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Richiza

August Sperl: Richiza - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitleRichiza
authorAugust Sperl
year1909
firstpub1909
publisherDeutsche Verlagsanstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleRichiza
pages369
created20140621
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vierzehntes Kapitel

Menschenleer war die lange, gewundene Dorfgasse von Wiesenbronn, als die Bischöflichen mit dem Grafen und der Gräfin hindurchzogen; denn die versprengten Castellschen hatten sich vor den Herrenleuten in den dumpfigen Hütten verkrochen.

Kitzingen wimmelte von Reitern und Sarjanten des siegreichen Bischofs. Dämmerung senkte sich hernieder ins Tal; da kam der Blinde ans Tor des Frauenklosters draußen vor der Stadt.

Mit wehmütigen Gebärden öffnete die Pförtnerin. Eilig kam die Äbtissin und geleitete ihre Gäste samt dem Burgkaplan zum Siechenhause.

Auf dem Ziegelpflaster des Ganges, vor der Krankenstube, lag der staubbedeckte, rotweiß gevierte, lag der bös zerhauene Schild. Nebenbei lehnte der Helmkübel, und ein Wirrwarr gebrochener 158 Pfauenfedern starrte aus seinem Kronreif empor. Als ein beschmutztes, blutiges Bündel lag der seidene Waffenmantel in der Ecke.

»Die heilige Jungfrau hat's gewollt, wir aber müssen's tragen in Geduld, Frau Muhme,« flüsterte die Äbtissin und streichelte den Arm der Gräfin. Dann nahm sie den Blinden an der Hand und öffnete die Türe.

Der Wundarzt und sein Gehilfe standen zur Rechten und Linken des Bettes und hielten den Fiebernden in den Kissen zurück. Zu Füßen des Lagers knieten zwei Nonnen und murmelten eintönig ihre Gebete. Die Äbtissin berührte ihre Schultern; schweigend erhoben sie sich und gingen zurück an die Türe.

Es war dämmerig im Gemache. Keuchend lag der Schwerwunde in seinem Bette; wirre Locken umrahmten das Haupt. Es war dämmerig in dem heißen Gemache; aber das Antlitz des Kranken war wohl zu erkennen. Mit weitgeöffneten, glänzenden Augen starrte er zur Decke empor.

»Rupert!« flüsterte die Mutter und trat mit gefalteten Händen ans Fußende des Bettes. Angestrengt lauschte neben ihr der Blinde auf die schweren Atemzüge seines Sohnes. Unverwandt blickte die Herrin auf ihr bewußtloses Kind. Tränen tropften auf ihre gefalteten Hände.

»Laßt mich fort – fort, sag' ich!« begann der Fiebernde und versuchte sich aufzurichten. Aber die 159 Männer hielten ihn zurück. »Fort – fort –!« keuchte der Kranke. »Ich muß reiten, was ich reiten kann, und muß es dem Herrn Vater melden –«

Angestrengt lauschte der Blinde auf die gemurmelten Worte.

»So geht's den ganzen Tag,« raunte der Arzt.

»Der Knabe schläft,« begann der Fiebernde aufs neue. »Ei, so weckt ihn doch! Wecken, wecken! Er schläft, und da kommen sie. Vorwärts! Er schläft –! Wecken, wecken!«

Angestrengt lauschte der Blinde.

»Es stinkt. Wo ist der Tannhauser? Kunz, der Tannhauser! Kunz, der Hund hat uns verraten. O – o – o, das Bild! Seht ihr das Bild? Im Weinberg hinter meines Vaters Schlosse wachsen schöne gelbe Blumen. Mein Schild ist weiß und rot, weiß und rot ist meine Liebste. Geh weg, du sollst mich nicht küssen – ich bin ja das Bild – siehst du's nicht? Das Bild bin ich. Hu – die großen Augen – seht ihr's? Näher kommt's – drauf!«

Angestrengt lauschte der Blinde.

»Tannhauser –!« schrie der Fiebernde mit gellender Stimme. »Herr Vater, weg, Tannhauser! Helft mir, Herr Vater –! Küssen will er mich – hu, die großen runden Augen! Weckt ihn doch – ihr könnt ihn nicht wecken. Der Herr Vater wird ihn schlagen –«

Der Blinde tastete sich an das Kopfende des Bettes.

160 Wimmernd sagte der Fiebernde: »Ich – ich bin mir keiner Schuld bewußt.«

Behutsam tastete der Blinde, fand die heiße Stirn und legte die kühle Hand darauf. Und mit stockender Stimme sprach er: »Nein – du hast keine Schuld, mein – tapferer – Sohn.«

Lautauf schluchzte die Gräfin, sank neben dem Todwunden auf die Knie und bedeckte die glühende Hand mit Küssen.

Ruhig atmend, mit geschlossenen Augen lag Graf Rupert. Draußen aber läuteten die Glocken den Abend ein.


Das Klosterkirchlein war notdürftig vom Lichte der Wachskerzen erhellt, und vor dem Chore lagen nebeneinander in einer Reihe auf ihren Schragen die fünf Toten des Hauses Castell.

Regungslos standen zur Rechten und Linken zwei würzburgsche Gewappnete und hielten mit den nackten Schwertern in den Armen die Totenwacht.

An der Hand des Kaplans betrat der blinde Graf den dumpfigen Raum und schritt langsam zwischen den Säulen gegen den Chor. Flüsternd führte ihn der Getreue neben den Schragen des Ältesten und trat zurück.

Ein tiefer Seufzer kam aus der Brust des Vaters. Sachte, wie vorhin nach der heißen Stirne des Fiebernden, so tastete nun die Hand nach dem kalten 161 Antlitz des Toten. Und liebkosend strichen die bebenden Finger über die starren Züge, und stöhnend sprachen die trockenen Lippen den Kosenamen des Helden. Gleichwie der Sehende die geliebten Züge in die Augen aufnimmt, so versuchten die zitternden Fingerspitzen des Blinden noch einmal das Bild des Antlitzes festzuhalten – die hochgewölbte Stirn, die gerade Nase mit den feinen Flügeln, das glattrasierte, kräftige Kinn.

Von einer Leiche zur andern ließ sich der alte Mann führen, ein geliebtes Antlitz nach dem andern betasteten seine Hände, und murmelnd nannte er jeden Toten beim Namen.

Dann kniete er lange vor den fünf Schragen. Aber seine Lippen bewegten sich nicht, seine Zähne bissen aufeinander, tränenleer brannten seine erloschenen Augen. Und niemand hätte sagen können, an was der Kniende dachte – an den ersten Schrei, mit dem das Kind einstmals die Wände der alten Burg begrüßt, oder an das letzte Röcheln, mit dem der Mann seine Seele ausgehaucht hatte im Staube der tosenden Schlacht.

Wortlos erhob sich der Alte und verließ mit seinem Kaplan die Kirche.


Nacht war's. Andre Gewappnete waren eingetreten und standen steif und hoch neben den Schragen, wachten und schwiegen. Leise brannten die Wachskerzen herunter, und aus weiter Ferne 162 klang zuweilen das dumpfe Grollen eines aufsteigenden Gewitters.

Starr und stumm schliefen die Toten.

Als Herrensöhne waren sie über die Erde geschritten. Weich und lind hatte sich um ihre Glieder gelegt, was andre rauh und hart bedrückt. Wohin sie gekommen waren, hatte sich das Volk vor ihnen geneigt. Nun ruhten sie starr und stumm auf den Schragen. Nie mehr sollten sie über das Land schreiten– steif aufgerichtet von Westen gegen Osten waren ihre Leiber. Nach oben ragten ihre Fußspitzen; nie mehr konnten ihre Sohlen die Erde berühren. Kraftvoll hatte das Herrenblut in ihren Adern gepocht. Jetzt aber standen die Herzen still und das Blut war vertrocknet. Wie tiefgegrabene Schrift auf ehernen Tafeln dehnte sich hinter ihnen die Vergangenheit – unsichtbare Zeichen auf unsichtbaren Flächen. Starr und stumm schliefen sie aus ihren Schragen und konnten keinen Strich mehr ändern an dieser Schrift.

Oftmals war es ihnen zu eng geworden in den Burgen am Wald, in den Bergfesten am Mainstrom, und der und jener hatte sich gefragt in heimlicher Zwiesprache: ›Wie wird's werden, wenn wir einst das Erbe teilen und zu siebt uns nähren müssen, wo vordem der eine regiert hat?‹ Jetzt hatten sie die engen Burgen mit den schmalen Schragen vertauscht, jetzt lagen sie friedlich nebeneinander und schliefen ihrem Erbteil entgegen.

163 Drüben im Siechenhause aber lag der wunde Mann, und seine Seele flatterte gleich einem angeschossenen Vogel angstvoll zwischen Leben und Tod; die Wirklichkeit erschien ihr als Wahn, der Wahn als Wirklichkeit.

Und im Stadthause des Bischofs drunten zu Kitzingen lag einer gefangen. Der konnte den Schlaf nicht finden, der starrte mit offenen Augen in die Finsternis, der wäre von Herzen gern auf dem Schragen gelegen gleich seinen tapferen Brüdern. Mit klopfenden Pulsen lag er und lauschte auf das Grollen des nahenden Gewitters. Und als nach einer Weile der Blitzstrahl in den Strom fuhr und ein Donnerschlag die Mauern erschütterte, da raufte er seine wirren Locken und stöhnte: »Daß doch mich das Wetter erschlüge!«

 

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