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Rinaldo Rinaldini der Räuberhauptmann

Christian August Vulpius: Rinaldo Rinaldini der Räuberhauptmann - Kapitel 15
Quellenangabe
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typefiction
authorChristian August Vulpius
titleRinaldo Rinaldini der Räuberhauptmann
publisherInsel Verlag
seriesinsel taschenbuch
volume426
printrun1. Auflage
editorKarl Riha
year1980
firstpub1799
correctorfranka.antenne@gmx.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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Vierter Teil

Dolum ad virtutem addere oportet.

FLORUS.

Vierzehntes Buch

Was vergangen ist, vergangen
Bleibe es. Die Gegenwart
Schenket Wünsche und Verlangen,
Wenn man auf die Zukunft harrt.

Originalillustration

Ein Mädchen trat ins Zimmer. Es war Lusette, die Tochter seiner Hauswirtin, einer Krämerin. Sie trug eine Schüssel, belegt mit Zitronen und süßduftenden Limonen, die, von einem so hübschen Mädchen getragen, die angenehmsten Nebenbegriffe von schönen, schwellenden Limonien, neben reizende Wirklichkeiten stellten. Blumen lagen über den goldenen Früchten.

»Meine Mutter schickt Euch diese Blumen und Früchte und läßt Euch bitten, sie ebenso gern anzunehmen, als sie dieselben gibt«; – sagte Lusette, indem sie sich verneigte und ihm die Schüssel überreichte.

Rinaldo nahm und dankte.

»Was uns« – sagte er, – »ein hübsches, freundliches Mädchen gibt, hat einen sehr angenehmen Wert!«

Lusette neigte sich errötend und verließ schnell das Zimmer.

Rinaldo war mit der Dame beschäftigt, die die Busenschleife verloren hatte. – Von ihr träumte und mit ihr erwachte er. – Er ging, eine Messe zu hören, dem Dome zu. – Hier lag betend die unbekannte Dame. Mit hochklopfendem Herzen warf er sich hinter ihr nieder.

Als sie den Betschemel verließ, sprang er auf, nahte sich ihr, reichte mit zitternder Hand ihr das Weihwasser und stammelte: »Ich überreiche Euch, schöne Signora! eine Schleife, die Ihr gestern verloren habt, als ich so glücklich war, Euch im Garten der Signora Fiametta zu sehen.«

Lächelnd nahm sie die Schleife und fragte:

»Als Ihr, – wie sagt Ihr? – so glücklich wart?«

»Ja! ich war es, und wurde es wieder –« lispelte er.

Sie schlug die Augen nieder und ging langsam zur Kirchtür. Hier blieb sie stehen und sah ihn freundlich an, indem sie fragte: »Ihr seid ein Fremder?«

Eine Verbeugung bejahte ihre Frage. Sie fuhr fort:

»Auch ich bin eine Fremde.«

»Mein Herz hegt klopfend einen Wunsch, der –« stammelte Rinaldo.

»Was Herzen wünschen, hoffen sie auch gewöhnlich.«

»Dürfen sie?«

»Wer kann es wehren?«

»Die Erfüllung ihrer Wünsche, die nur umsonst gewünscht wurde.«

Schweigend sah sie vor sich nieder, schlug den Schleier über ihr Gesicht und ging langsam der Sänfte zu, in welcher ihre Mohren sie in ein Haus trugen, das dem Dome gegenüber stand.

Rinaldo ging unter dem Säulengange auf und ab, blickte nach dem Hause, überlegte, beschloß – und ging endlich, nach langem Deliberieren, auf das Haus zu. – Hier blieb er stehen. – Die Tür ging auf. Er ging ins Haus. Er fragte nach der Dame, ward gemeldet und vorgelassen.

Fächer und Handschuhe in der Hand trat ihm Fortunata, – so hieß die Unbekannte – entgegen. Sprachlos blieb er ihr gegenüber stehen. – Endlich kam es aber doch zu Worten. Er stammelte ein Kompliment heraus, sprach von glücklichen Augenblicken, von der Schleife, von Verlegenheit, und schloß mit einem Seufzer.

Fortunata spielte mit dem Fächer und sagte:

»Hier sind wir beide fremd. Dies gibt uns ein Recht zu Hoffnungen, uns näher kennenzulernen, wenn wir – einander nicht etwa fremd bleiben wollen.«

»Wollt Ihr das?« – fragte er, indem er ihre Hand ergriff und sie küßte. Nach dem Kusse zog sie die Hand zurück und fragte:

»Wie nenne ich Euch?«

»Ich bin der Ritter de la Cintra.«

»Welch ein Stern leitete Euch nach Sardinien in das traurige Cagliari?«

»Ich bin – weil ich« –

»So, halb auf der Flucht, erzählt man einander keine Lebensgeschichte. Ich bin eben im Begriff, meinen Bankier zu besuchen. – Wir müssen schon ein andermal von unsern Reiseabenteuern miteinander sprechen. Doch, da es mich, – noch weiß ich nicht warum! – so sehr interessiert, den Finder einer verlorenen Busenschleife, die mich auch interessiert, näher kennenzulernen, so wollen wir es nicht lange anstehen lassen, uns wiederzusehen.«

»Ihr macht mich glücklich!«

»Glücklich? – Wie viel gehört dazu, einen Mann glücklich zu machen! Genug, wenn Ihr zufrieden seid! – Oder meint Ihr, daß es mit uns Weibern wie mit den Königen sei? Indem sie glücklich machen, wissen sie selbst nichts davon und sind wohl gar dabei noch sehr unzufrieden.«

»O! dies Los müsse Euch und mir nicht fallen! – – Wenn sich zwei Wanderer von ungefähr, einander fremd, auf einem Wege treffen, freuen sie sich dieses Zusammentreffens und wandern miteinander.«

»Und diese Wanderer sind wir?«

»Wenn Ihr es wollt!«

»Treffen wir uns auch wirklich auf einem Wege? – Dies wär' zu untersuchen.«

»Und diese Untersuchung?«

»Wir wollen sie nicht aufschieben. Erklärungen bei einer kleinen, frugalen Abendtafel –«

»Diesen Abend?«

»Schon? – Doch gut! Es sei! – Diesen Abend also, sehen wir uns wieder!«

»Wir sehen uns! und ich bin glücklich!«

 

Es war noch lange bis zur Abendzeit. – Wie waren bis dahin die Stunden auszufüllen? – Ein Spaziergang, wie gewöhnlich, und Rinaldo kam in Fiamettens Garten.

Er ging die Hauptallee hinauf, schlug einen Nebenweg ein und kam an einen Pavillon. Hier blieb er stehen. – Die Tür war halb geöffnet. Er nahte sich der Öffnung und sah ein interessantes Mädchengesicht. Das Mädchen selbst saß auf einem Sofa, windend einen Blumenkranz. Sie sah ihn, lächelte ganz unbefangen und rief ihm zu:

»Nur herein!«

Verlegen faßte Rinaldo die Tür an und getraute sich kaum, sie ganz zu öffnen, als von drinnen heraus ihm abermals ein freundliches:

»Nur herein!«

entgegenschallte. Dies gab ihm Mut. Er trat in den Pavillon.

»Ich glaube Euch« – sagte das artige Mädchen, – »schon in meinem Garten bemerkt zu haben?«

»In der Tat!« – stammelte Rinaldo, – »ich war gestern hier. Aber daß ich das Glück haben sollte, von so schönen Augen bemerkt zu werden, das konnte ich in der Tat nicht hoffen.«

Sie Und warum nicht? Habt Ihr meinen schönen Augen ein Kompliment gemacht, so laßt mich Eurer interessanten Figur eins machen. Ein Mann wie Ihr wird immer bemerkt werden. Und ich wette darauf, ich bin nicht die erste in der Welt, die Euch bemerkt. – Ihr seid also hier fremd?

Er So ist es!

Sie Auch ich bin es. Erst seit 10 Wochen lebe ich hier. Ich hoffe aber hier einheimisch zu werden. Deshalb habe ich mir diesen Garten gekauft. Gefällt er Euch?

Er Der Garten ist schön! doch seine Besitzerin –

Sie Ist noch weit schöner? – Natürlich! –

Hier entstand eine Pause. – Rinaldo verlor die schöne Kranzwinderin nicht aus den Augen, diese aber arbeitete, ohne aufzublicken, emsig fort. Er sah ihr lange stillschweigend zu und wollte endlich eben sprechen, als ein Mädchen eintrat und Fiametten ein Briefchen brachte. Sie las es, lachte, schrieb ein paar Worte mit Bleistift dazu, faltete das Papier und gab es zurück. Das Mädchen verließ den Pavillon. Fiametta, die eben ihre Kranzarbeit beendet hatte, legte den Kranz aufs Sofa und stand auf. Indem sie aufstand, fiel ihr ein Portrait, das an einem grünen Bande ihr um den Hals hing, aus dem Busen auf die Brust herab. Sie bemerkte es und schob das Portrait in den Busen zurück.

»Das war ein böser Mann!« – sagte sie; »sein Bild gehört nicht vor jedermanns Augen.«

Rinaldo stand ohne Sprache ihr gegenüber. Fiametta drehte sich unbefangen, als sei sie ganz allein, im Zimmer herum, sang dazu und ergriff endlich eine Guitarre. Sie setzte sich, präludierte ein wenig, spielte und sang.

Romanze.

»An der lauten Meeresküste,
In dem Tal, im Feld und Wald,
In der öden Berge Wüste,
Such ich deinen Aufenthalt.

Rinaldini! Dich zu finden,
Eil' ich ängstlich durch die Flur,
Und um mich Bedrängte schwinden,
Alle Reize der Natur.«

Seufzte Rosa, die Betrübte,
Die ihn im Gefecht verlor,
Ängstlich weinte die Geliebte,
Die Rinaldo sich erkor.

Sieh, da glänzt' im Mondenschimmer
Hell ein aufgespanntes Rohr.
Rosa sah des Rohrs Geflimmer,
Das in Büschen sich verlor.

»Ach! dahin! ich werd' ihn finden,
Sagt des Herzens Ahnung mir;
Und wenn alle Sterne schwinden,
Zeigt die Liebe Pfade mir.

Saht ihr nicht, ihr hellen Sterne,
Saht ihr nicht den kühnen Mann,
Den ich suche nah und ferne,
Ach! und ihn nicht finden kann?

Husch! und horch! es rauscht dort drüben,
Ha, es pfeift! das ist sein Ton!
Ja! ich find ihn, meinen Lieben,
Seine Stimme hör' ich schon.«

»Halt! Wer da? Gib dich gefangen!« –
»›Längst gefangen hast du mich.
Dich, Rinaldo, mein Verlangen,
Sucht' ich hier, und finde dich!‹«

»Sie hat ihn gefunden!« – sagte Fiametta.

»Wie wir uns gefunden haben!« – fiel Rinaldo schnell ein und ergriff ihre Hand.

»Nicht ganz so!« – lächelte Fiametta, indem sie ihre Hand sanft zurückzog. – »Ich bin kein Zigeunermädchen, und Ihr seid kein Räuberhauptmann; ich kann nicht wahrsagen, und Ihr werdet mich schwerlich ausplündern.«

Sie schien weitersprechen zu wollen, als ein Offizier in den Pavillon trat. Er grüßte Rinaldo gleichgültig, legte Hut und Degen auf einen Tisch und setzte sich ganz unbefangen zu Fiametten aufs Sofa. Leichthin, als ob er mit ihr ganz allein im Zimmer sei, fragte er: »Ist nichts vorgefallen?«

»Nichts von Bedeutung«, – antwortete Fiametta ebenso unbefangen.

Der Offizier fragte, indem er ihn fixierte:

»Wer ist der Herr?«

»Ein Fremder«, – war die Antwort.

»Wollt Ihr Euch nicht niederlassen?« – fragte der Offizier, aber in einem Tone, in welchem man weit eher fragen könnte: Wollt Ihr bald gehen?

Das wollte Rinaldo auch wirklich tun, als der Mann mit dem finsteren Blick, der ihm schon gestern im Garten begegnete, in den Pavillon trat.

Er grüßte gar nicht, behielt den Hut auf dem Kopf und setzte sich auf einen Stuhl ihm gegenüber. Indem er ihn bedeutungsvoll ansah, sagte er:

»Ich habe Euch gestern schon mit Verwunderung und Bedauern betrachtet. Ihr habt ein unglückliches Gesicht!«

Rinaldo erschrak, Fiametta lachte laut auf, der Offizier lächelte und der Physiognomist nahm Tabak.

»Was hat Euch mein Gesicht getan?« – fragte Rinaldo verlegen.

»Das nicht, was es Euch tut«, – sagte der Alte.

»Es ist einmal die Art dieses alten Herrn«, – sagte Fiametta –, »jedem Menschen etwas Unangenehmes zu sagen. – Er ist zwar kein Engländer, aber er hat dennoch den Spleen. Die Engländer haben die Korsen angesteckt.«

»Seid Ihr ein Korse?« – fragte Rinaldo schnell.

»Ich bin einer«, – sagte der grämliche Alte. – »Das kann Euch aber nichts verschlagen.«

Fiametta sprang schnell auf, ergriff Rinaldos Hand und sagte: »Empfehlt Euch diesen Herren! Wir haben von andern Dingen, als von Korsika, miteinander zu sprechen.«

Damit zog sie ihn aus dem Pavillon in den Garten, um das Bosquet herum, nach einer Laube zu, und in dieser saß Fortunata, in einem Buche lesend.

Er war Impertinenzen entrissen worden und stand einem schönen Weibe gegenüber, die er in einigen Stunden in ihrer Wohnung sprechen sollte, und die er jetzt ganz unvermutet auf einem Platze fand, der vielleicht ein Erklärungsort über verschiedene Sachen zwischen ihm und einem artigen Mädchen geworden wär', hätte nicht eine andere Schöne denselben schon eingenommen gehabt. Das alles kam, wenigstens ihm, ebenso sonderbar als unerwartet und schnell. Er konnte nicht ohne Verlegenheit sein.

Fiametta flog auf die schöne Fortunata zu, umarmte und küßte sie, während Rinaldo ein wenig Luft und Zeit sich zu sammeln bekam. – Aber er durfte nicht bei sich bleiben. Fiametta drehte sich rasch herum, nahm ihn beim Arme, schob ihn auf ihre Freundin zu, lachte laut auf, sagte:

»Da habt ihr euch!«

damit flog sie lachend zur Laube hinaus.

 

Rinaldo trat betroffen zurück, wollte sprechen und konnte nicht. Fortunata sah auf die Erde und spielte mit ihrer Busenschleife. Er glaubte zu bemerken, daß es eben die Busenschleife war, die er gefunden und ihr diesen Morgen überreicht hatte. – Nach einer langen Pause kam es endlich zum Gespräch.

Er In der Tat! diese Szene –

Sie Sie ist sonderbar genug!

Er Meine Verlegenheit –

Sie Und die meinige dazu! – – Fiametta ist ein mutwilliges Geschöpf! –

Er Ich soll diesen Abend so glücklich sein, Euch in Eurer Wohnung zu sprechen, und nun kommt der Zufall meinem Glücke zuvor!

Sie Das hat so sein sollen!

Er wollte weitersprechen, aber Fiametta trat wieder in die Laube.

»Ich wünschte«, – sagte sie, – »dich, liebe Freundin, und diesen verlegenen Herrn diesen Abend bei mir bewirten zu können, aber es läßt sich nicht tun. Der grämliche Korse hat eine Gesellschaft hierher zusammengebeten.« –

»Hierher?« – fragte Fortunata schnell.

»Ei freilich!« – fuhr Fiametta fort, – »und ich muß, ich mag wollen oder nicht, die Rolle der Wirtin übernehmen. Du weißt ja, wie das ist! – Es sind schon einige Gäste angekommen.« –

Schnell stieg Fortunata auf, sagte Fiametten etwas ins Ohr, wendete sich dann gegen Rinaldo, bat ihn um seinen Arm und ließ sich von ihm aus dem Garten zu ihrer Sänfte führen. Fiametta begleitete beide bis an die Gartentür. Als Fortunata fortgetragen wurde, ergriff sie Rinaldos Hand und sagte lächelnd:

»Nun haben wir sie fortgeschafft und Ihr bleibt hier.«

»Da Ihr Gesellschaft bekommt?«

Sie Nicht doch! Mit der Gesellschaft war's nur Scherz. – Es steht bei Euch, ob Ihr hierbleiben oder ob Ihr der Sänfte folgen wollt. Bleibt Ihr hier, so sage ich, Ihr seid willkommen; geht Ihr fort, so rufe ich Euch ein Lebewohl nach.

Er Ich verstehe Euch nicht!

Sie Sonderbar! – Aber noch deutlicher! Dieser Augenblick entscheidet für mich oder für meine Freundin. Es geht alles ohne Groll ab. Da wir aber wissen möchten, ob Ihr wirklich der seid, für den wir Euch halten –

Er Und wofür könntet Ihr mich halten?

Sie Für einen zärtlichen Abenteurer wenigstens, wenn nicht gar für –

Er Für?

Sie – einen Menschen, der sich vom Grund seines Herzens aus verlieben kann.

Er O! schöne Fiametta! – Wenn ich so sprechen höre –

Sie Fort! Fort! der Sänfte nach! Dieser feierliche Ton sagt mir alles, was ich wissen will. – Geht! diesen Kuß bringt meiner Freundin und sagt ihr: Fiametta hat resigniert. – Gott befohlen! werdet glücklich, aber denkt an mich!

Damit gab sie ihm einen Kuß, schob ihn sanft zur Gartentür hinaus und sprang rasch die Allee hinauf, ohne sich umzusehen, nach der Laube zu. Er sah sie gelassen davoneilen, drückte den Hut in die Augen und lief der Sänfte nach. In der Stadt holte er sie ein, öffnete Fortunaten die Tür, die seiner Ankunft heiter entgegenlächelte, und führte sie auf ihr Zimmer.

Hier kam es zu einem gleichgültigen Gespräch, auf Fiametten, auf ihre Laune, und leichthin wurde ihr Auftrag berührt.

»Sie ist gut!« – sagte Fortunata. – »Ich zahle alles, was sie auf mich assigniert.«

Sie verließ das Zimmer, sich umzukleiden, wie sie sagte. – Indessen suchte sich Rinaldo zu orientieren und sah jetzt, was er vorher nicht gesehen hatte, daß er sich in einem prächtig ausmöblierten Zimmer befand. Was er sah, zeigte Wohlstand und Geschmack, mit mehr als bürgerlicher Pracht vereint. – Er betrachtete ein schönes historisches Gemälde, als Fortunata eintrat, in ein gefälliges Gewand gleichsam mehr geworfen als verschlossen, ihn bei der Hand nahm und in ein anderes Zimmer führte, welches dem erstern nichts nachgab.

In diesem Zimmer kam es zu einer weit interessanteren Unterhaltung, die aber bald durch die Nachricht unterbrochen ward, es sei aufgetragen. Rinaldo wurde in ein glänzendes Tafelzimmer geführt und aß an einer wohlbesetzten Tafel mit seiner schönen Wirtin, von zwei artigen Mädchen bedient, allein. Die Unterhaltung wurde lebhafter, die Becher wurden fleißig geleert, und als der Nachtisch aufgetragen war, entfernten sich die aufwartenden Mädchen.

»Ich liebe« – sagte Fortunata, – »die Freuden einer interessanten Unterhaltung bei einer gut besetzten Tafel, doch nur, wenn ich sie mit einem Freunde teilen kann. Seit ich hier in Cagliari wohne, habe ich, Fiamettens Gesellschaft ausgenommen, größtenteils allein gegessen. Es hat mir daher heute alles viel besser als gewöhnlich geschmeckt, und wenn Ihr einige Zeit hier bleiben solltet, so bitte ich mir Eure Gesellschaft recht oft aus.«

Sie füllte, als sie das sagte, einen Becher und brachte ihn ihrem Gast mit der Gesundheit zu: »Unsre Freundschaft!«

»Ein Band von der Farbe der Hoffnung hat sie geknüpft!« – fuhr sie fort. – »Ich hoffe, sie wird sich erhalten.«

Rinaldo küßte ihr schweigend die Hand und führte sie an sein klopfendes Herz. Ihre Blicke flogen beredt einander entgegen. Ihre Lippen begegneten sich. Hier hatten sich ihre Gefühle verkettet. Kein Laut entfloh den gepreßten Lippen. Da flog mit einem lauten Knall der Pfropf von einer Champagnerbouteille an die Decke. Sie fuhren zusammen, lächelten und lagen einander in den Armen.

Sie Mann, dem ich mich in den ersten Augenblicken unserer Bekanntschaft so schnell dahingebe, – ich weiß nicht, was es ist, das mich so überraschend an dich zieht! – Mißbrauche die Gewalt nicht, die das, was mir unerklärbar ist, dir über mich gibt! Du könntest mich wohl unglücklich, dich aber nicht glücklich machen. – Ich fühle, ich empfinde es, was du jetzt vielleicht von mir denkst, denken mußt, aber – ich schwöre es dir zu! – du irrst dich. Du weißt nicht was –

Er Fortunata! Laß mich dir alles das sagen, was du mir gesagt hast. Nicht mein Argwohn soll mich unglücklich machen, laß nur nie die Wirklichkeit auf meine Unkosten spielen.

Sie Du glaubst –

Er Ich glaube das am leichtesten und liebsten, was ich wünsche.

Sie Was glaubst du jetzt?

Er Daß du mich lieben wirst.

Sie Ich liebte dich, als ich dich sah. Eine Liebe, wie die meinige, empfängt alles, was sie gibt und nimmt, von Augenblicken. Die Augenblicke meiner Liebe sind gekommen. Nun bleiben sie und werden zu Ewigkeiten. Bei allem, was mir heilig ist, im Himmel und auf Erden! ich habe dich gefunden und kann nie wieder von dir lassen. Entreißen muß man dich mir. Gutwillig gebe ich nie wieder her, was ich mit diesem Feuer in meine Arme schließe! – Gib dich mir ganz und nimm alles, was mein ist, nur dich nicht wieder zurück! Meine Seele gebe ich dir in meinen Küssen; gib mir dein Herz!

Ein Geräusch im Vorzimmer riß sie auseinander. – Die Tafel ward aufgehoben; sie gingen in ein anderes Zimmer.

Er warf sich nachdenkend auf ein Sofa. So nahe war er dem ersehnten Glück und dachte der Möglichkeit einer Wirklichkeit nach, die er gewünscht hatte. Bei Fortunaten verschlang die Gegenwart jedes Nachdenken. Sie war geboren, um zu lieben. – Dahin bringt es auch nur das Weib, selten der Mann. Die Liebe ist ein Becher, gefüllt mit schäumendem Champagner. Sie will im Moussieren genossen sein. Wer bedächtig trinkt, genießt auch, er wird es aber nie zur höchsten Krisis eines alles verschlingenden Rausches bringen. – So, wer bedächtig liebt, liebt auch; zu einem Liebesrausch bringt er es aber nie.

Jedoch, dieser Rausch, dessen Dauer zu berechnen zu sein scheint, gibt er uns wohl mehr als ein nur bloß momentanes Glück? – Ach! was gewinnt Liebe nicht, selbst auch nur durch Momente! Nach Augenblicken rechnet die Liebe, und für die Zukunft hält sie sich in der Gegenwart schadlos. Der Genuß dieser gegenwärtigen Augenblicke ist der Triumph der Freude, die uns glücklich macht. – Die Freuden unsers Lebens hängen an sehr dünnen Fäden, und dennoch fesseln sie so stark, was willig sich fesseln läßt.

Fortunata kam zurück. Das Gespräch wurde fortgesetzt.

»Du weißt nun«, – sagte sie, – »wie ich lieben kann, wie ich lieben will und werde. Von dir verlange ich bloß, so geliebt zu werden, wie du mich lieben kannst und wie du auch andere – nur bitte ich, nach mir! – lieben wirst. Die Beständigkeit ist ein Weib. Sie zankt sich ewig mit ihren leichtgesinnten Eheherrn. – Die Männer lieben in der Regel so leichthin wie möglich. So wie der Mond, der gute Freund der Erde, diese liebt; zuweilen gar nicht, größtenteils nur halb und nur auf einige Tage mit voller Ergebenheit. – Was soll man aber tun, wenn man einen Mann liebt? Man muß vorliebnehmen. – Ihr könnt ja doch nur geben, was Ihr habt.«

»Du meinst also, treue Liebe sei bei uns eine verrufene Münze?«

»Wenn auch nicht verrufen, doch selbst ausgeprägt, aber dennoch immer eine Münzart. Was die Männer geben, läßt sich gleich wieder verwechseln, und auf Agio steht ihr Gold niemals.«

»Fortunata ist bei Laune!«

»Sie ist ja bei einem Manne, dem sie soeben gestanden hat, daß sie ihn lieben kann.«

»Und wird?«

»Und will und wird. – Schwüre gebe ich nicht, aber mein Wort gebe ich dir, so wie es eine Korsin gibt.«

»Du, eine Korsin?«

»Dies bringt mich nach Sardinien. Mein Vaterland seufzt unter der Geißel der Franzosen, unter der Tyrannei ihrer übermütigen Satrapen, und für jedes Herz voll Freiheit und Vaterlandsliebe hat ihre Hand geschärfte Dolche. – O! mein unglückliches Vaterland! Ach Ritter! Ich bin nur ein Weib, aber könnte ich mein Vaterland retten, ich würde nicht mein Blut, mein Leben, ich würde selbst meine Freiheit nicht achten. In Ketten wollte ich in dem abscheulichsten Kerker sterben, dürfte ich rufen: Korsika ist frei! Ich bin eine Zondarini. Schon unter Theodors Fahnen focht mein Ahnherr für die Freiheit seines Vaterlandes. Mein Vater fiel für die Freiheit der Korsen, meine Brüder sanken für ihr Vaterland mit Ruhm und Ehre. Mein Bräutigam, ein Lampertini, wurde meuchlings von Franzosen gemordet, und ich – bin eine Landflüchtige.«

»Und warum flohst du aus Korsika?«

»Höre! – Eine Gesellschaft Verbundener unterhielt Gemeinschaft mit einem Bunde, der in Sizilien gestiftet wurde, Korsika zu befreien. An ihrer Spitze stand der edle Prinz Nicanor« –

»Der Prinz Nicanor?«

»So nannte er sich. Seine Geburt ist ein Geheimnis.«

»Lebt er noch?«

»Das weiß ich nicht. – Er warb für die Korsen. Ein berühmter Mann wollte sich an die Spitze der Retter meines Vaterlandes stellen« –

»Wer war dieser Mann?«

»Sein Name mache dich nicht irre. Es war Rinaldini. – Er ist gefallen. Zerrissen wurde der Bund, verraten das Geheimnis. Ich, eine Mitwissende um alles, was geschehen sollte, eine tätige Freundin dieses Bundes, entfloh zur rechten Stunde noch und kam hierher, wo ich auch mich nicht sicher glauben darf. Eine französische Requisition, und ich werde ausgeliefert an meine Feinde, die in mir ihre unversöhnlichste Feindin kennen und auf das strengste bestrafen werden.«

»Du kennst den Prinz Nicanor nicht?«

»Ich habe sein Bildnis. Ihn selbst sah ich nie.«

Fortunata stieg auf, nahm aus einer Schatulle ein Portrait, und Rinaldo erkannte in demselben das Bildnis des Alten von Fronteja. – Fortunata sah ihn aufmerksam an. Er verriet sich, ohne es zu wollen oder es zu ahnen.

Sie Du kennst ihn!

Er Wie?

Sie So sagt dein Blick.

Er Mein Blick?

Sie Keine Verstellung! Du kennst ihn.

Er Ein diesem sehr ähnliches Gesicht kenne ich, doch keinen Prinz Nicanor.

Sie So kennst du doch den Alten von Fronteja?

Er Fortunata!

Sie Oder nicht?

Er Ich kenne ihn.

Sie Und auch dich selbst?

Sie gab ihm ein zweites Portrait. Es war das seinige. – Er gab es eilig ihr zurück, bedeckte mit seinen Händen sein Gesicht und rief aus:

»Ach! allenthalben hin verfolgt es mich, mein eigenes Gesicht!«

»Auch zu mir?« – fragte Fortunata, indem sie seine Hand ergriff.

Er Nimm deine Versprechungen schnell zurück!

Sie Nicht eine.

Er Nimm sie zurück!

Sie Nimmer! – Ich wußte ja, wem ich sie gab.

Er Unglückliche!

Sie Ich folge Olimpien, Lauren, Dianoren –

Er Für dich und sie kein Glück!

Sie Ich will geliebt von einem Manne mich wissen, der es wagen durfte, voranzugehen der Fahne, die flatternd Freiheit meinem Vaterlande entgegenrauschte! Mit einem Kranze wollte ich frohlockend dir entgegeneilen, und siehe da! es findet dich mein Herz. Der Kranz bleibt dir, dies Herz ist dein.

Er Mir grünen keine Kränze! – Wie könnten Herzen für den Räuber klopfen?

Sie So bescheiden wurdest du mir stets geschildert!

Er Die schöne Zondarini, der Kranz, dies Herz und – Rinaldini!

Sie Dem kühnen Manne das entschlossene Weib.

Er Meine Kühnheit liegt bei meinen Schätzen. – Kalabriens Gebirge decken beide.

Sie Du stehst auf deinen Monumenten.

Er O Fortunata! Kränke mich nicht länger. – Sprich ihn nicht aus, den mir verhaßten Namen!

Sie Wo nennt man ihn nicht gern? – Italien und seine Inseln, Frankreich und England spricht von dir. In Deutschland trifft man ihn nicht minder oft, den Namen Rinaldini. – Lies diese Briefe!

Er Empfinde, was mich quält, wenn du es kannst!

Sie Die Liebe nicht!

Er Mein Selbstgefühl. – Die Welt bewundert einen Räuber; das kränkt mich tief. Als Räuber könnt' ich nur gefallen. Dies ist der Stempel meines Ruhms. – Und ich –

Sie Du nimmst, was man dir gibt; und schweigst du nicht, so drücken zärtliche Lippen den Mund dir zu!

 

Fiametten fand Rinaldo den folgenden Morgen allein im Garten. Sie saß am Stickrahmen in der Laube. Rinaldo trat ein. Sie sprang auf, griff nach der Guitarre, präludierte kurz, spielte und sang.

Es glühen im Haine
Die duftenden Rosen;
Im silbernen Scheine
Erglänzen die Blüten
Zum lieblichen Kranz.

Ich bringe dir Rosen;
Sie gelten der Freundschaft,
Die duftenden Rosen.
Wie zieret die Myrte,
Den lieblichen Kranz!

Es gelten die Myrten
Den zärtlichen Freuden.
Von allen Gesträuchen,
Erkor sich die Liebe
Die Myrte allein!

Rinaldo deutete den Sinn des Gesanges so, wie ihn gewiß auch die Leser deuten werden. Lächelnd griff er nach der Guitarre, spielte und sang:

Anadyomene windet
Myrten in die braunen Locken,
Und die schönsten Blumenglocken,
Wanken um den Myrtenkranz.

Rosen duften an dem Busen,
Sanfter Krokus wankt bescheiden,
Um das Meer der Lüsternheit;
Und wo blüht Vergißmeinnicht?

Nah am Herzen blüht dies Blümchen,
Lächelt sanft im stillen Glanze,
Weit entfernt vom Myrtenkranze,
Doch dem schönsten Platze nah.

»Bravo!« – rief Fiametta und warf sich an seinen Hals. Fortunata trat in die Laube, und auch ein »Bravo!« rief sie beiden zu.

»Es bleibt alles unter uns!« – lächelte Fiametta.

Fortunata fragte nach Fiamettens Gesellschaftern.

»Sie sind« – antwortete diese, – »bei dem endlich erschienenen Prinzen Nicanor.«

Rinaldo Wie?

Fortunata Ist er hier?

Fiametta Seit gestern Abend. Er hat die für ihn gemietete, herrliche Villa Massimi bezogen.

Fortunata So ist er denn endlich in der Nähe, der Stern, dem wir aus der Ferne nachzogen!

Fiametta Alles ist in Bewegung. – Aber unser Ritter ist stumm.

Rinaldo Diese Nachricht hat mich überrascht.

Fiametta O! laßt Euch ja nicht überraschen, solange Ihr selbst noch überraschen könnt!

 

Bald darauf kamen Nachrichten und Einladungen von dem Alten von Fronteja an, der, wie wir wissen, jetzt als Prinz Nicanor auftrat. Er wollte diesen Abend seinen Freunden eine glänzende Fete geben. Dazu waren sie eingeladen, und dahin gingen sie, als es Abend wurde.

Sie traten in den prächtigen Garten der schönen Villa. Eine sanfte, angenehme Musik tönte aus den Hecken ihnen entgegen. – Der Alte von Fronteja trat aus einer Laube hervor, gekleidet in ein himmelblaues, mit Sternen besätes Kleid, umwunden mit einem goldenen Gürtel. Eine goldene Kette, an welcher als Schaustück ein Saphir mit Diamanten umfaßt hing, umschlang seinen Hals und bedeckte seine Brust. Ein Purpurmantel umwallte seine Schultern, und ein Lorbeerkranz umschlang seine Schläfe. So, im erhöhten und vermehrten Kostüm, als DemiurgBei der den Lesern bekannten Krata Repoa, die Benennung des Obersten und Aufsehers dieser Gesellschaft und des Bundes der ägyptischen Mysterien. geschmückt, näherte er sich den Kommenden mit freundlichem Blick. Seine rechte Hand reichte er den Damen zum Kuß, die Linke streckte er gegen Rinaldo aus, indem er sagte:

»Sei mir willkommen! Gegrüßt sei von mir in meinem, meiner, und deiner Freunde Namen! – Ich reiche dir freundschaftlich die Hand des Grußes und des frohen Empfanges. Es ist die Linke, es ist die Hand, die dem Herzen näher ist als die Rechte. Es ist die Linke, die, – und wenn auch aus Freundschaft, – dennoch keinen Dolch gegen den Freund führte; und die Rechte darf wohl wissen, was die Linke tut. So ist es aber nicht im entgegengesetzten Falle. – Umarme mich, mein Freund!«

Er umarmte ihn, als eben Olimpia, die Gräfin Ventimiglia, herzutrat. Sie öffnete ihre Arme, und Rinaldo lag, ohne selbst zu wissen wie schnell, an ihrer Brust. – Aus sanften melodischen Kehlen ertönte in die Musik der Gesang:

Wiedersehen, wiederfinden
Wird sich Treu und Zärtlichkeit.
Wenn der Hoffnung Sterne schwinden,
Wenn das rasche Rad der Zeit
Sich in engen Kreisen windet,
Wenn der schönste Traum entschwindet,
Nähert sich die Wirklichkeit.
Wiedersehen, wiederfinden
Wird sich Treu und Zärtlichkeit!

Rinaldo war ohne Sprache. Olimpia nahm ihn bei der Hand. Der Alte führte Fortunata; Fiametta folgte. – Im Freien war die Tafel serviert. Die Gäste nahmen Platz. – Als sie saßen, erhob sich der Alte, breitete seine Arme gegen den Himmel aus und sprach:

»Laß, du ewiges, gegen deine Geschöpfe stets gütiges Wesen über uns! dieses freundschaftliche Mahl uns gesegnet sein!«

Der Himmel war hell, und die Luft so rein und still, daß sie kaum die Flammen der zwanzig großen Wachskerzen, die die Tafel zierten und erleuchteten, bewegte. Der widerstrahlende Lichtschimmer tingirte das Laub auf vielerlei Art und gab bald helle, bald dunkle Schattierungen. Hier strahlten Blätter in einem glänzenden Gelb, dort verloren andere sich in dunkles Grün. Da glänzten die weißen Blüten, die an langen Gewinden herabhingen, auf goldgelbem Grunde, dort ließen zwei abstechende Blätter die Strahlen eines Sterns durchfallen, der wie ein Diamant funkelte. Die kühle Nachtluft hielt die würzigen Düfte der Blüten an der Erde gefangen und ließ sie zweifach genießen. Der wankende Widerschein, der auf dem Laube spielte, das abwechselnde Hell und Dunkel, das Gestalt und Farben der Blätter veränderte, – dies alles gab dieser Tafelszene im Freien einen unbeschreiblichen Reiz. Der Alte ergriff einen Becher, goß Wein aus demselben in eine goldene Schale und gebrauchte sie zu einer feierlichen Libation, mit den Worten:

»Den Manen unsrer Freunde!«

Olimpia hob den strahlenden Becher hoch und sagte:

»Unsern lebenden Freunden!«

»Gott gebe uns Freuden!« – setzte der Alte hinzu.

Ein feierlicher Chor ertönte:

Die Vorsicht streut Blumen
Auf dornigen Pfad,
Die Vorsicht streut Dornen
Auf rosigen Pfad.
Es welken die Blumen;
Die Dornen zerstreut
Ein freundliches Lüftchen
Der heilenden Zeit!

Der Alte sagte sehr pathetisch in seinem gewöhnlichen Lehr- und Ermahnungstone:

»Der Mensch, der sein Leben genießen will, lebe der Gegenwart. Sie verschlinge das Vergangene! – Vorüber geht der Sturm und schöne Sonnenblicke erheitern das erschütterte Herz. Der Mensch ist der Welt geboren. Er lebe mit der Zeit, welche die Welt wiegt und trägt. Leiden dürfen uns nie zaghaft machen. Der Nacht folgt Tag. Morgenröte und Abendröte glänzen an einem Horizont. Was können Unglück und Widerwärtigkeiten des Lebens einem Standhaften tun, der mutig diesen brausenden Wellen die Brust entgegenwirft? – Sie können ihn umspülen, und er kann sie bekämpfen. Dem Mutvollen riegelt die Natur selbst alle Pforten auf. Von der Erde blickt er gen Himmel. Er kennt das Grab der Erde, er sieht das glänzende Haus der Sterne. Sein Geist hat dort seine Heimat, und überirdische Strahlen nährt seine unsterbliche Seele in sterblicher Hülle.«

Die Musik fiel ein. – Olimpia wendete sich zu Rinaldo, dessen Aufmerksamkeit ein ihm gegenübersitzendes Mädchen beschäftigte. Lächelnd fragte sie:

»Kennt Ihr denn Eure Freundinnen so wenig?«

»Serena!« – rief Rinaldo aus. – »Ja, es ist Serena!«

Sie war es, das schöne Gärtnermädchen, das uns aus dem achten Buche dieser Geschichte bekannt ist.

Rinaldo reichte ihr die Hand. Auf frohes Wiedersehen wurden von beiden die Becher geleert. Ihr winkte Olimpia. Serena erhob sich und reichte ihm einen Blumenkranz. Der Alte lächelte:

»Dies ist das Angebinde der Freude, das ein sanftes Herz reicht.«

»Beides weiß ich zu schätzen!« – rief Rinaldo aus.

Der Alte wurde immer gesprächiger. Die Freude glänzte auf seinem Gesichte sichtbar. Olimpia ergriff eine Schale und sagte:

»Wenn die Freude frohe Menschen glücklich macht, sollen diese immer der Unglücklichen gedenken, und wo das Wohlleben thront, finde die Armut wohltätige Freunde!«

Sie warf Geld in die Schale, die herumging und bald gefüllt wieder zu ihr zurückkam.

»Die ersten Armen, die ich morgen sehe!« – sagte sie, indem sie die Schale leerte.

»Daran tust du sehr wohl, wohltätige Freundin!« – rief der Alte ihr zu.

Man brachte Fortunaten einen großen, goldenen Becher, geschmückt mit dem Wappen von Korsika. – Sie hob den Becher, und ein: Es leben die Korsen! tönte aus allen Kehlen ihrem Ausrufe nach.

»Gott gebe ihnen« – setzte der Alte hinzu, – »Kraft und Mut und stärke ihre Hoffnungen, welche die schönste Erfüllung krönen möge!«

Musik und Gesang ertönten.

Darauf stand der Alte auf, sprach ein kurzes Gebet, und die Tafel ward aufgehoben.

 

Die Gesellschaft hatte sich zerstreut. – Rinaldo wandelte, in stille Betrachtungen verloren, gegen einen Wasserfall in die Mitte des Gartens hin. Ein Schatten wankte ihm zur Seite einer duftenden Jasminlaube zu. Er sah sich um und sah Serenen. – Schweigend blieben beide einander gegenüber stehen. Er faßte ihre Hand. Schweigend kamen sie in die Laube, schweigend setzten sie sich nieder. Rinaldo spielte mit Serenens Fingern. Er seufzte. – Seufzend wurde Serena das Echo dieses Seufzers. – Er ergriff ihre andere Hand und lispelte:

»Serena!«

Sie seufzte tief auf. – Glühende Wangen nahten sich glühenden Wangen; schweigend fanden sich küssende Lippen. – Tiefe Stille herrschte rund umher. – In das laute Rauschen des Wasserfalls tönte nur sanft der Wechselschall zärtlicher Küsse. Des Mondes klares Antlitz spiegelte sich in den Wellen des Wasserfalls und warf verstohlene Blicke in die Laube. Hier spiegelte sich Auge in Auge, hier ruhten in langen Atemzügen Lippen auf Lippen, und verschlungen waren Arme in Arme. – Tiefer sanken die Lippen des Entzückten, sanft sträubte sich das zitternde Mädchen. Leise Seufzer kämpften kraftlos gegen brennendes Ungestüm. Kein Wort wurde gesprochen.

Es rauschten Fußtritte durch die Stille der Nacht. Serena riß sich los und entschlüpfte der Laube. – Rinaldo sah ihr unentschlossen nach. Eine Hecke entzog sie seinen Blicken. – Fortunata trat in die Laube.

»Ich suchte dich!« – sagte sie und ließ sich neben ihm nieder.

Sanft flöteten die Nachtigallen, laut rauschte im lieblichen Unisono der Wasserfall, girrende Vögel nisteten über der Laube nicht vergebens einander entgegen.

 

Wie viel und vielerlei hatte Rinaldo nicht mit dem Alten und mit Olimpien zu sprechen!

Mit tausend Fragen trat er in das Haus. Er fragte nach dem Alten. Dieser hatte sich schon zur Ruhe begeben. – Er wollte zu Olimpien.

Über die Galerie ging er auf ein ihm entgegenstoßendes Zimmer zu. Er öffnete die Tür. Eine schwebende Lampe erleuchtete ein geräumiges Zimmer. Sechs Totengerippe saßen um einen Tisch herum. – Er trat betroffen zurück und verließ schnell das Zimmer.

Serena kam ihm entgegen. Er eilte auf sie zu, faßte ihre Hand und wollte sprechen, als eine Glocke ertönte.

»Was ist das?« – fragte er.

»Es ist die Mitternachtsglocke, die uns gebietet, zur Ruh zu gehen«, – war Serenas Antwort.

Arm in Arm kamen Fortunata und Olimpia. Ein Knabe mit einer brennenden Wachskerze ging voran. Serena verschwand von der Galerie, – Rinaldo ging auf die Damen zu. Schweigend zeigte er auf das so sonderbar dekorierte Zimmer.

Olimpia schien ihn zu verstehen, aber sein fragendes Zeichen mochte sie nicht beantworten. Sie sagte:

»Morgen, lieber Freund, haben wir recht viel miteinander zu sprechen.«

»Warum nicht jetzt?« – fragte er.

»Die Glocke ruft zur Ruh.«

»Ich verlange nur eine kleine Antwort auf eine kurze Frage, die dieses Zimmer betrifft.«

Olimpia winkte. Der Knabe ging, und Fortunata folgte dem Knaben. – Rinaldo fragte:

»Was will das Unwesen mit den Totengerippen sagen?«

»Unser Freund und Meister«, – antwortete Olimpia, – »der weise Alte, sagte schon mehr als einmal zu mir: die Ägypter hatten die Gewohnheit, die Leichen geliebter Personen bei Gastmalen sogar auf ihren Tafeln zu haben. Es war der dritte Grad der Krata Repoa, das Tor des Todes, in welchem der Eingeweihte, Melanephoris genannt, in ein Zimmer gebracht wurde, das mit Vorstellungen von einbalsamierten Körpern und Särgen besetzt war. Alle Wände hingen von dergleichen Zeichnungen voll.«

»Spielt ihr denn allenthalben die alte Komödie fort?«

»Ein wenig.«

»Die sechs Skelette in diesem Zimmer –«

»Sind die irdischen Überreste von Freunden und uns werten Menschen. Besieh sie selbst genauer und überzeuge dich. – Morgen sprechen wir recht viel miteinander. Jetzt wünsche ich dir eine angenehme Ruh!«

»Bleibt Fortunata hier?«

»Bei mir.«

»Ihr kennt Euch?«

»Ein Zweck vereint uns alle zu einer Bekanntschaft.«

»Und wo bleibe ich? – Wer fragt nach mir? Wer zeigt mir einen Ort, wo ich ein Lager finde?«

»Von diesen Zimmern allen kannst du dir wählen, welches du wählen willst. – Der Sohn des Hauses hat freie Wahl.«

»Den Sohn des Hauses nennst du mich?«

»Du weißt nicht, was du bist, weißt nicht, wie sehr du geliebt wirst.«

»Auch noch von dir?«

»Von uns allen.«

Sie wollte gehen. Er hielt sie zurück und fragte:

»Ist dein Gemahl auch hier?«

»Ich erwarte morgen seine Ankunft.«

»Olimpia!« – –

»Was wolltest du sagen?«

»Ich bewundere dich!«

»Es waren schöne Augenblicke, in denen du mir einst weit schönere Sachen sagtest! Wenn die Zeit der Bewunderung kommt, ist die Zeit der Liebe dahin. Der Liebesrausch verschlingt gewöhnlich die Bewunderung. – Auch Fortunata wird dies noch erfahren. – Doch, sei du nur dem Ganzen unseres Bundes, was wir wünschen, und du machst uns alle glücklich!«

Sie drückte ihm die Hand und ging schnell davon.

Rinaldo öffnete zum zweitenmal das geheimnisvolle Zimmer, trat unter die tote Gesellschaft, ging näher hinzu und sah die Schädel der Skelette mit Buchstaben bezeichnet. Er nahte sich dem nächsten, las, – und las den Namen: Rosalie.

Er bebte zurück und seufzte tief auf:

»Ach! Rosalie! meine geliebte Freundin!«

Noch einmal las er diesen Namen, verließ eilig das fürchterliche Gemach, schlug die Tür hinter sich zu und eilte in heftiger Bewegung über die Galerie einem leeren Zimmer zu.

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