er wußte nicht, was er tun sollte. Sollte er gehen oder bleiben? Wer war der Mann, der sich gleichsam für ihn aufzuopfern schien? Seine Warnung tönte noch in Rinaldos Ohren, und sein Benehmen war ihm unerklärlich.

Er suchte ihn vergebens allenthalben auf. Er war nirgends zu finden. Niemand sah ihn mehr in Neapel. Er war verschwunden. – Nun wurde das Gespräch von seiner Entdeckung allgemein. Die Sache kam zur Untersuchung. Die Offiziere sagten aus, was sie gesehen und gehört hatten. Die Polizei spürte ihm nach. Vergebens war all ihr Bemühen. Er konnte nirgends aufgespürt werden. Nun wurde die Sage zur Gewißheit: Dieser unbekannte Scheinsonderling war Rinaldini. – Alle erzählten sich jetzt Anekdoten von ihm; man freute sich, ihn gesehen zu haben, und der wahre Rinaldini entging den Blicken der Forscher. – Das ist in der Welt der Lauf der Dinge. Man spricht von der Entfernung und vergißt die Nähe. Man läuft nach dem Schein und verabsäumet das Sein. Die Gedanken folgten dem Unbekannten als Rinaldini; alle Menschen sprachen davon mit Überzeugung und Gewißheit, und der wahre, wirkliche Gegenstand dieser Gespräche war mitten unter den Sprechenden, ohne ergriffen zu werden. Nach und nach verhallte das Gespräch. Andere Neuigkeiten verdrängten die Rinaldini-Erscheinung, und zuletzt sprach man gar nicht mehr davon.

 

Einst gegen Abend saß, ungefähr vier Wochen nach dieser Begebenheit, Rinaldo auf seinem Zimmer, klimperte auf der Guitarre und dichtete ein neues Lied, als die Tür seines Zimmers aufging und ein artiges Mädchen eintrat.

Sie Ich habe dieses Briefchen an den Herrn Grafen Mandochini abzugeben. Es kommt von schönen Händen.

Sie reichte ihm das Briefchen. – Rinaldo las:

»Sowenig Ihr eine Person bemerkt haben mögt, welche Ihr interessiert, sosehr hat sie Euch bemerkt. Ist es Euch nicht gleichgültig, sie kennenzulernen, so wird Euch die Überbringerin dieser Zeilen sagen, wo Ihr sie sehen könnt.«

Er Du kennst also die Dame, die mir diese Zeilen schrieb, genau?

Sie Ich bin in ihren Diensten.

Er Wer ist sie?

Sie Ihr Name kann Euch wohl solange gleichgültig sein, bis Ihr sie selbst kennt. Ihr Name wird Euch gewiß angenehmer klingen, wenn sie ihn selbst nennt.

Er Aha! Also deine Frau oder dein Fräulein – Wie soll ich sie nennen? –

Sie Nennt sie, wie Ihr wollt. Ich darf Euch weder sagen, ob sie verheiratet, noch ob sie unverheiratet ist. Ihr werdet das selbst erfahren.

Er Sie ist von Stande?

Sie Vom Stande der Liebe. Wollt Ihr sie sehen oder nicht?

Er Wo soll ich sie sehen?

Sie Morgen in der Frühmesse zu St. Lorenzo. Sie wird ein grünes Kleid und einen schwarzen Schleier tragen. Eine goldene Kette umschlingt ihre Zone, und ein Orangenblütenstrauß ziert ihren Busen. – Ihr werdet also kommen?

Er Ich werde kommen.

Das Mädchen ging, und Rinaldo blieb seinem Nachdenken nicht lange überlassen. Die Zimmertür ging auf, und ein Mann, in einen roten Mantel gehüllt, trat ein.

»Rinaldo!« – redete ihn dieser sogleich an, – »die soeben erhaltene Botschaft taugt nichts. Du gehst morgen nicht nach St. Lorenzo, die Dame zu sehen, die von dir gesehen zu werden sich wünscht.«

»Wer bist du?« fragte Rinaldo. – »Gib dich mir näher zu erkennen, wenn du willst, daß ich deinem Rate folgen soll.«

Jener nahm die Larve vom Gesicht, schlug den Mantel auseinander, und der bekannte korsische Kapitän stand vor ihm.

Rinaldo fuhr erschrocken zusammen. Der Kapitän sprach:

»Einem Manne, der sich für dich aufgeopfert und dir die Ruhe verschafft hat, die du in Neapel genießest, kannst du doch wohl folgen?«

Er sprach's und verließ das Zimmer.

Rinaldo durchwachte die halbe Nacht, stand früher als gewöhnlich auf und ging nicht nach St. Lorenzo, die Schöne im Gewande der Hoffnung zu sehen.

Der Abend brach an, und das Mädchen kam wieder.

»Ei!« – sagte sie, – »Ihr habt schlecht Wort gehalten. Warum kamt Ihr nicht?«

Er Ich werde nicht eher kommen, bis ich den Namen der Dame weiß, die ich sehen soll.

Sie Ihr sollt sie ja nur sehen. Gefällt sie Euch, dann wird sie Euch sich selbst nennen. – Sie kommt morgen wieder in die Messe. – Gute Nacht!

Das Mädchen ging, und bald darauf trat der Kapitän abermals in das Zimmer.

»Du gehst nicht nach St. Lorenzo«, – sagte er.

Rinaldo Edler Freund! Laß mich aufrichtig sprechen. Dein Verbieten, ohne Gründe, erniedrigt mich. – Ich bin kein Kind, das blindlings folgen muß. Wenn ich deinem Rate folgen soll, so mußt du mir, wie gesagt, Gründe angeben.

Kapitän Du solltest mir aufs Wort glauben und nicht mit der Unbekannten eine Bekanntschaft machen, die zu keiner Gedeihlichkeit führen wird.

Rinaldo Ich kenne dich ja selbst nicht.

Kapitän Du sollst mich kennenlernen. Unter den Ruinen von Portici. – Und nach St. Lorenzo gehst du nicht.

Er ging. Rinaldo blieb nachdenklich zurück. – Der Morgen kam, er wankte unentschlossen, wollte gehen und ging endlich doch nicht nach St. Lorenzo.

Des Abends erschien die artige Botschafterin wieder. Sie neigte sich stillschweigend und gab ihm ein Briefchen. Er erbrach es und las:

»Ich bitte Euch zum letztenmal um eine Gefälligkeit, die Ihr mir gar nicht abschlagen könnt, wenn Ihr Kavalier seid und die Höflichkeit nicht verletzen wollt.

Aurelia.«

Kaum hatte Rinaldo den Namen Aurelia gelesen, als er dem Mädchen drei Zechinen in die Hand drückte und, halb außer sich, ausrief: »Sag der Dame, daß ich so gewiß kommen würde, als ich Atem und Dasein habe. Kein Teufel soll mich abhalten, sie zu sehen, und sollte ich« –

»Basta!« – schrie der Kapitän, der eben eintrat; – »Keine Flüche und Schwüre, die du nicht erfüllen darfst.«

»Ich will sie erfüllen!«

»Ruhig!«

»Keine Macht dieser Welt« –

»Ruhig! Die Obrigkeit hat Sbirren.«

Rinaldo erschrak, sah sich nach dem Mädchen um und sah, daß sie unbemerkt das Zimmer verlassen hatte.

Kapitän Du bist noch immer so trotzig und unbändig, wie du es von jeher gewesen bist. Bedenk, daß du jetzt nicht mehr kommandierst, sondern daß du kommandiert wirst.

Rinaldo Wer gibt dir die Macht, mir zu befehlen?

Kapitän Wer gab mir die Verbindlichkeit, auf meine eigene Gefahr dich zu retten?

Rinaldo Du hast sie dir selbst auferlegt.

Kapitän Undankbarer! – Eines so unbeständigen Wesens wegen, wie ein Weib ist, willst du mit deinem Freunde brechen und beleidigest ihn, um einer Figur nachzulaufen, die eines Spiegels bedarf? Denn, was kannst du von ihr erwarten? Wenn es köstlich und noch so köstlich ist, so ist es doch nur Liebe. Und die Weiber lieben in uns nur sich selbst. Wir sind ihre Spiegel, ihr Mond, in dessen Spiegelscheibe ihre Sonne wieder aufersteht.

Rinaldo Du bist ein Weiberfeind!

Kapitän Noch bin ich dein Freund.

Rinaldo So wirst du mich nicht abhalten, die Dame zu sprechen.

Kapitän Bei den Haaren will ich dich nicht zurückziehen, aber ich verbiete dir es, sie zu sprechen.

Rinaldo Nur ein begründetes Warum? wenn ich dir folgen soll. –

Kapitän Ich mache keinen Propheten, aber der Erfolg rechtfertigt mich. Ich sehe weiter als du. Meine Macht –

Rinaldo Deine Macht? – Gib mir eine Probe deiner Macht.

Kapitän Die sollst du haben. Stehe auf und folge mir unter die Ruinen von Portici.

Rinaldo Gib mir diese Probe hier.

Kapitän Bist du, ehemals so unerschrockener Held der Nächte, zum furchtsamen Knaben geworden? Zerbrich deine Klinge und laß dir eine Spindel reichen! – Ich durchblicke dich ganz. Jetzt erlaube ich dir, das Weib zu sehen, das dich aufsucht. Lerne sie kennen und dann auch mich. – Gute Nacht!

 

Nach einer sehr unruhigen Nacht eilte Rinaldo um die bestimmte Stunde nach St. Lorenzo, dort Aurelien zu sehen, und sah sie nicht. – Endlich ward er das bekannte Mädchen gewahr. Sie winkte ihm zu, und er folgte ihr nach. Vor der Kirchtür sagte sie:

»Meine Gebieterin läßt sich entschuldigen. Es wurde ihr unmöglich gemacht, Wort zu halten und heute hierher zu kommen. Sie läßt Euch aber bitten, mir zu folgen. Ich soll Euch zu ihr führen.«

Rinaldo folgte ihr ohne Bedenken. – Sie führte ihn außerhalb der Stadt auf eine reizende Gegend zu, nach einem schönen Hause, das mitten in einem Garten stand. – Sie traten ein. Das Mädchen ging mit ihm im Erdgeschoß durch einen schönen Saal in ein Zimmer, dessen Fenstergardinen alle niedergelassen waren. Durch diese freundliche Dämmerung führte der Weg nach einem Kabinett, das noch dunkler war. In diesem, sagte ihm das Mädchen, werde er die Dame finden, und schob ihn hinein.

Auf einem Sofa regte sich ein weibliches Wesen. Rinaldo ging darauf zu, warf sich nieder, ergriff eine weiche, runde Hand, bedeckte sie mit einigen Küssen und sprach:

»O Aurelia! wie glücklich macht mich dieser Augenblick!«

»Glücklich? Wirklich glücklich?« – wurde mit sanfter Stimme gefragt.

Er So glücklich, als ich es nie zu werden hoffen konnte!

Sie Und dennoch wart Ihr so unentschlossen –

Er Ich wußte ja nicht, daß es Aurelia war, die ich sehen sollte. Sie, deren Bild ich ewig in meinem Herzen tragen werde! Die kühnsten meiner Hoffnungen sind jetzt zur schönsten Wirklichkeit geworden.

Sie Ich fürchte –

Er Doch nichts von mir? – Was könnte die fürchten, die ich anbete?

Sie Was gewiß zu fürchten ist.

Er Und was?

Sie Daß hier eine Verwechslung vorgeht. – Ihr sprecht mit mir wie mit einer Längstbekannten, und soviel ich weiß –

Er Diese Stimme! – Mein Gott! – Nein, Ihr seid Aurelia nicht!

Sie Aurelia bin ich. Aber schwerlich werde ich die Aurelia sein, die Ihr meint.

Er Ja! meine Phantasie hat mich getäuscht. Ihr seid nicht Aurelia Rovezzo?

Sie Die bin ich, leider! nicht. – Ach guter Graf! wie sehr wünschte ich, diese Aurelia Rovezzo zu sein. – Ich habe Euch gesehen, bemerkt, – mit Wohlgefallen bemerkt, – und daraus ist Zuneigung, ich fürchte gar Liebe geworden. – Jetzt muß ich wünschen, Euch nie gesehen zu haben. – Verlaßt mich. Huldigt Eurer geliebten Aurelia und überlaßt mich meinen Gefühlen.

Er Soll diese neidische Dunkelheit, die uns umgibt, sich nicht in Licht verwandeln?

Sie Was könnte Euch daran liegen, das Gesicht eines Euch uninteressanten Weibes zu sehen? Bleibt um meines Namens willen der Freund einer Unbekannten, die es auf immer sein wird. Eure Aurelia –

Er Ach! ich werde sie nie wiedersehen!

Sie Nie?

Er Wie konnte mich auch meine Phantasie so weit irreführen? Aurelia schmachtet im Kloster.

Sie Ich beklage Euch. – Laßt uns aber enden. Wir haben beide angenehm geträumt. Unsre Trennung sei unser Erwachen. Die Rückerinnerung wird uns bleiben.

Er Ist der Traum verschwunden, so schenkt mir eine süße Wirklichkeit. Laßt mich das schöne Gesicht sehen, dessen Mund so entzückend spricht. Der Klang Eurer harmonischen Stimme –

Sie Ist dem wirklich so, so mag er Euch schadlos halten. Nur mein Liebhaber wird mein Gesicht sehen. – Erspart mir eine Beschämung, die der erste Schritt, den ich getan habe, herbeiführte. – Und nun, genug von unserm Abenteuer! Wir wollen zuweilen darüber lachen. – Lebt wohl, Graf!

Er Laßt – o! laßt mich Eure schönen Augen sehen!

Sie Ihr seid mein Liebhaber nicht.

Er O! schöne Unbekannte! mich hält der himmlische Ton Eurer harmonischen Stimme fest. Macht mit mir, was ihr wollt, ich gehe nicht von hier. – Ich fühle mich festgehalten –

Sie Von mir?

Er Was ist es, das mich an diese Stelle fesselt? Ich weiß es nicht.

Sie Es ist Neugier. Es ist Eigensinn.

Er Nein, nein! Es ist weit mehr als Neugier und Eigensinn. – Ich huldige der schönen Unbekannten –

Sie Mit geteiltem Herzen.

Er Ich liebe Aurelien Rovezzo wie meine Schwester. Ich werde sie nie besitzen.

Sie Damit rechnet Ihr auf mich?

Er Jetzt kann ich gehen.

Sie So geht.

Er Ihr denkt nicht gut von mir.

Sie Das will ich nicht sagen. – Aber, wozu soll Euer Hierbleiben uns beiden nützen?

Er Was kann meine huldigende Empfindung Euch schaden?

Sie O Graf! ich bin so eitel nicht, als Ihr vielleicht glaubt. Dieser Schritt, den ich gewagt habe. – Ich habe Euch schon gestanden, was mich dazu verleitet hat.

Er Ihr seid frei und ungebunden?

Sie Bis jetzt bin ich es noch.

Er Auch ich bin es.

Hier entstand eine Pause. – Rinaldo küßte der Unbekannten die Hände; er drückte sie sanft und fühlte die seinigen noch sanfter wiedergedrückt. Die Unbekannte seufzte. Rinaldos Seufzer folgten den ihrigen.

Sie Graf! ich bitte Euch, verlaßt mich. Ihr habt mich in eine Stimmung gebracht, in der ich nur – mit meinem Liebhaber zu sein wünschen könnte.

Er Was hindert es, dies zu sein? Mich nichts.

Die Unbekannte schwieg. Rinaldos kühne Hand hob die Schleier und drückte einen brennenden Kuß auf ihre Lippen. Sie seufzte:

»O Dio! dove sono

Nun wurde zwischen beiden kein Wort mehr gewechselt. Kein redender Laut unterbrach die schweigende Stille. Nur tiefe Seufzer, schwebende Küsse und das laute Klopfen zweier in Entzücken verlorner Herzen belebten die stumme Szene. Jede Ader war zum klopfenden Pulse geworden, und das süßeste Gefühl ging in das seligste Unbewußtsein über; das zärtlichste Bewußtsein verlor sich im süßen Nichtgefühl.

 

»Aber nun« – stammelte Rinaldo, noch an ihren Lippen hängend, – »werde ich so glücklich sein, dein schönes Auge zu sehen, in welchem der Himmel meiner Freuden lacht?«

Sie griff schweigend hinter sich, zog an einer Schnur. Zwei Fenstergardinen flogen auf. Des Tages sanftes Licht drang herein, und Rinaldo sah, daß eine glänzende Schönheit in seinen Armen ruhte. Ein feuriges Auge, aus welchem das heftigste Verlangen, vereint mit dem sanftesten Dahingeben ihm entgegenstrahlte, blickte ihn an; ihm lächelte sanft geöffnet ein frisches Lippenpaar, und ein elastischer Busen drängte sich seiner Brust strebend entgegen. Er kam und floh, gleich der zärtlichen Geliebten, die kommt, um zu fliehen, und flieht, um wieder zu kommen.

Rinaldo verlor sich ganz in den Genuß der Schätze, die verschwenderisch ihm Liebe und Gelegenheit darboten.

»O schöne Unbekannte!« – seufzte er, – »laß uns lieben und froh sein!«

»Das wollen wir«, – sagte sie.

Er Nun ist Neapel für mich ein Paradies!

Sie Für mich der Ort, wo du bist, der Himmel. Ich finde ihn in deiner Umarmung. Wir wollen uns allein und der Liebe leben, wir wollen überschwenglich glücklich sein. O Liebe! wer deine Freuden nicht kennt, der kennt seines Lebens schönsten Wert nicht; wer deine Entzückungen nicht fühlt, ist bei dem größten Überfluß arm, und wo er wandelt, gehn Überdruß und Langeweile nur mit ihm. Unglücklich der, der nicht liebt! Sein Leben ist ihm ein Traum, ihn ergötzt kein Zephyr, der die brennende Wange kühlt, ihm entfliehen die Tage wie zögernde Schatten, und seiner Freuden größte ist nur Blendwerk und optischer Betrug. Im Liebesgenuß allein ruht die seligste Freude, und wer diesen Pfad betritt, wandelt auf Rosen.

Die Tür flog auf. Die Liebenden fuhren zusammen. Sie blickten auf, und der korsische Kapitän stand vor ihnen.

»Ich kann über nichts jetzt zweifelhaft sein«, – sagte er, – »und ich wünsche, daß es Euch nie gereuen möge.«

Die Dame bedeckte mit den Händen ihr Gesicht. – Der Kapitän wendete sich zu ihr, zog ihr gelassen die Hände von den Augen und sagte:

»Du hast dich von mir gerissen und hast dich diesem Manne ergeben. Er fühle den Wert und das Unglück, von dir geliebt zu werden, ganz. Ich entsage dir und fordere nichts von dir zurück als den Ring, den ich dir zum Pfande meiner Treue gab.«

Schweigend zog sie den Ring vom Finger und gab ihm denselben. Der Kapitän nahm ihn und sagte:

»Dieses Haus und diesen Garten wirst du heute noch verlassen.«

Hierauf verließ er das Kabinett und verschloß die Tür wieder.

»Wie soll ich mir all das erklären?« – fragte Rinaldo bestürzt.

»Alles will ich dir selbst sagen«, – sprach sie, – »wenn wir uns wiedersehen.«

»Und wann und wo wird das geschehen?«

»Mein Mädchen wird dich zu mir führen, sobald ich dich wiedersehen kann.«

Rinaldo wankte auf und wußte nicht, was er fragen oder sagen sollte. Sie sprang rasch auf, fiel ihm um den Hals, küßte ihn mit Ungestüm, zog ihm einen Ring von dem Finger, steckte ihn an einen der ihrigen und sagte:

»Ich nenne diesen Ring, wie dich selbst, nun mein.«

Er O! du weißt, du ahnst nicht, wie teuer ich vielleicht diese glücklichen Augenblicke bezahlen muß.

Sie Sie haben keinen Preis. Ich habe sie verschenkt. – Schlagen wird sich der Korse nicht mit dir.

Er Das ist es nicht, was ich fürchten könnte.

Sie Und was denn sonst?

Er Er ist Herr meines größten Geheimnisses.

Sie Fürchte nichts. Er wird kein Verräter sein. – Ich bin ihm untreu geworden und fürchte doch nichts von ihm. – Hätte er mir das getan, was ich ihm getan habe, mein Dolch hätte gewiß sein Herz gefunden. Ich liebe grenzenlos. Werde ich aber betrogen, so fließe Blut, so wahr ich Atem und Leben habe!

Er Du bist furchtbar!

Sie Nicht dir, denn du liebst mich ja! – Für Augenblicke spiele ich nicht, verschenke ich nicht, was man nur dem Geliebtesten schenkt. Dem Geliebten bleibe ich treu, den ich mir selbst wählte. Den Kapitän habe ich nicht selbst gewählt. Mein Schicksal führte mich ihm zu. Ich habe eine Gelegenheit gefunden, meine Ketten zu zerbrechen. Ich liebe dich und bin ganz die deinige. Aber ich hoffe, du wirst nicht wanken. – O! liebe mich, wie ich dich liebe, so sind wir beide glücklich!

Sie sprach das mit himmlischer Stimme, umschlang ihn fester und zog ihn zu sich.

 

Rinaldo kam wie ein Träumender in seine Wohnung zurück. Er fürchtete einen Besuch des Kapitäns und erhielt keinen. – So verflossen drei Tage; er sah den Kapitän nicht und hörte nichts von der zärtlichen Unbekannten.

Am vierten Tage ging er gedankenvoll nach dem Hafen zu. Das Donnern der Kanonen verkündigte die Ankunft eines Schiffs. Es setzte sein Boot aus; die Passagiere stiegen ans Land. Er wandelte unter dem Gewühle der Fremden, der Matrosen und Lastträger umher und fühlte sich auf einmal von hinten umfangen. Er drehte sich herum und Rosalie, in männlichen Kleidern, warf sich in seine Arme.

Schrecken und Erstaunen fesselten ihm die Zunge. Rosalien liefen Tränen über die Wangen und freudig rief sie aus:

»Gott sei gelobt! Ich habe dich gefunden!«

Um kein Aufsehen zu erregen, führte sie Rinaldo in seine Wohnung. Zwei Koffer, die sie mit sich gebracht hatte, wurden ihr nachgetragen.

Rinaldo schickte seinen Diener aus und verschloß die Tür. Als Rosalie zu sich gekommen war, fing sie an zu erzählen:

»An dem schrecklichen Tage, an welchem wir von allen Seiten angegriffen wurden, hatte ich das Glück zu entkommen. Ich floh in die Gebirge und kam endlich nach Avezzo, wo mich ein altes, gutes Mütterchen zu sich nahm. Schrecken und Kummer wirkten so sehr auf mich, daß eine frühzeitige Niederkunft mich aufs Krankenlager warf. Meine gute Natur siegte aber, und ich war kaum auf den Beinen, als ich nach Livorno eilte, wo ich zu Schiffe ging mit dem festen Vorsatz, den ganzen unteren Teil von Neapel zu durchstreifen, wo ich dich gewiß zu finden hoffte. Und, die heilige Jungfrau sei gelobt, ich habe dich gefunden. – In diesen Koffern steckt so viel von deinen in den Apenninen vergrabenen Schätzen, als mir möglich war aufzufinden. Ich freue mich herzlich, daß ich es dir geben kann.«

Rinaldo umarmte sie zärtlich und dankte ihr ihre Treue mit unzähligen Küssen. In diesem Augenblick beschloß er, Neapel so bald wie möglich zu verlassen.

»Jetzt bin ich reich und glücklich durch dich, geliebtes Mädchen!« – jauchzte er laut, – »und du sollst es mit mir werden.«

Von der Reise ermüdet, hatte sich Rosalie zur Ruhe gelegt, als das bekannte hübsche Mädchen der schönen Unbekannten bei Rinaldo eintrat. Sie brachte ihm folgendes Briefchen: »Die, die dich herzlich liebt, die du nicht mehr Aurelia, aber deine dir Ganzergebene, deine zärtliche Olimpia nennen sollst, wünscht, so glücklich zu sein, dich bei sich zu sehen. Das Mädchen wird dich zu ihr führen.«

Rinaldo bedachte sich ein wenig und beschloß endlich, um dieser zärtlichen Signora, deren Rachegrundsätze er kannte, keinen Verdacht zu geben, dem Mädchen zu folgen. »Da du ohnehin Neapel bald verlassen wirst«, – sprach er bei sich selbst, – »kannst du immer zu ihr gehen. Es ist vielleicht ohnehin das letztemal, daß dies geschieht.«

Er ging mit der leitenden Iris und wurde von ihr kaum hundert Schritte von seiner Wohnung in ein artiges Haus geführt, wo ihn Olimpia erwartete. Die Kleidung, in der sie ihm entgegenflog, war keine Kleidung, und ihr Empfang war eine Art von wütendem Ansichreißen, die den blödesten Schäfer von der Welt unternehmend gemacht haben würde. Rinaldo nahm sich soviel wie möglich zusammen und setzte ihrem Ungestüm einen großen Grad von Kälte entgegen.

Sie Was ist das? Erwiderst du auf diese Art meine Küsse?

Er Es sind vier Tage, seit ich nicht das Glück haben konnte, die schöne Olimpia zu sehen.

Sie Es sind für mich vier Ewigkeiten gewesen.

Er Doch?

Sie Nicht in diesem Tone! – Ich konnte dich nicht eher wiedersehen. – Von jetzt an ist keine Stunde mehr in meinem Leben, die nicht dein wär. – Undankbarer! wenn du wüßtest, was ich getan habe. –

Er Laß mich wissen, was das ist, das du getan hast. – Olimpia wird verzeihen, wenn ich –

Sie Kein Wort weiter! Dieser Ton gehört nicht hierher, wo Glück und Liebe dich erwarteten. Ich kann auch wohl eines Mannes üble Laune ertragen, wenn ich ihn so liebe wie dich. Aber Kälte und diese Sprache ertrage ich nicht. – Ich weiß, welche Forderungen mir an dir zu machen erlaubt sind, also darf ich dir sagen, daß dieser Ton, in welchem du dir mit mir zu reden erlaubst, mich beleidigt. – Jetzt verteidige dich.

Er Ich erwarte erst Olimpias Verteidigung. Die meinige kann dann der ihrigen leicht folgen. Seit vier Tagen –

Sie Sprich nicht von Tagen, wenn von Liebe die Rede ist, und taxiere meine Empfindungen nicht nach dem Glockenschlage. Was ins Unendliche reicht, zählt man nicht nach Zeiträumen von vierundzwanzig Stunden. – Ich bestehe darauf, deine Verteidigung zu hören.

Er Und ich die deinige. Mein Recht ist älter als das deinige, weil die Beleidigung, von der ich zu sprechen habe, älter ist.

Sie Bist du wirklich beleidigt?

Er Ich müßte dich nicht lieben, wenn ich es nicht wäre.

Sie Kannst du mir Geheimnisse lassen?

Er Jetzt nicht.

Sie Hast du selbst keine für mich?

Er Die Zukunft wird diese Frage beantworten.

Sie So beantworte diese auch deine Forderungen an mich.

Er Da du mir ausweichst, so vermehrst du meinen Verdacht selbst.

Sie Welchen kannst du haben?

Er Jeden, den ein Verliebter haben kann, dessen Blicken sich seine Geliebte auch nur auf einige Sekunden, geschweige denn auf vier Tage, entzogen hat.

Sie Diese Notwendigkeit hängt mit meiner Geschichte zusammen.

Er Nun bin ich befriedigt!

Sie Dieses bittere Lächeln verstehe ich. – Mann! bringe mich nicht auf. – Deinetwegen habe ich –

Er War alles, was du getan hast, dein freier Wille oder nicht?

Sie Leider! war es mein freier Wille. Aber du weißt wahrlich nicht, was ich meiner Leidenschaft für dich aufgeopfert habe!

Er Kann es nicht mit Gold ersetzt werden?

Sie Elender! und Dich liebe ich? Ich spreche von Liebe, und du zählst mir Gold auf? Nimm mir, was ich habe, mache mich elend und bettelarm, ich folge dir mit bloßen Füßen nach. Werde selbst arm, und ich stehle für dich, lasse mich zum Schafott führen, und ich freue mich, daß du nicht darben darfst. Du mußt meine Leidenschaft nach deinem eignen kärglichen Maßstabe messen, wenn du so mit mir sprechen kannst.

Sie warf sich, als sie das sagte, mit heftiger Bewegung auf ein Kanapee. Rinaldo ging schweigend im Zimmer auf und ab. – Olimpiens Mädchen trat ein, besetzte einen Tisch mit Früchten, Wein und kalten Speisen und verließ das Zimmer.

Nach einer ziemlich langen Pause fragte Olimpia:

»Wollen der Herr Graf mit mir speisen?«

»Warum das nicht?« – antwortete er.

Ohne ein Wort zu sprechen, wurden Stühle an den besetzten Tisch geschoben. Man setzte sich und speiste. – Olimpia schenkte die Gläser voll, nahm eins davon in die Hand und sagte mit sanfter Stimme: »Auf unsere Versöhnung?«

Er Wenn Olimpia bekennen will, daß sie Unrecht und daß sie mich durch ihre letzte Rede beleidigt hat.

Sie Ich will alles tun, was du haben willst. Ich habe dich ja so unaussprechlich lieb! – Es gilt! – Nun kein Wort weiter davon.

Er Die vier Tage müssen doch erst berichtet werden.

Sie Ich konnte dich nicht eher anständig empfangen, als heute. An jenem Tage, wo ich so glücklich mich aus deinen Armen wand, verließ ich das Haus, das mir der Kapitän gemietet hatte, brachte die Zeit in einer elenden Wohnung hin und bewohne erst seit diesem Morgen dieses Zimmer.

Er Wo du warst, war allenthalben Liebe. Warum durfte ich nicht auch dort sein?

Sie Ich schämte mich, dich in ein Quartier zu führen –

Er Wo du warst? – Hat es dir an irgend etwas gefehlt, so hättest du mir –

Sie Kein Wort davon!

Er Hast du von der Güte des Kapitäns gelebt oder nicht?

Sie Einigermaßen.

Er Du bist keine Neapolitanerin?

Sie Ich bin eine Genueserin von edler Geburt.

Er Und lebst hier?

Sie Die Erzählung meiner Geschichte soll dir sagen, warum?

Er Ich höre sie doch bald?

Sie Sobald du dich meines Vertrauens wert gemacht hast.

Er Was weißt du von dem Kapitän?

Sie Daß er ein sonderbarer, geheimnisvoller, unergründlicher Mann ist, der sich hoher Wissenschaften rühmt.

Er Hast du davon, daß er sie wirklich besitzt, Beweise?

Sie Ich fürchte mich, sie zu entdecken.

Rinaldo wollte weiter fragen, als ein Verhüllter ohne Umstände in das Zimmer trat, auf ihn zuging und ihm ein Briefchen gab. – Olimpia sah den Vermummten mit zweifelhaften Blicken an, der ein Glas Wein vom Tische nahm, es ausleerte und das Zimmer, ohne ein Wort zu sprechen, verließ.

Rinaldo öffnete das Briefchen, las in demselben die Worte:

»Rinaldini ist in Gefahr«,

zerriß das Papier in kleine Stückchen und sprang vom Tische auf.

»Um Gottes willen, Graf!« – fragte Olimpia ängstlich, – »Was ist Euch?«

Rinaldo nahm seinen Degen, küßte ihr die Hand, sagte:

»Morgen, gute Olimpia! siehst du mich wieder«,

und eilte nach der Tür. – Sie sprang auf, umschlang ihn und bat ihn zu bleiben. Er küßte sie heftig, sagte mit zärtlicher Stimme:

»Beruhige dich! Wir sehen uns morgen wieder«,

machte sich los, verließ das Zimmer, stürzte die Treppe hinab und eilte in seine Wohnung.

 

Hier war er kaum angekommen, als der Vermummte, der ihm bei Olimpien den Brief gab, zu ihm ins Zimmer trat. Sie sahen beide einander, ohne ein Wort zu sprechen, eine Zeitlang an. Endlich brach Rinaldo das Stillschweigen und sagte:

»Herr Kapitän! ich habe Euern Wink verstanden.«

»Was zum Teufel! Kapitän? das bin ich nie gewesen«, – sagte jener. – »Aber wir kennen uns sonst woher, wo ihr Kapitän wart.«

Indem er das sagte, nahm er die Larve vom Gesicht, und Rinaldo erkannte in ihm einen seiner ehemaligen Gesellen, der Lodovico hieß.

Rinaldo drückte ihm die Hand und fragte:

»Wo kommst du her, braver Junge?«

»Das will ich Euch sagen«, – antwortete jener. – »Gebt mir aber erst etwas zu trinken. Ich bin durstig wie ein Teufel.«

Rinaldo trug einige Flaschen Wein auf und Lodovico erzählte: »Als wir das letztemal, wo Ihr nicht bei uns wart, angegriffen wurden, ging's, soll mich der Donner erschlagen! so hart her, wie's noch nie hergegangen ist. 'S war, straf mich Gott! ein Gemetzel, als würde Fleisch zur Bank gehackt. – Ich kam mit ein paar Circumflexen davon und schlich von einem Orte zum andern, bis ich mich hierher nach Neapel schlich. Hier fand ich einen Vetter, den die Justiz auch von einem Orte zu dem andern jagte. Der machte mich mit einer Gesellschaft von Kerlen bekannt, die dem Teufel die Nase aus dem Gesichte stählen, wenn er eine hätte. Sie haben eine Art von Bündnis untereinander. In dieses ließ ich mich aufnehmen und verdiene nun so mein bißchen Brot auf mancherlei Art und Weise. – Vor einigen Wochen sah ich Euch und riß die Augen mächtig auf. Ich mochte hinsehen wie ich wollte, Ihr wart und bliebt es, unser braver Hauptmann. Donnerwetter! dachte ich, wie kommt der hierher? Ich hätte Euch gern selbst darum gefragt, 's war aber heller lichter Tag und unsereins produziert sich nur am liebsten in der Nacht, denn die verfluchten Sbirren haben Falkenaugen. – Wie ich nun so simulierte, wart Ihr weg, und ich hätte des Teufels werden mögen, daß ich Eure Wohnung nicht wußte. – Seit der Zeit konnte ich Euch nicht wieder auf die Spur kommen, und wenn ich mir die Füße abgelaufen hätte. Ich dachte schon, Ihr wärt wieder über alle Berge, und ärgerte mich, daß ich hätte platzen mögen. Da sehe ich Euch heute Abend ganz unvermutet mit einem Mädchen gehen, das ich gar wohl kenne.«

Rinaldo Wie? Du kennst das Mädchen?

Lodovico Ich werde sie ja, vor'm Teufel! kennen, wenn ich's sage.

Rinaldo Wer ist sie?

Lodovico Jetzt dient sie bei der Signora, bei der Ihr wart.

Rinaldo Wenn du nicht mehr von ihr weißt, so weißt du auch nicht mehr als ich.

Lodovico Basta! Ich weiß auch, daß sie gefällig und zärtlich ist.

Rinaldo Das weiß ich nicht.

Lodovico Und also weiß ich mehr von ihr als Ihr. – Sie gleicht ihrer Signora darinnen auf ein Haar.

Rinaldo Wie? die Signora Olimpia wär' –

Lodovico Du mein Gott! Ihr wärt wahrlich weder der erste noch der letzte gewesen, der zu ihr gekommen ist oder noch zu ihr gehen wird. Aber jetzt ist Gefahr dabei. Darum dachte ich: Halt Lodovico! du mußt deinen braven Herrn warnen, schrieb das Briefchen und überbrachte es auch selbst. Es freut mich, daß Ihr meiner Warnung Gehör gegeben habt, denn mich sollen gleich alle Malefiz-Räder der ganzen Welt zermalmen, der Prinz della Torre versteht keinen Spaß. Er hat schon manchem das liebe Nachtbrot geben lassen, ehe er es hat haben wollen.

Rinaldo Aber wie kommt der Prinz ins Spiel?

Lodovico Auf die natürlichste Art von der Welt. Er hat sein Spiel mit der Signora, bei der Ihr wart, und ist verdammt eifersüchtig.

Rinaldo Lodovico, kann ich dir glauben?

Lodovico Nennt mich nicht wieder Kamerad, wenn ich gelogen habe. Ich muß das am besten wissen. Ich bekomme ja Monatsgeld von dem Prinzen und hätte vielleicht gar selbst die Order erhalten können, Euch ein paar Pillen beizubringen. – Das hätte ich aber doch, hol mich der Teufel! nicht getan und hätte ich sollen betteln gehen oder gar selbst aufs Reff gebrannt werden.

Rinaldo Die Signora kann aber nicht lange mit dem Prinzen bekannt sein.

Lodovico Seit vier Tagen.

Rinaldo Das ist möglich.

Lodovico Das ist wahr! – Das ist auch nicht ihr eigentliches Quartier, in welchem Ihr heute bei ihr wart. – Sagt, unterhaltet Ihr sie etwa auch?

Rinaldo Bewahre! – Ich kenne sie erst seit fünf Tagen.

Lodovico So kennt Ihr sie gar nicht. Ich glaube, die lernt man in fünf mal fünf Jahren nicht kennen. Das ist ein Tausend-Elementer von einem Weibsbild! – Einen gewissen Kapitän hat sie auch schlimm über die Ohren gehauen.

Rinaldo Kennst du diesen Kapitän? Wer ist er eigentlich?

Lodovico Das mag der Teufel wissen. Aber ich weiß manches von ihm.

Rinaldo Zum Beispiel?

Lodovico Er ist so ganz im stillen der gute Freund aller Kerle meinesgleichen in ganz Neapel. Sie hängen an ihm wie Kletten. – Jetzt steckt er im Serviten-Kloster und macht einmal Apparate.

Rinaldo Welche Apparate?

Lodovico Er zitiert Geister.

Rinaldo Wirkliche Geister?

Lodovico Das mag der Teufel wissen! Ich bin nie dabei gewesen.

Rinaldo Lodovico, wir bleiben doch gute Freunde?

Lodovico Donnerwetter! Setzt Ihr Mißtrauen in mich?

Rinaldo Also – im Vertrauen! – ich bin nicht ohne Gesellschaft.

Lodovico Das wär! Aber hier stecken die Burschen gewiß nicht.

Rinaldo In Kalabrien.

Lodovico Das lasse ich gelten! Dort soll etwas zu machen sein.

Rinaldo Ein prächtiges Land für uns! – Cinthio kommandiert in meiner Abwesenheit.

Lodovico Donnerwetter! da muß ich hin! – Und ich nehme noch ein halbes Dutzend Kerle mit, die, straf mich Gott! keinem von uns etwas nachgeben. Hier ist's ohnehin ein Lumpenleben. Kleines Geld und kleine Läppereien, und dennoch ein Lärm und ein Spektakel über jede Kleinigkeit, als wär's wer weiß was. Die Sbirren beständig auf dem Nacken, die Galgen und Galeeren vor den Augen. Bei solchen Aspekten lebt sich's miserabel. – Hier ist meine Hand. Ich gehe nach Kalabrien.

Rinaldo Gut! und ich schenke dir Reisegeld. Hier werbe ich.

Lodovico Das Geschäft übertragt mir. Ich bin besser mit dem Schlage von Leuten bekannt, die für uns passen.

Rinaldo Nimm mit dir, wen du kriegen kannst. Cinthio wartet auf Rekruten.

Lodovico Die soll er bekommen.

Rinaldo Und noch ein Wort im Vertrauen. – Wär der bekannte Kapitän nicht –

Lodovico Er soll gleich daran!

Rinaldo Nicht das. – Ich meine, ob er nicht auch etwa mit guter Manier nach Kalabrien zu transportieren wäre?

Lodovico Das wird schwerlich angehen. Er steckt hier in zu großen Connexionen.

Rinaldo Denke darüber nach.

Indes war Rosalie erwacht. Rinaldo hörte, daß sie munter war. Er öffnete die Tür des Kabinetts und hieß sie herausgehen. Lodovico riß die Augen gewaltig auf, als er sie sah, freute sich aber, sie gesund wiederzufinden und lispelte Rinaldo ins Ohr: »Die Signora Olimpia ist doch schöner!«

Rinaldo lächelte, gab ihm Geld und beurlaubte ihn. – Lodovico tat noch einige Fragen an Rosalien über ihre Rettung, leerte sein letztes Glas, versprach bald wiederzukommen und ging halbberauscht davon.

 

Als Rosalie ihren geliebten Rinaldo den folgenden Morgen ankleidete, sagte sie mit sanfter Stimme:

»Guter Rinaldo! wenn du mich wirklich, wenn du mich auch nur halb so sehr liebst, als ich dich ganz liebe, so schenke meinen Bitten Gehör und meinen frommen Wünschen Gewährung. Gib dich nicht wieder mit Leuten von Lodovicos Schlage ab und laß uns Neapel verlassen, so bald wie möglich. Wir wollen in ein anderes Land gehen, wo uns nicht mehr solche Bekannte aufstoßen, und wenn du mich auch einst verlassen wolltest, so sei es nur nicht in einem Lande, wo ich vielleicht noch zu einem entehrenden Tode verdammt werde. – Ach! ich habe ja nichts getan, als daß ich dich geliebt habe! Das ist – wenn es eins ist – noch jetzt mein Verbrechen und wird es auch bleiben. Gib nur, daß ich es mit in ein ehrliches Grab nehmen kann!«

Tränen brachen aus ihren Augen. Rinaldo war sehr gerührt. Er umschlang, küßte sie und sagte:

»Ich weiß dein edles, treues Herz zu schätzen; ich fühle, was deine Liebe verdient. Was du wünschest, ist schon bei mir beschlossen. Ehe der dritte Morgen anbricht, segeln wir, wenn ich ein segelfertiges Schiff antreffe, nach Spanien. Wollte eine solche Gelegenheit unsere Abreise verzögern, so gehen wir einstweilen nach Sizilien; aber Neapel verlassen wir gewiß sobald wie möglich. Es liegt mir mehr daran, als du selbst glauben kannst, von hier zu gehen. Lodovicos Gesellschaft ist nicht mehr die meinige. Aber solange ich noch an einem Ort mit ihm bin, bin ich in seiner Gewalt und muß ihm mehr schmeicheln, als mir lieb ist. – Beruhige dich, und erhalte mir deine Liebe!«

Er nahm, als er das gesagt hatte, den Degen und ging. – Sein Weg ging gerade nach Olimpias Wohnung zu.

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