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Gutenberg > August Sperl >

Richiza

August Sperl: Richiza - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleRichiza
authorAugust Sperl
year1909
firstpub1909
publisherDeutsche Verlagsanstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleRichiza
pages369
created20140621
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtzehntes Kapitel

Vom Kirchturm zu Castell klagte die Wetterglocke ins Land hinaus, und wimmernd antwortete das Kapellenglöcklein droben im Schlosse.

Über die Wälder kam ein Gewitter gezogen, und 200 frühzeitige Nacht senkte sich auf den Gau. Der Sturm fuhr tosend in die Grafenlinde, stieß an die Mauern der Burg, warf lose Ziegel von den Dächern, pfiff durch die Schallöcher des Kirchturms und zerriß die Glockenklänge. Der erste Blitz zuckte auf, grellgrün schimmerten die Wälder, grellweiß blinkten die Mauern, jählings fiel wieder die Nacht auf die Landschaft; der Donner grollte und erstarb im tosenden Sturme. Der Regen schlug an die geschlossenen Fensterladen der Burg, von den steilen Dächern stürzte das Wasser in die kupfernen Rinnen, aus aufgesperrten Rachen wehten die zerstiebenden Fluten. Weite Flächen der tiefhängenden Wolken erglühten im Schein der Blitze, Zickzackstrahlen schossen dahin und dorthin, und das Rauschen des Regens ward verschlungen vom grollenden Donner.

Angstvoll wachten die Menschen droben in den Kemenaten und Kammern der Burg und drunten in den Hütten des Dorfes; noch um die Mitternacht blinkte Lichtschein aus den Ritzen der Holzladen. Immer neue Wolkenmassen wälzten sich im Schein der Blitze aus der Tiefe der Wälder herüber und ergossen sich über Berg und Dorf. Wildbäche rauschten in den steilen Gassen zu Tale. – – –

Hinter schweren Wolken dämmerte der Morgen über den Höhen des Steigerwaldes.

Mit gesenkten Köpfen kamen die Esel den Reitweg herab, weiches Wasser zu holen vom Kochbrunnen im Tale.

201 Ein Knecht klapperte in Holzschuhen über den Schloßhof und trug die nassen zerbrochenen Ziegel auf einen Haufen zusammen.

Aus dem Kamin des Küchenhauses stieg der Rauch. Doch immer wieder faßte ihn der Wind und schlug ihn zurück in Küche und Schloßhof.

Und es ging ein Raunen durch die Burg. Die Stallknechte steckten die Köpfe zusammen, die Mägde wisperten am qualmenden Herdfeuer, hüstelten und wischten sich den Rauch aus den Augen. Die Gürtelmägde huschten mit geheimnisvollen Gesichtern über die Gänge und raunten in den Kammern, die Eseljungen riefen die Nachricht über die Hecken der Gärten und trugen die Neuigkeit hinab an den Brunnen. Und mit all den Wasserbutten der Weiber schlüpfte Frau Märe in die Häuser und Hütten des Dorfes.

Die alte Kunne kam in Richizas Kammer, öffnete den Fensterladen und trat an das Bett.

»Jungfrau!«

Mit offenem Munde, mit rotgeschlafenen Wangen lag das Kind.

»Jungfrau!«

Richiza öffnete die Augen und blickte verwundert auf das Gesicht der Magd. »Kunne?« flüsterte sie gähnend.

»Jungfrau – pst – erschreckt nur nit!«

»Kunne?« Richiza fuhr empor, und die Decke glitt von ihren weißen Schultern.

202 »Jungfrau, er ist gekommen.«

Heftig schluckte das Kind. »Kunne – wann?«

»Heut nacht, Jungfrau.«

»O Kunne, bei dem Wetter!« – – – –


Hochaufgerichtet saß der blinde Graf in seinem Stuhle, und seine Hände umklammerten die Armlehnen. Zur Seite im Fenster stand mit gefalteten Händen die Gräfin. An der Tür aber wartete Jung-Friedel und starrte mit angstvollen Augen auf das unbewegte Antlitz des Alten.

»Herr Vater!« sagte er und hob flehend die Hände.

Der Graf führte die hohle Hand hinters Ohr und beugte sich ein wenig vor: »Wer bist du?«

»Herr Vater!« sagte der Knabe zum zweitenmal und kam näher.

»Zurück!« murrte der Alte und ließ die Hand auf die Armlehne sinken.

Der Knabe wich zurück an die Tür: »Herr Vater, hört mich in Gnaden an. Herr Vater – ich weiß nicht, wie's geschehen ist. Ganz und gewiß, Herr Vater, ich weiß nicht.«

»Wo sind deine Brüder?« fragte der Graf mit dumpfer Stimme.

»Herr Vater, nehmt mich in Gnaden an, ich hab' – ich hab' keine Schuld.«

»Keine Schuld? Die Vögel pfeifen deine Schande von den Dächern, du – Mensch!«

203 »Herr Vater –!« Ein Schauer schüttelte den Knaben, seine Zähne schlugen aufeinander.

»Vieles ist möglich auf Erden,« sagte der Blinde. »Der eine verliert das Licht seiner Augen – er kann dennoch weiterleben. Der andre verliert Hab und Gut – er kann dennoch weiterleben. Der dritte verliert« – ein Zucken ging über die Züge des Alten – »der dritte verliert sechs Söhne an einem Tage – – er muß dennoch weiterleben. Vieles ist möglich auf Erden, und vieles verstehe ich, weil ich es kenne. Aber eines verstehe ich nicht, weil ich's nicht kenne: Wie vermag einer weiterzuleben ohne die Ehre?«

Tiefauf schluchzte der Knabe, lief zur Mutter, warf sich zu Boden und umklammerte ihre Knie: »Frau Mutter – glaubt Ihr auch, daß ich – feige gewesen bin?«

»Steh auf und höre, was der Herr Vater sagt!« murmelte die Herrin mit tonloser Stimme, wandte sich ab und sah zum Fenster hinaus.

»Ihr – auch –?« keuchte der Knabe, stand auf, strich die wirren Locken aus der Stirn und stieß zum zweitenmal in unsäglicher Angst heraus: »Ihr – auch, Frau Mutter?«

»Tritt an die Tür!« befahl der Alte. Und mit geballten Fäusten ging der Knabe zurück an die Tür.

»Was soll ich, Herr Vater?«

»Sattle deinen Gaul, reite auf heimlichen Pfaden durch die Wälder nach Ebrach, klopfe an 204 und bitte, daß dich die Mönche begraben bei lebendigem Leib!«

Der Blinde erhob sich und ging in den Hintergrund des Gemaches.

Mit geballten Fäusten stand der Knabe und starrte zu Boden. Dann aber warf er trotzig das Haupt zurück, strich die Locken aus der Stirn und sagte: »Zu den Mönchen? Niemals, Herr Vater!«

»Und einen Vater hast du gehabt,« kam's aus dem Hintergrunde des Gemachs.

»Frau Mutter –?«

Lange wartete der Knabe auf Antwort. Verhaltenes Schluchzen kam aus dem Fenster – sonst nichts.

»Frau Mutter –?« fragte der Knabe zum zweitenmal und spähte mit angstvollen Augen hinüber.

Heftig schluchzte die Herrin; vergeblich wartete der Knabe auf Antwort.

Seine Hand tastete nach der Klinke, und mit bebender Stimme fragte er: »So bin ich verstoßen von euch?«

»Ja!« sagte der blinde Mann mit fester Stimme.


Jung-Friedel lag hinter verschlossenen Fensterläden auf seinem Bette und hatte das Antlitz in den Kissen vergraben.

Draußen ging das Leben weiter wie jeden Tag.

Reitknechte führten schwatzend ihre Pferde aus 205 dem Stalle; sie saßen auf, und die Eisen klapperten über das Pflaster des Hofes.

Aus der Ferne klang das helle Hämmern des Burgschmiedes.

Am Ziehbrunnen stand der Kämmerling und ließ den Holzeimer am langen Seile hinab in die Tiefe; pfeifend drehte sich die Walze, und langsam schwebte der Eimer wieder zum Lichte empor – der Eimer mit dem kalten harten Trinkwasser des gnädigen Herrn.

Im Torbogen saß der Wächter und gähnte. Ein gräflicher Bote kam herauf, gab seine Blechbüchse ab, schimpfte über das Unwetter der vergangenen Nacht und über die grundlosen Wege. Dann standen die beiden raunend beisammen, und der Bote warf zuweilen einen scheuen Blick zu den Fenstern des Palasses empor. »Ja, ja, Gevatter,« meinte er endlich, »es ist nit alles Gold, was glänzt, und große Leut' haben große Sorgen.« Kopfschüttelnd trat er in das Torstüblein, derweil der Wächter die Botenbüchse in die Schreibstube trug.

Ein Kameltreiber kam mit seinem Tiere vom Dorfe herauf, ein schwarzhaariges Weib trottete hinterdrein, und ein geputztes Äfflein saß auf ihrer Schulter. Wehmütig erklang die Sackpfeife im engen Schloßhof, das Äfflein sprang auf den Rücken des Kamels, stellte sich auf den Kopf und zappelte mit den Beinen. Aber schon rannte der Wächter aus dem Palas und winkte heftig ab. Jählings 206 verstummte die Sackpfeife. Ein Heller klirrte vor die Füße des Fahrenden. Er raffte ihn auf und entwich aus dem Hof.

Der Jäger kam vom Walde her, keuchte unter der Last eines Bockes und stapfte ins Küchenhaus.

Die Reitknechte kehrten auf schwitzenden Rossen heim; kreischend drehten sich die Stalltüren in ihren Angeln.

Schrill tönte endlich die Glocke am Küchenhause und rief das Gesinde zum Mittagsmahl.

Es war sehr still im Palas. Der Graf kam nicht aus seinem Gemach. Niemand erblickte die Gräfin. Der Knabe aber lag in der dunkeln Kammer und war allein mit seinen Gedanken.

So ging der Tag dahin.


Des Abends in der Dämmerung verließ der alte Kämmerling das Gemach des Grafen und schritt langsam über das Ziegelpflaster des Laubenganges. Er trug das Haupt gesenkt, und sein silberweißes, kurzgeschorenes Haar blinkte, wenn er durch den Lichtschein der Ampeln schritt. Langsam stieg der kleine Mann zur Kammer des Knaben empor, langsam und nachdenklich.

Etlichemal pochte er an die Tür, zuerst leise, dann laut. Er bekam keine Antwort. Da drückte er die Klinke herab. Die Tür war nicht verschlossen. Auf den Fußspitzen ging er zum Kamin, schlug Feuer und zündete den Wachsstock 207 an. Die schwache Flamme erhellte notdürftig das Gemach.

Bescheiden trat der alte Knecht vor das Bett und sagte: »Jungherr!«

Jung-Friedel regte sich nicht.

Geduldig, mit gefalteten Händen, wartete der Getreue. – »Jungherr!« sagte er endlich zum zweitenmal.

»Geh weiter, ich brauch' dich nicht!« kam es dumpf aus den Kissen. »Geh weiter, sag' ich.«

»Verzeiht einem alten Manne, Jungherr! Hab' Euch auf meinen Armen getragen, als Ihr klein waret. Warum sollt' ich nicht an Euer Lager treten, da Ihr groß seid und Herzeleid habt?« Er nahm einen Schemel, ließ sich am Fußende des Bettes nieder und stützte das Kinn auf die Fäuste.

»Herzeleid?« grollte der Knabe. »Wer sagt dir, daß ich Herzeleid habe?«

Der Alte überhörte die Frage: »Jungherr, was soll's nun werden? Mir dünkt, Ihr könnt nicht immer also liegen.«

»Ich weiß schon, dich hat der Herr Vater geschickt!« grollte der Knabe. »O – ihr –!« Mit einem Ruck fuhr er empor und saß nun aufrecht in seinem Bett, richtete die Augen drohend auf den alten Mann und rief: »Keinem trau' ich, alle sind mir feind, alle sind falsch – laß mich – geh!«

»O Jungherr!« Der alte Mann preßte die Hand aufs Herz. »Wenn ich Euch nur helfen könnte,

208 Jungherr, wie gern gäb' ich die paar Jährlein meines Lebens dran!«

»Hat dich der Herr Vater geschickt?« forschte der Knabe.

»Geschickt?« fragte der Knecht. »Nein, geschickt hat er mich nicht,« sagte er bedächtig.

»Nun also!« rief der Knabe, warf sich zurück und vergrub das Gesicht.

»Geschickt? Nein,« wiederholte der Kämmerling. »Aber es kann sein, daß er's weiß,« setzte er vorsichtig hinzu.

»Was?« kam es dumpf aus den Kissen.

»Daß ich zu Euch heraufgestiegen bin, Jungherr.«

Der Knabe richtete sich halb in die Höhe und fragte mit abgewandtem Antlitz: »Glaubst du's auch?«

»Was, Jungherr?«

»Ob du auch glaubst, was der Vater glaubt und die Mutter und all die andern?«

Der Alte schwieg.

»So rede doch!« stöhnte Jung-Friedel.

Der Alte schwieg noch eine Weile. Dann kam es zögernd von seinen Lippen: »Jungherr, ich bin seit vierzig Jahren der Knecht meines Herrn –«

»Ob du's glaubst?« schrie der Knabe.

»Was hilft's Euch, ob's der Knecht glaubt oder nicht glaubt? Und wie sollt' mir geziemen, mit Euch darüber zu reden?«

209 Da seufzte Jung-Friedel und legte sich auf den Rücken. »So sprich, was willst du von mir?«

Der Greis rückte seinen Schemel ein wenig näher. »Ihr wißt noch, Jungherr, wie Ihr vorzeiten auf meinen Knien geritten seid drunten am Herdfeuer in der Knechtstube? Zu dritt sind wir gesessen manchen Abend lang, wir zwei und einer, der jetzt schwerwund in Kitzingen liegt –«

»Der Eckart,« murmelte Jung-Friedel.

»Ganz recht, der Eckart,« nickte der Kämmerling. »Und der Eckart hat Pfeile geschnitzt, und ich hab' Geschichten erzählt, und was ich nit gewußt hab', hat der Eckart gewußt, und Ihr habt nie genug hören können und habt gefragt und gefragt, und ist eine glückselige Zeit gewesen.«

Der Knabe stöhnte: »Gewesen.«

»Weiß noch wie heut, und Ihr, Jungherr, wißt's auch.«

»'s ist lang gewesen,« brachte Jung-Friedel heraus.

»Recht habt Ihr, Jungherr, 's ist lang gewesen,« nickte der Kämmerling. »Aber es ist doch einmal gewesen, und Ihr habt an manch einem Abend manch Märlein von uns gehört, und an manch einem Abend seid Ihr eingeschlafen auf meinen Knien, und ich hab' Euch endlich in Eure Kammer getragen. Und ist eine glückselige Zeit gewesen.« Er schwieg. Nach einer Weile aber setzte er traurig hinzu: »Zeit! Was Zeit? Die Zeit ist immer die 210 gleiche, nur wir Menschen werden anders in der Zeit. Und dann sagen wir, die Zeit ist anders geworden.«

Einen verstohlenen Blick warf der Alte auf den Knaben. Der lag mit geschlossenen Augen ruhig atmend auf seinem Bett. Da huschte ein zufriedenes Lächeln über das faltige Gesicht des Knechtes; er senkte den Kopf und fuhr mit raunender Stimme fort: »Und wißt Ihr noch das Märlein vom Königssohn, Jungherr?«

Der Knabe schwieg.

»Vom Königssohn?« wiederholte der Greis dringend. »Jungherr, mir dünkt, Ihr habt das Märlein vom Königssohn vergessen.«

Ruhig atmend lag der Knabe, und mit murmelnder Stimme begann der Alte seine Geschichte.

Der Knabe rührte sich nicht. Als aber der Knecht ein wenig innehielt, sagte er leise: »Sprich weiter, es ist noch nicht aus!«

»Nein, Jungherr, Ihr habt recht, es ist noch nicht aus – es ist noch lange nicht aus. Alle ließen ihn im Stich, und er war auf sich allein gestellt. Hört Ihr? Auf sich allein! Da ging er mit sich zu Rate, sprach: Was soll ich tun? Soll ich auf den Turm steigen und in die Tiefe springen? Nein, sagte er und blickte empor zum Abendstern, ich tu's nicht! Denn ich will mir nicht auch Gott den Herrn zum Feinde machen und als ein Schächer in Schande dahinfahren.«

211 »Woher weißt du, was er da alles gedacht hat?« unterbrach ihn der Knabe und öffnete die Augen.

»So hab' ich das Märlein gehört, Jungherr, und so geb' ich es weiter,« murmelte der Kämmerling. »Was weiß ich? Es ist wohl nicht anders gewesen.«

»So erzähle mir weiter,« flüsterte der Knabe und schloß die Augen.

Da fuhr der Knecht fort: »Und also ging er nicht auf die Zinne des Turmes. Und es überkam ihn der Schlaf. Er ruhte in Frieden und hatte all das Erdenleid vergessen. Auf einmal trat ein Fremdling an sein Lager, neigte sich über ihn und sprach: Steh auf, mein Sohn, und kleide dich an, und um die Mitternacht geh aus deines Vaters Hause, geh hinaus unter die Linde, besteige das Roß und ziehe in Frieden.«

Der Knabe richtete sich empor und sah nachdenklich in das gute, faltige Antlitz des Kämmerlings. Und leise fragte er: »Wohin ist seine Fahrt gegangen?«

Der Alte senkte das Haupt und faltete die Hände: »Jungherr, mir dünkt, er ist gen Morgen gezogen.«

»Gen Morgen?« murmelte der Knabe.

»Ja, gen Morgen, Jungherr. Gewiß, gen Morgen. Im Sternenlichte ritt der Königssohn zwischen den Bäumen des Waldes dahin. Und wieder kam der Fremdling, schritt ihm voran über Berg und Tal, hinaus auf die Heerstraße, dem Strom zu. Die Sonne ging auf, und die Nacht 212 entwich. Zahllose Reiter zogen auf der gleichen Straße zum Donaustrom hinab; an ihren Mänteln aber blinkte das Kreuz. Die Rosse wieherten der Sonne entgegen, die Waffen funkelten, die Augen leuchteten, einer begann zu singen, andre fielen kampfmutig ein.«

»Und was haben sie gesungen?« fragte der Knabe.

»In Gottes Namen fahren wir –!« sagte der Kämmerling, erhob sich und ging leise aus der Stube.

Nach einer Weile kam er zurück, brachte eine hellbrennende Kerze, deckte den Tisch, ging ab und zu. Endlich trat er an das Bett des Jungherrn und mahnte: »Stehet auf und esset; denn Ihr habt einen weiten Weg vor Euch!«

»Ich?« kam es zögernd von den Lippen des andern.

»Ja, Ihr, Herr,« sagte der Alte mit Nachdruck. »Und habt acht auf die linke Satteltasche, da steckt der Beutel –«

»Ich will sein Geld nicht!« rief der Knabe trotzig.

Unhörbar lachte der Alte, ging hinaus und kam wieder, brachte die Reisekleider, die Lederkappe, das lederne Wams, die schweren Stiefel, das breite Schwert am schwarzen Gurt und legte alles zurecht. Und zwischenhinein sprach er raunend vom Königssohn: »Er ist klug gewesen und hat nie keinem von dem Geld im Beutel erzählt. Herrendienste hat er 213 gesucht, und seinen Namen hat er keinem Menschen entdeckt. Als ein Knecht ist er geritten, und als ein Held hat er gekämpft.«

»Erzähl mir das Märlein zu Ende!« bat der Knabe.

»Das Märlein ist aus,« antwortete der Knecht in Demut.

»Und was ist endlich geworden aus ihm?« fragte der Knabe dringend.

Unhörbar lachte der treue Mann: »Ist mir's doch, als säßet Ihr noch wie vorzeiten, Jungherr, drunten am Herd auf meinen Knien. Wie kann ich das Allerletzte wissen von all den unzähligen Märlein? Ich kann nur sagen, was ich glaube – nicht, was ich weiß.«

»Und was glaubst du?« fragte der Knabe.

»Daß er gut gefahren ist, wenn –«

»Wenn?«

»– wenn er in Gottes Namen gefahren ist – – so oder so,« antwortete der Alte mit Nachdruck.

»Es wird nie mehr gut werden!« stöhnte Jung-Friedel und warf sich in die Kissen zurück.

»Herr,« sagte der Knecht, »ich habe siebzig Winter gesehen. Ich weiß, daß die Sonne gar oft hinter Wolken verschwindet, ich weiß, daß sie alle Abende ins Meer sinkt, und ich weiß, daß sie doch wieder hervorkommt zu ihrer Zeit. Und das ist wahr und muß wahr bleiben – und dennoch vergessen's die Menschen immer wieder und wieder.« Und damit ging er aus der Kammer.

214 Jung-Friedel stand auf und begann sich zur Reise zu rüsten. Er grollte mit seinem Vater und zürnte mit seiner Mutter; er ballte die Faust gegen die Decke der Kammer.

Da traf ihn gleich einem Blitz die taghelle, die unentrinnbare Erkenntnis: Und wenn wir uns für schuldlos hielten wie ungeborene Kinder – es ist doch alles Schuld und Sühne in unserm Leben und Schicksal.

Da löschte er das Licht aus, setzte sich ans Fenster und rang mit seinen Gedanken.


Um dieselbe Zeit begab sich die alte Kunne ins Gemach der Gräfin, nahm das Staubtuch und begann eine Truhe abzureiben. Und nach einer Weile hub sie an: »Das ist noch nie gewesen und kann einem sein Herz abstoßen.«

Regungslos saß die Gräfin in ihrem Fenster.

»Fünfe hat ihm der Tod geholt,« fuhr die Gürtelmagd fort, »der sechste ist zum Krüppel gehauen, und der siebente – den jagt er aus dem Vaterhaus ins Elend.«

Ein tiefer Seufzer kam aus dem Fenster.

Da stand die Magd auf, stellte sich mit geballten Fäusten vor die Truhe und sah mit funkelnden Augen hinüber ins Fenster: »Den jagt er aus dem Haus, und die leibliche Mutter guckt zu.«

»Kunne!« zürnte die Gräfin.

Da wandte sich die Alte, kniete vor der Truhe 215 nieder, hob den schweren Deckel, kramte in der Tiefe und füllte ihre Schürze. Und mit hastigen Schritten kam sie über die Stube gegangen, stellte sich vor die Herrin und legte ihr eines nach dem andern in den Schoß: ein seidenes Halstuch, ein Paar lederne Schühlein, eine Kinderklapper, ein Knabenmützlein, ein hölzernes Pferdchen. Und jedesmal sagte sie: »Kennt Ihr's noch? Wißt Ihr's noch?«

Ein Zucken ging über das vergrämte Antlitz der Herrin, Tränen tropften in ihren Schoß, auf die kleinen, lieblichen Andenken. Aber sie schwieg.

Da murrte die alte Magd Unverständliches, erhob sich, ging zurück an die Truhe, packte alles wieder hinein, schloß den Deckel und sagte hörbar: »Was hilft Euch das Weinen?«

»Wie kann ich wider meinen Herrn, wenn er befohlen hat?« sagte die Gräfin, als spräche sie zu sich selbst.

Zornig rieb die Magd an ihrer Truhe und murmelte, als spräche sie zu sich selbst: »Wie kann ich wider meinen Herrn –!«

Eine Zeitlang blieb sie und wartete, ob die Gräfin noch etwas sage. Dann erhob sie sich und ging aus der Türe.

*

Nacht war's, und in tiefem Frieden lag die Burg. Zuweilen schlug ein Roß im Stalle, zuweilen kreischte eine Katze im Gärtlein. Nur im Gemache des alten Herrn brannten die Kerzen, und durch 216 die Ladenritzen drang der Lichtschein hinaus in die Dunkelheit.

Alle Kerzen des Kronleuchters brannten, alle Truhen an den Wänden standen offen, und in seinem Stuhle saß der Blinde. Eine schwarze Mütze bedeckte seinen Scheitel, die geflochtenen Strähnen seines Haupthaares hingen auf Schultern und Brust herab und er hielt Zwiesprache mit alten Zeiten, die emporstiegen aus den weitgeöffneten Rachen der Truhen.

Leise kramte der Kleriker in den Truhen und brachte dem Herrn, was dieser begehrte.

»Alte Schätze muß man im Kerzenlichte beschauen,« sagte der Blinde und streichelte einen zerschlissenen Schleier, der auf seinen Knien lag. »Du lächelst, Andächtiger? O, ich weiß, was du meinst. Dir kann's gleich sein, Graf Friedrich, ob nun die Sonne scheint oder die Kerzen leuchten. – Torheit! Ich weiß die Nacht und ich kenne den Tag, ich fühle das Licht und ich trage die Finsternis gleich sehenden Leuten.«

Er hob den Schleier und legte ihn an seine Wange. »Es tut mir wohl, in den Truhen zu wühlen. Die alte Zeit schläft in ihren Tiefen. Der da ward vor einem halben Jahrhundert gewoben, und hinter Akkon hab' ich ihn an meiner Lanze getragen. Nimm – leg ihn zurück! Wer wird dereinst nach meinen Tagen das alles wissen von ihm?«

217 Geräuschlos kam der Kleriker und holte den Schleier.

»Ich muß mich flüchten aus meiner Trübsal,« murmelte der Greis.

»Zu denen, die überwunden haben,« antwortete der Pfaffe.

»Überwunden,« wiederholte der Blinde; »wohl dem, der überwunden hat!«

»Wohl dem, der mit Frieden zu weilen vermag in seiner Vergangenheit,« sprach der Kleriker.

»Bring mir die Stammtafel!« befahl der Blinde.

Da brachte der Andächtige die Pergamentrolle, zog sie auseinander und legte sie auf den Schoß des Herrn.

»Lies mir die Namen!«

Gehorsam griff der Kleriker nach dem Pergamente.

»Nein, lies die Namen heute nicht!« rief der Alte und hielt die Rolle fest. »Was sind Namen? Gleitende Schatten an weißen Wänden. Hast du die Kreuzlein über die Namen der Toten gemalt?«

»Ja, Herr.«

»Wie viele Kreuzlein?« fragte der Alte.

»Fünf Kreuzlein, Herr.«

»Male zum sechsten Namen das sechste Kreuz – hörst du, Andächtiger?«

»Morgen, Herr, wenn Ihr befehlt,« antwortete der Kaplan mit leiser Stimme.

218 »Leg die Rolle zurück und bring mir das Schwert,« sagte der Graf.

Da hob der Pfaffe ein seidenes Bündel aus der Truhe und befreite das uralte Kurzschwert aus seiner Umhüllung.

»Und den Adler!« befahl der Blinde. »Schwert und Adler gehören zusammen; mit dem Schwert hat der Urahn den Adler gewonnen.«

Da brachte der Pfaffe den römischen Adler und legte ihn dem Herrn auf den Schoß.

Prüfend fuhren die Finger des Greises über den scharfen Schnabel und die starren, flugbereiten Schwingen des goldenen Feldzeichens und betasteten die Bruchstelle des Eschenschaftes. Dann fragte er: »Und wann, Andächtiger, mag's wohl gewesen sein?«

»Vor vielen hundert Jahren, Herr, vielleicht vor tausend Jahren.«

»Sind tapfere Leute gewesen, die Ahnen,« sagte der Greis nach einer Weile.

»Und auch die Urenkel wissen noch heute mit Ehren zu sterben,« sprach der Kaplan.

In sich zusammengesunken saß der Alte. Seine Hände verschlangen sich über dem Schwerte, eine Träne rann aus den erloschenen Augen und tropfte herab auf den Stahl. Mit trübem Lächeln murmelte er: »Vor dir, Andächtiger, muß ich mich meiner Tränen nicht schämen –?«

Der Kleriker ließ sich zu Füßen des Blinden auf 219 den Schemel nieder und sagte: »Nein, Herr, gewiß nicht.«

»Vor meinem Weibe möcht' ich nicht weinen,« fuhr der Greis fort. »Es taugt nichts, wenn einer weint vor seinem Weibe. Weiber müssen glauben, daß richtige Männer gar nicht weinen können. Vor dir darf ich weinen – dir muß ich ja doch auch meine Sünden bekennen – nicht?«

»Euerm himmlischen Vater durch mich,« belehrte der Kleriker.

»Ich will mich aus meiner Trübsal flüchten zu denen, die überwunden haben,« murmelte der Blinde.

»Und in weißen Kleidern stehen vor Christus dem Herrn,« ergänzte der Kaplan. »Wohl dem, der mit Frieden zu weilen vermag in seiner Vergangenheit,« wiederholte er nachdrücklich. »Denn endlich wird er immer allein sein,« setzte er leise hinzu.

»Wie meinst du das?« fragte der Alte.

»Die Helfer zum Recht und die Genossen im Unrecht fahren mit der Zeit und verwehen wie Spreu in der Zeit. Ein jeder aber wird endlich allein stehen.«

»Wie meinst du das?« fragte der Alte und rückte hin und her auf seinem Stuhle.

»Alle Erdendinge bleiben wie sie sind, Herr. Nur wir sehen sie heute im Lichte, morgen im Schatten. Wer aber weiß, ob nicht morgen schon die Lichter anders fallen wie heute?«

220 »Wie meinst du das?« fragte der Alte zum dritten Male.

Demütig senkte der Kleriker das Haupt: »Vergebt mir, o Herr, in Gnaden. Wenn die Lichter anders fallen, ändert sich die Gestalt der irdischen Dinge. Vergebt, Herr – werdet Ihr Euern Jüngsten verstoßen?«

»Leg den Adler und das Schwert in die Truhe zurück!« befahl der Greis mit rauher Stimme. »Was weiß ich vom Lichte? Du Tor!«

Gehorsam erhob sich der Kleriker und nahm das Feldzeichen samt der Waffe vom Schoße des Herrn. »Ich habe von irdischen Dingen gesprochen – aber nicht vom irdischen Lichte,« murmelte er.

»Und was geht's dich an?« grollte der Blinde.

Da schloß der Pfaffe die Truhe, kam zurück, trat vor den Herrn, schob die Hände kreuzweise in die Ärmel seines Gewandes, neigte das Haupt und sagte leise: »Mich nichts, wohl aber Eure Seele, Herr!«

»Meine Seele?« murmelte der Alte und lehnte sich zurück.

»Eure Seele, Herr! Gar manches wird Euch groß erscheinen zu seiner Zeit, was Ihr heute gering achtet, und an manchem werdet Ihr schwer tragen, wenn Ihr einst wartet aufs Urteil.«

Lange schwieg der Greis. Dann sagte er hoheitsvoll: »Den Friedel –? Du verstehst das noch weniger als ein Weib, Andächtiger.«

221 Flüsternd antwortete der Kleriker: »Mag sein, Herr. Aber wozu lasset Ihr mir meinen Unterhalt reichen, wenn ich Euch nimmer warnen soll?«

»Schließ alle Truhen!«

»Sie sind geschlossen.«

»Lösch die Lichter aus und führ mich an mein Schlafgemach, Andächtiger.«

*

Es war Mitternacht, und die Deichsel des Himmelswagens funkelte über dem engen Schloßhofe.

Reisefertig lehnte Jung-Friedel im Fenster und lauschte.

Die kleine Gestalt des Kämmerlings bewegte sich die Freitreppe vom Palas herab und glitt geräuschlos über den Hof. Die Stalltür pfiff, Rosse sprangen schnaubend mit dumpfem Gepolter in die Höhe, Ketten klirrten. Und nach einer Weile pfiff die Stalltür abermals. Der Kleine führte ein Pferd heraus, über den Hof, in die finstere Torhalle. Die Tür des Pförtners knarrte, Schlüssel rasselten, Riegel knirschten.

Da schlug Jung-Friedel den Mantel um die Schultern, löschte die Kerze und verließ das Haus seiner Väter.

Im Hofe wandte er sich und sah noch einmal empor zu den Fenstern des Palasses. Die weißen Säulen des Laubenganges blinkten im Scheine der 222 Sterne, geschlossene Läden und dunkle Fensterhöhlen starrten auf den Knaben hernieder. Nur an einem Fenster glitzerten runde Glasscheibchen im Sternenlichte – und Jung-Friedel kannte das Fenster gar wohl.

Mit gesenktem Haupte ging er über das Pflaster in den hallenden Torweg.

Nahe der Grafenlinde stand der Kämmerling, und neben ihm raufte das Pferd hörbar das Graf am Wegraine. Schwarz und massig ragte der große Baum zum Sternenhimmel empor.

»Den Rusche –?« stieß der Knabe verwundert heraus und klopfte fast zaghaft den Hals des Pferdes.

Wortlos stemmte sich der Kämmerling gegen den Sattel und hielt den Steigbügel. Jung-Friedel schwang sich aufs Pferd; der Greis aber sank ins Knie und küßte wortlos den Saum seines Mantels.

Mit wehmütigem Lächeln bog sich der Knabe herab zum Freunde seiner Kindheit und streichelte den silberweißen Scheitel.

Schluchzend brachte der Kämmerling hervor: »Gott halt Euch, Jungherr, alles wird gut. Und die Frau Mutter läßt Euch grüßen.«

»Die Mutter –?« Jung-Friedel besann sich. »So grüß mir« – er stockte – »grüß mir die Mutter!« Aber dann nahm er das Pferd zusammen und ritt zwischen die Palisaden.

Zwei Rüden fuhren ihm winselnd entgegen 223 und umsprangen sein Pferd. Eine schlanke, dunkle Gestalt kam auf dem Fahrweg heran.

»Richiza –!« Der Knabe schwang sich vom Pferde.

»Friedel –!« flüsterte das Kind und streckte ihm die Hand entgegen. Und wedelnd kamen die Rüden und schoben ihre großen Köpfe zwischen die beiden und rieben sich an ihren Knien.

»Bist du's wirklich?« fragte der Knabe, als könnt' er's noch gar nicht begreifen.

»Stripp, leg dich, kusch, Bracka!« befahl Richiza. Und gehorsam streckten sich die großen Tiere abseits in den feuchten Sand.

Unschlüssig stand Jung-Friedel und sah forschend auf ihr bleiches Gesicht.

»Richiza!« stieß er nach einer Weile heraus, »bist du, bist du auch wie die andern – – glaubst du's auch?«

Sie stand mit gefalteten Händen, ihre Brust hob und senkte sich, große Tränen tropften auf ihr schimmerndes Gewand und ganz leise antwortete sie: »O Friedel – ich?«

»Ei, das ist gut,« meinte er; »denn höre, wenn du mich nun auch so« – er ballte zornig die freie Hand – »so mitleidig wie die andern angesehen hättest, dann wärst du mir besser nicht in den Weg gelaufen.«

»O Friedel, wo ich doch selber schuld hab' an all dem Unglück?« Sie preßte die Hände vors Gesicht und schluchzte laut auf.

224 »Du –?« fragte er verwundert.

»Ja, ich!« rief sie schluchzend und wandte das Gesicht zur Seite. »Komm, Friedel, führe du dein Pferd und laß mich da herüben gehen – so – das Pferd muß zwischen uns sein, und du darfst mich auch nicht ansehen, wenn ich rede. Und jetzt geschwind, damit ich wieder schlafen kann! Und wenn ich fertig bin, dann schilt mich, dann schlag mich – es ist mir alles recht.«

Und so gingen sie langsam auf dem sternenhellen Fahrweg zwischen den hohen Palisaden unter dem Schlosse hin. Das Pferd schritt zwischen ihnen, hinterdrein tappten bedächtig die Hunde Bracka und Stripp.


»Jetzt ist's heraußen, und jetzt mach mit mir, was du willst!« sagte sie leise und blieb stehen.

Da hielt er das Pferd an, schlang den Zügel um den Arm und kam auf die andre Seite.

»Chizzi –!«

»Schlag mich, mach geschwind – ich hab's verdient – aber geschwind!« Sie stand mit gesenktem Haupte und gefalteten Händen und zitterte heftig.

»Das Heiltum ist schuld gewesen?« fragte er. »Das Heiltum, meinst du?«

»Ja freilich – was denn sonst?«

»Und vorn an der Brust war's eingenäht?«

»Zuerst gestohlen und dann eingenäht, der heidnische Greuel,« klagte sie und begann aufs neue zu 225 schluchzen. »O, ich weiß wohl, was der selige Lutz von dem Steinlein gesagt hat!«

»Da hat also die Frau Mutter ein leeres Bäuschlein an die Fahne geheftet?« sagte er nachdenklich.

»Ach, heilige Jungfrau, und dir hat's Unheil gebracht!« klagte sie.

»Chizzi – horch!« Er lachte. »Für mich hast du's dem Vater –«

»– gestohlen!« unterbrach sie ihn und stampfte.

»– und meinem Bruder Heinz hat die Kunne das Heiltum ans Hemde genäht.«

»Dem Heinz –?«

»Jawohl, Chizzi, dem Heinz. Gott hab' ihn selig, ich seh' ihn noch, wie er das Bäuschlein findet am Morgen vor der Ausfahrt und wie er zornig schreit: ›Das hat mir über Nacht die Drud getan‹ –«

»O Friedel –!«

– »und nimmt den Dolch, schneidet das Bäuschlein ab, spießt's an, trägt's ins Fenster und wirft's hinaus in den Graben –«

Mit offenem Munde, mit gefalteten Händen stand das Fräulein und starrte ihn an, atmete tief auf und stammelte: »Dann seid ihr ohne das Heiltum geritten?«

»Heiltum – was Heiltum, Chizzi?«

»Vielleicht ist's doch ein Heiltum gewesen, Friedel?« sagte sie angstvoll.

»In Gottes Namen sind wir gefahren, Chizzi,« 226 antwortete er mit Ernst, wie vorher der Kämmerling. »Und doch ist's bös gegangen.«

Sie schwiegen. Das Pferd aber kam einen Schritt näher und rieb die Nase am Wams des Jungherrn.

»O, läg' ich drunten bei den Brüdern!« begann er zu klagen. »Chizzi – kannst du dir's denken? Verschlafen hab' ich den heißen Tag – verschlafen!«

»O ja, Friedel,« meinte sie eifrig; »schau, hab' ich doch auch schon so manchen hellen Morgen verschlafen.«

»O Chizzi –!« Er lachte. »Das ist doch zweierlei.«

»Friedel –?« Sie stockte und wandte das Köpflein zur Seite.

»Sag's nur heraus, Chizzi!«

»Friedel, hast du vielleicht einen –«

»– einen Rausch gehabt, Chizzi?«

Ernsthaft nickte das Kind.

Er schüttelte das Haupt. »Ich habe mich gehalten, wie sich's geziemt vor der Schlacht. Einen einzigen Becher Wein habe ich getrunken, und den hat mir der Tannhauser gegeben.«

»Der Tannhauser?« Sie schüttelte sich.

»Nun ja, der Tannhauser,« sagte er; »denn mir ist übel gewesen. Aber was hast du denn, Chizzi?«

»Der Tannhauser, Friedel?« sagte sie zum zweiten Male.

»Der Hund!« murrte der Knabe. »Und weißt 227 du, Chizzi, was mich am meisten grämt? Die andern hat er verraten, und gegen mich ist er so freundlich gewesen.«


»Sie schicken dich fort, Friedel?« fragte sie nach einer Weile.

»Sie jagen mich aus dem Hause, Chizzi. Aber es ist gut so, ich gehe gerne. Ich – ich« – er schluckte – »ich möchte nun gar nimmer bleiben.«

Sie schlug die Hände vors Gesicht und weinte.

»Und wohin gehst du denn, Friedel?«

»Ich weiß nicht, Chizzi. Aber ich will nun ohne die andern fahren in Gottes Namen zum zweiten Male.«

Sie schluchzte heftig.

Unbeholfen streichelte er mit der freien Hand ihre kalten Finger. »Tut's dir leid, Chizzi?«

Heftig nickte sie.

»Und wenn sie nun schlecht reden von mir, Chizzi, wenn sie spotten über mich, die Knechte, die Gäste?«

Sie ließ die Hände sinken und rief schluchzend: »Dann kratz' ich ihnen die Augen aus!«

Da legte er den Arm um ihre Schulter und zog sie nahe an sich. Sie aber ließ es geschehen.

»Du wirst also zuweilen an mich denken, Chizzi?«

Sie zitterte und schmiegte das Haupt an seine Brust und hauchte: »Immer, Friedel, immer.«

»O Chizzi –!« Er neigte sich herab und küßte 228 die weiße Stirn. Richiza hob das verweinte Gesicht und sah ihn glückselig an. Da neigte er sich noch tiefer und küßte den zuckenden Mund.

»Wohin – Friedel?« fragte sie zum zweitenmal.

»Weiß nicht, Chizzi. Fort in die Welt, weit, weit fort.«

»O Friedel, mir ist so wehe!«

»Ich will wiederkommen, Chizzi.«

»Wann, Friedel?«

Er küßte sie. »Wenn – wenn ich mit Ehren kommen kann,« sagte er und zog die Brauen zusammen. »Und dann, Chizzi, dann – – willst du warten auf mich?«

Sie löste sich aus seinem Arme, sie trat zurück, sie faltete die Hände unter der Brust und sagte laut und fest mit ihrer tiefen Kinderstimme: »Bis in den Tod will ich warten auf dich.« Und hastig löste sie ein blausamtenes Band aus ihrem Haare und reichte es ihm hin.

Er lächelte glückselig hinüber zu ihr und nahm das Band.


Der Wächter des Außentores öffnete die schweren eichenen Flügel, schloß sie hinter dem Verstoßenen und schob die starken Bohlen vor. Jung-Friedel ritt durch den schweigenden Wald.

Der Morgen graute.

Die Sonne kam empor.

Der Tag wuchs.

229 Jung-Friedel ritt durch wohlbekannte Walddörfer.

Die blonden Kindlein spielten auf den Gassen, spielten die Spiele seiner eignen Jugend.

Ein Tag reihte sich an den andern. Jung-Friedel ritt im fremden Lande, fremde, dunkle Kinder spielten am Wegrande, eine fremde Sprache schlug an seine Ohren, und er kannte die fremden Spiele nicht mehr.

Aber mit ihm zog das Bild der Geliebten und das Wort ihres Abschiedes. Das reine Bild schwebte vor ihm her, schwebte hoch über dem Staub und Schmutz der Straße und gab ihm Kraft in seiner Schwäche, Mut in seiner Verzagtheit. Und wenn die Fiedeln zum Tanze lockten, wenn die Hörner zur Schlacht riefen, klang im Grunde seines Herzens das verheißungsvolle, das kindliche und doch so starke: Bis in den Tod will ich warten auf dich!

 

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