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Rinaldo Rinaldini der Räuberhauptmann

Christian August Vulpius: Rinaldo Rinaldini der Räuberhauptmann - Kapitel 16
Quellenangabe
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typefiction
authorChristian August Vulpius
titleRinaldo Rinaldini der Räuberhauptmann
publisherInsel Verlag
seriesinsel taschenbuch
volume426
printrun1. Auflage
editorKarl Riha
year1980
firstpub1799
correctorfranka.antenne@gmx.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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Fünfzehntes Buch

Was dich faßte, wird dich halten;
Kannst du dem Geschick entgehn?
Wo des Schicksals Sterne walten
Werden sie auch untergehn.

Originalillustration

Die Sonne stand schon hoch, als Rinaldo erwachte. Er schlug die Augen auf. Serena saß, mit weiblicher Arbeit beschäftigt, in seinem Zimmer. Sie wünschte ihm einen guten Morgen und ging.

Als er angekleidet war, kam sie zurück und fragte, ob er im Garten frühstücken wolle.

»Wo frühstückt Euer Prinz?«

»Er ist nicht hier.«

»Nicht hier?«

»Vor einer Stunde fuhr er von hier weg.«

»Wohin?«

»Das weiß ich nicht.«

»Wo ist Olimpia?«

»Sie begleitet den Prinzen. Auch die Damen aus der Stadt sind mitgefahren.«

Rinaldo ließ sein Frühstück in den Garten tragen. Hier wandelte er überlegend und nachsinnend auf und ab. Dann sprach er endlich mit sich selbst:

»Ja! – Ich will allen diesen sogenannten Freunden entgehen! – Mit keinem Menschen will ich mein Schicksal, nicht das seinige, mit dem meinigen teilen. Allein will ich erwarten, was mir geschieht. Allein will ich stehen und – fallen!«

Er ließ ein Pferd satteln, stieg auf und ritt in die Stadt. Hier brachte er seine Sachen in Ordnung und verließ Cagliari, fest entschlossen, sich nach einem Hafen zu begeben und die Insel zu verlassen. Nach Spanien wollte er zu kommen suchen und dort versteckt in einer Sierra leben, oder nach den Kanarischen Inseln segeln. So hatte er's bei sich beschlossen. – Rasch trabte er darauf los und hoffte, vor Abend noch Salano zu erreichen.

Gegen Mittag wurde die Luft drückend und schwül. Der Himmel umzog sich, Blitze flammten durch die Nacht des Himmels, fernher rollte der Donner. Eine Totenstille schwebte über der Gegend.

Rinaldo erreichte, mit einem heftigen Platzregen, ein Schloß, das auf einer Anhöhe lag. Er ward eingelassen. Man führte sein Pferd in den Stall und sagte ihm, er befinde sich in dem Schlosse der Gräfin Orana, die eben hier sei. Seine Ankunft ward ihr gemeldet. Sie bat sich den Besuch ihres Gastes aus.

Sie war eine Dame von Geist, und ihre Unterhaltung mit Rinaldo war sehr lebhaft und interessant. Seit zwei Jahren war sie, wie sie sagte, Witwe, noch in ihren besten Jahren, fest entschlossen, ihre Freiheit zu behaupten und sich nicht wieder zu vermählen, sie müßte denn, wie sie sich ausdrückte, von etwas überrumpelt werden, das interessanter wär', als die Männer gemeiniglich zu sein pflegten. Sie war eine Dichterin und hatte eine Satire über die Männer geschrieben, die sie aber ihrem Gaste, der darum bat, doch nicht mitteilen wollte. Da sie aber, wie sie versicherte, viel Unterhaltung in seiner Gesellschaft fand, so bat sie ihn, einige Tage bei ihr zu verweilen. Dies konnte ihr Rinaldo nicht abschlagen.

Sie hatte eine Cousine bei sich, die bei der Abendtafel durch ihre Laune das Gespräch noch unterhaltender machte, und Rinaldo hatte mit einem Paar Damen zu kämpfen, die sehr systematisierte Männerfeindinnen zu sein schienen. – Ihm waren solche Weiber noch nicht vorgekommen.

Den Damen nur ein wenig das Gleichgewicht zu halten, erklärte er, daß er entschlossen sei, das Malteserkreuz zu nehmen, weil er sich nicht überzeugen könne, durch eine zärtliche Verbindung mit einer Dame glücklich zu werden. Jetzt änderte sich die Szene. Man wollte ihn vom Gegenteil überzeugen und stritt so die Mitternacht herbei.

Ein Kammerdiener wies ihm sein Schlafzimmer an, wo sich alles in bester Ordnung befand und wo er sanft auf einem weichen Lager ruhte. –

Er erwachte so spät, daß er die Damen schon bei dem Frühstück fand.

Eben war eine Bande reisender spanischer Tänzer angekommen. Sie fanden sich auf dem Schloßsaale ein, die Zuschauer nahmen Platz, die Musik begann, ein freundliches Mädchen und ein artiger, junger Mann traten auf, den zärtlichen Bolero zu tanzen.

Beide in netter, Andalusischer Tracht, die zum Tanze erfunden ist, eilten sie im Fluge aufeinander zu, als ob sie sich gesucht und gefunden hätten. Schon wollte der Jüngling die Geliebte umarmen, schon schien sie in seine Arme zu stürzen, als sie sich plötzlich umdrehte; er, halb erzürnt, tat eben das. Das Orchester machte eine Pause. – Beide schienen unschlüssig zu sein, aber die wieder beginnende Musik riß ihre Bewegungen von neuem mit sich fort. – Feuriger suchte der Jüngling seine Wünsche auszudrücken, und zärtlicher schien die Geliebte ihn anzuhören. Ihre Augen wurden schmachtender, ihr Busen hob sich stärker, ihre Arme breiteten sich nach den seinigen aus; vergebens, sie wich noch einmal schüchtern zurück, aber die Pause gab beiden neuen Mut. – Schneller ertönte die Musik. Beflügelter folgten sich ihre Schritte. Außer sich vor Verlangen, eilte der Jüngling noch einmal auf das Mädchen zu, mit gleichen Empfindungen kam sie auch ihm entgegen. Ihre Blicke verschlangen sich, ihre Lippen schienen sich zu öffnen, nur süße Scham hielt sie noch schwach zurück. Aber stürmischer rauschten die Saiten, und heftiger wechselten ihre Bewegungen. Ein Rausch, ein Taumel, eine Wollust wollte beide vereinigen; jede Muskel schien zum Genusse sich zu drängen, jeder Augenblick demselben entgegenzufliegen. – Plötzlich schwieg die Musik, und die Tanzenden verschwanden.

Die Cousine schlug die Augen nieder und spielte mit dem Blumenstrauß an ihrem Busen. Die Gräfin wendete sich lächelnd an Rinaldo und fragte:

»Was sagt Ihr zu diesem Tanze?«

»Ich sage, es ist ein bezaubernd schöner Tanz.«

»Meint Ihr?«

»Ein Tanz, der so lebhaft zu einem Gefühle spricht, das die ganze Natur belebt, das allein den Egoismus der Menschen mildern kann, sollte der nicht bezaubernder als jeder andere sein?«

»Wie könnte auch«, – lächelte die Gräfin, – »ein Mann anders urteilen?«

»Dürfte er?« – fragte Rinaldo.

»O!« – rief die Cousine aus; – »was glaubten die Männer nicht zu dürfen!«

Die Bolero-Tänzerin trat herzu. Sie wurde von der Gräfin und von Rinaldo reichlich beschenkt.

 

Rinaldo schien seine Lage und sich selbst beinahe vergessen zu haben, als er auf eine unangenehme Art an alles wieder erinnert wurde. – Die Gräfin lenkte bei Tafel das Gespräch auf einen sonderbaren Vorfall. Wir wollen es hören.

»Mein Jäger«, – sagte sie, – »den ich mit Aufträgen nach Cagliari geschickt hatte, ist soeben wieder zurückgekommen. Er hat auf dem Wege etwas Kostbares gefunden.«

»Etwas Kostbares?« – fragte Rinaldo.

»Er will es Euch verhandeln.«

»An mich?«

»Weil Ihr sicher wißt, wohin das Gefundene gehört.«

»Ich bin begierig –«

»Ihr nennt Euch fremd auf dieser Insel?«

»Das bin ich.«

»Doch wohl nicht ganz.«

»Ich verstehe nicht –«

»Wer trug dies Bild?«

Sie überreichte ihm sein eigenes Portrait. Es war eben das, welches Fortunata ihm gezeigt hatte. – Rinaldo faßte sich schnell.

»Dies Bild trug niemand. Mein ist es; Ich habe es verloren. Meinen Dank soll der Finder erhalten.«

»Dies Bild trug keine Dame? Und dies sollen wir glauben?« – fragte die Cousine.

»Ja!« – fuhr die Gräfin fort. – »Es ist dies nicht das einzige Sonderbare; das größere kommt noch. – Der Jäger hat den sonderbaren Wahn, denn er behauptet und beschwört, dies Bild, – verzeiht, Herr Ritter! – sei das Konterfei des Räuberhauptmanns Rinaldini.«

»Lustig!« – lächelte Rinaldo. – »Ist dies sein Bild, so bin ich der vom Tode auferstandene, furchtbare Mann, den Ihr sogleich der Obrigkeit überliefern müßt.«

Verlegen blickte ihn die Gräfin an. Die Cousine lispelte:

»Ein sonderbarer Zufall!«

»Den Jäger muß ich sprechen!« – rief Rinaldo aus.

Dieser kam.

Rinaldo Wie du gesagt hast, hast du den Räuberhauptmann Rinaldini gekannt?

Jäger O ja!

Rinaldo Du hast ihn selbst gesehen?

Jäger Selbst.

Rinaldo Wo?

Jäger Auf dem Wege von S. Leo nach Florenz. – Ich war damals in Diensten der Marchese Altanaro. Rinaldini kam als ein Jäger gekleidet, foppte meine Herrschaft, bat sich zuletzt Ringe, Uhren und 100 Zechinen aus, nannte sich und gab eine Sicherheitskarte.

Rinaldo Und er glich diesem Portrait?

Jäger Es scheint sein eigenes zu sein.

Rinaldo Das Portrait gehört aber mir, es ist mein Bildnis. Ich muß also auch dem Räuberhauptmanne gleichen?

Jäger Wie ein Bruder seinem Bruder gleicht.

Rinaldo Gut, daß Rinaldini nicht mehr lebt! – Aber ich war doch in Sizilien und Neapel, und kein Mensch hat meines Gesichtes wegen mich in Anspruch genommen.

Gräfin Du wirst dich irren, Corrado!

Jäger Es könnte sein, aber –

Rinaldo Er will sich nicht geirrt haben!

Die Cousine So scheint es. – Aber er hat sich dennoch geirrt.

Gräfin Nichts ist sicherer!

Rinaldo Er könnte mich in der Tat verlegen machen, wüßte ich nicht am besten, wer ich bin. – Hier, mein Sohn! – ist ein Trinkgeld für das Gefundene.

Jäger Ich bin beschämt und weiß nicht, was ich sagen, wie ich danken soll. Ich bitte um Verzeihung, daß ich –

Rinaldo Schon gut! Mein Gesicht nimmt dich nicht in Anspruch. Es soll und kann auch keinen Toten erwecken. Wir lassen ihn ruhen!

Der Jäger ging. Die Damen dinierten. – Nach aufgehobener Tafel empfahl sich Rinaldo, dankte für gegebene Herberge, bestieg sein Roß und trabte davon.

 

Aus einem Busche brach ein Mensch hervor. Es war Fabio, der Kammerdiener der Gräfin Olimpia.

Rinaldo Wie? Fabio? Du? – und hier?

Fabio Verdeckt und entronnen.

Rinaldo Wie das? – Deutlicher!

Fabio Die Damen sind arretiert.

Rinaldo Die Damen?

Fabio Meine Gräfin, die Signora Fortunata, ihre Gesellschafterin, die andern und die Herren dazu, welche aus Korsika waren.

Rinaldo Wo?

Fabio Auf der Villa. Des Nachts wurde sie von Soldaten besetzt.

Rinaldo Von Soldaten?

Fabio Die sämtliche Dienerschaft wurde zugleich mit arretiert. Ich bin glücklich entflohen. – Der Prinz war nicht bei uns; ich glaube, man hätte ihn sonst auch festgehalten. – Unter uns, Herr Ritter! Ich habe – nach meiner wenigen Einsicht – dem ganzen Wesen immer nicht viel Gutes prophezeien können.

Rinaldo Welchem Wesen?

Fabio Eine Art von Unwesen war es wohl eigentlich. Was man aber beabsichtigte oder im Schilde führte, davon weiß ich nichts zu sagen. – Meine Kameraden nannten die Gesellschaft nur die Goldmachergesellschaft. Der Prinz soll wirklich ein geborner Ägypter, ein Adept sein, wie man sagte. – Das ist wahr, von Ägypten und geheimen Dingen sprach er immer viel, besonders bei Tafel. – Doch Ihr werdet ihn ohne Zweifel besser kennen, als ich ihn kenne.

Rinaldo Du irrst dich!

Fabio Geld hat er genug. Er ist freigebig und gut. Meine Gräfin ist es auch. Wenn ihr nur nichts Arges widerfährt.

Rinaldo Was soll ihr widerfahren? Ein Mißverständnis, das sich bald lösen wird, muß bei der Sache obwalten.

Fabio Das gebe der Himmel! – Wenn ich nur wüßte, wohin ich mich nun wenden sollte.

Rinaldo In Salonetta ist meine Wohnung. Dort bin ich, den Bernhardinern gegenüber, leicht zu erfragen. Bis dahin ist hier ein kleines Zehrgeld. Wenn du rasch zugehst, bist du gegen Abend an Ort und Stelle.

 

Kaum war er ihm aus den Augen, als er sich rechts wendete und einen andern Weg einschlug. – Er sann hin und her, überlegte, bedachte, erwog und konnte nichts ersinnen, das ihm Sicherheit versprochen hätte. Unmutig stieg er bei einem Gebirgspaß vom Pferde und warf sich nachdenkend unter einen Baum.

Hier hatte er nicht lange gelegen, als sich ihm drei Bewaffnete nahten, denen er ihr Handwerk gleich ansah. Seine Kameraden kamen ihm in den Sinn. Schnell bemächtigte sich seiner der Entschluß, Sardegna zum neuen Schauplatz seiner ehemaligen Taten zu machen und sich seiner Lage zu entreißen, von der er sich wenig Gutes versprechen konnte. – Noch standen die Bewaffneten ratschlagend in der Ferne. Er winkte sie herbei. Sie kamen näher. Der eine fragte mit Laune:

»Der Herr verlangt unsren Besuch?«

»Ich habe mit euch zu reden.«

»Der Herr hat sich verirrt?«

»Zu euch.«

»Zu uns? – Kennt Ihr uns?«

»Wir wollen uns kennenlernen.«

»Wißt Ihr, ob uns etwas daran gelegen ist?«

»Mir liegt etwas daran.«

»Euch? – Man sieht, daß Ihr uns nicht kennt.«

»Dein Name?«

»Ein Verhör?«

Rinaldo Dein Name?

Sanardo Ich heiße Sanardo.

Rinaldo Wie heißt dein Hauptmann?

Sanardo Mein Hauptmann?

Rinaldo Nun! Einen Hauptmann werdet ihr, beim Teufel! doch haben?

Sanardo Nun sind wir aufs Reine! Der Herr hält uns also für Leute, die – auf anderer Nebenchristen Unkosten, nach eigener Willkür leben?

Rinaldo So ist es. – Bringt mich zu euerm Hauptmann.

Sanardo Wie? – Hat man den Herrn genötigt, uns aufzusuchen? Ist die Justiz hinter ihm her? Oder was treibt ihn zu uns?

Rinaldo Eine alte Bekanntschaft mit euerm löblichen Gewerbe.

Sanardo Wer sah Euch das an? – Wo hat der Herr gelernt?

Rinaldo In den Apenninen, in Kalabrien, bei dem bekannten Meister Rinaldini.

Sanardo Da muß der Herr etwas Rechtes können! Rinaldini soll's verstanden haben. Wir sprechen oft von ihm. Unter uns sind zwei Teufelskerle, Jordano und Filippo, diese haben bei dem nämlichen Meister gelernt. Sie sprachen oft von ihm. Diese werden dich also auch kennen.

Rinaldo Wohl möglich! Wir waren oft gar zahlreich; aber immer in mehrere Korps verteilt. – Wie stark seid ihr?

Sanardo Vor vier Wochen waren wir stärker. Es hat aber starke Stöße gesetzt. Bei S. Michiele hängen unserer achtzehn, und zwölf Köpfe sitzen auf Rädern; meines Bruders Kopf in der Mitte. – Jetzt gehen wir alle in eine Höhle. Wir zählen nicht mehr als achtzehn bis zwanzig Köpfe.

Rinaldo Eine Lumperei!

Sanardo Freilich! – Das Rekrutieren will auch nicht gehen. Die Galgen sind zu sehr gespickt. Dergleichen Ansichten machen keinen Mut.

Rinaldo Hat euer Hauptmann keinen Ruf?

Sanardo Unser Hauptmann sitzt in Taborgo in Ketten und Banden. Jetzt haben wir nur einen Interimskommandanten. Wir wechseln monatlich im Kommando ab.

Rinaldo Das taugt nichts! – Überhaupt scheint ihr mir eben keine großen Helden zu sein.

Sanardo Davon sprich nicht! Wir stehen unseren Mann. Aber freilich, furchtsam sind wir ein wenig geworden, denn die Kriminal-Gerichte haben uns die Schnäbel derb abgeputzt.

Rinaldo Rinaldini hatte Gefechte, in denen er oft 50 bis 60 Mann verlor. Aber den Mut ließ der Überrest nicht sinken, denn er selbst kannte keine Furcht.

Der eine Räuber bemerkte Reiter. Sie kamen näher. Es war eine Dragoner-Patrouille von drei Mann. – Sanardo riet, sich eiligst zurückzuziehen: Rinaldo rief ihnen zu:

»Jetzt bleibt und zeigt mir, daß ihr Männer seid, die stehen können. Ihr sollt auch mich kennenlernen.«

Er schwang sich auf sein Pferd, und Sanardo schrie:

»Wir stehen!«

Die Dragoner kamen näher. Sie riefen ihnen zu, die Waffen abzulegen. Trotzig fragte Rinaldo:

»Könnt ihr das fordern?«

»Wir befehlen es!« – war die Antwort.

»Reitet zurück und sagt, daß Rinaldini nie die Waffen gestreckt hat.«

Die Reiter stutzten. »Rinaldini?« murmelten sie einander zu.

Dieser fuhr fort:

»Sucht ihr aber Kampf, den sollt ihr haben. – Burschen! schlaget an!«

Die Büchsen lagen den Dragonern entgegen. Rinaldo hatte eine Pistole gezogen.

Die Reiter schwenkten sich und ritten davon. Rinaldo wendete sich zu den Räubern und fragte:

»Seid ihr nun mit mir zufrieden?«

»Aber«, – fragte Sanardo, – »Rinaldini bist du nicht?«

»Der bin ich.«

Mit einem Tempo streckten alle drei die Gewehre, küßten ihm die Hand und Sanardo sagte:

»Wir bitten dich, unser Hauptmann zu sein!«

»Das will ich« – antwortete Rinaldo. – »Euer Hauptmann will ich sein. Zu meinem alten Handwerke will ich wieder greifen und enden will ich, wie ich enden muß. Es waltet über dem Menschen ein unbeugsames Schicksal. Bestimmt ist ihm sein Los. Sein bestes Spiel spielt er verzagt, und mutig wagt er, um zu verlieren. – Fahrt hin, ihr schönen Träume meines Lebens! Ein anderer hege euch in froher Brust. Mein Schicksal will es anders. – Es sei! Ich will nicht länger widerstreben. – Voran! Ich folge euch.«

 

Jordano und Filippo sprangen hoch auf, als sie ihren Hauptmann erblickten. Sie küßten ihm die Hände und weinten Tränen darauf. – Die andern standen mit entblößten Köpfen um ihn herum und nahten sich ihm nur auf seine Winke. Er ließ sie alle versammeln, und als sie um ihn herum standen, sprach er:

»Ich nehme euch hiermit alle zu Kameraden an, und ihr schwört mir, als euerm Hauptmanne, Treue, Folgsamkeit und Gehorsam meinen Gesetzen, die ihr von mir erhalten werdet. Sie werden euch bekanntgemacht. Ihr habt sie zu befolgen. Wer dieselben einmal beschworen hat, muß nach denselben leben, denn jede bestimmte Strafe wird unbedingt vollzogen. – Seid ihr damit zufrieden?«

Ein allgemeines lautes: Ja! erscholl. – Rinaldo sprach weiter: »Wer mit mir leben will, muß mit mir fechten, muß mit mir sterben können. Doch wie könnte einer, der alles zu wagen hat, zaghaft sein? Die Notwendigkeit selbst muß ihm Mut geben. Lieber das Leben als den Körper verloren! Was ihr zu erwarten habt, wenn man euch lebendig fängt, wißt ihr, und jedes Hochgericht legt euch die Vermahnung deutlicher ans Herz, als es der beredteste Mund tun könnte: laßt euch nicht fangen. – Furchtbar müssen wir uns machen, und man fürchtet uns. Dies ist leicht möglich. – Ihr alle wißt oder könnt es leicht erfahren, wie schwach die Garnisonen und regulären Truppen dieser Insel sind. Kaum reichen sie hin, die Städte Cagliari, Sassari und die Wachttürme an den Küsten gehörig zu besetzen. Was aber die Landmiliz betrifft, so ist es ja bekannt, daß sie nicht sonderlich zu fürchten ist. Die Sarden stehen auch nicht wegen ihrer Herzhaftigkeit in großem Rufe. – Ich habe mit den Meinigen in geschlossenen Gliedern gegen Truppen der Florentiner und Römer, der Neapolitaner und gegen ihre Milizen gefochten. Nie aber hat ihre Übermacht mich und meine Leute zaghaft machen können. – Ein stärkeres Korps als jetzt müssen wir werden. Dafür laßt uns sorgen. Doch ist es nicht eine größere Anzahl, von der ich alles hoffe. Wenige, wenn sie herzhaft zu stehen und zu fechten wissen, sind mir lieber als Hunderte, die keinen Mut haben, die nur rauben, aber sich nicht wehren können. Im Gebrauche der Waffen werdet ihr geübt, und unerfahren führe ich euch nicht ins Gefecht. Aber nur dann fechten wir, wenn es nötig ist. – Ohne Angriff falle kein Schuß. Genug, daß wohlhabende Reisende beraubt werden, ihr Leben ist kein Gewinn für uns. Die Armut empfehle ich euch; das Wenige, was sie hat, behalte sie. Der Arme ist ohnehin unglücklich. Er ist auch dankbar; und oft dankt ihr wohl eure Rettung einem armen Teufel, der sein Stückchen Brot mit euch teilt, statt daß ihr ihn zum Verzweifelten machen würdet, wolltet ihr ihm nehmen, was er euch nicht freiwillig geben will. Auch empfehle ich euch Schonung gegen Weiber, Kinder und Greise. Ihre Schwachheit kann uns nicht reizen, ihnen unsren Mut zu zeigen. Als Männer laßt uns allenthalben auftreten, und gebt eurem Handwerk so viel Edles, als es ihm zu geben möglich ist. – Das ist es, was ich euch rate, was ich von euch verlange. Wollt ihr es erfüllen?« »Wir wollen!« – schrien alle.

»Nun dann! So bin ich euer Hauptmann.«

»Es lebe unser Hauptmann!«

»Hauptmann«, – begann Sanardo, – »laß dir die Gebräuche der Sarden gefallen. Auch wir haben unsre Schutzpatronin.«

»Sie sei auch die meinige.«

»Viva gloriosa Santa Arega!«Novena de sa gloriosa Santa Arega Sarda; Martirisada in deximu mannu. Casteddu 1771. Dieses führen die Sardischen Räuber bei sich. Die eben angeführte Stanze aus der Hymne an die Heilige gibt zugleich einen kleinen Begriff von der Sardischen Sprache.

Dieses wiederholte Rinaldo, und die ganze Gesellschaft stimmte nach dem Tone einer Sardinischen Pfeife und einigen Zithern, den einzigen Instrumenten gemeiner Sarden, nach welchen auch ihre Volkstänze getanzt werden, den Gesang an:

In Deximu bella Aurora
Nascis de gracia luxenti;
Sias de sa devota genti
Santa Arega intercessora! etc.

Rinaldo fragte nach den verborgensten Schlupfwinkeln der Berge. Dahin brach die Gesellschaft auf.

 

Auf einem schlechten Feldbette, unter einem Strohdache einer Sardischen Berghütte von vier Pfählen untererstützt, lag Rinaldo, mit sich selbst beschäftigt. Behaglich war ihm seine Lage keineswegs, er suchte sich aber selbst zu täuschen und wollte sie nun einmal behaglich finden.

Bekannt waren die Gesetze gemacht, auch waren sie beschworen worden. Es wurden ihm einige Kerle zugeführt, und in einigen Tagen zählte er zweiunddreißig Köpfe, die ihm gehorchten. Alle wurden in den Waffen geübt. Jordano und Filippo machten dabei sich sehr verdient.

Rinaldo hatte die Berge besucht, die Gegend rekognosziert, und suchte sich nun mit Proviant, Gewehr und Munition zu versehen. Jetzt schickte er Streifpartien aus und ließ zusammenschleppen, was zu bekommen war.

Auf der Spitze eines von den Bergen, unter denen man hier hauste, standen, von hohen Fichten beinahe ganz bedeckt, die Ruinen einer kleinen Raubfeste, in der ehemals ein gewisser Wegelagerer, Brancolino, nistete und die Bewohner der Täler hart bedrängte. Endlich fiel er einmal im Gefechte gegen die spanischen Soldaten, und sein Nest ward zerstört. Dabei tat auch die Zeit das ihrige. Weil jetzt der Platz einmal leer war, bevölkerte ihn die Furcht und die Liebe zum Sonderbaren mit Geistern, von deren Walten und Wesen die benachbarten Dorfbewohner gar viel zu erzählen wußten. Jedermann sprach von diesen Ruinen, aber keiner wagte es, sie zu besuchen.

Rinaldo aber war so kühn, sie sogar zu seiner Residenz zu wählen. Was nur herzustellen war, wurde, so gut wie möglich, hergestellt. So erhielt er, mitten unter Schutt und Trümmern, drei Plätze, die wieder für das gelten mußten, was sie ehemals gewesen waren, für Zimmer. – Er untersuchte genau und fand zu seinem großen Vergnügen einen unterirdischen Gang, der am Fuße des Berges hinaus ins Freie, in einen angrenzenden Forst führte. Der Ausgang war von Büschen und Dornen umwachsen. Weit darin in einer schmalen Kluft, durch die nur ein einzelner Mensch sich drängen konnte, verschloß ihn eine starke, doppelte eiserne Tür, die bald wieder gangbar gemacht wurde. Die Eulen und Fledermäuse wurden delogiert. Menschen bemächtigten sich ihrer bisherigen Residenz.

Der Eingang in die Ruinen wurde mit einer kleinen Zugbrücke versehen. So, wohlverschlossen und verwahrt, kampierte Rinaldo in seiner Burg, wenn er allein sein wollte.

In den Bergen umher wurden mehrere Höhlen bewohnbar gemacht; man grub sich ein, so gut man konnte, und machte sich nur sichtbar, wenn man wollte. Dies alles waren die Früchte einer angestrengten Arbeit von acht Wochen, bei deren Vollendung, nahe bei den Ruinen, ein mit köstlichen Weinen wohlangefüllter Keller entdeckt ward, der vermutlich ehemals dem edlen Brancolino gehört hatte. Jetzt wurde er die Beute einer Gesellschaft, die auch Wein trank und manchen Becher auf seine Gesundheit leerte.

Neben diesem Keller wurde eine Kapelle ausgemauert, ein Bild der heiligen Arega ward aus einer benachbarten Klosterkirche, auf gewöhnliche Art, abgeholt und in dieselbe gesetzt. Das ordnete Rinaldo zu großer Freude seiner sardischen Kameraden an, die nun Wohnungen, Wein und Andacht so gut und so nahe hatten, als sie dieselben nur schwer ehemals haben konnten oder sie zu erhalten Hoffnung hatten.

Das Kloster, welchem die heilige Arega entführt worden war, entrüstete sich sehr über diese kühne Tat, zumal, da die ehemaligen Besitzer die Entdeckung machten, daß man mit der Heiligen zugleich ihre besten goldenen und silbernen Kirchenschätze geraubt hatte. Der Prälat forderte die benachbarten Bauern auf, ihm die Räuber ausfindig machen zu helfen, aber man suchte sie nicht auf dem rechten Platze und fand sie also auch nicht.

 

Es war ein schöner Morgen; Himmel und Erde lachten in verjüngter Pracht. Im diamantenen Meere des reinen Morgentaues spiegelte ihr Antlitz die hehre, heitere Sonne, und tausend Kehlen sangen ihr den Morgengruß. Da nahm Rinaldo, sardisch gekleidet in Jägertracht, sein Rohr, verließ seine Mauern und ging hinab ins Tal.

Bald traf er auf ein Mädchen, das Futterkräuter in einen Korb sammelte. Er bekam Lust, sich mit ihr zu unterhalten. Es kam zum Gespräch.

Er Einen frohen guten Morgen, einen heitern Tag und eine schöne Nacht wünsche ich dir, fleißiges Mädchen!

Sie Viel auf einmal! – Wieder so viel von mir für Euch!

Er Der Morgen ist so heiter, und du scheinst nur mit trüben Augen ihn zu sehen.

Sie So ist es schon lange.

Er Was ist dir?

Sie Ich bin ein armes Mädchen und habe viel Kummer.

Er Verliebt?

Sie Das leugne ich gar nicht. Ich wollte aber, ich wär' es nicht. Daß ich es bin, das ist eben mein Unglück! – Der schönste Bursch in unserm Dorfe ist mir gut. Er hat mir Ständchen gebracht, er hat mich mit Limonen geworfen, und ich habe ihn mit Wasser begossen.Verliebter Sarden und Sardinnen Gebräuche auf dem Lande. Damit war's entschieden, daß wir uns beide liebten. Aber – der Edelmann will's nicht leiden.

Er Was geht es den Edelmann an?

Sie Wir sind seine Untertanen, und er ist unser Herr.

Er Kann er auch über Herzen gebieten?

Sie Er muß es doch können, weil er es tut.

Er Was sagen deine Eltern dazu?

Sie Die sagen, was der Herr sagt, und der Pater sagt es auch, und jedermann im Dorfe sagt: wir dürften einander nicht lieben.

Er Sonderbar!

Sie Ich wollte, ich wär' gestorben!

Er Wie heißt dein Edelmann?

Sie Mein Herr ist der Herr Marquis Reali. Er ist, sagt man, den Mädchen gar gut, aber mir nicht. In unserm Dorfe verheiratet er die Mädchen beinahe nach seinem Sinne, und er beschenkt sie dann auch.

Er Er muß dich auch beschenken.

Sie Er will nicht und will auch nicht, daß ich meinen Nicolo heiraten soll.

Er Wie nennt man dich?

Sie Maria. – Mein Vater ist Aldonzo und hat schöne Felder. Geschwister habe ich nicht, arm bin ich auch nicht; aber – unglücklich.

Ihr Korb war gefüllt. Sie schwang ihn auf den Rücken, trocknete die Augen und ging. Rinaldo ging mit ihr. Sie sah ihn mit fragenden Blicken an.

Rinaldo Ist der Marquis Reali verheiratet?

Maria Nein.

Rinaldo Alt?

Maria Ein Dreißiger.

Rinaldo Hübsch?

Maria Ziemlich, aber doch nicht so hübsch wie mein Nicolo.

Rinaldo Ist er gesellschaftlich?

Maria Er gibt an Gastfreiheit keinem Sarden etwas nach.

Rinaldo Er ist wohl reich?

Maria Sein gutes Auskommen soll er haben; soll auch etwas zurücklegen können, aber – das tut er nicht, wie man sagt. – Doch, – sagt mir nun auch, warum Ihr mich so ausfragt?

Rinaldo Weil ich wünsche, dich glücklich zu sehen.

Maria Können das Eure Fragen und meine Antworten bewirken? Nein! Dahinter steckt sicher etwas ganz anderes. – Aber, seht! dort kommen Leute, laßt mich allein meinen Weg gehen und bringt mich nicht in böse Mäuler.

Er sagte ihr ein Lebewohl und kehrte schnell in seine Burg zurück.

 

Als er auf den gewöhnlichen Versammlungsplatz kam, stellte man ihm einen Rekruten vor. Rinaldo examinierte ihn. Seine Antworten waren:

»Ich bin desertiert von dem Deutschen Regimente, welches in Cagliari in Besatzung liegt. Das Schultern stand mir nicht länger an. Ich lief davon und habe Lust, ein Handwerk zu treiben, das mir, obwohl in anderer Art, von jeher sehr gefiel und behagte. Mit einem Worte, das Rauben war vorlängst schon meine Sache. Von Geburt bin ich ein Deutscher, geboren in Reutlingen, wo ich das Zugreifen lernte. Ein Buchdrucker von Profession erhob ich mich bald zum Nachdrucker. Es ist dies ein sehr leichtes Geschäft, zwar unerlaubt, trägt aber etwas ein. Man braucht nur zu vigilieren, welches Buch Aufsehen macht, und guten Abgang verspricht. Gleich fährt man darüber her, druckt es auf Löschpapier mit abgestumpften Lettern nach, schickt's in die Welt und streicht's Geld ein. Dabei lebt es sich gut und ruhig, denn es ist bei uns erlaubt, dies zu tun. Man fürchtet keine Strafe, weil keine zu fürchten ist, und lacht darüber, daß man uns Diebe, Piraten, Schufte, Schurken und schlechte Menschen nennt. Zwar weiß man wohl, daß man das ist, aber man lacht dennoch und nachdrucket immer fort. So stiehlt sich es wirklich gut!«

»Warum aber«, – fragte Sanardo, – »bliebst du denn nicht bei deinem eleganten Handwerke?«

Der Reutlinger fuhr mit der Hand übers Gesicht, zuckte mit den Achseln und sagte:

»Wie das nun geht! Ich hatte Geld erworben und machte mich auf, meinen Kollegen in Bamberg, Karlsruhe u. a. a. O. zuzusprechen. Wir sahen, sprachen uns und lebten herrlich und in Freuden. Einen allgemeinen Nachdrucker-Kongreß schrieben wir aus und kamen im Bade zu Spa zusammen. Hier führte mich der Böse an eine Farobank, und was ich mir erstohlen hatte, ging in drei Abenden fort. Meine Kollegen waren großmütig, bezahlten meine Zeche und reichten mir eine Kollekte. Sie verließen in Equipagen das Bad, und ich verließ es zu Fuße. Die Kollekte war bald aufgezehrt. Ich ließ mich unter die Soldaten anwerben. Man schickte mich nach Mailand. Ich lief zu den Piemontesern über und ward mit nach Cagliari abgeschickt. – Jetzt komme ich zu euch: denn ich will nun einmal meinen Galgen haben.«

»Den sollst du haben!« – rief Rinaldo und ging mit Sanardo auf die Seite.

Dieser kam zurück, Rinaldo aber hatte kaum seine Burg erreicht, als schon der Reutlinger an einem Baume hing, weil er, meinten sie, für ihre Gesellschaft zu schlecht sei.

 

Den folgenden Tag bestieg Rinaldo sein Roß und erreichte bald das Schloß des Marquis Reali. – Er selbst trat im Schloßhofe ihm entgegen und nötigte ihn sehr höflich, mit sardischer Gastfreiheit, bei ihm einzusprechen.

Er zeigte ihm sein Münzkabinett und führte ihn in eine Galerie, in welcher eine ganz lange Reihe von Bauernmädchenportraits hing. – Lächelnd fragte Rinaldo:

»Was sagt wohl diese Suite?«

»Dies« – antwortete der Marquis, – »sind Köpfe von Mädchen meiner Untertanen auf meinen Gütern, die ich ausgesteuert und verheiratet habe. Es ist daraus so nach und nach bei mir eine Art von Geschäft geworden.«

»Das aber doch wohl auch seine Zinsen trägt?«

»Zuweilen. – Aber, unter uns! es geht mit den Weibern gemeinhin wie mit bösen Schuldnern, man verliert oft bei ihnen Zinsen und Kapital zugleich. – Indessen, es macht mir Spaß, die Suite zu vermehren, und Platz ist dazu vorhanden.«

»Aber doch wohl nur bis zu Eurer Vermählung?«

»Ich werde mich nie verheiraten. Es ist dies einer meiner Grundsätze.«

»Wie oft wurden Grundsätze von schönen Augen umgestoßen!«

»Ich lebe hier in einer artigen Kollektion von schönen Augen, wie Ihr seht!«

»Sie sind unbeweglich.«

»Die Phantasie kann alles bewegen. – Meine Vorfahren genossen bei den Töchtern ihrer Untertanen das Recht der ersten Nacht. Sie haben es sicher redlich exerziert. – Mein Vater, eine Art von Philosoph, fand dies Recht ungerecht, besonders, da er meine Mutter außerordentlich zärtlich liebte. Er verwandelte das Recht in eine kleine jährliche Abgabe und hob es auf. Seine Untertanen setzten ihm eine Bildsäule, die Ihr noch im Schloßhofe stehen seht. – Ich besitze nun kein Recht mehr, aber ich erhandle mir zuweilen eine Gefälligkeit. Dabei geht alles ohne Groll ab.«

»Ihr wählt die Männer für die Mädchen, die Ihr aussteuern wollt?«

»Ich wähle sie.«

»Machtet Ihr Euch noch nie den Spaß und ihr die Herzensfreude, ein Mädchen auszusteuern, die selbst sich einen Mann wählte?«

»Dies ist, so viel ich weiß, noch nie der Fall gewesen. Doch sie betrügen mich, das merke ich. Was meine Wahl zu sein scheint, war oft schon ihre eigene Wahl. Das wissen die Mädchen gar schlau zu karten.«

»Ich wage eine Interzession!«

»Wieso?«

»Ein Mädchen hat mich gebeten, für sie bei Euch zu bitten.«

»Was will sie?«

»Eine gewisse kleine, artige Brünette, Maria Aldonza, wünscht ihren Nicolo heiraten zu dürfen.«

»Wie kommt sie an Euch?«

»Ich fand sie weinend auf dem Felde: Ich unterhielt mich mit ihr, vernahm die Ursache ihrer Tränen und ward von ihr gebeten, ihr Vorsprecher zu sein.«

»Es ist die Bitte meines Gastes die erste dieser Art an mich; – Maria soll ihren Nicolo heiraten.«

»Kommt ihr Portrait dann auch in diese Reihe?«

»Nur dann, wenn ich sie ausstatte.«

»Das tut Ihr doch?«

»Das verspreche ich nicht. Doch, – es kommt auf Marien an. Ich handle nicht gegen meinen Grundsatz.«

»Als Fremder wage ich es nicht, Euch vorzugreifen. – Das Mädchen hat mich gerührt. –«

»Wollt Ihr sie ausstatten?«

»Wenn ich darf –«

»Nun gut! – Doch nicht eher, als bis ich selbst ihr keine Ausstattung gebe.«

Die Zeit der Siesta war gekommen. Beide begaben sich zur Ruh. – Rinaldo hatte länger als der Marquis geschlafen. Als er ins Zimmer kam, saß Maria einem Maler, der sie portraitierte. – Der Marquis führte seinen Gast in ein anderes Zimmer und lächelte. »Maria wird von mir ausgestattet, und Nicolo wird ihr Mann.« Das Gespräch wendete sich. Man kam auf Cagliari, und endlich erfuhr Rinaldo etwas, wobei er interessiert war.

»Auf Requisition aus Frankreich«, – fuhr der Marquis im Verfolg seines Gesprächs fort, – sind in Cagliari eine ganze Hecke mißvergnügter Korsen und ihre Freunde arretiert worden. Man spricht von Anschlägen auf Korsika, von einer Landung daselbst, von Truppen, die Rinaldini hätte anführen sollen, und dergleichen. – Ich glaube, man vergrößert etwas sehr Unbedeutendes, vielleicht aus Politik.«

»Lebt denn Rinaldini noch?«

»Man sagt es.«

»So ist er sicher auch mit arretiert worden.«

»Ihn hat man nicht angetroffen. Auch soll ein gewisser türkischer Prinz entkommen sein, der, wie man sagt, das Haupt der korsischen Verbindung war.«

»Sind die Verhafteten noch in Cagliari?«

»Nein. – Man hat sie einem französischen Kommissar übergeben. – Nun heißt es aber, das Schiff, auf welchem sie sich befanden, sei genommen worden. Doch davon spricht man unbestimmt. Mir liegt nichts daran! Das aber möchte ich wissen: Ob Rinaldini wirklich noch, und ob er auf dieser Insel lebt?«

»Das möchte ich selbst wissen.«

»Und lebt er noch, so wünsche ich, ihn zu sehen.«

»Ihn zu sehen?«

»Ja! ihn zu sehen. Es kostete allenfalls eine Börse mit Zechinen, ihm zu begegnen, und dafür wollte ich ihn recht beschauen.«

»Mit dieser Börse wären aber einige Mädchen auszustatten, und dabei – gäb' es doch wohl mehr als nur etwas zu sehen.«

Maria trat ins Zimmer, küßte dankend dem Marquis die Hand und bat ihn, ihr gnädiger Herr zu bleiben. – Ein Bedienter trat ein und winkte dem Marquis, der mit ihm das Zimmer verließ.

Maria sagte:

»Euch habe ich sicher alles zu verdanken!«

»Dir selbst, mein Kind«, – sagte Rinaldo, – »hast du deine Aussteuer zu verdanken.«

»Wenn auch diese, doch das nicht, daß ich Nicolo heiraten darf. Die Aussteuer wär' wohl längst schon zu bekommen gewesen, aber Nicolo nicht mit dazu.«

Rinaldo drückte ihr einige Goldstücke in die Hand. Sie fragte:

»Wollt Ihr mich auch aussteuern?«

»Ich bin kein reicher Marquis.«

»Doch habt Ihr fein gegeben!«

»Wenigstens uneigennützig.«

»Das lobe ich, verdenke es Euch aber. Der Herr Marquis denkt anders als Ihr. – Ich danke Euch!«

»Geh, grüße deinen Nicolo!«

»Der wird recht froh sein, daß er mich heiraten darf und daß er nun auch bald erfährt, wie es sich in einem Bette liegt!«Das Schlafen in Betten ist bei den Sarden nur ein Vorrecht verheirateter Personen. Die Junggesellen schlafen auf dem Boden, höchstens auf Stroh und Schilfmatten.

Sie sprang aus dem Zimmer, wohin der Marquis nachkam. Er bat um Verzeihung, ihn allein gelassen zu haben, doch setzte er hinzu:

»Ich habe Euch doch nur allein bei einem artigen Mädchen gelassen –«

»Die«, – fiel Rinaldo ein, – »ausgesteuert war.«

Der Marquis lachte laut auf und fuhr dann in einem andern Tone fort:

»Soeben habe ich durch einen reitenden Boten Briefe erhalten, die mir Gäste ansagen, die diesen Abend noch eintreffen werden. Darf ich Euch bitten, so erwartet Ihr sie mit mir. Die Gesellschaft besteht aus vier Damen, einer Tante und drei Cousinen. Ich allein würde gar zu isoliert unter Vieren stehen. Ich wiederhole also meine Bitte!«

»Ich bleibe.«

»Jetzt aber bitte ich, um ihn den Damen vorstellen zu können, um meines Gastes Namen.«

»Ich bin der Jüngste des gräflichen Hauses Marliani, im Veltelinerland geboren. Mein Onkel schickte mich auf Reisen, und eine Reisenden erlaubte, anständige Neugier brachte mich auf diese Insel.«

Der Marquis gab seinem Haushofmeister Befehle. Rinaldo ging in den Schloßgarten.

 

Er ging auf eine Hintertür des Gartens zu, öffnete sie und trat ins Freie. – In einem Busche regte sich's. Rinaldo griff nach dem Dolche. – Jordano kam aus dem Busche.

»Bist du hier?« – fragte er.

»Wir waren deinetwegen in Verlegenheit.«

»Ich werde einige Tage auf diesem Schlosse bleiben. – In dieser Gegend, wo wir uns jetzt sprechen, mögen immer einige der Unsrigen stecken, damit ich sie bei der Hand habe, wenn ich sie brauche.«

»Gut! – Wir haben auch eine Spekulation.«

»Welche?«

»Es kommt ein Wagen hier vorbei. Diesen wollen wir ein wenig anhalten.«

»Nichts! Jetzt keinen Lärm, so nahe bei einem Orte, wo ich mich befinde. Wir könnten alle in Verlegenheit kommen. Geht der Wagen aber weiter –«

»Gut, gut! – Nun, weiß ich schon genug. – Ich muß zu meinen Burschen!«

Er kroch in den Busch, und Rinaldo ging in den Garten zurück. Ein freundliches Mädchen schnitt Blumen ab. Rinaldo kam mit ihr ins Gespräch.

»Die Blumen« – sagte sie, – »sollen Kränze geben für die Tafel und Sträußchen für die Damen, die der Herr Marquis erwartet.«

»Du gehörst ins Schloß?« – fragte Rinaldo.

»Ich habe die Ehre, dem Herrn Marquis zu dienen, und bin Aufseherin über die Wäsche und das Tafelgerät im Schlosse.«

»Wenn du heiratest, wird dich der Herr Marquis wohl auch ausstatten?«

»Er hat davon noch nichts gesagt, und ans Heiraten wird's wohl sobald noch nicht kommen.«

Der Marquis kam. Rinaldo ging ihm entgegen, zeigte auf das Mädchen und sagte:

»Dort gibt es etwas Hübsches auszustatten!«

»Vielleicht!« – antwortete der Marquis lächelnd.

Sie gingen nach der Hintertür des Gartens. Ein Wagen rollte heran; die erwarteten Gäste saßen in dem Wagen.

 

Man war im Saale des Schlosses. Die namentlichen und persönlichen Bekanntschaften waren gemacht. – Die Tante war eine lebhafte Vierzigerin, sprach viel und war sehr aufgeräumt. Von den Cousinen des Marquis waren zwei Schwestern, beide noch sehr jung, etwas verlegen und still. Die dritte, in den Jahren der Forderung, war lebhaft, witzig und gesprächig. Sie war es, mit der Rinaldo sich unterhielt. Der Marquis scherzte mit der Tante. Sie neckte ihn seiner Mädchengalerie wegen und plaisantierte über seinen Geschmack.

Die Unterhaltung über Tafel war lebhaft genug. Es wurde gescherzt, gelacht und endlich gar gesungen. Der Marquis und die lebhafte Cousine, Oriane, ergriffen Guitarren. Sie spielten und sangen:

Wechselgesang

Er
Gib mir die Blumen,
Gib mir den Kranz!
Ich führ' dich, Liebchen!
Morgen zum Tanz.

Sie
Laß mir die Blumen,
Laß mir den Kranz;
Führ' eine andre
Morgen zum Tanz.

Er
Nein, liebes Mädchen!
Du nur allein,
Sollst die erwählte
Tänzerin sein.

Sie
Was kann mir's helfen;
Sollt ich allein
Auch die erwählte
Tänzerin sein?

Er
Ewige Liebe,
Schwör' ich nur dir.
Gib mir die Blumen,
Tanze mit mir!

Sie
Schwörst du mir Liebe,
Folg' ich zum Tanz.
Hier sind die Blumen,
Hier ist der Kranz.

Er
Und mit den Blumen
Schenk' mir dein Herz!
Ich mein' es ernstlich,
Treibe nicht Scherz.

Sie
Meinst du es ernstlich;
Treibst du nicht Scherz,
So nimm die Blumen,
Nimm auch mein Herz!

»Wer wird dem Sänger trauen?« – rief die Tante lächelnd aus.

»Ich nicht«, sagte Oriane.

»Es blieb' ja alles nur in der Freundschaft«, – setzte der Marquis hinzu.

»Und wird zum Kabinettstück«, fuhr die Tante fort.

»Nur nicht zum Galeriestück!« – fiel Oriane ein.

Marquis Man sammelt für den Kenner.

Oriane Und liebt die Kennerinnen, bis zum Studio.

Marquis Nun ja! Kann man wohl mehr tun?

Tante Oft kann man nicht zu viel tun. Die sogenannten Kenner verlieren sich nicht selten so sehr in ihr Studium, daß sie dieses Studium sogar selbst darüber verlieren.

Marquis Der Mensch ist zum Verlieren geboren.

Tante Und will dennoch stets gewinnen.

Marquis Seine Existenz privilegiert seine Hoffnungen.

Tante Ei freilich! Wer träumte nicht wenigstens gern angenehm?

Rinaldo Aber das Erwachen?

Tante Ist freilich nicht immer angenehm. Unser Marquis aber träumt selten, glaube ich.

Marquis Er lebt ja. Und was ist unser Leben anders als ein Traum?

Tante Gute Nacht!

Sie schob den Stuhl. Der Marquis protestierte gegen das Aufstehen. Er gab ein Zeichen. Ein hübsches Mädchen und ein flinker Bursch traten ein. Sie tanzten den Fandango. – Man klatschte ihnen Beifall zu, und als sie abgetreten waren, wurde die Tafel aufgehoben.

 

Den folgenden Morgen ward eine Spazierfahrt auf eine Villa des Marquis beschlossen. Man fuhr dahin, divertierte sich wohl und fuhr gegen Abend zurück. – Durch einen Zufall war des Marquis Wagen weit vor dem Wagen voraus, in welchem Rinaldo, Oriane und eine der beiden Nichten saßen. Sie fuhren in einem Hohlwege, als plötzlich nahe am Wagen ein Schuß fiel.

»Haltet an!« – donnerten einige Stimmen.

Sprachlos, zitternd sahen die Damen ihren Begleiter an, der still vor sich hinsah und eine Verwünschung in den Bart murmelte. – Der Wagen hielt. Zwei Verlarvte traten an die Kutschenschläge. Sie sahen in den Wagen und baten sich die Börsen aus.

»Wie?« – fragte Rinaldo.

Auf diese Frage sprangen die Verlarvten sogleich zurück und schrien:

»Kutscher, fahr zu! – Gute Nacht, schöne Damen!«

Der Wagen rollte davon. Sie kamen ins Schloß.

Oriane erzählte, was geschehen war. Der Marquis und die Tante fixierten den Fremden. Lächelnd sagte Rinaldo:

»Ihr seht, meine Damen, welche Gewalt die Schönheit selbst über Räuber ausübt. Männer wären so wohlfeil sicher nicht davongekommen. Kaum aber sahen die rohen Kerle Damen, als sie den Wagen mit einem: Gute Nacht, schöne Damen! verließen und ich meine Börse behielt.«

Oriane Wie aber, Herr Graf, wenn ich nun das Glück bloß Euerm: Wie? zuschrieb, auf welches die Verlarvten so schnell sich zurückzogen?

Rinaldo So müßtet Ihr voraussetzen, ich sei ein Zauberer. Wie könnte ein bloßes Wie? dergleichen Bewaffnete schrecken? Wie könnte es sogar Börsen retten? Nein! dies Wie? konnte es nicht tun. Aber die Schönheit, der selbst Tribut gehört, gibt keinen.

Tante Der Vorfall ist höchst sonderbar!

Marquis Gewiß!

Oriane Er ist sogar unerklärbar. Denn des Herrn Grafen Erklärung erklärt den Vorfall nicht.

Rinaldo Die Geschichte gibt meiner Erklärung hinreichende Belege.

Oriane Eine gewisse Autorität mußte doch die Räuber schrecken.

Rinaldo Ehrfurcht vor der Schönheit, wie gesagt?

Oriane Uns sahen sie zuerst und forderten Börsen. Sie sahen Euch, vernahmen Euer imponierendes Wie? und standen ab von ihrer Forderung.

Rinaldo Zuletzt wird es sich wohl gar zeigen, daß mich die Verlarvten kannten! – Meint Ihr nicht?

Oriane Ihr setzt eine Beleidigung voraus, an die ich nicht dachte.

Rinaldo So bleibt's bei der Zauberei!

Man lachte und sprach nicht weiter von der Sache.

 

Rinaldo ging in den Garten, wo man in einem Pavillon desselben speisen wollte. – Er drehte sich um eine Hecke, aus der Jordano hervortrat.

»Hauptmann!« – redete er ihn an, – »Ich lag hier und hörte hier den Herrn des Schlosses mit seinem Haushofmeister sprechen. Er sendet soeben einen reitenden Boten nach Perona und bittet, daß morgen früh ein Kommando Dragoner bei ihm einrücken möchte. Dies befahl er dem Haushofmeister an den Obristen dort zu schreiben. – Das könnte wohl dir gelten!«

»Ich wurde angefallen.«

»Ich weiß die dumme Geschichte! Sie kann dich verraten. – Lieber hätte man dir, da die Sache einmal so weit war, die Börse abnehmen sollen.«

»Ich wollte sie eben ziehen, und das schnelle Wie? war mir entflohen.«

»Der reitende Bote kommt nicht nach Perona; dafür ist gesorgt! – Es warten ihrer viere auf ihn, alle auf verschiedenen Plätzen. Das habe ich schon besorgt, aber –«

»Es sei dennoch nicht zu trauen, meinst du?

»Willst du es wagen?«

»Fort muß ich!«

»Das ist auch meine Meinung.«

»Aber ich möchte doch auch der edlen Versammlung –«

»Ein kleines Schreckchen einjagen?«

»Nicht so ganz, aber dennoch –«

»Halb?«

»Noch weiß ich selbst nicht recht, was ich tun werde! – Halte du dich mit deinen Leuten bereit. Gebe ich das gewöhnliche Signal, so kommt ihr herbei. – Wir speisen dort in jenem Pavillon.«

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