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Rinaldo Rinaldini der Räuberhauptmann

Christian August Vulpius: Rinaldo Rinaldini der Räuberhauptmann - Kapitel 11
Quellenangabe
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typefiction
authorChristian August Vulpius
titleRinaldo Rinaldini der Räuberhauptmann
publisherInsel Verlag
seriesinsel taschenbuch
volume426
printrun1. Auflage
editorKarl Riha
year1980
firstpub1799
correctorfranka.antenne@gmx.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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Zehntes Buch

Wunderbar gerettet und geborgen
Hat das Glück, zu neuer Not,
Den Verfolgten, den der Morgen
Jeden Tages neues Unglück droht.

Originalillustration

Tobend heulte die entfesselte Schar der Winde, donnernd brachen sich die empörten Wellen am Felsengestade, flammende Blitze durchschnitten die finstre Wolkennacht: Himmel und Erde waren in Aufruhr.

Betend lag Onorio in der Kapelle; seufzend und stöhnend ruhte Rinaldo auf seinem Lager.

Unfern Malta liegt die kleine unbewohnte Insel Lampidosa, meerumgürtet, traurig und einsam, aber ihr sicherer Hafen gewährt den Schiffenden Aufenthalt und Schutz, wenn wütende Stürme sie verfolgen. Mitten auf diesem Eilande steht eine kleine Kapelle, geweiht der heiligen Jungfrau. Kein Schiffer, sei er Christ oder Muhameds Verehrer, vergißt es, für gewährten Schutz in der Kapelle, als ein dankbares Opfer, Proviant oder Munition niederzulegen. Wer davon etwas zur Zeit der Not bedarf, legt Geld dafür hin, und jährlich kommen Galeeren von Malta, die dieses gemünzte Opfer nach Trapani in Sizilien zu unserer lieben Frau führen.

In der lieben Frauen-Kapelle auf Lampidosa lag Onorio betend vor dem Altar der Hochgebenedeiten.

Rauschend entströmte der Regen den geborstenen Wolken; stärker rollte der Donner; es erbebte die Erde.

Onorio erhob sein Gesicht, streckte seine Arme gegen das Bildnis der heiligen Jungfrau und sang mit sanfter Stimme:

Du, o Geberin des Guten!
Quelle der Barmherzigkeit!
Gib uns Menschen deinen Frieden,
Schenk uns einst die Seligkeit!

Zähme die empörten Fluten,
Zeige deine Allgewalt,
Gib auch du dem Meere Frieden,
Sichre unsern Aufenthalt!

Lächle gleich dem Morgensterne,
Der dem müden Wandrer lacht,
Zeige deine hohe Gnade,
Zeige deine hohe Macht!

Ein flammender Blitzstrahl durchzischte die Kapelle, ein heftiger Donnerschlag folgte. Es erbebte die Kapelle. Aneinander schlugen die geweihten Ampeln. Das Bild der heiligen Jungfrau schien sich zu bewegen. – Onorio sprang auf und eilte in die Klause zu Rinaldo.

Wie aber kam dieser auf die Insel Lampidosa? – Das wollen wir soeben erzählen.

 

»Mich führt nach Neapel«, – sagte der Alte von Fronteja, ruhig und mit fester Stimme. – »Ich gehöre vor des Königs Gericht; dort werde ich mich zu rechtfertigen wissen.«

Sichtbar erbebte der Schwarze; mit starren Blicken sah der Offizier dem Alten ins ruhige Auge. Staunen fesselte die Wache. Außer sich stürzte Dianora herbei. »O! Mein Rinaldo!« – jammerte sie weinend, warf sich auf den Blutenden, bedeckte seinen Mund mit unzähligen Küssen und küßte zurück ins Leben seinen fliehenden Geist. – Er atmete.

»Er lebt!« – schrie sie. »Er lebt!« und schloß ihn fest in ihre Arme.

Einer leicht zu erklärenden Bewegung des Schwarzen kam der Offizier zuvor. Er wandte sich winkend zur Wache, und blutend wurde Rinaldo Dianorens Armen entrissen. – Jammernd sank Dianora in Violantens Arme.

Der Alte folgte dem Verwundeten und den Soldaten. – Rinaldo wurde verbunden. – Alle bestiegen eine Barke. – Zu entkommen versuchte auf dem Wege nach dem Hafen der Schwarze. Er wurde gefesselt.

 

»Wir führen«, – sagte der Offizier zu seinen Leuten, – »gute Beute und wichtige Geheimnisse nach Sizilien. Die Entwicklung sonderbarer Verbindungen umschließt diese Barke. Glücklich bringe uns der Himmel übers Meer in den Hafen!«

Der Anker wurde gelichtet, gespannt die Segel; das Fahrzeug entfloh dem Hafen.

Geheimnisvolle Stille herrschte auf dem Schiffe; hell glänzten Mond und Sterne am blauen Himmel; sanft umspülten die dunklen Wellen die Barke, laut knarrten die bewegten Ruder durch die Stille der Nacht.

»Ein Schiff! Ein Schiff!« – lief der Ruf von Munde zu Munde. Schnell getrieben vom frischen Südost eilte das Schiff herbei. Man rief die Barke an, sich zu ergeben. Die Besatzung griff zu den Waffen. – Geöffnet waren die Schießlöcher des feindlichen Schiffs; der silberne Mond blinkte von den grünen Flaggen.

»Tunesier!« – schrie der Offizier. – »Wir sind zu schwach! Wir sind verloren!«

Schon blitzte des Feindes Geschütz, der Donner rollte über die Wellen. Was half Widerstand? Die Barke wurde genommen. Cinthio, Luigino und ihre Leute, in türkische Tracht gekleidet, sprangen über; die Soldaten und der Schwarze wurden niedergehauen. Nach Sizilien kam keiner zurück; wieder sah keiner das liebliche Vaterland.

Der Alte umarmte seine Freunde, sie ihn, und alle jauchzten: »Das ist wohl gelungen!«

Vor Lampidosa gingen sie vor Anker. Hier wurde Rinaldo ausgesetzt und Onorios Pflege übergeben. – Das Schiff stach in die See.

 

Ungefähr hundert Schritte von der Kapelle auf Lampidosa lagen drei kleine Einsiedeleien, die vor vielen Jahren von drei Eremiten, einem Christen, einem Griechen und einem Muhamedaner mit sonderbarer Einigkeit bewohnt worden waren. Sie starben und begruben einander neben ihren Klausen. Der Christ überlebte seine Freunde. Ihn fand ein türkischer Meerräuber auf seinem Lager entschlafen, las seine und seiner Gefährten Geschichten, die er hinterlassen hatte, und ließ ihn zur Ruhe bringen. Die Nachrichten blieben zurück, so wie die einfachen Hausgeräte, ein Inventarium der Klausen.

So fand es Onorio, als er nach Lampidosa kam. Hier wollte er sein Leben beschließen, Gott und heiligen Betrachtungen geweiht. Er kannte den Alten von Fronteja, dieser kannte ihn, wie die Folge dieser Geschichte lehren wird, und ihm übergab man den Verwundeten so lange, bis es nötig sein würde, ihn wieder abzuholen.

Schon war Rinaldo ganz außer Lebensgefahr, als der fürchterliche Sturm das kleine Eiland erschütterte.

»O!« – seufzte er. – »Allenthalben hin folgt der Zorn des Himmels dem Verbrecher! Wo könnte er ihn nicht finden?!«

Sanft antwortete Onorio: »Allenthalben. – Der Sturm ist schrecklich! Solange ich auch schon dieses einsame Eiland bewohne, hörte ich noch nie ein solches Ungewitter. Wehe denen, die dieses Wetter jetzt auf dem Meere trifft! – Es folgt allen, die jetzt die Wogen durchschneiden, so fromm und makellos sie auch immer sein mögen. Überall flammen die Blitze des strafenden Himmels, der auch seine Sonne scheinen läßt über Böse und Gute. – Wer reinen Herzens ist und ein gutes Gewissen hat, sieht jedem Blitzstrahle ruhig entgegen.«

Rinaldo sah gedankenvoll, seufzend, vor sich nieder. – Onorio sprach weiter: »In dieser Einsamkeit, wo wir allein sind.« –

»›Der Mensch‹« – fiel rasch Rinaldo ein, – »›ist nie allein. Und wär' alles um ihn herum schweigend und stumm. Sein Herz ist bei ihm.‹«

Onorio blickte ihn schweigend an. Rinaldo fuhr fort:

»O! das Herz! das bewegliche Herz! – Wie schwer trage ich an dieser leichten Last! Sie wird mich noch zu Boden drücken.«

Abbrechend sagte Onorio: »Meine Ampeln brauchen Öl!«, – nahm den Ölkrug und ging in die Kapelle.

 

Über Nacht legte sich endlich der Sturm, und als am Morgen die Sonne lachte, lief ein Schiff in den Hafen und warf die Anker aus. Der Alte von Fronteja trat in die Klause. Heiter war sein Blick, sanft war die Sprache seines Mundes.

»Grüße Euch Gott, meine Freunde, und gebe uns allen Heil und Glück! Der Sturm ist vorüber, die Sonne lacht, und glücklich liegt mein Schiff im sichern Hafen.«

»Bist du«, – fragte Rinaldo, – »ebenso sicher als dein Schiff?«

»Unsicher«, – lächelte der Alte, – »bin ich nie.«

»Du hast viel Glück!« – rief Rinaldo aus. – »Doch bedenke, daß das Glück wankelmütig ist. Zwar faßt es wohl, doch sich fassen läßt es selten.«

»Verstehst du es aber auch, mit Glück umzugehen? – – Stelle dich diesem wankelmütigen Dinge als eine Kugel dar, welche es hinrollen kann, wohin es will, an der aber nirgends ein Fleck ist, an welchem du festzuhalten bist. Will das Glück sich zu dir setzen, wohl! so reiche ihm die Hand; breitet es seine Flügel aus, davonzufliegen, so gib ihm seine Geschenke zurück und laß es fliegen. – Das Glück ist ein Weib. Du weißt ja, wie Weiber sind: denn ich glaube, du kennst sie!«

»Weiber«, – begann Onorio, – »sind doppelte Menschen, und ein einfacher Mensch ist gewöhnlich schon nicht viel wert!«

Der Alte lächelte Onorio an und fuhr fort:

»Des Weibes Launen müssen uns ergötzen, dürfen uns aber nie betrüben. – Es gibt Menschen, die sich für glücklich halten, weil sie sich weise dünken; halte du dich für weise, wenn du dich glücklich fühlst.«

»Das werde ich nie können!« – seufzte Rinaldo.

»Der Mensch«, – antwortete der Alte bedächtig, – »kann alles, was er ernstlich will. – – Ich bin gekommen, dich zu fragen, mein Freund, willst du hier auf diesem Eiland bleiben, oder fühlst du Verlangen und Mut genug, wieder in die Welt zu gehen? – Nur etwas Trotz weniger, und du wirst unter den Menschen dich ganz wohl befinden. Trotz schickt sich nicht in die menschliche Gesellschaft; die Menschen ertragen ihn nicht. Entweder man erwidert deinen Trotz, – dabei gewinnst du nichts, – oder man flieht dich; – und dabei gewinnst du noch weit weniger. Ich kenne Welt und Menschen. Höre mich an, aus mir spricht die Erfahrung. Ich will dir ein Geheimnis anvertrauen, und dadurch entdecke ich dir das Geheimnis aller klugen Menschen, die in der Welt bedeutend worden sind und es noch werden. Nenne das, was ich dir sage, Philosophie des Lebens, und handle nach dem, was du von mir hörst. – – Die Pflichten der menschlichen Gesellschaft sind nur ein unaufhörlich fortgesetzter Tauschhandel. Laß dich auf nichts ein, ohne zu erwarten, daß es dir Vorteil bringe. Deinen Verstand, deine Einsichten, deinen Diensteifer und deine Gefälligkeiten, alles lege im Handel an. Tue deinen Nebenmenschen keinen Schaden, achte sie, wenn du mußt; diene ihnen, wenn du kannst; laß ihnen ihre Ansprüche und entschuldige ihre Schwachheiten. Sie sind nicht undankbar. Deine Auslage wird dir immer mit beträchtlichen Zinsen wieder erstattet werden.« – »Unter diesen Menschen aber«, – fiel Rinaldo ein, – »werden auch Freunde sein, und die Freundschaft fordert doch wohl« – »Die Freundschaft«, – fiel ihm der Alte schnell in die Rede – »betrachte stets als das schönste und als das gefährlichste Geschenk des Himmels. Ihre Gutheit ist entzückend, ihre Unbeständigkeit ist entsetzlich. Und wie willst du, daß ein Weiser der Gefahr eines Verlustes sich aussetze, dessen Bitterkeit sein ganzes übriges Leben vergiften kann? – Trifft deinen Freund ein Unfall, und du hast keine Hilfsmittel dafür, so erspare dir den Schmerz, ihn leiden zu sehen.«

Rinaldo sah ihn mit bedeutenden Blicken an und sagte:

»Du hast nicht gehandelt, wie du sprichst; wenigstens gegen mich nicht!«

»Du bist mir mehr als Freund.«

»Mehr? – Mehr als Freund? – Ich dir? – Und was? – Was bin ich dir?«

Onorio sah den Alten bedenklich an; dieser schwieg. – Rinaldo wiederholte die Frage:

»Was bin ich dir?«

»Ich liebe dich«, – antwortete der Alte, – »wie ein Vater seinen Sohn liebt. So will es mein Herz, so will es die allgewaltige Sympathie, die zwischen Menschen waltet.«

Nach einer starken Pause fragte Rinaldo: »Warst du, seit wir uns nicht sahen, wieder in Sizilien?«

Zufrieden lächelnd antwortete der Alte: »Ich war in meinen lieben Gefilden von Fronteja. – Man hat dort übel gehaust. Die Pfaffen haben meine Jünger vor ihr Tribunal gezogen und sind schlimm mit ihnen umgegangen. Die meisten stecken in Klöstern, zu kirchlicher Buße verdammt, und einige sind sogar auf der Folter gestorben.«

»Gerechter Gott! – Warum das?«

»Man wollte ihnen das Geständnis ihres vermeinten Heidentums auspressen. – Bei Gott! Es ging den Meinigen, wie es ehemals in Frankreich den unschuldigen Tempelherren ging; aber ich war nicht zur Rolle eines Molay zu bringen! – – Übrigens glaubt man in Sizilien, die Barke mit mir und dir und der königlichen Wache sei entweder untergegangen oder von einem Meerräuber in den Grund gebohrt worden.«

Nach einer Pause fuhr der Alte lächelnd weiter fort:

»Meine ganze Krata Repoa, alle dazugehörigen Dekorationen und Bücher, befinden sich im heiligen Inquisitionsgericht; als Studium wahrlich nicht! – Ich las zu Palermo und zu Messina gedruckte, öffentlich angeschlagene Aufhebungen des Preises auf deinen Kopf; – hier ist ein Exemplar! –, weil Rinaldini von den Wellen verschlungen worden sei. – Doch werden vermutlich bald neue Preise ausgesetzt werden, denn Cinthio und Luigino, an der Spitze eines starken Korps, treiben es in Sizilien ein wenig arg.«

»Wie? – Cinthio? Luigino?« –

»Was du tatst, bleibt gegen das, was diese tun, nur Spielwerk.«

»Wohl mir! – – Wie steht's um das Unternehmen auf Korsika?«

»Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.«

»Wo lebt Dianora?«

»Geh in die Welt; du wirst sie finden.«

»Und was treibst du jetzt?«

»Handel. – Als Kaufmann durchschiffe ich die Meere und werde reich.«

Noch sprachen sie, als zwei Kanonenschüsse fielen und die Ankunft eines Schiffs verkündigten. – Onorio und der Alte verließen die Klause. – Bald kamen sie zurück, und der Alte sagte: »Rinaldo, ein sizilianisches Schiff ist angekommen, es hat im Sturm gelitten, man will es ausbessern. Der Kapitän spricht davon, einige Tage hier zu verweilen. Mein Schiff geht in die See. – Willst du mit mir gehen?«

Onorio fiel ihm um den Hals und stammelte: »Folge deinem Freunde! Laß mich allein hier ruhig sterben.«

»Ich fühle, was du sagen willst!« – stammelte Rinaldo wehmütig. – »Ja! Du sollst ruhig sterben. Lebe wohl! – O! Onorio, wie sehr drückt die Last deiner freundlichen Bitte mich nieder! – Ich fühle, was ich bin, was ich dir und allen Menschen sein muß. – Fort in die Welt! Fort aus der Welt, zu meinen Räubern! – Alter! – Ich folge dir.«

 

Der Morgen war schön. Das Schiff durchschnitt die See. – Rinaldo stand auf dem Verdeck, überflog mit suchenden Blicken das Meer und rief endlich seufzend aus: »O! Es ist ein schöner Morgen!«

Der Alte fiel sogleich ein: »Ein schöner Morgen! Er lächelt dir und mir und uns allen! – Was der Mensch an den Tageszeiten Schönes genießen kann, genießt er des Morgens und des Abends, beim Kommen und Scheiden des Tages. – So ist es auch mit dem Menschen. Sein Morgen und sein Abend lehrt ihn uns kennen und schätzen. Im Kommen und Scheiden kennt er keine Verstellung. In der Mitte seines Lebens nur wirft die Zeit ihm trügerische Schleier über. – ›Unser Abend sei heiter!‹ Ein schöner Wunsch! – Gott gebe uns allen seine Erfüllung!«

Als die Wellen das schwankende Schiff in die See trugen, flimmerten nur wenige Sterne noch am Himmel. – Auch diese verschwanden. – Schon brachen die ersten Strahlen des Tages durch des Himmels bläulichen Schleier; die Nacht zog gegen Westen sich zurück, und die flüchtigen Schatten folgten ihr nach.

Im Osten wurde der Himmel immer röter. Leuchtende Strahlen durchschossen die reine Luft und überzogen das bläuliche Gewölbe mit purpurnen Streifen.

Rinaldo stand, in sich selbst verloren, noch auf dem Verdeck; blickend gen Himmel, mit feuchten Augen. Sein Gefühl war ein stummes Morgengebet. – Ihn beobachtend stand der Alte neben ihm.

Stärker wurde die Erhellung, lichter wurden die Farben. – O! welch ein herrliches Schauspiel öffnete sich den Blicken. Tausend goldene Strahlenflammen fuhren von einem einzigen Mittelpunkt aus und zerteilten sich in der Luft. – Ganz Osten stand in Feuer.

»Rinaldo! siehst du das?« – fragte rasch der Alte.

»Ich sehe und fühle«, – antwortete er mit sehr bewegter Stimme.

Jetzt trat die Sonne hervor. Ihre strahlende Scheibe schwebte über dem Horizont. Einen Augenblick schien sie noch auf dem Meere, wie auf einem Throne zu ruhen, – und nun erhob sie sich, in all ihrer Klarheit und Pracht, die glänzende Königin des Himmels. – Wie prächtig sie sich über das Wasser erhob! Wie vielfach aus den Wellen ihr glänzendes Bild zurückstrahlte! – Da stand sie nun, die leuchtende Sphäre, die mit ihrer Klarheit die Welt erfüllt, umgeben mit flammender Pracht!

Von einem unwillkürlichen Gefühl ergriffen, wie von einem elektrischen Schlage getroffen, stürzte Rinaldo auf die Knie, erhob die Hände, und stammelte:

»Großes Licht des Himmels! Wie oft sahst du den Räuber auf blutbespritzten Pfaden, wie oft drang dein Blick in seine, menschlichen Augen verborgene Winkel! – O! blicke in mein Herz, und sieh, was ich leide!«

Rasch riß der Alte ihn auf, ihn unterbrechend, und sagte:

»Sieh, Freund, schon vermagst du es nicht mehr, ohne Fernrohr, Lampidosa zu erblicken. Die Insel liegt hinter uns. So entschwinden die Taten der Menschen im eiligen Laufe der Zeit; so entschwindet das Andenken an Gutes und Böses!«

Die Schiffsglocke läutete zum Frühstück. Die Matrosen verbreiteten sich auf dem Verdeck, und der Kapitän des Schiffs, dessen Namenstag gefeiert werden sollte, gab Wein zum besten. Ein hundertstimmiges Lebehoch tönte ihm zu Ehren, in die Lüfte, und einige Guitarren, Triangel und Geigen kamen zum Vorschein. Es wurden Lieder angestimmt, und endlich sang die ganze Gesellschaft.

Romanze

In des Waldes finstern Gründen
Und in Höhlen tief versteckt
Ruht der Räuber allerkühnster,
Bis ihn seine Rosa weckt.

»Rinaldini!« – ruft sie schmeichelnd:
»Rinaldini! wache auf!
Deine Leute sind schon munter,
Längst ging schon die Sonne auf.«

Und er öffnet seine Augen,
Lächelt ihr den Morgengruß.
Sie sinkt sanft in seine Arme,
Sie erwidert seinen Kuß.

Draußen bellen laut die Hunde,
Alles flutet hin und her,
Jeder rüstet sich zum Streite,
Ladet doppelt sein Gewehr.

Und der Hauptmann wohl gerüstet,
Tritt nun mitten unter sie.
»Guten Morgen, Kameraden!
Sagt, was gibt's denn schon so früh?«

»Unsre Feinde sind gerüstet,
Ziehen gegen uns heran.«
»Nun, wohlan, sie sollen sehen,
Ob der Waldsohn fechten kann.«

»Laßt uns fallen oder siegen!«
Alle rufen: »Wohl es sei!«
Und es tönen Berg' und Wälder
Rundherum vom Feldgeschrei.

Seht sie fechten, seht sie streiten!
Jetzt verdoppelt sich ihr Mut;
Aber, ach, sie müssen weichen,
Nur vergebens strömt ihr Blut.

Rinaldini, eingeschlossen,
Haut sich, mutig kämpfend, durch
Und erreicht im finstern Walde
Eine alte Felsenburg.

Zwischen hohen, düstern Mauern
Lächelt ihm der Liebe Glück,
Es erheitert seine Seele
Dianorens Zauberblick.

Rinaldini! Lieber Räuber!
Raubst den Weibern Herz und Ruh.
Ach, wie schrecklich in dem Kampfe,
Wie verliebt im Schloß bist du!

»Jetzt ist es aus mit ihm!« sagte der Kapitän. »Beim Teufel! Das war ein Kerl, von dem man noch lange singen und sagen wird!«

»Jawohl!« sagte der Alte und lächelte.

Der Kapitän fuhr fort: »Er hatte es, sozusagen, verdammt weit gebracht! Wenn nur mehr Ehre dabei gewesen wäre! Man hätte ihn begnadigen sollen, und er würde dem Staate gewiß, mit dem Degen in der Faust, gute Dienste geleistet haben. – Jetzt ist er wohl schon längst, wer weiß in welchem Haifischmagen über die Grenze geschifft.«

Alle lachten. Rinaldo, – mußte natürlich auch mit lachen.

Bald kam's wieder zu einem Wettgesang. Ein Mädchen und ein junger Matrose traten nun auf und sangen zur Musik

Er
Geh nicht in die Berge,
Rinaldo wohnt dort;
Er plündert, beraubt dich,
Und schleppt dich mit fort!

Sie
Ich geh' in die Berge,
Rinaldo wohnt dort;
Er kennt mich, er liebt mich;
Ich zieh' mit ihm fort!

Er
Ha, Rosa, du Röslein
In Wälder versteckt,
Hat auch dich die Liebe
Im Freien geneckt?

Sie
Es neckt mich die Liebe
Im Feld und im Wald. –
Dort glänzen Gewehre;
Wir wandern nun bald!

Langsam schlich Rinaldo von dem Verdeck in die Kajüte. Je lauter draußen der Lärm wurde, desto beklommener hörte er das Getöse an. – Tausend Entwürfe und Entschließungen durchkreuzten seine Seele; welchen konnte er fassen? Er mußte alles auf den Zufall ankommen lassen, aber diesen aufs beste zu benutzen, war sein ernster Wille, sein fester Entschluß. Schon hatten sie Sizilien im Rücken, als auf einmal ganz unerwartet der Wind nach Südost umsprang. Wütend warf er das Schiff hin und her durch die tobenden Wellen, die sich, Bergen gleich, dem krachenden Kiele entgegentürmten. – Die Nacht brach an, und die dickste Finsternis umlagerte das Schiff. Nichts war zu sehen als der leuchtende Schaum der wütenden Wogen, die das Schiff so ungestüm umherschleuderten, daß auch die Kühnsten zaghaft wurden.

Rinaldo lag ruhig auf dem Lager, fürchtete nichts und sah gelassen dem Tode entgegen. Er blieb allein, auch der Alte kam nicht zu ihm.

Duftige Nebel sanken hernieder; das Brausen des Windes glich dem stärksten Donner des Geschützes. Im Schiffe ertönten Angstgeschrei und Klagen. – Ängstlich harrte man des anbrechenden Tages. – Nach Mitternacht stieß das Schiff auf eine Klippe, es borst und sank.

Ein schreckliches Wehklagen erfüllte die Lüfte. – Rinaldo, der bisher ruhig den Tod erwartete, ergriff einen Balken; eine Welle schleuderte ihn ins Meer, eine zweite warf ihn ans Land, wo er, matt und entkräftet, dem anbrechenden Tage entgegensah.

 

Der Sturm legte sich. Es wurde Tag. Rinaldo lag unter einem Baume. Die Gegend wurde heller. Er blickte um sich und sah einen Fischer, der nach dem Ufer ging. Diesem klagte er sein Unglück, und der ehrliche Mann führte ihn in seine Hütte, wo er ihn, so gut er es geben konnte, mit Speise und Trank erquickte. Bald wurde der benachbarte Pfarrer herbeigerufen; dieser fragte den Schiffbrüchigen aus und erhielt eine Geschichtserzählung von Rinaldo, die einer ganz gewöhnlichen Erzählung glich. Er war ein Kaufmann aus Ancona, hatte Schiffbruch gelitten und war in demselben um seine Habseligkeiten und Papiere gekommen. »Und wo bin ich?« – fragte er. Der Pfarrer gab zur Antwort: »Dieses Eiland, auf welchem Ihr Euch befindet, heißt Alicudi, hat etwa fünfzehn Meilen im Umkreis, ernährt gegen achthundert Bewohner, ist eine der Liparischen Inseln und hegt achtundvierzig Meilen von Lipari entfernt, wohin Ihr aber noch heute kommen könnt, weil eine Barke dorthin segelt und Wein holt.«

Dieser Gelegenheit bediente sich Rinaldo, ließ sich nach Lipari führen und kehrte in dem Hospitio bei den Bernhardiner-Mönchen ein, die Reisende, weil es dort keine Gasthöfe gibt, beherbergen.

»Wie?« – sprach er bei sich selbst, – »Wie? wenn du hier dich in das Gewand der frommen Einfalt und Verborgenheit hülltest? Wenn du bliebst unter diesen Mönchen?«

Mit diesem Selbstgespräch, das er im Freien hielt, nahte er sich einem kleinen Landhause, das sehr romantisch mitten in einem Blumengarten lag. – Er ging auf dasselbe zu, dachte sich in seine Einsamkeit, nach Pantaleria, zurück und seufzte:

»Dort war ich glücklich und durfte es nicht bleiben! – Ach Dianora! – O! ihr goldenen Tage meiner Ruh und meines Glücks! Warum entfloht ihr so schnell?«

Da vernahm er Gesang, der aus den nahen Gebüschen ihm entgegentönte. Er lauschte und hörte:

Einsam wandl' ich hier, und weine,
Nur mein Gram begleitet mich!
Nicht im Sonn'- und Mondenscheine
Find ich Ruh, ach! Ruh für mich!

Die Stimme kam näher. Aus den Büschen trat die Sängerin. Rinaldo fuhr erbebend zurück. Sie schrie laut auf, als sie ihn erblickte, lehnte sich zitternd gegen einen Baum und stammelte mit gebrochener Stimme: »Armer Geist! Was quält dich? Was bringt deine irdische Gestalt mir vor die Augen?«

Er Kein Geist! kein Geist! – Ich bin es selbst; bin wirklich hier.

Sie Kein Geist? – Kein Traum? – Kein Blendwerk?

Er Nicht Geist, nicht Traum, kein Blendwerk! – Ich lebe! Ich sehe dich! dich, die ich über alles liebe. Ich fasse deine Hand!

Sie Du lebst?

Er Ich lebe und bin dein!

Er sprach's und schloß sie in seine Arme. Ihre zitternden Hände falteten sich auf seinem Rücken und ihre Lippen stammelten:

»Gelobt sei Gott und die heilige Jungfrau; ich habe dich wieder, geliebter Unglücklicher! – Und du bist mein!«

»Dein! – dein auf ewig!«

Ich kann sie nicht schildern, diese Szene des glücklichen, unvermuteten Wiederfindens. Rinaldo umschlang entzückt seine geliebte Dianora und eilte mit ihr in ihre Wohnung.

 

»O Rinaldo!« – rief Dianora aus, – »und du entgingst dem Tode? – Ich wähnte der Gerechtigkeit dich übergeben, öffentlich und mit Schande gemordet! Krank, jammernd und elend verließ ich Pantaleria und floh in die Einsamkeit dieses stillen Eilandes. Hier beweinte ich dich und wollte hier mein Leben beschließen. Violanta, meine treue Gefährtin und Freundin, ist nach Sizilien gegangen, meine Angelegenheiten dort zu besorgen, aber dennoch bin ich hier nicht allein, und die glückliche Szene des Wiedersehens soll frohe Zeugen haben!«

»Ist noch jemand hier, der mich kennt?« – fragte Rinaldo.

»Ein Wesen ist noch hier, das dich nicht kennt, und dennoch ist es dir so nahe verwandt!«

Sie ging, kam bald zurück und trug ein jähriges Knäbchen auf ihrem Arme ihm entgegen.

»Mein Kind!« – schrie Rinaldo und schloß es küssend, mit der Mutter, in seine Arme.

»Dein Kind! – Es lächelt dir entgegen. Es lallt den Namen Vater.«

»Die Stimme des Blutes! – O! süßer Vatername! – O Weib, o Kind! – Jetzt bin ich glücklich

»Bist du das?« – fragte eine rauhe Stimme hinter ihm.

Er drehte sich herum und trat erschrocken zurück. – Dianora sank mit einem lauten Schrei des Schreckens, das Kind umklammernd, aufs Sofa. – Mitten im Zimmer stand, in die bekannte Kleidung des Schreckens gehüllt, der korsische Kapitän, in der Tracht der Schwarzen, und lächelte höhnisch die Betroffenen an.

»Kennst du mich?« – fragte er.

Rinaldo schöpfte Atem, faßte sich und sprach:

»Ich kenne dich, weil du mich kennst. Was willst du von mir? – Unsere Rechnung ist abgetan; ich habe nichts mit dir zu tun.«

»Nichts?«

»Ich schenkte dir das Leben, als es in meiner Gewalt war.«

»Ich hatte längst zuvor das deinige dir geschenkt.«

»So sind wir dennoch quitt.«

»Die Rechnung wird neu. – Du kennst doch diese Tracht, in der ich dir mich zeige? – Ich bin jetzt nicht mehr mein; ich gehöre denen an, die mich sandten.«

»Was wollen sie von mir? Warum schleichen sie mir allenthalben hin nach?«

»Sie tun, was dein Gewissen tut.«

»Gott richte mich, nicht sie, nicht du, selbst der Sünder einer, wohl noch größer als ich.«

»Du rechtfertigst dich selbst? – Das darf nicht sein!«

»Furie, die mich quält, wie einst die Erinnyen folgten auf allen seinen Schritten dem fluchbeladenen Orest! – Weiche! – Wenn du mich auch in den Hütten des Raubes aufsuchtest, so solltest du doch an der friedlichen Hütte vorübergehen, an die der Engel des Friedens sein hohes Zeichen schrieb. Was hat der Würgeengel hier zu tun? – Ich bin nicht mehr, was ich war. Ich bin zurückgetreten aus dem weiten Kreise meines ehemaligen Wirkens und will hier leben im engen Zirkel stiller Häuslichkeit. Hier ist mein Weib, mein Kind. Diese haben nichts Böses getan. Unschuldig lächelt der Knabe den Feind seines Vaters an. Kommst du auch zum Verderben der Unschuld?«

»Ich hänge nicht von mir selbst ab.«

»Aber steht nicht mein Verderben bei dir? – Du mordest in mir Gatten und Vater. Sind diese Namen dir nicht heilig?«

Kalt antwortete der Kapitän: »Heilig sind mir jetzt nur die Befehle meiner Obern.«

»Wollen diese meinen Tod? – Gut dann, so morde man mich hier, unter den Augen meiner Frau und meines Kindes! Aber morden müßt ihr mich, und mein Leben werde ich teuer verkaufen. – Du bist der erste, der fällt.«

Schnell riß er ein paar Pistolen von der Wand und vertrat dem Kapitän den Ausgang aus dem Zimmer.

»Was beginnst du?« – fragte dieser bestürzt.

»Ich fechte für mein Eigentum. Habt ihr den Räuberhauptmann wieder in mir aufgesucht, so sollt ihr ihn auch finden. Daß Rinaldini zu fechten weiß, wißt ihr; ihr sollt erfahren, daß ich der noch bin, den ihr suchen wollt.«

Der Kapitän suchte sich zu fassen und begann nach einer kleinen Pause:

»Daß ich nicht für mich selbst handle, weißt du. Die Not brachte mich in Dienste anderer. Für diese habe ich Pflichten. – Was gibst du mir? Womit belohnst du mein Schweigen?«

»Mich hintergehst du nicht!« – schrie Rinaldo. – »Deine glatten Worte gibt dir die Not ein. Ich lasse dich gehen, und ich bin verhaftet. Du suchst mir jetzt zu entkommen. Das kann nicht sein! – Die Klugheit dringt mir einen Mord ab; Gott verzeihe ihn mir! Ich morde nur zu meiner Lebenssicherheit. Es kann nicht anders sein! Ich rette mich, mein Weib, mein Kind. Gott sei deiner Seele gnädig!«

»Rinaldo! – Um Gottes willen! – Höre! – Nur noch ein Wort!«

»Was hast du noch zu sagen?«

»Laß mich beten und morde mich im Gebet.«

Rinaldo blickte ihm forschend in die Augen. Der Kapitän fiel vor ihm nieder und faltete die Hände.

Draußen erhob sich ein Geräusch. Die Tür ging auf. Wache trat ins Zimmer.

 

Der Kapitän sprang auf. Der Anführer der Wache redete ihn ganz trotzig an:

»Elender, vermummter Verräter!«

Gelassen erwiderte der Kapitän:

»Gott hat Euch mir zum Retter gesandt!«

Der Offizier sah ihn fragend an; er fuhr fort:

»Mein Leben konnte nicht mehr gerettet werden; es stand in der Hand eines Mannes, der mich vernichten mußte, um nicht der Justiz in die Hände zu fallen.«

»Was soll das sagen?« – fragte der Offizier ernsthaft.

Der Kapitän sprach weiter:

»Wohin Ihr mich auch führen mögt, wie mein Schicksal auch entschieden werden mag, so verdiene ich doch eine Belohnung des Staates, wenn ich der Landesregierung, was hiermit geschieht, einen Mann überliefere, auf dessen Kopf sie schon längst hohe Preise setzte, der stets ihren Nachforschungen entging, den sie tot glaubt, der aber noch hier steht, lebt und Rinaldini heißt.«

»Wie?« – fragte der Offizier heftig.

»Elender Bösewicht!« – schrie Rinaldini, – »willst du deiner Strafe durch ein neues Verbrechen entgehen? Welche Frechheit! Willst du dich durch die schändlichste Verleumdung, mit der schamlosesten Lüge retten?«

Der Kapitän wollte sprechen; Dianora sprang auf: »Dieser ist mein Gemahl, und daß ich die Gräfin Martagno bin, weiß der Statthalter, der auch meinen Gemahl kennt. Dieser schwarze Bösewicht, dessen Erdichtungen« –

»Signora«, – fiel der Offizier ein, – »daß dieser Vermummte ein Nichtswürdiger ist, wissen wir, er wird den Lohn erhalten, der ihm und seiner ganzen Brüderschaft gehört; dennoch aber bin ich verbunden, auf seine Angabe, Euern Gemahl zu ersuchen, mir zum Statthalter zu folgen. Ich kenne ihn nicht – und muß meiner Pflicht gehorchen.«

»So folge!« – sagte Dianora mit einem bedeutenden Blick.

Der Kapitän wollte sprechen; der Offizier ließ ihn binden und sagte: »Was du sagen willst, kannst du vor Gericht sagen. Ich bin dein Richter nicht. – Wache! führt ihn fort! – Dieser Herr folgt mir zum Statthalter.«

Rinaldo umarmte Dianoren, die ihm etwas sagen wollte, welches der Offizier höflich verbat. Sie gab ihm sprechende Blicke, die Rinaldo dennoch aber nicht recht entziffern konnte, und er folgte dem Offizier in die Stadt.

 

Hier führte ihn dieser auf die Wache und ging zum Statthalter, wo er Dianoren fand. Der Statthalter lächelte nach des Offiziers Rapport:

»Sonderbar! Wie weit geht doch die Bosheit der Schwarzen! – Man verfährt in Sizilien und in allen Staaten unseres Königs aufs schärfste gegen alle Mitglieder eines Bundes, dessen Absichten man kennt, der die Staatsverfassung des Reichs vernichten und eine allgemeine Rebellion erregen wollte. Ein allgemeiner Urteilsspruch hat alle Teilnehmer an dieser Verschwörung schon gerichtet. Der Schwarze, der sich nach Lipari schlich und sein schändliches Gewand überwarf, ehrliche Menschen zu schrecken, der sich erkühnte, verwegen, sich selbst so kennbar zu machen, soll dem Schwerte der Gerechtigkeit nicht entrinnen. – Auf unserm friedlichen Eiland soll die Sache kein Aufsehen machen. Die Bewohner brauchen eine Sache gar nicht kennenzulernen, die sie nicht kennen; ihre stillen Gemüter soll so etwas weder bewegen noch entflammen. Ich werde dafür sorgen. Stille und Verborgenheit sind hier heilsam. – Der Gemahl dieser Dame kommt zu mir.«

Rinaldo kam zu dem Statthalter. Er trat ins Zimmer, bebte zurück, drückte die gefalteten Hände vor die Stirn, sah in der Person des Statthalters den ihm und uns bekannten Prinzen della Roccella und warf sich vor ihm nieder. Mit bebenden Lippen stammelte er: »O mein Prinz!«

Der Prinz ging auf ihn zu:

»Mann! – Sehe ich auch hier dich wieder? – – Ich brauche dir wohl nicht zu sagen, wie sehr deine Gegenwart mich in Verlegenheit setzt? – Fühle das selbst.«

»›O! ich fühle es! – Ich bitte nicht für mich, ich bitte nur für Weib und Kind! – Stets großmütig war mein Prinz!‹« –

»Mein Schicksal quält mich durch dich.«

Er ging im Zimmer auf und nieder. Rinaldo erhob sich, wankte an ein Sofa und stürzte sich mit gesenktem Blick mit beiden Händen auf dasselbe. – Endlich begann der Prinz:

»Nach langem Überlegen und Streiten zwischen Pflicht und Wohlwollen kann ich mich zu weiter nichts entschließen, als deine Flucht dir zu erleichtern. Du wirst aber fühlen, daß das für dich sehr viel getan ist!«

»›Alles – alles, was nur die Großmut des Edelsten tun kann!‹«

»Ich kann und darf nicht mehr für dich tun!«

»›Mich vernichtet diese Güte!‹«

»Eine englische Fregatte liegt segelfertig in dem Hafen, diese wird dich aufnehmen. – Für Reisegeld ist gesorgt. In meiner Verwahrung sind 1000 Stück Dukaten, die deinem Freunde, dem Alten von Fronteja gehören –«

»›Ach! Ihn verschlang das Meer. – Hätte es doch mich verschlungen!‹«

»Reise glücklich!«

»›Und Dianora?‹«

»Kann nicht mit dir gehen. Sie ist das sich selbst, sie ist es ihrem Kinde schuldig. Fühlst du das?«

»›O! ich Unglücklicher! – Ach, Dianora! – Mein Kind! – Mein armes Kind!‹« –

»Es soll das meinige sein. – Welche Erziehung, welche Ansprüche auf Glück und Fortkommen in der Welt, könntest du dem Kinde geben? Du, der du geächtet, verfolgt, der du ein Mann bist, dessen Name schon ein Verbrechen ist? Welche Hoffnung könnte unter deiner Wartung und Pflege dem zarten Sprößling blühen, ein Baum zu werden, der seine Äste frei emporstrecken könnte in die Lüfte? Ewig würde der Sohn nur das Kind eines Räubers bleiben. – Diese Schmach will ich von ihm nehmen. Ich erkläre ihn für meinen Sohn.«

»›Prinz!‹« –

»Ich gebe ihm einen Namen, der durch kein Verbrechen befleckt ist, und so erhalte ich ihm seine mütterlichen Güter. Er wachse heran, unbefangen, zum Jüngling, er werde ein Mann, sei geehrt und erfahre nie, wer sein Vater war.«

Ein Tränenstrom entstürzte Rinaldos Augen; er jammerte laut:

»›Grausames Geschick! – O mein Sohn! mein Sohn! Wo wird dein Vater endlich noch das Ziel seiner mühseligen, kummervollen Pilgrimschaft finden?‹« –

»Laß ihn«, – fiel der Prinz ein, – »dein Grab ohne Erröten sehen, und er kann glücklich sein.«

»›O, warum mußten Dianorens Küsse mich wieder zurück ins Leben rufen!‹«

»Es ist geschehen. – Unser Wissen, Wirken und Wollen, unsere Kräfte sind menschlich. Über uns waltet eine höhere Macht. Wir können nicht widerstreben. Was sie beschlossen hat, geschieht.«

»›Und Dianora bleibt hier?‹«

»Das – weiß ich jetzt noch selbst nicht.«

»›Ich darf sie nicht wiedersehen?‹«

»Erspare dir und ihr den Abschied. – Sie leidet viel. – Willst du die Leiden vermehren, die sie quälen?«

Ein Diener trat ein, brachte einen Brief und verließ das Zimmer. – Der Prinz las und sagte:

»Der englische Kapitän will absegeln. Er dringt auf die Ankunft des Reisenden, den ich ihm zuschicken will; dieser bist du. Eile in den Hafen. Verliere keine Zeit, sie ist kostbar, und jede Zögerung bringt dir Gefahr. Hier ist Geld, dein Reisepaß – Gott sei mit dir! Sein heiliger Engel geleite dich! – Reise glücklich!«

Er entfernte sich schnell. – Rinaldo blickte schluchzend ihm nach, ward abgeholt und in den Hafen geführt. – Er ging zu Schiffe. Die Anker wurden gelichtet; das Schiff stach in die See.

 

»O Dianora! O mein Sohn!« – jammerte Rinaldo. – »Diese rollenden Wellen tragen mich von euch hinweg; vielleicht sehe ich euch nie wieder! – Der ärmste Handarbeiter darf so glücklich sein, am Busen seines Weibes zu ruhen. Er schaukelt sein Kind auf seinem Fuße, und liebevoll umschlingt sein Weib seinen Nacken. Er vergißt seine beschränkte Lage, sein Unglück, sich selbst und die Welt, umschlungen mit Banden ehelicher Freuden und Liebe. – Und ich Unglücklicher muß mein Weib verlassen, muß meinem Kinde von Fremden einen andern Namen erbetteln, damit es den seinigen nicht am Rabensteine erblickt! – O! mein Weib! – O! mein Sohn! mein Sohn! Schenke der Himmel dir zweifach den Frieden und die Ruhe, die dein unglücklicher Vater entbehren muß; er, der dir das Leben gab und dem du dafür nicht danken darfst. – – Wenn der Name deines Vaters genannt wird, wirst du mit andern Menschen zugleich deinen Abscheu nicht verbergen können, und wirst nicht wissen, daß es dein Vater ist, den du verabscheust. – Wohl dir! – – Guter Gott! Schenke meinem Sohne deine Gnade, gib, daß er ein guter Mensch werde, und ich habe der Welt in ihm gegeben, was ich ihr selbst nicht in mir gab. – In die Flammen mit dem Baume, der so schlechte Früchte trug! ein anderer nehme seinen Platz ein. – – Ich weiche meinem Sohne!«

Das Schiff lief in den Hafen zu Melazzo ein. – Rinaldo stand auf dem Verdeck des Schiffs, überschaute die reichen Felder, die um die Stadt herliegen, letzte sich an dem Anblick der fruchtbaren Hügel, die sich amphitheatralisch nach den fernen Gebirgen erheben, und versank ganz in den Genuß des süßen Schauens. – Er wurde von dem Kapitän angeredet und bestieg mit ihm das Boot, das ihn ans Land brachte. Hier nahm er Abschied von dem Kapitän und suchte eine Wohnung, die er auch, sehr bequem, bald fand.

Im Stillen überließ er sich seinen Betrachtungen und machte Pläne. Täglich besuchte er die Kirche, hörte eine Messe und vertrieb sich dann zu Hause die Zeit mit Lektüre und bei der Guitarre.

Eben war er in Gedanken bei Dianoren. Er spielte und sang:

O! was spricht so laut zum Herzen,
Glücklich werden kannst du nicht?
Selbst mein Glück will ich verscherzen,
Wenn dies nicht die Wahrheit spricht!

Wiege Liebe mich in Schlummer,
Daß die Wahrheit wachend flieht!
Daß mein Auge nicht voll Kummer,
In der Wahrheit Spiegel sieht!

Täusche mich mit süßen Träumen,
Täusche mich mit sanftem Blick,
Laß mich keinen Traum versäumen,
Rufe Wahrheit mir zurück!

Wiege mich mit sanften Worten,
Fern vom Blick der Wahrheit ein,
Öffne die geschmückten Pforten,
Laß die goldnen Träume ein.

Luftig rauschet ihr Gefieder
Über meine Schläfe hin,
Bilder wanken auf und nieder,
Und erfüllen Herz und Sinn.

O! wie sanft die holden Bilder
Allgemach vorüberziehn,
Mild und sanft, und immer milder,
Wiederkommend, selbst im Fliehn!

Decke Liebe deine Schleier
Über diese Bilderwelt!
Immer wird die Aussicht freier,
Immer schöner wird das Feld!

In dem Haine will ich wallen
Wo den Mohn die Liebe streut,
Wo mit sanftem Wohlgefallen,
Liebe jedes Herz erfreut!

»Ja!« – rief er aus. – »Trennen können uns Menschen und Verhältnisse, aber hindern können sie uns doch nicht, stets beieinander zu sein!«

Es wurde an die Tür geklopft; sie ging auf, und ein Franziskanermönch trat ins Zimmer, der sich selbst mit folgenden Worten einführte: »Gott sei mit Euch, edler Herr! Ich bin der Pater Amaro, aus dem Orden des heiligen Franziskus.«

»›Was bringt Euch zu mir?‹« – fragte Rinaldo.

»Mein Herz«, – war des Paters Antwort, – »welches das Eurige sucht.«

»›Ich verstehe Euch nicht.‹«

»Laßt Euch mit einer Explikation dienen! – Ich mache mir ein Geschäft daraus, bei guten und mitleidigen Seelen Almosen einzusammeln; nicht um damit mich oder mein Kloster zu bereichern –, denn was zu unserm schmalen Unterhalt gehört, sammeln unsere Terminierer ein –, sondern um damit Notleidende zu unterstützen, denen Verhältnisse, Stand oder Krankheiten nicht erlauben, selbst Almosen zu begehren. – Die Not, edler Herr, ist da am größten, wo sie am verschwiegensten, wo sie am heimlichsten drückt! – Bei diesem meinem wohltätigen Geschäfte nun, welches ich durch Gottes Beistand schon einige Jahre mit sonderlichem Segen treibe, habe ich mir nach und nach Bemerkungen abstrahiert, welche ich, aufgezeichnet, dem hinterlassen werde, der mein Nachfolger sein wird. – Unter diesen ist auch die Bemerkung, daß Fremde sich weit wohltätiger finden lassen als Einheimische. Deshalb wende ich mich an Euch. Das ist es, was mein Herz an das Eurige sendet und was es bei dem Eurigen sucht. – Irre ich mich nicht in den Gesichtszügen, die Euch Gott geschenkt hat, so wird mein Gang zu Euch gesegnet sein.«

Rinaldo drückte dem humanen Almosensammler 10 Dukaten in die Hand und sagte:

»Ihr habt recht, Herr Pater! Die heimlichste und verschwiegenste Not ist und bleibt immer die größte.«

Der Pater dankte im Namen der Notleidenden sehr verbindlich, und gerührt drückte Rinaldo ihm die Hand herzlich. Freundlich rief ihm dieser zu:

»Nicht zu stark! nicht zu stark! Ihr zerdrückt mir sonst etwas Kostbares, das ich hier in der Hand habe.«

Rinaldo Etwas Kostbares? – Und das ist?

P. Amaro Es ist ein Portrait.

Rinaldo Das Bild eines Heiligen?

P. Amaro Nein! – Es ist das Bild – eines Frauenzimmers.

Rinaldo sah ihn lächelnd, verwunderungsvoll an und fragte:

»Das Bild eines Frauenzimmers? Und in Euren Händen?«

Gelassen und freundlich antwortete der Pater:

»Warum nicht? – Ich habe auf meiner Zelle eine artige Sammlung von Bildnissen –, Ihr könnt sie sehen! –, unter denen sich viele weibliche befinden.«

Rinaldo sah ihn fragend an, er aber fuhr fort: »Laßt Euch mit einer Explikation dienen! Meine Gemäldesammlung ist eine Galerie von Armenwohltätern. Die mir am willigsten und am meisten geben, denen falle auch endlich ich mit einer Bitte für mich selbst beschwerlich: Ich bitte um ihre Portraits. Diese hänge ich dann in meiner einsamen Zelle in zierlicher Ordnung auf und unterhalte mich mit ihnen, wenn ich von menschlicher Gesellschaft entfernt bin. Ich bin wirklich in guter Gesellschaft, ich bin unter Menschen, darf ich dann mit Gewißheit sagen.«

»›Gewiß, Herr Pater! – Auch Ihr seid ein Mensch, und ich – bin jetzt in guter Gesellschaft.‹«

»Die guten Werke, mein Herr, geben eine hohe Menschlichkeit, und das sei unser Stolz voll Demut!«

»›Und das Portrait in Eurer Hand?‹«

»Ist das Portrait einer vortrefflichen Armenwohltäterin; es soll in meine Gemäldesammlung kommen.«

Er zeigte es. Rinaldo fragte betroffen:

»Wie nennt sich diese Dame?«

»›Violanta de Noli.‹«

»Ja! so heißt sie.«

»›Kennt Ihr sie?‹«

»Ich kenne sie. – Lebt sie jetzt hier in Melazzo?«

»›Seit 14 Tagen. Sie wartet auf ein Schiff und wird nach Lipari gehen.‹«

»Bringt mich zu ihr!«

»›Ich will Euch ihre Wohnung zeigen.‹«

Rinaldo griff eilig nach Hut und Degen und folgte dem Pater.

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