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Rinaldo Rinaldini der Räuberhauptmann

Christian August Vulpius: Rinaldo Rinaldini der Räuberhauptmann - Kapitel 10
Quellenangabe
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typefiction
authorChristian August Vulpius
titleRinaldo Rinaldini der Räuberhauptmann
publisherInsel Verlag
seriesinsel taschenbuch
volume426
printrun1. Auflage
editorKarl Riha
year1980
firstpub1799
correctorfranka.antenne@gmx.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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Dritter Teil

Numquam simpliciter fortuna indulget.

Q. CURTIUS

Neuntes Buch

Lächelt dir die Ruh in Friedensauen,
Lächelt dir der Hoffnung Zauberblick,
Fürchte Stille, Ruh und Selbstvertrauen,
Dolche für erträumtes Erdenglück.

Originalillustration

Der Morgen brach an, der Vorbote eines schönen, heitern Tages.

»Laß, guter Himmel«, – flehte Rinaldo – »mich finden, was ich suche. Stoß den Reuigen nicht von dir und gib mir eine stille, ruhige Wohnung unter guten Menschen!«

Schnell verließ er sein Lager, nahm Wäsche mit, steckte alles Geld, was er hatte, und seine Kleinodien zu sich, bewaffnete sich mit Säbel, Rohr und Pistolen, schlich an Serenens Kammer vorbei, lispelte ihr ein Lebewohl und eilte aus der Villa in die Bucht, wo die Fischer seiner warteten.

»Nun, das heißt doch Wort gehalten!« – schrien sie ihm entgegen, grüßten ihn und schüttelten ihm traulich die Hände.

»Sind wir nun alle beisammen?« – fragte der eine, und als mit Ja geantwortet wurde, nahm er seinen Hut ab und faltete die Hände. Die andern folgten seinem Beispiel.

Rinaldos Augen entstürzten Tränen, auch er faltete seine Hände und stammelte:

»Herr! Erbarme dich des Räubers, der zu dir fleht um eine glückliche Fahrt nach dem Orte der Ruhe, wohin seine Seele sich sehnt. Laß es diesen guten Leuten nicht entgelten, daß sie ihre Barke unwissend mit einem Verbrecher beladen, der dir nirgends entfliehen kann. Willst du mich bestrafen, so strafe nicht mit mir die Unschuldigen. Bringe sie glücklich in den Hafen und laß sie die Früchte ihres Fleißes ernten. Auch wende dein Angesicht nicht von dem friedlichen Eilande, wohin ich schiffe; strafe die Felder, die mein Fuß betritt, nicht mit Mißwachs; wirf deine Blitze nicht auf schuldlose Hütten; nimm meine Buße an und laß, unter guten Menschen, mich ein guter Mensch werden!«

Die stille Andacht war geendigt, die Barke ward bestiegen, die Fischer ergriffen die Ruder, schlugen harmonisch im Takte eines Morgenliedes die Wellen, und das Schifflein durchschnitt im offenen Meere lustig die Wellen.

Rinaldo stand und schaute nach Siziliens Küste zurück, die nach und nach seinen Blicken immer ferner wurde. Die Berge erschienen als Hügel; Häuser und Türme wurden zu Punkten; alles schwand endlich im grauen Nebel dahin, und nur die glänzende Sonne blieb die treue Gefährtin der schwankenden Barke.

Die Fischer waren munter und froh, scherzten und lachten, sprachen viel und sangen noch viel mehr. Rinaldo hörte mit Wohlgefallen ihre Gesänge und bat sie, das eine ihrer Lieder, welches ihm am besten gefiel, zu wiederholen. Sie taten das gleich. Er schrieb es sich auf und sang es hernach mit ihnen. Hier ist es.Das Original ist Alt-Spanisch und steht in dem Canciouern de Romances. Anvers. 1568. p. 241 – Die Spanischen Romanzen sind unter der Herrschaft der Spanier über Sizilien dahin gekommen und in die Landessprache übertragen worden.

Romanze.

Früh am Sanct Johannistage
Stand ich auf und ging ans Meer;
Dort sah ich ein Mädchen wandeln
An dem Ufer hin und her.

Auszubreiten ihre Wäsche,
Ging sie her und ging sie hin,
Sie zu bleichen und zu trocknen,
Legte sie die Wäsche hin.

Unter einem Rosenbusche
Pflegte sie der süßen Ruh,
Strählte sich die goldnen Haare,
Strählte sie, und sang dazu:

»Wo soll ich den Lieben suchen
Auf der blauen Flutenbahn?
Schiffer! daß dich Gott bewahre!
Trafst du wohl mein Liebchen an?

Sahst du meinen Herzgeliebten?
Sahst du ihn, so sag es mir!
Seiner harrt sein treues Liebchen,
Ganz allein am Strande hier.«

Eine Windstille nötigte die Fischer, die Ruder nicht aus der Hand zu lassen. Selbst Rinaldo legte mit Hand an. Das gefiel den Fischern, und sie machten in ihrer Art ihm viele Komplimente darüber. – Gegen Abend erblickten sie die Lichter im Kastell der Stadt, und ein frischer Wind trieb sie dort vorbei, an die östliche Küste der Insel, wo sie in eine Bucht einliefen und Ankergrund fanden.

Mit Tagesanbruch stiegen sie ans Land. Bald waren sie von Einwohnern umringt, die aus ihren zerstreut liegenden Wohnungen und aus dem einen Dorfe herbeikamen, die Herrlichkeiten zu besehen, die ihnen im Kauf überlassen werden sollten. Da ging es rasch an ein lebhaftes Handeln und Einkaufen, und als die Fischer ein Gezelt aufgeschlagen hatten, wurde die Gegend noch belebter. Männer, Weiber, Mädchen und Kinder strömten herbei, und sogar etliche Musikanten kamen. Da gab es im Freien Tanz und Gesang. Rund umher war Lust und Vergnügen.

Rinaldo entzog sich der lärmenden Freude und nahte sich einem entfernten Olivenwäldchen. Einige hundert Schritte davon lag rechts ein kleines, artiges Landhaus; auf dieses ging er zu.

Er traf dort eine geschäftige, muntere Frau bei ländlicher Arbeit an. Diese bat er um einen Trunk Milch und erhielt, was er forderte. Er wollte bezahlen. Sie aber wollte kein Geld nehmen. Rinaldo drang es ihr auf. Es war mehr, als sie hätte fordern können. Sie setzte ihm Feigen, Weintrauben und Reiskuchen vor. Dabei kam es zur Unterhaltung, und die gute Frau wurde sehr gesprächig. Rinaldo fragte nach ihrem Manne.

»Ach, heilige Jungfrau!« – antwortete sie, – »der liegt nun schon seit zwei Jahren unter der Erde und hat mir die Wirtschaft allein überlassen. Ich habe drei Kinder, zwei Buben von sieben und fünf Jahren, und ein Mädchen, das neun Jahr alt ist. Die Nachbarn stehen mir bei meinem kleinen Feldbau bei. Ich bin frisch und gesund und will so lange arbeiten, bis die Kinder größer werden, wenn mir Gott Kräfte und Gesundheit schenkt. Hernach mögen die Kinder für mich arbeiten.«

Rinaldo machte sie immer zutraulicher, und als er sich endlich ihres Anteils an seiner Person und ihres Wohlwollens ganz versichert hielt, kam er der Erklärung seines Endzweckes und der Entdeckung seines Wunsches und Verlangens näher.

Er Es gefällt mir hier sehr wohl.

Sie Ei! Es ist auch recht hübsch bei uns. Wir leben zwar nicht im Überfluß, aber was wir brauchen, hat uns der Himmel geschenkt. So lange ich lebe, weiß ich nur in einem einzigen Jahre Mißwachs bei uns. Da versorgte uns Sizilien. Wir fühlten es hart, das Unglück, das uns traf. Aber das sind nun schon acht Jahre her, und jetzt ist alles wieder verschmerzt.

Er Ich habe einen Einfall! Wie wär's, wenn ich mich ein paar Monate hier bei euch aufhielt?

Sie Das muß der Herr am besten wissen, ob es ihm zuträglich ist, ob es sein kann oder nicht.

Er Die Luft ist hier rein und gut, der Himmel ist heiter, warum sollte es mir nicht zuträglich sein, mich hier aufzuhalten? Und sein kann es auch, denn ich bin frei und ungebunden und kann leben, wo ich will.

Sie Nun! Der Herr kann's versuchen, und gefällt es ihm in die Länge nicht, so kann er ja gar leicht wieder nach Sizilien zurückkehren.

Er So sei es. – Wo werde ich aber meine Wohnung aufschlagen? Darf ich bei euch wohnen!

Sie Warum nicht?

Er Das ist mein Wunsch!

Sie Es sind zwei leere Stübchen in meinem Hause, die ich nicht brauche. Da kann der Herr wohnen. Aber das sage ich ihm voraus, gut aufführen muß er sich, sonst rufe ich die Nachbarn herbei, und er kommt übel weg.

Er Gute Frau! Du sollst keine Klage über mich haben. Ich werde still und einsam leben und will dir in mancherlei Arbeiten beistehen.

Frau Martha, so hieß die Bäuerin, führte ihren Mietmann ins Haus, zeigte ihm die Stübchen, die ihm gefielen, und der Mietkontrakt wurde gleich abgeschlossen. Rinaldo zahlte ihr zwei Monate Mietgeld voraus, wofür sie sich bei den Sizilianischen Fischern gleich Korn und Fleisch einkaufte.

Rinaldo machte den Fischern seinen Entschluß bekannt, und diese fanden ihn drollig genug.

»Nun«, – sagte der eine – »in etlichen Wochen kommen wir wieder und wollen hören, wie es dem Herrn auf dem Inselchen gefällt. Gefällt's ihm nicht, so kann er wieder mit uns abfahren. Denn Sizilien bleibt doch immer Sizilien, und gegen dieses Inselchen ist es noch mehr als ein Paradies.«

Rinaldo berichtigte seine Fracht reichlich und kaufte Wein und mancherlei Lebensmittel ein, die er in seine Wohnung bringen ließ, von der er sogleich Besitz nahm. Und als den folgenden Tag seine Gefährten mit leichter Barke davonsegelten, machte er Anstalt, sich zu metamorphosieren. Er schnitt seine langen Haare rundherum so ab, wie sie die Landleute auf Pantaleria trugen, und warf sich auch in eine Kleidung nach Form und Schnitt des Landes. So ausgeschnitten glich er einem Landmann der Insel vollkommen, und keiner seiner Nachbarn ließ es sich gewiß auch nur entfernt einfallen, den berüchtigten Räuberhauptmann, dessen Ruf ganz Italien durchflog, auf dessen Kopf ein so ansehnlicher Preis gesetzt war, zum Nachbar zu haben.

Er unterzog sich mancher Arbeit im Garten, im Weinberge, in der Haushaltung, so daß Frau Martha gar nicht wußte, wie sie mit ihrem Mietmann daran war.

»Ich hätte nie geglaubt«, – sagte sie, – »daß ein Herr, wie Ihr, sich so gut in unsre ländliche Arbeiten würde schicken können. Und daß Ihr sogar unsre Tracht angenommen habt, das kommt mir ebenso sonderbar vor, als es mir gefällt. Man sollte, wenn man Euch so sieht, darauf schwören, Ihr wärt hier als Landmann auf der Insel gezogen und geboren worden.«

»Glaube das selbst, liebe Frau!« – antwortete Rinaldo, – »und du tust mir einen großen Gefallen.«

Sie Je nun, den Gefallen kann ich Euch wohl tun! Man muß ja so manches glauben, was auch nicht viel wahrscheinlicher als dies ist, also wüßte ich nicht, warum ich es nicht tun sollte? – Sagt mir aber nur, wo Ihr das Geschick zu den Arbeiten, die Ihr verrichtet, hernehmt?

Er Ich habe mich ehemals auch mit dergleichen Arbeiten abgegeben.

Sie Das muß sein! Sonst wär's nicht möglich, daß es Euch so anstehen und flecken könnte. – Seid ihr denn kein Sizilianer?

Er Nein. Ich bin in der Italienischen Schweiz geboren, und mein Vater hatte Landgüter.

Sie Habt Ihr denn die Landgüter nicht geerbt?

Er Mein Bruder hat mich mit Geld abgefunden, und ich habe die Welt durchreist. – Hier gefällt mir's. Ich habe große Lust, bis ans Ende meines Lebens auf dieser Insel zu bleiben.

Sie So tut es. – Schafft Euch etwas Eigenes, Haus und Herd an, und nehmt Euch eine Frau, wenn Ihr noch ledig seid.

Er Ledig bin ich, und das andere wird sich geben.

Sie Nur bitte ich mir aus, daß ich Freiersfrau sein darf.

Er Ja, ja! – Für jetzt aber bleibe ich noch bei Frau Marthen.

Sie Die Nachbarn werden zwar manches darüber munkeln, aber das hat nichts zu sagen. Wir haben ja doch gute Gewissen.

Er In diesem Punkt, ja!

Sie Nur in diesem Punkt? Nein, auch in andern Punkten. Nicht wahr? – Wenigstens ich. Ihr doch auch?

Er (verlegen) Warum nicht?

Sie Denn sonst, – nehmt mir's nicht übel! – sonst möchte ich nicht gern unter einem Dache mit Euch wohnen. Die bösen Gewissen bringen kein Glück ins Haus.

Dies traf Rinaldo stark. Er brach das Gespräch ab und griff zu einer Arbeit.

 

Er bemerkte, daß Frau Martha jeden Abend mit einem großen Milchtopfe wegging und wohl erst eine Stunde darauf wieder zurückkam. Eines Tages fragte er sie, wohin sie die Milch so entfernt trage?

»Ich trage die Milch« – antwortete sie – »in eine Villa, die dort hinter dem Wäldchen liegt.«

Er Wem gehört diese Villa?

Sie Einem Herrn in der Stadt.

Er Und dieser bewohnt sie?

Sie Nein. – Vor ungefähr sechs Wochen sind ein paar Damen in die Villa gezogen, die, wie man sagt, übers Meer gekommen sind. Man weiß nicht, wer sie sind. Sie leben still und eingezogen und haben mit den Nachbarn keine Gemeinschaft. – Ich habe sie selbst noch nicht gesehen. Eine alte Magd nimmt mir die Milch ab und bezahlt sie. Diese fragte ich einmal, wer denn wohl die Damen wären, und sie sagte, sie wisse es nicht. Die Damen wären fremd hier, und sie sei aus Pantaleria.

Er Weiß die Nachbarschaft nichts von den Damen?

Sie Nichts. – So wenig als ich. Die meisten wissen gar nicht, daß sie da sind.

Er Gehen sie denn nicht aus?

Sie Das habe ich auch einmal gefragt, und da antwortete mir die alte Magd: Zuweilen gingen sie in die Gärten, und dann und wann gingen sie in das Kreuzkapellchen, das dort auf dem Berge steht, ihrer Andacht wegen. – Bei der Sache muß es ein Geheimnis geben. Wer weiß, was sie angerichtet haben, daß sie so verschelmt sich verbergen müssen. Entweder sie haben gemordet oder gestohlen.

Er Wenn sie schön sind, Herzen vielleicht.

Sie 's ist auch ein Diebstahl!

Er Auf diese Art ist Frau Martha wohl auch eine Diebin?

Sie Ich? – Ach lieber, heiliger Gervasio! Das müßte ich sonderbar genug angefangen haben. – Mein seliger Mann nahm mich des bißchen Geldes wegen, das ich zur Aussteuer bekam. Ich habe aber in meinem Leben nichts von Herzensstehlereien gewußt. – Jetzt ist's nun ganz vorbei. Drei Kinder und meine Arbeit! Da denkt man nicht an solche Dinge!

 

Rinaldo hatte nun seine Gedanken beständig darauf gerichtet, die Damen zu sehen. Er bemühte sich deshalb so sehr, als man sich in einer solchen Angelegenheit nur bemühen kann; aber vergebens. Die Nachbarn wollte er auf so etwas nicht aufmerksam machen, und berichten konnten sie ihm ohnehin nicht. Er bat also einmal Frau Marthen, ihn die Milch in die Villa tragen zu lassen, was diese ihm herzlich gern erlaubte und glaubte, bei diesem Geschäft etwas Näheres von der Existenz der Damen erfahren zu können. – Er trug die Milch in die Villa und ließ sich mit der alten Magd, die sie ihm abnahm, in ein Gespräch ein.

Er Meine Nachbarin, Frau Martha, ist nicht wohl und hat mich ersucht, die Milch hierher zu tragen. Ich weiß nicht, wer sie braucht oder bekommt.

Sie Ich nehme sie dir ab, mein Sohn!

Er Aber Ihr verbraucht sie nicht allein? – Ihr habt wohl Kinder?

Sie Gott bewahre! Was denkst du? Ich bin noch ledig und habe nie Kinder gehabt.

Er So ist die Milch wohl für eure Herrschaft.

Sie Ja, so für eine Art von Herrschaft ist sie. Das weiß ja Frau Martha schon längst.

Er Ich habe mein Abendbrot zu mir gesteckt. Ihr erlaubt mir doch, es hier zu verzehren?

Sie Meinetwegen! – So etwas zu erlauben, ist mir nicht verboten.

Er Ich habe heute schon viel gearbeitet, bin müde und matt und will da ein Schlückchen Syrakuser zu mir nehmen.

Sie Syrakuser? Ei! Wo hast du denn den herbekommen?

Er Gekauft habe ich ihn von den Fischern aus Sizilien.

Sie Er ist wohl teuer?

Er Es geht noch an! Aber er schmeckt herrlich.

Sie Das glaube ich. – Unsereiner darf auf so etwas nicht rechnen. – Die Damen, die ich bediene, trinken nichts als Wasser und Schokolade.

Er So? – Ist ein Schlückchen Syrakuser gefällig?

Sie Je nun, wenn ich so frei sein darf!

Er Warum nicht? Ich biete nichts an, was ich nicht gern gebe. – Getrunken!

Das tat die Alte; und sie hatte kaum das Glas geleert, als stark geschellt wurde. Sie sagte, das gelte ihr, lief fort und versprach, bald wiederzukommen. – Das geschah auch. Sie stürzte ängstlich die Treppe herab und schrie:

»Ach! Heilige Jungfrau! Der einen von den Damen ist eine Ohnmacht zugestoßen. Was fangen wir nun an? Sie liegt ganz leblos da.«

Rinaldo besann sich nicht lange, sprang die Treppe hinauf durch einen Saal und kam in ein Zimmer, wo sich die Damen befanden. – Die eine kniete vor der andern, die aus einer Ohnmacht wieder zu sich zu kommen schien. Unbemerkt blieb Rinaldo an der Tür des Zimmers stehen.

Die kniende Dame stand eben auf, erblickte Rinaldo, fuhr heftig zusammen, fragte: »Was willst du hier?«

Rinaldo trat näher und stand, – wer schildert sein Erstaunen? – vor Violanten und Dianoren.

 

Noch erkannte ihn Violanta nicht ganz in seiner Verkleidung, und Dianora kam eben wieder zu sich. Sie bemerkte den Fremden im Zimmer und fragte, wer er sei? – Rinaldo stand sprachlos und seine Blicke ruhten auf Dianoren. – Violanta sah ihn aufmerksam an und stammelte ängstlich:

»Freund! Wer du auch sein, durch welchen Zufall du auch hierher gekommen sein magst, um deines Gesichts willen! verlaß uns eilig.«

»Für keinen Preis!« – antwortete Rinaldo.

Violanta betrachtete ihn genauer und rief erschrocken aus:

»Er ist es!«

»Er ist es!« – wiederholte Dianora, sank zurück und verbarg ihre Augen ins Schnupftuch.

»O Dianora«, stammelte Rinaldo – »soll der Zufall, der mich hierher führte, nicht für mich entscheiden? Willst du deine Blicke von mir wenden, von mir, den das Schicksal so wunderbar auf dieses Eiland führte, um dich zu finden? Sei nicht grausamer gegen mich als Schicksal und Zufall es sind!«

Es entstand eine Pause. – Endlich enthüllte Dianora ihre Augen, fragte:

»Unglücklicher, wo kommst du her? Ist es nicht genug, daß dein Bild mich allenthalben hin verfolgt, mußt du auch noch selbst kommen?«

»Der Zufall will es so«, – antwortete Rinaldo, – »und ich bin glücklich! Glücklicher auf dem kleinen Pantaleria als ich in der großen Welt es sein durfte. Beneiden könnte ich mich selbst um dieses Glück, wolltest du, Geliebte, es mir nicht mißgönnen?«

Die alte Magd trat mit Wasser in das Zimmer. Violanta ging auf sie zu, nahm sie bei der Hand und führte sie ins Vorzimmer.

Als Rinaldo sich mit Dianoren allein sah, näherte er sich ihr, ergriff ihre Hand und stürzte vor ihr nieder. Sie blickte mit Augen voll zärtlicher Wehmut auf ihn herab und seufzte. Er benetzte ihre Hand mit Tränen, bedeckte sie mit tausend Küssen und drückte sie an sein klopfendes Herz. Dianorens Tränen flossen schnell und stark. Heftig arbeitete ihr klopfender Busen unter dem leichten Flor. Ihrer sich selbst nicht bewußt, neigte sie sich hinab, und ihre Wange glühte an der seinigen. Magnetisch flogen ihre Lippen aneinander. Rinaldo jauchzte laut:

»Dieser Kuß der Vergebung, dieses herrliche Siegel der Verzeihung, reiniget mich von meinem Vergehen und segnet mich zu einem neuen Lebenswandel ein! – Du siehst, geliebte Dianora, ich bin abgeschieden von der geräuschvollen Welt. Auf dieses kleine Eiland floh ich, um mir selbst und der Ruhe zu leben. Ja, der Himmel selbst schenkt Wohlgefallen meinem frommen Entschluß. Meine Bitten sind erhört. Er hat mir vergeben, und zum Pfande der Versöhnung schenkt er dich mir wieder. Du bist wieder mein, und ein neues Leben beginnt!«

»O Rinaldo!« – seufzte Dianora – »Schläfere dich nicht selbst mit Schmeicheleien ein. Laß deine Träume dich nicht zu süßen Hoffnungen verführen, zu Hoffnungen, die nie in Erfüllung gehen können.«

»Du raubst mir meine Überzeugung nicht!« – fuhr Rinaldo fort. – »Du selbst bist das Pfand der Gewährung meiner Hoffnungen. Das, was ich hier umfasse, ist die schönste Wirklichkeit. – Ich träume nicht; mein Glück beginnt von neuem in deinen Armen.« Er legte sein Gesicht an ihren Busen, umschloß sie mit seinen Armen und verlor sich in süßes Entzücken. Dianora hatte keine Worte. Die Szene blieb stumm und dennoch sprechend.

Violanta fand, als sie wieder ins Zimmer trat, beide noch in dieser schweigend sprechenden Lage. Sie machte ihr Dasein bemerkbar und ging in ein Seitenzimmer. Dianora drängte ihn sanft von sich ab. Rinaldo stieg auf. Er blieb vor ihr stehen und ruhte mit fragenden Blicken auf ihren Augen.

Sie Rinaldo, was sagen diese fragenden Blicke?

Er Sagt dir das dein Herz nicht? – Der Himmel gab dich mir wieder, doch nicht, um dich wieder verlassen zu müssen.

Sie Ach! Rinaldo, wie soll und kann, wie darf ich dir diese Fragen beantworten?

Er Wie es dein Herz verlangt.

Sie Nein, die Herzen dürfen jetzt nicht unsere bestochenen Ratgeber sein.

Er Wer sonst?

Sie Vernunft und Überlegung.

Er Auch diese sind bestochen. – Sind sie es nicht, so fürchte diese kalten Ratgeber, die uns nicht glücklich machen können. – In Abgeschiedenheit und Ruhe wies beiden uns der Himmel die Freistätte dieses Eilandes an, laß uns dankbar den Wert des herrlichen Geschenkes erkennen und benutzen.

Sie Wohin könnte uns aber all das führen?

Er Wohin anders, als zum Glück in der Einsamkeit und Verborgenheit, durch uns selbst?

Violanta kam wieder in das Zimmer zurück.

»Wenn Rinaldos Hiersein nicht Aufsehen, selbst bei unserer alten Magd, erregen soll«, – sagte sie – »so muß er sogleich wieder gehen und kann nicht länger hier bleiben.«

»O Violanta!« – sagte Rinaldo – »Du hast nie geliebt, warst nie getrennt von dem geliebten Gegenstande deines Herzens, fandest nie wieder, was du verloren hattest, und hast nie die Wonne eines unverhofften, glücklichen Wiedersehens genossen! Darum spricht dein Mund einen so schrecklichen Befehl aus.«

»Dianora mag selbst entscheiden«, – antwortete Violanta.

Dianora blickte ihn zärtlich an und sagte: »O ja, Rinaldo, du mußt uns jetzt verlassen.«

Rinaldo Um dich nicht wiederzusehen? – Du wirst diese Insel verlassen. –

Dianora Nein!

Rinaldo Gewiß nicht?

Dianora Nein! Nein!

Rinaldo Wenigstens nicht ohne mich?

Dianora Nicht ohne dich.

Rinaldo Nun gehe ich, wenn du es verlangst. – Und morgen sehe ich dich wieder?

Dianora Ja, morgen!

Er schlang seine Arme um ihren Nacken, drückte zärtliche Küsse auf ihre Lippen und ging. – Violanta begleitete ihn bis an die Haustür. Er eilte, seiner selbst sich unbewußt, in seine ländliche Wohnung zurück.

 

Die goldene Königin des Tages, die freundlich lächelnde Sonne, entstieg dem Meere. Rinaldos Wirtin war schon ins Feld gegangen. Er stand mit klopfendem Herzen der Villa gegenüber, in welcher der geliebte Gegenstand seiner Empfindungen wohnte. Ringsherum umging er diese Wohnung seines Glücks, aber er wußte selbst nicht, warum er sich nicht hineinzugehen getraute. – Jetzt fiel ihm die einsame Kreuzkapelle in die Augen, in welcher Dianora zuweilen betete. Von gleichem Gefühl ergriffen, ging er dahin, warf sich vor dem Bilde der Hochgebenedeiten nieder und zerfloß in Andacht und Gebet.

Auf einmal rauschten hinter ihm Fußtritte. Er sprang auf, drehte sich herum und erblickte Dianoren. – Er flog ihr entgegen, drückte sie an sein Herz und sagte:

»Unsere Herzen begegneten sich einst und fanden sich, unsere Seelen hielten sich fest und finden sich jetzt hier in gleicher Absicht ein. Ich habe gebetet und gelobt. Deine Andacht, schöne Seele, will ich nicht stören. Bete auch du, und laß mich mit dir glücklich durch die Erhörung unserer gemeinschaftlichen Bitten sein.«

Er führte sie zu dem Altar. Sie warf sich betend nieder. Er verließ die Kapelle.

Unter einer himmelanstrebenden Zypresse fiel er auf die Knie, streckte seine Hände gen Himmel, betete tränend und ohne Worte.

So fand ihn Dianora noch, als sie aus der Kapelle zurückkam. Sie näherte sich ihm leise, bog sich zu ihm herab, umschlang ihn sanft und küßte seine Andacht glühende Stirn.

»Gewiß, Rinaldo!« – sagte sie, – »du bist ein guter Mensch geworden. Trostreich und herzerhebend war mein Gebet für mich. Die Hochheilige lächelte mir Erhörung. Süßer Trost erfüllt mein Herz. Hat der Himmel dich zu Gnaden angenommen, wie könnte Dianora dich verstoßen? Mein Herz ist dein. Die Liebe wird uns nicht ohne Freuden, nicht ohne Trost lassen.«

Er begleitete sie in die Villa. Die alte Magd erfuhr, dieser verkleidete Bauer sei ein zufällig gefundener Verwandter ihrer Damen, den Laune und Hang zur Einsamkeit nach Pantaleria und der Zufall zu ihnen geführt habe. – Eben dies wurde auch Frau Marthen entdeckt, die sich darüber ebensosehr freute als verwunderte.

Und nun nahm alles eine andere Gestalt an. – Rinaldo blieb nicht mehr Frau Marthens Hausgenosse; er zog zu den Damen in die Villa. Das ganze Hauswesen erhielt eine neue Einrichtung.

Einst erkundigte sich Rinaldo bei Violanten nach der wahren Ursache ihrer schnellen Abreise aus dem Schlosse der Gräfin, wo ihm der Schwarze zum erstenmal erschienen war, und vernahm mit Erstaunen, daß eine fürchterliche Drohung von eben diesem schwarzen Abgesandten sie zu der Abreise bewogen habe. Man erklärte sich von beiden Seiten über die Vorfälle mit dem Schwarzen und seiner Rotte und konnte endlich doch nicht anders vermuten, als daß das Unerklärbare in der Sache in einer Verbindung dieser Gesellschaft gegen den Staat liege und daß man sich des gefürchteten Räuberhauptmanns nur als einer Maschine zur Ausführung eines entworfenen Plans habe bedienen wollen, dessen wahrer Endzweck ebenso verborgen als die Vermutung der geheimen Machination beinahe unbezweifelt war. Violanta hatte anfangs sogar die Meinung gehegt, die Schwarzen möchten verdeckt mit Rinaldini zu einem Zwecke spielen, und es sei ihren Plänen entgegen gewesen, ihn eine Bekanntschaft erneuern zu lassen, deren Einverständnis ihren Endzwecken ganz entgegen gewesen sei.

Rinaldo fand keinen Beruf, sich über ein Geheimnis den Kopf zu zerbrechen, welches in seiner jetzigen Lage gar keinen Enträtselungsreiz für ihn haben konnte; er hielt sich, viel zu glücklich, an die Gegenwart, die ihn alles leicht vergessen lassen konnte, was geschehen war. Er stand jetzt als ein ganz anderer Mensch in einem Kreise, welchen Liebe und Freundschaft um ihn gezogen hatten, und verlor aus seinen Blicken die Aussicht nach den Gegenständen unangenehmer Rückerinnerung. Weder die Szenen der verübten Gewalttätigkeiten in den Apenninen, noch die Begebenheiten in Kalabrien und Sizilien konnten sein Nachdenken fesseln, alles war für ihn vergangen, war ein Schauspiel, welches er ehemals hatte aufführen sehen, in welchem er sogar selbst mitspielende Person gewesen war, aus welchem er aber seine Rolle vergessen hatte oder wenigstens ganz vergessen wollte. So wie er jetzt lebte, wünschte er sich die ganze Zeit seines Lebens gelebt zu haben, und wenn er sich ja mit Wohlgefallen dem Andenken an Szenen der Vergangenheit überließ, so waren es jene, die in die Tage seiner frohen Jugendzeit fielen, in denen er seine Zeit in ländlicher Einsamkeit, auf der Weide, hinter seinen Ziegen zugebracht hatte.

Als dem Jüngsten seiner sechs Geschwister fiel ihm, als er kaum 10 Jahre alt war, das Los, die Ziegen seiner Eltern, in nicht geringer Dürftigkeit, zu hüten. Das Patriarchalische dieses Geschäfts fesselte ihn, als er größer wurde, nicht mehr so sehr, daß er sich nicht Wünschen anderer Art, als Ziegenhirt zu bleiben, hätte überlassen sollen. Er war sehr wißbegierig und fühlte Trieb in sich, einst mehr als seine Brüder im Weinberge oder Ackerfelde zu leisten. Das brachte ihn auch dazu, den Umgang eines Eremiten zu suchen, der in jener Gegend wohnte, wohin er seine Ziegen auf die Weide trieb. Der Klausner, Onorio genannt, war ein Mann von Einsicht und Menschenkenntnis, der sein Einsiedlergewand nicht beständig getragen hatte. Er war der Welt erst entflohen, als er sie, wie er sagte, verachten gelernt hatte.

Dieser Mann nahm sich die Mühe, den wißbegierigen Jüngling zu unterrichten. Er war sein Lehrer im Lesen und Schreiben; er erzählte ihm viel und gab ihm Bücher zu lesen, die der junge Rinaldo in seiner Einsamkeit verschlang. Diese waren eine Übersetzung der Lebensbeschreibungen des Plutarch, ein Livius, ein Curtius, Ritterbücher und Geschichtsschreiber Italiens. Alles, was Rinaldo in diesen Büchern las, waren Taten, die seiner empfänglichen Einbildungskraft einen romantischen Heldenschwung gaben, der den sichtbarsten Einfluß auf seine Vorstellungen, Entschlüsse und Handlungen hatte.

Siebzehn Jahre war er alt, als Onorio, sein Freund und Lehrer, einst unvermutet verschwand und in einem hinterlassenen Schreiben ihn zum Erben seiner wenigen Habseligkeiten ernannte. Alles, was Rinaldo jetzt erhielt, nur die Bücher nicht, machte er zu Gelde und ging damit unter die Soldaten. Hier wollte er sein Ideal realisieren. Es war umsonst. Die Maschinerie seines Heldenlebens konnte ihn unter den päpstlichen Heerscharen nicht halten. Er ging davon und nahm Dienste in Venedig. Auch hier blieb er nicht und ging unter die Truppen des Königs von Sardinien. Hier schien ihm das Glück zu lächeln. Ein General bemerkte ihn, zog ihn hervor, beförderte ihn bald zum Korporal, und endlich wurde er gar als Fähnrich mit nach Sardinien in Besatzung nach Cagliari geschickt. Hier bekam er Händel, fehlte gegen die Subordination und wurde kassiert. Das brachte ihn auf. Er rächte sich auf italienische Art durch den Dolch an seinem Chef und entfloh. Unstet und unsicher, seines Verbrechens öffentlich angeklagt, durchirrte er Italien und fand nirgends eine bleibende Stätte.

So kam er unter die Räuber, die er bald selbst beherrschte, zu ordentlichen Korps organisierte und als ihr Hauptmann mit unter ihnen lebte, wie wir ihn gefunden haben.

 

In seiner neuen, jetzigen Lage wurden nun von ihm und Dianoren Pläne wegen ihrer künftigen Lebensart gemacht, und endlich wurde beschlossen, nach Spanien zu gehen, von da eine Reise auf die Kanarischen Inseln zu machen und dort in stiller Verborgenheit glücklich und ruhig zu leben. Violanta wollte ihnen folgen.

So weit war nun alles in Richtigkeit gebracht, und die schnellste Ausführung des Plans beschäftigte alle mit der größten Tätigkeit. Aber alles war im Rate des Schicksals anders beschlossen. Eines Morgens ging Rinaldo, wie gewöhnlich, ans Ufer, sah eben eine Fischerbarke in See zurückgehen, folgte ihr in Gedanken nach Sizilien und gedachte an seine dortigen Bekannten und an Serenen. In diese Gedanken verloren, warf er sich unter einen Baum. Aber er hatte nicht lange hier gelegen, als er hinter sich ein Geräusch vernahm. Er sah sich um und erblickte, in gewöhnlicher Landestracht, den Alten von Fronteja, der sich ihm näherte. Erschrocken sprang Rinaldo auf und wollte entfliehen, als ihm der Alte nachrief:

»Bleib! – Wohin du auch gehen magst, ich folge dir nach. – Hier sind wir allein.«

Rinaldo Was verlangst du von mir? Warum folgst du mir allenthalben hin nach, wie das böse Gewissen einem Verbrecher? Mag ich doch nichts von dir wissen. Warum störst du mich in meiner Ruh und vergiftest durch deine Gegenwart die stillen Freuden meiner Einsamkeit? – Bist du mein böser Geist, so weiche von mir! Denn ich bin nicht mehr der, der ich war, und habe mit dir keine Gemeinschaft.

Der Alte Ei! Du bist auf Pantaleria ein sehr gestrenger Herr geworden! – Glaubst du denn, einen deiner ehemaligen Rottgesellen vor dir zu haben?

Rinaldo O! warum mußt du, um mir die Freuden meines Lebens zu vergiften, auch bis hierher mir in das stille Ländchen der Ruhe nachfolgen?

Der Alte Hast du mich schon sprechen lassen?

Rinaldo Sprich.

Der Alte Du bist verschwunden. In Sizilien weiß keiner deiner Freunde und Bekannten, wohin du gekommen bist. Nur ich weiß es. Und daß ich es wußte, davon ist dir mein Hiersein ein Beweis. – Die schwarze Rotte ist, hoffen wir, genug gedemütigt, und du bist von deinen Freunden an deinen Verfolgern gerächt worden. Das haben sie nicht ohne Aufopferungen für dich getan. – Jetzt ist alles zur Abfahrt nach Korsika bereit, und ein jeder fragt: Wo ist der Anführer unseres Zugs? Wo ist der tapfere Rinaldini, der uns an unserer Spitze zu fechten versprach? – Man sucht dich und findet dich nirgends. Man wird ungeduldig, setzt selbst mich über dein plötzliches Verschwinden zur Rede, und untersteht sich hie und da sogar Mutmaßungen zu hegen, die für mich entehrend sind. – Ich wußte, wohin du gegangen warst, ich weiß, was du hier gefunden und wozu du dich entschlossen hast. – Du entsagst des Ruhmes und verlangst den Kranz nicht, der dir in Korsika grünt. Du bist nicht mehr der, der du warst, das weiß, das sehe ich. Deine Taten sind früh veraltet, dein Ruhm wird eher zu Grabe gehen als du, deinen Jahren nach, dahingehen könntest. Du hast dir einen eigenen Weg vorgezeichnet und hast deinen Freund verkannt. – Ich werfe dir nicht vor, was ich zuweilen für dich getan habe; ich rechne dir selbst das Leben nicht an, welches du mir zu verdanken hast. Denn ohne meinen Beistand wär' dein Körper schon längst dem Himmel näher als der Erde. Ich will dir deine Ruhe gönnen und mich freuen, daß du sie durch mich genießest. Bist du ruhig, wirst du glücklich, so rechne ich auf deinen stillen Dank. Öffentlich verlange ich ihn nicht. Aber das kannst du auch nicht verlangen, daß ich um deinetwillen bei unsern Freunden verlieren soll.

Rinaldo Verlieren? Um meinetwillen? – Was könntest du verlieren, du, der alles hat?

Der Alte Noch habe ich nicht alles, was ich mir, um deinetwillen, zu haben wünschen muß.

Rinaldo Das verstehe ich nicht.

Der Alte Deine Freunde haben einen Argwohn auf mich geworfen, der entehrend ist. Viele glauben dich sogar nicht mehr am Leben. Ich hätte geschwiegen und dich deiner Ruhe in Pantaleria überlassen, aber ein großer Teil unserer Angeworbenen will sich schlechterdings nicht eher einschiffen lassen, als bis Nachricht und Gewißheit von deinem Leben da ist. Du mußt meine Ehre retten, du mußt dich diesen Zweiflern zeigen.

Rinaldo Wie kannst du das von mir fordern?

Der Alte Die Rettung meiner Ehre hängt davon ab.

Rinaldo Ich kann deinen Wunsch nicht erfüllen. Ich gehe nicht von hier.

Der Alte Ich muß dich nochmals daran erinnern, daß du mir dein Leben schuldig bist.

Rinaldo Du nimmst es mir, wenn du mich meinem stillen Aufenthalte entreißen willst. Ich gehe nicht von hier.

Der Alte Nun gut! So mögen jene Zweifler hierherkommen und dich selbst noch am Leben auf Pantaleria sehen. – Ich kann mir nicht anders helfen!

Rinaldo Rechne nicht darauf. Ich kann weitergehen.

Der Alte Wohin, daß ich es nicht erfahren würde?

Rinaldo O Gott! Wie konntest du mich den Händen eines solchen Mannes übergeben? – Alter! – Wie du auch heißen, wer du auch sein magst! – Ist dir je das Glück, die Ruhe eines Menschen heilig gewesen, so sei barmherzig gegen mich und laß mich ruhig in meiner Einsamkeit.

Der Alte Das will ich. Aber meine Ehre mußt du retten und mich von einem falschen Verdacht reinigen, der mich mit Schande brandmarkt. Habe ich das um dich verdient? – Soll ich den Verdacht eines Mordes an deinem Leben auf mir sitzenlassen? Sollen wir deshalb unser ganzes Unternehmen scheitern sehen und die Edlen von Korsien umsonst auf versprochene Hilfe harren lassen? – Das kannst du nicht verlangen! – Zeige dich deinen Freunden, und dann gehe, wohin du willst.

Rinaldo Wenn ich wüßte – daß das, was du von mir forderst, mir Ruhe verschaffen könnte! –

Der Alte Du wirst deine Ruhe allenthalten hin mit dir selbst nehmen, wenn du welche hast. Was du nicht hast, kannst du nirgendhin verpflanzen.

Rinaldo Ich hatte Ruhe, bis du nun wiedergekommen bist, sie mir neidisch zu rauben. – Aber wie konntest du das? Bist du wirklich ein guter Mensch, und hast du uneigennützig mir das Leben einigemal gerettet, so begreife ich nicht, wie du einem Unglücklichen das wieder rauben konntest, was ihm der Himmel gab und was ihm mehr wert ist als das elende Leben, das du ihm als Geschenk vorwirfst! – Ich folge dir nach Sizilien.

Der Alte Meine Dankbarkeit soll dir beweisen, was ich für dich tun kann.

Rinaldo Deine Ehre, die Expedition nach Korsika, und dich von dem Verdacht eines Meuchelmords zu retten, folge ich dir nach Sizilien. Aber heute noch nicht.

Der Alte Du hast zwei Tage Zeit. – Übermorgen sprechen wir uns an diesem Orte wieder.

Der Alte ging schnell davon und verlor sich bald hinter dem Hügel auf dem Wege nach der Stadt zu.

Rinaldo war, nach langem Überlegen, entschlossen, den Alten zu hintergehen und nicht mit ihm nach Sizilien zu reisen. Er entdeckte Dianoren, was ihr in dieser Angelegenheit zu entdecken war, und erzählte ihr, soviel sie davon wissen durfte, alle seine Begebenheiten, auf welche der Alte Einfluß gehabt hatte. Dianora wurde ängstlich und stimmte Rinaldos Entschlüsse bei. Nur war die Verlegenheit um ein Fahrzeug, welches sie auf eine von den nahegelegenen Inseln und von dort nach Malta bringen sollte, sehr groß.

Sie sprachen noch darüber, als ein Brief aus der Stadt von dem Herrn der Villa an Dianoren ankam. Er meldete ihr, daß noch diesen Abend eine Dame mit ihrer Kammerjungfer auf der Villa eintreffen werde, welche in dem Seitengebäude derselben ihre Wohnung nehmen würde, und die er ihrer Freundschaft empfahl.

Die Nachricht veränderte nichts in ihrem Plane. Rinaldo ging aus, um ein Fahrzeug aufzusuchen, kam wieder zurück und hatte keins angetroffen.

Gegen Abend kam die angekündigte Dame an. Sie ließ Dianoren ihre Ankunft wissen und kam gleich darauf selbst, ihre Bekanntschaft zu machen. Rinaldo wollte eben das Zimmer verlassen, als sie kam, sie begegneten einander. Er sah die wohlbekannte Signora Olimpia. – Das Mädchen, welches sie als Kammerjungfer bei sich hatte, war Serena.

 

Die Gegenwart dieser Personen in der bisher so ruhigen Villa setzte Rinaldo in eine ziemlich lebhafte Verlegenheit. Olimpia spielte in Dianorens Gegenwart gegen Rinaldo die Rolle einer Unbekannten ziemlich natürlich. Er wurde von ihr mit keiner Silbe kompromittiert. Serena aber wußte nichts von Verstellung und wurde, als sie Rinaldo in der Antichambre erblickte, ziemlich lebhaft. Sie bestürmte ihn mit Fragen und mischte sogar kleine Vorwürfe in ihre Bitten. Der Verlegenheit öffentlicher Erklärungen entging Rinaldo nur mit genauer Not.

Olimpia, als ihr Besuch bei Dianoren geendigt war, suchte Gelegenheit, ihren verlegenen Bekannten allein zu sprechen, und diese fand sich auf ihrem Zimmer.

Rinaldo suchte sie selbst auf. Er wünschte durch vorläufige Erklärungen ihrem beiderseitigen Verhalten gegeneinander wenigstens eine gefällige Richtung geben zu können. Es wurde viel gesprochen und kam nach und nach zu einer lebhaften Unterhaltung.

Er Der Alte gab mir die Versicherung, nur er ganz allein wisse, unter allen meinen Bekannten, daß ich hier sei.

Sie Das glaube ich auch. Wenigstens ich habe davon kein Wort gewußt. Mein Erstaunen, als ich dich hier fand, kannst du dir denken. Ich denke aber mich so betragen zu haben, daß du keine Klage über mich zu führen hast.

Er Und was trieb dich nach Pantaleria?

Sie Not und Vorsicht. – Die Hälfte von meinen Freunden und Bekannten ist verhaftet.

Er Verhaftet?

Sie Auf Ansuchen des französischen Gesandten zu Neapel. Wir sind verraten und unser Plan auf Korsika ist entdeckt.

Er Wie? – Was sagst du? –

Sie Die Wohnungen des Alten zu Fronteja sind mit Wachen besetzt und seine Jünger sind verhaftet. Er selbst weiß davon noch nichts. Ich bringe ihm die erste schreckliche Nachricht von der Verräterei gegen uns.

Er Konnte der mächtige Alte diesen Schlag nicht von sich und den Seinigen abwenden? Oder ging er vielleicht davon, als er erfuhr, was im Werke sei?

Sie Daran zweifle ich.

Er Wird er seine Freunde retten können? Oder ist nun das Schauspiel seiner Taschenspielereien geendigt?

Sie Ich weiß nicht, was er tun wird. – Gewiß aber etwas sehr Kluges und für ihn das Beste. – Ein so gewandter Mann und kluger Kopf.

Er Glaubst du ihn, dich und mich auf diesem Eiland sicher?

Da trat der Alte von Fronteja in das Zimmer. Er schien ganz ruhig zu sein, nahm Olimpien bei der Hand und hieß sie willkommen. Olimpia sah ihn verlegen an. Er lächelte.

Der Alte Tochter, du bist verlegen?

Olimpia O! Du weißt nicht –

Der Alte Ich weiß, warum du hier bist; ich weiß, was in Sizilien vorgeht.

Olimpia Und kannst dabei so ruhig sein?

Der Alte Ich kann es nicht ändern.

Olimpia Und du gibst das Unternehmen auf Korsika verloren?

Der Alte Was glaubst du? – Ich bin bereit, nach Korsika abzugehen.

Olimpia Doch? nach dem noch, was geschehen ist?

Der Alte Warum nicht? – Willst du mir nicht dahin folgen?

Olimpia Und unsere Freunde? –

Der Alte Sie werden uns bald nachkommen.

Olimpia Aber die Verhafteten? – Wirst du diese Freunde befreien können?

Der Alte Du wirst sehen, was geschieht.

Olimpia Sind wir hier sicher?

Der Alte Nein. – Deshalb segle ich von hier ab.

Rinaldo Kannst du das Unglück von den Deinigen nicht abwenden?

Der Alte Dein ist die Schuld, daß geschah, was geschehen ist. Wärst du in Sizilien geblieben, wir wären jetzt schon in Korsika. Du trägst die Schuld des Unglücks, welches über deine Freunde kommt. Dein Verschwinden machte sie schwierig, die Abfahrt mußte aufgeschoben werden, ich mußte nach Pantaleria gehen, dich aufzusuchen, und unsere Freunde wurden ergriffen. Die Französische Partei triumphiert. Die Schwarzen frohlocken. Mich sollen sie, wenn ich nicht will, nicht in ihre Gewalt bekommen, aber dich werden sie aufsuchen und werden dich ohnmächtig, ohne Beistand, im schwachen Arm der Liebe finden. Das Rad deiner Taten ist abgelaufen. Deine Freunde sind nicht mehr mächtig genug, dich zu schützen. Du fällst; ein Opfer deiner Unbesonnenheit. – Aber was ich noch in den letzten Augenblicken deines Lebens für dich tun kann, werde ich, selbst mit Aufopferung meiner eigenen Sicherheit, für dich tun. Du sollst erfahren, wie sehr ich dein Freund war und noch bin.

Rinaldo Gibst du mich so ganz gewiß und zuverlässig verloren?

Der Alte Ich kann nicht anders. – Du, Olimpia, wirst wissen, was dir die Klugheit raten muß.

Er ging davon und ließ beide verlegen und bestürzt zurück. – Rinaldo fragte Olimpien, was sie zu tun gedenke?

»Ich folge dem Alten.«

Rinaldo verließ sie und ging zu Dianoren. – Er entdeckte ihr, was sie von der Geschichte, die ihn jetzt in Verlegenheit brachte, wissen durfte, und beredete sie, die Villa zu verlassen, sobald es sich schicken würde. Er selbst ging zu seiner alten Wirtin und bezog sein verlassenes Quartier wieder.

Mit Tagesanbruch eilte er an den Strand und war endlich so glücklich, eine Fischerbarke zu finden. Man versprach ihm, binnen drei Tagen ihn auf die Insel Limosa zu bringen, wenn die Barke nötig ausgebessert sein würde.

Bis dahin gedachte er, sich auf dem Meierhofe des Bruders seiner Wirtin aufzuhalten, der drei Meilen von der Villa entfernt lag. Dianoren schrieb er und bat sie, ohne Aufsehen zu erregen mit Violanten die Villa zu verlassen und zu ihm zu kommen.

Er selbst durchspürte die Gegend und sah sich vorsichtig nach einem Schlupfwinkel um. Er entdeckte einige Felsenhöhlen, besah, durchsuchte sie genau und fand sie sehr bequem, sich drinnen verborgen zu halten. Deshalb schaffte er auch Proviant und Gewehr dahin.

Er hatte eben seinen aufgesuchten Schlupfwinkel verlassen und ging nach seiner Wohnung zurück, als er seitwärts, zwischen den Hügeln, eine weiße, weibliche, verschleierte Gestalt hinschweben sah, die, ihrer Kleidung nach, kein Landmädchen sein konnte.

Dies machte ihn aufmerksam. – Er folgte ihren Schritten und kam ihr endlich in der Ebene ganz nahe. Sie ging auf eine Villa zu, wo ihr ein einfach, aber nicht ländlich gekleideter Mann entgegenkam, sie bei der Hand nahm und in das Haus führte.

Rinaldo ging der Villa näher und traf ein Mädchen an, das Gras mähte. Dieses fragte er:

»Gehörst du in die Villa?«

»›Ja‹«, antwortete das Mädchen.

»Der Herr und die Dame, welche eben jetzt in die Villa gingen, sind wohl deine Herrschaft?«

»›Ja.‹«

»Wie heißen sie?«

»›Das weiß ich nicht.‹«

»Wie ist das möglich?«

»›Weil ich es, wie gesagt, nicht weiß.‹«

»Wer sind sie?«

»›Das weiß ich auch nicht.‹«

»Bist du auf dieser Insel geboren?«

»›Ja, in jener Villa, wo mein Vater Gärtner ist.‹«

»Und deiner Herrschaft gehört die Villa?«

»›Nein. Sie gehört dem Signor Mandramo in der Stadt. Der ist gar ein reicher Herr und hat die Villa an meine jetzige Herrschaft vermietet‹«

»Ist deine Herrschaft schon lange hier?«

»›Die Pomeranzenbäume haben schon zweimal geblüht, seit sie hier wohnt.‹«

»Die guten Leutchen sind also fremd hier?«

»›Ja. – Wollt Ihr etwas von dem Herrn oder von der Dame haben, daß Ihr Euch so genau nach ihnen erkundigt?‹«

»Ach nein! – Es fiel mir nur auf, Fremde zu sehen, die man hier zu sehen gar nicht gewohnt ist.«

Er gab dem Mädchen Geld und ging davon, wieder nach seiner Wohnung zurück.

Hier fand er Frau Marthen mit einem Briefe von Dianoren. Sie billigte in demselben seine Vorsicht, glaubte aber, es sei ratsamer für sie, in der Villa zu bleiben, bis die Abfahrt der Barke bestimmt und gewiß sei.

Frau Martha war, mit einer Antwort an Dianoren abgefertigt, kaum davongegangen, als der Alte von Fronteja in Rinaldos Zimmer trat. – Verdrießlich fragte Rinaldo, was ihn hierherbringe?

Der Alte Meine Freundschaft.

Rinaldo Kann ich denn nirgends vor dir und deiner Zudringlichkeit sicher sein?

Der Alte Nein! solange du noch lebst, nicht, weil ich, mehr als du das zu schätzen weißt, dein Freund bin.

Rinaldo Wie hast du meinen Aufenthalt wieder ausgekundschaftet?

Der Alte Das kann dir gleichviel sein. – Genug, daß ich hier, und wenn du mir folgen, wenn du meinen Rat annehmen willst, zu deinem Glück hier bin. – Noch bist du zu retten. Ich bringe dich sicher nach Korsika.

Rinaldo Doch?

Der Alte Dieses spöttische Benehmen soll und kann mich nicht kränken, denn ich bin dein Freund. O Rinaldo! es wär' zu spät, wenn du das erst in den letzten Augenblicken deines Lebens empfinden solltest! – Jetzt, sage ich dir, bist du noch zu retten. Aber nur heute noch.

Rinaldo Feind meiner Ruhe!

Der Alte Gott weiß es, wie sehr ich dein Freund bin! – Ich bitte dich, folge mir! Noch bist du zu retten. Aber – wie gesagt – nur heute noch.

Rinaldo Nur heute noch?

Der Alte Wahrlich! bei dem ewigen Wesen, das über uns waltet! nur heute noch. – Staune mich nicht an! Ich spreche Wahrheit. Folge dem Rufe deines herzlichsten Freundes! Gehe mit mir, lieber Rinaldo! Rette dich und erspare mir die Tränen, die ich auf deinen Grabhügel zu weinen habe.

Rinaldo Morgen, sagst du, entscheidet sich mein Schicksal?

Der Alte Morgen – und morgen auf immer. Der Morgen, der nach dieser Nacht dir lächelt, ist der letzte deines Lebens, wenn du hier bleibst, wenn du nicht mit mir gehst.

Rinaldo Gib mir Beweise.

Der Alte Wie kann ich das?

Rinaldo Ich will dir glauben. Laß mich ein Wunder sehen!

Der Alte Wie kann ich das?

Rinaldo Gute Nacht!

Der Alte Du glaubst mir nicht?

Rinaldo (rasch) Nein, morgen schlägt die Stunde meines Untergangs noch nicht!

Der Alte (feierlich) Sie schlägt. Sie schlägt morgen, bei dem allmächtigen Gott und meiner unsterblichen Seele.

Rinaldo Du willst mich nach Korsika locken. Ich folge dir nicht. Ich trotze deinen Weissagungen. Ich bleibe hier.

Der Alte (herzlich) Nun dann! Willst du die Hand, die ich dir biete, dich zu retten, nicht ergreifen, so soll dir doch wenigstens meine Freundschaft bleiben, so sollen meine Tränen deine Begleiter sein in das Land, aus welchem wir nie wiederkehren.

Er senkte sein Haupt, als er das sagte, blieb einige Augenblicke in dieser Stellung und ging dann auf die Tür zu, als diese mit Geräusch aufsprang. Das Licht im Zimmer verlosch und eine weiße, glänzende Gestalt schwebte herein.

Der Alte schrie:

»Heiliger Gott! Rosalie!« und stürzte aus dem Zimmer.

»Taschenspieler!« rief Rinaldo ihm nach, warf seine Augen auf die Gestalt und erblickte wirklich Rosaliens Gesicht. Er trat betroffen zurück. Sie öffnete ihre Arme, schien etwas an ihre Brust zu drücken, winkte ihm und verschwand.

Rinaldo blieb in einer starken Betäubung zurück, sammelte sich aber bald wieder, und bitter lächelnd schrie er laut auf:

»Ein Taschenspieler, und nichts als ein Taschenspieler bist du! – Mich sollst du an dir selbst nicht irre machen, ich kenne dich!«

 

Der erste Strahl des Tages fand Rinaldo wachend. Er hatte wenig geschlafen.

»Der Tag ist da!« – sprach er; – »der Tag, der allen künftigen Tagen meines Lebens ein Ziel setzen soll. Der letzte! – Schreckliches Wort! – Wer aber sagte dem alten Taschenspieler mit Gewißheit, daß dieser Tag, eben dieser Tag, mein Leben enden soll, und nur dann, wenn ich auf diesem Eiland bleibe?«

Er sprang auf, schrieb an Dianoren, schickte den Brief in die Villa und machte sich auf den Weg nach seinem Schlupfwinkel, den er an diesem Tage nicht verlassen wollte, die Prophezeiung des Alten unwahr zu machen.

Eben näherte er sich dem Felsen, als er am Gestade des Meeres, in der Entfernung, nach der Seite seiner Höhle zu, sizilianische Soldaten erblickte. Dieser Anblick schreckte ihn zurück und traf ihn heftig. Erschrocken verließ er den Pfad, der ihn nach seinem Schlupfwinkel führen sollte, und schlug den Weg rechts, nach einem Gebüsche zu, ein.

Dieses hatte er kaum erreicht, als er im Tale ein starkes Kommando Soldaten gewahr wurde, welches den Marsch auf seinen Aufenthaltsort zu nahm. – Er verließ das Gebüsch und ging auf die Villa zu, in welche er tags vorher den unbekannten Herrn und die Dame hatte gehen sehen.

Er fand die Tür des Gartens offen und ging hinein. – Aus einem Pavillon trat ihm der Unbekannte von gestern entgegen, den er und der ihn sogleich erkannte.

»Mein Prinz!« – rief ihm Rinaldo erschrocken entgegen.

»Unglücklicher! Du hier?« – sagte der Prinz und ging in den Pavillon zurück.

Rinaldo zitterte, aber er wagte es, ihm dahin zu folgen.

Der erkannte Unbekannte war der aus Rinaldos Geschichte bekannte Malteser, der Prinz della Roccella.

Rinaldo warf sich vor ihm nieder, wollte sprechen, vernahm einen Ausruf des Schreckens und erblickte auf einem Sofa die schöne Aurelia. – Dieser Anblick übermannte ihn ganz. Er zitterte heftiger und vermochte nicht aufzustehen.

Der Prinz ergriff seine Hand, zog ihn auf und sagte:

»Bleibst du auf diesem Eiland, so ist dieser Augenblick der letzte unseres Aufenthalts hier.«

»Nein!« – seufzte Rinaldo. »Ich bleibe nicht hier. Morgen schon verlasse ich dieses Eiland, und Ihr sollt mich nicht wiedersehen. Gott sei gedankt, daß ich Euch noch am Leben sehe! Dieser Augenblick ist einer der schönsten meines unglücklichen Lebens.«

»Bist du hier noch in Verbindung mit den Deinigen?« – fragte der Prinz.

»Nein!« – stammelte Rinaldo. »Ich bin nicht mehr in jener verabscheuungswürdigen Verbindung. Jene Banden der Verachtung, die mich umschlungen, sind zerrissen, und ich bin jetzt ein anderer Mensch.«

Aurelia wankte vom Sofa auf und wollte den Pavillon verlassen, als der Gärtner beinahe atemlos herbeistürzte und meldete, die Villa und der Garten sei mit sizilianischen Soldaten umringt.

»Das gilt mir!« – rief Rinaldo mit gebrochener Stimme aus.

»Unglücklicher!« – stammelte Aurelia und sank auf das Sofa zurück.

»Suche dich zu retten!« – sagte der Prinz.

»Es ist zu spät!« – seufzte Rinaldo. – »Ich habe Freundes Rat und Warnung verachtet. – Es ist zu spät!«

Ein starkes Geräusch näherte sich. Im Augenblick war der Pavillon von Soldaten besetzt und ein Offizier trat ein.

»Hier ist er!« – schrie eine Stimme.

Rinaldo wandte sich gegen diese Stimme, und sein Todfeind, der Schwarze, stand vor ihm.

»Habe ich Euch hintergangen?« fragte er den Offizier, zeigte auf Rinaldo und fuhr fort: »Dieser ist Rinaldini; nehmt ihn fest!«

Hohnlächelnd blickte der Schwarze auf ihn nieder, Rinaldo schlug zitternd die Augen zu Boden.

»Bist du Rinaldini?« – fragte der Offizier.

»Ich bin es«, antwortete Rinaldo bebend und ohne Bewußtsein. Da entstand ein Gewühl vor dem Pavillon. Der Alte von Fronteja drängte sich herein.

»Rinaldo!« – sagte er, »Ich habe dir meine Freundschaft bis in den Tod versprochen. Ich halte Wort. Du bist nicht zu retten. Fahre wohl!«

Er sprach's, zog einen Dolch und bohrte denselben, ehe es zu hindern war, in Rinaldos Brust.

Rinaldo stürzte bei Aurelien am Sofa nieder. Er streckte seine Rechte nach dem Alten aus, ließ sie sinken und seufzte schwach: »Ich danke dir!«

Aurelia sank ohnmächtig in ihres Vaters Arme.

Der Alte wandte sich gegen den Schwarzen und sagte:

»Jetzt bist du verloren!«

Hierauf warf er einen Blick auf Rinaldo und sprach:

»Dein Freund Onorio konnte seine unglücklichen Lehren nur mit deinem Tode besiegeln. Du solltest ein Held werden und wurdest ein Räuber. Du wolltest die Bahn, auf der du wandeltest, nicht verlassen. Dein Freund aber, der dich mehr liebt als sich selbst, konnte dich nicht auf dem Rabensteine sehen.«

Er trocknete Tränen aus den Augen, wandte sich hierauf rasch zu dem Offizier und sagte:

»Im Namen des Königs! Diesen schwarzen Verräter haltet fest. – Mich führt nach Neapel. Ich gehöre vor des Königs Gericht. Dort werde ich mich zu rechtfertigen wissen.«

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