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Rinaldo Rinaldini der Räuberhauptmann

Christian August Vulpius: Rinaldo Rinaldini der Räuberhauptmann - Kapitel 14
Quellenangabe
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typefiction
authorChristian August Vulpius
titleRinaldo Rinaldini der Räuberhauptmann
publisherInsel Verlag
seriesinsel taschenbuch
volume426
printrun1. Auflage
editorKarl Riha
year1980
firstpub1799
correctorfranka.antenne@gmx.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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Dreizehntes Buch

Deckt die Ruh wohl ihr Gefieder
Über dich mit sanfter Huld?
Nein! doch sucht sie friedlich wieder,
Niemals die verhaßte Schuld.

Originalillustration

Es kamen Boten mit Briefen auf das Schloß, gesendet von dem Alten, der dennoch nie schrieb, wo er sich aufhielt. – Rinaldo war in seiner Einsamkeit in einer sehr peinlichen Lage.

Der Kastellan schien ein sehr verschlossener Mann zu sein. Er betrug sich gegen seinen Gast sehr zurückhaltend. Von Margalisen aber hoffte er, nach und nach mehr zu erfahren. Deshalb tat er sehr artig gegen sie, was ihm gar nicht schwerfiel, denn sie war wirklich ein hübsches Mädchen, das noch dazu in der Einsamkeit des einsamen Schlosses doppelte Reize erhielt. Er beschenkte sie sehr freigebig mit einer Halskette und einem Ringe. Diese Kostbarkeiten wurden ebenso gern genommen als sie gegeben wurden. Rinaldo sah an der Aufmerksamkeit, mit der er bedient wurde, daß die Dienstwilligkeit durch die goldene Kette stark an den Geber gefesselt worden war.

Er war einige Wochen auf dem Schlosse, als er durch einen Boten einen Brief an den Alten sandte, in welchem er ihn dringend bat, ihm Beschäftigung zu geben. Auch ersuchte er ihn, Lodovico wieder zu ihm zu schicken.

Margalisens Zutraulichkeit wurde nach und nach immer herzlicher, und sein freundliches Entgegenkommen bestimmte das treuherzige Mädchen endlich sogar, in dem freundlichen Herrn mehr als den bloß freundlichen Herrn zu sehen. Seine Geschenke und die Einsamkeit taten auch das ihrige, und so kam es denn, daß der Herr Ritter seine schönen Stunden ebenso gefällig als gern erhielt. Das gefiel dem Mädchen und gefiel dem Herrn. So waren sie miteinander zufrieden.

Einst, als sie, so ganz traulich wie er, recht liebevoll bei ihm saß, fragte sie lächelnd ganz naiv:

»Die Wievielte bin ich denn wohl, die Ihr schon liebgehabt habt?«

Rinaldo, freilich ein wenig gewandter als das gutherzige Schloßmädchen, wußte die Antwort dieser Frage durch eine Gegenfrage klüglich zu vermeiden. – Eine Methode, die wir (gelegentlich gesagt), als sehr heilsam jedem empfehlen wollen, der in die Verlegenheit kommen sollte, einem artigen Mädchen eine ähnliche Frage zu beantworten. – Er fragte also:

»Der Wievielste von denen, die dich liebgehabt haben, bin ich denn wohl?«

Darüber vergaß das gute Kind ihre eigene Frage, wurde noch röter, als sie wirklich schon war, schlug die Augen nieder und zupfte an ihrem Busentuche, sanft den Mund bewegend, ohne zu sprechen.

Durch diese Verlegenheit der Verlegenen – so machen's die Männer! – noch kecker gemacht, verlor Rinaldo jeden Antwortspunkt aus dem Sinne und wiederholte seine Frage sehr dreist, indem er Margalisens Gesicht dem seinigen entgegendrehte.

Sie wurde darüber fast empfindlich, unterdrückte aber dennoch ihren Unwillen und sagte weinerlich:

»Ihr seid der Dritte meiner Liebhaber, aber der einzige, der Küsse von mir erhalten hat.«

Sie schwieg, fuhr aber schnell auf und fragte fast erzürnt: »Glaubt Ihr das?«

»Ich glaube dir es nicht allein«, – antwortete Rinaldo gelassen, – »sondern ich bin sogar davon überzeugt.«

»Das läßt Euch der Himmel reden!« – fiel sie rasch ein und schob etwas, das sie mit der rechten Hand gefaßt hatte, unter das Busentuch zurück.

»Was ist das?« – fuhr Rinaldo fragend auf, rang scherzend mir ihr und zog einen Dolch aus ihrem Busen.

Er Das war es, was du gefaßt hattest und wieder zurückschobst? O Margalisa!

Sie Ich habe Euch gegeben, was ich keinem Manne wieder geben kann. Hättet Ihr so frech sein und dieses Geschenk ableugnen wollen, so hätte ich Euch den Mund auf ewig verschlossen, damit Ihr, undankbar, nie in der Welt wieder etwas hättet ableugnen können. – Ich habe unbesonnen gehandelt, das muß ich mit Schmerzen tragen, aber – verhöhnen laß ich mich nicht.

Rinaldo sah, daß er es mit einem Mädchen zu tun hatte, deren Entschlossenheit seiner Keckheit die Waage hielt. Er fand sich schnell in die gehörige Rolle, warf seine Arme um ihren Nacken, küßte sie heftig und sagte: »Margalisa! Jetzt liebe ich dich zweifach!«

Sie schwieg. Einige große Tränen entstürzten ihren Augen. Endlich sagte sie beinahe trotzig:

»Daß ich nicht verdiene, unglücklich zu sein, weiß ich! Aber das weiß ich auch, daß Ihr es mit mir sein werdet, wenn Ihr es vergessen wollt, daß Ihr es seid, der mich unglücklich machen kann.«

So hatte er noch kein Mädchen sprechen hören. Seine Liebchen hatten ihm wohl nachgeweint, aber mit Dolchen war ihm noch keine nachgefolgt. Er faßte sich aber schnell, küßte Margalisen zärtlich und sagte:

»Sei ruhig, Margalisa! Ich werde nie vergessen, was ich dir schuldig bin, da ich von dir geliebt werde.«

Da tat es in dem verschlossenen Saale neben dem Zimmer, in welchem sie sich befanden, einen starken Fall.

»Was ist das?« – fragte Rinaldo.

Margalisa sprang auf, schrie:

»Das ist ja eben der Unglückssaal!« und verließ eilig das Zimmer.

 

Betroffen blieb Rinaldo zurück. Er lauschte und hörte nichts weiter. Er legte sein Ohr an die Saaltür. Nichts bewegte sich in dem Saale.

Er wandelte aus dem Schlosse ein Stündchen im Freien umher, genoß das prächtige Schauspiel der untergehenden Sonne, ein Schauspiel, welches immer traurige Empfindungen in seiner Seele zurückließ, und ging langsam und gedankenvoll den Berg hinauf, wieder ins Schloß zurück. – An der Zugbrücke sah er noch einmal ins Tal zurück, das schon ganz im Schatten der Abenddämmerung lag, und seufzte:

»Es war eine Zeit, da trieb ich, wenn die Abenddämmerung auf die Täler sank, meine Ziegen in die kleine Wohnung zurück, und damals war ich froh und heiter. Jetzt blicke ich von stolzen Schlössern hinab ins Tal, und der Schleier der Abenddämmerung umhüllt meine Seele mit Traurigkeit.«

Er wankte ins Schloß, auf seine einsamen Zimmer zurück, fand den Tisch gedeckt, und bald darauf trug Margalisa ihm das Abendbrot auf. – Er leerte eine Flasche Wein und schellte nach einer zweiten. Margalisa brachte sie ihm.

»Du mußt mit mir trinken«, – sagte er. »Du mußt bei mir bleiben. Es ist mir zu einsam; ich bin verstimmt.« –

Sie Das ist nicht gut! – Kann Margalisa Euch aufheitern?

Er Du allein kannst es.

Sie Wenn meine Arbeit getan ist, will ich wiederkommen. Aber Ihr müßt mir etwas vorsingen. Ihr singt gar zu artig und könnt so schöne Lieder. Einige habe ich Euch schon abgelernt: das Fischermädchen und den traurigen Rittersmann im Felsentale.

Er Komm bald wieder, liebes Mädchen! Ich will dir Romanzen und Lieder singen, so viele du hören willst.

Sie In einer Stunde bin ich wieder bei Euch.

Sie hielt Wort, setzte sich, als sie wiederkam, mit ihrem Strickzeug auf ein Sofa, indem Rinaldo, auf der Guitarre klimpernd, im Zimmer auf und ab ging.

»Hat Euch etwa«, – fragte Margalisa ganz unbefangen, – »die Frau Gräfin geschrieben? – Mein Bruder meinte, sie würde wohl bald hierherkommen.«

»So? – Ich habe keine Briefe bekommen.«

Eine Pause.

»Ihr erwartet sie doch?« – fing Margalisa wieder an.

»Ich weiß von keiner Erwartung!«

»Nicht? – Wirklich nicht? Und Ihr seid hier?«

»Das hat einen andern Grund als diese Erwartung.«

»Das kann ich freilich nicht wissen.«

Eine zweite, längere Pause. – Er unterbrach sie:

»Gehören Dörfer zu dem Schlosse der Gräfin?«

»Zwei. – Das Dorf am Wäldchen und jenes rechts an dem großen Teiche.«

»Sind Klöster hier in der Nähe?«

»Eine Stunde von hier liegt ein Nonnenkloster, vom Orden der heiligen Klara; zwei Stunden weit ist ein Kapuzinerkloster. Weiter kenne ich keine Klöster in der Nähe. – In dem Klarenkloster habe ich eine Schwester. Sie ist Pförtnerin.«

»Du besuchst sie wohl zuweilen?«

»Gewöhnlich des Jahrs dreimal, an den hohen Festen. – Es könnte mir in dem Kloster gefallen. – Einem armen Mädchen bleibt ja auch gewöhnlich nichts weiter als ein Kloster übrig, wenn sie keinen Mann bekommt.«

»Den wirst du schon bekommen.«

»Ei ja doch! – Ihr denkt wohl, die Männer sind bei uns auch nur so zu haben!«

Hier entstand die dritte Pause.

Margalisa sagte endlich:

»Was klimpert Ihr? Singt doch etwas. Ihr habt mir's ja versprochen.«

Margalisa ist das Liebchen,
Das mir nur allein gefällt. –

»Habt Ihr das Liedchen selbst gemacht?« – fiel Margalisa fragend ein.

»Ich dichte es unterm Singen.«

»Aha! – Wißt Ihr wohl, wie es in einem Liede heißt, das Ihr auch oft singt? Da singt Ihr:

Nichts erdenken, nichts erdichten
Darf ein Mund, der Liebe schwört.
Vom Erdenken, vom Erdichten
Ward manch Liebchen schon betört.«

Er lachte, legte die Guitarre weg, umschlang, küßte Margalisen und sagte:

»So will ich die Wahrheit reden. Ich liebe dich!«

Sie seufzte: »Wie lange?«

Es wurden Fußtritte gehört. – Margalisa sprang auf und setzte sich auf einen Stuhl. Er ergriff die Guitarre und stimmte. – Der Kastellan trat ins Zimmer.

»Ich wollte Euch fragen«, – sagte er, – »ob Ihr etwas an den alten Herrn Nicanor zu bestellen habt?«

Rinaldo schrieb an den Alten einen Brief, in welchem er die Bitten seines letzten Briefes wiederholte.

Margalisa, die indessen mit ihrem Bruder das Zimmer verlassen hatte, kam, als Rinaldo schellte, wieder dahin zurück. Er gab ihr den Brief und bat sie, wiederzukommen.

»Mein Bruder«, – antwortete sie, – »geht diese Nacht selbst mit dem Boten zu dem alten Herrn. Wenn er fort ist, will ich kommen.«

Sie ging, und Rinaldo, dem ihre Gesellschaft jetzt beinahe unentbehrlich geworden war, erwartete ihre Zurückkunft wirklich mit Ungeduld.

 

Gegen Mitternacht trat er ans Fenster und sah hinab ins Tal. Der Mond erhellte die ganze Gegend. Er erblickte am Fuße des Berges einen stark bespannten Wagen und einige Menschen hin und her gehen. Diese kamen bald den Berg herauf ins Schloß. Als sie, aus demselben zurück, wieder hinabgingen, trugen sie kleine Fässer, wie es schien, mit nicht geringer Anstrengung ihrer Kräfte. Sie kamen noch einmal und gingen, ebenso beladen, wieder zurück. – Der Kastellan ging mit ihnen und führte sein Pferd den Berg hinab, das er im Tale bestieg. – Die Fässer wurden auf den Wagen gelegt, und der Zug ging im Tale rechts fort. Die Begleiter des Wagens waren bewaffnet.

Gleich darauf trat Margalisa ins Zimmer. Es kam sogleich zum Gespräch.

»Was schaffte man in Fässern den Berg hinab?«

»Ich weiß es nicht.«

»Du bist nicht aufrichtig!«

»Eben weil ich aufrichtig bin, sage ich, daß ich es nicht weiß. – Mein Bruder sagt uns nichts von seinen Geschäften. Solche Fässerchen werden oft von hier fortgeschafft. Ich weiß nicht, woher sie kommen und was darin ist. Sie sind sehr schwer. Ihr wißt, daß ich gewiß Stärke habe, aber ich kann das kleinste Fäßchen kaum von der Erde erheben. Ach! in unserm Schlosse gibt's wohl mancherlei sonderbare Dinge, von denen ich nichts weiß. – Mein Bruder ist gar geheimnisvoll. Wir Weiber erfahren nichts von seinen Geheimnissen.«

»Er hat also doch Geheimnisse?«

»Das will ich meinen!«

»Ich bin nicht neugierig, aber die Fässer beschäftigen mich doch.«

»Mich haben sie schon längst beschäftigt. Besonders, da ich gar nicht weiß, wo sie herkommen. Ich sehe sie nicht ins Schloß bringen, und dennoch sind sie da und werden fortgeschafft.«

Rinaldo warf sich aufs Kanapee. Margalisa setzte sich zu ihm und spielte mit seinen Locken.

Sie Ihr denkt nach? Ich habe auch schon nachgedacht – gar oft! –, aber das hat mir alles nichts geholfen.

Er Weißt du auch nichts von den Geheimnissen des Saals zu erzählen, den du den Unglückssaal nennst?

Sie Mein Bruder nennt ihn stets den Unglückssaal, sagt aber nie, warum, und hält ihn fest verschlossen. Geheuer ist es nicht darin. Wer weiß, welcher Kobold darin hauste!

Er Du glaubst Gespenster?

Sie Ei! Wer wird die nicht glauben! – In unsrem Lande gibt's, leider! Gespenster und Hexen vollauf.

Er Auch Hexen?

Sie Ja! – Da will ich Euch einmal erzählen, was ein Franziskanermönch selbst erfahren, gesehen und einem vornehmen Herrn entdeckt hat.

Er Nun? Laß hören!

Sie Ein feiner, artiger, junger Mann fiel einem paar Hexen in die Hände, die ihm, während er schlief, das Herz aus dem Leibe nahmen. Das ist eine Leckerspeise, welche sie gebraten essen. Eben wollten sie das Herz sich wohlschmecken lassen. Er wurde seinen Verlust nicht gewahr, weil er, wie gesagt, schlief. Als er aber aufwachte, fing er an, Schmerzen zu fühlen, und entdeckte endlich, daß ihm sein Herz fehlte. – Der Franziskanermönch, der in eben der Kammer lag, aber nicht schlief, hatte alles mitangesehen und wußte, was die Unholdinnen getan, er konnte es aber nicht verhindern, weil ihn die Hexen bezaubert hatten. Endlich, als nun der arme Mensch erwachte, löste sich die ganze Bezauberung. Die Hexen salbten sich mit einem Öle und flogen davon. Der Franziskaner aber nahm das Herz, das schon gebraten war, vom Roste und gab es dem Jüngling zu essen; und der wurde denn mit Gottes Hilfe wieder gesund.

Er Eine schreckliche Geschichte!

Sie Jawohl!

Er – Wie lange wird dein Bruder von hier wegbleiben?

Sie Zwei Tage.

Er Könntest du mir nicht die Schlüssel zu dem Saale verschaffen?

Sie Was mutet Ihr mir zu! – Ich müßte Euch gar nicht ein bißchen gut sein, wenn ich Euch die Schlüssel verschaffen wollte.

Er Wenn du mir gut bist und mich liebst, verschaffst du sie mir.

Sie Nein! zu Euerm Unglück mag ich nichts beitragen.

Er Geht dein Bruder in den Saal?

Sie Ich glaube wohl!

Er Und es geschieht ihm nichts? – Mir wird also auch nichts geschehen.

Sie Nein! Ich gebe Euch die Schlüssel nicht! – Wenn Ihr unglücklich sein solltet, ich wüßte nicht, was ich anfangen sollte. – Und, wenn ich Euch auch die Schlüssel wirklich geben wollte, so weiß ich nicht, wo ich sie finden soll. Mein Bruder wird sie gewiß verschlossen haben.

Indem vernahmen sie ein Geräusch. Sie lauschten und hörten deutlich, daß es – in dem Saale war. – Margalisa schmiegte sich zitternd an Rinaldo an. Dieser winkte ihr, zu schweigen. Sie zitterte und schwieg.

Er erhob sich langsam, stieg auf, schlich sich an die Saaltür und lauschte. – Es blieb ruhig.

Er ging zurück. Margalisa erklärte ängstlich, sie werde diese Nacht nicht aus dem Zimmer gehen. – Rinaldo lächelte und verließ mit ihr das Zimmer. Sie gingen durch das zweite ins dritte Zimmer. Hier wurde Margalisa ruhiger, gleichsam als sei sie durch eine weitere Entfernung von dem Saale in größerer Sicherheit als in dessen Nähe. – Als sie ihn aber endlich verließ, mußte sie Rinaldo die Treppe hinab bis vor ihre Kammer im untersten Stock des Schlosses begleiten.

 

Als er wieder in sein Zimmer zurückkam, fielen seine Blicke auf seine Schatulle. Sogleich fiel ihm ein, daß er in derselben sehr gute Schließinstrumente habe. – Er öffnete die Schatulle, nahm die Werkzeuge ehemaliger Geschicklichkeit heraus und entschloß sich rasch, die Geheimnisse des sogenannten Unglückssaals zu untersuchen.

Ebenso rasch ging er dabei zu Werke, nahm ein Gewehr zu sich und näherte sich mit Wachskerzen dem Schlosse der Saaltür.

Die Vortrefflichkeit seiner Instrumente krönte sogleich die erste Probe. Die Schlösser wurden geöffnet. Die Saaltür ging auf. – Im Saale war es still und finster. Die Fenster verdeckten Gardinen, welche auch der feinste Strahl des Mondes nicht durchbrach.

Er trat in den Saal, der leer und ohne Möbel war. Eine doppelte Flügeltür war rechts. Nur einfach verschlossen, öffnete sie sich dem erfahrenen Schließer bald. – Sie führte zu einer langen Galerie, die auf beiden Seiten mit Bildern geziert und mit Wandleuchtern versehen war. Auf den Wandleuchtern steckten Lichter, die, wie man deutlich sah, angezündet gewesen waren.

»Also gibt es hier«, – sprach Rinaldo bei sich selbst, – »Menschen, denn Geister bedürfen dieser Lichter nicht!«

Mit festem Schritt und leisem Tritt ging er weiter und kam am Ende der Galerie an eine gleichfalls verschlossene Tür. Er öffnete sie und trat in einen kleinen Saal, dessen Wände auch mit Bildern und Leuchtern behängt waren. Eine Tür, die nicht verschlossen war, führte in ein Zimmer. Dieses war möbliert und zeigte Spuren, daß es von Menschen besucht wurde. – Nun ging er behutsam weiter und kam aus dem Zimmer in einen schmalen, dunklen, gewölbten Gang.

Hier blieb er stehen und überlegte, ob er jetzt weitergehen oder ob er seine ferneren Untersuchungen bis morgen aufschieben wollte. Zögernd ging er nur langsam nach und nach weiter. Er überlegte noch, als er auf etwas Nachgebendes trat, worauf unter ihm laut eine Glocke ertönte und er langsam auf einer Versenkung in die Tiefe hinabfuhr.

Als er festen Fuß faßte, befand er sich in einem großen, von einigen schwebenden Lampen nur schwach erleuchteten Gewölbe und sah, daß die Maschine der Versenkung langsam wieder hinaufging. – Nun war an kein Zurückgehen mehr zu denken. Er stand, lauschte und hörte in der Entfernung ein Geräusch wie von einer Pochmaschine und von Räderwerk, das durch Wasser getrieben wird.

»Und sollte ich mich der rauschenden Arbeit der Danaiden, dem Rade Ixions und allen Schrecken des wahren oder eines Orkus der Krata Repoa nähern«, sprach er bei sich selbst, – »ich gehe weiter.«

Er nahm die Lichter in die linke Hand, in die rechte eine gespannte Pistole und ging weiter fort. – Je weiter er kam, desto stärker wurde das Geräusch.

Eine Tür hemmte seine Schritte. Er öffnete sie entschlossen und trat in ein zweites, stärker erleuchtetes und niedrigeres Gewölbe, in welches er kaum den Fuß gesetzt hatte, als er eine Figur bemerkte, die bei seiner Erscheinung laut auf: »Alarm!« schrie und davonlief.

Nun blieb er stehen, sicherte sich den Rücken, setzte die Lichter neben sich auf die Erde, stellte sich in bewaffnete Positur und erwartete, was geschehen würde.

 

Ein dunkel gekleideter Mann mit weißem Haar und Barte trat herbei und donnerte ihm entgegen:

»Verwegener, wer bist du? Wie kommst du hierher? Was suchst du hier?«

Gelassen antwortete Rinaldo: »Ich frage dich: Wer bist du? Nach deiner Antwort wird die meine folgen.«

Der Alte schwieg einige Augenblicke und fragte dann wieder: »Bist du allein hier?«

»Das wirst du erfahren«, war die Antwort.

»Du bist mit allen den Deinigen, soviel deren auch mit dir hier und in jenem Gewölbe verborgen sein mögen, in meiner Gewalt, und ihr werdet lebendig nie diesen Ort wieder verlassen, wenn ich euch nicht freilassen will. – Also antworte, Mensch! wer bist du?«

»Ein Mensch, wie du gesagt hast. Oder glaubst du nicht, daß es einen Menschen gibt, der ohne Furcht hierher kam?«

»Viel gewagt!«

»Noch nicht genug.«

»Was mehr?«

»Das sollst du erfahren!« – schrie Rinaldo, sprang auf ihn zu, packte ihn, drängte ihn gegen die Wand und setzte ihm die Pistole auf die Brust.

Der Alte zitterte und schwieg. – Rinaldo aber fragte wieder: »Wer bist du?«

Der Alte gab keine Antwort. – Rinaldo schüttelte ihn und schrie ihm zu:

»Beantworte meine Frage, oder ich schieße dich nieder.«

»Das kannst du tun«, – sagte der Alte, – »wenn du dein Leben selbst verloren geben willst. Beantworte meine Fragen, und ich will die deinigen beantworten. Ich sehe wohl, daß ich es mit einem kühnen, entschlossenen Manne zu tun habe, aber dennoch werde ich dich nicht fürchten.«

»Gelogen!« – schrie Rinaldo. – »Du zitterst.«

»Ich bin«, – fuhr der Alte fort, – »ein alter, schwacher Mann, und du bist mir an körperlicher Stärke überlegen, aber es sind junge, kraftvolle Männer in unserer Nähe, mit diesen mußt du dich messen, wenn du im Kampfe Ehre erwerben willst.«

Rinaldo ließ ihn fahren und wollte eben sprechen, als er drei starke Männer mit blanken Säbeln auf sich zukommen sah.

»Greift« – schrie der Alte, als er sie erblickte und sich frei sah, – »diesen Unbesonnenen!«

Zu Rinaldo sagte er: »Wenn du dich zur Wehr setzest, so laß ich dich niederhauen.«

»Wenn du das bei der Gräfin Ventimiglia verantworten kannst, deren Bruder ich bin«, – antwortete Rinaldo, – »so kannst du mich niederhauen lassen; ich aber werde mich wehren, solange ich noch ein Glied bewegen kann. Wenn sich mir einer naht, so schieß ich dich zuerst nieder.«

»Haltet an!« – schrie einer von den Dreien, – »diese Stimme ist mir sehr bekannt. Diese Gestalt, dieses Gesicht. – Ich will des Teufels sein! wenn du nicht mein vom Tode erstandener, geretteter Hauptmann, wenn du nicht Rinaldini bist.«

»Ich bin es. – Du bist Nero. – Ich bin dein Hauptmann und befehle dir und deinen Kameraden, die Waffen niederzulegen.«

»Lustig, ihr feinen Gesellen!« – schrie Nero. – »Hört meines Hauptmanns Befehl, habt Respekt und streckt die Waffen. Hier steht der große Rinaldini und spricht mit euch.«

»Schweig!« – donnerte der Alte.

»Was da! – Was wollt Ihr? – Ich trete auf meines Hauptmanns Seite, ich fechte und sterbe mit ihm. Aber kommt uns einmal zu nahe, wenn ihr erfahren wollt, wie es zugeht, wenn man sich an den großen Rinaldini wagt!«

»Laß sie nur kommen, – Nero!« sagte Rinaldo, – »wir wollen sie schon empfangen. Meine Leute im Schlosse werden mich suchen. Wir werden bald Succurs erhalten.«

»Schließt die Falltüren!« – schrie der Alte.

»Unnütze Vorsicht!« – fiel Rinaldo ein; – »Meinen Leuten sind keine Schlösser zu fest.«

»Das wollen wir erwarten«, sagte der Alte.

Da stürzten einige Männer aus jenem Gewölbe, durch welches Rinaldo gekommen war, herbei und schrien:

»Alarm! Alarm! Das Schloß ist überrumpelt, Soldaten haben es besetzt. Wir sind verraten und verloren!«

»Rettet euch!« – keuchte erschrocken der Alte und lief hinter jenen drein.

Nero nahm Rinaldo bei der Hand und schrie ihm zu:

»Nur mir nach! – Uns sollen sie nichts tun. Wir haben Schlupfwinkel. – Nur mir nach!«

 

In den unterirdischen Winkeln war die Verwirrung allgemein. Man schrie, lärmte und fluchte; auch glaubte Rinaldo Weiberstimmen und Kindergeschrei zu hören. – Ohne sich das, was um ihn herum vorging, erklären zu können, folgte er seinem Führer getrost nach.

Es ging durch einige Keller, durch eine Spelunke aufwärts, und als sie hier waren, lispelte ihm Nero zu:

»Diesen Weg kenne nur ich allein. Der Zufall hat ihn mir entdeckt, und ich habe diese Entdeckung für mich behalten, weil ich schon längst dachte, daß die Wirtschaft hier einmal ein Ende mit Schrecken nehmen würde. – Nun aber müßt Ihr auf allen vieren kriechen!«

So krochen sie durch die Mündung einer fürchterlichen Felsenhöhle, deren Ausgang in äußerst rauhe Berggegenden führte. Sie wälzten ein Felsenstück vor die Schlucht und wanden sich in eine andere, mit Gesträuch bedeckte Felsenhöhle.

 

Nero küßte seinem Hauptmann die Hände und fing an zu erzählen:

»Mord und alle Wetter! Wie freue ich mich, dich endlich wiederzusehen, Hauptmann! Daß du wieder hergestellt und ins Leben zurückgebracht worden warst, wußte ich schon, aber es hieß, ich weiß nicht, wer das einfältige Gerücht verbreitet hatte! –, du seist in ein Kloster gegangen. Das konnte und wollte ich nicht glauben. Da ich aber gar nichts wieder von dir hörte und sah, dachte ich zuletzt: Es kann ja doch wohl möglich sein, daß er den Säbel endlich gegen ein Paternoster vertauscht hat, um sich und uns alle mit dem Himmel wieder auszusöhnen. – Ich griff zum alten Handwerk, aber es warf nicht viel ab. Endlich kam ich wieder zu unsrem Cinthio. Da ging es etwas besser. Wir machten ganz artige Geschäfte und führten oft tolle Streiche aus. Du weißt ja, wie das zugeht!«

»Aber«, – fragte Rinaldo einfallend, – »wie kamst du denn in das Schloß der Gräfin Ventimiglia?«

»Höre nur! – Wir lagen eben bei Sarsona, als mich Cinthio mit einem Briefe nach Marsala sandte. Der Brief war adressiert: An den Herrn Florio, berühmten Kaufmann aus Korfu, dermalen zu Marsala. Ich traf die beschriebene Wohnung, übergab den Brief, und siehe da! der berühmte Kaufmann Florio aus Korfu war – unser lieber alter Herr Frontejaner.«

»Dieser?«

»Der nannte sich damals Florio. Bei ihm war auch unsre wohlbekannte Signora Olimpia –«

»Olimpia?«

»Sie selbst; zwar ein wenig älter, aber immer noch so angenehm wie sonst. Diese hatte, wie ich erfuhr, einem alten, verliebten Narren das Seil über sein erhabenes Ypsilon geworfen und hatte ihm die Hand gegeben –«

»Olimpia, verheiratet?«

»– und war dadurch Gräfin Ventimiglia geworden.«

»Was sagst du? – Olimpia? – Sie? Olimpia die Gräfin Ventimiglia?«

»Ja, ja! Sie selbst. – Der alte Herr, ihr Gemahl, war in ihrem Besitze recht glücklich. Kein Gedanke an einen korsischen Kapitän, an einen Räuberhauptmann, an einen Statthalter zu Nisetto, an alle guten Freunde des Alten von Fronteja, an – wer weiß, woran noch, vor- und nachher! – verbitterte ihm sein Glück. Er leerte den Becher, den Olimpia ihm füllte, con amore, und lag senza dolore entzückt in ihren Armen, so oft ihm das erlaubt war. Kurz, er war glücklich.«

»Wohl ihm!«

»Das sage ich auch. Die Einbildung und der Glaube sind die beiden herrlichsten Himmelsgeschenke für uns arme, miserable Kreaturen! – Denn was haben wir sonst noch, das so erfreulich wär' wie sie?«

»Wie ging dir's zu Marsala?«

»Im Hause der Gräfin lebte ich herrlich und in Freuden und sehnte mich gar nicht wieder aus demselben. – Endlich reiste die Frau Gräfin mit dem Herrn Florio auf ihr Schloß, wo wir vorher eben auch waren. Sie nahmen mich mit, erteilten mir viele Lobsprüche und komplimentierten mich endlich ganz human, mit vielen Versprechungen, in den Keller, in welchem Ihr mich gefunden habt.«

»Und in diesem Keller?« –

»Da trieben wir's stark.«

»Was?«

»Wir münzten Geld.«

»Falsche Münzer wart ihr?«

»Wenigstens waren unsere Münzen nicht so gut, wie sie sein sollten, ob sie gleich sehr schwer als falsch zu erkennen waren, denn wir hatten es, im Anschein, weit gebracht. – Wir haben rechtschaffen darauf losgearbeitet, das muß ich sagen! Die ganze Insel muß von unsern Gold- und Silbermünzen angefüllt sein, wenn das Geld nicht weitergegangen ist. – Wappen und Bild Sr. Maj. des Königs beider Sizilien, wie auch Sr. Heiligkeit, wurden respektiert. Alle unsere Münzen tragen nur republikanische Wappen und Stempel und sind den Teufel nicht wert. Die Respublica Veneta, mitsamt ihren unnatürlichen Löwen, die liebe Libertas von Lucca und Ragusa, das Genuesische Kreuz und Elend, sogar liebe bißchen St. Marinosche Potestà, – alle diese freien Herrlichkeiten wurden mit unendlich viel Freiheit unsern Münzen aufgedrückt. Sie erhielten dadurch Freiheit, hinzugehen, wohin sie wollten, und zu bleiben, wo man sie behalten mochte. – Wir haben eine schöne Anzahl Geldfässerchen abgeschickt. Toronero, der Kastellan des Schlosses, nahm sie gewöhnlich in Empfang und spedierte sie weiter.«

Jetzt konnte Rinaldo sich jene Nachtszene erklären, die er, von den Schloßfenstern aus, sah, worüber ihm Margalisa keine Auskunft geben konnte. – Nero fuhr fort:

»Diese Nacht erst ist ein solcher Transport wieder abgegangen.«

»Ich sah ihn abgehen, konnte aber nicht erraten, was in den Fässern stak.«

»Die Versendung muß aber unrecht angekommen oder gar von ungebetenen Gästen in Empfang genommen worden sein. – Jetzt sitzen sicher einige Dutzend Köpfe weniger fest als zuvor. – Und wie wird es unsrer lieben Gräfin gehen?«

Rinaldo sah schweigend vor sich hin, suchte das ganze Negoz zu überschauen und verlor sich darüber endlich so sehr in seinen Gedanken, daß Nero ihn gleichsam aus einem Traume weckte, als er ihm zurief:

»Wollen wir hierbleiben, oder wollen wir weitergehen?«

 

Sie stiegen hinab und erreichten das Tal. – Hier kroch aus dem Gebüsche ihnen ein Vermummter entgegen, der ihnen zuwinkte näherzukommen. Sie folgten ihm in eine Höhle, wo er seinen Mantel abwarf. Lodovico stand vor ihnen.

Nero Lodovico?

Rinaldo Du hier?

Lodovico Erwünscht! – Ich kam aber vorhin zu einer verdammten Szene!

Nero Auf dem Schlosse?

Lodovico Dahin war ich noch nicht. – Die Gräfin und der alte Herr schickten mich ab, Euch, mein wertester Hauptmann, ihre Ankunft auf morgen oder übermorgen zu melden. Ich eilte, Euch wiederzusehen, und kam eben dazu, als die Soldaten einen Transport Geld anhielten. Ich hörte, es sei falsche Münze und sie komme aus dem Schlosse. Zugleich hieß es geradezu, Rinaldini sei auf dem Schlosse. – Ich machte mich davon, bebte für Euer Leben und bin so glücklich, Euch noch frisch und gesund zu sehen!

Rinaldo empfing von ihm ein Päckchen. Es enthielt Kostbarkeiten, Geld und Wechsel. Olimpia und der Alte schrieben von herrlichen Aussichten und freuten sich, ihm dieselben bald mündlich mitteilen zu können. – Er las, überdachte seine Lage und entschloß sich kurz.

Lodovico und Nero wurden von ihm abgeschickt zu erforschen, wie es um den Alten und seine Freundin stehe. In Mascoli wollten sie sich wiederfinden, wie er ihnen sagte.

In Treno trennten sie sich. Rinaldo steckte sich in Pilgerkleider und ging als ein gebrechlicher Waller, hinkend und verstellt, auf Taormino zu. – Hier lag eben ein sardinisches Fahrzeug segelfertig im Hafen, welches er bestieg, indem er das Gelübde einer Wallfahrt zum Gnadenbilde zu Saorsa auf Sardegna herwinselte. – Der Kapitän lobte seinen frommen Entschluß und nahm ihn willig auf. – Die Anker wurden gelichtet; die Felucke stach in die See und erreichte glücklich das Ziel ihrer Fahrt.

 

Rinaldo warf seine Pilgerkutte ab und eilte nach dem ihm wohlbekannten Cagliari. Hier mietete er sich eine angenehme Wohnung und setzte seine Garderobe in glänzenden Zustand.

Er besuchte die Kirchen, Promenaden und öffentlichen Häuser, fand allenthalben fremde Gesichter und wenig Unterhaltung.

Einst schlich er, wie gewöhnlich, um die Gartenhäuser der Stadt herum; es wurde Abend, und er wollte wieder in seine Wohnung zurückgehen, als er an einem Garten vorbeikam, dessen Tür offenstand und in welchem er auf einer Guitarre spielen und dazu singen hörte. So etwas war, wie wir wissen, seine schwache Seite. – Er trat in die Tür, ging nach und nach weiter und kam in den Garten. – Eben verstummten Musik und Gesang. Bald darauf schlüpfte eine weibliche Figur aus einer Laube, die Allee hinauf, in ein Gartenhaus.

Rinaldo wollte jetzt eben den Garten wieder verlassen, als er bei einem Blumenbeete ein Gärtnermädchen gewahr wurde. Er sprach ihr zu und fragte, ob sie Blumen verkaufe.

»O ja!« – sagte das Mädchen, – »ich verdiene gern etwas. Ihr sollt gleich bedient werden!«

Sie sammelte einen schönen Blumenstrauß, den er ihr gut bezahlte. Sich bedankend, da sie sah, daß der freigebige Blumenkäufer zu gehen zauderte, fragte sie:

»Wollt Ihr noch etwas?«

Er Ich wollte nur noch etwas fragen.

Sie Nun, so sagt! – Wer fragt, sagt mein Vater, wird berichtet.

Er Ich sah vorhin eine Dame aus jener Laube ins Haus gehen; gehört ihr etwa dieser Garten?

Sie So ist es.

Er Wer ist sie?

Sie Es ist die Signora Fiametta.

Er Ist sie verheiratet?

Sie Nein.

Er Ist sie schön?

Sie Das will ich meinen!

Er Unabhängig?

Sie Wie versteht Ihr das?

Er Hat sie Eltern, Geschwister?

Sie Das weiß ich nicht.

Er Bekannte?

Sie O ja!

Er Liebhaber?

Sie Das weiß ich wieder nicht. Aber sie ist ja hübsch. – Und wenn sie auch welche hat, wird sie mir's doch nicht sagen. So etwas behält man für sich. – Ich bin, muß ich Euch sagen, nur die Tochter ihres Gärtners, aber nicht ihre Vertraute. – Gott befohlen!

Rinaldo wollte auch ihr nachgehen, als ein alter Mann mit finstern Blicken in den Garten trat. Er empfing seinen Gruß ziemlich kalt, sah ihn mit einem durchdringenden Blick an und ging an ihm vorbei, nach dem Gartenhause zu. – Auf halbem Wege kehrte er sich um und fragte:

»Sucht der Herr etwas hier?«

»Was ich suchte«, – antwortete Rinaldo, – »habe ich schon gefunden«, und zeigte ihm seinen Blumenstrauß.

Der Alte schien noch etwas fragen zu wollen, unterdrückte aber sichtbar die Frage. Rinaldo ging langsam nach der Gartentür zu. – Eine Sänfte, von zwei Mohren getragen, ward vor der Tür niedergesetzt, geöffnet, und eine Dame kam heraus. Sie schlug ihren Schleier zurück. Rinaldo blickte in ein Paar Augen, die – ja! wer kann solche Augen beschreiben?

Getroffen wie von einem elektrischen Strahl, der ihm durch alle Nerven zuckte, trat er einige Schritte zurück, riß den Hut vom Kopfe und machte eine Verbeugung, die eigentlich gar keine Verbeugung war. Die Dame lächelte, neigte grüßend ihren Fächer gegen ihn und flog mehr als sie ging die Allee hinauf. Im fliegenden Gange rauschte ihr weißseidenes Gewand hoch auf, und sie verlor eine Busenschleife. Rinaldo hob sie auf, eilte ihr nach, blieb stehen, steckte die Schleife zu sich und verließ den Garten.

 

Im Freien besah er, was er gefunden hatte, genauer. Es war eine hellblaue Bandschleife, aus der aber, als er sie genauer besehen wollte, ein kleines, zusammengerolltes, beschriebenes Papier fiel.

Er bedachte sich ein wenig und zauderte, das Papier zu entfalten: »Was hast du«, – sprach er, – »mit den Geheimnissen einer Dame zu tun, die du nicht kennst? – Sind es aber auch Geheimnisse, die dieses Papier enthält? – Was geht das dich an? Du gibst ihr das Papier ungelesen zurück. – Du kennst sie aber nicht. Wirst du sie erfragen und finden können? Und wenn das auch geschehen kann, wird sie dir glauben, wenn du sagst, du hast nicht gelesen, was in deiner Gewalt war? – Sie wird dich noch dazu auslachen, wenn sie es glaubt.«

Als er das sagte, entfaltete er schnell das Papier und fand – eine Sicherheitskarte, wie er sie als Räuberhauptmann Reisenden gab, die von seinen Leuten nicht ausgeplündert werden sollten. Noch betrachtete er den bedeutungsvollen, sonderbaren Paßport, ausgestellt von einem Räuberhauptmann, als an seine Tür geklopft wurde. Er steckte die Karte zu sich und öffnete die Tür.

 

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