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Rinaldo Rinaldini der Räuberhauptmann

Christian August Vulpius: Rinaldo Rinaldini der Räuberhauptmann - Kapitel 12
Quellenangabe
pfad/vulpius/rinaldo/rinaldo.xml
typefiction
authorChristian August Vulpius
titleRinaldo Rinaldini der Räuberhauptmann
publisherInsel Verlag
seriesinsel taschenbuch
volume426
printrun1. Auflage
editorKarl Riha
year1980
firstpub1799
correctorfranka.antenne@gmx.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20100816
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Elftes Buch

Geseh'n, gefunden und verloren,
Aus einem schönen Traum erwacht!
Der Wechsel hat sich dir verschworen;
Ob er dich wohl auch glücklich macht?

Originalillustration

Erschrocken bebte Violanta zurück, als Rinaldo in ihr Zimmer trat, ängstlich schlug sie ein Kreuz, und über ihre bebenden Lippen konnte sich kein Wort drängen.

»Freundin!« – begann Rinaldo. – »Sehen wir uns doch wieder?«

Violanta kam nach und nach zu sich, und endlich fragte sie stammelnd:

»Ihr lebt?«

»›Ich lebe, um zu meinem Unglück Dianoren zu finden.‹« –

»Sie?«

»›Die ich wieder verlassen mußte.‹«

»Ist es möglich? Ihr saht sie? Ihr seid dem Tode entronnen? – Ihr habt Dianoren gesehen, gefunden? – Wo?«

»›Auf Lipari.‹«

Er erzählte ihr, was wir wissen. Ihre Verwunderung stieg, und die Unterhaltung wurde herzlicher. – Violanta wartete, wie sie sagte und wie Rinaldo durch den Pater schon wußte, auf ein Schiff, das sie nach Lipari bringen sollte. – Jetzt fragte sie:

»Und was wollt Ihr tun?«

»›Ich wende mich‹« – antwortete Rinaldo, – »›mit der herzlichsten Bitte meines Lebens an Euch, an die Freundin, die ich einst aus finsterer Kerkernacht ins Licht des Lebens zog!‹« –

»Ich errate diese Bitte!« – seufzte Violanta.

»›Folgt mir Dianora, so blüht mir das Glück meines Lebens. – Ich bin fest entschlossen, mein Leben daran zu wagen, meine vergrabenen Schätze aufzusuchen und – dann nach Spanien zu gehen, wohl weiter, dorthin, auf jene glücklichen Inseln, wo ein ewiger Lenz den frohen Bewohnern lacht. Dort, Violanta, wollen wir in stiller, verträglicher Einsamkeit leben, dort wollen wir froh und glücklich sein!‹«

»Das war auch unser Wunsch auf Pantaleria! – Das Glück erfüllte ihn nicht.«

»›Vielleicht lächelt es uns günstiger in entfernteren Zonen!‹«

Noch sprachen sie weiter, und Violanta versprach ihm endlich, alles anzuwenden, Dianoren zu bereden –, wenn es einer Überredung bedürfe –, dem Rufe der Liebe zu folgen. Melazzo sollte der Ort der Versammlung bleiben, und um einen Mittelsmann zu haben, der dies und jenes besorgte, durch dessen Hände die Briefe gingen, ohne daß er selbst wüßte, wozu er seine Hand biete, ward der Pater Amaro erlesen, auf glückliche Rechnung für seine Notleidenden und seine Portraitsammlung, der hilfreiche vierte zwischen dreien zu sein. – Beide wollten die Sache gehörig überlegen, und diesen Abend sollten bei einem frugalen Mahle, wozu Violanta ihren Gast bat, alle Punkte festgesetzt und die nötigsten Bedingungen, Erklärungen etc. bestimmt werden.

 

Rinaldo ging eben aus Violantas Wohnung, als, dieser gegenüber, aus einem Weinhause einige betrunkene Matrosen auf ihn zu taumelten. Er trat auf die Seite, sie vorüberzulassen, als der eine stehenblieb und mit großen Augen ihn angaffte.

»Straf mich Gott!«, – schrie er endlich; – »wenn ich lüge! Kameraden, seht diesen Mann hier an und ihr seht, hole mich der Teufel!, den verrufenen Rinaldini vor euch, wie er leibt und lebt!«

Rasch trat Rinaldo auf ihn zu, ergriff seine Hand, drückte sie bedeutend und fragte:

»Hast du den Mann, den du eben nanntest, gekannt?«

»›Ja, beim Teufel! ich habe ihn gekannt‹«, – sagte jener trotzig, vielleicht ohne die Bedeutung des Händedrucks zu erraten oder auch, um sich nicht irre machen lassen zu wollen.

»Was?« schrie einer seiner Gesellen; – »du hättest den berühmten Rinaldini gekannt? Berühme dich nicht solcher Dinge! Der Wein lügt aus dir.«

»Kamerad!« – stammelte jener, – »der Wein lügt nicht. Der Wein spricht die Wahrheit.«

Lächelnd sagte Rinaldo:

»Geh nach Hause und schlafe deinen Rausch aus!«

»Was?« – schrie der Schreier; – »Ich hätte einen Rausch? – Ich? – Mord und Wetter! brüllen will ich wie eine Gerichtsposaune, schreien will ich, daß es die ganze Stadt hören soll. So wie Ihr ausseht, so sah er aus, der vermaledeite Räubersultan Rinaldini!«

Bald gab es ein Zusammentreten der Vorübergehenden, es mischten sich endlich Sbirren unter die Umstehenden und fragten, was es gebe?

»Einen Trunkenbold gibt es hier!« – sagte der Pater Amaro, der eben herbeitrat, Rinaldo bei der Hand nahm, ihn ins Kloster führte und die Pforte schließen ließ.

Die Sbirren begnügten sich nicht mit des Paters unerbetener Antwort, sie examinierten den Schreier stärker und führten ihn endlich, als er bei seiner Aussage blieb, vor den Polizeirichter.

 

Der Pater Amaro führte den Geretteten durch den Klosterhof in den Klostergarten, schweigend bis an die hintere Pforte desselben. Hier nahm er ihn bei der Hand und sagte:

»Eine Liebe ist der andern wert, ein Dienst des andern. – Ihr kennt mich nicht mehr. Gram und Kummer haben mich entstellt, aber ich kenne Euch noch. – Jetzt führe ich Euch aus diesem Garten in jenes Weinberghaus. Dort seht Ihr mich in kurzer Zeit wieder, und dort – sollt Ihr mich auch wieder kennenlernen.«

Rinaldo wollte Erklärungen, der Pater ließ sich auf nichts ein.

»Wir sehen uns bald wieder!« war seine Antwort, und so brachte er ihn in das Weinberghaus, dessen Tür er hinter ihm verschloß, als er ihn verließ.

Rinaldo schwebte in bangen Erwartungen. Er fürchtete Verrat und Entdeckungen. Seinen Dolch steckte er sich zur Hand, und ein Plättchen Gift, welches er unter seinem Fingerringe führte, hob er hervor, es im äußersten Notfalle zu gebrauchen. – Ängstlich klopfte sein Herz; er erwartete und fürchtete des geheimnisvollen Paters Zurückkunft. – Bekannter wurden ihm, nach langem Nachdenken, seine Gesichtszüge, dennoch aber konnte er sich seines Namens und seiner Bekanntschaft nicht so, wie er es wünschte, erinnern. – Er zog die Uhr beinahe von Minute zu Minute. Die schnell enteilenden Sekunden wurden ihm zu Stunden.

 

Endlich vernahm er Fußtritte. Die Tür ging auf und Pater Amaro, ein Päckchen unterm Arme, trat ein. – Freudig fiel Rinaldo ihm um den Hals und fragte ängstlich:

»Seid Ihr endlich da?«

Der Pater faßte seine Hand und sagte: »Wie so sonderbar! Ich mußte Euch retten, Euch – der Ihr einst, wie Ihr meintet, mein Glück mir in die Hand gabt; mein Glück, das mein Unglück wurde! – wenn es ein Unglück ist, in diesem Kleide, wenn auch nicht glücklich, dennoch ruhig zu sein!«

Rinaldo staunte den Sprechenden an. – Dieser fuhr nach einer kleinen Pause also fort:

»Einst sahen wir uns, als die Notwendigkeit Euch zu der Entdeckung zwang, zu sagen, welchem Manne man Eure Hilfe verdankte, auf dem Schlosse des Barons Denongo« –

»Ha! Jetzt erkenne ich Euch wieder!« – schrie Rinaldo. – »Ihr seid der Sekretär des Barons Denongo, der damals glückliche Liebhaber der schönen Laura!«

»Der bin ich.«

Hundert Fragen schwebten auf Rinaldos Lippen, allen kam Amaro zuvor.

»Ich war«, – sagte er, – »der Glückliche, den damals Laura liebte. – Eurer Großmut verdankte ich es, daß der Baron mir die Hand seiner Tochter versprach; aber, schlau genug, setzte er dem Ziele unsrer Wünsche einen Zeitraum von drei Jahren entgegen. Er kannte Weiberherzen! – Laura liebte mich. Die Zeit, die böse Räuberin der Zärtlichkeit! raubte mir ihre Liebe, oder – wenigstens ihre Hand. Sie gab die Hand, die mir gehörte, Grafen Lentini, floh mich, meine Klagen, und der Vater bot mir Geld. »Ihr seid beide wortbrüchig!« sagte ich, nahm kein Geld und ging nach Melazzo zu meinem Bruder, der Prior des Klosters ist, in welchem ich mich als Mönch befinde. – Dies ist meine Geschichte, und daß ich Euch kenne, wißt Ihr. – Ich erkannte Euch sogleich, als ich Euch zum erstenmal sah, und wunderte mich der Kühnheit Eures unverstellten Gesichts. – Allgemein werdet Ihr totgeglaubt, und ich – rette Euch jetzt, denn schon ist Lärm in der Stadt und Session bei dem Polizeigericht. Vermutlich werde ich selbst vorgefordert werden. Diese Kutte läßt mich aber nichts fürchten, und ich bin ruhig. Ich erfülle jetzt die Pflichten der Dankbarkeit.«

»Edler Mann!« – stammelte Rinaldo.

Der Pater legte das mitgebrachte Päckchen auseinander und sagte:

»Hier sind Kleidungsstücke. Ich schaffe Euch, so gut es gehen will, zum Franziskaner um. – Die Kapuze über den Kopf, diese falsche Nase ins Gesicht, Farbe auf die Backen, dieser falsche Bart ums Kinn, und Ihr könnt getrost weiterwandern.«

Rinaldo fiel ihm um den Hals und stammelte Worte des Dankes. Der Pater half ihn ankleiden, nahm Aufträge an Violanten an, die er pünktlich zu bestellen versprach, gab ihm den Segen, zeigte ihm den Weg nach Achi zu, in die Gebirge, und der metamorphosierte Freund wanderte seufzend von dannen.

 

Kaum hatte er die Anhöhe erstiegen, als von dem Kastell zu Melazzo ein Kanonenschuß fiel; das Signal, die Tore zu sperren. »Guter Amaro!« – seufzte Rinaldo und eilte weiter.

In der Wohnung eines einsamen Bauerngutes wurde er (als Franziskaner, versteht sich) um Gottes willen gespeist und getränkt; ja, er erhielt auch noch Proviant mit auf den Weg. Damit wanderte er getrost weiter, und als er gegen Abend eine vom Wege etwas entlegene Kapelle der sieben Schmerzen nahe bei einer Quelle fand, entschloß er sich, hinter derselben zu übernachten.

Als er erwachte und seine Morgenandacht verrichtet hatte, ging er weiter. Schon hatte er Achi im Rücken und näherte sich dem Gebirgspasse, als er ganz unvermutet Gesellschaft bekam. – Von der Seite her kamen ein ehrwürdiger Kapuziner und ein artiges Harfenmädchen zu ihm.

»Wir beide«, – sagte der Kapuziner nach den gewöhnlichen Begrüßungen – »wandern selbander: Ich ihr zum Schutz, Sie mir zur Aufheiterung; so wie uns das Ungefähr zusammenführte. – Nun aber, tres faciunt collegium! – Musik ist die Freude der Menschen und Heiligen. Ja, eine Harfe ist das Instrument, auf welchem selbst König David sich die Grillen vertrieb.«

Rinaldo fragte, wohin die Wanderschaft gehe? Das Mädchen wollte, wie sie sagte, über Galati nach Scaletta gehn, der Pater aber gab Pezzolo als das Ziel seiner Reise an.

Da es eben Mittag war, wurde Platz bei einem Brunnen vor einem Pappelhaine genommen. Der Kapuziner öffnete seinen Brotsack und teilte mit, was er hatte. Der Brunnen lieferte den Tischtrunk.

»Nun, Annetta!« – sagte der Pater, – »spiele uns etwas.« Annetta ergriff die Harfe, spielte und sang dazu:

Um des Menschen Wiege wanken
Freud und Leid mit gleichem Schritt,
Sind die Amme seiner Tage,
Wandeln durch sein Leben mit.
Hüpft ihm Freude zu der Rechten,
Schwebt zur Linken ihm das Leid,
Bis sich beide selbst verlieren
In dem Ozean der Zeit.

Der Pater faltete die Hände und seufzte. Rinaldo wollte sprechen, als Annetta präludierte. Sie spielte und sang:

Letze dich am Duft der Rosen,
Eh' sie welken und verblühn,
Laß der Liebe holde Blumen
Ungenossen nicht verglühn!
Freude senkt im Rosenschimmer
Sich auf die beblumte Flur
Folge ihrem Freudenrufe,
Folge ihrer sanften Spur!

Rosa stand vor Rinaldos Sinnen. Er sah sie mit der Guitarre singend in Wüsten und Einöden an seiner Seite sitzen, er hörte ihre Stimme, dachte sich in vergangene Zeiten und verlor sich in Betrachtungen. – Der Pater hatte sein Haupt gesenkt und entschlummerte. Annetta klimperte auf der Harfe. – Rinaldo kam endlich zu sich. Es entspann sich zwischen den Wachenden ein Gespräch.

Rinaldo Du kommst wohl aus Melazzo?

Annetta Ich komme aus Rametta.

Rinaldo Wanderst du stets allein umher?

Annetta Mein ältester Bruder begleitete mich. Er spielt eine schöne Geige. In Messina hat er sich bei einer Kapelle engagieren lassen. Nun gehe ich in meinen Geburtsort, nach Scaletta zurück und will meinen jüngern Bruder, der die Flöte spielt, bereden, mit mir zu gehen.

Rinaldo Trägt dir dein Spielen etwas ein?

Annetta Ach ja! – Ich ernähre Vater und Mutter, die arm, alt und gebrechlich sind.

Rinaldo Das ist brav!

Annetta Die Eltern haben mich ja auch ernährt, da ich noch nichts verdienen konnte.

Jetzt erwachte der Pater. Sogleich wurde aufgebrochen und weitergewandert.

Die Sonne sank, die Schatten wurden länger, rundherum wurde alles still; nur die geschäftigen Abendfliegen summten noch übers Feld; da erreichten sie ein einsames Wirtshaus. Hier nahmen sie Nachtquartier.

 

Der Tag brach an. Die Waller erwachten. Der Pater stimmte einen Morgengesang an, Rinaldo fiel ein und Annetta akkompagnierte mit der Harfe. – Die Wirtin war sehr erbaut von diesem Gesange und bat sich noch einen zweiten aus, womit, wie sie sagte, die Zeche bezahlt sein sollte. Ihr Wunsch wurde ihr sogleich gewährt, und sie trug sogar, dankbar, noch einen Krug Wein auf.

»Gott segne dich, du frommes Weib, die du die Wanderer labest und erquickst, und schenke dir für diesen irdischen, den du uns so freundlich gibst, dereinst den Wein der himmlischen Freude!« – sagte der Pater.

»Das gebe Gott; so spät wie möglich!« – seufzte die Wirtin mit gebrochenen, gen Himmel erhobenen Augen. Rinaldo sah in diese gebrochenen Augen, nicht ohne weltliche Rührung, und drückte ihr die Hand.

»Ach!« – sagte die Wirtin, – »wenn es Euch doch gefallen wollte, auch diesen Mittag noch bei mir zu verweilen. Mein Mann ist nach Messina gegangen, ich erwarte seine Zurückkunft erst in einigen Tagen und ich bin gar nicht gern allein. Wenn nun solche frommen Männer bei mir bleiben wollten, so würde ich in sehr erwünschter Gesellschaft sein.«

»Meine Stunden, liebe Frau, sind gezählt«, – antwortete der Pater. – »Man erwartet meine Ankunft sehnlich zu Pezzolo.« »Was mich betrifft«, – sagte Annetta, – »so blieb ich gern hier, wenn es in Gesellschaft geschehen könnte, einen Tag auszuruhen, denn ich bin sehr müde.«

»Und Ihr, Herr Pater?« – fragte die Wirtin, indem sie sich gegen den Pseudopater Rinaldo wandte.

»Ich bleibe hier«, antwortete dieser.

»Das ist mir sehr lieb!« – sagte die Wirtin und eilte in die Küche. »Mir auch!« – setzte Annetta hinzu.

»Wenn dem so ist«, sagte der Pater bedächtig, »und da ich einmal an Reisegesellschaft gewöhnt bin, so bleibe ich auch mit hier. Morgen, so Gott will, wandern wir weiter.«

Annetta ergriff sogleich die Harfe, spielte und sang:

Der Himmel streut Blumen
Auf dornigen Pfad;
Der Himmel streut Dornen
Auf blumigen Pfad.
Es welken die Blumen;
Die Dornen zerstreut
Ein freundliches Lüftchen
Der heilenden Zeit.

»Was mich betrifft«, – sagte Annetta; – »so halte ich es mit der freundlichen Gegenwart.«

»Die Gegenwart«, – erwiderte Rinaldo, – »verschlingt das Vergangene. Der Sturm geht vorüber, und helle Sonnenblicke erheitern das erschütterte Herz. – Der Mensch ist der Welt geboren; er lebt mit der Zeit. Die Freude mache ihn nie übermütig; Leiden dürfen ihn nicht zaghaft machen. Der Nacht folgt Tag. Morgenröte und Abendröte glänzen an einem Horizont.«

Annetta sah ihn aufmerksam an und sagte: »Euch möchte ich predigen hören, Herr Pater!«

»Ich auch«, – sagte die Wirtin, die eben herzutrat.

Annetta und die Wirtin fuhren fort:

»Wollt Ihr uns nicht etwas vorpredigen?«

Der Kapuziner schüttelte den Kopf, aber Rinaldo bat sich einige Stunden Bedenkzeit aus.

 

Indessen kamen einige Maultiertreiber und hielten mit ihren beladenen Tieren in dem Wirtshause an.

Der Pater kam sogleich mit ihnen ins Gespräch und erzählte einige Wundergeschichten, die von den Maultiertreibern und Annetten mit offenen Ohren empfangen wurden. – Rinaldo sah sich in dem Hause um und wurde von der Wirtin eingeladen, ihren Weinvorrat im Keller zu besehen. Sie öffnete freigebig die Schätze dieses Vorrats, und der fromme Gast ließ es sich wohl schmecken.

»Ich bin«, – sagte die Wirtin, – »der Geistlichkeit von Jugend auf ganz besonders gewogen gewesen, und ich wär' sogar selbst gern eine Nonne geworden, bloß des geistlichen Umganges wegen, aber – es hat nicht sein sollen.«

Rinaldo tröstete sie deshalb. Die Wirtin ließ sich recht gern trösten. Ihre Lebhaftigkeit nahm zu. Je weniger sie sprach, je lebhafter wurde sie.

Indessen wurde es über der Erde auch lebhafter. – Die Maultiertreiber wollten weiterziehen und schrien nach der Wirtin, ihre Zeche zu bezahlen. Sie mußte den Keller verlassen. Rinaldo folgte ihr und die Gäste zogen von dannen.

Kaum waren sie fort, als drei Bewaffnete eintraten und Wein forderten. Rinaldo musterte die Angekommenen und erinnerte sich an die Zeiten, wo er mit Kerlen dieses Schlags täglichen Umgang pflegte. – Er zog die Wirtin auf die Seite und fragte, ob sie diese Gäste kenne?

»Herr Pater! Was denkt ihr von mir und meinem Wirtshause?« antwortete diese. – Ich kenne die Leute so wenig, als mich der Papst kennt. – Seit einigen Tagen murmelt man von einer Räuberbande, die im Gebirge hausen soll, vielleicht gehören gar diese saubern Gäste dazu.«

Die Bewaffneten wandten sich an den Kapuziner. Der eine fragte: »Was gibt's Neues?«

»Neuigkeiten«, – antwortete der Pater, – »interessieren bloß Weltleute. Ich weiß keine.«

»Man spricht von Räubern in der Gegend.«

»Meine Armut fürchtet sie nicht.«

Indessen war die Wirtin in die Stube getreten; ihr folgte Rinaldo.

»Ei, Frau Wirtin!« – fing der Sprecher der Bewaffneten an; – »Ihr seid ja recht geistlich von beiden Seiten beschlagen! Mitten drinnen sitzt Ihr in der geistlichen Umgebung, wie eine Rose zwischen Dornen.«

»Ei! Wie spaßhaft!« – lächelte die Wirtin und warf einen scherzhaft sprechenden Blick auf den Pseudopater Rinaldo. – Der Sprecher fragte weiter:

»Hat dieses Wirtshaus geräumige Stallung?«

»O ja!« – erwiderte die Wirtin; – »Wenn die Dragoner hier exerzieren, stallen wir oft 30 bis 40 Pferde.«

»Viel Gelaß für Menschen?«

»Ziemlich. – Habe ich etwa Besuch zu erwarten?«

»Vielleicht diese Nacht noch.«

»Mein Gott! – Aber doch wohl« –

Indem sprengten drei Dragoner in den Hof. – Schnell saßen sie ab, und zwei davon traten in die Stube.

»Die Frau Wirtin«, – hieß es, – »gibt uns ein Glas Wein, und diese Gesellschaft zeigt ihre Pässe vor!«

Annetta griff sogleich nach ihrem Passe, und eben das tat auch der Kapuziner, der sein Missiv hervorzog. Die Dragoner faßten die Bewaffneten in die Augen. Der Sprecher schien ohne Verlegenheit zu sein. –

»Wir sind reisende Jäger«, – sagte er; – »wollen nach Melazzo und wollen uns dort unter das Feldjäger-Korps anwerben lassen. Vorher waren wir als Grenzschützen in Diensten des Prinzen von Policastro. Hier sind unsre ehrlichen Abschiede, die man allenthalben als Pässe anerkannt hat.«

Die Dragoner sahen die Papiere durch und gaben sie wieder zurück. Der eine redete:

»Es ist in Melazzo ein verteufelter Streich passiert.«

Der Grenzschütz Wieso?

Dragoner Da ist auf einmal der Teufelskerl Rinaldini wieder sichtbar geworden.

Grenzschütz Was? – Rinaldini? –

Wirtin Der soll ja aber schon längst tot sein.

Kapuziner Die Regierung hat ja die Nachricht von seinem Tode öffentlich ausrufen, gedruckt anschlagen und bekannt machen lassen.

Grenzschütz Das habe ich selbst in Messina gelesen.

Rinaldo Ich nicht weniger.

Wirtin Alle Reisenden haben es bei uns erzählt.

Dragoner Das kann alles nichts helfen! – Er lebt und ist in Melazzo beinahe erwischt worden. Er hat sich ins Franziskanerkloster salviert und ist entkommen.

Kapuziner Gott sei bei uns!

Dragoner Zu Melazzo ist eine Untersuchung. Es sind einige Personen arretiert worden, sogar ein Franziskaner, sagt man.

Rinaldo Das muß geschehen sein, als ich Melazzo verlassen hatte. Mir sind das lauter Neuigkeiten. – Vielleicht beruht aber die Sache auf einem Irrtum. Ich wenigstens glaube steif und fest, daß Rinaldini nicht mehr unter den Lebendigen ist, denn – laßt euch erzählen! – der fromme P. Domenico, ein Mann, der schon hienieden selig ist, hat die Seele Rinaldinis im Fegefeuer erblickt, wohin sein geistliches Auge gar oft sieht. Dort hat der Bösewicht gewinselt, geklagt und um Seelenmessen gebeten. Ich habe deren selbst drei, auf Befehl der Obern, für den Missetäter lesen müssen, secundum faciem sanctorum, aus christlicher Liebe und Erbarmung.

Wirtin Hat das aber der Bösewicht auch verdient?

Rinaldo Sind wir nicht alle sündige Menschen? – Gott mag richten!

Dragoner Herr Pater! Ihr habt gewiß das Geschäft, die armen Sünder in hohe Gegenden zu begleiten? – Das hört man gleich an Euern Reden. Ich habe dergleichen Worte schon bei Exekutionen gehört.

Indem sprengten abermals sechs Dragoner in den Hof.

»Wißt ihr auch«, – schrie der Wachtmeister, als er in die Stube trat, – »daß das Dörfchen Norretto in Flammen steht?«

Wirtin Norretto? – Ach Gott! – In Flammen?

Wachtmeister Von Räubern angesteckt.

Wirtin Von Räubern?

Wachtmeister Es hat seine Richtigkeit. – Rinaldini, der Teufelsbraten, lebt, ist entwischt, steht an der Spitze einer Bande, haust in den Gebirgen von Achi, sengt und brennt.

Wirtin O! Der schlechte Kerl!

Kapuziner Den Gott züchtigen und verdammen möge! – Der schlechterdings dem Galgen nicht entrinnen will und darf.

Wirtin O! Der schlechte Mensch!

Wachtmeister Sind hier die Pässe aufgezeigt?

Dragoner Es ist alles in seiner Ordnung, wie es sich gehört.

Wachtmeister Sitzt auf, Burschen! Es wird gestreift!

Die Dragoner verließen die Stube und das Wirtshaus.

 

Rinaldo stand vor der äußern Tür des Wirtshauses, als der sogenannte Grenzschütz auf ihn zukam, ihm die Hand und ein Goldstück hineindrückte. Rinaldo sah ihn verwunderungsvoll an:

»Was soll das?«

›»Zu Seelenmessen, für Rinaldini.‹«

»Dein Name?«

»›Morletto.‹«

»›Dein Gewerbe?‹«

Morletto schwieg. Rinaldo wiederholte die Frage; Morletto nahm in bei der Hand.

»Du gehörst zu der Gesellschaft im Gebirge!«

»›Herr Pater!‹« –

»Du gehörst zu der Gesellschaft im Gebirge! – Kommandiert euch Cinthio oder Luigino?«

»›Herr Pater! – Ich weiß nicht, wie Ihr‹«

»Ohne Furcht, ohne Zurückhaltung!« –

»›Nun dann, in Henkers Namen! – Ja! Ich stehe unter Cinthios Kommando.‹«

»Gut! – Nimm dein Goldstück zurück. Die Seelenmessen lese ich gratis. Deinem Hauptmann Cinthio gib diesen kleinen Siegelring. Er kennt ihn, er weiß, wer ihm den Ring schickt. – Gott befohlen, wackrer Grenzschütz!«

 

Rinaldo entfernte sich schnell. Er saß jetzt im Garten. – Die Grenzschützen hatten das Wirtshaus verlassen. Rinaldo vertiefte sich in mancherlei Spekulationen und Gedanken. – Der Kapuziner umwandelte das Haus, Annetta klimperte auf der Harfe, und die Wirtin hatte Küchengeschäfte. – Unruhig wanderte Rinaldo endlich über die Gartengrenze. Ihn empfing eine schöne Wiese. Mitten auf derselben, unter hohen Pappeln, stand eine kleine Kapelle. Er nahte sich derselben. Eine Dame lag betend vor dem Altar. Er trat einige Schritte zurück, und als sie sich zum Aufstehen bewegte, wandelte er vorüber. – Sie verließ die Kapelle. Er drehte sich und kam ihr entgegen. Sie neigte sich ganz unbefangen gegen ihn, und erschrocken erkannte Rinaldo in ihr – eine längst Bekannte.

Sie wollte vorübergehen; Rinaldo redete sie an und lobte sie ob ihrer Andacht.

»Ach! Herr Pater!« sagte sie. – »Ich bin eine schlimme Sünderin! und eine Unglückliche zugleich!«

»Viel auf einmal, schöne Frau! – Ein Fremder darf nicht so kühn sein, sich in Euer Vertrauen eindringen zu wollen, aber fragen möchte ich doch, wen ich vor mir zu sehen das Glück habe?«

»Ich bin die Gräfin Lentini.«

Nun wissen die Leser aus der Erzählung des guten Portraitsammlers, des P. Amaro in Melazzo, daß diese Gräfin Lentini eben jene Laura Denongo war, die Rinaldini schon längst kannte.

Sie sprach weiter und nötigte den gleichfalls gesprächigen Pater höflich, auf ihrem nahegelegenen Schlosse einzukehren.

»Mein Gemahl«, – setzte sie hinzu, – »ist schon seit drei Tagen abwesend. Er kommandiert als Oberster die Truppen des Königs, die gegen eine starke Räuberbande ausgerückt sind, die unsägliches Unglück über die ganze Gegend umher verbreiten.«

Davon erzählte sie einige Tatsachen. Schweigend begleitete Rinaldo die Erzählerin. Sie kamen in das Schloß. Rinaldo folgte der Einladung.

 

In dem Schlosse befand sich Leonore, die Schwester des Grafen Lentini, ein Mädchen in der schönsten Blüte ihrer Jahre, schlank und schön gewachsen, gefühlvoll, mit sanftem Reiz geschmückt und mit einem Paar sehr feurig sprechender Augen, die sich in den lieblichsten Kreisen sanfter Anmut drehten. Dieser Schönheit stand der verkappte Pater eben nicht gar anmutig entgegen und wurde mutwillig lächelnd von ihr willkommen geheißen.

»Verwünschte Larve!« – seufzte Rinaldo bei sich selbst und sprach nicht ohne Verlegenheit mit dem Fräulein, die das Gespräch sehr bald endigte.

Laura saß nachdenkend am Fenster und blickte in die freie Gegend. Rinaldo sprach von ihrem Gemahl; ihre Antworten begleiteten Seufzer.

Ein Bote brachte einen Brief von dem Grafen, der seiner Gemahlin schrieb, er habe das Lager der Räuber umschlossen, und man erwarte stündlich ein Gefecht, weil, dem Anschein nach, die Umringten entschlossen wären, sich hartnäckig zu verteidigen. Das Gespräch fiel nun ganz natürlich auf die Räuber.

»Es scheint«, – sagte Rinaldo, – »der Mann, der die Räuber anführt, ist noch einer aus Rinaldinis Schule.«

Laura Ob er aber auch so großmütig ist, als Rinaldini es war?

Rinaldo Habt Ihr ihn gekannt?

Laura Ich kann es nicht leugnen, werde es auch nie leugnen. Was ich seiner Großmut verdankte, sollt Ihr hören.

Sie erzählte ihm die Geschichte der Überrumpelung ihres Schlosses, die wir kennen, und schilderte seine großmütige Aufopferung. Ach! sie wußte nicht, wem sie dieselbe erzählte. Ihre Erzählung beschloß sie mit Tränen. – Jetzt war Rinaldo auf dem Punkte, sich zu entdecken, doch dachte er einen Augenblick nach und hielt seine Entdeckung zurück. Ziemlich keck aber fragte er ohne Einleitung: »Seid Ihr nicht glücklich vermählt?«

Laura schlug die Augen nieder und seufzte: »Ich habe einen guten Menschen hintergangen, dem mein Herz, dem meine Hand gehörte; ich habe ihn ins Unglück, zur Verzweiflung, ach! vielleicht habe ich ihn in den Tod getrieben!«

Ein Tränenstrom endigte ihre Rede. – Rinaldo ergriff ihre Hand und sagte: »Er lebt!«

»›Er lebt?‹« – schrie sie laut auf.

»Er lebt und liebt Euch noch.«

»›Er liebt mich noch? – Kennt Ihr ihn!‹«

»Ich kenne ihn und weiß um Eure Geschichte. Ich erfuhr sie von ihm selbst.«

»›Wo lebt er?‹«

»Zu Melazzo.«

»›Wie geht es ihm?‹«

»Er kann Euch nie vergessen.«

»›Womit – Ach Gott! erratet diese Frage!‹«

»Ich errate sie. – Er hat keinen Mangel.«

»›Gelobt sei Gott!‹«

»Er trägt das Ordensband des heiligen Franziskus; jetzt Pater Amaro genannt.«

»›Amaro! – Ach, Amaro!‹« –

Rinaldo wollte sprechen, als Leonore ins Zimmer trat.

»Ich habe mir«, – sagte sie, – »von meinem Bruder ausgebeten, gefesselt mir den wilden Räuberhauptmann Cinthio zu zeigen; das hat er mir versprochen. – Was, in aller Welt, hätte ich nicht darum gegeben, hätte ich so den kühnen Rinaldini zu meinen Füßen sehen können!«

»›Wie grausam Ihr seid!‹« – rief Rinaldo nicht ohne Bewegung aus.

»Das bin ich gewiß nicht!« – lächelte das Fräulein; – »Aber das Eigene und Einzige dieser Begebenheit macht, daß ich ihre Erfüllung wünschte. Doch da es nun einmal Rinaldini nicht sein kann, so soll es wenigstens sein Nachfolger Cinthio sein.«

Rinaldo lächelte und wollte eben antworten, als Laura bemerkte, ein Mädchen mit einer Harfe komme außer Atem über den Schloßhof gesprungen. – Es war, wie Rinaldo sogleich vermutete, Annetta. – Sie bat um Schutz.

»Was hast du vor? – Was gibt es?« – fragte Leonore.

»›Ach!‹« antwortete Annetta keuchend. – »›Das nächstgelegene Wirtshaus haben Räuber überfallen. Sie suchen Euch, Herr Pater!‹«

»Mich?« – fragte Rinaldo bestürzt. – »Mich suchen die Räuber? – Mich? – Was wollen sie von mir?«

»›Wo ist der Franziskaner, schrien sie, dem dieser Ring gehört? Dabei zeigten sie einen Ring vor und beschrieben Euch sehr deutlich‹«

Laura Was ist das mit dem Ringe?

Rinaldo Zwar vermisse ich seit einigen Tagen einen mir sehr werten Ring, aber – wie sollten Räuber –

Annetta Man suchte Euch im ganzen Hause, und ich entfloh.

Leonore Nun werden sie Euch auch hier bei uns suchen.

Laura Kann der Verlust des Ringes Euch Nutzen oder Schaden bringen?

Leonore Ihr müßt fliehen!

Rinaldo Ich fliehen? – Was hat ein Franziskaner zu fürchten?

Leonore Von Räubern? – Alles, so gut wie jeder Mensch.

Rinaldo Und wenn ich nun gehe, Euch hier, ohne männlichen Beistand, allein lasse? – Das kann ich nicht! – Dieses Gewand ist heilig. – Ich setze meinen Kopf daran, die Räuber sollen hier, wo ich bin, keine Gewalttätigkeit ausüben.

Laura Herr Pater! was Ihr sagt – der Ton, die Stimme, womit Ihr das sagt – macht mich noch weit verlegener, als ich es schon bin.

Rinaldo Ohne Verlegenheit! – Wir sind außer Gefahr.

Leonore Durch Euer Gewand, Herr Pater! bei Gott nicht! – Wenn Ihr nicht etwa Bekannte, gute Freunde unter den Räubern habt. –

Rinaldo Ich? –

Leonore Vergebt! – Ohne diesen Umstand kann ich nicht glauben, daß wir außer Gefahr sind; Ihr selbst könnt es nicht sein. – Also flieht! – Wir tun am besten, wir packen ein und erwarten den Besuch hier nicht. – Da noch dazu mein Bruder gegen die Räuber kommandiert, so wird sicher ihre Rache schrecklich sein!

Rinaldo Seid ruhig! seid unbesorgt!

Laura Herr Pater, täuschet uns nicht mit falschen Hoffnungen! – Ich habe einst das Unglück erlebt, daß meines Vaters Schloß von Räubern überfallen wurde, und weiß es noch gar zu wohl, wie uns damals allen zumute war.

Rinaldo Ich auch!

Laura Ihr? – Herr Pater! Ihr! – Was sagt Ihr? – Wenn ich – Um aller Heiligen willen, laßt mich keine Wahrheit ahnen.

Leonore Schwester, was willst du sagen? Welche Wahrheit –

Laura O! was kann, was will ich sagen! – Auf unsre Rettung laßt uns denken!

Rinaldo Ihr bleibt hier und fürchtet nichts. – Ich will doch sehen –

Leonore Was wollt Ihr sehen? Glaubt Ihr? –

Rinaldo Ich kann Euch, mich –, ich will und kann uns alle schützen!

Leonore Durch ein Wunder? – Denn wodurch sonst?

Rinaldo Durch mich selbst.

Laura Allmächtiger Gott! soll ich –

Rinaldo Ihr sollt erwarten, was geschieht, und sollt ohne Furcht sein.

Laura Mann! – Ich schwöre –

Rinaldo Keine Schwüre! – Ruhig! ruhig! –

Leonore Ich kann mir nicht erklären –

Rinaldo Wozu Erklärung? – Jetzt, wie immer, macht Euch nur der Glaube selig. Ich aber – weiß, was ich sage, stehe für alles, was ich verspreche, mit Leib und Leben! – Seid Ihr mit dieser Erklärung zufrieden? – Seid Ihr beruhigt? – Oder soll ich Euch Zeichen und Wunder sehen lassen, ehe es noch nötig –, ja! sogar ehe es nur heilsam ist? – Laßt die Suchenden gegen dieses Schloß anziehen, laßt sie den Franziskaner suchen –, sie sollen ihn finden! – Fliehen wird er nicht. – Hier stehe ich. Euch deckt meine Hand, und die Gräfin Lentini soll mich – – Nein! weiter nicht! Kein Wort, keine Silbe, keine Versprechungen weiter! – Aber Eurer Flucht widersetze ich mich durchaus. Ihr sollt hierbleiben – um zu sehen –

Leonore Seid Ihr vielleicht der heilige Franziskus selbst? – – Schwester! – Eilig! – Laß uns einpacken!

Rinaldo Tut, was Ihr wollt.

Ein Bedienter stürzte ins Zimmer und meldete, der Turmwächter sehe Flammen und einen Zug, der sich dem Schlosse nähere.

Annetta Heilige Jungfrau!

Bedienter Es brennt allenthalben. Von Sesinetta her ertönt die Sturmglocke.

Rinaldo Laßt sie ertönen! – Fort! – Zieht die Zugbrücke auf! – Wir erwarten die Kommenden, wer sie auch sein mögen.

Der Bediente eilte davon. Laura verbarg ihr Gesicht ins Schnupftuch; Leonore sah den Pater verlegen an; er ging hastig im Zimmer auf und nieder; Annetta stand zitternd in einem Winkel. – Rinaldo sprach: »Ihr habt das Wort eines Mannes und glaubt ihm nicht; Ihr wollt fliehen und habt keine Kraft zum Fliehen: Ihr wollt meinen Worten nicht trauen, weil diese Mönchskutte Euch das Vertrauen raubt; – aber ich will diese Kutte von mir werfen und Euch beweisen« –

Indem sprengte ein Reitknecht in den Hof. Laura schrie:

»Giorgio! – Der Reitknecht meines Gemahls!«

»Kommt er?« – fragte Leonore hastig und riß die Zimmertür auf.

»Giorgio!« – rief Laura.

»Giorgio! Wo ist dein Herr, mein Bruder?« – fragte Leonore.

Er stürzte atemlos die Treppe herauf, durch den Saal, ins Zimmer.

»Ach! Gnädige Gräfin!« – stammelte er. – »Ich bin – Ach! heiliger Gennaro! Kaum kann ich es sagen –«

Laura Um des Himmels willen! – Was ist es? – Was hast du zu sagen?

Leonore Rede! – Wo ist –

Laura Mein Gemahl –

Giorgio Er ist – Verzeiht! – O! daß ich es sagen muß! – Aber –

Leonore Ohne Umschweife!

Giorgio Mein Herr – der Herr Graf – Euer Herr Gemahl – ist – Ach! – Er ist in der Gewalt der Räuber!

Leonore Er? –

Giorgio Beim Rekognoszieren haben sie ihn gefangengenommen. Hier sind einige Zeilen von ihm. – Der Räuberhauptmann gab mir die Erlaubnis, dieses Briefchen hierherzubringen. – Hier ist es.

Laura las:

 

»Liebe Laura,

Ich bin in Gefangenschaft geraten. Giorgio wird dir sagen, wie es zugegangen ist. – Der kühne Cinthio erlaubt mir, dir dies zu schreiben, und mißbraucht die Gewalt nicht, die der Zufall ihm über mich gegeben hat. – Sende mir sogleich 3000 Stück Dukaten. Dieses ist der Preis, der auf meiner Freiheit steht; je eher du das Geld sendest, desto eher siehst du wieder deinen Gemahl

Loisio Lentini.

 

Laura faltete, als sie den Brief gelesen hatte, die Hände und sah gen Himmel. Leonore hieß Giorgio gehen und warf sich auf ein Sofa. – Rinaldo ging rascher noch als zuvor im Zimmer auf und ab.

Laura Ich? – 3000 Stück Dukaten? – Schwester! – Ach! – Schwester! 3000 Stück Dukaten!

Leonore Der König muß den Bruder auslösen!

Laura Aber, ehe das geschieht? –

Rinaldo Ihr habt kein Geld? – Könnt kein Geld schaffen? – Meine Gräfin! Ich glaubte, die Tochter, das einzige Kind, die Erbin des reichen Barons Denongo müßte – könnte nie um 3000 Dukaten verlegen sein!

Laura Ach! – Mein Gemahl – braucht viel Geld. – Ich kann mich nicht verstellen! – Wir können ohne große Aufopferungen, ohne langen Zeitverlust diese Summe nicht herbeischaffen.

Rinaldo So muß – der Räuberhauptmann warten. Vielleicht wird er indessen geschlagen, und dann ist der Graf ohnehin frei. – Zwar wird er – doch es kann – Aber das wär' denn wohl nur der Fall, wenn alles verloren wär'! –

Leonore Welcher Fall? –

Rinaldo Es sind freilich Räuber, aber – Sie machen es nun einmal nicht anders!

Leonore Was tun sie?

Rinaldo Es geschieht wohl auch nur im äußersten Notfall, aber – dann – wenn sie alles, sich selbst verloren sehen, ermorden sie ihre Gefangenen. Und den Damen geht es vorher übel.

Leonore Großer Gott! –

Rasch sprang Laura auf und ging bedeutend und voll Entschlossenheit im Zimmer auf und nieder, wandte sich dann gegen Rinaldo und fragte:

»Herr Pater! Wißt Ihr meinen Gemahl zu retten?«

Rinaldo Ich? – Ach! heiliger Franziskus! Wir dürfen ja keinen Carlino, geschweige denn Gold bei uns führen. Und – 3000 Stück Dukaten! – Wie könnt Ihr so viel bares Geld bei allen Franziskanerklöstern des ganzen Königreichs, geschweige denn bei einem armen, einzelnen Franziskanermönche suchen?

Laura Herr Pater! – Ihr könnt uns retten.

Rinaldo Beschützen kann ich Euch, aber – Euern Gemahl –, den mag Pater Amaro retten.

Laura Wahrhaftig, diese Antwort – habe ich verdient!

Rinaldo Vielleicht könnt Ihr, schönes Fräulein, Euern Bruder retten?

Leonore Mit so viel Geld wahrhaftig nicht. – Keinen Spott, Herr Pater!

Rinaldo Ich spotte nicht! – Habt Ihr auch das Gold nicht, so habt Ihr dennoch Macht und Gewalt genug, Euern Bruder zu retten.

Leonore Ich habe Euch nichts mehr zu antworten!

Rinaldo Seht, da kommt schon die Nachricht, daß die Zugbrücke des Schlosses aufgezogen ist.

Ein Bedienter brachte wirklich diese Nachricht.

Rinaldo Habt ihr Waffen?

Bedienter Acht Flinten, zwei Büchsen, einige Paare Pistolen und viele Säbel sind im Schlosse.

Rinaldo Kanonen?

Bedienter Haben wir nicht.

Rinaldo Schlimm! – Wieviel Köpfe?

Bedienter Den lahmen Gärtner, den blinden Stallmeister und den alten Kastellan mit eingerechnet, sind wir unsrer acht Männer im Schlosse.

Rinaldo Wenig genug!

Bedienter Jawohl!

Rinaldo Dennoch wollen wir nicht verzagen, und sollten auch Hunderte kommen.

Bedienter Aber – Herr Pater! Wenn Ihr bedenkt –

Rinaldo Ich habe alles bedacht. Bewaffnet euch, haltet Wache und seid ohne Sorgen! – Jetzt wollen wir Musterung halten und uns ein wenig umsehen, wie es außerhalb des Schlosses aussieht.

Er ging; der Bediente folgte ihm.

 

Er bestieg die Warte, besah die Mauern und verteilte die Posten. Der kleinen Besatzung flößte er Mut ein. – Als er auf die Galerie zurück vom Rekognoszieren kam, trat Laura ihm entgegen.

»Ich habe«, – sagte sie, – »alles wohl überlegt und bedacht, ich kann mich in Euch nicht irren. – Ja! Ich weiß, wer Ihr seid.«

»Ihr wißt es?« – fragte Rinaldo lächelnd.

»Ihr selbst habt Euch verraten. So spracht Ihr auch einst auf meines Vaters Schlosse, in gleicher Gefahr. – Und dieser Ton der Stimme! – O! ich kann ihn nie vergessen! Ihr habt Euer Gesicht verunstaltet. Diese Farben können mich nicht hintergehen! Was könnte ich nicht fürchten, kennte ich Euch nicht, wüßte ich nicht, daß Ihr Eure Gewalt nicht mißbrauchtet. Ich wage es daher, Euch zu bitten, nehmt Euch meiner an und verschafft meinem unglücklichen Gemahl die Freiheit wieder!«

»Wie käm ich zu 3000 Stück Dukaten?«

»Euer gebietendes Wort« –

»Nach dem Worte eines Franziskaners fragt kein Räuberhauptmann.«

»Habt Ihr uns nicht versprochen, uns und dieses Schloß zu retten?«

»Euch und dieses Schloß zu retten, habe ich versprochen, aber nicht Euern Gemahl auszulösen.«

Laura trat ihm näher, ergriff seine Hand und sagte:

»Es war eine Zeit, in der ich einen gewissen Ritter de la Cintra zu Messina kannte. Dieser Ritter –«

Sie schlug, als sie das sagte, die Augen nieder. – Endlich, nach einer langen Pause, fuhr sie fort:

»Dieser Ritter ist für mich tot, und mein Gemahl – ist nicht von mir zu retten.«

Schnell erhob sie ihre Blicke, drückte mit Wärme ihm die Hand und sagte: »Wir sind in deiner Gewalt!«

Rinaldo konnte sich nicht mehr verstellen, mit einem festen Blick fragte er:

»Will Laura in meiner Gewalt freiwillig sein?«

»Sie will.«

»So sage ich ihr: Sie hat sich nicht in mir geirrt. Sie kennt mich. – Ja, Laura, ich bin –«

»Du bist Rinaldini!«

»Der bin ich.«

Das Horn des Wächters auf der Warte ertönte. Die Glocke erklang. Die Bewohner des Schlosses stürzten erschrocken herbei. Alle versammelten sich auf dem großen Saale.

Laura sagte, dennoch aber mit bebender Stimme, indem sie Leonoren bedenklich ansah:

»Nun fürchte ich nichts!«

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