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Rinaldo Rinaldini der Räuberhauptmann

Christian August Vulpius: Rinaldo Rinaldini der Räuberhauptmann - Kapitel 2
Quellenangabe
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typefiction
authorChristian August Vulpius
titleRinaldo Rinaldini der Räuberhauptmann
publisherInsel Verlag
seriesinsel taschenbuch
volume426
printrun1. Auflage
editorKarl Riha
year1980
firstpub1799
correctorfranka.antenne@gmx.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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Erstes Buch

Die Liebe neckt im Aufenthalte
Der Furcht, wie sie im Freien neckt;
Was hat in Höhlen, was im Walde,
Nicht schon ihr Rosenflug bedeckt?

Originalillustration

Stürmisch brauste der Wind, tobend wie empörte Meereswogen, über den Nacken der hohen Apenninen, schüttelte die Wipfel hundertjähriger Eichen und beugte das schwankende Gesträuch der Flamme des Feuers zu, an welchem nahe bei einer steilen Felsenwand, in einem kleinen Tale, Rinaldo und Altaverde saßen. Die Nacht war dunkel, dichte Wolken verschleierten den Mond, und kein lächelnder Stern funkelte am Himmel.

Altaverde Ist das doch eine Sturmnacht, wie ich kaum noch eine erlebt habe! – Rinaldo! schläfst du?

Rinaldo Ich sollte schlafen? – Ich habe das Wetter gern so wie es jetzt ist. – O! es stürmt hier und dort, um uns, neben uns, in mir, und überall.

Altaverde Hauptmann, du bist nicht mehr der, der du warst.

Rinaldo Wohl wahr! – Einst war ich ein unschuldiger Knabe, und jetzt –

Altaverde Bist du verliebt?

Rinaldo Bin ich ein Räuberhauptmann?

Altaverde Hat dir das deine Donna angesehen? – Wer hält dich nicht, wenn du dich in großen Städten zeigst, für den reichsten Marchese aus dem edelsten Hause?

Rinaldo Und dennoch setzt man Preise auf meinen Kopf.

Altaverde Wer will sie verdienen?

Rinaldo Vielleicht selbst einer der Unsrigen.

Altaverde Pfui! So handeln die nicht, die dir den Eid der Treue geschworen haben.

Rinaldo O! sie sind Menschen! und böse Menschen. Denn gut wirst du uns doch alle, beim Teufel! nicht nennen wollen?

Altaverde Daß ich mit dir jetzt darüber stritt! Du hast üble Laune. – Was hilft jetzt das Grübeln und Grillisieren? Nun ist's zu spät.

Rinaldo Wehe mir und dir, und uns allen, daß es zu spät ist! – O! Altaverde! welchen Tod werden wir sterben?

Altaverde Den, der uns zugedacht ist. – Der Eingang ins Leben ist ein Pfad, den Könige und Bettler auf gleiche Art betreten. Der Ausgang hat vielerlei Pforten. Ob wir durch die Mittel- oder Seitentür hinauskommen, ist einerlei. Hinaus läßt man uns gewiß. – Hauptmann! seit du verliebt bist, ist mit dir gar nicht zu sprechen. – Wer zog dich unter uns?

Rinaldo Mein Schicksal, mein Leichtsinn.

Altaverde So hadere mit diesem, und wüte nicht gegen dich selbst. – Wo du stehst, stehst du nun einmal. Jetzt kannst du für dich nichts mehr tun, als aufmerksam sein, vorsichtig zu stehen. Stehst du so, so hast du das deinige getan. Fällst du, so ist es nicht deine Schuld. – Gehe hin und diene einem Staate mit Gut und Blut, mit Leib und Leben, mit Denken, Wissen, Wirken und Wollen, nach allen deinen Kräften, und vermodere, wenn's Glück gut ist, im Kerker unschuldig. Oder, gibt es keine Beispiele? Die alte und neue Geschichte wird dir welche zeigen. Wie so mancher Wohltäter eines Staates starb in Ketten? – Stirbst du so, so kannst du wenigstens nicht über Undank klagen.

Rinaldo Ich kenne dich, wenn du in's Deraisonnieren kommst.

Altaverde Und ich dich auch, wenn du in's Grübeln kommst. – Mein Deraisonnieren, wie du es nennst, macht mich zum Stoiker. Dein Grübeln taugt nichts, und macht dich unleidlich. – Was wärst du denn jetzt wohl, wenn du in Ostiala geblieben wärst und deines Vaters Ziegen länger gehütet hättet?

Rinaldo Was ich jetzt nicht bin. Ein ehrlicher Mensch.

Altaverde Du hast Handlungen ausgeübt, um die dich die edelsten Menschen beneiden müssen.

Rinaldo Sie haben keinen Wert. Ein Räuber übte sie aus.

Altaverde Das kann wahrlich den edlen Handlungen nichts von ihrem Werte benehmen! –

Rinaldo Wer ein unedles Gewerbe treibt, kann nebenbei kein edles treiben.

Altaverde Verflucht! was du da sagst! – Sind dir nicht Freudentränen geflossen? Hat man dich nicht im Gebete eingeschlossen? Hat man dich nicht gesegnet?

Rinaldo Ach! man wußte nicht, daß man einen Räuber segnete.

Altaverde Martere dich nicht selbst ab!

Rinaldo O! mein Geschick, hätten sie mich bei meinen Ziegen gelassen! – Ich sage dir, ich kann mich meiner Taten weder rühmen noch freuen, denn, wenn auch einige darunter gut gewesen sein sollten, so waren doch der bösen weit mehrere, die mich einst noch zum Rabensteine führen werden.

Altaverde Bist du schon dort? – Laß mich schlafen. – Gute Nacht!

 

Altaverde schlief wirklich gleich ein. Rinaldo ergriff seufzend seine Gitarre, spielte und sang:

Ach! wie war ich sonst so fröhlich
In der Unschuld Blumental!
Kannte keine bangen Sorgen,
Kannte weder Leid noch Qual.
Frohe Unschuld scherzte traulich,
Scherzte hold und sanft mit mir;
Und umgeben mit Verbrechen,
Sitz' ich jetzo klagend hier.

Heiter blickt' ich sonst zum Himmel,
Selbst, wie er, so klar und rein,
Konnte meine sanfte Seele
Seiner Reinheit Spiegel sein.
Und jetzt finster, wie die Nächte,
Die mein Unmut hier durchwacht,
Hat das Laster meine Seele
Dunkler als die Nacht gemacht.

Von mir floh mit bangem Beben,
Von mir wich mein guter Geist.
Ich empfinde, voll Verzweiflung,
Wie die Ruh sich von mir reißt.
Blumenketten sind zerrissen,
Und des Lasters Fessel drückt,
Ach! mit namenlosen Schmerzen
Nieder, was mich sonst beglückt.

Da schlug eine von den wachsamen Doggen, die vor dem Feuer lagen, an. Altaverde fuhr auf, griff nach dem Rohre, und Rinaldo hatte noch nicht sein Wer da? gerufen, als er schon das Zeichen erhielt, es nahe sich einer ihrer Kameraden. Die Hunde schwiegen, und Nikolo trat herzu.

Nikolo Ich habe euch melden sollen, daß in der Ferne Maultierglocken gehört werden.

Altaverde Ihr liegt doch noch alle bei der Klause?

Nikolo So ziemlich. – Pietro und Giambattista ausgenommen, die auf's Kundschaften ausgegangen sind, sind die andern dreißig noch alle beisammen.

Altaverde Ist Girolamo bei euch?

Nikolo Ja. – Er freut sich schon auf die Maultiere.

Rinaldo Altaverde! wenn du doch zu ihm gingst. Du kennst Girolamo und weißt, daß Behutsamkeit seine Sache nicht ist. – Schicke mir Cinthio. Ich will ihn hier erwarten. – Ach! wenn ihr Blut schonen könnt, –

Altaverde Ja doch! wenn's sein kann.

Sie gingen. – Rinaldo warf Holz ins Feuer, legte sich unter einen Baum und zog den Mantel über den Kopf. Über ihn dahin brauste wild der Sturm, und laut auf knisterte das dürre Holz im Feuer.

»Ach!« – seufzte er; – »all' ihr Heiligen und guten Engel! beschützt mich! betete ich sonst mit Zuversicht, wenn ich meine Augen schließen wollte. Jetzt kann ich nicht beten und kein Auge schließen. O! daß ich weinen könnte!«

Die Hunde schlugen an. Er warf den Mantel von sich, fuhr auf und griff nach den Pistolen. Die Hunde sprangen einen Menschen an. Rinaldo rief sie zurück, trat näher und sah einen ehrwürdigen Greis, mit weißem Haar und Barte, in einem braunen Gewande, vor sich stehen. Er hielt in der Rechten einen Stab, in der Linken eine ausgelöschte Laterne, und ein kleines Hündchen kroch ängstlich an ihn an.

»Wer bist du?« – redete ihn Rinaldo an, als die Doggen zum Schweigen gebracht waren.

Der Greis Ich bin unter dem Namen des Bruders vom Berge Oriolo bekannt, komme aus dem nächsten Städtchen, wo ich mir, wie gewöhnlich, meinen kleinen, nötigen Proviant bestellt habe, und wandere meiner Klause zu. Der Sturm hat mir das Licht meiner Laterne ausgelöscht, und, so gut ich auch sonst die Gegend kenne, bin ich doch, wie ich jetzt merke, auf einen Abweg geraten. Erlaube mir mein Licht anzuzünden. Ich will mich dann schon wieder finden. – Schlaf wohl!

Rinaldo Alter! wofür siehst du mich an?

Der Greis Ich bin froh, dich bei diesem Feuer gefunden zu haben, weil ich nun wieder Licht habe.

Rinaldo Wer glaubst du wohl, daß ich bin?

Der Greis Es kann mir einerlei sein, zu wissen, wer du bist, oder nicht bist. – Die Menschenkenntnis interessiert mich jetzt nicht mehr.

Rinaldo Ich bin in Verlegenheit.

Der Greis Die Menschen in der Welt sind das gewöhnlich. – Ich beklage dich.

Rinaldo Mein Schicksal zwingt mich, in den Tälern der Appeninen umherzuirren. Und Rinaldini, der berüchtigte Räuber, soll diese Täler unsicher machen.

Der Greis So sagt man.

Rinaldo Ich fürchte diesen grausamen Mann.

Der Greis Grausam soll er eben nicht sein, wie es heißt. Ich bin ihm selbst zu Gefallen gegangen. Ich wollte ihn um einen Sicherheitsbrief für meine Hütte bitten.

Rinaldo Irre dich nicht in ihm.

Der Greis So hat es auch nichts zu sagen. – Die Handvoll Jahre, die ich noch zu leben habe, mag er mir nehmen, wenn es Gottes Wille ist. Er wird sie dereinst doch wieder bezahlen müssen. – Steckt er meine Hütte in Brand, so baue ich eine andere. Geld findet er bei mir nicht. Und schlägt er mir mein Paar Ziegen tot, so beschenken mich die Bauern der Nachbarschaft, die mich lieben, gewiß wieder mit einem Paar andern. – Wie Gott will!

Rinaldo Hast du Mangel?

Der Greis Wer entbehren kann, hat nie Mangel.

Rinaldo Ich möchte gern eine gute Handlung ausüben. Nimm diese Börse.

Der Greis Ich mache nicht gern Schulden, die ich nicht bezahlen kann. Ich brauche auch kein Geld. – Schlaf wohl!

Er ging, und Rinaldo wagte es nicht, ihn länger aufzuhalten. – Er warf sich wieder unter dem Baume nieder. Als die Hunde abermals anschlugen, brach schon der Morgen an, und Cinthio kam.

 

Cinthio Hauptmann, was fehlt dir? Warum willst du nicht mehr gern bei deinen Leuten sein? Du suchst die Einsamkeit, und fällst uns allen auf.

Rinaldo Mir selbst am stärksten. – Ich weiß nicht, wie mir ist.

Cinthio Altaverde nennt dich verliebt.

Rinaldo Auch das bin ich.

Cinthio Nun! Das ist kein Unglück.

Rinaldo Vor vier Tagen lustwandelte ich in einem kleinen Tale, und sah ein Mädchen – Ach Cinthio! es war ein Engel – Sie suchte Beeren. Ich sprach mit ihr. Sie sprach mit mir. So spricht die Unschuld mit dem Laster. – Unsre Leute kamen. Ich mußte sie verlassen, habe sie seit der Zeit nicht wieder gesehen, und weiß nicht, wer und wo sie zu finden ist.

Cinthio So vergiß sie.

Rinaldo Kann ich?

Cinthio Der Mensch kann alles, was er will.

Rinaldo Das ist nicht wahr. Sonst könnte ich ein ehrlicher Mann werden.

Cinthio Mache durch dergleichen Reden die Unsrigen nicht mißmutig. Den Schaden für dich selbst kannst du berechnen.

Rinaldo streckte sich schweigend unter den Baum und entschlummerte endlich. Als er erwachte, schien die Sonne. Sturm und Wolken waren entflohen. Cinthios Gesellschaft hatte sich um zwei seiner Kameraden vermehrt. Sie saßen mit ihm am Feuer und kochten Schokolade.

Cinthio Guten Morgen! Hauptmann!

Die Anderen Guten Morgen!

Rinaldo Ich danke euch. – Gebt mir eine Tasse Schokolade.

Girolamo Echte Spanische Schokolade! – Nun, Hauptmann! Altaverde läßt dich grüßen. Die Maultiere haben wir; drei Stück. Sie waren mit der Bagage eines Neapolitanischen Prinzen beladen und wollten nach Florenz, wohin sie nicht gekommen sind. Groß war die Beute eben nicht.

Rinaldo Sind Menschen dabei geblieben?

Girolamo Alle drei Treiber. – Die Kerle hätten plaudern können. – Es gibt ja mehrere Maultiertreiber in der Welt. – Altaverde teilt jetzt. In einem Kästchen fand er diese Kapsel, die er dir schickt.

Rinaldo nahm, öffnete die Kapsel und fand das Portrait eines schönen Frauenzimmers in Nonnentracht. Auf die Rückseite war das Bild eines jungen Mannes in Uniform gemalt. Die Einfassung war nicht reich, aber geschmackvoll.

Bald darauf kam Altaverde mit einem starken Trupp der Gesellschaft an. Es wurden Gezelte aufgeschlagen, Feuer angemacht; es wurde gekocht und gebraten, gegessen, gespielt, gesungen, getanzt und getrunken.

Rinaldo verabredete mit Altaverde mehrere Sicherheitsmaßregeln, und als die Trupps verteilt und die Posten gehörig besetzt waren, zog sich Rinaldo über den Berg in ein zweites, kleines Tal zurück, wo er sich bei einer Quelle unter einigen Pappeln niederwarf.

Altaverde brachte ihm den Teilungszettel, den er unterzeichnete und gegen Mittag zu seinen lärmenden Kameraden zurückkehrte, wo ihn ein stattliches Mittagsmahl erwartete.

 

»Hauptmann!« – begann Girolamo – »deine Leute bemerken, daß dir etwas fehlt. Sie wünschen zu wissen, was das ist. Hast du Sehnsucht nach irgend etwas, das dir zu verschaffen ist, so sollst du es haben, und sollten wir es mit Aufopferung unseres Lebens für dich aufsuchen müssen. Sind es aber nur Grillen, die dich plagen, so bitten wir dich, verbanne sie, und mache uns nicht mit dir zugleich mißmutig.«

Einige Augenblicke sah Rinaldo sich schweigend in dem Kreise um, der ihn umgab, dann sprach er: »Habt ihr die Erklärungen der Republiken Venedig, Genua und Lucca gelesen? Sie sind öffentlich bekanntgemacht worden. Ein Preis steht auf meinem Kopfe.«

»Laß ihn stehen, Hauptmann!« – schrien alle, wie aus einem Munde; – »es wird ihn niemand erhalten.«

»Wer will dir ein Haar krümmen« – sagte Girolamo, – »so lange wir bei dir sind?«

Er sprach's und schwang den Säbel. Alle folgten seinem Beispiele und schrien:

»Blut und Leben für dich, Hauptmann! Treue bis in den Tod.«

Altaverde legte den Teilungszettel vor. Man teilte und war zufrieden. – Nach Tische wurde wieder gespielt, gesungen, gelärmt und getanzt.

Rinaldo lag unter einem Baume, als sich ihm Fiorilla, eine Amazone seiner Bande, nahte. Sie setzte sich bei ihm nieder und putzte ihre Pistolen.

Sie Der Preis, den man auf deinen Kopf gesetzt hat, Hauptmann, ist es nicht allein, der dich unmutig macht. Ein Mann, wie du, zittert nicht vor entfernten Dingen. Ich glaube, das, was dich drückt, ist viel näher. – Was dir fehlt, fehlt, glaube ich, deinem Herzen.

Er Dem fehlt freilich so mancherlei!

Sie Vor einem halben Jahre ging es mir ebenso. – Jetzt wird es wohl vorüber sein. – Ich Törin hatte mich damals in dich verliebt.

Er In mich?

Sie Ich dächte doch, du hättest es merken müssen.

Sie warf, als sie das sagte, die Pistolen auf die Erde und stand auf. »Ich dachte schlechterdings«, – setzte sie hinzu, – »ich müßte die Geliebte des Hauptmanns sein«; – und ging.

Rinaldo sah ihr nach, erhob sich von seinem unsanften Lager und gab das Zeichen, nach welchem sich seine Leute sogleich um ihn herum versammelten.

»Es ist mein Plan«, – sagte er, – »in die Gebirge von Albonigo zu rücken. Wir brechen sogleich auf. Zieht die Posten ein und lagert euch diesen Abend noch ins Tal der Kapelle St. Giakomo. Morgen Mittag seid ihr in der Ebene der vier Berge von la Cera. Gelingt mir mein Vorhaben, so führen wir einen kühnen Streich aus.«

Alle jauchzten laut auf und packten zusammen. Die Posten wurden eingezogen und Girolamo ging mit dem Vortrab ab. Dann folgte Altaverde mit dem Corps, und Cinthio führte den Nachtrab an. Bei welchem Zuge Rinaldo sein wollte, wußte niemand.

Er nahm seine Guitarre und sein Gewehr und ging in Begleitung zweier Hunde der Gegend zu, nach welcher vorige Nacht der Greis zugegangen war.

 

Bald fand er einen Fußweg und erblickte, als schon die Schatten länger wurden, zwischen Büschen, nahe an einem Bergrücken, ein kleines Hüttendach. Er ging darauf zu und hatte es noch nicht erreicht, als er den bekannten Greis gewahr ward, der Wurzeln ausgrub.

Sie grüßten einander, wie es schien, beiderseits verlegen. Endlich fragte der Alte, indem er sich zu fassen suchte:

»Hast du die Landstraße noch nicht gefunden?«

»Noch suchte ich sie nicht«; – antwortete Rinaldo. – »Aber dich habe ich aufgesucht, um dich um ein Nachtlager zu bitten.«

Der Alte Du kannst bei mir übernachten, aber – aber zu bequem wirst du eben nicht ruhen.

Rinaldo Wer ruhen kann, ruht immer bequem. – Ich bin kein Weichling. Du hast gesehen, daß ich vorige Nacht ziemlich hart lag. –

Der Alte Wenn du vorliebnehmen willst, wie du mich findest, so kannst du mir folgen.

Rinaldo folgte ihm schweigend, und sie kamen in die Klause. – Reinlich und nett war das enge Stübchen, in welches Rinaldo geführt wurde. Ein Paar Tischchen und einige Stühle waren der ganze Hausrat, der hier zu sehen war. Auf dem einen Tische lag eine Lateinische Bibel, und ein Kruzifix stand darauf. Auf dem andern lag ein weibliches Strickzeug. Das fiel Rinaldo anfangs auf, aber, dachte er endlich, es ist wohl auch möglich, daß der Alte selbst strickt. – Indes räumte dieser doch das Strickzeug weg, als er bemerkte, daß sein Gast dasselbe mit größerer als gewöhnlicher Aufmerksamkeit betrachtete. Rinaldo wagte es nicht, ihn zu fragen, ob dies seine eigene Arbeit sei, und der Alte verließ auf einige Zeit die Stube.

Als er mit einer angezündeten Lampe wiederkam, zog Rinaldo ein paar Bouteillen Wein aus den Taschen, setzte sie auf den Tisch und sagte:

»Bei einem Glase Wein wollen wir uns näher kennenlernen.«

»Eine Bekanntschaft« – antwortete der Alte, – »die von ein paar rechtlichen Menschen bei einer Flasche Wein gemacht wird, ist nicht selten so herzlich geworden, als der Wein selbst der herzlichste Trank ist, den der Himmel den Menschen gegeben hat. – Er wird das Beste bei unserer Abendmahlzeit sein, denn ich kann meinem Gaste weiter nichts vorsetzen als ein Stück Käse und Brot, etwas Butter und eine Melone, die ich eben heute erst abgeschnitten habe.«

»Genug, lieber Alter! für uns beide. Auch genug, wenn noch eine dritte Person mit uns speisen sollte?« – sagte Rinaldo.

Der Alte antwortete schnell:

»Eine dritte Person? Ist noch jemand zurück, der dir folgt?«

»Von mir ist niemand zurück. Wenn aber etwa hier« –

»Bei mir wohnt keine Seele, als mein Hündchen und ein paar Turteltauben. – Wie kommst du aber auf die Vermutung, hier außer mir, noch eine Person zu finden?«

Rinaldo schob den Tischkasten auf und zeigte auf das Strickzeug.

»Aha!« – lächelte der Alte. – »Ja, dieses Strickzeug gehört wirklich einer dritten Person, die aber nicht bei mir wohnt. Sie hat es vergessen und diesen Morgen hier liegenlassen.«

Hierauf verließ der Alte seinen Gast, sein frugales Mahl aufzutragen.

Indessen sah sich Rinaldo genauer um und öffnete eine Tür, die in eine kleine Kammer führte. Hier war das Nachtlager des Alten, über welchem ein paar Pistolen zwischen zwei Ölgemälden hingen. Er nahm die Lampe, beleuchtete die Gemälde und fuhr betroffen zurück.

Die Gemälde, die er sah, waren die nämlichen Bildnisse, die ihm diesen Morgen als Beute waren gegeben worden; die Nonne und der Offizier. Den kleineren Portraits waren sie zum Sprechen ähnlich. – Er verließ die Kammer und ging nachdenkend in die Stube zurück.

Der Alte, der sich Donato nannte, trug seine Gerichte auf und setzte sich, als er ein kurzes Gebet recht herzlich gesprochen hatte, mit seinem Gaste zu Tisch.

Sie ließen es sich beide wohl schmecken, und als die erste Bouteille geleert und die zweite schon angebrochen war, kam es zu einer, uns auch nicht gleichgültigen, Unterhaltung.

Rinaldo Nun ein Glas auf das Wohlsein der bewußten dritten Person; sie sei nun hier oder nicht!

Donato Auf ihr Wohlsein! aber hier ist sie nicht.

Rinaldo Wo denn?

Donato Ungefähr eine Stunde von hier, außerhalb dem Gebirge, liegt ein Meierhof. In diesem wohnt das Mädchen, das ihr Strickzeug hier liegenließ. – Sie ist die Pflegetochter des Meiers; ein gutes, harmloses, frohes Geschöpf. Ich liebe sie, wie ein Vater seine Tochter liebt, und sie ist meiner Liebe, sie ist der Liebe der ganzen Welt wert. – Sie soll leben!

Sie stießen an und tranken. Hierauf folgte eine Pause. – Endlich knüpfte der Alte, den der Wein gesprächig machte, die Unterhaltung wieder an.

Donato Darf ich nach deinem Vaterlande fragen?

Rinaldo Ich bin ein Römer.

Donato Ein Römer? In Rom selbst geboren?

Rinaldo Auf dem Lande.

Donato Die Hand, Landsmann. Auch ich bin ein geborener Römer. Aber ich freue mich meines Vaterlandes nicht. Es ist ein undankbares Land. – Ich bin schlimm behandelt worden. Selbst die unparteiische Rota und ihre Sprüche konnten mich nicht – Genug! – Hier lebe ich ruhig, und habe meinen Feinden verziehen. Rom kann keine Männer mehr tragen. Sie zu schätzen, weiß es gar nicht. Sie sind ein üppiges, grausames und ungerechtes Volk, diese Römer. – Wie haben sie dich behandelt?

Rinaldo Mein Unglück gebar meine eigene Schuld.

Donato Dieser Vorwurf würde mein Trost sein, wenn ich ihn mir machen könnte. Aber ich habe unschuldig gelitten.

Eben wollte Rinaldo antworten, als man ganz deutlich Menschenstimmen vor der Klause vernahm. Sie kamen immer näher, und endlich wurde an die Tür geklopft.

»Was ist das?« – rief Rinaldo nicht ohne Bestürzung aus.

Donato öffnete ruhig das Fenster und fragte, wer da sei.

»Mach auf!« – schrie man draußen.

»Es stehen Bewaffnete vor der Tür«, – sagte Donato. – »Es können Sbirren oder Soldaten sein. Hast du dergleichen Leute zu fürchten, so gehe in diese Kammer. Du kommst leicht aus derselben durch ein Fenster in meinen Garten. Übersteigst du den Zaun und wendest dich rechts, so kommst du zu einem Felsen, in dessen Grotte linker Hand du dich verbergen kannst. – Ich will die Tür sogleich öffnen, daß man nichts argwöhnt.«

Rinaldo lockte seine Hunde zu sich und begab sich in die Kammer. – Donato ging und öffnete die Tür seiner Klause.

Sechs Bewaffnete traten ein und kamen mit ihm in die Stube. –

Rinaldo vernahm in der Kammer, was gesprochen wurde.

»Wer bist du?«

»›Ich bin der Klausner Donato.‹«

»Bist du hier allein?«

»›Ich wohne allein hier.‹«

»Kennst du uns?«

»›Wie sollte ich das?‹«

»Fürchtest du uns?«

»›Seid ihr Diener der Gerechtigkeit, so kann ein Unschuldiger euch nicht fürchten.‹«

»Du irrst dich. Wir sind keine Spürhunde der lendenlahmen Justiz. – Wo hast du dein Geld?«

»›In diesem Beutel. – Hier ist er.‹«

»Geh zum Teufel mit deinen paar Lumpenpfennigen! Schaff mehr!«

»›Dies ist mein ganzer Reichtum‹«

»Kerl! da steht Wein. Du bist kein Bettler. – Schaff mehr Wein her!«

»›Dieser Wein ist ein Geschenk. Ich habe weiter keinen.‹«

»Donnerwetter! Hier haben ihrer zwei gegessen. Du bist nicht allein. Der Schelm hat gelogen. Knebelt den alten Sünder! Er soll beichten.«

»›Seid barmherzig, und‹« –

»Geld her!«

»›Nehmt, was ihr findet. Geld habe ich nicht.‹«

»Verstockter Schurke! Willst du noch nicht beichten?«

Jetzt fielen die Räuber über Donato her. Er schrie laut auf nach Hilfe, ohne zu wissen oder zu ahnen, woher sie kommen sollte, und Rinaldo riß die Kammertür auf. Er zog eine Pistole und schrie mit donnernder Stimme:

»Was wollt ihr hier?«

»Himmel Element! Der Hauptmann;« – schrie einer aus der Rotte. Alle zogen die Hüte, und ließen bebend den zitternden Klausner los.

Dieser taumelte auf einen Stuhl und wiederholte mit gebrochener Stimme:

»Der Hauptmann?«

»Sind das eure Heldentaten?« – fuhr Rinaldo fort. – »Schändet ihr meinen Namen um elenden Plünderer Handlungen? Seid ihr Rinaldinis Leute? – Habt ihr etwa so großen Mangel, um sogar der Armut ihren letzten Pfennig abzupressen? Ist das eure Tapferkeit, einen wehrlosen Mann zu knebeln? – Wer war der Schurke, der die erste Hand an diesen kraftlosen Greis legte?«

Tiefes Schweigen fesselte die Zungen. Rinaldo fuhr heftiger fort:

»Wer war der Schurke? Nennt ihn mir, oder ich schieße den ersten nieder, der vor mir steht.«

»Paolo war es;« – murmelte der, welcher Rinaldo am nächsten stand. Ohne ein Wort zu sprechen, schoß Rinaldo nach dem genannten Unglücklichen. Der Schuß zerschmetterte ihm den Arm. Er stürzte nieder und seine Kameraden standen ohne Bewegung.

»Warum seid ihr von euerm Zuge abgegangen?« – fragte Rinaldo mit wütendem Blick.

»Wir suchten dich, Hauptmann!« – sagte der eine.

»Habt ihr meinen Wegen nachzuspüren? – Fort, zu dem Corps! Ihr kennt unsere Gesetze, ihr wißt, was ihr getan und verdient habt. –

Nehmt diesen schlechten Menschen mit fort, der nicht zu Rinaldinis Gesellschaft gehört, und erwartet mich und eure Strafe morgen.«

Die Räuber gingen und trugen Paolo davon. Donato blieb zitternd und ohne Sprache auf seinem Stuhle.

 

Rinaldo nahte sich ihm, ergriff seine Hand, drückte sie und sagte:

»Fasse dich, guter Alter!«

»Öffne dieses Schränkchen« – stammelte Donato; – »und gib mir das runde Gläschen mit den roten Tropfen.«

Das tat Rinaldo, goß auf sein Verlangen einen Löffel davon voll und gab ihm die Tropfen. Sie waren verschluckt, und Donato schien wieder zu sich zu kommen.

Donato Du bist also Rinaldini selbst?

Rinaldo Leider! der bin ich.

Donato Ich verdanke dir mein Leben, und kann mich deiner Bekanntschaft doch nicht freuen. Dein Name allein ist schon furchtbar, und du selbst bist schrecklich.

Rinaldo Wehe mir! daß es so sein muß.

Donato Deine Handlung, hier vor meinen Augen, füllt mein Herz mit Schrecken und Entsetzen.

Rinaldo Das meinige mit Jammer. – O! daß ich dir und mir diese Szene hätte ersparen können. Aber du kennst diese abscheulichen Menschen nicht. Nur Furcht und Schrecken können sie in Zucht und Ordnung halten.

Donato Und du fürchtest diese Unmenschen nicht selbst?

Rinaldo Und wenn ich sie auch fürchte, so dürften sie das doch nicht glauben.

Donato Unglücklicher, in welche Verbindung bist du geraten!

Rinaldo Freund! zu dem mein Herz mich zieht, du bist meines Vertrauens wert. Dir will ich meine Geschichte erzählen. Nur jetzt nicht, denn sie würde dich zu heftig erschüttern. Jetzt bedarfst du Ruhe. Laß mich dich auf dein Lager bringen. Ich will auf diesem Stuhle den Morgen erwarten.

Er führte Donato auf sein Lager, hüllte sich in seinen Mantel und warf sich auf einen Stuhl. Erst spät nach Mitternacht schlummerte er ein und war mit dem ersten Strahle der Morgensonne wieder wach.

 

»Ich bin sehr krank!« – seufzte ihm Donato entgegen, als er an sein Lager trat und sich nach seinem Befinden erkundigte.

»Ich wollte dir nützlich sein«, – sagte Rinaldo; – Ich kam hierher, dir Sicherheit zu geben, und bin ohne Schuld der Urheber des Zustandes, der dich trifft, der mir durch die Seele geht. – Verkenne wenigstens meine gute Absicht nicht.«

»Gewiß nicht!« – antwortete Donato mit schwacher Stimme. – »Ich danke vielmehr dem Himmel, daß er dich hierher gesendet hat. Sonst hätte ich wahrscheinlich vorige Nacht mein Leben unter Mörderhänden verblutet.«

Hierauf bat er ihn, ihm die Arzneigläser aus dem Schränkchen zu bringen. Rinaldo holte sie herbei. Donato bezeichnete ihm die Mischung der Tropfen derselben, und kaum hatte er einen Löffel davon zu sich genommen, als ein sanfter Schlaf ihm die Augen schloß.

Rinaldo verließ die Klause, ging ins Freie und öffnete Herz und Augen der Pracht der aufgehenden Sonne. – Majestätisch stieg die Königin des Tages im Feuerglanze über die dampfenden Berggipfel empor und senkte ihre erwärmenden Strahlen in das kleine Tal, in welchem Donatos Klause stand. Die Vögel feierten diese Prachterscheinung mit einer Hymne, und Rinaldo bedeckte wehmütig sein Gesicht.

»Auch mir scheint sie, die goldene Sonne!« – seufzte er. – »Auch mir, wie sie allen Guten und Bösen scheint. Ach! und ihre wohltätigen Strahlen sind treffende Blitze für mein schuldiges Herz.«

Da rauschte es dicht bei ihm, an der Hecke. Er schlug die Augen auf, und das schöne Mädchen, das er einige Tage zuvor gesehen, mit dem er gesprochen hatte, stand vor ihm.

 

Betroffen standen beide einige Augenblicke sprachlos einander gegenüber. Endlich nahm Rinaldo das Wort:

»Bist du das gute Mädchen von dem benachbarten Meierhofe, das zuweilen den Klausner Donato besucht?«

Aurelia Dieses Mädchen bin ich.

Rinaldo Wie nennt man dich?

Aurelia Aurelia ist mein Name. – Ihr seid ja wohl eben der Herr, der vor einigen Tagen mit mir sprach, als ich Erdbeeren suchte?

Rinaldo Eben dieser. Der Freund deines Freundes Donato.

Aurelia Wo ist er?

Rinaldo Er schläft.

Aurelia Er schläft noch? So muß er krank sein.

Rinaldo Er ist auch wirklich nicht recht wohl. Eine kleine Schwäche – Es wird keine Folgen haben. Wenn ihn der Schlaf erquickt hat, wird es ihm besser sein. – Wir wollen ihn nicht wecken.

Aurelia Ich will's meinem Vater sagen. Der arme Donato ist alt und schwach. Er braucht Beistand.

Rinaldo Diesen wollen wir ihm leisten.

Aurelia Wir? – Kenne ich Euch doch nicht, um in Eurer Gesellschaft allein hier bleiben zu können.

Rinaldo Ich bin Donatos Freund.

Aurelia Das muß er mir erst selbst sagen. Bis dahin bleibe ich nicht allein mit Euch hier.

Rinaldo Ehrenwort und Schwur! Du hast gar nichts zu fürchten.

Aurelia Wer seid Ihr denn?

Rinaldo Ein Reisender.

Aurelia Und haltet Euch schon so lange in dieser Gegend auf?

Rinaldo Es gefällt mir hier in den Bergen, wo so schöne Mädchen wohnen.

Aurelia Meint Ihr mich? – Ihr wißt wohl nicht, daß ich außerhalb den Bergen wohne?

Rinaldo O ja! Das hat mir Donato gesagt.

Da rauschte es um die Hecke. Rinaldo sah hin und erblickte Cinthio, der ihm winkte. – Aurelia sprang in die Einsiedelei.

»Hauptmann!« sagte Cinthio, – »Deine Gegenwart ist bei uns durchaus notwendig. Es gibt Lärm.«

»Erwarte mich«, – antwortete Rinaldo und ging in die Klause.

»Liebes Mädchen!« – sagte er zu Aurelien, – »bleibe bei Donato.«

Sie Das versteht sich! Zumal da er krank ist.

Er Und wenn er erwacht, sag' ihm, daß ich ihn bald wiedersehen würde.

Sie Wo geht Ihr denn jetzt hin?

Er Mein Bedienter ruft mich zu meinem Gepäck, wo eine kleine Unordnung vorgegangen ist. – Leb' wohl, liebes Mädchen, und bleib mir gewogen!

Sie Ich soll Euch gewogen bleiben? – Wißt Ihr doch noch nicht, ob ich es bin.

Er Mir sagt es mein Herz.

Sie Glaube ihm nicht. Es macht Euch nur etwas weiß. – Lebt wohl!

Er drückte ihr die Hand und eilte fort. – In Cinthios Begleitung erreichte er den Platz, wo seine Leute sich gelagert hatten.

 

»Gut, daß du kommst, Hauptmann« – schrien viele Stimmen durcheinander. – »Wir müssen wissen« –

»Still!« – donnerte Rinaldos Antwort. – »Girolamo! lies den fünften und sechsten Punkt unserer Gesetze laut ab!«

Das geschah. – Hierauf erzählte Rinaldo die Szene in der Klause und endigte mit dem Ausrufe: »Nun entscheide unser Vertrag und unser Gesetz!«

»Gnade! Gnade! Gnade für Paolo!« schrien viele Stimmen.

Rinaldo schwieg. – Paolo lag an der Erde, ward eben wieder frisch verbunden, und bat mit schwacher Stimme um Gnade.

Rinaldo schwieg. – Girolamo trat zu ihm und bat für Paolo um Gnade. – Rinaldo sagte kein Wort.

Jetzt trat Fiorilla zu ihm und begann:

»Hauptmann, um der Leiden willen, die mein Herz um deinetwillen erduldet hat, bitte ich um Gnade für Paolo, den ich liebe, um meine Liebe zu dir zu unterdrücken.«

»Ich stehe, wie ihr, unter dem Gesetze«, – antwortete Rinaldo, – »und kann nicht begnadigen«.

»Du sollst nicht mehr unter dem Gesetze stehen«, – schrien alle. – »Du sollst Gesetzgeber sein und Gnade erteilen können.«

»Wenn ihr das wollt« –

»Wir schwören es dir zu!«

»So sei Paolo begnadigt, und seine Gesellen mit ihm. Aber unter der einzigen Bedingung: daß dieser Fall der erste und letzte sei, in welchem ich bei einem solchen Betragen begnadige.«

»Es sei!«

»Übrigens – bestimme ich: daß Paolo und seine Gefährten, die den ehrwürdigen armen Greis mißhandelten, demselben zwei Ziegen, zwei Fässer Wein, ein Dutzend Stück Federvieh geben und ihn demütig um Verzeihung bitten sollen.«

»Bravo! Bravo! – Es lebe der Hauptmann!«

 

Unter lautem Jubel, unter Musik und Freudengeschrei nahm Rinaldo dann sein Frühstück vor seinem Gezelte ein; sah dem Gewühle eine Weile zu; zeichnete mancherlei in seine Schreibtafel; schrieb einige Orders, die er versiegelte, und ließ dann das Corps zusammenrufen, welches sogleich still und lauschend in einem weiten Kreis um ihn herum stand. Rinaldo blieb auf seinem Sitze und begann:

»Hier Girolamo! gebe ich dir eine Order, die du in Borgo öffnen kannst. Die Lage der Dinge wird bestimmen, ob du dann nach Arezzo gehen wirst, oder nicht. Das Geschäft, welches dich dorthin führen wird, erfordert Vorsicht, die ich dir nicht besonders zu empfehlen brauche. – Dich, Fiorilla, schicke ich nach Bibiena. Höre dort, was man von uns spricht. – Nikolo und Sebastiano durchstreifen die Waldungen zu Bosina. – Dir, Amadeo, empfehle ich die Waldungen bei Anghiarto. – Altaverde nimmt sechs bis acht Mann zu sich und sucht sich der Person des Gerichtsvogts zu Brankolino zu bemächtigen. Diese Order enthält detaillierte Punkte über die Expedition. – Gegen Abend rückt Matheo mit zwanzig Mann in die südlichen Berggegenden und besetzt den Caprilischen Paß. – Alsotto bleibt mit dreißig Mann, bis auf weitere Order, hier zurück. – Cinthio sucht sich zwölf Mann aus und zieht sich links in das Pappeltal von Oriolo, nach dem Felsenpaß zu. – Aurelia ist das Losungswort. – Die detaschierten Corps lagern sich dann zusammengezogen, womöglich, binnen drei Tagen, in der westlichen Ebene vor dem Marcianischen Forste. – Und nun, ohne Zögern, zur Ausführung meiner Disposition!«

Alles geriet in Tätigkeit. – Rinaldo bepackte seine beiden großen Hunde mit einigen Arzneien und Victualien und nahm seinen Weg wieder nach Donatos Klause zu.

 

Aurelia war nicht mehr in der Einsiedelei, aber ein junger Bauernbursch, ein Sohn des benachbarten Meiers, stand neben Donatos Bette, auf welchem dieser erwacht lag und sich, wie er sagte, besser befand.

Donato entfernte seinen jungen Wärter und trug ihm auf, Holz zu suchen. Rinaldo gab dem Alten einige Löffel von den stärkenden Arzneimitteln, die er bei sich hatte, und wagte es nicht, eine Unterhaltung zu eröffnen, die Donato endlich selbst einleitete.

Donato Ich hoffe bald wieder ganz hergestellt zu sein.

Rinaldo Was ich so herzlich wünsche!

Donato Du kommst vielleicht, Abschied von mir zu nehmen?

Rinaldo Glaubst du das?

Donato Ich wünsche es, aufrichtig gesprochen. – Ich weiß nun, wer du bist, und möchte nicht gern, daß man sagen könnte, ich hätte Bekanntschaft mit dir. – Du weißt, wie das ist. Die Menschen hängen von öffentlichen Meinungen ab. – Ich danke dir die Rettung meines Lebens. Es wird aber auch niemand von mir erfahren, daß der gefürchtete Rinaldini bei mir war, auf dessen Kopf so hohe Preise stehen. – Aurelia hat mich zu ihrem Vertrauten gemacht.

Rinaldo Hat sie das?

Donato Du hättest dem Mädchen nicht sagen sollen, was du ihr gesagt hast.

Rinaldo Wenn ich dir nun sage, daß ich sie liebe?

Donato Darfst du das? – Kannst du glauben, Gegenliebe zu finden, wenn Aurelia erfährt, wer du bist?

Rinaldo Wie? Wenn ich meiner Lebensart entsagte, und –

Donato Das ist zu spät. Aurelien wirst du nicht wieder sprechen. Sie wird in ein Kloster gebracht. – Ich habe das veranstaltet.

Rinaldo Wirklich? – Nun, so erwarte auch meine Gegenanstalten.

Donato Unternimm nichts Räuberhaftes! – Liebst du Aurelien wirklich, wie kannst du sie unglücklich machen wollen? – Du liebst sie aber nicht mit der Reinheit, mit der dieses Mädchen geliebt zu werden verdient. Du darfst, du kannst sie auf keine edle Art lieben, und deine Begierden sind strafbar. – Aurelia muß deinen Blicken entzogen werden. – Oder willst du sie unter deine Bande führen und sie der Gerechtigkeit, die doch über lang oder kurz dich zu finden wissen wird, als eine Mitverbrecherin überliefern? – Unglück genug für dich, daß du das bist, aber das Mädchen laß mit Ehren leben und sterben. – Willst du mich bald verlassen, so wird es mir sehr lieb sein, denn ich erwarte Besuch.

Rinaldo Nicht aus Furcht, die ich nicht kenne, sondern aus Gefälligkeit will ich dich verlassen. – Zuvor aber noch die Frage: Wer sind die Personen, deren Bildnisse über deinem Bette hängen? – Sie im Nonnengewande und er in Uniform! –

Donato Dieses Mannes Besuch, – dessen Bild du hier siehst, erwarte ich soeben. Er geht nach Florenz, und seine Maultiere sind ihm, mit seinem Gepäck, in dem Gebirge, vermutlich von deinen Leuten, genommen worden. Die Treiber hat man erschossen. Nur ein Maultiertreiber-Junge ist entronnen. Er hat sich zu Aureliens Pflegevater geflüchtet, wo jetzt auch mein Freund ist, dessen Bild du hier siehst.

Rinaldo Da er dein Freund ist, so gib ihm dies zurück, was er vielleicht ungern vermißt.

Er gab ihm die Kapsel mit den Bildnissen, die er, wie wir wissen, aus der Beute von dem Gepäck der Maultiere erhalten hatte. Donato nahm, öffnete die Kapsel und erblickte kaum die Bildnisse, als er sie beide küßte.

Donato Du hast mir ein sehr wertes Geschenk gemacht, das seinen rechten Herrn wiedererhalten soll.

Rinaldo Willst du mir seinen Namen nicht nennen? Vielleicht kann ich ihm um Deinetwillen nützlich sein.

Donato wollte antworten, als der Bauernbursch mit einem: »Sie kommen!« hereinsprang.

Gleich nach ihm trat der Mann herein, der soeben der Gegenstand der Unterhaltung war. Er trug Uniform und ein Malteserkreuz. – Mit ihm kamen ein paar Landleute, der Meier, von dem so oft gesprochen wurde, und sein Bruder.

Der Malteser faßte Rinaldo scharf ins Auge, und dieser warf ihm einen Blick zu, auf welchen jener den seinigen von ihm abwandte.

Rinaldo reichte Donato die Hand und verließ mit einem: »Baldige Besserung!« schnell die Einsiedelei.

Der Malteser ging ihm hastig nach. Er trat in die Tür der Klause, als Rinaldo eben zurückblickte, dies sah, und sogleich stehenblieb. – Jener ging jetzt langsam auf ihn zu.

»Mein Herr!« – sagte er, – »wir müssen uns schon irgendwo einmal gesehen haben.«

Rinaldo Das ist leicht möglich!

Malteser Seid Ihr eben der, der sich Donatos Freund nannte und diesen Morgen mit einem Mädchen sprach, das Aurelia heißt?

Rinaldo Der bin ich.

Malteser Darf ich um Euren Namen bitten?

Rinaldo Ihr sollt ihn erfahren, wenn Ihr mir zuvor den Eurigen sagt.

Malteser Mein Name ist weder ein Geheimnis noch eine verdächtige Sache. – Ich bin der Prinz della Roccella.

Ein paar von Rinaldos Leuten brachten jetzt eben die Ziegen, das Federvieh und den Wein, die Paolo dem Klausner gleichsam als Sühngeld geben mußte. Rinaldo überlieferte alles, was gebracht war, dem Bauernburschen und sagte:

»Es gehört dieses meinem Freunde Donato. Er weiß schon davon. Du kannst ihm hernach sagen, daß alles angekommen ist.«

Hierauf wandte er sich wieder zu dem Prinzen, der seine Antwort und seinen Namen erwartete.

Rinaldo Da Ihr von dem Meierhofe kommt, auf welchem Aurelia lebt, so sagt mir: Ist sie noch dort?

Prinz Ich weiß nicht, wie –

Rinaldo Wie ich auf diese Frage komme, da Ihr meinen Namen zu hören erwartet?

Prinz In der Tat! das wollte ich sagen.

Rinaldo Wenn es möglich ist, schenkt mir meinen Namen. –

Prinz Sah ich euch nicht unter dem Namen Marchese Pepoli, vor einem halben Jahr ungefähr, in Florenz. – Wir sprachen uns auf dem Deutschen Hause und Ihr wurdet sehr warm, als man von dem berüchtigten Rinaldini eine Geschichte erzählte, die sehr zu seinem Vorteile gereichte.

Einer von Rinaldos Leuten winkte ihm sehr bedeutend. Er verstand das Zeichen, näherte sich dem Prinzen ganz vertraulich und sagte: »Nun dann! so wißt es: Ich bin Rinaldini selbst«; und eilte davon.

 

Rinaldo fragte seine Gesellen, was es gäbe, und erhielt zur Antwort: Cinthio finde Bedenken, sich dem Pappeltale bei Oriolo zu nähern, weil sich dort eine Karawane von Reisenden gelagert habe.

Darauf eilte Rinaldo zu Cinthio und fand ihn und sein Kommando in dem Buschwerk eines lustigen Hügels. Er erfuhr von ihm selbst, was er jetzt gehört hatte. – Nach einigem Nachdenken erteilte er ihm folgende Order:

»Wende dich mit unseren Leuten rechts, teile dich nach der Landstraße zu und laß den Weg von Oriolo nach dem Nonnenkloster St. Benedetto nicht aus dem Gesicht. Stößt euch dort etwa ein Wagen auf, in welchem sich ein junges, schönes Mädchen befindet: so wird der Wagen angehalten und das Mädchen für mich geraubt. Mit einbrechender Nacht finden wir uns hier auf diesem Platze wieder.«

Hierauf überzog er sein Gesicht mit einer braunen Farbe, kleidete sich als Jäger an, nahm einen von seinen Gesellen, Severo genannt, auch als Jäger gekleidet, und, wie er, mit einem Doppelrohr, einigen versteckten Terzerolen und einem Hirschfänger bewaffnet, mit sich und ging mit ihm, in Begleitung seiner Doggen, auf das Pappeltal zu.

Als sie auf die Anhöhe kamen, sahen sie in das Tal hinab und erblickten dort ein Gezelt aufgeschlagen, um welches herum Maultiere grasten und einige Menschen hin und her gingen, die ein Feuer angemacht hatten, bei welchem sie ihre Mahlzeit für den Abend zuzubereiten schienen.

Sie lauerten einige Zeit und wurden dann ein paar Damen in dem Gezelte gewahr. – Ein wenig entfernt von dem Gezelte lag abgeladenes Gepäck umher, und Maultiertreiber lagen bei demselben.

Ungefähr vierzig Schritte von dem Lagerplatze rieselte eine Quelle von der Anhöhe hinab in das lustige Tal. Hierher kam mit einem leeren Topfe, Wasser zu schöpfen, ein flinker Bube, der zu der Gesellschaft gehörte. Diesem machte sich Rinaldo sichtbar. Der Bube erschrak und wollte fliehen, Rinaldo aber rief ihm zu:

»Bleib, Bube! – Gehörst du zu jener Gesellschaft?«

»Ja! Zu der Gesellschaft gehöre ich«; – stammelte derselbe.

»Wer sind die Damen unter dem Gezelte?«

»Meine gnädige Frau, die Marchese Altanare und ihre Schwester. – Wir kommen von St. Leo und gedenken nach Florenz zu gehen.«

Rinaldo winkte seinem Gefährten. Dieser folgte ihm, und beide gingen auf das Gezelt zu. – Die Leute der Marchese grüßten sie und gafften sie an. Der Stallmeister der Marchese trat ihnen aus dem Gezelt entgegen, indes die Damen am Eingange lauschten, und redete sie an:

»Wohin aus, liebe Freunde?«

Rinaldo nahm das Wort:

»Ich bin der Förster aus Sarsina, und bin mit meinem Burschen auf dem Heimwege. Da sah ich eure Gesellschaft und dachte, du mußt doch sehen, wer die Herrschaften sind. – Zugleich komme ich auch, Euch einen kleinen Wink zu geben. Seid wachsam und vorsichtig! Rinaldinis Bande haust in diesen Gebirgen.«

»Ach Gott!« – rief die eine von den Damen aus, – »das macht mich sehr ängstlich.«

»Warum das?« – sagte der Stallmeister. – »Wir sind unserer ja genug, um Gewalt mit Gewalt zu vertreiben.«

»Hm!« – lächelte Rinaldo, – »das würde euch wenig helfen: denn Rinaldinis Leute haben, so zu reden, den Teufel im Leibe.«

Die Dame Aber mein Gott! warum läßt man denn diese Räuber hier so ruhig und ungestört ihr Wesen treiben?

Rinaldo Weil man sie fürchtet.

Stallmeister Wie stark mag wohl die Bande sein?

Rinaldo Wer will das wissen! – Rinaldini ist vogelfrei. Es steht ein Preis auf seinem Kopfe, der gar nicht zu verachten ist. – Unter uns gesagt: Ich schleiche schon seit acht Tagen dem Vogel zu Gefallen herum und möchte gern etwas verdienen. Käm' er mir nur in den Schuß, er sollte gewiß nicht wieder aufstehen.

Stallmeister Kennt Ihr ihn denn?

Rinaldo Er ist ja genau genug beschrieben worden.

Stallmeister Im Grunde, – sagt man, – soll er selbst eigentlich gar kein Herz haben und weder Mut noch persönliche Tapferkeit besitzen. Seine Leute sollen alles für ihn tun.

Rinaldo So? – Da sind seine Leute Narren!

Stallmeister Ihr meint also, er sei jetzt wirklich hier in der Nähe?

Rinaldo Das weiß ich gewiß. Es sind unserer achtzehn, alle Jäger und gute Schützen, die wir ihm auf den Dienst lauern. Haben wir ihn, so teilen wir.

Die Dame Was bekommt ihr denn, wenn ihr den Galgenstrick liefert?

Rinaldo In Venedig, Genua, Lucca und Florenz wird Geld für seinen Kopf gezahlt. Zusammen wirds immer ein Sümmchen von 4 bis 5000 Zechinen ausmachen. – So etwas nimmt unsereiner mit. Die Zeiten sind schlecht. – Aber freilich, Lebensgefahr ist dabei. Einige von uns können auch ins Gras beißen.

Die Dame Man sollte Truppen gegen den Beutelschneider ausschicken.

Rinaldo 's ist auch schon geschehen, Madamchen; aber es hat nichts fruchten wollen. Der Schlaukopf hat Schlupfwinkel, setzt sich auch wohl gar zur Wehr. Davon kann die Miliz von Lucca ein Liedchen singen. Dreihundert Mann wurden von 80 Mann, unter Rinaldinis Anführung, über Stock und Stein gejagt. Sie ließen noch dazu siebzig Tote auf dem Platze und haben es nie wieder versuchen mögen, gegen die Räuber anzurücken.

Die Dame Es ist erschrecklich, wie weit es so ein solcher Vagabund treiben kann!

Rinaldo Jawohl! – Er soll sehr verwegen sein! und auch wohl oft ganz allein einen Streich ausführen, der zum Totlachen ist.

Die Dame So etwas möchte ich einmal sehen.

Rinaldo Gesetzt, Ihr steht hier ganz unbefangen. Neben Euch steht der Herr Stallmeister, und alle eure Leute sind um euer Gezelt herum versammelt – So setzt Rinaldini mit der Rechten dem Herrn Stallmeister die Pistolen auf die Brust, – indes sein Begleiter auf die Umstehenden anschlägt, – und sagt: Ich bitte mir Eure Ringe, Eure Uhr und 300 Stück Zechinen aus; ich bin Rinaldini!

Was er hier als ein Gleichnis sagte, tat er wirklich. Die Marchese schrie laut auf und der Stallmeister taumelte zurück.

Stallmeister Herr Förster, keinen Spaß!

Rinaldo Kein Spaß, völliger Ernst, Herr Stallmeister!

Stallmeister Wie? – Ernst? –

Die Dame Um Gottes Willen!

Rinaldo Ihr wolltet einen Streich zum Totlachen von Rinaldini sehen. Ihr seht ihn jetzt.

Die Dame Ihr seid wirklich –

Rinaldo Ich bin Rinaldini. Nun weiter keine Vorrede. Ich habe Euch Euren Wunsch gewährt, und Ihr gewährt mir den meinigen. Dieses ist der Wunsch nach dem Besitz Eurer Uhr, Eurer Ringe und der kleinen Summe von 300 Zechinen. – Dafür gebe ich Euch eine Sicherheitskarte, und bis nach Florenz werden Euch, wenn Ihr dieselbe vorzeigt, meine Leute kein Haar krümmen.

Am ganzen Leibe zitternd, zog die Marchese ihre Ringe ab und gab ihm Uhr, Börse und die verlangten 300 Zechinen.

Mit einem: »Habt Ihr nun Rinaldini kennengelernt?« ging er davon, und keine Seele getraute sich, ihn zu verfolgen.

 

Die Nacht brach herein, und seine Gesellen fanden sich an dem bestimmten Ort ein, ohne eine Kutsche gesehen zu haben. – Rinaldo wurde mißmutig und legte sich, nach einer sehr frugalen Abendmahlzeit, unter einer Pappel nieder. Er bedeckte sich mit dem Mantel und schlief bald ein. Seine Gesellen machten Feuer, stellten Wachen aus und legten sich auch zur Ruh, nachdem ihnen Severo Rinaldos Schwank mit der Marchese erzählt hatte.

Gegen Morgen fuhren sie alle zugleich aus dem Schlafe auf, geweckt von wiederholten Schüssen. Sie griffen zum Gewehr und vernahmen das Geschrei ihrer Vorposten:

»Wir sind umringt!«

Sie zeigten auf die benachbarten Bergspitzen und in die Täler, und allenthalben blinkten ihnen Gewehre entgegen.

Rinaldo Auf, auf! wir müssen von unseren Leuten herbeiziehen, was wir nur können. Stoßt in die Alarmhörner und ladet eure Gewehre doppelt!

Die Täler erklangen vom Schalle der Hörner und die Echos gaben den Ruf zurück. – Auf einmal ertönte ganz nahe der Schall eines Horns, und bald sahen sie Altaverde mit seinen Gesellen sich ihnen nähern.

»Kameraden! wir sind umgangen! Landmiliz und Truppen rücken gegen uns an. Unsere Kameraden Tonetto und Rispero sind der Miliz in die Hände gefallen.«

Bald darauf hörten sie in der Ferne Hörnerschall, der sich immer mehr näherte, und endlich sahen sie Alsetto mit seinem Corps, der durch das Tal herauf ihnen zuzog.

Jetzt waren sie 69 Mann stark. Alle schrien, wie aus einem Munde:

»Hauptmann! laß uns angreifen.«

Sogleich rief er ihnen zu, sich links zu schwenken, und zog ins Tal hinab.

Sie waren einige hundert Schritte weit marschiert, als sie ein Papier auf der Erde liegen sahen. Altaverde hob es auf und gab es Rinaldo. Dieser entfaltete das Papier und las:

»Im Namen der Regierung wird hierdurch einem jeden von Rinaldinis Bande Verzeihung und Freiheit angeboten, der freiwillig zu den Truppen übergeht und seinen Anführer verläßt. Wer Rinaldinis Kopf mit sich bringt, erhält noch, außer dem Geschenke seiner Freiheit, eine Belohnung von 500 Stück Zechinen.«

Rinaldo steckte das Papier zu sich und sagte:

»Kameraden! dieses Papier verspricht euch Freiheit und Verzeihung, wenn ihr zu den Truppen übergehen, und euch auf Treu und Glauben selbst in ihre Hände liefern wollt.«

»Hat es der Großherzog unterschrieben?« – fragte Alsetto.

»Es ist ein Wisch ohne Ort, ohne Datum und Unterschrift«; antwortete Rinaldo.

»Daß wir doch Narren wären«, – schrie Altaverde, – »und leichtgläubig auf die Anforderung eines verzagten Unteroffiziers unser Leben in die Schanze schlügen! – Das hat ein Kerl geschrieben, dem es bange wird, gegen uns zu fechten. Kämen wir hinüber, so wüßte kein Teufel etwas von dem Versprechen; man lachte uns aus und knüpfte uns zum Spaße auf, was wir auch verdienten. – Hauptmann! Zerreiß den Wisch in Stücke und laß uns Pfropfe daraus machen. Wir wollen die Versprecher mit ihren Versprechungen auf die Pelze brennen!«

»Kameraden!« – begann Rinaldo, – »Meine Meinung ist, uns nach der Grenze des Kirchenstaates zu wenden und uns durch die Miliz in die Marleischen Waldungen zu schlagen.«

»Nur zu! nur darauf los!« – schrien alle.

Sie durchkreuzten das Tal und schlichen sich an dem entgegengesetzten Berge hin. Beinahe hatten sie ihn schon umgangen, als sie, nahe an der Grenze, auf ein Piket Miliz stießen. Dieses griffen sie unvermutet und rasch an und warfen es zurück. Aber nun trafen sie auf ein Detaschement, das, über anderthalbhundert Mann stark, rasch auf sie los rückte.

»Kameraden!« – schrie Rinaldini, – »jetzt wehrt euch wie brave Männer! Mit drei Schritten sind wir über der Grenze, und die Waldungen liegen kaum hundert Schritte weit von uns. – Bekommen sie uns lebendig, so verlieren wir unser Leben auf der Marterbank oder unter Henkershänden. Also laßt uns lieber als brave Männer mit dem Säbel in der Faust sterben. – Aber nur mutig! Wir schlagen uns gewiß durch. – Frisch darauf los!«

Mit dem letzten Worte gab er das Signal mit einem Pistolenschusse, stürzte auf die Soldaten los und seine Gesellen ihm nach. Die Furie, mit der es geschah, machte die Soldaten anfangs bestürzt. Sie fingen wirklich an zu weichen, als einer ihrer Offiziere ihnen ihre Feigheit vorwarf, an die Spitze trat und sie gegen die Wütenden führte.

Nun kam es zu einem fürchterlichen Gemetzel. Alsetto stürzte an Rinaldos Seite nieder und drei seiner Gesellen zugleich mit ihm. Altaverde, Cinthio, Severo und Rinaldo fochten wie Löwen. Es regnete Kugeln, und Hiebe fielen hageldicht. Mit gespaltenem Schädel stürzte Severo, und zwölf seiner Kameraden, von Kugeln und Hieben getroffen, neben ihm. Rinaldo drängte sich mit seinem zusammengeschmolzenen Haufen auf die Flanke der Truppen und erreichte endlich glücklich die Grenze, aber getrennt von den Seinigen. – Hier fielen ihn zwei Dragoner an. Er schoß den einen vom Pferde, und der zweite sprengte zurück. – Matt und kraftlos erreichte Rinaldo den Wald, kroch in einen dichten Busch und sank atemlos, mit hochaufklopfendem Herzen, beinahe ohne Bewußtsein nieder.

 

Als er wieder zu sich kam, war es hoch am Mittag, und er fühlte sich gequält von brennendem Durste. Er raffte sich auf und wankte tiefer in den Wald hinein bis zu einer Quelle, wo er sich niederwarf und sich erquickte. Er durchsuchte seine Taschen und fand ein paar Stückchen Zwieback, die er mit dem größten Hunger verschluckte. Dann kroch er einem Busche zu und stellte Überlegungen an. – Der Hunger aber trieb ihn bald wieder aus dem Busche. Er machte sich auf, untersuchte sein Gewehr, füllte seine Feldflasche mit Wasser und schlich weiter fort.

Er war nicht lange gegangen, als er Geräusch vernahm. Er stellte sich auf die Lauer und sah endlich einen Bauer mit einem Korbe ganz ruhig einhergehen. Diesem ging er entgegen und fragte ihn, ob er etwas zu essen bei sich habe?

Der Bauer sah ihn mit großen Augen an und sagte endlich, er trage Käse und Würste in die benachbarte Stadt. Rinaldo bot sich sogleich als Käufer an, nahm so viele Käse und Würste als in seine Jagdtasche gehen wollten und bezahlte sie ohne zu handeln; auch überließ ihm der Bauer ein Brot, da er sah, daß er so gut für seine Victualien bezahlt ward.

»Was gibt's Neues?« – fragte endlich Rinaldo.

»Diesen Morgen« – antwortete der Bauer – »hat's auf der Grenze viel Blut gegeben. – Die Toscanischen Soldaten haben den Spitzbuben Rinaldini erwischt. – Er hat sich mit seinen Leuten wie ein Teufel gewehrt. Sie sind aber alle zusammengehauen und niedergeschossen worden.«

»Rinaldini auch?«

»Auch mit. – Der Spitzbube hatte längst den Galgen verdient, 's ist nur jammerschade, daß sie ihn nicht lebendig bekommen haben und daß er so ehrlich gestorben ist! Aber zum Teufel wird der Kerl doch gefahren sein. Denn er ist ja ohne Absolution in seinen verfluchten Sünden dahingestorben. – Da stirbt unsereiner doch ruhiger und honetter. Nicht wahr?«

»Ei, natürlich! Wir beide sind ja aber auch keine Spitzbuben.«

»Nein«, sagte der Bauer und ging. Als Rinaldo ihn aus dem Gesichte hatte, schlich er waldein und hielt Tafel.

 

Nach einem kleinen, erquickenden Schlafe machte er sich auf und ging einige Stunden tiefer in den Wald hinein. Auf einmal sah er sich ganz unerwartet auf einem freien Platze, der einige hundert Schritte im Umfange haben mochte. Vor ihm lagen auf einem Hügel die Ruinen eines zerstörten Schlosses.

Er sah sich rund umher um und erblickte kein lebendes Wesen. Die tiefste Totenstille schien über die Gegend ausgegossen zu sein. Nicht einmal ein Vogel war in der Nähe zu hören. Doch glaubte er Fußtritte in dem Grase zu sehen.

Er ging auf die Trümmer des Schlosses zu und trat in einen geräumigen Hof, der hoch mit Gras bewachsen war. Vor einer verfallenen Kolonnade setzte er sich auf eine umgestürzte Säule und überließ sich sonderbaren Betrachtungen.

Ein Geräusch schreckte ihn auf. Ein Reh jagte vorüber. – Er kam wieder zu sich, stieg auf und näherte sich einer Treppe, die in die oberen Gegenden des Schlosses führte.

Er stieg hinauf und kam in einen großen Saal. – Seine Fußtritte erschallten laut umher. Alles war öde und leblos um ihn her.

Der Saal führte in ein geräumiges Gemach, an dessen Hinterwand er zwei alte hölzerne Türen erblickte, die mit eisernen Riegeln verwahrt waren. Hier blieb er stehen, lauschte und horchte und vernahm nichts als seine eigenen lauten Atemzüge. – Er klopfte an beide Türen an. Alles blieb still.

Endlich zog er den Riegel der einen Tür zurück; sie knarrte auf und er trat in ein leeres Gemach, das er sogleich wieder verließ. – Als er die andere Tür öffnete, fand er auch hier wieder ein leeres Gemach. – Er verriegelte beide Türen und ging wieder zurück.

Jetzt ward er in der einen Ecke des Saals eine schmale Öffnung gewahr. Es war der Eingang in ein leeres Gemach, welches in ein zweites und dieses in ein drittes führte. Hier trat er auf Holz und sah, daß er auf einer verriegelten Falltür stand. Er schob den Riegel zurück, hob die Falltür auf und sah in eine dunkle Tiefe hinab, wohin eine schmale steinerne Treppe führte. Er ließ die Tür nieder, ging zurück und kam wieder in den Hof.

Die Dämmerung brach schon stark herein. Er sah sich nach einem Baume um, erblickte eine majestätische Steineiche, stieg hinauf und suchte in ihren dichten Zweigen sein Nachtlager.

 

Nach einer beinahe ganz durchwachten Nacht verließ Rinaldo sein hartes Lager, als der Tag anbrach, und machte sich auf den Weg, Wasser zu suchen, das er auch bald fand. – Als er seinen Durst gestillt und seine Flasche gefüllt hatte, ging er weiter, schnitt aber Merkzeichen in die Bäume, um den Weg zu den Ruinen wieder zurückfinden zu können.

Gegen Mittag nahte er sich der Fahrstraße, die durch den Wald ging, und lagerte sich hinter einem Busche.

Hier hatte er nicht lange gelegen, als er in der Entfernung Menschenstimmen und Glockengeklingel von Maultieren vernahm. Beide näherten sich immer mehr, und endlich kam ein Zug Zigeuner zum Vorschein.

Die Gesellschaft bestand aus drei Männern, zwei alten Weibern, einem Paar erwachsenen Mädchen, vier Kindern, einem bepackten Maultier, zwei Hunden und einigen Murmeltieren.

Sie schienen die Gegend zu kennen, bogen waldein und zogen nach der Quelle zu, die Rinaldo eben verlassen hatte. – Die Hunde witterten ihn kaum, als sie ein schreckliches Gebell erhoben und auf ihn losfuhren. Der eine von den Männern griff nach einer Flinte.

Rinaldo schlug auf die Hunde los und trat aus dem Busche hervor.

»Heda! Wer bist du?« schrie ihm der eine Zigeuner entgegen.

»Ruft eure Hunde zurück«, – rief ihm Rinaldo zu, – »oder ich schieße sie nieder!«

Sie lockten die Hunde an sich, und die Weiber nahmen sie fest. – Rinaldo trat ihnen näher und sagte ganz entschlossen:

»Wir werden schwerlich etwas von einander zu fürchten haben.«

»Wer bist du?« fragte der Zigeuner wieder.

»Ein Mann, der keine Furcht kennt.«

Zigeuner Ich weiß nicht, was ich von dir denken soll.

Rinaldo Gib mir einen Schluck Likör, wenn du welchen hast.

Zigeuner Den kannst du bekommen, wenn du ihn bezahlen willst.

Rinaldo Schenk ein!

Zigeuner Donnerwetter! Kerl, du kommst mir vor wie einer, der – etwas begangen hat, weshalb er mit der lieben Justiz in Unfrieden lebt.

Rinaldo Schenk' ein!

Zigeuner Ja, ja, Bursch! Einer von Rinaldinis Bande bist du gewiß?

Rinaldo Was geht uns beide Rinaldini an?

Zigeuner Mich wenigstens so viel wie ein paar tausend Zechinen, wenn ich seinen Kopf liefern könnte. –

Rinaldo Ah so! – Das ist aber zu spät.

Zigeuner Zu spät? Ich denke, er wird immer noch früh genug an den Galgen kommen.

Rinaldo Nun nicht, da er in dem letzten Gefecht von Toscanischen Soldaten niedergehauen worden ist. Da war ich dabei.

Zigeuner Du bist also einer von seiner Bande?

Rinaldo Donnerwetter! Sag das noch einmal, und ich schlage dir den Kopf ein. Was denkst du von mir? – Ich bin der Förster des nächsten Grenzorts und war mit meinen Leuten gegen Rinaldini aufgeboten. Ich denke, wir haben einen heißen Tag gehabt, und du Schuft willst da –

Zigeuner Nun, nun! Ich bitte um Verzeihung, man kann sich –

Rinaldo Raisonniere nicht und schenk ein! – Das ist eins. – Numero zwei: Zeigt eure Pässe vor. Wir haben geschärfte Befehle erhalten, euch Landstreichern auf der Fährte zu sein.

Eine Zigeunerin Ein deliziöses Likörchen! – Für den Herrn Förster, ganz umsonst.

Rinaldo Ich nehme nichts geschenkt und kenne meine Pflicht. – Noch eins. Schenk' ein, alte Sibylle!

Zigeunerin Mit Vergnügen, allerliebster Herr Förster!

Rinaldo Sind das deine Töchter, alte Nachteule?

Zigeunerin Die kleine ist meine Tochter. Die große ist eine Anverwandte. Eine vater- und mutterlose Waise. – Sie heißt wie ihre Schutzpatronin: Rosalie, ist eine gute Christin, siebzehn Jahre alt und hat ein vortreffliches Herz. – Soll ich noch eins einschenken?

Rinaldo Meinetwegen!

Zigeunerin Rosalie! Ein Stückchen Reiskuchen für den Herrn Förster.

Rosalie Hier, Herr Förster! – Wohl bekomm's –

Rinaldo Höre Mädchen! bist du denn wirklich getauft?

Zigeunerin Vergebe Euch der Himmel diese Frage! – Zu Macerata ist sie gar schön und christlich getauft worden, wie ihr Taufzeugnis besagt.

Rosalie Ja, gewiß und wahrhaftig!

Rinaldo Nun? Was bin ich schuldig?

Zigeunerin Ah papperlapapp! Nichts. Wir werden dem Herrn Förster doch nicht gar Geld abnehmen.

Rinaldo Ich nehme nichts von euch geschenkt. – Sucht eure Pässe herbei. Was habt ihr da alles in den Körben? – Teufel und alle Wetter! Wie kommt ihr denn zu den großen Wachskerzen? Die habt ihr gewiß gestohlen.

Zigeunerin Gott bewahre! Herr Förster, was denkt Ihr von uns? – Wir haben sie gekauft. Wir brauchen dieselben bei Sturmnächten im Walde.

Rinaldo Ich will euch zwei Stück davon abkaufen.

Zigeunerin Sie stehen zu Diensten.

Rinaldo Das Brot kaufe ich euch auch ab.

Zigeunerin Nach Belieben.

Rinaldo Nun macht mir die Rechnung. – Hurtig! und die Pässe heraus! – Wollt ihr mir das ganze Fläschchen Likör lassen?

Zigeunerin Warum nicht?

Zigeuner Der Herr Förster taugt gut auf einen Jahrmarkt.

Rinaldo Ja, ich kaufe alles, was mir gefällt. Ich kaufe euch auch das Mädchen ab, wenn ihr mir sie lassen wollt, und wenn sie mit mir gehen will. Ich brauche so ein Mädchen in der Wirtschaft.

Rosalie Wenn ich Lohn bekomme, gehe ich mit.

Rinaldo Das versteht sich.

Zigeunerin Ihr könnt das arme Ding bekommen. Aber – es ist eine Bedingung dabei. Ihr fragt nicht weiter nach unsern Pässen.

Rinaldo Aha! – Nun, meinetwegen! Aber nehmt euch in acht, daß ihr nicht der Miliz in die Hände fallt. – Es wird heute gestreift.

Zigeunerin So wollen wir machen, daß wir aus dem Walde kommen.

Rinaldo Das rate ich euch selbst. – Hier ist Geld für's Mädchen und ein Paar Paoli für meine Zeche.

Zigeunerin Nun, – so bedanken wir uns.

Rosalie Lebt wohl!

Zigeunerin Führe dich hübsch auf und mache uns keine Schande! – Wie heißt der Ort, wohin Ihr sie führt, Herr Förster?

Rinaldo Nach Sarsiglia, wo ich Förster bin. – Die ganze Gegend kennt mich.

Zigeunerin 's ist nur, daß wir wissen, wo wir uns nach dem Mädchen erkundigen können.

Rinaldo Schon recht! Gott befohlen!

Rosalie Nochmals; lebt wohl!

Die Zigeuner machten sich sogleich auf den Weg. Rosalie nahm ihr Bündelchen, sprang neben Rinaldo her, der den Weg nach den Schloßtrümmern einschlug und war sehr aufgeräumt und munter.

 

Sie bewunderte die Ruinen, meinte, hier müsse es sich gut für Zigeuner hausen lassen, und warf sich neben Rinaldo nieder, der sich ins Gras streckte.

Er Bist du wirklich gern mit mir gegangen?

Sie Sonst würde ich ja nicht so freudig sein. Das Leben, das ich bisher geführt habe, hat mir schon längst nicht mehr gefallen wollen. Ich hatte mir auch vorgenommen, einmal des Nachts davonzugehen. Nur wußte ich nicht, wohin. – Ach, ein Zigeunermädchen ist gar ein armes Tier! Man muß sich zu vielerlei gebrauchen lassen, hat doch zuweilen kaum das liebe Brot, und wenn man einmal etwa mit langen Fingern erwischt wird, rips! bekommt man zwischen Himmel und Erde Quartier. – Wenn ich aber Eure Wirtschafterin bin –

Er Ich will dich nicht betrügen; du gefällst mir zu sehr. – Ich bin kein Förster.

Sie Heilige Rosalie! Was denn sonst?

Er Jetzt kannst du deine Gesellschaft noch einholen, wenn du nicht Lust hast, bei mir zu bleiben. Ich halte dich nicht zurück. Ich stelle dir alles frei. Und damit du siehst, wie aufrichtig ich gegen dich bin, so will ich sogar so unbesonnen sein, dir zu sagen, wer ich bin. – Ich bin Rinaldini.

Sie Ach, Rinaldini! Wie bin ich erschrocken, – weil – weil – Ihr ein so berühmter Mann seid, und weil ich –

Er Zieh' in Frieden zu deinen Zigeunern zurück! – Hier sind zehn Dukaten. Ich schenke sie dir.

Sie Still! Laßt mich einmal ein wenig nachdenken. – So oder so! – – Hm! – Ich bleibe bei Euch.

Er Nun gut! Du sollst sehen, daß ich für dich sorgen will. Und geht's mir wohl, so soll dir's auch wohl gehen. Fehlen soll dir's an nichts, was ich dir verschaffen kann. – Gib mir deine Hand und versprich mir, bei mir zu bleiben.

Sie Hier ist meine Hand. Ich verspreche es dir.

Er Dein offener Blick nahm mich gleich für dich ein, und da ich dir mein Zutrauen schenke, so kannst du glauben, daß ich des deinigen wert zu werden wünsche.

Sie Rinaldini, und wenn du auch ein noch so furchtbarer Mann wärst, ich will mich nicht fürchten. Aber bei dir bleiben will ich, und dir getreu dienen. – Ist es mir doch, als sei ich schon längst um dich herum und mit dir bekannt gewesen.

Er So ist es mir auch. Daher kommt es, daß du mir gefällst und daß ich so viel Zutrauen zu dir habe.

Sie Das ist mir sehr lieb! Je mehr du Zutrauen zu mir hast, desto lieber bin ich bei dir.

Er Ich will mich dir ganz entdecken. – So wie du mich hier siehst, bin ich einem Gefechte mit Toscanischen Truppen entronnen, aus welchem wenige der Meinigen entkommen sein werden. Ich bin jetzt hier ganz allein und sehne mich auch nicht zu dem Überreste meiner Gesellschaft zurück. Vielleicht hat mich das Schicksal zu meinem Glücke von meinen Gesellen getrennt. – Die Toscaner glauben, ich sei auf der Wahlstatt unter den Toten geblieben. Es ist mir sehr lieb, daß sie das glauben. Vielleicht sahen sie meinen Gesellen, Severo, der mit gespaltenem Schädel neben mir niedersank und einige Ähnlichkeit mit mir hat, für mich an; vielleicht gaben etwa einige der Meinigen, die verwundet gefangen wurden, mich für tot aus, um mich gegen Nachstellungen zu sichern, oder wie dem ist. Genug, ich wünsche, ganz Italien glaube, ich sei tot. – Unter diesen Ruinen will ich einige Tage verweilen, bis die Soldaten wieder entfernt sind, dann wollen wir suchen, uns gewissen Plätzen zu nähern, wo ich Geld vergraben habe. Finden wir deren nur drei unbemerkt, so haben wir zu leben, suchen uns irgendwo einzuschiffen, verlassen Italien und leben mit und beieinander in Ruhe.

Sie Das ist ein herrlicher Plan.

Er Nun wohl! so wollen wir suchen, ihn auszuführen. So ward das Bündnis geschlossen und mit einem Frühstücke besiegelt.

Nach demselben führte Rinaldo seine Gesellschafterin ins Innere des ehemaligen Schlosses und zündete seine beiden erhandelten Kerzen an, das Terrain zu untersuchen, zu welchem die Treppe unter der bewußten Falltür führte.

Sie stiegen hinab und kamen in ein geräumiges Gewölbe, das gleichsam der Vorhof eines weit größeren war, welches sie durchsuchten und ganz leer fanden. Am Ende desselben kamen sie wieder zu einer Treppe, die aufwärts führte, oben von einer Falltür bedeckt wurde, die unverriegelt war und sich aufheben ließ. Sie kamen in einen kleinen mit Gras bewachsenen Vorhof und drängten sich durch eine schmale Öffnung, die ehemals eine Tür gehabt haben mochte, in ein kleines Gemach, das verschlossene Fensterladen hatte. Sie näherten sich einer verriegelten Seitentür, die sie öffneten, als zwei Ottern nahe an ihnen vorbei zischten. Dann traten sie in ein enges Zimmer, fuhren aber bald wieder zurück, als ein schrecklicher Geruch, wie ein Dampfnebel, ihnen entgegenschlug. – Als Rinaldo wieder eintrat, fand er zwei Körper auf dem Boden, die in Fäulnis übergingen. Sie waren ganz entkleidet und mit geronnenem Blute bedeckt.

»Hier hausen Mörder!« – sagte er, verließ das Gemach und verschloß die Tür.

Die schreckliche Entdeckung machte ihn unruhig. Er wendete sich zu Rosalien und sagte:

»Hier werden wir schwerlich lange bleiben. Ich meinte, diese Trümmer würden nur ein Aufenthalt der Ottern und Eulen sein, und finde, daß sie von Mördern besucht werden.«

Rosalie schauderte zurück. Rinaldo bedachte sich nicht lange und ging mit dem Mädchen wieder dahin, woher sie gekommen waren. Sie eilten ins Freie und waren kaum auf dem offenen Schloßplatze angekommen, als ein Schuß fiel, dessen Kugel zwischen beiden durchfuhr. Rinaldo bedachte sich nicht lange, legte sein Rohr an, und gab Feuer auf den Busch, aus welchem der Schuß kam.

Er vernahm einen lauten Fluch; ein Geräusch, und im Augenblick stand ein Bewaffneter vor ihm, der ihn donnernd anredete: »Hier keinen Widerstand, wo Batistello ist, der gefürchtete Anführer einer furchtbaren Truppe von Männern, die der Schrecken der ganzen Gegend sind!«

Rinaldo Ha! sehe ich dich endlich, gefürchteter Batistello, von dem ich so viel schon gehört habe. Du bist es selbst?

Batistello Ich bin es.

Rinaldo Nun so wisse, daß ich dir um kein Haar breit weiche: denn auch ich bin gefürchtet, wie du. – Ich bin Rinaldini, der Unerschrockene.

Batistello Ha! treffen wir uns hier? – Wisse, daß wir mit Worten nicht auseinander kommen. Ich bin eifersüchtig auf deinen Ruhm. Unser Zusammentreffen kann sich nur mit der Unterwerfung des einen von uns beiden enden. – Daß ich mich dir nicht unterwerfen werde, kannst du denken, also greif zum Säbel und laß sehen, ob du ihn zu führen verstehst.

Rinaldo Das sollst du erfahren. – Laß aber deine Leute aus dem Hinterhalt treten.

Batistello Ich bin hier jetzt ganz allein. Wer von uns beiden fällt, ist der Erbe des andern.

Rinaldo Der meinige ist dieses Mädchen.

Batistello Das wird sich geben. Sie soll ungehindert abziehen und eine gute Zehrung von mir erhalten. Laß deine Leute vortreten!

Rinaldo Sie sind über eine halbe Stunde weit von hier entfernt.

Batistello Nun gut, so zieh!

Rinaldo entledigte sich seines Gewehrs und seiner Jagdtasche. Rosalien traten Tränen in die Augen. Rinaldo sah sie nicht, zog und ging auf Batistello los. Dieser empfing ihn mit Kälte und Mut. Es fiel Hieb gegen Hieb, von beiden pariert und wiederholt. Sie hackten ein paar Minuten aufeinander los. Rinaldo wurde immer hitziger. Batistello blieb kalt und bei Fassung. Rinaldo sah und hörte nicht mehr, stürmte immer wütender auf seinen Gegner los, und dieser zog unbemerkt mit der linken Hand ein Terzerol. Die Hand hinter den Rücken gelegt, schoß er es auf Rinaldo ab, und fehlte ihn.

»Ha! Nichtswürdiger!« – schrie Rinaldo ergrimmt, zog eine Pistole aus dem Gürtel, und schoß ihm eine Kugel durch den Kopf. – Batistello fiel. Rosalie schrie laut auf.

Ohne eine Wort zu sprechen, gab der Bandit seinen Geist auf. Rinaldo packte ihn und warf seinen Körper in den Busch, aus welchem er auf ihn geschossen hatte.

Hier lag ein Päckchen. Er hob es auf und gab es Rosalien. – Einen schönen Ring zog er dem Toten vom Finger, und eine Katze, gefüllt mit Goldstücken, riß er ihm vom Leibe.

»Jetzt Rosalie!« – schrie er. – »Auf und davon, ehe des Nichtswürdigen Gesellen kommen!«

 

Nach einem Wege von anderthalb Stunden fanden sie ein heimliches Örtchen, mitten im tiefsten Walde, einem mit Buschwerk umwachsenen Hügel, an dessen Fuße ein silberheller Quell in den Abhang der Gegend hinabmurmelte. In der Mitte des Hügels war ein freies Plätzchen. Hier ließen sie sich nieder und sprachen über den blutigen Vorfall.

Rinaldo zählte das Gold in der erbeuteten Geldkatze und fand über 200 Stück Dukaten, einige goldene Schaustücke ungerechnet. Indessen durchstöberte Rosalie das Bündel und fand eine Waldbruderkutte, ein Paar falsche Nasen, einen Bart und Wäsche, die beiden sehr gelegen kam.

Sie nahmen hierauf eine kleine Mahlzeit ein, koseten noch mancherlei miteinander und übernachteten auf dem Flecke, wo sie waren.

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