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Richiza

August Sperl: Richiza - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleRichiza
authorAugust Sperl
year1909
firstpub1909
publisherDeutsche Verlagsanstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleRichiza
pages369
created20140621
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Drittes Kapitel

Die Strahlen der Augustsonne bohrten in das dunkelgrüne Laub der Weinberge von Castell, und leise kochten die schwellenden Trauben in ihrer Glut. Kein Lufthauch regte sich. Ein feiner Dunst lag über den Waldhügeln und über dem fruchtbaren welligen Lande, das sich meilenweit ausbreitet zwischen dem riesigen Bogen des Steigerwaldes und dem fernen glitzernden Mainstrom.

Grellweiß leuchteten die Mauern des Schlosses von der Stirn des kahlen Berggrates, der aus der Waldbucht hervorspringt, finster und massig ragte seitwärts auf der abgerundeten Kuppe des Herrenberges der dicke Wartturm mit dem kleinen Wächterhause auf dem flachen Dache. Und grausilbern 50 blinkten die Strohdächer des Dörfleins aus dem Kranze der Palisaden am Hange; vergoldete Zier funkelte vom Satteldache seines uralten Kirchturms.

Am Eingang zum Dorf erhob sich ein kleines Feldlager, und reihenweise standen schwere Rosse angepflockt im Schatten der Obstbäume. Söldner lungerten umher, beißender Rauch stieg träge empor zwischen den Zelten und Holzhütten, schlaff hingen die bunten Wimpel an den Stangen herab.

Droben aber auf dem Wachtturm des Schlosses ging unablässig in der sengenden Hitze ein Mann rundum, spähte hinaus auf die Straßen und stieß von Zeit zu Zeit einen gellenden Hornruf in den Frieden der Landschaft. –

Zwischen Weingärten und Stoppelfeldern lief der braune Fahrweg von Wiesenbronn über die Landwelle zu den Waldhügeln, dicker Staub lag auf dem verbrannten Rasen zur Rechten und Linken.

Viele hochbeladene Wagen krochen hintereinander in dem ausgefahrenen Geleise, ein langer Zug. Räder knarrten, Rosse schnaubten, Peitschen knallten, Männer fluchten, Weiber kreischten, Kinder heulten. Wie eine dicke schwarze Schlange kam's gemächlich über die Landwelle herüber, zog sich zusammen, ringelte sich weiter und kroch herunter ins Tal.

Schon schlüpfte der erste Wagen zwischen die Hütten und Zelte des Feldlagers; da zogen zwei 51 magere Kühe noch einen kleinen schwerbeladenen Karren auf die Höhe unter den alten Birnbaum und hielten, heftig atmend, in seinem Schatten. Ein hagerer Bauer stand neben ihnen und sah mit finsterem Gesicht auf das blinkende Bergschloß hinüber.

»Sie werden uns nimmer 'nauflassen, weil wir die letzten sind,« klagte eine Weiberstimme zwischen dem Hausrat des Karrens.

»Ei was,« gab der Mann über die Schulter zurück, »das muß er, der Graf; 's ist unser Recht.«

»Muß?« klagte das Weib. »Er wird's dir sagen, was er muß und was er nit muß, der gnädige Herr.«

»Er muß,« wiederholte der Bauer; »denn so ist's Brauch, solang als Castell steht. Und ist ja sein eigener Nutzen. Denn schau doch an, was ist denn der Graf ohne die armen Leut'? Nix ist er. Also muß er die armen Leut unterschlupfen lassen, wenn's Krieg ist im Land.«

»Aber wenn halt schon alles voll ist von Bauern zwischen sein' Schranken?« jammerte das Weib.

»Ach was, alles voll ist!« lachte der Mann und spuckte aus. »Das kann gar nie voll werden. Da können viele Dorfschaften unterschlupfen zwischen den Planken hinter Castell.«

»Schau, und von Rüdenhausen kommen s' auch schon gefahren,« klagte das Weib.

Der Bauer wandte sich und sah hinüber nach 52 Norden auf die Staubwolke, in der sich ein zweiter Wagenzug heranbewegte.

»Sollen nur kommen, die Armleut von Rüdenhausen,« sagte er gleichmütig. »Alles hat Platz hinter Castell.«

Ein wimmerndes Kinderstimmlein ward laut, und angstvoll mahnte das Weib: »So fahr doch zu, Mann!«

»Hü!« sagte der Bauer, stemmte sich vor die Deichsel und lenkte den Karren zu Tal.

Das Kind weinte und das Weib summte ein uraltes Lied über dem kleinen krebsroten Antlitz.

Ächzend schwankte der Karren zu Tal, kroch zwischen die Hütten des Lagers und in die geöffneten Dorfschranken, rattelte vorbei am Meierhofe des Grafen und wandte sich zur Linken bergan. Weiber schrien, Männer fluchten, Kinder heulten. Ein umgestürzter Wagen lag rechts am Wegrande, und das Wasser des schmalen Mühlbächleins staute sich vor den Betten und Futtersäcken und Truhen.

Der letzte Wiesenbronner Karren kroch den Fahrweg hinan. Keuchend zogen die Kühe, keuchend schob der Mann. Immer wieder blieb das Gespann stehen, und der Bauer mußte einen Feldstein klemmen unter das Rad. Zwei Söldner kamen den Weg herabgeklirrt. Mitleidig traten sie heran und halfen dem schwitzenden Manne. So kroch der Wagen weiter zu Berg.

Das Kindlein schlief und seine Mutter schwieg.

53 Hinten am Meierhofe, beim umgestürzten Wagen, fluchten die Leute, und mit Peitschenknallen bog der staubbedeckte Rüdenhausener Wagenzug zwischen die Hütten und Zelte des Lagers.

Langsam brachten die Kühe den Wiesenbronner Karren das Dorf hinan, seitwärts den Schloßberg hinauf, in die Hohlstraße zur Grafenlinde empor. Schnaufend hielten die Kühe; Schweißtropfen perlten von der Stirn des Bauern. –

Hornrufe tönten vom Wartturm des Herrenbergs. Knechte rannten aus dem Burgtor herab auf den Fahrweg. Hastig lenkte der Wiesenbronner sein Gespann zur Seite und zog demütig die Kappe. Neugierig und ängstlich hob die Wöchnerin das bleiche Gesicht aus dem Stroh.

Ein Reiterzug klirrte seitwärts unter dem Schlosse zwischen den hochragenden Eichenschranken des Fahrweges heran. Ein starker rotbärtiger Mann lenkte sein Roß torwärts und ließ die andern an sich vorbei. Sarjanten liefen zwischen den Schranken hervor und verschwanden hinter den Reitern talwärts im Hohlweg.

Der Rote spornte sein Pferd, nahm im Galopp den steilen Weg zum Schlosse und ritt in das hallende Tor.

Schrittweise zogen die Kühe den Karren des Wiesenbronners zwischen den Eichenschranken hinten auf den breiten Bergrücken, wo die Herdfeuer rauchten, wo Kinder schrien, Weiber kreischten, 54 Männer schalten, wo ganze Dorfschaften eingepfercht waren zwischen Wagen und Hausrat und blökendem Rindvieh. –

Hoch über dem Schlosse kreiste ein Geier in der flimmernden Luft. Auf dem Wartturme ging der Wächter kreisum und stieß ins Horn und spähte hinaus ins weite Land und spähte zurück auf die waldigen Hügel. Er allein überblickte die Scharen, die von Mitternacht und Mittag im Staube des Weges unter den sengenden Strahlen der Augustsonne dem festen Schlosse entgegenstrebten.

Wie eine Gluckhenne stand das uralte Castell vorn auf dem kahlen Berggrat, und wie erschrockene Küchlein kamen die wimmelnden Geschöpfe und verkrochen sich hinter die schützenden Flügel seiner Palisaden und Mauern, wie Brauch war.

 

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