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Richiza

August Sperl: Richiza - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
booktitleRichiza
authorAugust Sperl
year1909
firstpub1909
publisherDeutsche Verlagsanstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleRichiza
pages369
created20140621
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünfundzwanzigstes Kapitel

In der Mühle zu Castell, in der niederen Wohnstube prasselte der Lichtspan, und die rußigen Balken der Decke glänzten im flackernden Widerschein des Herdfeuers. Die Weiber spannen und die Männer schnitzten.

Prüfend hielt der Großvater einen fertigen Löffel in die Höhe, fuhr mit den knochigen Fingern über die glatte Fläche und sagte: »Das ist aber heuer 'n Winter, ihr Leut'! Ich bin jetzt schon so alt, so 330 ein' kann ich mir aber doch nit denken. Das Kind im Mutterleib muß bei der Kälte erfrieren.«

»Der Schnee, der liegt jetzt schon vier Wochen,« meinte die Müllerin.

»Ja, fünf sind's gestern schon gewesen,« sagte der Müller. »In der Wochen nach Neujahr hat's angefangen zu schneien, und nachher ist die Kält 'kommen, und derzeit hält das Wetter so an.«

»Ich denk', es wird aber doch bald umschlagen, das Wetter,« meinte der Großvater. »Es reißt mich wieder so in mei'm Bein, und das ist noch immer ein sicheres Zeichen gewesen. Aber wie heut nacht die Wölf' heulen, ganz nah beim Dorf.«

»O!« sagte die Magd. »Ich möcht nit naus vors Ort.«

»Die jung Gräfin, die hat sich heut nachmittag auch fünf Knecht zur Kindstauf' mit nach Rüdenhausen genommen,« sagte der Müller.

»Die fürcht' sich nix,« meinte der Großvater. »Solche Weibsbilder find' man selten.«

»No, ich glaub's wahrlich, mit fünf Knecht, da trauet ich mich auch 'nüber nach Rüdenhausen,« rief die Müllerin.

»Horcht emal! Mir is grad, als wenn ich schreien höret,« sagte der Großvater und lauschte.

»Ich hab's auch g'hört, Herrle,« bekräftigte ein Kind.

»No, was wird's denn wieder sein? Der Lenkert und seine Frau, die werden einander wieder 331 bei 'n Haaren haben. Nix anders wird's nit sein,« sagte der Müller gleichmütig, griff nach dem Mostkrug und nahm einen Schluck.

Alle lachten. Aber der Großvater sagte nach einer Weile: »Da sollet man sich doch einmal umsehen.«

»Könnt euch drauf verlassen, es hat einer um Hilf geschrien,« rief jetzt auch der Knecht.

»Ja, ja,« sagte die Müllerin, »der Herrle, der hat noch gute Ohren.«

»Wenn die Bein noch so gut wären wie die Ohren!« meinte der Großvater und griff nach einem andern Stück Holz. Dann aber richtete er sich lauschend empor. »Diesmal habt ihr's doch auch gehört –?«

Alle hatten den Schrei vernommen, aber keines rührte sich vom Platze.

»Vor unserm Haus ist's ja nit,« brummte der Müller.

»Weit kann's aber auch nit sein; es muß da zwischen den Herrengärten und der Gründleinsmühl sein,« sagte der Großvater.

»So seht euch halt einmal um!« mahnte die Mutter.

»Meinetwegen,« sagte der Müller und stand auf. »Geht zu, Buben!«

»Vater, nehmt fein die Latern mit!« sagte die Müllerin.

»Wir brauchen kein Licht, 's ist ja sternenhell draußen,« kam die Antwort zurück.

332 »Es ist nit wahr, der Himmel hat sich fast ganz zug'schlagen,« rief die Magd.

»So? No, da wird doch bald anders Wetter kommen,« brummte der Müller. »Aber Licht brauchen wir keins.«

Die schweren, genagelten Schuhe tappten über das Pflaster der Haustenne, die Riegel kreischten, und hinter den Männern schlüpfte die kleine Magd aus der Türe. Nach einer Weile kehrte sie lachend zurück: »Die werden nit weit kommen, 's ist Glatteis draußen. Der Rasso ist vor der Haustür g'streckter längs hingefallen und dagelegen wie verreckt.«

»Du bist 'n recht dummes Ding,« grollte die Mutter. »Wer wird denn da lachen?«

»I, der is gleich wieder auf den Beinen gewesen. Aber ich hab's ja gesagt, da kommen sie schon wieder 'reingestolpert.«

»Dumms Ding! Wenn das Unglück seinen Willen haben will, so kannst dein Finger im Brei abbrechen,« sagte die Müllerin.

Die genagelten Schuhe polterten über die Steinplatten, und die Männer traten in die Stube.

»Man hört und sieht nix mehr,« sagte der Müller gleichmütig, setzte sich an den Tisch und nahm einen Schluck aus dem Mostkrug. »Es wird nix gewesen sein.«

»Gehört hab' ich aber 'was,« beharrte der Großvater.

333 »Meinetwegen! Ich will jetzt mein' Ruh',« brummte der Müller.


Von der Gründleinsmühle kam eine Reiterschar im scharfen Trab gegen Castell heraus.

Knirschend schlugen die Eisen der Rosse in das Glatteis, und die qualmenden Fackeln warfen rote huschende Lichter auf die verschneiten Felder, die sich im fahlen Lichte spärlicher Sterne zur Rechten und Linken dehnten.

Schweigend ritten sie fürbaß, das Leder knarrte, das Stahlzeug klirrte und die Rosse schnaubten dem Stall entgegen.

Da brach der Schimmel des Spitzenreiters mit einem Satze aus der Straße ins Feld; auf der andern Seite aber huschten etliche Schatten über die Schneefläche und verschwanden in der Dunkelheit.

»Was gibt's?« rief eine helle Frauenstimme.

»Halt!« schrie der Spitzenreiter und kam zurück auf den Weg. Die Rosse standen und schnaubten angstvoll.

»Wölf'!« sagte der Spitzenreiter und wies nach rechts in die Ferne.

»Weiter nichts? Vorwärts!« befahl die Frau.

Im Trabe ging's weiter. Schon fuhr das rote Licht über den Zaun der Herrengärten.

Da parierte der Spitzenreiter seinen Gaul und hielt die Fackel hoch.

»Was gibt's denn schon wieder?« fragte die Frau und ritt langsam herzu.

334 »'s liegt einer mitten im Weg,« kam die Antwort zurück.

Die Fackeln beleuchteten ein struppiges Antlitz und einen ärmlichen Mantel.

»Ich will herunter!« befahl die Frau.

»Nehmt Euch in acht, Eure Gnaden, es ist Glatteis,« mahnte der Spitzenreiter.

Einer von den Knechten stieg ab, warf die Zügel dem nächsten zu, glitt aus, raffte sich auf und kam mühselig neben Gräfin Richiza.

»Wir wollen den Gaul 'nausführen auf den Schnee, Eure Gnaden!«

Tastend und gleitend brachte er das Pferd auf den Acker und hob die Gräfin aus dem Sattel. –

Richiza beugte sich über den bewußtlosen Mann und hielt ihm ein Fläschchen unter die Nase. Nach einer Weile schlug er die Augen auf und sah mit blinzelnden Lidern in das Fackellicht.

»Was ist dir geschehen?« fragte Richiza.

»Die Wölf'!« murmelte der Fremdling und schloß die Augen.

»Kannst du aufstehen?« fragte sie.

Gehorsam wollte sich der Mann erheben, doch kraftlos sank er zurück.

»Da sind wir grad noch zur rechten Zeit 'kommen,« meinte einer von den Knechten.

»Er hat ein Loch im Kopf; der Schnee ist rot,« rief ein andrer.

335 »Und aus dem Arm rinnt auch das Blut,« sagte Richiza. Sie stand auf: »Eckart!«

»Eure Gnaden?«

»Reite hinein ins Dorf und rufe mir den Müller und seine Knechte. Dann aber reitest du ins Schloß und läßt die Gräfin wecken. Sie wird dir geben, was ich brauche. Das bringst du in die Mühle.«


»Aber diesmal habt ihr's doch g'hört?« fragte der Großvater.

Dumpf klang es durch die doppelten Holzladen: »Macht auf!«

Brummend ging der Müller, schob den inneren Laden zurück und stieß den äußeren auf: »Was gibt's denn? Ei – du bist's, Eckart?«

Der Fackelreiter hatte sein Pferd nahe herangebracht: »Müller, da draußen bei den Herrengärten, da liegt einer, den haben die Wölf' schön zusammengericht'.«

»Hab' ich's nit gesagt?« murmelte der Großvater am Herd.

»Vier Mann sollen 'raus mit einer Tragbahre.«

»Bei dem Glatteis?« murrte der Müller.

»Vier Mann. Mir ist's gleich, wie ihr's macht,« rief der Reiter. »Ich sag' halt, was mir befohlen ist.«

»Ja, wer hat's denn befohlen?« fragte der Müller.

»Die Gräfin Richiza.«

»Wir sind nur zu dritt,« sagte der Müller störrisch.

336 »So hol halt den Schäfer – aber g'schwind!« riet der Fackelreiter und wandte sein Pferd.

»'s ist recht,« brummte der Müller und schloß umständlich die Fensterladen.

»Heb die Kammertür aus!« riet die Müllerin.

»Muß sie denn jetzt grad an uns denken, die Gräfin?« brummte der Müller und ging mit Sohn und Knecht verdrossen aus der Stube.

»Sie ist arg barmherzig,« meinte der Großvater.

»Die hat auch Zeit zur Barmherzigkeit,« brummte die Müllerin und ging den andern nach.

Nach einer Weile kam sie mit der Magd zurück. Die Magd warf eine Schütte Stroh neben den Herd, und die Müllerin breitete ein altes Bärenfell darüber. »Da haben wir jetzt die Bescherung,« brummte sie. »Den werden wir schon behalten müssen.«

»Ei, sie kann ihn ja doch nit draußen liegen lassen unter den Wölfen,« suchte der Greis die Tochter zu beschwichtigen.


Keuchend trugen die Männer ihre Last in die warme Stube, und hinter ihnen trat Gräfin Richiza über die Schwelle.

»Das ist schön von dir, Margret,« sagte sie zur Müllerin. »Legt ihn vorsichtig nieder, ihr Männer!« Sie warf ihren Pelzmantel auf die Bank und kniete neben den Bewußtlosen.

»O du lieber Gott! O du lieber Gott!« 337 jammerte die Müllerin und rang die Hände. »Der arme Kerl kann noch von Glück sagen.«

Richiza zog ein Messer aus der Tasche, zerschnitt den zerfetzten Ärmel des Wamses und beschaute die Wunde. »Habt ihr denn nicht schreien hören?« fragte sie nebenher.

»Wir haben kein Schnaufer gehört,« antwortete der Müller mit biederer Bestimmtheit.

»Der hat aber doch ganz gewiß um Hilfe geschrien?« meinte Richiza.

»Ja, wenn wir was gehört hätten, die Männer wären gleich beim Zeug gewesen,« bekräftigte die Müllerin treuherzig. »So ein Unglück. Da greint einem ja das Herz, Eure Gnaden. So ein Unglück; da muß doch jeder tun, was er kann.«

»Hoffentlich!« sagte Richiza. »Und nun bring mir warmes Wasser, Margret!«


Gewaschen und verbunden lag der Fremde unter der warmen Decke, und Richiza wandte sich zum Gehen. »Besorgt ihn gut! Es wird euch kein Schaden sein. Morgen will ich ihn wieder besuchen.«


Sie ritt im Fackellichte zu Berge. In der niederen Stube aber unterhielten sich noch eine Zeitlang die Leute: »Ich hab's doch gleich gesagt, jetzt haben wir ihn da!« murrte die Müllerin.

»Ich denk', es wird euch kein Schaden sein,« lachte der Schäfer.

338 »Sie ist halt gar arg barmherzig,« murmelte der Großvater am Herd.

»Die hat auch Zeit zur Barmherzigkeit,« sagte das Weib. »Aber das Verbinden versteht sie, das muß man ihr lassen, gelt, Schäfer? Heut hast zusehen dürfen!«

»Ja, ja,« brummte dieser.

»Und ein schönes Weibsbild ist sie,« bemerkte der Müller. »Sie ist wie Milch und Blut. Und so ein Schulterwerk!«

»'s ist ewig schad, daß die nit heirat,« meinte der Großvater. »So eine sollet halt doch heiraten. Da wird keiner ausg'schmiert mit so einer.«

»Sie mag nit,« meinte die Müllerin. »Sie hätt' schon öfters heiraten können, aber sie mag nit.«

»Und ist doch so reich,« warf der Müller hin. »Das ist närrisch.«

»Ledig leben – edel leben,« sagte der Sohn.

»Ei, was verstehst denn du vom Heiraten, du Lausbub?« rief die Müllerin.

»Die wird wohl reich sein,« sagte der Schäfer geheimnisvoll; »die hat Gold und Silber, drei Truhen voll.«

»Du wirst's gewiß gezählt haben?« spottete der Müller.

»Unsereiner weiß, was er weiß,« gab der Schäfer zurück.

»So wird sie auch wissen, warum sie nit heirat,« sagte der Müller. – –

339 In der finsteren Stube schlief der fremde, wunde Mann auf seinem Stroh. Draußen in der Kammer aber raunte die Müllerin: »Wenn ich's recht betracht, wird's uns schon kein Schaden sein. Ich denk', die wird jetzt alle Tag kommen und wird sich umsehn, und bei der Gelegenheit kannst's ihr ja einmal sagen, daß wir den Zins nit zahlen können bis Petri. Die wird's schon vorbringen beim Grafen. Die ist gar arg barmherzig.«


Es war Winterzeit, und die Leute im Dorfe hatten wenig zu tun. Und weil sie wenig zu tun hatten, vertrieben sie sich die Langeweile auf ihre Art. Die Hände waren müßig, und um so geschäftiger gingen die Lippen. Das Dreschen war vorüber, und um so geschäftiger droschen die Zungen. Wenn es Winter ist, dann kommen die Mäuse von den Gärten herein in die Häuser. Wenn es Winter ist, dann beginnt in den dumpfigen Häusern des Dorfes das Nagen und Beißen. Und jeder Brocken ist willkommen, jeder Brocken, an dem etwas zum Beißen und Nagen ist.

So ward auch die Stube des Müllers nicht leer am nächsten Morgen. Alle wollten den Fremdling sehen, den die Wölfe geworfen und die Gräfin verbunden hatte, und man wußte nicht recht, was den Leuten wichtiger war, die barmherzige Gräfin oder die unbarmherzigen Wölfe.

Gegen Mittag kam auch der Schmied in die 340 Stube, trat an das Lager, steckte die Hände in den Gürtel und sah schweigend auf den unruhig schlummernden Mann.

Nur der Großvater und die Müllerin waren zu Hause. Erwartungsvoll sahen die beiden auf das rußige Gesicht des starken Mannes. Denn der Schmied war ein gescheiter Kopf und wußte in besonderen Fällen immer Besonderes zu sagen. Aber an jenem ersten Tage äußerte er sich gar nicht über die Angelegenheit. Er stand lange Zeit vor dem Schlummernden und betrachtete aufmerksam das fiebergerötete Gesicht. Dann ging er ohne Gruß aus der Türe.

Am nächsten Tage kam er wieder. Als er die Stube betrat, kniete die Gräfin neben dem Kranken. Da zog der Schmied seine Kappe und blieb an der Türe stehen.

Gräfin Richiza erhob sich und wusch ihre Hände.

Zum zweiten Male trat der Schmied an das Lager und sah forschend in das struppige Antlitz.

»Den kenn' ich!« sagte er auf einmal mit Bestimmtheit.

»Du kennst ihn?« fragte die Gräfin und trocknete die Hände an dem Tuche, das ihr die Müllerin darbot.

»Ja!« sagte der Schmied und wandte sich zur Türe, murmelte seinen Gruß und ging hinaus.

Nach einer Weile kam die Gräfin aus der Mühle. Ein feiner Regen fiel, und über dem 341 Schloßberg hingen tief herab die Wolken. Gräfin Richiza hatte das braune Gewand geschürzt und die Kapuze des Mantels über das Haupt gezogen und schritt tapfer durch den Kot der Dorfstraße zum Schlosse empor.

In einiger Entfernung von ihr ging der Schmied. Er ging langsam und schielte von Zeit zu Zeit zurück.

Mit langen Schritten kam ihm Richiza nach. »Du kennst ihn, Schmied?«

Er blieb stehen und zog die Lederkappe. »Den kenn' ich, Euer Gnaden, den Rothaarigen, den,« sagte er und zwinkerte mit den Augen.

»Nun –?«

Er ging mit der Kappe in der Hand neben der Gräfin zu Berge. »Es sind jetzt vierzehn Jahr', daß ich den das letztemal gesehen hab',« sagte er.

»Nun –?« fragte die helle Stimme.

»Der ist hinter dem Tannhauser geritten, und ich hab' mir das Gesicht gut gemerkt, Euer Gnaden.«

»Hinter dem Tannhauser?« Die schwarze Kapuze fuhr herum, die großen Augen blickten scharf auf das rußige Gesicht.

»Hinter dem Tannhauser vor vierzehn Jahren,« wiederholte der Schmied; »'s ist wohl schon lang her, aber ich hab' mir das Gesicht gemerkt. Und wen ich einmal gesehen hab', den kenn' ich,« fügte er selbstgefällig bei.

Sie standen vor der Schmiede, dem Wildbad 342 gegenüber, und der rußige Mann trat zur Seite, murmelte seinen Gruß und ging unter das Vordach.

»Hinter dem Tannhauser!« murmelte Gräfin Richiza und ging zu Berge. – – –

Am Morgen des sechsten Tages sattelte Knecht Eckart das beste Roß und ritt über blinkenden Neuschnee nach der Vogelsburg, und des Abends trugen weiße Zelter die Sänfte des Grafen Rupert vor die Mühle zu Castell.

Mit stummem Gruße trat ihm Richiza unter der Haustüre entgegen und küßte ihn auf beide Wangen. Dann gingen sie hinein in die Stube.

Am Lager des Fremdlings saß auf niederem Schemel die Gräfin-Mutter.

Graf Rupert beugte schwerfällig das Knie, und die Gräfin küßte ihn wortlos auf die Stirne.

Sein Jäger schob ihm den Schemel zurecht und ging zurück an die Türe.

Eine dicke Kerze brannte auf dem Tische, und auf dem Herde flackerte das Feuer. Der wunde Mann lag regungslos auf dem Rücken und schielte ängstlich von einem zum andern.

Richiza kniete neben ihm auf den Dielen und fragte: »Verstehst du mich?«

»Ja,« kam die Antwort zurück.

»Dann sag uns alles noch einmal, was du mir gestern erzählt hast! Bist du vorzeiten hinter dem Tannhauser geritten?«

»Ja.«

343 »Bist du mit ihm in Castell gewesen?«

»Ja.«

»Und mit ihm und den andern gegen die Bischöflichen geritten?«

Aufmerksam hatte Graf Rupert das bleiche, struppige Antlitz des Mannes betrachtet. Nun gab er selbst die Antwort: »Er ist bei uns gewesen; ich kenne ihn.«

»Jawohl, Herr Graf,« murmelte der Mann und wandte die Augen nicht mehr von ihm.

»So erzähl uns, was du mir erzählt hast vom Grafen Friedrich!« befahl Richiza.

Das Flämmchen der Kerze stand regungslos über dem weißen Schafte, und das Herdfeuer sank lautlos in die glühende Asche. Murmelnd, in abgerissenen Sätzen klang die Rede des wunden Mannes, klangen zwischendarein die fragenden Stimmen Richizas und des Grafen. Mit gefalteten Händen saß die greise Gräfin-Mutter, und ein glückliches Lächeln spielte auf ihrem gütigen Antlitz. Endlich aber wandte sich Graf Rupert zu seinem Jäger und befahl: »Der Schultheiß soll die Schöffen entbieten!«


Der kleine Büttel trat aus dem Hofe des Schultheißen und ging mit hastigen Schritten von Haus zu Haus. Da kamen die zwölf Schöffen mit ihren Seitenwehren in die Mühle, und es ging enge her in der niederen Stube.

344 Man legte dem wunden Mann ein Kreuz auf die Decke und ließ ihn schwören beim dreieinigen Gott und allen Heiligen. Dann fragte Graf Rupert im Angesichte der schweigenden Männer: »Weißt du, warum Graf Friedrich am Cyriakustage vor vierzehn Jahren die Schlacht verschlafen hat?«

»Weil ihm der Tannhauser einen Schlaftrunk gemischt hat,« kam die Antwort zurück.

»Und woher weißt du's?«

»Weil ich dabei war.«

»Und warum hat ihm der Tannhauser den Schlaftrunk gemischt?«

»›Der Knabe soll übrigbleiben, er jammert mich!‹ hat er gesagt.«

»Und woher weißt du, daß es ein Schlaftrunk war?«

»Weil der Tannhauser gelacht hat: ›Jetzt muß er zwanzig Stunden schlafen, ob er will oder nicht.‹«

»Es ist gut!« sagte der Graf und winkte ab. »Ihr habt's gehört, ihr Männer?«

»Wir haben's gehört,« kam das Gemurmel der zwölf zurück.

»Dann gehet und sagt's allen, die's hören wollen auf den Straßen und in den Häusern!« befahl der Graf.


In der Nacht noch betrat die greise Gräfin-Mutter das Gemach des verschollenen Sohnes, stellte den Wachsstock auf die Truhe, kniete am 345 Lager nieder und netzte mit ihren Tränen die Linnen, die bereitet waren zu seiner Rückkehr.


Richiza kam in die offene Türe.

Die Gräfin stand auf, trat mit gefalteten Händen vor sie hin und murmelte: »O Kind, o Kind!«

»Wir hätten's nicht nötig gehabt, Frau Patin,« sagte Richiza und streichelte die welken Wangen.

»Doch, Kind, doch!« rief die Gräfin-Mutter eifrig. »Er hatte die Ehre vor allen Leuten verloren – er mußte sie wiedergewinnen vor allem Volk.«

»Wir aber hätten's auch ohne Zeugnis geglaubt, Frau Muhme!« wiederholte Richiza mit Nachdruck.

Schweigend standen sie voreinander in der schwachbeleuchteten kalten Kammer.

»Ob er noch lebt, Richiza?« murmelte die Greisin.

Tiefauf atmete die Jungfrau: »Das glaub' ich fest, Frau Patin!«

»Ich nicht, mein liebes Kind. Ich kann – nicht mehr.« Schluchzend sank sie am Bette nieder und verbarg das Antlitz in den Kissen.

Richiza preßte die Hand auf ihre Brust und sagte kein Wort mehr.

 

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