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Richiza

August Sperl: Richiza - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleRichiza
authorAugust Sperl
year1909
firstpub1909
publisherDeutsche Verlagsanstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleRichiza
pages369
created20140621
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Neunzehntes Kapitel

Nach diesen Tagen kam die Äbtissin – jene Andächtige, die den Grafen Rupert gepflegt hatte – vor das Tor der Burgfeste Castell.

Der Kämmerling meldete der Gräfin den Gast. Da stieg sie die Freitreppe hinunter, ging ihr mit ausgestreckten Händen entgegen, gab den Willkommkuß auf Wangen und Augen und begann leise zu schluchzen.

230 Zärtlich drückte die andächtige Frau die Hand der Muhme, und Hand in Hand stiegen sie die Treppe empor.

»Vergib, wenn ich dich weinend empfange,« sagte Frau Imma.

»Ich habe nichts zu vergeben,« kam die Antwort zurück.

»Es ist zum erstenmal, daß ich dich wiedersehe,« flüsterte die Gräfin schluchzend und öffnete die Tür ihrer Stube.

Statt aller Antwort breitete die ehrwürdige Frau die Arme aus und schloß die Muhme darein. Dann ging sie über die Schwelle und sagte: »Ich konnte dir meinen Anblick doch nicht ersparen.«

»Ich will dir Wasser bringen lassen,« sprach die Gräfin und löste den Rosenkranz, der den Mantel der Äbtissin zusammenhielt.

»Ich brauche kein Wasser,« sagte diese.

»Du wirst ruhen wollen nach dem Ritt,« meinte Frau Imma; »hier ist ein Spannbett, strecke dich aus.«

»Ich bedarf der Ruhe nicht.« Die andächtige Frau lächelte wehmütig.

Das Kind Richiza kam herein, sah die Fremde, knickste und wollte wieder aus der Stube. Aber die Äbtissin zog das Kind an die Brust, hielt es dann mit beiden Armen von sich und staunte, wie sehr es gewachsen sei. Richiza wurde rot und sprach kein Wort. Unschlüssig stand sie neben der Fremden. 231 Dann huschte sie ins Fenster; setzte sich und begann zu sticken.

»Mein Zelter geht lind wie eine Wiege, und es gibt Leute, die mühseliger durchs Land reisen als unsereiner,« sagte die Andächtige. Sie setzte sich auf das Spannbett und nötigte die Gräfin an ihre Seite. »Ich habe vorhin auf der Straße hinter Wiesenbronn ein Weib gesehen, das zog einen Karren, und auf dem Karren lag der kranke Mann mit zween Kindlein. Muhme, da hab' ich mich sehr geschämt.«

»Kommen sie herauf nach Castell?« fragte die Gräfin müde. »Dann will ich sie herbergen.«

Die Äbtissin schüttelte das Haupt. »Sie sind gegen Rüdenhausen gefahren. Ich aber auf meinem Pferde, das wie eine Wiege geht, habe mich bitter geschämt.«

Die Gräfin schwieg, und halblaut fuhr die Äbtissin fort: »Die Welt ist voll Jammers – wir aber gehen und reiten vorüber wie Priester und Levit an dem, der unter die Mörder gefallen ist.«

»Wo ich Not sehe und vermag sie zu lindern, entziehe ich mich niemals der Pflicht,« sagte die Gräfin bescheiden.

»Niemals?« fragte die Andächtige und griff nach der Hand der Muhme.

»Mit Wissen niemals.«

»Recht so! Wer im Unglück ist und will sein Leben ertragen, der gehe hin und suche fremde 232 Wunden zu heilen. Und so bin ich nicht vergebens zu dir gekommen herauf nach Castell.«

»Rede, ich höre,« sagte die Gräfin und blickte auf die Muhme.

»Hast du schon geopfert für deine toten Söhne?« fragte diese.

Wieder flossen die Tränen der Gräfin: »Mein Herr hat den Andächtigen im Kloster Schwarzach Weinberge geschenkt zum ewigen Gedächtnis, und Totentage gestiftet, wie sich's gebührt, und deinem Kloster –« Sie stockte.

»Den Wald, ich weiß,« half ihr die Äbtissin. »Dir aber war's bitter leid um den schönen Wald und um die guten Weinberge?«

»Ich verstehe dich nicht.«

»Es kam dich hart an, die Weinberge den Brüdern und uns Frauen den Wald zu lassen?«

»Ich weiß nicht, ob ich Weinberge und Wald je mit meinen Augen gesehen habe,« sagte die Gräfin verwundert.

Nachdenklich nickte die Äbtissin.

Mit stockender Stimme fuhr die Gräfin fort: »Unserm Heiligen in der Kirche hier zu Castell habe ich nach der Beisetzung – sechs« – sie wurde rot, besann sich und vollendete ihre Rede – »sechs schwergoldene Ketten geopfert.«

»Geopfert?« wiederholte die Äbtissin und sah freundlich auf die abgehärmte Frau. »Und es ist dir bitter leid um die goldenen Ketten gewesen?«

233 Verächtlich rief die Gräfin: »Wann sollte ich mich jemals wieder schmücken mit Gold und Edelsteinen?«

Nachdenklich nickte die Äbtissin und schwieg.

Nach einer Weile begann die Gräfin abermals mit einem fast ängstlichen Seitenblick: »Und alle – alle Wochen – an jenem Unglückstage – lasse ich die Armen weit und breit speisen und tränken.«

Freundlich sah der Gast auf die Gebeugte: »Du selbst aber entziehst dir gewißlich Speise und Trank an diesem Tage?«

Müde lächelte die Gräfin: »Es ist mir kein Opfer, an diesem und andern Tagen zu fasten.«

Da schlang die Äbtissin den Arm um ihren Nacken, streichelte ihre Wange und raunte: »Sag an, was hast du ihnen dann eigentlich geopfert? Weinberge, die du kaum jemals gesehen, Goldketten, die du keines Blickes würdigst, und Speise und Trank, deren du selbst nicht bedarfst?«

Verwundert hauchte die Gräfin vor sich hin: »Und was sollte ich noch opfern für meine Söhne?«

Die Äbtissin zog sie noch näher an sich und sagte mit Ernst: »Den Tannhauser.«

Da fuhr die Gräfin zurück und machte sich mit Ungestüm frei aus den Armen der Andächtigen, stand auf, suchte mit bebenden Lippen nach dem rechten Wort und murmelte endlich: »Was kümmert's mich? Sag's meinem Herrn!«

Auch die Äbtissin hatte sich erhoben, stand nun 234 mit gefalteten Händen vor ihrer Muhme und begann den Kampf: »Opfere deinen Söhnen und ihrem Seelenheile den Tannhauser!« Und starr sahen ihre großen schwarzen Augen auf das Antlitz der andern.

Mit geballten Fäusten stand die unglückliche Mutter und blickte zu Boden.

Richiza ließ die Nadel sinken und sah mit offenem Mund auf die Frauen herüber.

Die Äbtissin aber begann halblaut und schmeichelnd: »Der Tannhauser hat ein Weib und vierzehn Kinder –«

»Was kümmert's mich? Sag's meinem Herrn!« murmelte die Gräfin zum zweitenmal.

Da sprach die Andächtige mit harter Stimme: »Wo ich Not sehe und vermag sie zu lindern, entziehe ich mich niemals der Pflicht.« Sie schwieg und ließ die Gräfin nicht aus den Augen. Dann wiederholte sie: »Niemals!«

Die Gräfin stöhnte: »Sag's meinem Herrn!«

»Nein,« antwortete die Äbtissin, »jetzt spreche ich mit dir.« Und sie trat einen Schritt näher und flüsterte eindringlich: »Vergib mir, daß ich die Wunde anrühre. Er hat seinen Eid gebrochen, er hat Treue geheuchelt und hat Verrat gesponnen, er hat euch unsäglichen Schaden zugefügt an Leuten, Hab und Gut, er hat« – sie hielt inne, und wimmernd bedeckte die Gräfin das Antlitz mit den Händen – »er hat Euch die herrlichen Söhne ins Verderben gelockt.«

235 Laut auf schluchzte die Gräfin, doch unbeirrt handelte die Andächtige: »Wachend und schlafend siehst du hinter deinen toten Kindern, siehst du hinter deinem verkrüppelten Sohn den Ruchlosen, der euch den Frieden geraubt hat.« Wieder hielt sie inne, griff mit beiden Händen nach den Händen der Gräfin und zog sie ihr sanft von den Augen. »Es war eine Mutter, die steht so hoch über uns wie der Himmel über dem Erdreich, und diese Mutter hatte einen Sohn, der steht so hoch über dem Himmel wie Gott Vater selbst. Und sie nahmen ihr den heiligen Sohn und schlugen ihn ans Kreuz. Sie stand unter dem Sterbenden und kein Mensch weiß, was sie dachte. Gleich Schwertern fuhr der Schmerz in ihre Seele, aber der Mund blieb stumm. Da öffnete der Heilige ihr zu Häupten die Lippen und sprach: ›Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!‹ Glaubst du, daß sie noch hassen konnte nach diesem Wort?« Die Äbtissin zog die Unglückliche an sich, herzte sie und sprach: »Du bist die Mutter, und als Mutter darfst du ihn hassen, und ich fühle, wie du zitterst in meinen Armen und wie sehr du ihn hassest. Und dein Haß ist dein liebstes Kleinod, dein Haß ist dir teurer als viele Weinberge und große Wälder, als goldene Spangen und Ketten, und wenn du fastest, so bleibt doch der Haß deine liebste Speise, die du Tag und Nacht in dich frissest. Und wenn du auch den Tannhauser keines Blickes würdigest, du zählst doch im geheimen die 236 Tage, bis sie ihn mit Geschrei hinausschleifen zum Richtplatz – das alles darfst du als Mutter – hörst du? Als Mutter! Aber der Sohn jener Mutter, von dem wir alle den Namen haben, gebietet dir: Liebe deinen Feind.«

»Ich kann nicht!« stöhnte die Gräfin.

»Sollst du auch nicht sogleich und auf einmal,« raunte die Andächtige. »Christus der Herr verlangt nicht, daß du den Gipfel des Berges im Fluge nehmest – fein schrittweise sollst du emporklimmen. Und so sage ich dir im Namen Gottes, um Christi Blut willen, nimm die Haue und schlage die erste Stufe in den Felsen, opfere deinem und deiner Söhne Seelenheil deinen Haß.«

Mit bebenden Lippen und großen Augen stand die Gräfin und stieß hervor: »Um Christi Blut willen? – Ei ja doch, ich will ja!«

»Opfere deinen Haß und bitte den Todfeind deines Hauses frei, und ich sage dir, du wirst ihn anschauen mit frohen Augen und wirst dich lieben in deinem Opfer und allgemach dein Opfer in ihm, und zuletzt könnte es wohl kommen, daß du ihn selbst –«

»Niemals!« rief die Gräfin und streckte voller Entsetzen die Arme aus. »Glaubst du wirklich, daß – ich dieses Opfer zu bringen vermöchte?« fragte sie mit gebrochener Stimme.

»Vermöchte?« Die Äbtissin lächelte. »Du willst ja gar nichts andres mehr, du fändest ja keinen 237 Frieden, nicht hier und nicht dort – gewiß, Liebste, du kannst und du mußt!«

»Da« – die Gräfin zog den Gast ins Fenster, stieß den Flügel auf und wies hinab in den Hof – »da drunten haben sie Abschied genommen, und er ist mitten unter ihnen gewesen!« Sie schluchzte.

»Recht so, recht so,« raunte die Äbtissin und trat zurück in die Stube, ging ins andre Fenster zum Kinde Richiza und betrachtete die Stickerei. »Herze ihn noch einmal, deinen Haß, noch einmal und ein letztes Mal, und dann greif zu mit beiden Händen, reiß die böse Pflanze aus mit all ihren Wurzeln und wirf sie ins Feuer. Und ich sage dir, von deinen Weinbergen und von deinen Spangen und Ketten und von deinen Armenspeisungen ist nichts hinausgekommen über die Wolken. Aber der Rauch deines geopferten Hasses wird emporsteigen und wird umwallen den Thron des Allmächtigen als wohlgefälliges Opfer, als das größte Totenopfer für deine erschlagenen Söhne.«

Sie streichelte den Scheitel des zitternden Kindes, ging zur Gräfin und nahm ihre Hand: »Und jetzt wollen wir gehen und beten!«

Willenlos folgte die Herrin dem Gast in die Kapelle.

Stundenlang knieten die beiden in dem kühlen Raum, jede an ihrem Orte. Ganz gedämpft drang der Lärm des Lebens herein zwischen die dicken Säulchen; gebrochen kam das Licht des Tages herab 238 durch die glühende Pracht der gemalten Fenster des Chörleins.

Endlich stand die Äbtissin auf und sagte freundlich: »Komm!«

Mühsam erhob sich auch die Gräfin. »Meine Knie schmerzen mich,« murmelte sie.

»Komm, nun wollen wir zu deinem Herrn gehen!« sagte die Äbtissin.

»Da – da, wo du stehst, ist der Tannhauser gestanden, da hab' ich für meine Kinder gebeten, da hat er das Knie gebeugt und hat mir höfisch die Hand geküßt,« raunte die Gräfin und starrte auf die Steinplatten, als sähe sie die Fußspuren des Verräters.

»Mit deinem Hasse bist du ja fertig,« sagte die Andächtige in herrischem Tone und wandte sich dem Ausgang zu. »Komm, wir müssen nun zu deinem Gemahl!«

Die Gräfin raffte ihr Kleid und sprach mit Anstrengung: »Jawohl, ich will – ich muß nun reden mit meinem Herrn.«

Hintereinander gingen die beiden die Wendeltreppe empor. Auf der letzten Stufe wandte sich die Gräfin und legte nachdenklich die Hand an die Stirn.

»Vorwärts!« raunte die Äbtissin.

Da sagte Frau Imma zaghaft: »Ich, ja, ich –! Aber wie könntest du sprechen mit ihm?«


Die Andächtige ging in die Stube Frau Immas.

239 Da kam Richiza aus dem Fenster und richtete die großen Augen zaghaft auf die gestrenge Frau.

»Was willst du, liebes Kind?«

»Wie habt Ihr vorhin gesagt – wer im Unglück ist und will sein Leben ertragen –«

»Der gehe hin und suche fremde Wunden zu heilen!« ergänzte die Äbtissin freundlich.

»Das Weib des Tannhausers leidet Not?« fragte Richiza schüchtern.

»Sie ist vertrieben aus ihrer Heimat. Ich habe sie zu mir nach Kitzingen genommen; denn wir sind von den Großeltern her versippt. Kann nur leider nicht viel für sie tun, und sie wird sich mit ihren vierzehn Kindern kaum des Hungers erwehren, wenn ihr nicht Hilfe wird, meine Tochter.«

Richiza griff in die Tasche und sagte halblaut, mit abgewandtem Gesichtlein: »Ich – ich will mein Leben ertragen!«

»Ei, bist du denn im Unglück, mein Kind?«

»Und wer ist jetzt glücklich auf Castell?« flüsterte Richiza, zog eine goldene Kette aus dem Gewand und hielt sie der Andächtigen hin.

Zögernd nahm diese das Geschmeide und wog es nachdenklich in der Hand: »Was soll ich mit der schweren Kette, Richiza?«

»Gebt sie dem Weib und den Kindern!« sagte die Jungfrau und ging zurück ins Fenster.

»Kind, das ist ein kostbar Stück – einen Bauernhof könnte man dafür kaufen –«

240 »So kauft ihnen den Hof!« sagte Richiza gleichmütig und beugte sich über den Stickrahmen.

»Kind –!« Sie kam näher, ihre Stimme zitterte: »Ist dir's Ernst?«

»Und warum nicht, andächtige Frau?«

»Darfst du die kostbare Kette verschenken?«

Da warf Richiza den Kopf zurück, strich die Locken aus der Stirn und sagte trotzig: »Und wenn ich auf der Stelle hinunterginge und würfe das Kleinod in den tiefen Brunnen – wer könnte mich schelten?«

»Kind –!« Die Äbtissin faltete die Hände um die goldene Kette. »Ich muß es freilich noch mit deiner Patin bereden – aber ich glaube, die heilige Jungfrau will diesen Armen helfen durch dich.«

»Und werd' ich nun mein Leben ertragen?« forschte Richiza mit zuckenden Lippen, als feilschte sie um den Kaufpreis.

»Kind,« sagte die Andächtige, »wenn du im Unglück immer also handelst, dann kannst du niemals verkommen im Unglück.«

»Niemals verkommen im Unglück?« wiederholte Richiza, und ein Lächeln erhellte ihre Züge: »Nein, ich darf ja gar nicht verkommen im Unglück!«

»Gott segne dich!« sagte die Andächtige und legte die Rechte auf ihren Scheitel.


Lange stand die Gräfin vor der letzten Tür des Ganges. Endlich drückte sie die Klinke herab und trat in das Gemach ihres Herrn.

241 »Du bist's, Imma?« sagte der Blinde. Der Kleriker aber klappte ein Büchlein zu, stand von seinem Schemel auf, verneigte sich und wollte zur Tür hinaus.

»Bleibe!« befahl der Graf. »Setz dich und lies es noch einmal, das vom getreuen Lehnsmann – wie hat er geheißen?«

»Berchtung von Meran,« sagte der Pfaffe, ließ sich auf den Schemel nieder und hielt das Büchlein weitab von seinem Gesicht.

»Und sag der Gräfin, wer dieser Berchtung war!« befahl der Alte und lehnte sich zurück.

Die Gräfin setzte sich geduldig auf den Rand des Spannbettes und faltete die Hände im Schoß.

»Berchtung von Meran war König Wolfdietrichs Erzieher. Der König kämpfte mit den Griechen und verlor sein ganzes Heer. Berchtung von Meran aber mußte nach jener Schlacht sechs Söhne begraben.«

»Sechs Söhne!« murmelte die Gräfin. Dann hob sie das Haupt und fragte: »Und wie viele sind ihm noch geblieben?«

»Zehn Söhne sind ihm geblieben,« antwortete der Geistliche.

»Das gehört nicht hierher!« rief der Alte. »Erzähl weiter!«

»Wolfdietrich klagte über den Tod der Helden. Da sprach der Alte von Meran: 242

›Nun laßt die Klage sein!
Mein und meines Weibes
waren die Kindelein.
Wir haben andre Helfer,
sind nicht verlassen gar –
es wachsen wieder Leute,
es kommt manch neues Jahr.
Es kann uns nimmer nützen,
zu weinen um die Kind':
sie werden nicht lebendig,
die nun erschlagen sind.‹«

»Weiter!« befahl der Graf. »Was hat der Held seinem Weibe gesagt?«

Der Geistliche las:

»›Sie sprach mit bittrer Klage:
Wo sind nun meine Kind'?
Da sprach im Zorn der Alte:
Ich weiß wohl, wo sie sind.
Sie haben sich errungen
im Tod die höchste Ehr –
ich werf' dich über die Mauer,
beklagst du sie zu sehr.‹«

»Hörst du, Imma?« frohlockte der Blinde.

»Wann klage ich?« flüsterte sie, und Tränen tropften auf ihre gefalteten Hände.

»Gibt's noch solche Getreue?« fragte der Blinde den Kleriker. »Jawohl, Andächtiger – weißt du, wo? Ich will dir's sagen: im Lied!« Er lachte hart auf.

»Friedrich, kann ich mit dir sprechen?« fragte die Gräfin und erhob sich.

243 Da stand auch der Kleriker von seinem Schemel auf, nahm sein Gewand zusammen, neigte das Haupt und ging leise aus der Tür.

»Friedrich!« sagte sie, setzte sich auf den Schemel und legte die gefalteten Hände auf sein Knie.

»Solch ein Getreuer!« wiederholte der Blinde und richtete die erloschenen Augen ins Leere. »Der Pfaffe soll's dem Tannhauser vorlesen – jawohl, dem Tannhauser; ehe man ihn zum Richtplatz schleift, soll er die Verse vom getreuen Berchtung hören.«

Die Gräfin streichelte seine Hand.

»Wo sie nun sein werden, unsre Kinder?« fragte sie leise.

»Weiß ich's?« gab er mit rauher Stimme zurück. »Ich habe den Pfaffen gefragt, da hat er was geredet vom Fegfeuer. Hab' ihn heißen sein Maul halten. Soll Messen lesen, damit sie herauskommen!«

»Im Fegfeuer – es wird wohl so sein,« sagte die Gräfin, und ein Zittern ging über ihre Glieder. »Friedrich,« raunte sie und legte das Haupt auf sein Knie, »gib unsern Kindern den Tannhauser!«

»Bei Gott, das will ich!« rief der Alte. »Und sie sollen ihre Lust sehen an seinen Qualen – ja wohl, das sollen sie –«

»Nein, nicht also, Friedrich!« Sie stand auf, kreuzte die Arme und sprach, was sie von der Äbtissin gehört hatte, und sie sprach, wie ein Kind die 244 Worte des Lehrers nachspricht: »Opfere deinen Haß dem Seelenheil deiner Söhne!«

»Wie?« fragte der Alte, hielt die Hand hinters Ohr und neigte sich nach vorn.

Sie rang nach Worten, und sie rang mit dem eignen Hasse, der aufstieg aus dem tiefsten Grunde ihres Herzens, und während sie rang mit dem Unsichtbaren, rang sie mit dem Blinden im Stuhl, und alles, was sie diesem entgegenwarf, warf sie dem Unsichtbaren entgegen, der sich ihrer aufs neue zu bemächtigen begehrte. Und immer tiefer sank der Unsichtbare zurück in die Tiefe, und immer höher wuchs der Blinde vor ihr, und immer drohender wurde seine Stimme. Und sie wußte, daß sie verlieren würde und kämpfte weiter.

»Tritt ins Fenster, Imma, und schau hinaus auf den Turm!« befahl er.

Sie ging gehorsam ins Fenster.

»Zähle von oben an den ersten, den zweiten, den dritten Gaden!«

»Den dritten Gaden,« wiederholte sie.

»Und nun reiß den dritten Gaden heraus mit all seinen Balken und Steinen und befiehl dem ersten und zweiten Gaden, daß sie schweben in freier Luft wie die lieben Engelein in den heiligen Geschichten! Kannst du's?«

Sie schwieg und kehrte zurück aus dem Fenster.

»Kannst du's?« fragte er zum zweitenmal.

Sie schwieg.

245 »Du kannst es nicht,« sagte er mit Nachdruck. »Und siehe, gleich diesem Turm ist das Lehnrecht gebaut und gefügt von Gaden zu Gaden. Verstehst du mich?«

Da bat sie mit weicher Stimme, daß er sie sprechen lasse. Und sie holte alle ihre toten Söhne, einen nach dem andern, herüber aus der unbekannten Welt, herein in das düstere Gemach und ließ einen jeden von ihnen hintreten vor den blinden Vater und bitten auf seine Art für den Verräter, der ihm zum Verderben geworden war.

Schweigend, in seinem Stuhl zurückgelehnt, hörte der Alte auf ihre bittende, fordernde, heischende Rede. Und als sie das Letzte hervorgebracht hatte aus der Tiefe ihres Herzens, da sagte er mit rauher Stimme: »Bist du fertig?«

Sie faltete die Hände und flüsterte: »Ja!« Nun hob er tastend die Hand und zog an der Glockenschnur, die über seinem Haupte herabhing.

Der Kämmerling betrat das Gemach.

»Graf Rupert!« befahl der Blinde mit heiserer Stimme.

Die Gräfin ging ins Fenster und sah zur grauen Kalkwand des Turmes hinüber, auf den Wappenschild des Geschlechts, der grellrot und blinkweiß geviertet glänzte im Lichte des Tages. –

Das Holz der Krücken stapfte über die Ziegelsteine des Laubenganges, und der Kämmerling öffnete geräuschlos die Tür. Graf Rupert trat vor den Vater und beugte mühsam das Knie.

246 »Wir sollen – hörst du, Rupert? – wir sollen« – der Alte hüstelte – »den Tannhauser sollen wir mit Ehren entlassen –«

»Mit Ehren habe ich nicht gesagt!« rief die Gräfin vom Fenster herüber.

»Entlassen aus seiner Haft, so will deine Mutter, und sie hat deine Brüder zu Eideshelfern gerufen und hat mich hart bedrängt mit ihnen und mit dem heiligen Evangelium. Und nun sprich du, mein Sohn!«

Auf seine Krücken gestützt, vorgebeugt stand Graf Rupert und blickte dem Vater starr ins Gesicht. »Meine Brüder? Das heilige Evangelium?« Sein bleiches Gesicht verzerrte sich. »Im heiligen Evangelium steht geschrieben, daß sich der Verräter im Ekel erhängt hat. Und wenn Ihr den Tannhauser freigebt, Herr Vater, dann werden meine toten Brüder aufstehen aus ihrer Gruft und nächtlicherweile heraufkommen, vor Euch treten und sprechen: Herr Vater, Frau Mutter, warum habt ihr uns das getan?«

»Hörst du?« rief der Alte frohlockend ins Fenster hinüber.

Die Gräfin schwieg und regte sich nicht. Graf Rupert aber fragte nach einiger Zeit: »Was befehlet Ihr noch?«

»Geh!« sagte der Blinde.

Da wandte sich Graf Rupert, und die Ziegelsteine des Laubenganges erklangen unter dem Holz seiner Krücken . . . .

*

247 Richiza ging nach diesen Geschichten scheu und wortkarg umher. Nur ganz selten setzte sie sich in das Fenster zur Patin, und niemals betrat sie die Stube des Blinden. Am liebsten war sie bei der alten Kunne. Aber sie sprach kein Wort mit ihr von dem, was sie erlebt hatte.

Das währte etliche Wochen.

Da kam sie eines Abends in die Kemenate der Gräfin und fand die Herrin schluchzend in der Ecke vor dem kleinen Marienbilde knien.

Leise ging das Kind ins Fenster und setzte sich. Die Patin betete und schluchzte.

Da begann auch Richiza zu weinen. Stärker und stärker flossen ihre Tränen. Zuletzt schluchzte auch sie gleich der Knienden vor dem Bildstock.

Die Gräfin erhob sich, trocknete ihre Augen und kam zum Fenster. »Du hier, mein Kind?«

»Ich, Frau Patin.«

Ganz nahe trat die Gräfin herzu, hob den Kopf des Mägdleins am Kinn empor und blickte tief in die nassen Augen.

Da schrie das Kind auf, warf sich an die Brust der Patin, umschlang ihren Nacken, küßte ihr Augen und Wangen. Und mit halberstickter Stimme brachte es hervor: »O Frau Patin, ich bin böse – ja, böse. Ich – ich habe böse Gedanken –«

»Liebes Kind!«

»Nein, nicht, nicht liebes Kind, Frau Patin! O wenn Ihr wüßtet –«

248 Die Herrin liebkoste das Mägdlein und sagte noch einmal mit Nachdruck: »Mein liebes, liebes Kind!«

Da barg Richiza den Kopf an ihrer Brust und flüsterte: »Es soll anders werden –«

»Anders, mein liebes Kind?« fragte die Gräfin.

»Ja, anders. Ich will – immer bei Euch bleiben –«

»Und beim Herrn Paten, liebes Kind?«

Richiza ließ die Arme sinken und wandte sich ab.

»Kind –?«

»Bei Euch, Frau Patin. Ihr braucht mich – Ihr!«

»Kind –?«

Richiza faltete die Hände und sagte mit zitternden Lippen: »Ich kann die Laute nimmer schlagen und kann nie, nie mehr singen« – sie streckte die Rechte aus nach der Stube des Grafen – »da drüben, Frau Patin!«

Richiza blieb, und leise rieselte die Zeit dahin. Richiza blieb, und bei ihr blieb das Wort des Verstoßenen: »Ich will wiederkommen, wenn ich mit Ehren kommen kann.« Und das Wort der Andächtigen: »Wer im Unglück ist und will sein Leben ertragen, der gehe hin und suche fremde Wunden zu heilen.«

 

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