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Richiza

August Sperl: Richiza - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleRichiza
authorAugust Sperl
year1909
firstpub1909
publisherDeutsche Verlagsanstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleRichiza
pages369
created20140621
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dreizehntes Kapitel

In den Wiesenbronner Ställen lagen abgetriebene castellsche Pferde. Verwundete Reiter hatten sich in die verlassenen Häuser verkrochen, Leichtverwundete saßen trübselig mit verbundenen Köpfen auf den Bänken neben den Haustüren.

Auf der Höhe draußen vor dem Dorfe, unter den großmächtigen Linden standen die Wachen und spähten hinüber ins Maintal gen Kitzingen. Und immer wieder kamen versprengte, dem Verderben entronnene Männer.

Hauptleute berieten drunten im Gemeindehause, wann sie nach Castell reiten und vor den blinden Herrn treten sollten. Sie beschlossen ohne viel Worte, noch eine Weile zu bleiben. Und sie sahen scheu aneinander vorüber ins Leere.

Gegen Mittag klirrte einer von der Wache herein und meldete den Hauptleuten, daß sich auf der Straße vom Maintal herauf eine Staubwolke bewege. Da schickten die Hauptleute den Hornbläser durch die Gassen, und der dumpfe Ruf schreckte die müden Reiter aus allen Winkeln hervor.

149 Die Pferde wurden aus den Ställen gezogen, ein Mann legte dem andern die Rüstung an.

Boten liefen hin und her zwischen dem Dorf und den Wachleuten.

Murrend saßen die Reiter auf ihren Pferden. Abseits vom Haufen aber hielten die Führer und berieten, ob sie sich dem siegreichen Feinde stellen oder ob sie zurückreiten sollten in den Schutz der Burg, in die Nähe des Blinden.

Murrend saßen die Reiter auf ihren Pferden und warfen schiefe Blicke auf ihre Führer. Das Murren wuchs. Und endlich erhob einer seine Stimme über alle andern: »Sind sie denn samt und sonders auf die Köpfe geschlagen, die Hauptleute? Was wollen sie denn noch im offenen Felde? Wiederum Prügel von den Bischöflichen?«

»So sag's du den Hauptleuten!« rief ein andrer im Haufen.

»Sag's ihnen, Schwarzer, gegen das Bild wollen wir nicht zum zweitenmal!« rief wieder einer.

»Soll ich?« fragte der Schwarze und wandte den Gaul.

»Ja, rede nur mit ihnen!« kam die Antwort aus dem Haufen zurück.

Da ritt der Schwarze mit frecher Miene gegen die Hauptleute: »Die da« – er blickte halb rückwärts über die Schulter – »die da wollen nimmer kämpfen im offenen Felde gegen die Bischöflichen und gegen das böse Bild.«

150 Mit verlegenen Gesichtern sahen die Hauptleute auf den Sprecher. Langsam rückte der murrende Haufen heran.

»Aber der Graf –!« begann einer von den Hauptleuten.

Da sprengte ein reitender Bote die Gasse herunter und rief schon von weitem: »Sie tragen grüne Zweige in den Händen!«

»Was gibt's?« schrien etliche hinten im Haufen.

»Grüne Zweige tragen sie!« rief der Schwarze und ritt zu den Seinen zurück.

»Ganz wenige sind's,« berichtete der Bote.

»So wollen wir ihnen entgegenreiten!« rief einer von den Hauptleuten. Und leichteren Herzens trabten die andern mit ihm zum Dorf hinaus. –

Zehn bischöfliche Reiter hielten auf der Höhe unter den Linden. Ihre Schwerter staken in den Scheiden, ihre Helme hingen an den Sätteln, speerlos waren die Schäfte ihrer Lanzen, gestürzt ihre dreieckigen Schilde, Lindenzweige trugen sie in den Händen.

»Sie haben Botschaft an den alten Grafen,« meldete einer aus der Wache.

Der Führer der Bischöflichen kam vor die castellschen Hauptleute und sagte: »Wollt ihr hören, dann sparen wir den Weg. Und tun's gern, weiß Gott.«

»Laßt hören!« sagte der Älteste von den Castellschen mit finsterem Gesicht.

151 Also hörten die Geschlagenen im Schatten der Linden die Botschaft der Sieger. Im verbrannten Grase am Wegrand zirpten die Grillen, in den Blättern der Bäume flüsterte der Windhauch. Die Rosse scharrten und schnaubten, schlugen und suchten sich der Bremsen zu erwehren.

Der Bischöfliche hatte geendet. Wortlos saßen die Castellschen in ihren Sätteln, wortlos und mit gesenkten Köpfen. Die Grillen zirpten, und in den Zweigen raunte der Wind.

Der Castellsche strich mit dem Handrücken über seine Augen. Dann wandte er sich und fragte wortlos die andern, wandte sich wieder und stieß heraus: »Wir haben's gehört. Aber wir können's nimmermehr nach Castell tragen.«

»Wie Ihr meint,« gab der Bischöfliche gleichmütig zurück.

»Oder will's doch einer von euch hinauftragen?« fragte nun der Castellsche und wandte sich zum zweitenmal zurück.

Aber sie schwiegen alle, die castellschen Hauptleute, und starrten auf die Mähnen ihrer Pferde.

»Dann gebt uns frei Geleite nach Castell und wieder zurück!« sagte der Bischöfliche. –

Einer von den Hauptleuten sprengte hinunter ins Dorf zum Haufen der Reiter und redete eindringlich auf sie hinein. Da wichen die Castellschen zur Rechten und Linken und ließen eine schmale Gasse frei. Ungehindert ritten die Bischöflichen mit 152 hochgehobenen Zweigen zwischen den Geschlagenen hindurch, die Straße entlang, aus dem Dorfe.

Als sie gegen Castell kamen, hingen die Blätter an ihren Friedenszweigen welk herab. So machten sie halt unter der Linde vor dem Dorfe. Und während der Wächter droben ins Horn stieß, griffen die Bischöflichen empor zu den tiefhängenden Ästen und brachen frische Zweige ab.

Sie verhandelten mit der Wache über die geschlossene Schranke. Sie ritten ungehindert durchs Dorf, den Berg hinan.

Sieben Reiter blieben vor dem Schloßtor, drei ritten in den Hof und stiegen von den Pferden. –

Droben in seinem Gemach empfing der blinde Graf die bestäubten Gesandten. Er hatte sich vor seinen Armstuhl gestellt und erwiderte die höfischen Kniebeugen mit einem Neigen des Hauptes. Denn hart hinter ihm stand der Kaplan und gab ihm heimliche Zeichen.

»Meine Herren lassen Euch ihren Gruß entbieten,« begann der Sprecher. »Gott und unser Heiliger haben entschieden zwischen uns und Euch. Eure Reiter sind geschlagen, wir haben als Sieger genächtigt auf der Walstatt.«

Der Graf verzog keine Miene. Aber als der Sprecher innehielt, bewegte der Blinde die Rechte und lud ihn ein, fortzufahren in seinem Bericht.

»Eure Hauptleute,« sprach der Abgesandte mit zögernder Stimme, »werden Euch melden, wie das 153 Unglück gekommen ist. Wir aber« – nun suchte er nach Worten – »uns – meine Herren lassen Euch wissen, sie haben mit den Lebendigen gekämpft – aber –« Nun hielt er inne.

Zum erstenmal erhob der Blinde die Stimme: »Ihr kommt, uns die Toten anzubieten?«

»Die Toten!« fiel der Abgesandte ein, als wäre er froh, daß der Alte das böse Wort zuerst in den Mund genommen hatte. »Die Toten – weil wir mit den Toten keinen Krieg mehr führen – nein, nimmermehr.«

»Sagt's frei heraus: Ich habe sieben Söhne in die Schlacht geschickt. Der eine und andre von ihnen mag seine Pflicht bis in den Tod getan haben –!« Der alte blinde Mann sprach das mit klarer Stimme. »Sagt's ohne Umschweif, ich bin bereit zu hören.«

»Der eine und andre,« wiederholte der Abgesandte und setzte eifrig hinzu: »Sie haben gekämpft, Herr, wie die Stiere, die in den Winkel gedrängt werden, so haben Eure Söhne gekämpft.«

Höher hob der Blinde das Haupt.

»Wahrhaftig, Herr, sie hätten den Tod nicht verdient. Wir haben sie ehrfürchtig nebeneinander auf den Rasen gelegt –«

»Nebeneinander auf den Rasen gelegt,« murmelte der alte Mann und faltete die Hände über dem Kreuze seines Schwertes.

»– in eine Reihe.«

154 »In eine Reihe,« wiederholte der Graf. »Und wie viele?« fragte er leise.

Der Sprecher sah verlegen auf die Dielen. »Fasset Euch, Herr Graf!«

»Sehe ich aus wie einer, der nicht gefaßt ist?« Der Alte richtete sich hoch auf.

»Es sind fünf Helden gewesen, und man wird singen von ihnen auf allen Straßen des Reiches,« sagte der Gesandte.

»Fünf!« murmelte der Alte.

»Fünf Helden!« wiederholte der Bischöfliche eifrig.

»Und die zwei letzten?« fragte der Graf.

»Fünf Helden – was sag' ich?« rief der Sprecher. »Sechs Helden sind's gewesen, und der sechste liegt schwerwund in Gottes Gewalt bei den Klosterfrauen drunten in Kitzingen.«

»Und der siebte?« fragte der Graf.

»Ist gefangen,« kam die Antwort zurück.

»Mit Wunden bedeckt?« fragte der Graf.

Da schwieg der Abgesandte.

»Wir lassen die Toten einbalsamieren und bahren sie in der Klosterkirche auf und geben Euch frei Geleite, den Schwerwunden zu besuchen, die Toten zu holen – nach Euerm Gefallen,« schloß der Bischöfliche seinen Bericht.

»Habt Ihr noch einen Auftrag?« fragte der Graf nach einer Weile.

»Der Streit ist zu Ende, Herr,« antwortete der 155 Bischöfliche, »ich schätze, es liegt an Euch, ob Ihr Frieden haben wollt oder nicht.«

»Und die Hennebergschen?« stieß der Alte hervor.

Da lachte der Bote: »Die Hennebergschen, Eure Gnaden? Wir haben kein Hennengackern gehört den ganzen heißen Tag.«

Da verzerrte sich das stolze Antlitz des Blinden, er stampfte und murmelte ein unverständliches Wort zwischen den Zähnen. Dann gab er tonlos zurück: »Und wer fragt den Besiegten, ob er Frieden haben will?«

Bis zur Erde bückte sich der Bischöfliche. »Eure Gnaden – ich rede ohne Auftrag, und es ist Eure Sache, ob Ihr mein Wort leicht oder schwer nehmen wollt. Aber mir dünkt, es kann dem siegreichen Bischof nicht einerlei sein, ob er einen Todfeind mehr im Bistum sitzen hat –«

Nachdenklich neigte der Graf das Haupt. Dann sagte er: »Ihr werdet hungrig und durstig sein. Ich bitte Euch, lasset Euch meine Bewirtung gefallen.«

Mit höfischen Kniebeugen gingen die Bischöflichen aus dem Gemache. Draußen aber flüsterte der Sprecher: »Der ist der siebte Held – der da drinnen. Weiß Gott, es ist mir sauer geworden, ihm die Wahrheit zu sagen.«

»Die Wahrheit?« raunte ein andrer. »Die Wahrheit wird ihm das Herz abstoßen.«

»Schweig!« raunte der erste. »Das erfährt er noch früh genug, der alte Mann.«

156 Der Graf hatte sich eingeschlossen.

Die Sonne brannte vom wolkenlosen Himmel herab. Weinen und Klagen erscholl im Schlosse und hinten zwischen den Planken, wo die Armleute aus den Dörfern lagerten. »Fünf von den sieben gefallen, Graf Rupert todwund, Graf Friedel gefangen!« so riefen die Leute einander zu. Daneben aber glitt gleich einer ekeln Schlange durch alle Kammern und Kemenaten noch ein andres, böses Gerücht. –

In der Gasthalle wurden die Bischöflichen bewirtet, und die Gräfin pochte an die verschlossene Tür des Grafen. Da sie keine Antwort bekam, pochte sie heftig. Und als sich noch immer nichts rührte, schlug sie mit den schwachen Fäusten an das Eichenholz.

Endlich kamen schwere Tritte über die Dielen, der Riegel ward zurückgeschoben, und der Blinde stand auf der Schwelle, richtete die roten Augen ins Leere und fragte: »Was gibt's?«

»Fort!« keuchte die Gräfin. »Es ist einer todwund, der ein Recht auf uns hat.«

»So lasse satteln!« befahl der Alte.

»Gott sei gelobt!« murmelte die Gräfin, lief die Steintreppe hinab und verhandelte schweratmend mit den Bischöflichen. –

Als sie zurückkam, stand Richiza vor der Stubentür und hob ihr wortlos die gefalteten Hände entgegen.

157 Traurig schüttelte die Gräfin das Haupt.

Da warf sich das Fräulein auf die Knie und bedeckte die Hand der Patin mit Küssen.

Frau Imma wandte sich ab und ging in die Kemenate ihres Gemahls. Nach einer Weile kam sie wieder heraus, schüttelte den Kopf und sah das Fräulein traurig an.

Richiza schlich in ihre Kammer, warf sich auf das Lager und weinte bitterlich.

 

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