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Gutenberg > August Sperl >

Richiza

August Sperl: Richiza - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleRichiza
authorAugust Sperl
year1909
firstpub1909
publisherDeutsche Verlagsanstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleRichiza
pages369
created20140621
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweites Kapitel

Er lag nicht gut in der Truhe, der Brief. –

Bis in die sinkende Nacht ritt der Tannhauser und blieb zur Herberge in einem Dorfe des Waldes. Am andern Tage ritt er seines Weges fürbaß und kam zu früher Stunde nach Hause zurück.

Das Wetter wollte sich ändern. Schwere Wolken hatten den Himmel überzogen; jeden Augenblick konnte es regnen.

Mit finsterm Antlitz hielt der Reiter hoch droben am Waldrande, derweil seine Leute voraus über die Steine des aufgerissenen Hohlweges zu Tale liefen.

Mit scharfen Augen sah er hinab ins enge Tal, hinüber auf seine Burg, die klein und grau und moosgrün in dem großen eirunden Teiche lag und ihre dicken Türmchen in dem bleifarbigen Wasser spiegelte.

24 Und in den scharfen Augen des Tannhausers spiegelte sich das Storchennest des Dachfirstes, und ganz genau sah er die kleinen Köpfe vor dem alten Storch, der auf dem Nestrande stand und die hungrigen Schnäbel äzte. Er sah das schadhafte Schindeldach der armseligen Wasserburg, er sah die elenden Hütten des Dorfes. Er hatte das alles noch nie so scharf gesehen wie heute. Und er gedachte der landbeherrschenden Grafenburg, auf deren Frieden er gestern geritten war, er seufzte tief auf und lenkte den Klepper in den Hohlweg.

Der Brief lag nicht gut in der Truhe des Blinden.

Kein Lüftlein regte sich, und es begann leise zu tröpfeln. Vorsichtig, schrittweise tastend, trug das starkknochige Pferd den schweren Mann zu Tal. Im Trabe durchritt er das Dorf, schreiend flogen die Gänse zur Rechten und Linken zwischen die Hütten, und manch ein Antlitz fuhr beim Klang der Hufe vom Fensterloche zurück.

Der Tannhauser hielt den Klepper an, und seine finsteren Züge hellten sich auf. Vom Waldrande zur Linken hinter der Burg kam ein Haufe Gewappneter getrabt und machte halt am Ufer des Weihers.

Der Tannhauser winkte, hob ein kleines Horn an die Lippen und stieß hinein. Da rückten die gewappneten Reiter zum Keile zusammen. Abermals erscholl der Hornruf, und der Keil setzte sich in Bewegung.

25 Der Klepper des Roten spitzte die Ohren, stampfte den Rasen und wieherte hellauf. Im Trab, im Galopp, im gestreckten Laufe brauste die Schar schräg über den Hutwasen. Dumpf dröhnte der ausgetrocknete Erdboden unter der Wucht der Hufe.

Zum drittenmal entlockte der Rote dem Horn die durchdringenden Töne.

Weit drüben beim alten Birnbaum hielten die Reiter und wandten die schnaubenden Rosse. Im Galopp aber sprengte ihr Führer zum Roten heran.

Schrittweise kamen die beiden nebeneinander zur Wasserburg.

Über die Holzbohlen der langgestreckten Brücke rumpelte eine Schar Buben.

»Sachte, sachte!« rief der Tannhauser mit dröhnender Stimme hinunter in den Knäuel. Aber schreiend und jauchzend hängten sie sich an Roß und Reiter.

Schwerfällig schwang sich der Alte aus dem Sattel, und zu acht führten seine Jungen den müden Klepper über die Brücke. Hohl klang sein Hufschlag auf den eichenen Bohlen.

Noch ein paar Worte sprach der Tannhauser mit dem Führer der Schar. Dann sprengte dieser zurück. Der Tannhauser aber ging langsam über die Brücke.

Stärker fielen die Tropfen und klatschten in den Weiher. Zahllose Ringe fuhren auseinander und verschwanden spurlos auf der grauen Fläche.

26 Der Tannhauser trat ins Tor seiner Burg, ging über das enge, dumpfige Höflein und kam durch die rundbogige Tür in den düsteren Wohnbau.

Aus der Küche quoll beißender Herdrauch. Eine hohe schmale Gestalt löste sich aus dem Qualm, zwei rotgeränderte Augen suchten den heimkehrenden Herrn, eine zerarbeitete Hand streckte sich ihm entgegen, eine heisere Stimme bot ihm den Willkommgruß.

Hüstelnd zog sich das Weib in die Küche zurück.

Mit einem tiefen Seufzer stieg der Rote die enge Wendeltreppe hinan, trat in sein Schlafgemach und schlug die Tür ins Schloß.

Er trat an das offene Fenster und blickte hinaus auf den Hutwasen. Noch immer tummelten sich die Söldlinge, trotz dem linden Regen, der nun herniederrauschte.

Tief herab hingen die Wolken an den waldbedeckten Hügeln, und mit finsterem Antlitze stand der Burgherr im Fenster.

So scharf wie heute hatten seine Augen noch niemals gesehen: nicht bloß das bösgeflickte Schindeldach seines Hauses und die armseligen Lehmhütten seiner Eigenleute drüben am Rande des Hutwasens, sondern auch die zermürbten Wämser seiner rotwangigen Buben und das vergrämte Gesicht seines hüstelnden Weibes – noch niemals hatten seine Augen das alles so klar gesehen wie heute. Er stand mit finsterem Antlitz und 27 halbgeschlossenen Augen, und es war ihm, als hörte er die seidene Schleppe der Gräfin über Teppiche rauschen, als sähe er den blinden Grafen hochaufgerichtet sitzen zwischen den kostbaren Truhen im halbdunkeln, vertäfelten Gemache.

»Eng – eng – alles zu eng!« sagte er und wandte sich ab.

Langsam und in regellosem Haufen ritten die Söldlinge über den Hutwasen, ritten im Bogen um den Burgweiher zurück in das Hüttenlager am Waldsaume. Der Tannhauser aber streckte sich in den Kleidern auf sein Bett und schloß die Augen.

Der Brief lag nicht gut in der Truhe des Blinden.


Vom Dörflein tönte das Gebimmel der Mittagsglocke herüber.

Etliche Buben stürmten die Wendeltreppe empor. Die Tür ward aufgerissen, und mit Gepolter drang es herein. »Herr Vater, Herr Vater, kommen sollt Ihr!« keuchte der Älteste.

»Wohin?«

»'runterkommen sollt Ihr, 's ist einer draußen auf der Brücke.«

»Hat ein schwarzes Aug' in sei'm Gesicht,« piepste der Jüngste.

»Du Ochs, einäugig ist er und trägt überm andern Aug' einen schwarzen Tuchfleck!«

»Drei sind's. Führen Saumrösser, zwei Saumrösser mit sich. Kaufleut' sind's.

28 »Brauch' nichts.«

»Haben Schwerter und Kübel und Schild', Herr Vater.«

»Kramschwerter!« sagte der Rote verächtlich und streckte die Glieder.

»Schilde mit Kokodrillenhaut!« bemerkte der Älteste und machte ein geheimnisvolles Gesicht.

»Mit Kokodrillenhaut? Solche sind gut,« meinte der Tannhauser.

»Was ist ein Kodadrill?« fragte der Zwölfjährige.

»Kokodrill ist ein großer Wasserwurm, lebt im Morgenland. Nicht, Herr Vater?« belehrte der Älteste.

Der Rote gab keine Antwort, erhob sich schwerfällig vom Lager und ging aus der Tür. Um die Wette sprangen seine Buben vor ihm her die Wendeltreppe hinunter.

Es regnete nicht mehr; da und dort lugte sogar schon wieder ein Stücklein blauen Himmels hervor. Jenseits des Weihers hielten die fremden Knechte mit den starken Saumrossen. Mitten auf der Brücke aber stand der Kaufmann, spuckte von Zeit zu Zeit ins Wasser und sah dem Treiben der wimmelnden Fischlein zu.

Die Buben rannten aus dem Tor und polterten auf die Brücke: »Er kommt, er kommt!«

Nachlässig wandte sich der Fremde und sah dem Herrn entgegen. Langsam griff er zum Gruß an 29 die Lederkappe, fast unmerklich beugte er das linke Knie. Dann stand er wieder steif und gerade, und die Linke stützte sich auf den Knauf des Dolches im Gürtel.

»Waffen?« fragte der Burgherr.

»Waffen,« nickte der Fremde und musterte den Roten mit dem einen glotzenden Auge.

»Welcherlei?«

»Allerlei,« kam die Antwort zurück. »Schwerter aus Bayerland, Bernhardshauser Hüte, hessische Platten.«

»Potz!« rief der Rote und wandte die Äuglein begehrlich hinüber zu den Saumrossen.

Der Kaufmann winkte. Der Tannhauser ging voran ins Tor hinein. Händler und Knechte folgten mit den schwerbeladenen Rossen.


Drei Tage schon weilte der Fremde in der Wasserburg. Seine Knechte hatten eine Feldschmiede aufgeschlagen, und vom Frühlichte bis zur sinkenden Sonne erklang das Hämmern im Tale. Urväterische Kübel und zerstoßene Schilde, schartige, verrostete Schwerter wurden aus der Waffenkammer auf den grünen Wasen geschleppt, und auch die Söldlinge trugen ihre zerbrochenen Wehren herbei. Unermüdlich standen die Buben des Tannhausers um den Amboß, freuten sich, wenn das glühende Eisen wachsweich wurde und wenn die Funken sprühten, bestaunten das kunstfertige Treiben der Fremden und taten Handreichung. Und 30 sie waren von unerhörter Billigkeit, diese fahrenden Leute. Wohl zehnmal des Tages ging der Tannhauser in seine Waffenkammer, klopfte prüfend auf den Bernhardshauser Kübel, den er um ein Spottgeld erworben hatte, und strich liebkosend über ein neues Ringelhemd, das auf dem Holzgestell funkelte. Sein Ältester aber folgte dem Waffenhändler wie ein treues Hündlein auf Schritt und Tritt, seit ihm dieser das kleine Schwert am schwarzen Ledergurt um die Schulter gehängt hatte. Und es gab nur einen einzigen Menschen im Tale, der feindlich gesinnt war gegen die Fremden: der alte halbblinde Dorfschmied sprach mit Verachtung von dem hergelaufenen Volke. –

»Und wann hebt also der Tanz an?« fragte der Einäugige am vierten Nachmittage wie von ungefähr den Burgherrn, als sie beide dem Buhurd der Söldner auf dem Hutwasen zusahen.

»Was für 'n Tanz?« gab der Tannhauser mürrisch zurück und ließ die Lider halb über die Äuglein sinken nach seiner Gewohnheit.

»Nu, für die Kirchweih werden die achtzig Wänste ja doch nit gefüttert,« lachte der andre.

»Für meinen Grafen und Herrn,« murrte der Tannhauser und wandte sich der Burg zu.

Hart neben ihm ging der Händler und sagte leichthin: »Ihr wollt Blindekuh spielen mit dem Einäugigen. Weiß aber doch jedermann drunten in Franken, wem's gilt.«

31 »Was kümmert's mich? Sollen sie schwätzen, was sie wollen, drunten in Franken und hier oben im Steigerwald!« sagte der Burgherr in barschem Ton.

»Ja, wenn einer halt fünfzig Reiter und dreißig Sarjanten sechs Wochen lang mit Tarnkappen über den Kübeln im Buhurd üben könnt'!« lachte der Händler. »Aber recht habt Ihr, Euch kann's einerlei sein, ob's nun gegen den Bischof geht oder gegen den Burggrafen oder gegen eine Stadt –«

»Ganz einerlei,« versicherte der Rote im gleichen patzigen Ton.

»– denn Ihr werdet ja doch immer Euer Schäflein scheren, so oder so,« vollendete der Fremde seine Rede.

»Schäflein scheren? Jawohl, hat sich was!« entschlüpfte es dem Roten. Doch alsogleich biß er sich auf die Lippe und schwieg.

Ein lauernder Blick streifte von der Seite her sein Gesicht, das noch tiefer gerötet war als sonst, und vertraulich fuhr der Händler fort: »Will's Euch offen sagen, Herr. Bitt' aber, nehmt mir's nicht krumm, 's ist gut gemeint.«

»Was?« stieß der Tannhauser hervor.

»Ihr müßt auch an die Zukunft denken und sorgen für Eure zwanzig Kinder!«

»Fünfzehn!« murrte der Rote, während sie über die Holzbrücke schritten.

»Fünfzehn,« entschuldigte sich der Händler. »Eure Buben können doch kein Handwerk lernen?«

32 »Handwerk? Daß mich vorher dieser und jener holte!« rief der Tannhauser, blieb stehen im dunkeln Tor und reckte sich, pustete und schlug an seine Wehr.

»Oder Handel treiben?« hetzte der Fremde.

»Mit Kramkörben durchs Land ziehen – die Urenkel der edeln Landherren?« schrie der Rote, daß es hallte im Höflein.

»Ich weiß, ich weiß,« beeilte sich der Händler zu sagen. »Ihr habt mir's ja gestern alles erzählt.«

»Und erzähl's jedem, wem's not tut, heut und morgen!« rief der Burgherr, griff nach dem Wamse des Fremden und zog ihn zurück auf die Brücke. Er stand hoch aufgerichtet, streckte die Rechte aus und wies empor zu dem kahlen Hügel, den der zerfallene Wachtturm krönte. »Kommt mit, jetzt auf der Stelle kommt mit, und ich will's Euch zeigen, wie weit unser Blutbann gereicht hat im Waldland. Ich will's versuchen. Aber man sieht gar nicht so weit von dem Hügel, und er ist doch der höchste im Umkreis.«

Lächelnd nickte der andre: »Ich glaub's Euch, ich glaub's Euch. Man darf Euch ja nur ansehen, Euch und Eure Buben, und man weiß es, ohne viele Worte weiß man's – Herrenleut' sind's.«

Der Rote machte ein hochmütiges Gesicht und wandte sich dem Tor zu.

Gleich war der Fremde wieder an seiner Seite, und schmeichelnd und eindringlich fuhr er fort: »Was aber soll werden aus den wackeren Buben, dem edeln Blut?«

33 Einer von den Jungen rannte aus dem Stall über den Hof.

»Halt!« rief der Tannhauser. Und wie angewachsen stand das Kind. »Komm her!«

Eilig lief der Knabe heran und sah erwartungsvoll zum Vater empor.

»Was willst einmal werden, Rudilo?«

Der Knabe lachte:

»'n Reiter! Was sonst?«

»Geh!« befahl der Tannhauser, und leichtfüßig sprang der Knabe in die Kemenate.

»Da hört Ihr's,« lachte der Rote. »Fragt alle zehn, und alle zehn werden Euch das gleiche sagen.«

»'n Reiter – wohl,« murmelte der Händler. »'n Reiter,« wiederholte er. »Und der Herr Graf wird sie zu ihrer Zeit in Gnaden belehnen zu gesamter Hand alle zehn mit« – er hielt inne, drehte sich langsam, beschrieb mit der ausgestreckten Rechten einen Kreis und verzog das Gesicht – »mit diesem weitläufigen Wasserschlosse, und sie werden hausen zu zehnt als wackere Gauerben in diesen Palassen bis an ihr selig End' –«

»Fahrender?!« unterbrach ihn der Burgherr und schnappte nach Luft. »Händler, willst du mich zwischen meinen eignen Mauern verhöhnen?«

»Verhöhnen?« raunte der Fremde und glotzte dem Erregten mit dem einen Auge ins rote Antlitz. »Ei, Herr, jetzt ist die Reihe zu spotten an Euch. Ihr könnt mir sagen: Du Narr, meinst vielleicht, 34 der Tannhauser hat nicht an die Seinen gedacht? Das wird nun meine letzte Kriegsfahrt sein« – der Händler hielt inne und bohrte den Blick auf den Burgherrn – »die Fahrt gegen den Bischof. Du Narr, meinst, ich diene mit allem, was ich gelernt hab' im Abendland und im Morgenland, einem kargen Herrn? Du Narr, mein Herr ist ein reicher Herr, und ich weiß, was ich will –«

Der Tannhauser wandte das dunkelrote Antlitz zur Seite.

»– weiß, was ich will,« sagte der Händler zum zweitenmal und verfolgte den Roten mit dem glotzenden Auge. »Sorg du für dich, Narr! Noch den einen Feldzug gilt's, dann aber werden meine Buben nimmer in geflickten Wämsern einherlaufen!«

Der Tannhauser ging mit geballten Fäusten und gesenktem Haupt in die Haustür. Auf den Fersen folgte ihm der Fremde und fuhr fort zu flüstern und zu zischeln: »Nimmer in geflickten Wämsern einherlaufen wie Armleutbuben – die Herrenkinder, und mein Weib wird sich nimmer am Waschtrog mühen wie eine Hörige, und ich werde nimmer –«

»Ich weiß nicht, warum ich dich nicht mit Hunden aus dem Burgfrieden hetze?« raunte der Tannhauser halb rückwärts und öffnete die Tür seiner Stube.

Der Fremde folgte ihm über die Schwelle, zog die Tür ins Schloß, spähte mit raschem Blick in alle 35 Winkel, strich über sein Gesicht und zog die Binde vom Auge, nahm die Ledermütze ab, daß ein blanker Schädel sichtbar wurde, trat mit einem Schritt hinter den Roten, klopfte ihn auf die Schulter und sagte mit leisem Lachen: »Weil ich recht habe, Utz!«

Der Tannhauser fuhr herum, wich zurück und stand mit offenem Munde vor dem Verwandelten. Endlich brachte er heraus: »Du, Beringer Haberkorn?«

Lachend nickte der andre.

»Und was willst du von mir?«

»Jetzt nicht, Utz, aber heut nacht, wenn dir's recht ist,« sagte Beringer Haberkorn, legte sorgsam die Binde über das Auge und stülpte die Lederkappe über den blinkenden Schädel.


Nacht war's. Die Leute in der Burg, im Dorf und im Hüttenlager draußen am Waldrande schliefen. Nur in der Stube des Herrn brannte ein Licht.

Am schweren Eichentische in der Ecke des Gemaches saßen die beiden, und ihre Gesichter waren gerötet. Der Tannhauser hatte sich zurückgelehnt im hölzernen Armstuhl, blickte empor in den Lichtschein, den das Talglicht an die dunkeln Balken der Decke warf, und strich von Zeit zu Zeit über Gesicht und Bart, als wollte er etwas abwischen. Der Kaufmann aber hatte die Ellbogen auf die Tischplatte gestützt und die Fingerspitzen aneinander gelegt und sah unverwandt auf sein Opfer.

36 »Wir können ja reden wie vorzeiten im Lager, wenn uns der Schlaf in der Hitze verging. Was wird's schaden, wenn wir reden? Nur reden, weiter nichts. Das Wort springt von der Lippe und verweht in der Luft. Es ist ja wohl auch nichts mehr vorhanden von dem, was wir uns damals gesagt haben.«

Er nahm einen Schluck und stellte den Becher mit hartem Klang auf den Tisch, beugte sich zum Roten hinüber und fuhr halblaut fort: »Weißt noch, Utz, was wir geredet haben Anno dazumal hinter Akkon im Lager und von Pferd zu Pferd im Wüstensand?«

»Laß mich, wir sind zwei junge Kerle gewesen und haben nichts vom Leben gewußt,« grollte der Tannhauser.

»Je nun, wie man's anschaut,« flüsterte der Kaufmann. »Wir haben genug gewußt vom Leben, aber wir haben nicht zugegriffen zur rechten Zeit. Jawohl, wir zwei. An mich kommt's freilich nimmer. Bin des Bischofs Mann, reit' seine Rosse und trag' die Kleider, die er mir schenkt. Wär' auch lieber ein großer Herr, darfst's glauben. Knechtsbrot – hart Brot. Je nun, ich bin ein einschichtiger Schnapphahn, hab' für niemand zu sorgen als für mich. Du aber hast's noch einmal in der Hand, vielleicht, nein, gewiß zum letztenmal. Tannhauser, ich rat' dir gut.« Er hielt inne.

Der andre sagte kein Wort, und es war stille in 37 dem großen, dumpfigen Gemache. Lange saßen die beiden wortlos voreinander, nachdenklich der Herr, lauernd der Gast. Und hinten in der Ecke begann ein Mäuslein vernehmlich zu nagen.

Nach einer Weile verlegte sich der Bischöfliche aufs schmeicheln: »Ich seh's ja, du bist noch immer der Tannhauser von damals, der Gradan, der Draufgänger, der Biedermann –«

»Der bin ich,« murmelte der Riese, streifte mit einem scheuen Blick das lauernde Gesicht des andern, erhob sich und ging hinter in die Dunkelheit.

»Schaust nicht rechts und schaust nicht links und rennst in dein Verderben,« vollendete der Kaufmann. »Weißt noch, wie damals die Venediger die ganz alten, schlechten Schiffe genannt haben?«

»Totenkisten,« kam's aus der dunkeln Ecke.

»Totenkisten,« sagte der Gast, »ganz richtig, Totenkisten. Und schau, mit solch einer Totenkiste willst du nun in deinen alten Tagen die Fahrt machen. Hör mich ganz ruhig an, Utz! Was weißt denn du Biedermann von den Welthändeln? Dein Graf hat dir einen Boten geschickt und Geld – will hoffen, viel Geld –, hat dir wissen lassen: Heerfahrt gibt's, wirb mir achtzig und halt sie verborgen. Du hast nicht dies gefragt und hast nicht jenes erkundet, du hast getan, was dir befohlen war –«

»Nach Mannenpflicht!« kam es aus der finsteren Ecke.

»Mannenpflicht!« Der Gast lachte höhnisch.

38 »Es gibt auch ein Mannenrecht, nicht nur eine Mannenpflicht, und das Recht hat dort seinen Anfang, wo die Pflicht aufhört.« Er erhob sich, stemmte die Fäuste auf den Tisch und sprach nun, als wäre der andre gar nicht mehr vorhanden, über das flackernde Flämmlein der Kerze hinüber an die Wand: »Zwei Bischöfe sind zu viel für einen Stuhl. Also wird's drauf ankommen, wer von den zweien den andern hinausdrückt.«

Regungslos lauschte der Burgherr in der finsteren Ecke, und das Mäuslein nagte nicht mehr.

Der Bischöfliche aber fuhr fort: »Ja, die zwei! Der eine ist ein alter Mann und säße auch lieber daheim. Jetzt ist er Bischof worden, weil seine Brüder und dein Graf also gewollt haben. Und jetzt soll er in den Sattel steigen, soll sich seine Stadt erobern, mag er nun wollen oder nicht.« Der Bischöfliche wandte sich und fragte mit halblauter Stimme: »Wie viele schickt ihm dein Graf?«

Der Tannhauser schwieg.

»Brauch's nicht zu wissen von dir, weiß es selber,« lachte der Gast. »Willst du's hören? Dreihundert Rosse – wenn's hoch kommt –«

Der Tannhauser schwieg.

»Und weißt du, wie viel euer Bischof mit seinen Brüdern auf die Beine bringt? Du weißt's nicht, denn du bist ja der Biedermann, der nicht rechts schaut und nicht links, sondern geradaus ins Verderben rennt. Aber ich will dir's verraten: auch 39 dreihundert, wenn's hoch kommt. Dagegen der unsrige Bischof – willst weiter hören?«

»Red weiter!« murmelte der Tannhauser und hustete ein wenig. »Weiter!« stieß er zum zweitenmal hervor, als hätte ihn der andre nicht verstanden.

Der Bischöfliche ging mit leisen Schritten bis in die Mitte der Stube und sagte: »Es kommt gar nimmer auf dich an, Utz. Der eurige hat verloren, ehe er anfängt. Die Domherren sind zwiespältig, so ist's. Aber was tut's? Der unsrige ist ein junger Herr und ein starker Held, und die Bürger von Würzburg sind samt und sonders auf seiner Seite. Tausend verdeckte Rosse stehen da, wenn er in die Hände patscht.«

»Wir achthundert werden fertig mit ihm!« rief der Tannhauser eifrig.

Ein Lächeln ging über das Gesicht des Fremden. »Achthundert?« murmelte er. Dann aber rief er leichthin: »Mag sein, daß ihr fertig werdet mit ihm. Doch was nutzt euch das alles zuletzt, wenn der Heilige Vater dem unsrigen hilft?«

»Der Heilige Vater?« fragte der Rote und kam aus seiner Ecke hervor. »Der Heilige Vater? An den hab' ich noch gar nicht gedacht.«

Der Bischöfliche ging ihm ein paar Schritte entgegen und raunte: »Der unsrige ist auf dem Weg nach Rom, und ehe zwei Monate vergehen –« Jetzt neigte er sich und flüsterte nahe am Ohr des andern etliche Worte.

40 Nachdenklich stand der Tannhauser inmitten der Stube; der Bischöfliche aber ging mit leisen Schritten zurück an den Tisch, setzte sich und nahm einen Schluck aus dem Becher.

»Das ist freilich schlimm,« murmelte der Tannhauser nach einer Weile, kam auch heran zum Tisch, setzte sich in den Armstuhl, verbarg das Haupt in den großen Händen und schwieg. »Das ist ja freilich eine Totenkiste,« meinte er nach einer Weile in tiefen Gedanken.

Das Mäuslein in der Ecke begann wieder zu nagen, der Bischöfliche aber griff in sein Wams, zog einen strotzenden Beutel hervor und warf ihn auf den Tisch.

Der Rote nahm die Hände vom Gesicht, der Kaufmann löste die Riemlein, stürzte den geöffneten Beutel und schüttete seinen klirrenden Inhalt auf die Platte.

Hastig schlang der Rote die Arme um die rollenden Silberstücke, und nachlässig wischte der Bischöfliche all das Geld mit der gekrümmten Rechten auf einen Haufen zusammen. Dann ballte er die Linke und hielt sie dem Burgherrn unter die Augen: »Schau, Utz, und schau du jetzt für dich und alle deine Kinder und Kindeskinder. Das ist deine Zukunft – das da und das da. Hier das Geld, das du siehst – und hier in der Faust das Elend, das du nit siehst. Und jetzt greif, was dir lieb ist!«

Der Burgherr räusperte sich, stand auf, ging zur 41 Tür und schob den Riegel vor. »Still, still!« mahnte er mit heiserer Stimme. »Mein Weib hat einen leisen Schlaf.« Dann kam er an den Tisch zurück, schob die zitternden Hände in die Hosentaschen, senkte den Kopf, grub das Kinn tief ins Wams und sah stier auf den blinkenden Haufen. »Das – ist ein – großes – Dorf – das – da,« sagte er schweratmend.

»Das Drangeld ist's,« erwiderte der Bischöfliche gleichgültig, »das Handgeld, weiter nichts, und der Hauptlohn kommt nach.« Und er begann die Silberlinge einzeln und sehr umständlich in den Beutel zu legen.

»Laß!« rief der Rote nach einer Weile mit rauher Stimme. Und wieder überkam ihn das Hüsteln, während er zögernd hinzusetzte: »Und das – das mit dem Heiligen Vater hat seine Richtigkeit?«


Lange noch saßen die beiden einander gegenüber, die dritte Kerze brannte tief herab, und unaufhörlich nagte das Mäuslein in der Ecke. Lange saßen sie und raunten mit stieren Augen gegeneinander, und zwischen ihnen blinkte der silberne Haufen. Und unablässig hoben sie die Becher.

Der Morgen war nahe, als sich der Riese schwankend erhob und mit lallender Stimme sagte: »Steck's ein, Beringer, ich will – mir's – beschlafen.«

»Nimm's!« lockte der Händler. »Nimm's, Utz!«

42 »Will – mir's – beschlafen,« sagte der Riese und hielt sich am Tischrand.


Der Morgen graute, als der Tannhauser in seine Schlafkammer ging. Aber mit einem Fluche blieb er auf der Schwelle stehen, denn auf dem Bettrande saß in Kleidern sein Weib.

Er trat nahe vor sie hin und lallte: »Was gibt's?«

»O Utz!« flehte sie und griff nach seiner Hand.

Zornig stieß er sie zurück und keuchte: »Du hast gehorcht!«

»O Utz, mir ist todangst.«

»Du hast gehorcht!« sagte er zum zweitenmal.

Da glitt sie vom Bettrand und lag vor seinen Knien. Der graue Morgen lugte durchs offene Fenster herein. Zwei große dunkle Augen starrten im Zwielicht zu dem betrunkenen Manne empor. Zwei Arme umklammerten seine stämmigen Knie, und zitternde Lippen stammelten stoßweise: »O – Utz – jag ihn fort!«

Ein klatschender Schlag traf ihr fahles Gesicht, und die schmächtige Gestalt fiel rückwärts. Hart schlug das Haupt an die Kante der Bettstatt.

Murrend tastete sich der Tannhauser um die Bettstatt und warf sich in Kleidern auf die Kissen. Lautlos raffte sich die Mißhandelte empor und schlich aus der Kammer.

Fern am Waldrande drüben schlug eine Amsel dem Morgen entgegen.

43 Das Weib schlich über den dunkeln Vorplatz zur Wendeltreppe, setzte sich auf die oberste Stufe und schluchzte in ihre Hände. Da knarrte seitwärts hinten eine Tür, patschende Füße liefen über die Bretter, zwei Knie stießen mit dumpfem Klang auf den Boden, zwei Arme schlangen sich um die schmächtige Gestalt, und mit einem Wehlaut kam es heraus: »Frau Mutter?«

»Still, Wobbe, still!« murmelte das Weib und wollte sich erheben.

Noch fester umschlangen die Arme ihren Leib, eine Kinderwange schmiegte sich an ihr Antlitz, und wieder begann die zarte Stimme: »Frau Mutter, was ist denn?« Ruckweise kam es hervor: »Frau Mutter – der Herr Vater und der fremde Mann – Frau Mutter, ich fürcht' mich. Ich hab' nit schlafen können und hab' – Frau Mutter, ich hab' den Deckel vom Guckloch gehoben und hab' hinuntergeschaut in die Stube, und da sind sie gesessen vor einem Haufen Geld und haben gemurmelt und haben getrunken – alle fünf Krüg' haben sie ausgetrunken, Frau Mutter, heut nacht!« Leise schrie das Kind auf, denn seine raunenden, kosenden Lippen hatten den blutbefleckten Mund des Weibes berührt.

»Still, Wobbe, still!« murmelte die Mutter, raffte sich empor, schlang den Arm um das zitternde Kind und zog es die Stiege hinunter. »Wir wollen in die Küche gehen, Wobbe. Gefallen bin ich und hab' mir das Gesicht zerschunden.«

44 »Frau Mutter,« raunte das Mägdlein und schmiegte sich an, »ich hab' doch – ich hab' doch den Herrn Vater schelten hören durch zwei Türen und hab' gehört –«

»Still, Wobbe!« flüsterte die Mißhandelte im unteren Gaden und öffnete die Tür zur Küche. »Der Herr Vater hat trinken müssen mit dem Fremden.« –

Sie zog die Tochter in den dämmerigen Raum und sank auf einen Holzschemel. »Schau, Kind, das ist nun nicht anders, die Männer müssen trinken –«

»Müssen!« murrte Wobbe, riß ein Tuch vom Rechen, schüttete Wasser in eine Schüssel, kniete vor der Mutter auf die Ziegelsteine und begann das verschwollene Antlitz mit weicher Hand vom geronnenen Blute zu reinigen.

Mit Anstrengung fuhr die Mißhandelte fort: »Sie müssen trinken; das ist nie anders gewesen. Da hat er zu viel trinken müssen, der Herr Vater, ist in der Dunkelheit hereingekommen und über einen Schemel gestolpert. Bin ich ihm beigesprungen, hab' ihn aber nicht halten können und bin mit ihm rücklings an die Bettstatt gefallen.«

Behutsam fuhr Wobbes Hand über das Haupt der Mutter und fand die Beule unter blutverklebten Haaren. »Rücklings und aufs Gesicht?« klagte das Kind, drückte das Tuch aus, goß das Wasser in den Rinnstein, füllte die Schüssel zum zweitenmal und 45 legte das nasse Tuch rund um das Haupt der Mutter, setzte sich eng neben sie und schlang den Arm um ihre Hüften.

Mit leisem Schluchzen legte das Weib den Kopf an die jugendliche Schulter. Das Kind aber saß regungslos, mit festgeschlossenen Lippen, und die großen, weitgeöffneten Augen starrten auf die vier schwarzen Gitter des Küchenfensters, die sich scharf abhoben vom fahlen Lichte des herankriechenden Morgens.

Ein Hahn krähte schmetternd im Höflein. Aus der Ferne kam die Antwort der Dorfhähne.

Ein Windstoß fuhr in die Bäume des schmalen Küchengartens zwischen Burg und Weiher, die Blätter rauschten, und mit leisem Scharren rieb sich am Holzladen ein Zweig.

Dann ward es ganz stille. Regungslos saß das Kind auf dem Schemel und hielt die Mutter umfangen. Tief und gleichmäßig atmete das schlafende Weib an der Schulter des Mägdleins.

Ein Vogel setzte sich vors Fenster und begann lind und zart, als wollt' er sein Stimmlein probieren, das Morgenlied. Mit großen Augen saß das Kind und lauschte den Tönen.

Der Vogel schwang sich auf, und in der Ferne stieg sein tröstliches Lied in den Morgen empor.

Dicke Tränen liefen über Wobbes Wangen, und ihre Augen blickten nicht mehr so starr wie vordem.

Ein rosiger Schimmer flog schräg durch die 46 Fensteröffnung in die kleine Küche und warf die schwachen Schatten der Gitterstäbe auf die weiße Wand. Dann begannen die blanken Kupferbecken im Lichte der aufgehenden Sonne zu funkeln.

Draußen im Höflein wurde eine Tür zugeschlagen.

»Frau Mutter,« raunte das Kind, »Tag ist's, die Magd kommt.« Und sachte nahm sie das Tuch vom Haupte der Geliebten.

Das Weib schreckte empor: »Wobbe, du bist's? Wie hab' ich doch so schön geträumt!«

Sie stand auf und zog das Kind mit sich aus der Küche die Treppe empor. »Ich will nun leise zum Herrn Vater gehen. Und höre: du sagst es jedermann, daß ich gefallen bin!«

Zwei Türen knarrten. Dann war es still im oberen Gaden. Nur das Rasseln schwerer Atemzüge drang aus der Schlafkammer des Betrunkenen. Im unteren Gaden aber, zwischen dem blinkenden Kupfergeschirr der Küche hantierte die alte Magd.


Die Sonne stand hoch am Himmel. Die Feldschmiede war abgebrochen, und neben den schwerbepackten Saumrossen hielten die Knechte des Waffenhändlers. Sie mußten lange warten, bis die beiden, der Tannhauser und sein Gast, mit wüsten Gesichtern über die Holzbrücke kamen.

Alle Buben des Burgherrn bis herunter zum Sechsjährigen gaben den Knechten das Geleite. 47 In guter Entfernung hinter ihnen schritten schweigend nebeneinander die Zechgenossen von gestern.

Rosse, Knechte und Buben verschwanden unter den Bäumen des Waldes. Aber das kleine Hifthorn des Roten erklang, und die Buben kamen zurück und rannten wie besessen heran auf dem kotigen Wege.

Noch einmal griff der Händler in sein Wams und holte den Beutel hervor.

»Steck ihn ein, Beringer,« sagte der Rote und blickte zur Seite.

»Wenn's Hirsbrei regnet, hat er kein' Löffel!« spottete der Bischöfliche, schob den Beutel in die Tasche und machte ein grimmiges Gesicht.

»Hirsbrei?« wiederholte der Tannhauser. Dann sagte er mit Nachdruck: »Kannst dich drauf verlassen, Beringer, wenn's Hirsbrei regnet, hab' ich 'n Löffel.«

»Na, du weißt, was wir geredet haben.«

»Alles weiß ich,« brachte der Tannhauser mühsam hervor. »Und kann sein, daß ihr hört von mir – kann aber auch sein, nicht.«

So gingen sie auseinander. Als der Bischöfliche den Waldrand erreichte, stand er still und grüßte noch einmal mit der Kappe zurück. Mürrisch gab der Gräfliche den Gruß zurück. Dann ging er langsam und nachdenklich hinter seinen schreienden, balgenden Buben heim in die enge Wasserburg.

48 Als er in die Schlafkammer trat, schüttelte sein Weib die Kissen des Bettes. Er steckte die Hände in die Hosentaschen, pfiff leise vor sich hin, stellte sich neben sie und sah ihr seitwärts ins Gesicht.

Mit niedergeschlagenen Augen vollendete sie ihre Arbeit und wandte sich zum Gehen.

»Du!« sagte er ärgerlich.

»Was willst?« antwortete sie halb rückwärts über die Schulter.

»Bin besoffen gewesen, weiter nichts!« rief er drohend und stampfte.

»Aber ich hab' ja gar nichts gesagt!« murmelte sie ängstlich.

»Und sollst doch was sagen!« polterte er. »Nit immer so wehleidig 'rumgehen, das kann ich nit sehen.«

Ihr Antlitz verzog sich und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie faltete die Hände und blieb an der Tür stehen. Der Tannhauser aber schlug sich an die Brust und rief: »Jeder hat seine Fehler. Wird aber nicht leicht ein Biedermann zu finden sein weit und breit, der also sorgt, Tag und Nacht sorgt für Weib und Kind. Oder ist's anders?«

»Nein!« hauchte sie.

*

In der folgenden Nacht lag der Tannhauser lange Zeit schlaflos und spielte mit seinen Gedanken.

Da hob sich aus dem Walde ein fremder Vogel, 49 strich zu Tal, umkreiste lautlos die Burg, setzte sich auf eine hohe Fichte am Rande des Weihers, starrte mit glühenden Augen hinaus in die Dunkelheit, flog auf und umkreiste die Mauern, strich ab und kam zurück und trieb also sein Spiel bis zum grauenden Morgen.

In all den kurzen Sommernächten kam der große, gespenstige Vogel mit den glühenden Augen im uralten menschlichen Antlitz und flog auf weichen Schwingen geduldig um die Burg. Und drinnen in der Kammer lag einer schlaflos und spielte mit der Schuld.

 

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