Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > August Sperl >

Richiza

August Sperl: Richiza - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleRichiza
authorAugust Sperl
year1909
firstpub1909
publisherDeutsche Verlagsanstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleRichiza
pages369
created20140621
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Einundzwanzigstes Kapitel

Monde kamen und gingen. – Auf der Zugbrücke der Wasserburg in Rüdenhausen stand der castellsche Dienstmann Burkard der Schelle und ließ sich von der Aprilsonne bescheinen. Da kam ein Reitknecht von Castell des Weges geritten, grüßte den Dorfherrn und wollte eilig vorübertraben. Aber Burkard der Schelle hatte Langeweile und rief ihn an. Gehorsam hielt der Knecht und zog zum zweitenmal die Lederkappe.

»Wohinaus, Eckart?« fragte der Schelle leutselig, kam von der Brücke auf den Fahrweg und klopfte den Hals des Braunen.

»Vogelsburg,« antwortete der Knecht und machte ein geheimnisvolles Gesicht.

»Zum Grafen Rupert?« fragte der Schelle und trat neugierig zurück.

Der Knecht nickte.

»So eilig, Eckart?« erkundigte sich der Castellsche.

»Muß den jungen Herrn holen,« raunte der Knecht.

»Zum alten Herrn?«

Der Knecht beugte sich herunter: »Schlecht geht's, Herr Schelle.«

»Schlecht? Ei so, ei was?«

»Man soll nit viel reden davon, Herr Schelle.«

»Schon recht, Eckart, schon recht.«

»Der Husten ist's, Herr Schelle, der arge Husten. 261 Gestern hab' ich den alten Herrn zum erstenmal wieder gesehen seit Weihnachten – o, Herr Schelle –!«

»Das kommt vom Alter, Eckart.«

»Vom Alter, Herr Schelle, jawohl vom Alter und noch von was anderm.« Der Knecht raunte: »Vom Herzeleid, Herr Schelle. Sechs Kinder an einem Tag, Herr Schelle, 's ist keine Kleinigkeit. Er hat in den zwanzig Monden – ich sag' Euch, Herr Schelle, keine ruhige Stund hat er gehabt in all den zwanzig Monden.«

Der Dorfherr nickte.

»Und warum hat er den Jüngsten davonjagen müssen, Herr Schelle?«

»Dem hätt' ich auch den Laufzettel gegeben, wenn er mein gewesen wäre,« sagte der Castellsche verächtlich.

Da verzog der Knecht geheimnisvoll den bartlosen Mund, schloß die Augen und zuckte die Schultern. »Will Euch was sagen, Herr Schelle. Unsereiner kennt seine Jungherren; denn unsereiner hat sie herwachsen sehen von klein auf; unsereiner hat sie raufen sehen und hat sie zum erstenmal aufs Pferd gesetzt; durch und durch kennt unsereiner seine Jungherren.«

Der Dorfherr nickte, und der Knecht vollendete zornig: »Darf ja niemand reden davon, darf ja niemand seinen Namen nennen auf Castell. Aber das sag' ich Euch, Herr Schelle, von uns glaubt's keiner – 262 kein einziger glaubt's, daß er ein Feigling gewesen ist.«

Der Dorfherr nickte und machte ein zurückhaltendes Gesicht. Der Knecht zog die Kappe und setzte den Gaul in Trab. Der Schelle aber ging über die Zugbrücke in sein Haus.

Bigna die Schellin stand am prasselnden Herdfeuer, als der Schelle in die Küche kam.

Er steckte die Hände in die Taschen, spreizte die Beine und sah zu Boden: »Bigna, hast du's schon gehört?«

»Was, Schelle?« Sie trat aus dem Rauch und rieb die Augen.

»Der Eckart reitet, was er reiten kann, und holt den jungen Herrn zum Grafen –«

Die ehrbare Hausfrau stemmte die roten Fäuste auf die Hüften und stieß einen leisen Pfiff aus: »Herrenfall, Schelle?«

»Hol's der Teufel, Bigna, ich glaub's!« brummte der Schelle.

Ein Büblein kam aus der Ecke, stellte sich zwischen Vater und Mutter und fragte neugierig: »Was is Herrfall?«

»Je nun, wir können's leisten, wenn's sein muß,« sagte die Schellin zu ihrem Manne und wühlte liebkosend im blonden Lockenhaar des Bübleins. »Aber die andern –!« Sie pfiff abermals, die ehrbare Hausfrau.

»– wo's nun Mannsfall und Herrnfall gibt 263 inner zwei Jahren, Bigna!« ergänzte der Dorfherr. »In Wiesenbronn, in Wiesentheid, in Schönbach, in Schwarzenberg – in – –«

»O je, Schelle, fang nur nit zu zählen an – vierzig Mannsfäll' sind's gewesen in castellschen Lehen.«

»Was is Mannfall?« fragte das Büblein dringend und zupfte die Mutter am Rocke.

»Wenn der Herr Graf stirbt, müssen wir seinem Sohn Geld zahlen,« erklärte die Alte.

»Und wenn dein Vater stirbt, müssen wir dem Herrn Grafen auch Geld zahlen; 's kommt immer aufs Zahlen hinaus,« ergänzte Burkard der Schelle.

Da verzog der Knabe das Mäulchen und begann zu weinen: »Vater nit stirben!«

»Dummer Kerl!« tröstete die Schellin und nahm ihn auf den Arm.

»'s ist harte Zeit, Bigna,« meinte der Schelle.

»Und wann ist's linde Zeit gewesen?« fragte das Weib.

Da kratzte er sich hinterm Ohr.


Spät in der Nacht kam die Pferdesänfte des jungen Grafen von der Vogelsburg durch Rüdenhausen. Schelle und seine Hausfrau standen im Fenster und sahen neugierig hinab in den Rauch der Fackeln.

»Eilig hat er's,« raunte der Dorfherr.

»Wirst sehen, der Alte treibt's nimmer lang,« gab sie raunend zurück.

*

264 Um Mitternacht saß Graf Rupert vor dem Vater und blickte schweigend auf das gelbe, eingefallene Antlitz. Ein Krampfhusten peinigte den Greis. Mehrmals versuchte er zu sprechen, immer wieder verschlang ihm ein Anfall die Worte. Endlich bekam er Ruhe und lehnte sich erschöpft in seinen Stuhl zurück. Regungslos wartete Graf Rupert und blickte schweigend auf das gelbe Gesicht.

»Mein Sohn,« begann der Alte nach langer Zeit mit leiser Stimme, »ich habe dich rufen lassen; denn ich muß reden mit dir.«

»Sprecht, Herr Vater, ich hör' Euch.«

»Sind wir allein, Rupert?«

»Ganz allein, Herr Vater.«

»Stoß den Riegel vor!«

Gehorsam humpelte der Sohn zur Türe. Beim Klange der Krücken verzog sich das Antlitz des Alten, und bekümmert rief er ihm nach: »Du trägst auch einen Denkzettel an meine –« er stockte – »an meine Torheit,« vollendete er mit fester Stimme.

Graf Rupert kam zurück und setzte sich auf seinen Schemel.

»Wir stehen leise, Rupert, wir Herren zu Castell.«

»Und werden uns nach Gottes Willen wieder begrasen, Herr Vater.«

Der alte Mann preßte die schmalen Lippen auseinander, faltete die Hände und schüttelte das Haupt. »Vier Augen, Rupert, vier Augen, zwei blinde und zwei sehende –!«

265 »Vergebt, Herr Vater – sechs Augen!« sagte der junge Herr mit heller Stimme. »Ich habe frohe Botschaft und bring' sie Euch selber.«

»Rupert –« Der Greis beugte sich vor und lauschte. »Ein Knabe?«

»Jawohl, Herr Vater, seit gestern nacht beschreit mir ein Knabe die Wände,« sagte der junge Graf mit Stolz.

»Ein Knabe –?« Die weißen Hände des Alten schlangen sich krampfhaft ineinander.

»Ein Knabe mit gesunden Gliedern, Herr Vater.«

Die Lippen des Alten bewegten sich wortlos. Endlich brachte er stoßweise heraus: »Es wachsen wieder Leute, es kommt manch neues Jahr.« Straff richtete er sich auf, schüttelte die gefalteten Hände gegen Osten und rief laut: »Hast du's gehört – du?«

Verwundert spähte der junge Herr mit den scharfen Augen in die Ecke; aber es war niemand zu sehen im Dämmerlichte der Kerze.

Höhnend wiederholte der Alte: »Hast du's gehört – du?«

Schweigend saß der Sohn und getraute sich nicht, nach dem Dritten zu fragen.

»Ich hör' ihn oft,« sagte der Alte nach einer Weile. »Noch ist er ferne, aber ich hör' ihn die Sichel dengeln, jawohl.« Dann murmelte er demütig in seinen Bart: »Mein Gott, ich hab' es nicht verdient.«

266 »Verdient oder nicht, Herr Vater – freut Euch mit uns und laßt die Glocken ziehen zu Castell und macht Euch zur Taufe bereit!« rief Graf Rupert.

Da schüttelte der Alte das Haupt, wandte sich lauschend nach Osten und flüsterte: »Hörst du's? Ganz laut –!«

Graf Rupert schwieg und starrte zu Boden.

Der Greis lehnte sich zurück und sprach: »Mein Sohn, ich habe noch mit dir zu reden.«

»Redet, Herr Vater!«

»Es wird einen Herrenfall geben, Rupert. Laß nur – ich muß das wissen. Was geschrieben ist, stehe geschrieben; der Kaplan hat's verwahrt. Alles aber kann man nicht aufschreiben, etliches geht vom Munde des Vaters ins Ohr des Sohnes; der bewahrt's auf den Enkel.

»Fünfzig Jahre bin ich der Herr gewesen zu Castell; nun wirst du der Herr sein an meiner Statt. Einst aber wird der Abend kommen, wo du dem Sohne die Herrschaft weitergibst. Denk jeden Morgen, daß der letzte Abend gekommen sei, und es wird dir wohlergehen. Ich selber hab' gar oft regiert, als sollt' ich ewig leben.

»Wir sind freie Herren im Heiligen Römischen Reich; müssen keinem als dem Kaiser gehorchen, und der wohnt fern von uns. Denk allzeit, daß du dein freies Eigen von Gott zu Lehen hast, und alles wird dir wohl gelingen. Ich selber hab's oft vergessen.

267 »Trau keinem Diener, eh' du ihn zwölfmal erprobt hast; mißtrau dir selber immerdar, und wenn du zwölfhundertmal mit Ehren vor deinem Gewissen bestanden hättest. Dein Vater hat nicht nach solcher Weisheit gehandelt und hat's gebüßt in seinem Gebein.

»Stehst du am Kreuzweg und weißt keinen Rat, dann wähle den dornigen Steig. Ich selber bin oft die ebene Straße geritten und hab' mich in Klüften verirrt.

»Ich lasse dir ein stolzes Wappen; halt's hoch vor der Welt und acht's gering bei dir. Ich selber hab's hochgeachtet bei mir, da ward es gering vor den Leuten.

»Spreite die Hände vor dich und gehe Schritt vor Schritt hinein in die Zukunft; ich selber bin oft ins Dunkle gesprungen, und Gott ist's zu danken, wenn ich nicht gar zerschellt bin.

»Spanne deinen Bogen, ehe du handgemein wirst; ich hab's versäumt, und mein Bogen ward mir zerbrochen im Nahkampf.

»Sei deinen Kindern ein Vorbild der Weisheit, solang du mit ihnen auf dem Wege bist; dann kannst du sie verschonen mit guten Lehren, wenn du dich rüstest zum Sterben.«

»Herr Vater –!« kam's von den Lippen des Sohnes.

»Hör mich, Rupert!« wehrte der Alte ab. »Du wirst nun herausziehen mit Weib und Kind, und 268 deine Frau Mutter wird ihr Wittum verzehren im Witwenbau drüben.«

Der junge Graf nickte.

»Du wirst ihr Herr sein, Rupert – sei ihr ein milder Herr, solang sie lebt!«

»Ich will sie ehren, Herr Vater.«

»Und wenn du guten Rates bedarfst, mein Sohn, dann geh zu ihr. Kluge Frauen sehen den Stein des Anstoßes, wenn wir Männer mit Pfeilen nach den Sternen schießen. Edle Frauen greifen mit geschlossenen Augen nach der Perle, wenn wir Männer mit sehenden Augen im Sande wühlen. Mir hatte Gott dieses Weib zur Seite gegeben; sorge, daß sie wenigstens dich berate in ihrem Alter!«

»Ich danke Gott und will ihr dienen, solang ich lebe,« sagte der Sohn.

»Dienen wird sie dir, wenn du nach meinem Rate handelst,« rief der Alte mit heiserer Stimme.

Ein Hustenanfall unterbrach seine Rede; erschöpft sank er in sich zusammen.

Graf Rupert erhob sich und schneuzte die qualmende Kerze.

»Mein Sohn,« begann der Blinde wieder; »es kommt mich sauer an und muß doch sein –«

Abermals packte ihn der Husten, und lange Zeit saß er mit gerötetem Antlitz. Dann rang es sich mühsam von seinen Lippen: »Ich hab' mich oft geirrt in meinem Leben, Rupert; aber am schwersten habe ich mich geirrt – Rupert –« Angstvoll stöhnte 269 der alte Mann, und langsam brachte er aus dem trockenen Halse: »Weißt du, wo dein Bruder ist?«

»Nein, Herr Vater.«

»Hast du nie mehr von ihm gehört?«

»Nie mehr.«

»Rupert – sag mir, ich hab' mich nicht geirrt?«

Verlegen räusperte sich der junge Graf. Angstvoll, nach vorn geneigt, lauschte der Greis. Graf Rupert schwieg.

»Rupert, warum bist du dann nicht zu mir gekommen?«

»Es war vor meiner Heimkehr geschehen, Herr Vater.«

»Rupert, warum – du hättest aus freien Stücken mit deinem Vater reden sollen. Es wäre vielleicht noch Zeit gewesen –«

Erstaunt sah der junge Herr auf den Greis. Und es war ihm, als versänke dieser nun kraftlos in die Vergangenheit. Er sah sich selbst als neuen Herrn auf Castell und sah seinen Sohn spielen zu seinen Füßen. Er richtete sich hoch auf und blickte den Alten an, als wäre dieser ein fremder Mann: »Vergebt, Herr Vater, das ist niemals Brauch gewesen und wird niemals Brauch sein im Hause Castell.«

Der Greis stöhnte und schwieg. Dann murmelte er noch einmal: »Ich hab' mich geirrt, Rupert.« Er ballte die weiße, kraftlose Hand. »Geirrt, Rupert, und kann doch nicht sagen, warum.«

270 Vater und Sohn saßen schweigend voreinander. Nach langer Zeit fragte der Alte mit tonloser Stimme: »Und wenn – er nun eines Tages zurückkommt?«

Tiefauf atmete der junge Graf: »Dann liegt das halbe Erbe für ihn bereit, Herr Vater.«

»Und wenn du zwölf Söhne hättest, Rupert?«

»Und wenn ich zwölf Söhne hätte, Herr Vater.«

»Und du gelobst mir's?«

»Vor Zeugen, Herr Vater, mit Brief und Siegel.«

»Was brauch' ich Brief und Siegel, Rupert? Da, versprich mir's in die Hand.«

Mühsam ließ sich der junge Herr aufs Knie nieder und legte die Rechte in die kalte Hand des Vaters. Der drückte sie mit schwacher Kraft, und seine Linke suchte zitternd den Scheitel des Sohnes: »Sei gesegnet, Rupert, in Kind und Kindeskind! Und nun hol mir den Pfaffen, ich will mich rüsten zur Fahrt.«

Graf Rupert ging, und der Kleriker kam, breitete das Tuch über sein und seines Herrn Haupt und hörte das Sündenbekenntnis.


Graf Rupert wartete noch einige Tage. Dann ließ er sich von seinen Rossen auf die Vogelsburg tragen zu Weib und Kind. 271

 

 << Kapitel 22  Kapitel 24 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.