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Richiza

August Sperl: Richiza - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleRichiza
authorAugust Sperl
year1909
firstpub1909
publisherDeutsche Verlagsanstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleRichiza
pages369
created20140621
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Siebzehntes Kapitel

Es war ein Jäger zu Castell, ein Mann von großer Körperkraft, verschlagen und listig, in guten Jahren. Der bewegte ehrgeizige Gedanken in seinem Haupte, ging endlich zum blinden Herrn, beugte das Knie und sprach: »Vergebt, gnädiger Herr, wenn ein einfältiger Weidmann es nicht versteht, die Worte höfisch zu setzen gleich einem gräflichen Dienstmann –«

»Laß mich, will nichts hören von meinen Dienstmannen!« murrte der alte Herr; denn er war gewohnt, seinen Jägern zuweilen ein freies Wort zu gönnen.

»So möcht' ich Eure Gnaden fragen,« fuhr der Grünrock fort, »ob man's nicht einmal zur Abwechslung mit einem Jäger versuchen könnte.«

»Versuchen –?« fragte der alte Mann. »Was soll ich versuchen?«

Listig lächelte der Weidmann und sagte: »Den Tannhauser sollte man zur Strecke bringen, Eure Gnaden.«

»Wenn du mir den Hund lebendig nach Castell schaffst, Rasso –« der Graf atmete schwer auf, »dann –.« Er besann sich.

186 Gespannt blickte der Grünrock in das erregte Antlitz des Blinden.

»– dann gehört dir das Lehn im Walde,« vollendete dieser.

Ein wildes Lächeln blitzte über das braune Gesicht des Knechtes. Aber gemessenen Tones gab er zur Antwort: »Es ist nicht der Lohn, der mich lockt, Eure Gnaden; mir liegt die Ehre Eures Hauses am Herzen.«

Finster antwortete der Alte: »Und mir dünkt, auch du wirst höfische Zucht lernen ohne viel Mühe.«

»Eure Gnaden –!« stotterte der Grünrock.

»Was hast du also ausgeheckt?« unterbrach ihn der Greis.

»Ich lasse den Bau des Tannhausers seit einer Woche beobachten, Eure Gnaden; der alte Fuchs –«

»Der alte Hund!« rief der Graf und stampfte.

»Heimgekommen ist er noch nicht,« raunte der Knecht; »aber kommen wird er, Eure Gnaden, und dann –«

»So tu, was du willst!« sagte der Graf und wandte sich hochmütig ab. Als sich aber die Tür hinter dem Jäger geschlossen hatte, murmelte er grimmig: »Wenn ich ihn hätte, den Hund!«

*

Landregen war niedergegangen Tag und Nacht und hatte die Waldpfade aufgeweicht; in den lehmigen Geleisen stand das Wasser, zahllose 187 Schnaken fuhren blitzschnell hin und her auf den gelben Pfützen; die braunen Waldfrösche hatten gute Zeit.

Hinter schweren, kupferroten Wolken versank die Sonne. Dunkel ragten die Tannen und Eichen zum Abendhimmel empor.

Ein alter Mann kam durch den Wald gegangen, und in seinen Spuren trottete ein großer, struppiger Rüde. Der Mann schritt rüstig fürbaß und stieg endlich den letzten Hügel hinan.

Drunten im dämmerigen Tale ragte die kleine Wasserburg des Tannhausers. Mit Bedacht ging der Fremde im Hohlweg hinab, und hell klang die Eisenspitze seines Stabes auf den Steinen. Im Dämmerlichte ging die gebückte Gestalt über die Wiesen, durch das Dörflein, hinaus an den Weiher.

Dumpf klangen die Bohlen unter seinen schweren Schuhen, und mit hallender Stimme rief er vom Ende des Steges hinüber zum verschlossenen Tore.

Ein Kinderkopf lugte aus dem Guckloch über dem Wappenschilde des Rundbogens, und ein Stimmlein piepste: »Warte nur, ich sag's dem Bruder.«

Geduldig wartete der Mann. Hinter ihm hatte sich der Hund auf die Bohlen gestreckt.

Nach einiger Zeit fragte eine helle Knabenstimme aus dem Guckloch nach des Fremden Begehr. Laut antwortete der Alte. Immer wieder fragte der Knabe, alles wollte er wissen. Geduldig gab ihm der Alte Bescheid. –

188 Die Ketten liefen rasselnd über die Rollen, knarrend legte sich die Zugbrücke an das Ende des Steges, das Pförtlein tat sich geräuschlos auf, und der Fremde schritt über die Bretter.

»Jetzt aber müssen wir alle zusammen helfen,« erklärte der große Junge, legte die Finger an seine Lippen und stieß einen gellenden Pfiff aus. Alsbald polterten seine Brüder die Stiege herab über das Höflein und umringten mit offenen Mäulern den Gast.

»Anpacken!« befahl der Älteste, und alle hängten sich an die Kurbel. Kräftig half ihnen der Fremde, und mit leisem Stoße legte sich die aufgewundene Brücke wieder an den Torturm.

»Das macht unser Herr Vater immer allein,« sagte der Älteste mit Stolz. »Unser Herr Vater ist stark, den zwingt keiner. Aber nun komm zur Frau Mutter.«

»Kann ich sie unter vier Augen sprechen?« fragte der Fremde, als sie die enge Treppe hinanstiegen.

»Unter vier Augen?« Der Knabe besann sich. Dann schüttelte er das Haupt. »Nein, das geht nicht an,« sagte er mit Bestimmtheit. »Ich bin doch der Herr in der Burg, und also muß ich dabei sein.«


Dämmerlicht fiel durch das offene Fenster der kleinen Kammer. Drüben in der großen Stube lärmten die Kinder. Mit eintöniger Stimme sagte der Fremde die Botschaft.

189 Das Weib des Tannhausers war auf einen Schemel gesunken, stützte die Ellbogen auf die Knie und preßte die flachen Hände an die Schläfen. Der große Knabe stand auf dem Holztritt im Fenster. Er hatte die Hände geballt und blickte starr auf den Alten hinüber.

»Bist du fertig?« stieß er endlich heraus.

»Fertig, Jungherr,« kam die Antwort zurück.

Da sprang der Knabe herunter, stellte sich vor den Fremden und schrie: »Du – hörst du? – das ist ja doch alles erlogen!«

»Wollt' Gott, ich hätt's gelogen,« sagte der Alte.

»Frau Mutter!« Auf dem Absatz wandte sich der Knabe, trat vor die schluchzende Frau und rief zum zweitenmal: »Frau Mutter – hört Ihr? Es ist alles erlogen!«

Schweigend stand der Bote, schweigend, mit abgewandtem Gesicht.

»Frau Mutter!« drängte der Knabe, ließ sich auf die Knie nieder und streichelte die Hände, zwischen denen die warmen Tropfen hervorquollen: »Frau Mutter, laßt's Euch nicht anfechten, es ist erlogen.« Er sprang empor und hielt dem Fremden die Fäuste unter die Augen. Keuchend, mit schwerer Zunge vollendete er: »Sonst hätt' er ja den Grafen – verraten!«

Der Bote trat zurück und schwieg.

»Was soll ich tun?« kam es schluchzend vom Schemel.

190 »Machet Euch auf mit Euern Kindern, und ich will Euch zu meiner Herrin führen; denn in dem Wasserhause könnt Ihr nimmer bleiben,« sagte der Bote.

»Bis nach Kitzingen – den weiten Weg durch die Wälder – – mit meinen Kindern?« flüsterte das Weib und begann aufs neue zu schluchzen.

»Ich führ' Euch heimliche Pfade und bring' Euch sicher zu meiner Frau Äbtissin,« sagte der Bote.

»Und wenn dann der Herr Vater zurückkommt?« rief der Knabe zornig.

Der Bote schwieg. Dann sagte er zur Herrin: »Meine andächtige Frau hat viele Freunde. Wenn ihm jemand helfen kann, so bringt's die Äbtissin zuwege.«

»Alles will ich tun, was die Frau Muhme befiehlt,« schluchzte das Weib und erhob sich mühsam.

»Ich nicht!« rief der Knabe trotzig und vertrat ihr den Weg. »Und sagt ihm doch, Frau Mutter, Ihr glaubt's nicht!«

Da wandte auch sie das Haupt zur Seite und schwieg.

Mit geballten Fäusten stand der Knabe vor ihr und murmelte ängstlich: »Frau Mutter, Ihr glaubt's?«


Dunkel war's draußen, dunkel war's in der großen Stube. Nur das Licht einer Talgkerze flackerte auf dem plumpen Tische.

191 Jammernd und heulend umdrängten die Kleinen und Kleinsten das ratlose Weib.

Am Tische saß der Fremde und schnitt das Brot, stieß jeden Bissen bedächtig ins Salzfaß, trank von Zeit zu Zeit aus dem Steinkruge und wischte die bartlosen Lippen mit dem Rücken der Hand. Auf der Bank am Ofen aber saßen eng nebeneinander die größeren Kinder und starrten angstvoll auf den schweigsamen Gast.

»Komm!« raunte endlich der Älteste seiner Schwester Wobbe ins Ohr und ging zur Tür. Gehorsam folgte das Kind.

»Die Frau Mutter weiß nicht, was sie will!« raunte er draußen auf dem Vorplatz, griff nach ihrem Handgelenk und zerrte sie über die Leiter in den Turm empor.

Gehorsam klomm sie hinter ihm drein; laut knarrten die Sprossen unter den Schuhen der beiden.

Er öffnete den Holzladen und sah schweigend hinüber zu den Waldbergen, über denen der letzte Dämmerschein des Tages erlosch. Sie aber lehnte sich an die Mauer und schluchzte.

Mit abgewandtem Gesicht begann der Knabe alles der Reihe nach zu erzählen, was der Bote gebracht hatte. Dann schwieg er wieder und sah hinaus in den Abend.

»Glaubst du's auch, Wobbe?« kam's endlich wie ein leiser Aufschrei von seinen Lippen.

192 Sie antwortete nicht.

Da wandte er sich zu ihr, stampfte und fragte zum zweitenmal: »Wobbe –?«

Sie stand regungslos und hauchte mit Anstrengung: »Ja!«

Da biß der Knabe die Zähne zusammen und stöhnte.

Er trat hart vor die Schwester, daß sie das Weiße in seinen Augen blinken sah, packte sie an beiden Schultern und flüsterte mit heißem Atem vor ihrem Gesicht: »Wobbe, jetzt müssen wir zwei für uns alle denken – hörst du?«

Ernsthaft nickte das Kind.

»Für uns alle!« wiederholte der Knabe und stampfte.

Ein Glöcklein begann drüben im Dorfe zu bimmeln. Da sanken die Kinder auf die Knie, schlugen das Kreuz und murmelten ihr Abendgebet.

Dann aber raffte er sich zusammen: »Die Kleinsten bleiben hier, und von den größeren bleiben bei mir der Rudilo, der Sieger und der Spiro. Du aber gehst mit der Mutter, und mit euch gehen der Wigger und der Roger. Hast du verstanden?«

»Ich will auch bleiben,« meinte das Mägdlein.

»Fürchtest du dich bei der Mutter im Wald?« fragte er zornig.

Sie schüttelte den Kopf. »Nein. Aber wer soll denn die Kleinen versorgen?«

Er besann sich. »Nein, du gehst mit der Frau Mutter,« entschied er nach einer Weile.

193 »Ach, du lieber Gott!« flüsterte Wobbe und faltete die Hände. »Ich möchte mit der Frau Mutter und ich möchte doch hierbleiben bei euch.«

»Kopf hoch, Wobbe!« mahnte der Bruder. »Du gehst mit der Frau Mutter!«

»Ich will alles tun, was du verlangst,« brachte sie mühsam hervor; »denn du bist ja der Herr.«

»Dann vorwärts!« befahl er. Und hintereinander klommen sie die Leiter hinab.


Goldene Sternlein blitzten zwischen den Wolken. Ein kalter Lufthauch strich über den Wiesengrund, leise rauschte das Schilf am Ufer des Weihers. Von den Waldhügeln aber kam wiederum der große schwarze Vogel, setzte sich lautlos auf den hohen Baum und begann sein Gefieder zu putzen.

Drunten in der Wohnstube saß noch immer der schweigsame Bote, und noch immer starrten die Kinder auf ihn.

»Frau Mutter!« rief Wobbe in der Tür. Da ging das Weib mit schleppenden Schritten hinaus, und die zwei Ältesten zogen sie nebenan in die finstere Kammer.

Auf dem Baume hockte der schwarze Vogel und putzte sein Gefieder. Auf dem Schemel saß die Frau; zu ihrer Rechten und Linken knieten die Kinder und sprachen eifrig und lange.

Endlich gingen sie aus der Kammer und ließen die Mutter allein.

194 Mit gefalteten Händen wankte das Weib hinter in die dunkle Ecke und warf sich vor dem kleinen Kruzifix auf die Knie. Murmelnd und seufzend lag sie, und ihr zu Häupten leuchtete das Antlitz des Gekreuzigten, ein wenig erhellt vom winzigen Flämmchen des ewigen Lichtes.

Auf dem Baume hockte der schwarze Vogel, und seine Augen glühten im Dunkel der Nacht. Von Zeit zu Zeit hob er die Schwingen, als wollte er auf und davon. Dann aber duckte er sich wieder und blieb.

Das Weib stand auf und ging zurück in die Stube.


Die Kleinen und Kleinsten lagen in ihrem Bette hinter dem Ofen und weinten sich in den Schlummer hinein. Unter leisem Schluchzen half Wobbe der Mutter die Bündel packen.

»Habt Ihr zu reiten?« fragte der Bote.

Die Frau schüttelte das Haupt und sagte: »Er hat alle Pferde mit sich genommen.«

»Es ist gut so,« tröstete der Bote; »dann können wir ungesehen wandern auf engen Pfaden.«


Die Ketten der Zugbrücke liefen rasselnd über die Rollen, die schweren Bohlen stießen hörbar auf den Steg. Mit großen Sätzen sprang der Hund aus dem Tore. Dann kamen fünf dunkle Gestalten und gingen schweigend über die Brücke.

Am Ufer wandte sich der Bote und rief zurück 195 in den Torbogen: »Zum letztenmal, Jungherren, besinnt euch!«

Trotzig rief der Älteste: »Wir warten, bis der Vater kommt!«

Und seine Brüder im Tore riefen ihm nach: »Wir warten!«

Fünf dunkle Gestalten zogen hintereinander den Wiesenpfad entlang.

Gesenkten Hauptes, mit kurzen Schritten trippelte das Weib dahin und ließ sich treiben vom Windhauch gleich einem abgerissenen Blatte.

Am wolkenlosen Himmel funkelten die Sterne. Hinter dem Dachfirste der Wasserburg aber hockte die Schuld.

*

Im engen Torstüblein über der Zugbrücke hielt der älteste Knabe die Nachtwache. Er hatte sich in einen alten Mantel des Vaters gewickelt und saß auf dem Strohsack der Bettlade. Tränen tropften aus seinen Augen und sickerten in das Tuch des Mantels. Dann nickte er ein. Nach einer Weile fuhr er empor und riß sich an den Ohren. Er sprang auf und ging hastig hin und her, drei Schritte hin, drei Schritte zurück in dem engen Gemache. Er trat ans Guckloch und spähte hinaus über das dunkle Wasser des Teiches. Er setzte sich wieder auf das Bett und starrte vor sich hin. –

Als die Sonne hinter den Waldbergen emporkam, stieg er hinab und weckte seine Brüder.

196 Dann saßen sie zu zwölft in der Wohnstube am schweren Tisch. Die alte stocktaube Magd brachte schweigend die Morgensuppe wie alle Tage, setzte sich neben den eisgrauen Knecht an das untere Ende des Tisches, nahm das Kleinste auf den Schoß und fütterte es. Und wie alle Tage klang murmelnd das Tischgebet zwischen den verräucherten Wänden zu Anfang und Ende der Mahlzeit.

Die Magd legte das Kleinste in den Korb, sammelte die Holzlöffel und umspannte sie mit der Linken, nahm die leere Schüssel in die Rechte und ging hinaus. Schweigend wollte auch der Knecht aus der Türe.

Aber der Älteste packte ihn am Wams und sagte: »Wir wollen zusammenhalten, Dieter!«

»Das wollen wir, Jungherr!« antwortete der Knecht und blickte schräg am Knaben vorbei in die Ecke.

»Ich denke, wir können's machen, bis der Herr Vater zurückkommt, Dieter?«

»Bis der Herr Vater zurückkommt, Jungherr,« sagte der Knecht und machte sich los.

Dann tappte er aus der Stube.


Regenschauer gingen den ganzen Tag hernieder. Die Kleinen und Kleinsten saßen in der Wohnstube, spielten mit Steinchen und Holzstücken und wagten nur leise zu reden. Die Größeren besorgten reihum die Wache, gingen ab und zu in der Wohnstube und schnitten trotzige Gesichter.

197 Ein früher Abend sank auf das Tal herab.

Um die Mitternacht wachte der Älteste wieder allein in der Turmstube über dem Tore. Wieder hatte er sich in den alten, löcherigen Mantel seines Vaters gehüllt, saß mit offenen Augen auf dem Bette und lauschte dem leisen Wehen des Windes und dem Klatschen des Regens.

Da war's ihm, als hörte er rufen. Er sprang auf, stieß den Holzladen zurück und spähte hinaus.

»Aufmachen!« kam es ganz deutlich aus der Finsternis über das Wasser herüber.

Da schlugen die Zähne des Knaben aufeinander, und mit Anstrengung fragte er zurück: »Herr Vater, seid Ihr's?«

»Aufmachen!« rief der Tannhauser ungeduldig und pochte mit der Schwertscheide auf die Bohlen.

Der Knabe griff nach seinem Halse, schluckte und brachte mühsam heraus: »Herr Vater – ist's wahr, was die Leute – sagen?«

»Aufmachen!« rief der Tannhauser mit heiserer Stimme und pochte heftig auf die Bohlen.

»Herr Vater – sagt nur ein einziges Wort: es ist nicht wahr, Ihr habt den Grafen – Ihr habt ihn gewiß nicht verraten?«

Angestrengt spähte und lauschte er hinaus. Doch es war nichts zu sehen in der Finsternis, und es kam keine Antwort zurück aus der Tiefe. Nur das dumpfe Pochen der Schwertscheide klang empor zu dem lauschenden Knaben.

198 Da tappte er aus der dunkeln Stube hinaus auf den Wehrgang. Singend strich der Wind über den engen Hof. Nun stand der junge Tannhauser am oberen Ende der Leiter, die hinab in die Tiefe führte. Nun tastete er mit dem Fuß nach der ersten Sprosse. Da stieß ihn einer in den Rücken, daß er kopfüber hinabstürzte und mit Krachen auf die Steine schlug.

Bedächtig kletterte hinter ihm der alte Knecht die Leiter hinab, beugte sich über den Röchelnden und lauschte. Dann schlich er in die Küche, blies in die Herdasche, warf dürre Späne auf die Glut und entzündete eine Fackel.

Lautlos ging er mit dem Feuerbrande über den Hof, kletterte wieder die Leiter empor und schlich den Wehrgang entlang nach der andern Seite der Burg. Dort steckte er die Fackel aus einem Guckloch und beschrieb mit ihr langsam einen Kreis um den andern.

Der Mann auf dem Stege schrie und fluchte zur leeren Turmstube empor. Dann ging er ans Ufer zurück und raffte Steine vom Fahrwege. Krachend schlugen seine Wurfgeschosse ans Tor. Aber nur ein Mensch hörte den Lärm. Die Magd war taub, und alle andern im Wasserhause schliefen den festen Kinderschlaf. Und der eine schwang die brennende Fackel auf der hinteren Seite des Hauses und rief den Jäger und seine Gesellen herbei.

Zuletzt wickelte sich der Heimgekehrte in seinen 199 Mantel und streckte sich todmüde dem Tore gegenüber am Ende des Steges auf die nassen Bohlen.

So fanden ihn die Jäger schlafend, als sie aus dem Bergwald herabgeschlichen kamen. Sie gaben ihm einen Schlag auf den Schädel und banden ihm Hände und Füße.

Lautlos senkte sich die Zugbrücke für sie herab an den Holzsteg.


Des andern Morgens gingen und trippelten die Kinder des Tannhausers weinend über die nasse Wiese dem Walde zu. Die Großen trugen die Kleinsten auf den Armen, und ganz zuletzt im Zuge kam die alte taube Magd getrottet mit einem Bündel in der Hand.

Im Hofe lag noch immer der tote Knabe. Sie hatten ihn bedeckt mit dem löcherigen Mantel des Vaters.

In der wohlverwahrten Waffenkammer kauerte der Verräter und wartete des Gerichts.

Der Jäger aber schlich durch die Gelasse der kleinen Burg und spähte mit gierigen Blicken in all ihre Winkel.

 

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