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Richiza

August Sperl: Richiza - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleRichiza
authorAugust Sperl
year1909
firstpub1909
publisherDeutsche Verlagsanstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleRichiza
pages369
created20140621
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechzehntes Kapitel

Schwere Wolken zogen über das Land. Nur zuweilen brach die Sonne hervor; dann blinkte das Wasser in den tiefen Geleisen der Heerstraße.

Unbarmherzig spornte und peitschte der 176 Tannhauser sein Pferd. Nach etlichen Stunden ritt er durch das Tor der uralten Stadt Würzburg und hielt vor der nächsten Herberge, ließ das Pferd in den Stall führen und trat schmutzstarrend und schweißtriefend in die Torhalle.

Mit Kratzfüßen kam der Wirt heran: »Ihr seht aus, als ob Ihr was von der Schlacht wüßtet?« fragte er hastig und musterte den Fremden mit eingekniffenen Äuglein.

»Kann sein,« sagte der Rote und wischte den Schweiß von der Stirn. »Aber holla, gib mir einen Jungen auf den Weg, ich muß ins Schloß –!«

»Aus der Schlacht?« rief einer, der gaffend dagestanden war, und rannte in die Gaststube. Und alsbald quoll es aus der Gaststube, und sie umringten den Fremden, fragten und schrien.

Zornig schob er sie zur Seite und zog sich auf die Straße zurück. »Ins Schloß muß ich – hörst du?«

»Ihr könnt's uns nicht verargen,« meinte der Wirt und kam auch heraus auf die Straße. »Man hört seit gestern dies und das, und man weiß doch nichts Rechtes. Beliebt's Euch, so erzählt uns heute mittag –«

»Vielleicht,« rief der Tannhauser. »Aber vorwärts, vorwärts, ich habe Eile.«

»Nur eines!« fragte der Wirt. »Haben die Unsern gesiegt?«

»Ihr werdet's wohl wissen!« murrte der Rote.

177 »Man hört's immer wieder gerne,« meinte der Wirt und schneuzte sich. »Aber sagt« – er trat plötzlich einen Schritt näher – »ist's denn wahr, daß einer von den castellschen Hauptleuten an seinem Herrn zum Hundsfott 'worden ist –?«

»Macht vorwärts – hab' keine Zeit zum Schwatzen!« brüllte der Tannhauser und griff nach dem Schwerte.

»No – no – schon recht,« murmelte der Wirt und ging ins Haus zurück.


Lärm erfüllte die Gaststube. Der Rote aber klirrte mit finsterem Gesicht hinter dem Söhnlein des Wirtes durch die Gassen hinunter zum Strome, über die hölzerne Brücke, empor zum hochragenden Schlosse des Bischofs.

*

Beringer Haberkorn, des Bischofs Mann, saß im Armstuhl, und sein rechtes Bein ruhte ausgestreckt, in Tücher gebunden, auf dem Schemel. Nebenan stand auf dem Fußboden ein hoher Weinkrug.

Der Kranke hatte die Hände über dem Bauche gefaltet und schlummerte. Da kam sein Junge herein und meldete einen Abgesandten des Dompropstes.

Beringer Haberkorn fuhr in die Höhe. Sein Gesicht verzog sich, und ächzend befahl er: »Laß ihn herein!«

178 Nun klirrte der Rote in die Stube.

Das Gesicht des Bischöflichen wurde aschgrau, und mühsam fragte er den Riesen: »Was ist Euer Begehr?«

»Beringer Haberkorn!« sagte der Rote, nahm einen Schemel und setzte sich ohne Umstände vor den Kranken.

Der lachte gezwungen und rief: »Ihr scheint recht müde zu sein –?«

»Recht müde, Beringer Haberkorn,« sagte der Rote und legte das Schwert über seine Knie; »denn ich hab' einen scharfen Ritt getan.«

»Ihr kommt mir bekannt vor,« murmelte nun der Bischöfliche.

»Komm' dir bekannt vor?« brauste der Rote auf. »Beringer Haberkorn, hüte dich; es ist mir nicht spaßhaft zumute!«

Der Bischöfliche fand seine Ruhe wieder. »Die Stimme muß ich schon irgendwo gehört haben,« sagte er und senkte die schweren Lider über die glotzenden Augen, als besänne er sich.

»Beringer Haberkorn« – der Tannhauser umklammerte sein Schwert –, »ich habe meine Schuldigkeit getan und komme zur Abrechnung.«

»Abrechnung, Herr?« wunderte sich der Bischöfliche und schüttelte das Haupt. »Ich bitt' Euch, helft meinem Gedächtnis! Ich weiß, ich kenne Euch, und ich vermag mich doch nicht zu entsinnen –«

Der Tannhauser sprang in die Höhe, daß der 179 Schemel mit Gepolter umschlug: »Beringer Haberkorn, es ist mir nicht spaßhaft zumute.«

»Der Tannhauser!« schrie nun der Bischöfliche und schlug sich mit der Faust an die Stirn.

»Beringer Haberkorn –!« keuchte der Rote mit bebender Stimme.

»Der Tannhauser!« sagte der Bischöfliche zum zweitenmal und streckte dem Gast mit frechem Lächeln die Linke entgegen.

Der aber umklammerte das Kreuz seines Schwertes mit beiden Händen und stieß es auf den Boden. Sein Gesicht war verzerrt, und mühsam brachte er heraus: »Mach keine Possen, Beringer! Ich hab' mein Wort gehalten, die Castellschen liegen zu Boden, fünf von den Grafen sind gefallen, einer ist todwund, einer gefangen. Die Hennebergschen sind nach Hause geritten und geben ihre Sache verloren. Es ist alles nach euerm Willen geschehen. Ich aber steh' auf schockender Wage – keiner will etwas wissen von mir – – euer Dompropst – – – ich könnt' ihn, Beringer Haberkorn, ich könnt' ihn auf der Stelle in Stücke zerhauen –«

Mit offenem Munde hatte der Bischöfliche die polternde Rede angehört. Dann faltete er die Hände über dem Bauche und sagte kopfschüttelnd: »Aber so setze dich doch, guter Freund. Verzeih mir, ich hätt's ja wissen sollen – 's ist freilich lang her – –«

»Lang her?« murmelte der Tannhauser und ließ sich erschöpft auf den Schemel nieder.

180 »An die zwanzig, warte – –!« Der Bischöfliche begann bedächtig an den dicken Fingern zu rechnen – »zwanzig, einundzwanzig Jahre,« sagte er und nickte freundlich dazu.

Mit aufgerissenen Augen starrte ihn der Rote an, und heiser keuchte er: »Aber Beringer Haberkorn, weißt du denn nicht, daß du vor etlichen Wochen bei mir gewesen bist –?«

»Vor etlichen Wochen, Tannhauser?« Der Bischöfliche schüttelte lächelnd den kahlen Kopf.

»– bei mir gewesen bist als ein Kaufmann –?«

»Als ein Kaufmann?« Der Bischöfliche schlug die Hände zusammen, und sein rotes Gesicht verzog sich noch mehr in die Breite. »Tannhauser, du redest irr!«

»– als ein Kaufmann und hast mir Geld geboten und hast mir –«

»Geld geboten – ich?« Der Bischöfliche tat sehr verwundert.

»– und hast mir mit Hand und Mund gelobt – Beringer Haberkorn, laß die Possen, es ist mir nicht zum Scherzen, du weißt gar wohl, was du mit Handschlag gelobt hast!«

Neugierig wandte der Bischöfliche seine Hände und betrachtete aufmerksam die inneren Flächen, schüttelte den Kopf und hielt sie dem Roten vors Gesicht. »Mit Handschlag gelobt? Ei, Tannhauser, da sieh doch selber, ob etwas geschrieben steht in meinen Händen!«

181 Der Rote biß sich auf die Lippe und starrte in das lächelnde Antlitz des andern. Dann aber ließ er das Haupt sinken und stöhnte tief auf: »Beringer Haberkorn, erbarm dich meiner!«

»Aber ich bitte dich, guter Freund, das versteht sich doch von selbst unter alten Waffenfreunden!« rief nun der Bischöfliche und machte ein biederes Gesicht. »Was ich dir tun kann, es soll alles geschehen.«

»Also doch –!« murmelte der Rote und atmete erleichtert auf. »Ich hab's ja gewußt. Beringer Haberkorn, es ist nach euerm Willen gegangen – fünf Grafen sind gefallen, einer ist todwund, einer liegt gefangen – –«

»Du hast mit den Unsern gegen die Castellschen gestritten, Tannhauser –?«

»Gestritten nicht,« murmelte der Rote und blickte in eine Ecke. »Abseits bin ich gerückt mit den Meinen, abseits in einen Graben, wie ausgemacht war.«

»Ausgemacht?« fragte der Bischöfliche und kniff die Augen zusammen.

»Beringer!« Der Tannhauser sprang empor. »Wie lange willst du mich noch zappeln lassen wie den Fisch an der Angel?«

»Wie lange? Ich weiß doch von nichts,« kam die Antwort zurück.

Da faltete der Rote die Hände über dem Schwertkreuz und sagte stoßweise: »Ich seh' – ich seh' – du willst, daß ich dich bitte. O Schmach, o Schmach! 182 Aber ich denk' an die Kinder – ans Weib – ja, Beringer Haberkorn –« Er biß auf seine Lippe, sein Gesicht verzerrte sich, zwei dicke Tränen rollten in seinen Bart, schluchzend vollendete er die Rede: «Erbarme dich meiner, Beringer Haberkorn!«

Der Bischöfliche hatte sich weit zurückgelehnt und starrte den Hilflosen mit seinen glotzenden Augen an, schüttelte wie vorher das Haupt und lächelte: »Wenn ich nur wüßte, was du von mir willst, guter Freund?«

Da raffte sich der Tannhauser zusammen, trat einen Schritt zurück und sagte mit veränderter Stimme: »Wie man sich doch täuschen kann! Ich hätt's beschwören mögen, daß du vor sechs Wochen bei mir gewesen bist. Jetzt muß ich dir wohl glauben, daß mich ein andrer geäfft hat!«

»Ei freilich!« rief der Bischöfliche und begann auf der Tischplatte zu trommeln. »Es hat dich ohne Zweifel einer geäfft. Aber so setze dich doch – will dir gleich einen Becher bringen lassen.«

»Vergib nur, daß ich deine Ruhe gestört habe,« sagte der Tannhauser leichthin und wandte sich zur Tür.

»Aber du wirst doch nicht schon wieder gehen?« rief der Bischöfliche mit Bedauern und beobachtete seinen Gegner mit lauernden Blicken. »Laß uns doch reden von alten Zeiten! Das Herz wird mir weit –«

»Hab' einen heißen Ritt hinter mir,« sagte der 183 Tannhauser und griff nach dem Riegel, »bin hundsmüde.«

»Aber du wirst doch – guter Freund, so darfst du nicht von mir! Wo bist du denn zur Herberge, Tannhauser?«

»Ich hab' Herberge genommen im ›Grünen Baum‹,« sagte der andre; »aber ich reite noch heut abend aus der Stadt.« Und mit stolzem Kopfnicken verließ er die Stube.


Drei Tage hielt sich Beringer Haberkorn zu Hause, und die Torwächter hatten strengen Befehl, den Riesen nicht zum zweitenmal vorzulassen. Am vierten Tage schickte der Bischöfliche einen Knecht in die Herberge. Der brachte die Nachricht, daß der Fremde schon drei Tage vorher fortgeritten sei.

Am Abend des fünften Tages hielten die siegreichen Domherren ihren Einzug in die Stadt.

Die Gefangenen wurden in Ketten durch die Straßen geschleppt – nur den Grafensohn trug man in einer geschlossenen Sänfte.

Auf ächzenden Karren lag die kostbare Beute. Frisches Lindenlaub schwankte an Helmen und Kappen der Reiter und Sarjanten. Singende Priester schritten voraus. Stolz blähte sich das Banner des heiligen Kilian im Abendwinde.


Die Herbergen der Stadt waren angefüllt mit schreienden Söldnern. Im »Grünen Baum« saßen 184 die Domherren und Hauptleute. Und mit lachendem Munde erzählte Beringer Haberkorn immer wieder die Geschichte vom geprellten Verräter.

Bis gegen Morgen währte das Schreien und Johlen der Betrunkenen auf den Gassen und Plätzen. Als aber der Tag graute, fanden die Scharwächter auf dem Fahrwege zum Schlosse einen ermordeten Mann in seinem Blute liegen. In seiner linken Brust stak ein Dolch, und auf den Griff des Dolches war der abgeschnittene Kopf gesetzt.

Betrunkene und Nüchterne kamen im Dämmerlichte zusammen. Endlich erkannte einer den Kopf Beringer Haberkorns, des bischöflichen Mannes.

*

Am sechsten Tage schon beschworen castellsche Abgesandte auf dem Frauenberge ob Würzburg den Frieden und kamen zurück zu ihrem Herrn. –

Der Berggrat zwischen den Planken des Waldschlosses lag wieder verlassen wie vordem, und nur die vielen Feuerstätten auf dem zertretenen Rasen, der Kot und die zerstampften Strohschütten zeugten von dem Wirrwarr der vergangenen Tage. –

Die Totenglocken summten über den Gau, und eine große Gruft schloß sich über den Fünfen in der Kirche des Dorfes Castell.

Etliche Dörfer des Grafen drunten am Strome zahlten fortan den bischöflichen Schultheißen Zins und Gült. Sonst blieb alles, wie es gewesen.

185 Aber in vielen castellschen Hütten und Mannenburgen weinten noch lange nachher verlassene Weiber und verwaiste Kinder um Hausherrn und Vater.

 

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