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Richiza

August Sperl: Richiza - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
booktitleRichiza
authorAugust Sperl
year1909
firstpub1909
publisherDeutsche Verlagsanstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleRichiza
pages369
created20140621
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechsundzwanzigstes Kapitel

Ein wolkenloser Himmel wölbte sich über dem fremden Lande im fernen Osten, schräg fielen die 346 Strahlen der Sonne auf das breite Bett des mächtigen Stroms, und es war, als ob flüssiges Gold einherrollte aus dem weitgeöffneten, glührotleuchtenden Tore des Abends.

Träge flatterten die bunten Wimpel an den Masten der Lustschiffe, die fest vertäut lagen am flachen, sandigen Ufer. Wirbelnd schossen die Wellen unter die Räder der verankerten Schiffmühlen; aber die Räder standen stille, und die Wellen rannen kraftlos unter ihren Schaufeln hinweg, zerrten kosend an dem dunkelgrünen Wassermoose und strömten murmelnd zu Tale.

In allen Farben leuchtete die Herzogsburg hoch über dem Strome, und von ihren Zinnen wehten die festlichen Fahnen und grüßten hinaus über die Stadt und den Strom. Rosig überhaucht waren ihre weißen Mauern, weithin funkelten die vergoldeten Knäufe ihrer marmornen Fenstersäulen. Weingärten grünten an ihrem steilen Hange, herunter bis an die Mauern der Stadt. Zahllose Kirchtürme ragten über die Giebel der Häuser empor, und ihre Goldkreuze gleißten und blitzten in der Abendsonne.

Träge flatterten die Wimpel und Fahnen des Turnierplatzes drunten am Ufer des Stromes, und viel tausend Menschen umstanden gaffend die Schranken. Der weiße Sand war zerstampft von den Hufen der Rosse und glänzte metallisch, und der Windhauch des Abends spielte mit den Schleiern 347 der Damen, die auf den Holztribünen saßen und über die Kampfstätte blickten.

Reitergeschwader stürmten mit dumpfem Geschrei gegeneinander. Speere krachten, Kübel dröhnten, Rosse stiegen, und das Volk umsäumte als dunkler Ring in starrer Ruhe die Schranken.

Trommeln und Pauken, Pfeifen und Trompeten, Hörner und Posaunen übertönten das Getöse des Kampfes.

Die feindlichen Scharen wogten durcheinander, entwirrten sich und flossen auseinander, trabten an die äußersten Enden des Kampfplatzes und sammelten sich.

Viel tausend weiße Tücher wehten aus der Masse des gaffenden Volkes, vieltausendstimmiges Geschrei toste über die sonnige Fläche.

Verwundete Rosse wälzten sich im goldflimmernden Sande, ledige Rosse jagten die Schranken entlang, Gewappnete taumelten hierhin und dorthin, Knechte rannten über den Plan und halfen den Gestürzten.

Sieben Kampfrichter kamen auf milchweißen Rossen in die Mitte des Feldes und rückten im Kreise zusammen.

Vielhundertstimmiges Gesumme erhob sich auf den Tribünen.


Auf wuchtigem Streitroß kam ein Gewappneter quer über den Plan vor die Holztribünen geritten. 348 Sein Roß lahmte und trug mit leisem Schnauben die Last des Herrn. Zur Rechten und Linken schritten Knaben in rotweißen Gewändern und hielten die Zügel. Noch stak der Schädel des Mannes im vergoldeten Kübel. Der Pfauenstutz der Helmzier war bös zerfetzt. Aber der kleine, rotweiß geviertete Dreieckschild hing friedlich auf seinem Rücken. In Fetzen flatterte der weißseidene Mantel des Reiters, und auch die weiße Seidendecke des Pferdes schleifte zur Hälfte als Schleppe im Sande.

Die Schranken waren gefallen, und das Volk strömte herein ins Feld. In bunten Farben schimmerten die Kleider der Damen da droben auf den Tribünen, und aller Augen waren auf den einen gerichtet, der langsam heranritt.

Nun hielt der Sieger an den Stufen der Herzogstribüne, nahm den Helm ab und zeigte sein Antlitz.

Es ging ein Flüstern durch die Reihen der Damen und Herren, und manch ein rotes Mündlein nannte bewundernd seinen Namen, manch eines raunte voll Mitleid: »Er blutet!«

Barhäuptig saß der schlanke Reiter im Sattel, wirr und schweißverklebt hingen seine langen, blonden Locken auf Schild und Kettenhemd hernieder, und über die hohe, weiße Stirn tropfte das Blut und rann in eine tiefe, alte Narbe, die sich quer über die linke Wange hinzog.

Mit einem Sprunge war er aus dem Sattel, 349 raffte das zerfetzte Gewand und stieg schwerfällig unter der Last seiner Rüstung über den Teppich der breiten Treppe hinan zum Herzogszelte.

Müde schnob drunten die Ramsnase des Streitrosses über den Sand.

Bis an die Holztribüne wogte die Masse des Volkes. Zahllose Glocken sangen herüber von den Türmen der Stadt.

Nun stand der Sieger oben vor dem Herzogszelte und beugte das Knie. Da erhob sich neben der Herzogin eine zarte Gestalt von den Kissen, weiße Kinderhände nahmen einen funkelnden Becher aus den Händen des Kämmerers, und zwei große blaue Augen blickten zaghaft zum Herzog hinüber.

Der saß behaglich zurückgelehnt auf seinem goldenen Stuhle, winkte mit der Rechten und rief: »Nur zu, kleine Gräfin!«

Sie raffte das blaue Gewand und trat gesenkten Hauptes, mit kurzen Schritten vor den Knienden. Die roten Rosen ihres Kränzleins glühten auf dem blonden Scheitel, in goldenen Wellen floß das Haar über ihre Schultern hinab.

Mit halbgeschlossenen Augen trat sie nahe heran, und zitternd bot ihm die kleine Rechte den goldenen Becher.

Lächelnd hob der Herzog die Hand, und jauchzend und schmetternd, dröhnend und pfeifend brach die Musik in die goldfunkelnde Stille des Abends.

350 Tosendes Geschrei erhob sich aus der Menge des dichtgedrängten Volkes, von den Holztribünen wehten die Tüchlein der Damen und grüßten den Sieger. Und in all dem Lärm zerflatterten die Worte des errötenden Kindes: »Ich soll Euch den Dank geben, Herr Graf –!«


Das Kampfspiel war zu Ende, der Herzog ritt zum Schlosse empor; in goldenen Sänften schwankten die Damen hinter ihm drein. Die Tribünen leerten sich; das Volk flutete zurück in die Stadt.

Rauchwölklein stiegen von den zahllosen Kaminen der Dächer und legten sich als goldiger Dunst über die Firste.

Langsam ritt auch der Graf im wimmelnden Volke, zwischen den hohen, teppichgeschmückten Häusern über welkes Gras und staubige Blumen nach seiner Herberge.

Zwei Gewappnete ritten nicht weit hinter ihm.

»Der da vorne,« sagte der eine, »der darf auch nur zugreifen und alles gelingt ihm.«

»Unsereiner plagt sich und hilft ihm doch nichts,« murrte der andre.

»Den schönen Becher hat er uns nun weggeschnappt,« grollte der eine.

»Den schönen Becher?« rief der andre und spuckte aus. »Ich schenk' ihm seinen schönen Becher zum zweiten Male, was kümmert's mich? Aber –«

»Was aber –?«

351 »Hast du sie gesehen, die kleine Gräfin –? Hast du Obacht gegeben, wie sie ihm den Dank geboten hat?«

»Wie wird sie ihn geboten haben? Wie alle diese Gänse – nicht?«

»Sicherlich anders als etwa dir oder mir, Gernot. Scharf hingeguckt hab' ich. Und du hast ja recht, der da vorne darf nur zugreifen, dann hat er's!«

»Das wäre!« rief nun der erste und machte große Augen. »So ein Fremder, so ein Hergelaufener –?«

»I was fremd? I was hergelaufen?« lachte der zweite. »Wer den Herzog aus den Ungläubigen herausgehauen hat, ist kein Fremder in seinem Lande.«

»Walram –!« rief der erste und hielt sein Roß an.

»So schrei doch nicht, daß alles Volk auf uns schaut, Gernot! Aber ich sag's noch einmal – er darf nur zugreifen, und er hat die blonde Kleine und hat die Grafschaft dazu.«

»Ist doch noch die Frage,« meinte der erste und trieb sein Roß an.

»Es ist keine Frage,« beharrte der andre. »Sie hat ihm den Dank mit zitternden Händen gereicht – gezittert hat sie, Gernot, und ich kenne sie doch von klein auf – und hat ihn angesehen, als wollte sie sagen: Ei, so nimm mich doch mitsamt dem goldenen Becher!«

352 Der eine mußte lachen, so kläglich hatte der andre die Worte gesagt. »Je nun, dem glückt's, dem nicht!« meinte er mißmutig und stieg vor dem Tore seiner Herberge vom Pferde.


Nacht war's.

Aus den Fenstern der Herzogsburg sprühte das Licht zahlloser Kerzen, und aus den Gärten, die sich stufenweise von ihr hinab zu Tale zogen, flammten die Feuer der Pechpfannen zum dunkeln Himmel empor.

In den Gärten wogten die Gäste des Herrschers. Blumen dufteten aus zahllosen Beeten in die laue Luft. Süße Tanzweisen quollen aus den Fenstern des Palassaales, und im bunten Reigen bewegten sich gleitend die Herren und Damen über den blinkenden Marmor. Schwere Teppiche hingen von den hohen Wänden hernieder, und ihre gestickten Bilder leuchteten in farbiger Pracht.

Über den Kies des Gartens schritt eilig ein junger Edelmann. Raunend fragte er diesen und jenen, in alle Lauben warf er spähende Blicke. Endlich fand er den Gesuchten.

Das weiße Festgewand des Grafen schimmerte rötlich im Widerschein der ölgetränkten Papierlampen. Er stand mit gesenktem Haupte, er hatte die Hände auf die Mauerbrüstung gestemmt und starrte hinaus in die Nacht.

»Endlich –« raunte es hinter ihm.

353 Da wandte er sich.

»Aber was machst du denn, Castell?« raunte es wieder.

»Ich?« fragte der Graf und lächelte.

»Weißt du denn nicht, wohin du gehörst? Die Herzogin hat schon zum dritten Male nach dir gefragt.«

»Ich stehe ihr zu Diensten,« sagte der Graf und wandte sich.

»Freund,« grollte der andre, »hast du Augen im Kopfe und kannst es nicht sehen?«

»Und was soll ich sehen?« fragte der Graf und lächelte wieder.

»Dein Glück!«

»Und wo ist mein Glück?« kam die leise Frage zurück.


Abseits, im untersten Garten, wo blühende Rosenbäume einen runden Steintisch im Halbkreis umgaben, saß die Herzogin mit etlichen vertrauten Herren und Damen. Und neben ihr saß die Jungfrau, die des Nachmittags den Dank gespendet hatte.

Nachtfalter schwirrten um das mattleuchtende, ölgetränkte Papier der Lampen, die an Schnüren aufgereiht hingen über dem Buschwerk. Und nur ganz gedämpft klang die Musik aus dem Palassaale herab.

Mit gütigem Lächeln dankte die Herrin für die 354 Kniebeuge des Grafen, und eine Handbewegung wies ihm den Sitz an.

»Wir spielen, lieber Graf,« sagte sie. »Es ist das Spiel: La reine, qui ne ment pas. Wollt Ihr dabei sein?«

»Ich kenne das Spiel nicht, hohe Frau.«

»Schadet nichts –! Es ist ein simples Spiel. Hört, lieber Graf: Wir haben eine Königin gewählt –!« Sie wies auf ihre Nichte, die mit gesenkten Augen neben ihr saß.

Der Graf verneigte sich höfisch.

»Und nun geht's reihum. Jede Dame hat das Recht, eine Frage an einen der Herren zu richten, und die Königin entscheidet, ob er die Antwort geben muß oder nicht. Muß er sie geben, so ist er zur Wahrheit verpflichtet.«

»Auf Ehre, hohe Frau?« fragte der Graf lächelnd.

»Auf Gewissen,« kam die Antwort von den lächelnden Lippen der Herzogin. »Also weiter im Spiele!« befahl sie.

Eine Dame rief über den Tisch: »Ich frage den Grafen von Wolkenstein, wes ist der blaue Schleier, mit dem er heute geritten ist?«

Lachen und Murmeln antwortete der kecken Frage. Verlegen fuhr der dicke Wolkensteiner auf seinem Sitze hin und her und murmelte: La reine –?«

Mit gesenkten Augen antwortete la reine: »Es 355 ist nicht Sitte, daß einer den Namen seiner Holden nennt – auch nicht im Spiel.«

»Gut!« sagte die Herzogin. »Weiter, ihr Damen!«

Da rief eine über den Tisch: »Und ich frage Herrn Gernot, warum nicht er sich heute den goldenen Becher erstritten hat?«

»La reine?« fragte Herr Gernot.

Und mit gesenkten Augen entschied la reine: »Die Frage soll gelten.«

»Sehr einfach,« meinte Herr Gernot und strich seinen kurzgeschorenen Bart. »Weil« – er verneigte sich mit finsterem Lächeln gegen la reine – »der Becher gewiß von vornherein mir nicht, sondern einem andern bestimmt war.«

Jähe Röte schlug aus dem lieblichen Antlitz der kleinen Gräfin. Hilflos suchten ihre Augen die Herzogin. Halbverhaltenes Lachen ging durch die Reihe, und ein alter Höfling raunte seinem Nachbarn unhörbar ins Ohr: »Guckt sie nur an, guckt sie nur an!«

»Weiter im Spiel!« befahl die Herzogin mit Hoheit und drückte verstohlen die kleine Hand.

Eine Dame rief über den Tisch: »Und ich frage den Grafen zu Castell – was habt Ihr gedacht, als Euch der Dank gespendet wurde?«

»La reine –?« Der Graf sah hinüber in ein totenbleiches Antlitz.

Hilfesuchend wandte la reine die Augen zur 356 Herzogin, und diese nickte unmerklich. Da brachte la reine mit Mühe hervor: »Die Frage soll gelten.«

»Auf Gewissen?« fragte der Graf.

»Auf Gewissen,« hauchte la reine.

Der Graf lehnte sich ein wenig zurück und sah hinaus ins Leere. Dann begann er mit halblauter Stimme: »Es ging mir ein Lied und eine Weise durch den Sinn. Lied und Weise hab' ich vorhin gar ersonnen, da rief mich Eure Gnade zum Spiel, Frau Herzogin.«

Lächelnd winkte die hohe Frau, und eine Rota ging von Hand zu Hand. Der Graf nahm sie, neigte dankend das Haupt, strich über die Saiten und begann:

Wohl, ich litt so manche Plage –
doch an diesem Freudentage
ward mir Glück und Heil
wundersam zuteil.

Darf es ihren Händen danken,
ihren weißen, ihren schlanken;
denn aus ihnen habe
ich die stolze Gabe.

Wenn ich dennoch traurig stehe
und in meinem Leid vergehe,
trag' nur ich die Schuld –
o vergebt in Huld.

Eine alte, hohe Linde
steht und raunt im Abendwinde;
ihrem süßen Rauschen
muß ich allfort lauschen, 357

und am fremden Strande
denk' ich ferner Lande –
Heimweh sondergleichen
will mich überschleichen.

Stärker ist es nie gewesen,
nimmer kann ich hier genesen –
hört mein flehend Wort:
Laßt mich, laßt mich fort!

Leise verklangen die letzten Töne des Saitenspieles. Aus einem fahlen Gesichte starrten zwei große Augen mit brennendem Glanze auf den Sänger. Dann aber neigte la reine langsam das liebliche Haupt, und ihre Blicke hefteten sich auf ihre gefalteten Hände im Schoße.

Mit kaltem Lächeln sagte die Herzogin: »Ein hübsches Lied. Weiter im – Spiel!«

Wie vordem schwirrten von schönen Lippen die Fragen kreuz und quer über den Steintisch. Immer wieder hieß es: »La reine –?« Und immer wieder hauchte die bleiche reine: »Die Frage soll gelten!« Und es geschah nie mehr in jener Nacht, daß eine Frage nicht galt.

Still saß der Graf, und keine Frage ward mehr gerichtet an ihn.

 

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