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Richiza

August Sperl: Richiza - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleRichiza
authorAugust Sperl
year1909
firstpub1909
publisherDeutsche Verlagsanstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleRichiza
pages369
created20140621
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünfzehntes Kapitel

Das Gewitter tobte über der Stadt.

Die Domherren und Hauptleute des sieghaften Heeres saßen in ihrer Herberge an langer Tafel und speisten zu Nacht. Etliche saßen mit verbundenen Köpfen, andre trugen einen Arm in der Schlinge. Das Licht kleiner Öllampen erhellte notdürftig die schmale Stube.

»Vor zwei Stunden ist er ins Kloster geritten,« rief einer vom unteren Ende der Tafel hinaus zum 164 Dompropste, »er und die Gräfin mit geringem Gefolge.«

»Das ist ein saurer Ritt gewesen,« sagte ein Greis neben dem Propste.

Dieser nickte.

»Je nun,« rief ein andrer, »was hat er sich gegen uns stemmen müssen, der alte –«

Ein Donnerschlag unterbrach seine Rede.

»Was hat ihn der Handel angegangen?« brummte sein Nachbar.

»Einerlei, vorüber ist vorüber, und er kann uns nimmer schaden,« rief nun der Dompropst, lehnte sich zurück und sah mit seinen großen, blinkblauen Augen zur dunkeln Decke empor. »Und jetzt tut er mir doch in der Seele leid, der alte, blinde Herr.«

»'s ist keine Kleinigkeit, fünf Söhne!« rief ein andrer aus der Gesellschaft.

»Fünfe? Vielleicht sieben!« sagte ein großer Mann, der soeben unter die Tür trat. Er hing den triefenden Mantel an den Rechen und beugte das Knie gegen den Dompropst.

»Du hast den Grafen gesehen?« fragte dieser.

»O, Eure Gnaden –!« Der Mann schüttelte seufzend das Haupt und suchte nach einem Platze an der Tafel. Bereitwillig rückten sie am unteren Ende zusammen. »Es ist ein Jammer. Ich vergesse das in meinem Leben nicht. Von einem zum andern ist der blinde Herr gegangen und hat eines jeden Antlitz betastet.«

165 »Und ist er auch beim Jüngsten gewesen?«

»Ich hab' ihm Eurer Gnaden Auftrag gemeldet –«

»Und –?«

»Er hat sich wortlos abgewendet.«

»Denk' mir wohl, daß er den Siebenschläfer nicht hat sehen wollen!« rief einer mit verhaltenem Lachen.

»Siebenschläfer? Ich glaub's nicht, glaub's dennoch nicht,« sagte der Dompropst und schüttelte nachdenklich das Haupt.

»Aber ich hab' ihn ja doch selber schlafend gefunden im Keller!« rief der andre. »Ich sehe ihn noch die Augen reiben –«

»– und hör' ihn brüllen wie einen verwundeten Stier, weil er die Schlacht verschlafen hat!« unterbrach ihn ein junger Domherr.

»Also!« rief der Dompropst. »Und ich wette, es ist nicht mit rechten Dingen zugegangen; denn so was hab' ich doch noch nie gehört, am wenigsten von einem Castell.«

Etliche murmelten beifällig. Andre schwiegen. Endlich rief einer in spöttischem Tone: »Wir wollen den Tannhauser fragen!«

»Kannst ihn ja fragen!« sagte der Dompropst.

»Pfuch!« murmelte der Angesprochene und nahm einen Schluck.

In diesem Augenblick trat die riesige Gestalt des Verräters unter die Tür. Auch er beugte das Knie 166 und hängte den Mantel an den Rechen. Dann fuhren seine Blicke suchend von einem der Herren zum andern. Auf dem schmalen, scharfgeschnittenen Antlitz des Dompropstes blieben sie haften. Abermals beugte er das Knie. Mit fast unmerklichem Kopfnicken dankte der Herr. Die andern wandten die Köpfe nicht.

Wieder fuhren die Blicke des Tannhausers suchend die Reihen hinab und hinauf, aber keiner von allen den Herren schien seiner zu achten. Laut schwirrte Rede und Wechselrede. Unschlüssig stand er im trüben Lichte der Öllampen und strich hastig über seinen Bart. Dann ging er an die Wand und nahm einen Schemel, kam zurück und wartete, bis sie ihm Platz machen wollten. Sie aber saßen und rückten nicht auseinander. Noch lauter schwirrte Rede und Wechselrede. Sein Antlitz ward dunkelrot, krampfhaft hielt er den Schemel. Unwillig winkte der Dompropst den Herren am unteren Ende der Tafel. Aber sie saßen und rückten nicht eine Spanne auseinander.

Da hob der Tannhauser den schweren Schemel, warf ihn auf die Dielen, daß er krachte, und rief mit dröhnender Stimme zum Dompropst hinauf: »Eure Gnaden, beliebt's Euch, so komme ich morgen früh in Eure Herberge, da wollen wir miteinander reden; denn ich hab's jetzo satt. Ja, satt!«

Es war totenstill in der düsteren Stube geworden. »Wie's Euch beliebt,« sagte der Dompropst, warf 167 das Haupt zurück, starrte auf den Sprecher, gähnte und schloß die Augen, daß nur noch das Weiße unter den Wimpern hervorschimmerte.

»Jawohl, reden miteinander,« wiederholte der Tannhauser mit dröhnender Stimme; »denn ich bin nicht willens, mich beschimpfen zu lassen von Euern jungen Leuten.«

»Wie's Euch beliebt,« sagte der Dompropst zum zweitenmal und lehnte den Kopf an die vertäfelte Wand. »Ich bin für jeden zu sprechen.«

Ohne Gruß klirrte der Tannhauser aus der Stube und warf die Tür ins Schloß.

»Warum seid ihr nicht zusammengerückt?« rief der Dompropst die Tafel hinunter.

Alle schwiegen.

»Nun?« wiederholte der Propst.

»In schuldiger Ehrerbietung, Eure Gnaden,« antwortete endlich ein junger Domherr, »meines Vaters Sohn hat nicht gelernt, neben Hunden zu sitzen.«

Beifälliges Gemurmel erhob sich an der Tafel. Der Dompropst aber sagte nachlässig, mit verächtlichem Lächeln: »Je nun, der Hund ist uns doch sehr nützlich gewesen.«

»Aber man muß nicht an einem Tische speisen mit Hunden,« erwiderte der junge Herr in höfischem Tone.


Frühmorgens am andern Tage kam der Rote 168 vor das Steinhaus, das der Bischof zu Kitzingen besaß, und ließ sich beim Dompropst melden.

Der Knabe geleitete ihn sogleich in eine hohe Halle zur ebenen Erde. Dort hieß er ihn warten.

Bewaffnete saßen auf den Bänken an den Wänden, und in einer Ecke stand das Banner, unter dem die Bischöflichen gesiegt hatten.

»Es ist naß geworden,« sagte einer von den Leuten, »heute nacht, da wir's hereinbrachten von den Zelten und das Gewitter begann. Nun soll es trocknen.«

Der Tannhauser stand schweigend vor dem seidenen Tuche, das vom Gewölbe herabwallte und sich leise bewegte im Lufthauch. Gedankenlos betrachtete er das aufgenähte Riesenbild des hochstiftischen Schutzheiligen, der mit großen, runden, weitaufgerissenen Augen, schreckhaft anzuschauen, in die Ferne starrte.

Der Knabe kehrte zurück, und die beiden gingen die Stiege hinauf über einen Vorsaal, zwischen Bewaffneten hindurch. Der Knabe öffnete eine Tür, trat zurück, beugte das Knie und schloß lautlos die Tür.

Der Tannhauser stand vor dem Dompropste.

Mit gekreuzten Armen lehnte der kleine, schlanke Herr im Fenster. Sein Antlitz war beschattet, aber auf das rote Gesicht des andern fiel Sonnenlicht.

»Euer Begehr?« fragte der Dompropst.

Der Tannhauser tat einen keuchenden Atemzug, 169 beugte schwerfällig das Knie und trat erhobenen Hauptes näher. Mit der Rechten preßte er die Lederkappe an die Brust, die Linke umklammerte den Griff des Schwertes.

»Euer Begehr?« fragte die dünne hohe Stimme des Geistlichen zum zweitenmal, und eine kurze Handbewegung gebot dem Herankommenden Halt.

»Ich glaub', meine Sache – ich glaub', daß ich die Sache recht gemacht habe –« begann der Riese mit heiserer Stimme.

»Welche Sache?« fragte der Dompropst und rührte sich nicht.

»Ich habe zu Euerm Besten gehandelt. Ich habe den Boten der Hennebergschen stumm gemacht, ich bin mitsamt den Meinen seitwärts in den Graben gewichen, als ihr handgemein wurdet – ich habe –«

»Und was kümmert's mich?« fragte der Dompropst mit kühlem Lächeln. »Hab' ich's Euch geheißen?«

»Herr,« fuhr der Tannhauser auf, »ich bin nicht hier, daß ich Kurzweil mit mir treiben lasse, ich bin zur Abrechnung gekommen!«

»Kurzweil? Abrechnung? Ich verstehe Euch nicht,« kam's in wohlwollendem Tone aus dem Fenster.

»Ihr versteht mich nicht?« fragte der Tannhauser mit bebenden Lippen und trat noch einen Schritt näher. »Ich denke, es ist alles wohl geraten, und ich habe gehandelt nach unsrer Abmachung.«

170 »Nach unsrer Abmachung?« fragte der Dompropst und rührte sich nicht.

Jetzt versuchte der Tannhauser zu lächeln: »Ihr scherzt, Herr! Und Ihr wißt doch so gut wie ich, daß ihr, die Herren im Domkapitel, den Beringer Haberkorn zu mir geschickt habt vor sechs Wochen –?«

»Den Beringer Haberkorn, wir Herren im Domkapitel?« fragte der Propst und lächelte.

»– und wißt so gut wie ich, was er mir versprochen hat,« fuhr der Tannhauser fort und zerdrückte seine Kappe in der großen Faust.

»Versprochen hat?« wiederholte der Domherr mit Verwunderung. »Schade, daß der Beringer Haberkorn nicht bei uns im Felde ist – er sitzt daheim und leidet schwer am Zipper –«

»Von mir aus an der fallenden Sucht!« schrie der andre. »Spart Eure Worte, Dompropst. Der Tannhauser ist nicht gekommen, daß er Schindluder treiben lasse mit sich, habt Ihr verstanden? Abrechnen will er!«

»Wenn Ihr eine Forderung an Beringer Haberkorn habt, dann rat' ich Euch, ladet ihn vor des Bischofs Gericht, und es wird Euch werden, was recht ist,« sagte der Dompropst in höfischem Tone.

Da warf ihm der Tannhauser die Kappe vor die Füße, riß sein Schwert aus der Scheide und brüllte: »Ist das dein letztes Wort, Dompropst?«

Der Priester kreuzte die Arme und rief mit heller Stimme: »Burgfriedensbruch!«

171 Da wurde die Tür hinter dem Tannhauser aufgerissen und klirrend rannten die Bewaffneten des Vorsaales in das Gemach.

»Er hat Klage gegen Beringer Haberkorn,« sprach der Dompropst mit Ruhe, schritt aus dem Fenster in das Gemach herab, trat an ein Tischlein, nahm einen Brief und entfaltete ihn.

»Steckt Euer Schwert ein, Herr!« raunte ein junger Domherr neben dem Tannhauser, bückte sich und gab ihm seine Kappe.

Stöhnend stieß der Rote das Schwert zurück in die Scheide. »Zu meinen Leuten will ich!« keuchte er.

»Ja so –« sagte der Dompropst nach einer Weile, blickte von seinem Brief empor, als hätte er die ganze Geschichte längst schon vergessen, und befahl: »Setzt ihn auf sein Pferd, führt ihn zum Tor hinaus und zeigt ihm die Straße. An Beringer Haberkorn habt Ihr Forderung – nicht?«

Der Tannhauser schrie: »Zu meinen Leuten will ich!«

Da schüttelte der Dompropst das Haupt und wiederholte: »Zum Stadttor hinaus!«

Der Tannhauser spuckte auf den Teppich und wandte dem Priester den Rücken. Die Gewappneten aber führten ihn die Stiege hinab und taten nach dem Befehle des Herrn. –

Ringsum im Hofe unter den Holzlaubengängen lagen aufgeschichtet die Beutestücke der 172 Bischöflichen, vergoldete Harnische, seidene Schlachtmäntel, Schwerter und Schilde – alles bestäubt, alles befleckt mit geronnenem Blute.

»Laßt mich!« sagte der Tannhauser. »Zu meinen Leuten will ich!«

Aber die Bewaffneten ließen ihn nicht aus ihrem eisernen Ringe, und ihr Führer raunte: »Machet uns und Euch die Sache nicht beschwerlich. Ihr habt des Dompropstes Befehl gehört.« Er hielt sich hart neben dem Roten und wartete, bis man das Pferd aus der Herberge gebracht hatte.

Drei Söldner kamen in den Hof.

»Her zu mir!« befahl der Tannhauser.

Sie blieben stehen und sahen lachend herüber.

»Wollt ihr –?« schrie der Tannhauser. »Wem habt ihr geschworen?«

Einer von ihnen kam nachlässig näher, steckte die Hand in die Hosentasche und klimperte mit Geldstücken. »Dem Bischof,« sagte er trotzig.

»Mir habt ihr geschworen!« rief der Tannhauser und stampfte.

»Seit gestern abend dem Bischof – ich und alle die andern,« sagte der Mann und wandte sich ab.

Da lachten die Wächter des Verräters, und der Hauptmann flüsterte: »Gebt Euch zufrieden, Herr!«

Das Pferd des Roten wurde gebracht. Wortlos schwang sich dieser in den Sattel und ritt im geschlossenen Haufen der Bewaffneten aus dem hallenden Tore.

173 Ein grauer Himmel sah zwischen den Holzgiebeln in die Gassen, und langsam zog die kleine Schar durch den tiefen Kot. Schweigend ritt der Tannhauser fürbaß, schweigend liefen seine Wächter vor, neben und hinter dem Rosse. Es war anzusehen, als wenn ein Vornehmer im Geleite seiner Mannen auf die Reise ginge.

Nach einer Weile gerieten sie aber ins Stocken; denn ein reisiger Zug kam die Gasse herunter, ihnen entgegen.

»Platz da!« befahl ein Bischöflicher und wies die Söldner mit ausgestrecktem Arm aus dem Wege. Gehorsam wichen diese mit ihrem Gefangenen zur Seite.

»Der Graf Castell,« raunte einer von ihnen, und neugierig sahen sie alle auf den Zug.

Sechs bischöfliche Reiter klirrten schweigend vorüber. Auf fünf einspännigen Karren rollten hinter ihnen die Särge der toten Grafen. Dann bog der blinde Greis neben der gebeugten Gestalt der Gräfin um die Ecke. Mit geschlossenen Augen saß der Graf auf seinem starken Braunen, mit verschleiertem Haupte die Gräfin auf ihrem weißen Zelter. Und neben dem Grafen ritt der Kaplan; der führte den Braunen am Zügel. Zuletzt klirrten zwölf Reiter – bischöfliche und castellsche durcheinander – und schlossen den Zug.

Mit abgewandtem Antlitz hielt der Tannhauser und stierte auf das geschnitzte Wappen eines Haustores.

174 Da sah die Gräfin den riesigen Reiter, schreckte zusammen und schlug den Schleier zurück. Zwei rotgeweinte, verschwollene Augen waren fragend auf den Verräter gerichtet, und eine bebende Stimme murmelte: »Tannhauser!«

Der Blinde aber hob lauschend den Kopf und fragte: »Was hast du gesagt?«

Unverwandt betrachtete der Riese das geschnitzte Wappen über dem Torbogen.

Aus beiden Haufen waren neugierige Blicke auf ihn gerichtet.

Die Gräfin ließ den Schleier über ihr zuckendes Antlitz fallen und flüsterte: »Vorwärts!«

Klirrend und rasselnd bewegte sich der Zug des Blinden die Gasse hinunter zum Strome. Mit zusammengebissenen Zähnen ritt der Tannhauser zwischen seinen Wächtern die Gasse hinauf.

*

»O hättest du mich lassen bleiben in Kitzingen!« sagte die Gräfin, als sie über die Holzbohlen der Mainbrücke ritten.

»Er ist in guter Hut, Imma; du aber gehörst in dieser bösen Zeit hinaus zu uns,« antwortete der Blinde.


»Wir werden nicht mehr leben können,« sagte die Gräfin, als sie aus dem Stromtal hinaus gegen die Waldberge ritten.

175 Der blinde Herr schwieg.

»Nicht mehr leben können?« sagte der alte Kaplan nach einer Weile. »Eure Gnaden, das hat schon manch einer geglaubt – und hat hernach dennoch weiterleben müssen und können.« – –

Die Räder der Leichenkarren mahlten langsam durch den tiefen Sand hinter Großlangheim. Hell und klein grüßte vom Saum des Steigerwaldes das Grafenschloß herüber.

Zwei castellsche Reiter waren zurückgeblieben und sprachen eifrig miteinander.

»Sie haben uns glimpflich behandelt,« meinte der eine.

Da wies der andre mit der Rechten auf den trübseligen Zug und sagte: »Je nun, die würzburgschen Füchse sind satt – was wollen sie mehr?« Und raunend neigte er sich zu seinem Genossen hinüber: »Glaubst du, sie wissen nichts vom Goldschatze des Herrn? Könnte er nicht abermals ein Heer auf die Beine bringen? Also sagen die Füchse – schließen wir Frieden, weil er mürbe geworden.«

 

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