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Richiza

August Sperl: Richiza - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleRichiza
authorAugust Sperl
year1909
firstpub1909
publisherDeutsche Verlagsanstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleRichiza
pages369
created20140621
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Viertes Kapitel

Die Sonne hatte sich gegen den dunstigen Horizont geneigt; schräg fielen ihre Strahlen über das Land. Kein Lüftlein regte sich; Gluthitze lastete auf den Stoppelfeldern, die sich dehnten bis hinüber zu der einsamen Mühle im Gründlein.

Aus den Dorfschranken traten zwei Männer, gingen vorbei an der mächtigen Linde und kamen durch das menschenleere Lager.

Bedächtig schritt der Große seines Weges, trug 55 den Kopf hoch und setzte die Füße gradaus. Mit schrägen Beinchen, sich wiegend zur Rechten und Linken, wandelte der Kleine, ein alter Mann, demütig an seiner Seite dahin.

Unaufhörlich floß das Gespräch des Kleinen. Bedächtig, mit unverhohlener Mißachtung warf der Große von Zeit zu Zeit ein Wort auf den gelben, spitzigen Hut seines Begleiters herab.

Sie gingen über die Brücke, vorbei am Wiesenbronner Fahrweg, den Rüdenhauser Feldweg längs den Herrengärten hin.

Pferdegetrappel kam hinter ihnen vom Dorfe.

Mit einem Angstschrei sprang der Kleine behend aus dem Weg, hinüber auf den staubigen Wasen.

»Dummer Jud'!« murrte der Große, trat bedächtig aus den Geleisen, legte die Linke an die kurze Wehre im Gürtel, zog die Mütze und beugte das Knie.

Gewappnete trabten in einer Staubwolke vorbei.

»Dummer Jud',« wiederholte er und stieg bedächtig auf den Weg zurück.

»Herr Wiprecht!«

»Dummer Jud'! Ich bin der Schöffe Wiprecht, und die Herren sind die dort.« Er wies mit der ausgestreckten Rechten auf die Staubwolke.

»Geht Ihr doch einher wie ein wirklicher Herr, kann ich Euch doch anreden Herr Wiprecht,« schmeichelte der Kleine und kam wieder an die Seite des Großen. »Aber so sagt mir's nur, wer sind sie denn, die grausamen Ritter da vorn?«

56 »Unsre gnädigsten Grafen, der Herr Heinz, der Herr Karl und der Herr Friedel, der Nestquak,« antwortete der Schöffe.

»Sieht doch einer aus wie der andre, hat jeder den Kübel überm Kopf und jeder den Pfauenstutz auf dem Kübel. Wie kennt Ihr sie denn in den eisernen Kleidern?« fragte der Jude.

»Reitet jeder von ihnen sein eignes Roß und trägt der eine den Kopf so, der andre so,« gab der Schöffe zur Antwort. »Warum sollt' ich sie nicht kennen, die jungen Herren, wo ich sie doch hab' aufwachsen sehen von klein an?«

»So ist es wahr, daß sie alle mitsammen wollen reiten in den bösen Krieg? Auch der Nestquak, wo doch alt ist – wie alt wird er sein? – siebzehn Jahr' soll er alt sein, ist's wahr so?« erkundigte sich der Jude.

Der Bauer lachte verächtlich: »Und warum denn nicht?«

»Warum nicht, Herr Wiprecht? Warum nicht? Ei, wie ich gewesen bin siebzehn Jahr', hätt' ich nit mögen steigen auf den Buckel von 'em Gaul und reiten hoppaus in Krieg. Und wie kann sie's leiden, seine Frau Mutter?«

Abermals lachte der Schöffe: »Jud', sind aber doch Reiter von Mutterleib an!«

»Recht habt Ihr, Reiter sind's,« nickte der andre. »Und wahr muß es bleiben, ist einer 'n Reiter, so soll er sein 'n Reiter –«

57 »Und ist einer 'n Jud', so soll er bleiben 'n Jud',« ergänzte der Bauer.

»Möcht' ich wissen, was einer werden könnt', wenn er als Jude ist kommen zur Welt?« murmelte der Kleine mit trübem Lächeln. –

Schwere Staubschwaden hingen über den weitgedehnten Feldern, wo sich die gräflichen Scharen tummelten im Buhurd.

»Wir wollen nit nah hintreten, wir wollen uns suchen 'en sichern Ort, daß wir können sehen alles, weit weg von die Rösser, die wilden,« mahnte der Jude.

Wo sich der Fahrweg gabelte nach Trautberg und Rüdenhausen, standen Männer, Weiber und Kinder. Gradaus schritt der Schöffe, und an seine Fersen drückte sich der alte Jude.

Nun standen sie auch unter den Gaffern am Wege.

Ein hagerer Bauer kam zu ihnen und raunte dem Schöffen zu: »Bruder, es stinkt!« Dabei verzog er die bartlosen Lippen, rümpfte die Nase und zwinkerte mit den haarlosen Augenlidern.

»Warum?« fragte der Schöffe Wiprecht.

»Weil keiner weichen will hinter den andern.«

»Ei, ich denk' mir halt, der Tannhauser –? Wo doch der Tannhauser schon geritten ist im Morgenland und im Abendland?«

Spöttisch lächelte der Hagere und blinzelte aus rotgeränderten Äuglein hinaus ins Feld: »Ei freilich. Aber der Graf Kunz?«

58 Neugierig lauschte der Jude. »Wer ist denn gesetzt als Hauptmann über Männer und Rösser?« fragte er nach einer Weile.

»Das wirst du wohl sehen, Jud',« antwortete der Schöffe über die Schulter zurück.

»Wie heißt sehen? Ich seh' ihn reiten, den Schlanken mit dem weißen Rittergurt und dem Pfauenstutz, ich seh' ihn reiten auf dem Schimmel hin und reiten her, reiten in den Staub, reiten durch den Staub, reiten zum einen Haufen, reiten zum andern Haufen, und ich seh' ihn, den Großen, den Dicken, auf dem Rappen reiten hin, reiten her, und tun die Reiter, was sie befehlen, die zwei, reiten langsam, reiten geschwind. Aber wie kann ich wissen, wie er heißt, der gesetzt ist als Hauptmann über Reiter und Rösser?«

»Der Graf Kunz ist der Schimmelreiter,« warf der Schöffe hin, »der älteste ist's von den Grafen Castell.«

»Und jetzt,« rief der Jude, »seht ihr den andern, den auf dem Rappen, wie er ihn laufen läßt, den Rappen, als wär' er ein fliegender Vogel? Wer ist denn der auf dem Rappen, wo reitet hinüber zum Schimmelreiter – ihr seht's doch?«

»Der Tannhauser vom Wald,« sagte der Schöffe.

»Nachbar, es stinkt,« raunte der Hagere und blinzelte hinaus ins Feld.

»Der Tannhauser, der grausam berühmte Ritter, von dem sie singen unter den Linden, die 59 Fahrenden – der ist's?« rief der Jude. »Und wer ist also der Hauptmann, wer von den zweien, der Kunz, der Graf, oder der Tannhauser, der Kriegsmann, der große?«

In drei Haufen hielten die gräflichen Reiter und Sarjanten, und matt nur leuchtete das Eisen ihrer Waffen durch die staubschwere Luft herüber. Abseits von den Haufen, im freien Felde, hielten die beiden, der älteste Graf und der Tannhauser.

»Sie ratschlagen, ob es gewesen ist gut, ob es gewesen ist bös, wie sie geritten sind,« murmelte der geschwätzige Jude. »Aber nu wett' ich meinen Hut gegen 'n Ritterkübel, daß sie uneins sind, die Herren, die zwei. – Und nu kommen die andern geritten, die Herren, sie kommen geritten von rechts und von links – seht ihr?«

Der Hagere stieß den Schöffen in die Seite. Neugierig reckten die Männer und Weiber am Feldrande die Hälse.

»Sie stehen im Kreis und haben die Pferdsköpf' gewendet nach innen,« sagte der Jude. »Sie halten, mir dünkt, einen Rat. Und der Schimmelreiter mit dem Pfauenstutz – habt ihr's gesehen, wie er ihm gedroht hat mit der Faust, dem Rappenreiter? Ich hab's gesehen! – Und jetzt – jetzt hat er den Gaul herumgerissen, der Schimmelreiter – – wai, und jetzt kommt er, der Graf!«

Kreischend flohen die Weiber und Kinder, und mit ihnen rannte der alte Jude, daß ihm sein 60 spitziger Hut vom Kopfe flog. Schrittweise wichen die Bauern zur Rechten und Linken und gaben dem Heranstürmenden Raum, rissen die Kappen von den Köpfen und sahen ihm nach, wie er in einer Staubwolke zum Dorfe jagte.

Mit Getöse schneuzte sich der Hagere. Dann raunte er dem Schöffen zu: »Hab' ich recht oder nit?«

Befehle ertönten draußen im Felde. Zwei Scharen ritten im Galopp aneinander, machten die Kehre und ritten im Trabe zurück. Zwei Reiter jagten zur dritten Schar. Befehle ertönten. Im Schritt und eng geschlossen kam die dritte Schar über die Stoppeln herunter.

»Eins – zwei – drei – drei Pfauenstutz',« rief der Hagere dem Schöffen zu; »drei Grafen reiten fort, drei bleiben,« murmelte er und wiegte bedächtig das Haupt.

Die Reiter klirrten im Staube vorüber dem Dorfe zu.

»Sie sind zwiespältig wie die Domherren zu Würzburg,« raunte der Jude hinter den beiden Bauern, wischte den Staub von seinem Spitzhut und stülpte ihn auf den kahlen Schädel.

»Halt's Maul, Jud'!« rief der Schöffe zornig, schlug an seine Wehre und ging mit langen Schritten dem Dorfe zu.

»Recht habt Ihr, es stinkt,« raunte der Jude neben dem Hageren.

»Der Alte wird's ihnen lehren!« gab dieser zurück.

61 »Der alte Mann, der Blinde, der Graf da droben im Schlosse?« Der Hebräer strich den Bart und verzog das breite, runzlige Gesicht. »Vorige Woche hab' ich die bischöflichen Haufen gesehen, die Haufen,« – er lachte verstohlen – »die Haufen vom andern Bischof, wie sie geritten sind gegeneinander und auseinander, und haben die Hauptleut geschrien und haben die Rosse geschnaubt. Aber einer ist gewesen bei ihnen, und der hat ihnen gesagt, wo sie sollen reiten und wo sie sollen halten, und haben's die andern getan mit grausamem Schreien, was der eine gewollt hat.«

»Wie viele sind's denn gewesen, Jud'?« sagte der Hagere und wandte sich auch dem Dorfe zu.

Dicht an seiner Seite ging der kleine alte Mann, setzte die Beinchen schräg, strich über seinen Bart und schwieg.

»Wie viele sind's gewesen, Jud'?« fragte der Hagere zum zweitenmal.

»Sind sie doch geritten durcheinander geschwind wie der Wind, und haben ihre Waffen und Wehren grausam gefunkelt im Sonnenschein – haben mich gebrennt meine Augen, daß ich sie nit hab' können zählen, die bischöflichen Reiter.«

»Jud',« sagte der Hagere und blieb stehen, »wer wird nun gewinnen?«

Der Kleine zog die Schultern zurück, hob die Arme, preßte die Ellbogen in die Seite, spreizte die Finger und schwieg.

62 Ein Trüpplein barfüßiger Buben lief auf patschenden Sohlen vorüber.

»Sie sind zwiespältig, die Domherren – also gut, sollen sie sein zwiespältig. Was ist zwiespältig? Wie lang werden sie sein zwiespältig – er lachte – die Domherren? Wie heißt die wahre Zwiespältigkeit im Bistum alle die Zeit her? So heißt sie, wenn ich's recht weiß: Hie Pfaffen und Bürger – hie Herren und Ritter!« raunte der Jude.

»So heißt sie,« nickte der Hagere.

»Und seht Ihr, was sie tragen, die Buben, die kleinen da vorn, in den Händen?« fragte der Jude.

»Hollerstecken.« sagte der Hagere und ging seines Weges.

»Und wißt Ihr, warum sie haben geschnitten die Hollerstecken?«

»Werden das Mark ausdrücken und werden Hollermännlein machen,« kam die Antwort zurück.

»Werden sie machen,« raunte der Jude, trippelte neben dem Hageren, rieb die Hände und lachte in seinen Bart: »Haben wir's uns doch auch gemacht, wie wir klein gewesen sind – Hollermännlein. Sind zwei Zoll hoch, kriegen unten einen Nagel, oben ein Gesicht, und der Stehauf ist fertig. – Der Stehauf!« wiederholte er mit leisem Lachen. »Wer gewinnen wird, habt Ihr gefragt? Wie heißt gewinnen? Wer wird gewinnen? Werden gewinnen die Pfaffen, werden gewinnen die Laien? Gewinnen wird immer der Stehauf.«

63 »Und wer ist der Stehauf?« fragte der Hagere.

»Werd' ich mir verbrennen die Zunge, wenn ich draufnehme das Wort, das heiße!« lachte der Jude.

 

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