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Richiza

August Sperl: Richiza - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
booktitleRichiza
authorAugust Sperl
year1909
firstpub1909
publisherDeutsche Verlagsanstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleRichiza
pages369
created20140621
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dreiundzwanzigstes Kapitel

Vierzehnmal hatte der Wein an den Hängen des Schloßberges von Castell geblüht, und vierzehnmal waren die vollen Erntewagen in den Meierhof geschwankt. Vor vielen Jahren hatte Graf Rupert sein junges Weib in die kühle Gruft der Dorfkirche gebettet, und wie vor Menschengedenken gebot die alte, kleine Gräfin Imma als Herrin auf Castell. Bei ihr aber wohnte, wie sie's gelobt, die Waise Richiza.


Im Glanze der Morgensonne funkelten die Zinnen des Frauenberges ob Würzburg, blitzten die Tautropfen im Laube des Weinstockes zuseiten der staubigen Straße.

Zwei Reiter, ein alter Mann und ein Knabe, zogen das Quertal entlang unter dem Bischofschlosse zum Maine hinab.

»Es wird ein heißer Tag, Jungherr,« sagte der Alte, der seitwärts hinter dem Knaben dahinritt. »Recht ist's, so können die Trauben kochen,« setzte er nach einer Weile hinzu.

Der Knabe ritt schweigend fürbaß.

»Sie kriegen auch hierzuland einen guten Herbst,« begann der Alte wiederum; »'s ist ihnen zu gönnen. Und heut abend, Jungherr, reiten wir zu Hause ein. Und ich freu' mich darauf. 's war schön beim Herrn Großvater im Hessenland, und 's wird schöner sein zu Hause bei uns.«

277 Der Knabe schwieg und wandte das Haupt nicht.

»Jungherr Kunz –!« Nun trieb der Knecht seinen Gaul nach vorn und blickte forschend in das Antlitz des Kindes. »Jungherr, seid Ihr böse auf mich?«

»Ja –!« stieß der Knabe hervor.

»Und kann's doch nicht ändern,« sagte der Alte und hielt sein Pferd wieder gehörig zurück.

»Du könntest wohl,« grollte nun das Kind.

Traurig schüttelte der Alte den Kopf und schwieg.

Es war noch nichts zu sehen von der vieltürmigen Stadt Würzburg. Aber nun begann eine Glocke zu läuten, und singend und summend fluteten ihre gewaltigen Töne durch das morgendliche Tal.

Der Knabe ritt ein wenig langsamer; doch auch der Alte zügelte seinen Klepper.

»Eckart!«

»Jungherr?«

»Eckart, nur ein einziges Mal, Eckart, nur heute!«

Kläglich seufzte der Alte und sprach: »Tät's wohl von Herzen gern – aber ich darf nicht, Jungherr; der Herr Vater hat mir's verboten. Wir reiten durch die Stadt und sind bei guter Zeit zu Haus.«

»Eckart!« Der Knabe hielt nun sein Pferd an und wartete, bis der alte Mann an seiner Seite war, wandte das Haupt und sah bittend in seine Augen.

»'s geht nicht, Jungherr, 's ist heute nichts für uns in der Bischofstadt.«

»Wenn's also gestern wäre, dann könnten wir bleiben, Eckart?«

278 »Gestern, Jungherr, oder morgen oder alle Tage im Jahr.«

»Und was ist denn heute?« fragte der Knabe neugierig.

»Hört Ihr die Glocken, Jungherr?«

»Es muß ein Festtag sein, Eckart.«

»Ein Festtag,« murmelte der Alte und spie aus.

»Sie läuten jetzt mit allen Glocken, Eckart.«

»Mit allen Glocken!« Der Alte lachte hart auf.

»Weißt du, was für ein Festtag ist, Eckart?«

»Ob ich's weiß, Jungherr? Was wird sein? Cyriakustag ist, Jungherr, weiter ist nichts.«

»Cyriakustag, Eckart? Aber was kümmert uns der Cyriakustag? Eckart, o gelt, wir bleiben!«

»Darf nicht, Jungherr. Haben uns verspätet, und ist mir leid genug.«

»Ist das dein letztes Wort, Eckart?«

»Mein letztes Wort, Jungherr; ich darf nicht.«

Trotzig warf der Knabe den Kopf in den Nacken und trieb sein Pferd an. Schweigend trabte der Alte hinter ihm drein zu Tale. Und der Staub stieg auf unter den Hufen der Rosse.


Sie ritten über die Brücke und sahen den Strom glitzern im Morgensonnenscheine. Sie ritten durch das finstere Tor und kamen in die geschmückte Stadt.

Der Staub der Straße war verdeckt mit Gras und Blumen, aus den Fenstern der Häuser hingen 279 Teppiche, an den Türen standen Birkenbäumchen, und das festlich geputzte Volk wogte auf und nieder.

Der Knabe wollte geradeaus reiten, aber der Alte kam an seine Seite und drängte sein Pferd rechts ab in eine enge Gasse.

Zornig fragte der Knabe: »Sollen wir abseits hinschleichen wie Strauchdiebe?«

»Kann nicht anders, Jungherr,« murmelte der Alte mit zusammengebissenen Zähnen. Und grimmig spornte der Knabe sein Roß, daß es aufstieg und mit einem gewaltigen Satz in die Gasse sprang.

»Sachte, Jungherr!« mahnte der Alte. Da rannte aus der offenen Türe des nächsten Hauses eine großmächtige Sau mit Grunzen zwischen die Beine seines Gaules. Erschrocken drehte sich der Gaul auf der Hinterhand. Angstvoll grunzte die Sau und fuhr von der andern Seite des Gäßleins zum zweitenmal gegen das Pferd, und das Pferd stieg hoch empor und überschlug sich seitwärts auf seinen Reiter. Grunzend gewann die Sau das Haustor. Das Pferd aber sprang auf und stand zitternd neben dem Alten.

Aus der Tiefe des Gäßleins, aus allen Haustüren und herab von der Hauptstraße kamen neugierige Leute gerannt. Der Knabe war abgesprungen und hatte einem der Gaffer die Zügel zugeworfen, kniete neben dem Alten im Staube und wischte mit der Hand an der blutenden Schläfe, jammerte und raunte: »Eckart, wach auf! Eckart, ich will auch ganz gewiß nimmer zornig sein.«

280 Da öffnete der Alte die Augen, sah verwundert umher und wollte sich aufrichten. Aber stöhnend sank er zurück und murmelte: »Was ist mir denn geschehen? Jungherr, ich glaub', es ist was gebrochen.«

»Kann denn niemand helfen?« schrie der Knabe in die Menschenmenge, die sich staute im Gäßlein.

»Wir wollen ihn zur Herberge tragen,« meinte ein Bürger. »Packet an, Leute!«

»Am Cyriakustage!« murmelte der Alte und warf feindselige Blicke auf die Bischöflichen.

»Wenn er das Bein gebrochen hat, so holt eine Tragbahre!« riet ein andrer.

»Eine Stubentüre tut's auch,« rief ein Dritter und rannte in das nächste Haus.

Da drängte sich ein würdiger Mann durch den Haufen, kniete neben dem Gestürzten zu Boden, strich sorgsam die wirren Haare auseinander und betrachtete die Kopfwunde.

»Muß er sterben?« flüsterte der Knabe ängstlich.

Lächelnd schüttelte der Arzt sein Haupt und untersuchte das Bein des Gestürzten.

Murrend sagte dieser: »Macht Platz, ich will aufsteigen!«

»Ja, in sechs Wochen, mein Freund, wenn's gut geht,« brummte der Arzt und erhob sich.

»Sechs Wochen bei euch liegen?« rief der Alte und riß die Augen auf.

Sie brachten eine Stubentüre.

281 »Packt sachte an!« befahl der Arzt. Und drei, vier Männer bückten sich nach dem Alten.

»Ich will nichts von euch!« rief der Knecht und stieß sie zurück.

»Willst du denn im Staub da verziefen?« fuhr ihn der Arzt an. »Vorwärts – auf!«

Ächzend ließ sich's der Alte gefallen, und murmelnd setzte sich der Haufe in Bewegung. Etliche führten die Pferde, die lammfromm mit gesenkten Köpfen gehorsamlich folgten. Der Knabe aber wich nicht von der Seite der Bahre.

»Wo seid Ihr denn her?« fragte ein Neugieriger.

Schon öffnete der Knabe den Mund, aber zornig fuhr ihm der Alte ins Wort: »Gottlob, weit von hier!«

»Eia, das glaub' ich,« lachte ein andrer; »denn hierzuland sind wir wohl nit so grob, wie bei euch.«

»Habt nur keine Angst, Junker,« tröstete ein Dritter. »Euer Knecht ist viel zu lebendig, der wird gewiß noch nit sterben.« Und lachend bogen sie hinaus auf die festlich geschmückte Hauptstraße, und die handfesten Männer trugen den ächzenden Alten unter dem Geläute der Glocken über das Gras und die Blumen zur Herberge.

Murrend und knurrend mußte sich der Knecht gefallen lassen, was die mitleidigen Menschen an ihm taten.

»Ihr könnt von Glück sagen,« erklärte endlich der Arzt, legte behutsam die Decke über das geschiente Bein und sah freundlich in das finstere 282 Gesicht seines Kranken. Er bekam keine Antwort. »Laßt Euch nicht auslachen!« rief er und wandte sich ab. »Ihr habt schon Böseres erfahren als einen Beinbruch, Ihr alter Haudegen!«

Über das verwitterte, narbige Antlitz des alten Mannes ging ein Lächeln. Aber geschwinde besann er sich und legte das Gesicht wieder in grimmige Falten.

»Sie haben Euch in Schimpf und Ernst zerhauen und zerstochen. Ihr tragt am ganzen Leib die Male,« lobte der Arzt.

»Und andre tragen ihrer noch mehr!« sagte der Alte.

»Na also, haltet Euch ruhig!« lachte der Arzt und gab ihm die Hand. Zögernd legte der Knecht die seine darein.

»Und wo seid Ihr denn her?«

Die weißen Augenbrauen des Alten zogen sich zusammen und hastig stieß er hervor: »Weit her – was kümmert's Euch? Seid unbesorgt um Euern Lohn!«

»Grobian!« lachte der Arzt. »Hab' ich vielleicht deswegen gefragt? Wenn einer reitet mit köstlich gezäumten Rossen, dann ist mir nicht bang um den Lohn.«

Und damit ging er.

*

Im offenen Fenster stand der Knabe und blickte hinab auf die Städter und die Landleute, die sich drängten in der breiten Straße.

283 »Jungherr!« begann der Alte ängstlich und drehte den Kopf zum Fenster. »Gelt, Jungherr, Ihr bleibt bei mir und vertreibt mir die Zeit?«

»Wenn du mich brauchst,« kam die Antwort zurück.

»Freilich, freilich,« rief der Alte eifrig. »Ihr müßt mich pflegen. Kranke pflegen ist ein gutes Werk; Ihr wißt's von Eurer Muhme Richiza.«

»Du bist doch nicht krank, du hast ja nur das Bein gebrochen,« meinte der Knabe und wandte den Kopf nicht.

»Sehr krank, Jungherr!« rief der Alte, und dringend setzte er hinzu: »Ihr dürft heute gar nicht von mir gehen.«

»Eckart, wenn ich nur wüßte, was die Bischöflichen für ein Fest feiern.«

»Wird schon was sein,« murrte der Alte. »Laßt die Städter! Was kümmert's Euch? Und – Jungherr – eia, kommt ein wenig her zu mir!«

Zögernd trat der Knabe an das Lager des Alten. Bittend griff dieser nach seiner Hand. »Jungherr – Ihr werdet keinen von den – von den Burgern fragen, was das Fest bedeutet?«

»Und warum nicht?«

»Warum nicht?« Ein listiges Lächeln zuckte um die Mundwinkel des Alten: »Weil sie nicht meinen sollen, Ihr seid – Ihr seid ja neugierig wie das Weib eines Torhüters – darum!«

Trotzig warf der Knabe das Haupt zurück.

284 »Wenn's darum ist, dann will ich keinen fragen.« Und hastig ging er wieder ins Fenster.

Nach einer Weile meinte er: »Aber wissen möcht' ich's doch.«

Der Alte lag still auf dem Rücken und sah den Fliegen zu, die über die braune Holzdecke liefen. Regungslos stand der Knabe und sah hinunter auf die wogende Menge. Machtvoll erklangen die Glocken, und die Menschen kamen allgemach zum Stehen. Der Knabe beugte sich weit aus dem Fenster.

Nach einer Weile sagte er rückwärts über die Schulter: »Sie halten einen Umgang.«

Der Mann auf dem Lager antwortete nichts.

»Nun kommen sie vom Dome her,« berichtete der Knabe.

Der Mann auf dem Lager ballte die Fäuste: »Jungherr, es ist so hell hier innen; ich bitt' Euch, schließet die Laden!«

Der Knabe gab keine Antwort und guckte neugierig hinab.

In Ruhe stand die Menge unten und säumte die breite Straße den Häusern entlang in dichten Reihen. Auch das Gemurmel war verstummt. In tiefen Tönen klangen die Glocken des Domes.

Weit hinaus beugte sich der Knabe. Da blickte ein Weiblein von ungefähr empor, hob zornig die Faust und raunte ihren Nachbarn Unverständliches zu. Drei, vier Hälse reckten sich, und grimmige 285 Gesichter wandten sich zum Fenster. »Die Mütze 'runter!« rief ein feister Bürger. Zehn, zwanzig Hälse wandten sich, und drohend rief man von allen Seiten: »Die Mütze 'runter!«

»Ihr seid gemeint, Jungherr, die Mütze, die Mütze –!« mahnte nun auch der Alte ängstlich auf seinem Lager. »O kommt!«

»Ja so!« murmelte der Knabe erschrocken, riß die Mütze vom lockigen Haupte und schleuderte sie rückwärts auf die Dielen.

»Jungherr,« sprach der Alte mit bittender Stimme, »kommt her zu mir, 's ist nichts für Euch, glaubt mir nur einmal, 's ist nichts für Euch.«

Der Knabe blieb murrend stehen und sah unverwandt die Straße hinauf zum Dome.

Seufzend schloß der Alte die Augen: »'s ist Euer Schaden, wenn Ihr nicht gehorcht. Ihr werdet's inne werden, so oder so.«

Männergesang erhob sich in der Ferne, kam naher und näher, wuchs machtvoll an, übertönte das Glockengeläute und erfüllte die Luft. Langsame, schleifende Schritte kamen die Straße herunter, zahllose schleifende Schritte.

»Der Bischof!« rief der Knabe über die Schulter zurück.

»Jungherr, tut mir den Gefallen und geht aus dem Fenster,« mahnte der Alte zum letztenmal. Aber der Knabe gehorchte ihm nicht. Das niedere Gemach widerhallte vom Chorgesang der 286 Kleriker; Weihrauchgeruch drang bis ans Bette des Knechtes.

Auf den Knien lag die Menge.

Droben im Gemache glitt ein tiefer Schatten über die weiße Hinterwand und über das braune Holzwerk der Decke.

Der Gesang verhallte in der Ferne. Die Leute erhoben sich aus dem Staube und drängten mit Beten und Schreien den andern nach, die Straße hinunter zum Strome. Im Lufthauch des Morgens zitterte das Laub der Birkenbäumchen, und über allem klangen und dröhnten die Glocken vom Dome des Bischofs.

»Eckart,« sagte der Knabe und ging mit geröteten Wangen ans Bette des Alten. »Eckart, aber so hör doch!« sagte er zum zweitenmal mit bebender Stimme. »Sie haben eine großmächtige Fahne getragen. Eckart, eine solche Fahne hab' ich noch niemals gesehen. Eckart, es ist eine riesige Fahne mit einem furchtbaren Bild. Hörst du denn nicht, Eckart?«

»Es wird ein Heiligenbild sein,« kam's tonlos von den Lippen des Knechtes.

»Eckart!« Der Knabe zitterte am ganzen Leibe. »Ein Heiliger, sagst du? O Eckart, es ist ein Riese mit großmächtigen Augen gewesen – Eckart, ich habe das Weiße in seinen Augen gesehen, es ist ein furchtbares Bild.«

»Solche Fahnen und solche Bilder gibt es,« 287 murmelte der Alte und lag mit geschlossenen Augen. Nach einer Weile setzte er stöhnend bei: »Und vor solchen Fahnen erstarrt auch tapferen Leuten das Blut in den Adern. Jungherr – fragt mir keinen, was das Fest bedeutet!«


Schweigend saß der Knabe auf dem Holzschemel am Bette des Alten und dachte an das riesige Bild und an die weitgeöffneten, drohenden Augen. Geschäftig liefen die Fliegen über die Decke des Gemaches, die Glocken klangen ernst und feierlich, blinkender Sonnenschein lag auf der Straße.


Die Glocken waren verstummt, und die Menge des Volkes wogte wiederum zwischen den Häusern. Aus der Schenke zur ebenen Erde klang Stimmengewirr. Der Knabe saß und dachte an das furchtbare Bild. Der Alte lag auf dem Rücken und schlummerte.

Leise erhob sich der Knabe und trat in das Fenster. Im Staube der Straße welkte das Gras, und im Sonnenlichte welkte das Laub der Birkenbäumchen. Ein tiefblauer Himmel sah zwischen die alten Giebel herein.

Die Domstraße herunter kam eine vornehme Gesellschaft. Ehrerbietig wichen die Bürger und Bauern aus dem Wege und zogen die Hüte. Schritt vor Schritt kamen die Herren heran. Unter den Fenstern der Herberge hielten sie. Es waren alte, 288 weißhaarige Domherren, junge, kraftvolle Männer im geistlichen Gewande; dazwischen weltliche Dienstleute des Stiftes. Neugierig blickte der Knabe aus dem Fenster auf sie hinab und musterte ihre kostbaren Gewänder.

»Eia, vorwärts, ihr Herren!« rief ein Greis in ihrer Mitte. »Meine Kehle ist trocken von all dem Staub – so trocken wie heute vor vierzehn Jahren. Ich muß einen Schoppen hinuntergießen. Und was wir da draußen reden, das können wir uns auch hinterm Becher erzählen. Vorwärts, ihr Herren!«

Plaudernd und lachend betraten sie die kühle Herberge. Der Knabe hörte ihre Schritte drunten auf dem Steinpflaster des Ganges, er hörte sie draußen auf der Holzstiege. Plaudernd und lachend wälzte sich der ganze Haufe vorüber, die Türe der Nebenstube ward aufgestoßen, Stühle wurden gerückt, Bänke geschoben, und geräuschvoll ließ sich die Gesellschaft nieder.

Eine dünne Holzwand nur trennte die beiden Gemächer, und der Knabe verstand jedes Wort von ihrem Gespräche.

Schlafend lag der Alte auf dem Rücken; ruhig und tief ging sein Atem.

Zum erstenmal klangen nebenan die Becher. Drunten aber in der Schenke brauste das Stimmengewirr.

Noch immer stand der Knabe im Fenster und sah hinab auf die Straße.

289 Wiederum klangen die Becher im Nebengemache, und über alle andern Stimmen erhob sich ein dröhnender Baß: »Eia, man wird alt, ihr Freunde und Brüder! Vierzehn Jahre, das ist eine lange Zeit. Hört ihr sie singen?«

Im Erdgeschosse ertönte ein rauhes Lied, aber der Knabe konnte die Worte nicht verstehen. Einer sang, die andern fielen im Chor ein und sangen den Rundreim. Allgemach verstand der Knabe auch einzelne Worte – es war ein Schlachtenlied und erzählte von splitternden Speeren, von dröhnenden Schilden, von krachenden Kübeln und von brechenden Augen. Aber den Rundreim verstand er nicht – nicht ein einziges Mal.

Das Lied war zu Ende, und Lachen und Stimmengewirr brauste wie vordem in der Tiefe des Hauses.

»Den Rundreim habe ich nicht verstanden,« rief einer nebenan in der Trinkstube der Herren.

»Den Rundreim?« antwortete der dröhnende Baß. »Ei, Junker, man sieht, daß Ihr fremd seid in der Stadt des heiligen Kilian. Den Rundreim kennt doch jedes Kind.« Und mit dröhnender Stimme begann er zu singen:

»Heut ha'mer Feiertag,
und in Castell
misten s' die Ställ!«

Schallendes Gelächter antwortete ihm, und der fremde Junker rief: »Jetzt hab' ich's verstanden.«

290 Hochauf horchte der Knabe. Sanft schlummerte der Alte auf seinem Lager.

»Er ist gut zu verstehen, der Spottvers,« rief der dröhnende Baß. »Und die er angeht, die meiden am heutigen Tage die Stadt wie 's höllische Feuer.«

»Glaub's wohl,« lachte der Fremde.

»Und haben doch in Wahrheit keinen Spott verdient,« meinte ein andrer. »Sie sind verraten worden und haben gekämpft wie die Bären.«

»Alle bis auf einen!« rief der Mann mit dem Basse.

»Je nun, das ist wohl auch nicht mit rechten Dingen zugegangen,« sagte ein Dritter.

»Mit rechten Dingen oder nicht – es ist und bleibt den Castellern ewige Schmach,« rief der Baß. »Und ich weiß, es ist ein streng Gebot auf Castell: Bei Leibesstrafe darf keiner reden von der alten Geschichte.«

»Feig ist einer von ihnen gewesen?« rief der Fremde.

»Feig!« riefen drei, vier Stimmen.

»Je nun, feig – wer weiß?« warf der Zweifler dazwischen.

»Feig!« schrie der mit dem Basse und schlug auf den Tisch, daß die Becher klirrten. »Oder ist's vielleicht tapfer, wenn einer die Schlacht verschläft? Und alle wissen's: er hat die Schlacht in einem Keller verschlafen.«

»Und seine sechs Brüder haben wie die Bären gekämpft,« murrte der Zweifler.

291 Hochauf horchte der Knabe im Nebengemache. Sanft aber schlummerte der Alte auf seinem Lager.

»Ich weiß von einem Castell,« begann nun der Fremde, »von einem Castell, der ist im Morgenlande geritten, und an der Donau drunten singen die Fahrenden von ihm.«

»Es gibt nur zwei Castelle, und die leben am Walde droben, und kein Fahrender singt von ihnen,« rief der Baß. »Ein Verkrüppelter –«

»Sag lieber ein Held, den wir vor vierzehn Jahren zum Krüppel gehauen haben!« unterbrach ihn einer mit rauher Stimme.

»Meinetwegen,« murrte der Baß. »Der und ein Kind, das sind alle lebenden Castelle.«

Mit geballten Fäusten stand der Knabe in seinem Gemache und lauschte.

»Und dennoch hab' ich singen hören von einem dritten,« beharrte der Fremde.

»Dann ist's der Feigling, der die Schlacht verschlafen hat im Kellerloch heut vor vierzehn Jahren,« rief der Baß. »Und die Schmach hängt an ihnen wie die Klette im Pelz – einer ist feig gewesen.«

Da sprang der Knabe zur Türe, riß sie auf, rannte den Gang hinunter, stieß die nächste Tür auf und stand vor den zechenden Herren.

Etliche wandten den Kopf nach ihm; die meisten aber bemerkten ihn nicht. Drunten in der Schenkstube sangen sie wieder das Lied mit dem 292 Rundreim, und wie fernes Brausen tönte es in den Ohren des Knaben:

»Und in Castell
misten s' die Ställ'.«

Die Stimme versagte ihm, er stand mit geballten Fäusten in der Tür und starrte auf die Herren. Die Sonne schien so grell herein, daß die zinnenen Becher und Humpen gleißten und blitzten. Er senkte die Augen und sah keines von all den vielen Gesichtern.

»Was willst du denn, mein Junge?« rief ein Domherr vom nächsten Tische.

Das Kind trat ein paar Schritte vor und atmete tief auf: »Es gibt keinen feigen Castell!«

»Was?« rief der Domherr und hielt die Hand ans Ohr.

Es war stille geworden im Gemache, und alle Gesichter hatten sich nach dem blondlockigen Knaben gewendet. Der stand mit roten Wangen hart vor dem ersten Tische und brachte noch einmal heraus: »Es gibt keinen feigen Castell!«

In der Schenke drunten war der Gesang verstummt. Nur dumpfes Gewirre der Stimmen drang durch das Gewölbe empor. Zitternd stand das Kind und sah blinzelnd von einem der Herren zum andern.

»Es gibt keinen feigen Castell?« rief der Domherr lachend. »Ja woher weißt denn du das, mein Sohn?«

293 »Weil mir's mein Vater gesagt hat,« antwortete der Knabe trotzig.

Mit gutmütigem Lächeln erhob sich der feiste Domherr, trat vor ihn und legte die Hand auf seinen Scheitel: »Dein Vater? Eia, was hat dir dein Vater gesagt?«

»Ein Castell stirbt, ehe er zum Feigling wird,« antwortete der Knabe und sah ihn furchtlos an.

»Hörst du, Freund?« rief der Domherr zum andern Tisch hinüber und lachte.

»Was will denn der Knirps?« murrte der Baß. »Ich werde ihm die Hosen spannen!«

»Die Hosen spannen?« meinte der Domherr. »Eia, das hat er doch nicht verdient, der tapfere Junge!«

Mit geballten Fäusten stand der Knabe und sah mit blinzelnden Augen ins Sonnenlicht. Dann riß er die kleine Wehre aus der Scheide, stampfte und rief: »Ich seh' Euch nicht – aber kommt nur her und rührt mich an!«

In der Nebenkammer erhob sich die angstvolle Stimme des Alten: »Jungherr – aber Jungherr, so kommt doch –!«

Lachend und murmelnd saßen die Herren an ihren Tischen und sahen wohlgefällig auf den Knaben. Der gutmütige Domherr aber beugte sich herab und fragte ihn freundlich: »Wie heißt du denn, mein Kind?«

Die Augen des Knaben füllten sich mit Tränen, 294 und schluchzend flüsterte er: »Kunz, Graf und Herr zu Castell.«

Da sagte der Domherr ganz laut, zu den andern gewendet: »Knabe, wenn sie alle so waren wie du, dann hat's nie einen Feigling in deiner Sippe gegeben.«

Und er nahm ihn bei der Hand, sprach freundlich auf ihn ein und führte ihn aus dem Gemache.


Flüsternd erkundigte sich der Fremde bei seinen Nachbarn: »Der mit dem Basse hat wohl einen besonderen Groll auf die Sippe?«

Lächelnd raunte dieser zurück: »Es lebt ein schönes Mägdlein auf Castell, das sticht dem Trimberg in die Augen. Aber der verkrüppelte Castell möcht' es zur Erbmuhme machen.«

*

Noch am gleichen Tage schickte Eckart der Knecht einen Boten nach Castell, und am folgenden Morgen kamen gräfliche Reiter und holten das Kind aus der Stadt Würzburg.


Richiza ging mit bleichen Wangen umher, und insgeheim ließ der Verkrüppelte durch Vertraute nach dem Fremden forschen in der Stadt des Bischofs. Sie fanden ihn wohl, er aber wußte nur zu erzählen von einem halbvergessenen Liede.

Bis in die Knechtstuben von Castell drang die 295 geheimnisvolle Sage von dem Verschollenen, den man im Morgenlande gesehen habe. Nur vor die greise Gräfin-Mutter kam nichts von all dem Gerede. So hatte es Graf Rupert mit harten Worten geboten.

 

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