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Gutenberg > Christian August Vulpius >

Rinaldo Rinaldini der Räuberhauptmann

Christian August Vulpius: Rinaldo Rinaldini der Räuberhauptmann - Kapitel 19
Quellenangabe
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typefiction
authorChristian August Vulpius
titleRinaldo Rinaldini der Räuberhauptmann
publisherInsel Verlag
seriesinsel taschenbuch
volume426
printrun1. Auflage
editorKarl Riha
year1980
firstpub1799
correctorfranka.antenne@gmx.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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Achtzehntes Buch

Wenn nun alle Sterne prangen,
Die dir glänzen sollen, sinkt
Deine Sonne; aufgegangen
Ist der Mond; die Sichel winkt!

Originalillustration

Schon waren Isotta und Rinaldini auf dem Schiffe. Die Anker wurden gelichtet; ein günstiger Wind schwellte die Segel; das Schiff flog aus dem Hafen ins Meer. Das Kastell lag in der Ferne; die Türme wurden kleiner; das Land verschwand.

Einer Wolke gleich lag die Insel den Schiffenden im Rücken. Rund umfangen mit der unermeßlichen Fläche des Meers, umgeben mit dem ausgedehnten Gewölbe des Himmels schwebte lustig dahin das Schiff über die glatten Wellen; ein frischer Süd-Ostwind blies in die runden Segel. Schnell durchschnitt der Kiel die braunen Fluten.

Rinaldo ergriff die Guitarre. Jetzt erwachte sie wieder in ihm, die Liebe zum Gesang, er fühlte sich begeistert; er spielte und sang:

Wie ein Schiff durch Meeres-Wellen,
Schwebt das Leben durch die Zeit.
Dieses Schiffes Segel schwellen
Zufall und Gelegenheit.

Wünsche sitzen an dem Steuer,
Hoffnung hält den Anker fest.
Der ersehnten Liebe Feuer
Wird dem Schifflein sanfter West.

Doch des Unglücks Stürme brechen
Bald herein von Ost und Nord,
Wellen drohen zu zerbrechen
Des bedrohten Schiffes Bord.

Endlich lächelt doch der Hafen
Und das längst ersehnte Land.
Wenn sich Wunsch und Hoffnung trafen
Gab der Zufall oft die Hand.

Stille Sehnsucht blickt zum Strande,
Und die Freude schwebt zum Port;
Beide finden nun am Lande
Den gewünschten Freuden-Ort.

Ha! die klaren Zwillings-Sterne
Lächeln an dem Äther mir.
Fremdes Land! in schöner Ferne,
Such ich meinen Port in dir!

»In der Tat« – sagte der Kapitän, – »das Liedchen hat mir gefallen, und der Herr Passagier singt recht gut! Mein God save the King! schnurre ich wohl auch mit weg, aber so künstlich brächte ich keinen Gesang heraus. – Wir müssen eine Bouteille Zypernwein miteinander ausstechen!«

Das geschah, und der Kapitain erzählte seine See-Abenteuer. – Im Schiffe war die ganze Mannschaft munter und vergnügt.

Diese Freude dauerte aber nur einige Tage. Ganz unerwartet brach eines Tages gegen Abend wütend der Sturm los und schleuderte das Schiff von seinem Laufe weit ab. – Es flog zwischen den Liparischen Inseln durch, nahe an Palmaria vorbei. Umsonst versuchte man einzulaufen. Drei Tage schwebte das Schiff im Sturme umher. Endlich gelang es, aber nur mit großer Anstrengung, bei Capo di Calaro auf Sizilien die Anker auszuwerfen, das Schiff festzumachen.

 

Isotta war seekrank. Sie mußte ans Land gebracht werden. Bekümmert folgte ihr Rinaldo nach Sinagra, in eine ihm bekannte Gegend.

»So bin ich denn wieder, wo ich war!« rief er aus. – »Hierher soll ich die Mutter führen, wo mein Fuß so oft schon wandelte, und ach! in welcher Gestalt! – Wieder in Sizilien! Wieder in Gegenden, die mich einst als Räuber sahen! – Und hier sollte ich unerkannt bleiben können? – – Die Mutter kann ich nicht verlassen! Es komme über mich, was beschlossen ist!«

Er konnte nicht zu Schiffe gehen. Der Kapitän mußte nach zwei Tag ohne ihn wieder in die See stechen.

Isotta wurde kränker. Sinagra lag zu nahe an der Küste; die Kranke mußte tiefer ins Land gebracht werden.

»Ach!« – seufzte Rinaldo. – »Dieses sind die mir so wohlbekannten Berge von Remata.«

Er mietete sich in einem kleinen Landhause ein und nahm eine Wärterin für seine kranke Mutter an.

Täglich schweifte er umher und konnte es sich nicht verwehren, auf bekannten Plätzen zu verweilen. – Zitternd bestieg er die bekannten Berge und blickte nach dem Schlosse, aus welchem sein Bekenntnis einst ihn trieb, als Dianora glücklich sich an seiner Seite wähnte.

»Dort liegt das Schloß!« – seufzte er. – »Ich erblicke die bekannten Mauern, die Brücke, den Turm – und, ach! sehe mich dem allen gegenüber in Angst, Verlegenheit und Besorgnis!«

Langsam ging er weiter und nahte sich schon dem Berge, auf dessen Scheitel das Schloß sich erhob. Die goldenen Fähnchen auf den Türmen blitzten ihm entgegen. – Am Fuße des Berges warf er unter einem Baume sich nieder und wagte es nicht, weiterzugehen. In tiefe Betrachtungen verloren, schlummerte er endlich ein. Ängstliche Träume quälten ihn. Er sah Dianoren, sah seinen Sohn, und dieser zückte gegen ihn den Dolch. Er schrie:

»Halt ein! Ich bin dein Vater. Laß mich leben! Für meine Mutter laß mich leben!«

Er erwachte, trocknete den Schweiß sich von der Stirn, erhob seine Augen – sprang erschrocken auf und schrie:

»Was ist das? – Heiliger Gott! – Dich, – dich sehe ich hier?«

Vor ihm stand der Alte von Fronteja in ländlicher Landestracht. Er nahte sich ihm.

»Ich kenne diese Stimme!«

»O ja! Du kennst auch mich, wie ich dich kenne!«

»Jetzt weiß ich, wer du bist.«

»Ich weiß es, leider! auch.«

»Sehr unkenntlich hast du dich gemacht. Nur ich konnte dich erkennen.«

»Und du bist in Sizilien?«

»So frage ich dich.«

»Sturm und Unglück trieben mich hierher.«

»Ich hoffe – in den Hafen. Wenigstens in Freundes Arme führe dich das ewig über uns waltende Geschick. – Kaum zwanzig Schritte weit von hier liegt meine kleine Wohnung. Dorthin folge mir.«

 

»Mein Sohn!« – begann der Alte, als sie in seiner Wohnung angekommen waren. – »In diesem kleinen Hause heiße ich auch jetzt dich willkommen! ebenso herzlich, als ich in Palästen dich sonst willkommen hieß. Wie hat mein Herz sich nach dir gesehnt! Deinetwegen habe ich viele Tränen vergossen, die aber alle nun vertrocknen, da ich dich wieder in meine Arme schließen kann. – Wir sehen uns wieder!«

»O! daß wir uns glücklich nennen könnten!« – seufzte Rinaldo.

»Sind wir es nicht?«

»Ach! wer weiß, welch ein neues Unglück uns beweist, daß wir es nicht sind!«

»Was man nicht wünscht, muß man nicht denken. Ich lebe etwas länger schon als du und weiß, was der Mensch zu tun hat, um ruhig zu leben. – Du siehst mich hier als Landmann; was mich umgibt, ist ländlich. Hier denke ich, oder wenigstens doch in diesem Zustande, wenn auch anderswo, zu sterben, ob ich gleich seit meiner Geburt mehr auf seidenen Polstern als auf dem einfachen Lager eines Landsmanns lag.«

»Bist du ein Prinz, wie man sagt?«

»Höre meine Geschichte, und erfahre, wer ich bin; erfahre, was du jetzt erfahren kannst, und nimm mein Wort, daß du die reinste Wahrheit hörst. Ich will dir nichts verhehlen; du sollst alles wissen. – Höre!«

 

GESCHICHTE
DES
ALTEN VON FRONTEJA

»Gegen seines Vaters Wissen und Willen trieb den Prinz Anselmo Sansovini sein Mut in den Krieg. Ungestüm klopfte sein Herz den Waffentaten entgegen. Er diente und focht, ein Edelmann, ohne sich zu erkennen zu geben, als Volontair gegen die Türken. In einer heißen Schlacht ward er verwundet und gefangengenommen. – Zufällig sah ihn der Seraskier. Seine Bildung gefiel ihm; er nahm sich seiner an, ließ ihn kurieren und schickte ihn dem Großwesir zu. – Dieser fand ebensoviel Vergnügen an seinem Gefangenen als der Seraskier, unterhielt sich oft mit ihm, bewunderte seine Kenntnisse, seinen Verstand und wurde ganz zu seinem Vorteile von ihm eingenommen.«

»Der Großherr kam eben damals selbst zur Armee. Der Wesir stellte seinen Gefangenen seinem Souverän vor. Auch dieser schenkte demselben seine Gnade und nahm ihn, als er die Armee verließ, mit nach Konstantinopel.«

»Ich vermeide alle Weitläufigkeiten und sage daher nur ganz kurz, daß Anselmo der Liebling des Großherrn und endlich sogar sein Vertrauter wurde.«

»In Adrianopel erhielt er Gelegenheit, eine von den Schwestern des Sultans genauer kennenzulernen, als es hätte sein sollen. Dieser verbotene Umgang drohte bald mit einem lauten Zeugen und erhöhte die Verlegenheit der Liebenden auf den höchsten Grad. Sie wagten endlich einen kühnen Schritt, den besten, den sie, wie sie meinten, wagen konnten und mußten. – Anselmo und Fardina warfen sich dem Sultan zu Füßen. Sie machten ihn selbst zum Vertrauten ihres Glücks und ihres Unglücks.«

»Der Großherr wollte sich anfangs den Ausbrüchen des höchsten Zorns überlassen und fuhr schon nach dem Säbel, sie beide selbst zu bestrafen, als Fardina mit den Worten des Korans ihm zurief: »Gott ist barmherzig, und die Menschen sind sein Ebenbild!« – Der Großherr hörte die Worte des Propheten, faßte sich, zog die Hand von dem Säbel und kündigte ihnen ihr Urteil an.«

»Anselmo, der seinen Stand entdeckt hatte, ward einem venetianischen Schiffe übergeben. Er ging nach Malta, wo er das Kreuz annahm.«

»Fardina ward nach Syrien verwiesen. – Zu Damaskus gebar sie einen Sohn, den der Bassia einem griechischen Priester übergab, der ihn erziehen ließ, und als er acht Jahre alt war, ihn nach Griechenland schickte. Hier ward der Knabe einem weisen Manne übergeben, der die Weisheit der alten und neuen Zeit in sich vereinigte und der seinen Zögling so gelehrig fand, als er es sich nur wünschen konnte.«

»Siebzehn Jahre alt war der Knabe, als er mit seinem Lehrer auf Reisen ging. Beide durchreisten ganz Griechenland, gingen nach Ägypten, durchstreiften die Sandwüsten, besuchten die Oasis des Ammonstempels, bewunderten die Pracht der Pyramiden und studierten unter Thebens Ruinen die Überbleibsel der Mysterien der Ceres und Proserpina.«

»Dieser Knabe, den du jetzt auf Reisen siehst, ist der Mann, der mit dir spricht. Ich bin es. – Ich bin Nicanor, der Sohn der Sultanin Fardina.«

Hier entstand eine kurze Pause, nach welcher der Alte in seiner Erzählung fortfuhr:

»Zwanzig Jahre war ich alt, als mich mein Lehrer nach Damaskus führte und mich dem Bassa übergab. Dieser erklärte mir das Geheimnis meiner Geburt und brachte mich zu meiner Mutter.«

Rinaldo seufzte tief auf. Der Alte sah ihn fragend an. Aber erzählte endlich weiter:

»Wie zärtlich empfing mich diese gute Mutter! – Ach! ich fand sie krank.« –

»Krank?« – rief Rinaldo aus.

Der Alte sah vor sich nieder und sprach mit gebrochener Stimme weiter:

»Sie starb in meinen Armen. – Ich küßte ihre brechenden Augen und begleitete die Entseelte zu ihrem kostbaren Mausoleum, bei der Moschee der Sultane. – Sie hinterließ mir ihre Schätze.«

Er verhüllte sein Gesicht, und als er es wieder enthüllte, glänzten Tränen in seinen Augen. – Rinaldos Augen waren naß; er blickte tief gerührt zur Erde. – Endlich faßte der Alte sich wieder und sprach weiter:

»Ich verließ Syrien, durchzog Indien und Persien, studierte die Theologie der Brahminen und die Lehrsätze des Zenda Vesta der Parsen. Selbst China habe ich durchzogen. Ich kannte nun die emblematische Mythologie verschiedener Völker und ging nach Europa zurück.«

»In meinem sechsundzwanzigsten Lebensjahre kam ich nach Malta und warf mich in die Arme meines Vaters. Dieser versah mich mit Empfehlungen und sendete mich nach Rom. – Leider! folgte mir dahin bald die Nachricht von seinem Tode nach. Mir blieb nun von meinen Eltern nichts mehr übrig als ihr mir noch immer heiliges Andenken und ihre Schätze.«

»Rom war kein Ort für meinen Geist, für meine Wissenschaften. Ich ging nach Florenz. Dort wurde ich mit einem Fräulein bekannt, das ihre Eltern zum Kloster bestimmt hatten. Wir sahen, wir liebten uns. – Die Wachsamkeit der Eltern wurde hintergangen. Wir waren glücklich, um unglücklich zu werden. – Ihr Bruder nahm sich der verletzten Ehre seines Hauses an, er hörte nicht auf meine Vorschläge, verwarf meine Bitten, mit seiner Schwester ehelich mich zu vereinigen, und zwang mich zum Zweikampf. Er fiel. – Ich floh in die Schweiz, um den Nachstellungen der Familie zu entgehen. – Ich durchreiste Frankreich, durchzog Spanien und Portugal und ging endlich nach sechs Jahren nach Italien zurück. – In Venedig erfuhr ich, meine Geliebte sei Mutter eines Sohnes geworden. Ihr Vater hatte Florenz verlassen. – Ich eilte dahin. Eine alte Wärterin meiner Geliebten gab mir die Versicherung, mein Sohn werde auf dem Lande erzogen; wohin die Mutter gekommen war, wußte sie nicht. – Vergebens suchte ich zwölf Jahre hindurch Weib und Kind und fand sie nicht! – Allenthalben suchte ich meinen Sohn auf, mit Vaterliebe, und endlich – fand ich ihn.«

»Du fandest ihn?« – fragte Rinaldo schnell, mit sichtbarer Unruhe.

Der Alte fuhr fort:

»Ja! – Ich fand ihn. Aber wo?«

»Wo?«

»Ach! ich fand ihn an der Spitze einer Räuberbande.«

»Großer Gott!« – schrie Rinaldo. Gelassen sagte der Alte: »Du – du selbst bist mein Sohn.«

Rinaldo Ich bin dein Sohn?«

Nicanor Dies erklärt dir alles, was ich für dich tat und was ich nicht für dich tun konnte.

Rinaldo Mein Vater!

Nicanor Mein Sohn! – In meinen Armen starb meine gute Mutter! – Das Schicksal will's, ich soll in meines Sohnes Armen sterben!

Rinaldo Ach! mein Vater! Du weißt nicht, kannst nicht ahnen –

Nicanor Ich hoffe es, daß wir uns nun nie wieder trennen werden. Ein Etwas sagt mir, deine Hände werden meine Augen schließen.

Rinaldo Nein, Vater! nein! – Der Sohn reifte früher dem Tode.

Nicanor Sei ruhig! Du kannst nun nur in Vaterarmen sterben. Ich drücke dich an dieses Herz, entsage allen Gaukelspielen meines bunten, abenteuerlichen Wallens in dieser Welt und trenne mich nun auch selbst im Tode nicht mehr von dir!

Rinaldo O Mutter!

Nicanor Ach!

Rinaldo Isotta!

Nicanor Wie? – Isotta nennst du deine Mutter?

Rinaldo Isotta Moniermi.

Nicanor Dies ist ihr Name. – Wer sagte dir den Namen deiner Mutter?

Rinaldo Sie selbst.

Nicanor Sie selbst? Isotta selbst?

Rinaldo O! meine gute Mutter!

Nicanor Wo sprachst du sie? – Lebt sie noch? –

Rinaldo Sie lebt.

Nicanor Wo?

Rinaldo Nicht weit von hier. – Mit mir kam sie hierher.

Nicanor Nach Sizilien? Hierher? – Und sie lebt? – O! sieh! Die Freude macht mich jung. Ich denke nicht mehr an den Tod. Isotta lebt? Für sie will ich leben! – O! führe mich zu ihr! – Ich übersteige die Gebirge, ich eile ihr zu, ich drücke sie an meine Brust. Isotta! meine Liebe! Dich, dich soll Nicanor wiederfinden? Dich Totgeglaubte soll er sehen, an sein Herz soll er dich drücken? – O! zaudre nicht! Du fühlst es nicht, was ich empfinde! Du hast sie schon gefunden, ich aber suche sie noch. – Fort! Fort zu ihr!

Rinaldo O! fasse dich! – Laß mich zu Worte kommen und höre mich.

Rinaldo erzählte seinem Vater alles, was wir schon wissen, schilderte ihm den Zustand seiner Mutter und bat ihn, durch seine schnelle Erscheinung ihr nicht den Tod zu geben. – Nicanor sah wohl ein, daß er seiner Ungeduld, Isotta jetzt zu sehen, entsagen müsse. Beide redeten nun ab, wie sie auf eine solche Erscheinung und Zusammenkunft vorzubereiten sei.

So schieden sie, und Rinaldo eilte zu seiner Mutter.

Er fand sie über seine lange Abwesenheit unruhig. Mit der Erzählung, einen alten Bekannten getroffen zu haben, beruhigte er sie.

Den folgenden Morgen kam ihm Nicanor auf halbem Wege entgegen. Er gab ihm Kräuter und einen Trank.

»Diesen Trank« – sagte er, – »zu verfertigen, lernte ich von einem alten koptischen Priester, der noch die koptische Sprache sprechen konnte und verborgen unter den Ruinen von Theben lebte. Dort suchten ihn nur Kranke auf. Er half denselben. Die Kräuter, die ich dir gebe, wachsen in Hennas blumenreichen Feldern, aber sie wachsen auch um die Quellen des Nils. Ein Abessinier, den ich in Mecca kennenlernte, machte mich mit ihren Kräften bekannt. – Gebrauche beides, stärke deine Mutter, bereite sie vor und laß mich bald wieder meine liebe Isotta umarmen. – Hoffnungen und Wünsche beleben meine Brust wie die Brust eines Jünglings. Des Lebens schönster Traum schlingt seinen Mohnkranz aufs neue um meine Sinne, ich spreche das Zauberwort Liebe mit Entzücken aus, und alle meine Sinne wiegen sich in sanfter Zärtlichkeit! – O mein Sohn! die Sehnsucht tötet mich, wenn ich die Treugeliebte nicht bald an diesen klopfenden Busen drücken kann. – Eile! bringe der Geliebten diese heilsamen Tropfen. Gegen Abend sprechen wir uns hier auf diesem Platze wieder.«

Rinaldo erfüllte den Willen seines Vaters. Isotta nahm den Trank und fiel in einen tiefen Schlaf. Gestärkt erwachte sie in einigen Stunden wieder und befand sich wohl. – Mit dieser Nachricht eilte der frohe Sohn zum harrenden Vater. Freudig ergriff dieser seine Hand und rief aus: »Bald werde ich glücklich sein!«

Rinaldo hob seine Blicke zu dem bekannten Schlosse und seufzte: »Auch ich war einst glücklich!«

Nicanor Die Rückerinnerung schenkt schöne Freuden. Sie ist dem Monde gleich, der uns die Sonne gibt.

Rinaldo Ist dieses Schloß jetzt bewohnt?

Nicanor Ich glaube wohl, doch weiß ich es nicht gewiß. – Laß uns von deiner Mutter sprechen! – Morgen wird sie ihr Lager verlassen; du bereitest sie ein wenig vor, und ich erscheine.

Rinaldo Nur nicht zu rasch!

Nicanor Sei ohne Sorge! Ich kenne die Kräfte des Trankes, und hier gebe ich dir noch ein Elixir. Dieses wird alles vollenden. Nichts Kräftigeres hat die Natur; es ist die Quintessenz von allen ihren heilenden Kräften.

So fand es sich. – Isotta verließ am folgenden Morgen ihr Lager und wußte nichts von Krankheit mehr.

Isotta O! mein Sohn, woher hast du diese Wundertropfen?

Rinaldo Es gab sie mir ein alter Freund, den ich ganz unvermutet in diesen Bergen fand.

Isotta Gott segne ihn; er ist der Retter meines Lebens; er gab dir deine Mutter wieder. – Ich muß ihm danken, führe mich zu ihm! – Der gerettete Kranke versteht es am besten, seinem Arzte zu danken. Wie nennt sich dieser Freund?

Rinaldo Nicanor.

Isotta Nicanor? – Wie? Nicanor? – Ach! dieser Name sagt mir schon, daß er mein Retter sein konnte. – Nicanor hieß der Mann, der dieses Herzens schönste Freude war. Nicanor hieß dein Vater. – Um dieses Namens willen liebe ihn, mein Sohn!

Rinaldo Er ist ein sehr erfahrner Mann. Seine Wissenschaft stammt aus den Morgenländern.

Isotta Die kannte auch dein Vater. Sie waren seine Wiege. Dort wuchs er auf, und dort – ruhen auch, – sagt man, – seine Gebeine.

Rinaldo Das wißt Ihr nicht gewiß?

Isotta Gewißheit habe ich nicht.

Rinaldo Vielleicht lebt er noch in jenen Ländern.

Isotta Das wünscht mein Herz, und glaubt es doch nicht.

Rinaldo Wenn wir ihn nun irgendwo fänden, wenn er auf jenen glücklichen Inseln –

Isotta Ich hoffe nichts.

Rinaldo Du hast den Sohn gefunden, laß mir, gib dir ihn selbst, den süßen Wahn, den Vater auch zu finden!

Isotta O! nähre du diese Hoffnung allein! – Ich habe ihr entsagt. – Zu deinem Freunde führe mich!

Rinaldo Er kommt zu uns. Er will die Kranke sehen.

Isotta Nicanor! der süße Zufall gab dir diesen Namen, und deine Wissenschaft ein Gott. – Stammt dieser Mann aus diesem Lande? Nennt er sich nur Nicanor?

Rinaldo Nicanor Sansovini.

Isotta Sansovini? – Nicanor Sansovini? – Mein Sohn! – Er ist dein Vater.

Rinaldo Er ist es.

Isotta O Gott! – Ach! Sansovini – Sie sank in ihres Sohnes Arme. Der Vater trat herein bei ihrer letzten Rede. Er drückte sprachlos sie an seine Brust. Tränen rollten über seine Wangen. Isotta weinte Freudentränen, und mit ihr der gerührte Sohn. – Stumm blieb die ganze Szene, bis Nicanor endlich sprach:

»Die Mutter weinte, als sie den Sohn wiederfand, sie weint, da sie den Gatten findet; wir weinen mit ihr. Es sind Tränen des Entzückens. Die Wahrheit unserer Empfindungen beglaubigt sich in Tränen. Sie sind das älteste Siegel der Wahrheit, ein Pfandbrief, der im Herzen gelöst und mit den Augen ausgeliefert wird.«

 

Nicanor und Isotta waren nun allein. Rinaldo schweifte auf den Bergen umher.

»Darf ich mit frohem Herzen, o goldene Sonne!« – rief er aus, – »dich wieder begrüßen? Beleben diese mächtigen Strahlen mit frohen Hoffnungen mein Herz, oder sind es bange Erwartungen, die es heben? – Du lächelst ja so mild, freundliches Licht der Welt! Ach ja! du lächelst auch mir!«

Er stieg hinab ins Tal. Dann erstieg er mit zitternden Füßen den Berg, auf welchem das Schloß lag. – Schon war er an der Zugbrücke. – Dort spielte ein freundlicher Knabe mit bunten Steinchen, ein schäkerndes Windspiel neben ihm.

Beherzt sah der Knabe den Fremden an und fragte: »Was willst du, fremder Mann?«

Rinaldo konnte nicht antworten. Tränen erstickten die Sprache; sein Herz drohte den Busen zu zersprengen. – Der Knabe wurde freundlich und sagte:

»Weine nicht! – Ich hole dir Brot und Geld.«

Damit sprang er über die Zugbrücke ins Schloß. Rinaldo warf sich zu Boden und schluchzte laut.

»O! brich, mein Herz! Ihr Augen, schmelzt in Tränen! – Ihr saht meinen Sohn!«

Er wankte auf, lehnte sich an einen Baum und blickte gen Himmel sprachlos, mit bebenden Lippen. – Der Knabe kam zurück, brachte ihm ein Stück Brot und Geld, und sagte freundlich: »Da, nimm! – Weine nicht mehr. Gott wird dir helfen. Er verläßt keinen Menschen.«

»O! guter, lieber Knabe!« – stammelte Rinaldo. – »Ich danke dir! – Ach! du weißt nicht, wem du diese Gabe gibst! – Ich danke dir!«

Knabe Du bist ein armer Mann –

Rinaldo Jawohl! ein armer Mann bin ich! Doch dieser Augenblick macht mich sehr reich.

Knabe Es ist nur wenig Geld, was ich dir geben kann; es ist das letzte aus meiner Sparbüchse. Morgen bekomme ich erst wieder Geld, und wenn du morgen wiederkommen willst, sollst du mehr bekommen.

Rinaldo Gutes Kind! Dies ist schon allzuviel für mich, um mich glücklich zu machen.

Knabe Wo kommst du her?

Rinaldo Weit übers Meer.

Knabe Was suchst du hier?

Rinaldo Einen Sohn.

Knabe Ist er noch klein?

Rinaldo So groß und alt wie du.

Knabe Der muß sich weit verlaufen haben! Ich bleibe fein vor unserm Schlosse und gehe nicht weg von hier.

Rinaldo Aber doch zuweilen mit der Mutter?

»Lionardo!« – rief eine weibliche Stimme.

»Die Tante ruft!« – sagte der Knabe und sprang über die Brücke ins Schloß zurück.

Wie verfolgt, eilte Rinaldo hinab ins Tal, über die Berge, in seine Wohnung zurück.

Isotta schlummerte. Nicanor trat ihm fragend entgegen:

»Was hast du?«

»Ach Vater!«

»Was ist dir? – Du zitterst? –«

»Vater! Was ich gesehen habe –«

»Was?«

»Vater! Ich habe meinen Sohn gesehen.«

»Deinen Sohn?«

»Dieses Brot, dieses Geld reichte er mir, hielt mich für einen Bettler und wußte nicht, wie reich ich war in diesem Augenblick.«

»Du sahst den Sohn allein?«

»Allein. – Gott sah sein Herz. O! wohltätiger, guter Knabe!«

»Gingst du ins Schloß?«

»Nein. – Ich sprach den Knaben vor der Zugbrücke. – O Vater! mein Herz! – Ich sah den Sohn!«

»Werde ruhig!«

»Wie kann ich dieses Herz beruhigen? Es klopft nach meinem Kinde.«

»Fasse dich!«

»Ist das möglich?«

»Übereile dich nicht!«

»Kann Vaterliebe sich übereilen?«

»In deiner Lage, ja! – Entdecke dich dem Knaben nicht, du könntest ihn verlieren, du könntest deine schönsten Hoffnungen vernichten.«

»O mein Lionardo! Dich soll ich nicht an meinen Busen drücken?«

»Nur nicht zu rasch! – Der Knabe ist nicht dein allein.«

»Ich bin Vater.«

»Ist dies des Knaben Glück?«

»Das meinige.«

»So störe das seinige nicht. – Fasse dich, werde ruhig, und dann wollen wir zusammen von den Maßregeln sprechen, die du zu nehmen hast. – Jetzt keine Übereilung! – Dir ist es nicht vergönnt, hier rasch einherzutreten. Dein Schritt sei sicher und nicht übereilt. Hier ist ein rasches Spiel verloren. Gehst du langsam, so ist vielleicht noch alles zu gewinnen. – Noch einmal, Sohn! überlege, und übereile dich nicht.«

 

Rinaldo konnte kaum den Morgen erwarten. Er eilte nach dem Schlosse.

Der liebe Lionardo saß spielend mit seinem Windspiel vor der Brücke. – Rinaldo nahte sich ihm kaum, als er aufsprang, zu ihm trat und ihm Geld gab.

»Da hast du mehr, als ich dir gestern geben konnte«, – sagte er.

Rinaldo dankte, sah auf die Erde und sagte: »Du spielst mit schönen, bunten, glänzenden Steinen!«

»Willst du sie haben?« – fragte der Knabe schnell.

»Ach nein!« – antwortete Rinaldo, – »aber ich mag solche Steinchen gern sehen.«

Indem er das sagte und unter den Steinchen wühlte, schob er einen, der ehemaligen Besitzerin wohlbekannten Ring unter dieselben; ein Saphir, umgeben mit Diamanten; drüber auf Golde, zwischen einem doppelten Triangel, die Devise: Nuestro Amor Es Immortal, welche auch der Siegelring des Alten von Fronteja hatte; in der Mitte das Zeichen des Schweigens, die Rose. – Hierauf unterhielt er sich mit ihm, bis der Knabe, des Fragens und Antwortens müde, wieder nach seinen Steinchen griff. Er fand den Ring, sah ihn verwunderungsvoll an und fragte:

»Was ist das? – Das ist ja ein Ring!«

»Den mußt du deiner Tante bringen«, – sagte Rinaldo. – Die wird sich sehr darüber freuen.«

»Das ist auch wahr!« – rief der Knabe aus und eilte ins Schloß.

Rinaldo zog ein Pulver aus der Tasche und machte sich dadurch noch unkenntlicher, als er schon war. – Lionardo kam mit der Tante zurück. Er zeigte auf den Unbekannten, der vor der Brücke lag, und sagte:

»Der Mann war dabei! – Der Ring lag unter meinen Steinchen.«

»Guter Freund!« – rief die Dame, – »kommt doch näher!«

Rinaldo blickte auf. Es war Violanta, die mit dem Knaben kam.

Gelassen sagte er:

»Ich habe es gesehen. Der Kleine hat den Ring unter diesen bunten Steinchen gefunden.«

Violanta trat näher, sah ihn forschend an und fragte: »Der Knabe fand den Ring?«

»Er fand ihn.«

»Und du – machtest keine Ansprüche daran?«

»Er gehörte nicht mir.«

»Auch nicht an das: Nuestro es amor immortal, an den Saphir und die Diamanten? Wie kamst du dazu? – Du scheinst doch arm zu sein?«

»Arm bin ich, und ich bin auch reich. Wer wenig braucht, hat stets Überfluß.«

»Wer bist du?«

»Ein Waller.«

Lionardo Er sucht seinen Sohn.

Violanta Seinen Sohn?

Lionardo Ja. – Weit kommt er übers Meer ihn aufzusuchen. Das hat er mir gestern schon erzählt.

Violanta Gestern schon? – Mein Freund, rede er selbst. – Was sucht er hier? Was hat er mit dem Kinde zu sprechen? – Warum kam er heute wieder hierher? Wir haben Mittel, ihn zum Geständnis zu bringen, wenn er nicht sprechen will. Es gibt viel schlechtes Gesindel hier herum, und sein Aufzug – verkündet eben nichts Erfreuliches.

Lionardo Liebe Tante! sei nicht so zornig. Der arme Mann ist ja unglücklich. Gib ihm etwas, und laß ihn gehen.

Violanta Will Er nicht sprechen?

Rinaldo Was soll ich sprechen?

Violanta Er ist verdächtig!

Rinaldo Ich? – Ach Gott! – Signora! ist das Unglück verdächtig? Ihr wißt nicht, wie mir zumute ist. – Seid nicht so hart!

Lionardo Er weint. – Der arme Mann! Ich will ihm noch etwas geben. – Sieh, Tante! sieh! – Er weint!

Violanta Verstellung!

Sie sah hinter sich, winkte und zwei Diener kamen herbei.

»Nehmt diesen Bettler fest!« – sagte sie.

»Laßt ihn gehen!« – schrie der Knabe, indem er sich von Violanten losmachte, und zwischen Rinaldo und die Bedienten trat.

»Was willst du?« – fragte Violanta zornig, indem sie ihn zurückzog.

»Das Kind« – sagte Rinaldo, – »weiß wohl, was es tut. Der Himmel gibt ihm es ein, die Unschuld zu verteidigen. – Signora! übereilt Euch nicht. Die Menschen sind nicht immer, was sie zu sein scheinen. So ist es auch mit mir.«

Violanta Ihr habt Geheimnisse?

Rinaldo Habt Ihr keine?

Violanta Warum eine solche Gegenfrage?

Rinaldo Erlaubt sie mir. – Wenn ich Eure Geheimnisse ehre, so ehret auch die meinigen. Es sind Geheimnisse eines Unglücklichen, der aber das nicht ist, wofür Ihr ihn haltet.

Violanta Von Euch kommt dieser Ring!

Rinaldo Der Knabe fand ihn.

Violanta Wer kann das glauben?

Der Alte von Fronteja trat herzu, in prächtiger spanischer Tracht, wendete sich gegen Rinaldo und sagte:

»Nun weiß ich, wer du bist! Du folgst ohne Widerrede meinen Leuten, oder du bist verloren.«

Der Knabe bat: »Ach! tut dem armen Manne nichts!«

Nicanor küßte den Knaben und sagte freundlich: »Auf deine Vorbitte soll er ohne die verdiente Strafe davonkommen.«

»Ihr kennt ihn?« – fragte Violanta.

»Ich kenne ihn« – sagte Nicanor und streckte die Hand gegen die Gebirge aus.

Rinaldo verstand diesen Befehl. Er ging langsam davon. Lionardo rief ihm nach: »Lebe wohl, du armer Mann!«Die Erzählung seiner nachherigen Schicksale, das Leben, Weben und Streben dieses Knaben finden die Leser in dem Buche: Lionardo Monte Bello; oder: der Carbonari-Bund. Leipzig, 1823. Dahin muß ich hier dieselben verweisen.

Rinaldo streckte seine Hand nach ihm aus und schluchzte: »Gott segne dich!«

Nicanor nahm Violantens Arm und ging mit ihr ins Schloß. – Rinaldo sah ihnen nach. – Die Zugbrücke ward aufgezogen.

 

Er kam in seine Wohnung, reinigte sein Gesicht und sprach ganz gelassen, doch sehr zerstreut, wie diese selbst bemerkte, mit seiner Mutter. Bald aber suchte er das Feuer, setzte sich unter einen Baum, der vor seiner Wohnung stand, und sah, in Gedanken verloren, hinaus in die Ferne. – So bemerkte er kaum, daß ein Mann neben ihm stand, der ihn genau besah. – Endlich fielen Rinaldos Blicke auf den Gaffer. Er fragte: »Was suchst du hier?«

»Ich suche nichts«, – war die Antwort, – »als einen Schatz.«

»Den wirst du hier wohl schwerlich finden.«

»Es träumte mir in voriger Nacht, der Schatz stehe unter diesem Baume, und ich sollte ihn heben.«

»So mußt du nachgraben.«

»Erst will ich darüber mit einem Kapuziner sprechen. Ist ein Teufel dabei, so muß er beschworen werden, sonst bekomme ich nichts.«

Damit ging er fort. Rinaldo sprang auf, seinem Vater entgegen, der eben, wieder in seine ländliche Tracht gekleidet, auf ihn zukam.

»O Vater!« – rief Rinaldo ihm entgegen. – »Ihr wart im Schlosse bekannt, wußtet alles und sagtet mir nichts davon!«

Nicanor Zu seiner Zeit hättest du alles erfahren.

Rinaldo Ist Dianora in dem Schlosse?

Nicanor Sie ist im Schlosse. – Seit dem Tode des Prinzen della Roccella verließ sie Lipari und begab sich hierher.

Rinaldo Weiß sie, daß ich hier bin?

Nicanor Nein. – Sie wird es aber erfahren.

Rinaldo Doch bald?

Nicanor Binnen drei Tagen wirst du sie sprechen. – Ich habe ihr meinen wahren Namen und Stand entdeckt; ich habe ihr gesagt, daß ich meine Gattin gefunden habe und habe die gute Seele bereitwillig gefunden, sich mit uns nach den Kanarischen Inseln einzuschiffen. – Morgen führe ich deine Mutter aufs Schloß. Violanten habe ich alles vertraut. Morgen wirst du sie sprechen. – Jetzt laß uns zu deiner Mutter gehen. Noch darf sie von allem, was vorgeht, nichts erfahren. Alles bleibt unter uns.

 

Nicanor führte den folgenden Tag seine Gattin auf Dianorens Schloß. – Vor der Brücke erschien Violanta. Freudig eilte Rinaldo auf sie zu, ergriff ihre Hand und drückte sie an sein Herz.

Er Freundin! – Hier sehen wir uns wieder! In diesem Schlosse fand ich Euch einst, gab Euch der Welt zurück und einer Freundin, die Eure Freundschaft erprobt und bewährt gefunden hat.

Sie O! Mann des Unglücks! wie rühren mich deine Leiden! Du durftest dich nicht Vater nennen und empfingst Almosen von deinem Sohne. Die Stimme der Natur sprach laut; er trat zwischen mich und dich und nahm sich deiner mit kindlicher Wärme an. Er wußte nicht, wer es war, den er verteidigte. Sein Gefühl sprach für einen Unglücklichen, und dieser – war sein Vater!

Er Er hat ein gutes Herz! – Ach! hätte er nichts als dies, wie zu beneiden wär' er. – O! denket Euch, wie ich gerührt war. – Bald wird er mich Vater nennen dürfen, und seine Mutter werde ich wieder an dieses klopfende Herz drücken.

Etliche Jäger gingen über die Berge. – Violanta trat ins Schloß. Rinaldo folgte ihr.

Sprechend standen sie im Schloßhofe, als Lionardo, der am Fenster stand, seiner Mutter zurief: »Dort steht der arme Mann und spricht mit der Tante.«

Dianora trat ans Fenster, ehe es Nicanor verhindern konnte. Sie sah hinaus, schrie laut auf: »Er ist's!« und sank in Isottens Arme. Nicanor rief Violanten. Rinaldo ging ihr nach. Lionardo jammerte:

»Die Mutter ist erschrocken!«

Sich seiner selbst unbewußt, trat Rinaldo ins Zimmer, als eben Dianora wieder zu sich kam. – Nicanor winkte allen zu, das Zimmer zu verlassen. Er selbst folgte und ließ die Zugbrücke aufziehen. Rinaldo und Dianora waren allein im Zimmer. – Er lag vor ihr. Sie sah zärtlich auf ihn herab. Heftig klopfte ihr Herz. Endlich sprach sie: »So sehen wir uns dennoch wieder!«

Schnell und unruhig trat Violanta ein, indem sie sagte: »Man sieht Soldaten im Tale. Sie beobachten, wie es scheint, das Schloß.«

Rinaldo sprang auf und rief: »Nun! da ich glücklich bin, fehlt Euerm Glücke nichts als mein Tod.«

»Was sprichst du?« – fragte Dianora bestürzt.

Nicanor kam. Er fragte ihn:

»Hast du dich einem Menschen, außer uns, entdeckt?«

Rinaldo erzählte, was ihm gestern mit einem Unbekannten begegnete.

Nicanor Und du ahntest nichts? – Der Kerl hat dich gekannt, war vielleicht einst einer deiner Leute, und der Schatz, von dem er sprach, bist du. Dich will er heben.

Rinaldo Er hat sich verrechnet. – Ich fühle, daß mein Dasein Euch stets zum Unglück gereichen wird, und weiß zu sterben.

Dianora Unglücklicher!

Nicanor Nicht zu rasch! Ein Augenblick darf nichts entscheiden.

Er verließ das Zimmer. Ihm folgte Violanta. – Dianora lag in Rinaldos Armen. Stumm und dennoch sprechend blieb die Szene.

 

Die Soldaten standen vor dem Schlosse. Ein Kapuziner und der Kerl (als Verräter), der den Schatz heben wollte, waren bei ihnen. Der Offizier verlangte eingelassen zu werden. – Man fragte, was er suche? – Er antwortete, er habe Order, das Schloß zu durchsuchen, und werde seine Befehle vorzeigen.

Nicanor trat auf die Warte und ließ sich mit dem Offizier in eine Unterredung ein.

»Wir wissen«, – sagte dieser endlich, – »daß Rinaldini sich in dieses Schloß geflüchtet hat. Ihn suchen wir. Bei uns sind Leute, die ihn kennen.«

»Mein Sohn!« – sagte Nicanor, indem er ins Zimmer trat, – »du bist verraten. Ich weiß jetzt nicht, was zu tun ist. Sammle dich und überlege.«

Dianora sank auf ein Sofa. Violanta und Isotta eilten herbei. Nicanor und Rinaldo gingen in den Saal.

»Was willst du tun?« – fragte Nicanor.

»Ich will sterben!« – war Rinaldos Antwort.

»Der Tod bleibt dir noch, wenn alles verloren ist.«

Violanta stürzte herbei. Schlüssel klirrten an ihrer Seite, zwei brennende Wachskerzen trug sie in den Händen. Rinaldo erblickte sie kaum so, als er ausrief:

»Wie konnte ich auch etwas vergessen, das Violanta nicht vergaß! – Vater! öffne das Schloß. Die Soldaten finden mich nicht.«

»Fort! fort!« – schrie Violanta.

Rinaldo nahm ihr die Schlüssel ab. Der Alte fragte:

»Wir lassen also die Zugbrücke fallen?«

»Sie falle!« – sagte Rinaldo. – »Mich finden sie nicht.«

Violanta reichte ihm ein Päckchen mit Proviant und kurzem Gewehr, gab ihm Feuerzeug, Kerzen und eine Brechstange, begleitete ihn bis an die Treppe und ging dann dem Alten nach.

 

Die Leser kennen die unterirdischen Gänge dieses Schlosses, in denen einst Rinaldo Violanten fand. – Hier befand er sich wieder. Die Tür des Eingangs hatte er hinter sich verschlossen und verriegelt. Eben das geschah mit der Tür, die sich an dem Ausgange des Gewölbes befand; – er kam durch das zweite Gewölbe an Violantens Kerker vorbei, hob die eiserne Falltür, stieg die Wendeltreppe hinauf und kam in den einsamen Turm, der allein auf der äußersten Spitze des Berges stand, auf welchem das Schloß lag.

Zwischen den Zinnen dieses Turms hervor überblickte er die Gegend. Alles war rund herum öde und still. Nur das Blöken und Brüllen der weidenden Herden tönte zu ihm hinauf, und in der Entfernung erklangen die Schallmeien der Hirten. – Endlich ertönten die Abendmetten-Glocken der benachbarten Klöster. Es schwebte die goldene Sonne in Feuerpracht dem Meere zu. – Jetzt wurde es noch stiller. Leichte Abendwölkchen schwebten die Berge hinan. – Rinaldo blickte nach dem Schlosse zurück und seufzte: »O Dianora! Ach! mein Lionardo!«

Am Fuße des Berges wandelten menschliche Gestalten umher. – Der Mond ging auf, trat hell und rein an den hellen Äther und versilberte die Bäche des Tals. – In den Schießlöchern der Warte nisteten Turteltauben. Ihr sanfter Flügelschlag durchtönte die Stille der Nacht.

»Da girrt der Gatte bei der Gattin!« – seufzte Rinaldo; – »da deckt er die liebliche Brut mit sanften Flügeln, und stille Ruhe umschwebt das liebende Pärchen!«

Er blickte über sich:

»Dort schwebst du, stiller Gefährte der Nacht! Heiter ist dein Antlitz. Deine sanften Strahlen erquicken die Fluren. Warum umleuchtest du nicht meine Pfade in den friedlichen Gefilden der glücklichen Inseln, wo man den Verbannten nicht kennt!«

Er sah hinab. Unten am Berge blinkten Gewehre. – Er verließ die Warte und stieg in die finstern, unterirdischen Gänge zurück, durch die er gekommen war. – Vor der zweiten Tür hörte er Geräusch. Man sprach:

»Noch eine Tür! – Sie ist auch von innen verschlossen. – Brecht sie auf!«

Man setzte die Werkzeuge an. – Rinaldo floh die Treppe hinauf, warf die Falltür hinter sich zu und kam in den Turm zurück. – Hier zog er aus dem Päckchen, welches Violanta ihm gegeben hatte, eine Strickleiter hervor, befestigte dieselbe, ließ sich an dem Turme hinab und zog die Leiter nach.

»Sehen Sie, mein lieber fremder Herr!« – sagte der Führer, der die Fremden umherführt. – »Sehen Sie, dieses ist das Schloß der Gräfin Martagno, die so unglücklich war, den Räuberhauptmann Rinaldini zu lieben. – Hier steht die Warte, an der er sich hinabließ, als man ihn suchte. – Hinter diesem Dornenbusche, wo die Aloen stehen, fiel er und gab seinen Geist auf. – Er wollte den Berg hinab. Die Soldaten am Fuße des Berges sahen bei Mondenlicht sich etwas hier bewegen; sie schossen herauf, er sank und verblutete hier sein Leben. Da sich weiter nichts regte, glaubten sie vermutlich nach einem Berghöhlentier geschossen zu haben, und suchten nicht nach. – Als die Soldaten vom Schlosse abgezogen waren und nicht gefunden hatten, was sie zu finden hofften, suchten Rinaldinis Freunde umher, glaubten ihn vielleicht in einer Berghöhle verborgen und fanden ihn entseelt hinter jenem Busche.«

Der Führer zieht den Hut, faltet die Hände, und bewegt die Lippen. Dieses Gebet gilt der Seele des Verschiedenen. Dann fährt er fort:

»Hier an dieser Seite des Turms bemerken Sie ein Kreuz in diesen Stein gehauen, und hier, wo wir stehen, unter uns, liegt Rinaldini. Der Boden ist gleichgemacht, kein Grabeshügel erhebt sich über seinen Gebeinen. Sein Leichnam ruht nicht in geweihter Erde.«

»Unglücklicher!«

»Jawohl, unglücklich!«

»Und sein Vater, seine Mutter, seine Gattin, sein Kind? Wo blieben diese?«

»Sie haben sich eingeschifft, in einen entfernten Weltteil zu gehen.Eine ausführlichere Erzählung der Schicksale und Begebenheiten dieser Personen werden in dem Buche: Nicanor, der Alte von Fronteja, die Leser finden, und gewiß nicht ohne Teilnahme lesen. – Dieses Schloß bleibt unbewohnt, wird verfallen und endlich zum Steinhaufen werden; dieser Turm wird zusammenstürzen und endlich des Unglücklichen Grabhügel sein. – Ruhig modere sein Gebein! Friede sei mit seiner Seele!«

Nachwort aus ©-Gründen gelöscht. Re

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