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Richiza

August Sperl: Richiza - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleRichiza
authorAugust Sperl
year1909
firstpub1909
publisherDeutsche Verlagsanstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleRichiza
pages369
created20140621
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zehntes Kapitel

Unter den Strahlen der Morgensonne erglühten die kleinen buntbemalten Chorfenster, und matt leuchtete die Doppelreihe der weißen, wuchtigen Säulen im Schiffe. Kopf an Kopf standen die Herren und Mannen in der engen Burgkapelle.

Paarweise schritten sie zum Altare, knieten nieder und empfingen vor der Ausfahrt den Leib des Herrn. Und zwischen dem ersten Paare schritt die hohe Gestalt des Blinden.

Auf ihrem Betschemel, unter dem schweren Holzkreuz vorn an der ersten Säule, kniete die Gräfin. Sie hatte die Stirn aufs Pult gelegt, und das Pergament ihres Gebetbuchs wurde naß von den Tränen, die zwischen ihren gefalteten Händen hervorquollen. Regungslos verharrte sie, als die 105 heilige Handlung zu Ende war, als die Ihrigen unter den scharfen Klängen der Orgel die Kapelle verließen.


Der Weihrauch hing in Schleiern vor den glühenden Fenstern, und im grauen Dunste verschwamm die Gestalt des Gekreuzigten. Weltverloren kniete die Mutter der Sieben auf ihrem Schemel.

An der Ausgangstür aber stand, auf das Kreuz seines Schwertes gestützt, der Tannhauser und wartete.

Es war feierlich still in dem dumpfen Raume. Gedämpft, aus weiter Ferne, drang zuweilen etwas vom Geschrei der Knechte herein. Trübe brannten die Kerzen auf dem Altar.

Ein tiefer Seufzer kam von den Lippen der betenden Frau. Langsam erhob sich die gebeugte Gestalt, eine zitternde Hand raffte das wallende Gewand und müde Schritte bewegten sich dem Ausgange zu.

Der Tannhauser hüstelte ein wenig und trat der Herrin in den Weg.

»Ihr habt mir zu warten befohlen, Frau Gräfin,« sagte er mit heiserer Stimme. »Hier bin ich.«

Die Herrin hob das Haupt und sah dem Riesen mit schwimmenden Augen ins rote Angesicht. Sie drückte den kleinen silberbeschlagenen Psalter an die Brust und versuchte freundlich zu lächeln. Aber es wollte ihr nicht gelingen, und eine schwere Träne 106 rollte langsam über die schmale bleiche Wange und glitt auf das blinkende Perlenkettchen, das ihre Brust schmückte.

»Tannhauser!« sagte sie mit zuckenden Lippen und streckte ihm die Hand entgegen.

Der griff nach der Hand, beugte das Knie und drückte einen höfischen Kuß auf den ringbesteckten Handschuh. Dann stand er wieder hochaufgerichtet vor der Herrin und sah über ihr Haupt hinweg auf den weihrauchdunstigen Altar.

»Tannhauser,« sagte die Herrin zum zweitenmal, »ich, ja, ich habe Euch bitten lassen. Ihr könnt Euch denken, Tannhauser –«

Regungslos stand der Rote, und nun hefteten sich seine Blicke an die Farbenpracht der Fenster, der kleinen, rot, gelb, grün und blau gemalten, im Lichte der Morgensonne glühenden Fenster.

Wieder und wieder drückte die Herrin das Psalterbüchlein ans Herz, ihre Brust hob und senkte sich, und stockend kam die rührende Bitte von ihren bleichen Lippen: »Tannhauser, es wird mir wahrhaftig schwer, aber es muß dennoch hervor. Tannhauser, es ist in diesen Tagen nicht alles gewesen, wie es hätte sein sollen –«

Heftig schüttelte der Rote das Haupt, sah einen Augenblick scheu auf das schmerzbewegte bleiche Antlitz, preßte die Lippen aufeinander und sah dann wieder geradeaus in das trübe, weihrauchgedämpfte Licht der Altarkerzen.

107 »Aber vergeßt, Tannhauser, was geschehen ist!« bat die Gräfin. »Schon oft sind die Männer hart aneinander geraten, und eine Frau hat müssen dazwischen treten. Vergeßt, Tannhauser, was etwa bös geredet wurde.« Sie seufzte. »Meine Knaben sind rasch – ich vergehe vor Angst, wenn ich denke, daß Ihr im Groll mit ihnen ausfahret. Vergebt ihnen um der Mutter willen.«

Wiederum beugte der Rote das Knie und stand sodann wie vorher mit gesenktem Haupte.

Zwei angstvolle Augen sahen in das rote Antlitz. Aber seine Lider hoben sich nicht; er blickte unverwandt auf die bunten Felder des Mosaikbodens und antwortete in höfischem Tone leichthin: »Wer könnte Eurer Bitte widerstreben, edle Herrin?«

»O nicht, Tannhauser, nicht also!« rief die Gräfin und tastete nach seiner Hand.

»Ihr beschämt mich, edle Herrin,« brachte der Rote mit Anstrengung heraus und kreuzte die Hände über dem Schwertgriff. »Soll ich – soll ich dem Grafen Kunz Abbitte leisten?«

»Ihr?« Die Gräfin legte erschrocken die Hand auf seine Pranke. »Vergessen sollt Ihr, vergessen, Tannhauser!«

»Ich will mir Mühe geben,« sagte der Mann und neigte das Haupt.

»Gott sei gelobt!« hauchte die Gräfin und faltete die Hände über dem Psalter. Dann aber kam es stoßweise, bittend über ihre Lippen: »Und noch eines, 108 Tannhauser – die andern alle – von denen rede ich nicht, sie sind Manns genug und können für sich selber sorgen; aber der eine, Tannhauser – der eine – sechs Jahre nach allen den andern ist er geboren – Tannhauser –«

»Herr Friedel?« fiel ihr der Rote ins Wort und sah ihr nun zum erstenmal mit offenen Augen ins Antlitz.

»Ach ja, Tannhauser, der Friedel, das Kind!« Flehend streckte sie ihm die gefalteten Hände mit dem Büchlein entgegen. »Tannhauser – sorget mir für das Kind Friedel – Tannhauser, ich lege Euch das Kind Friedel ans Herz!«

»Behaltet ihn zu Hause, edle Frau!« sagte der Riese mit heiserer Stimme und strich langsam über seinen wallenden Bart. »Er ist zu jung, und es wäre schade um ihn.«

»Ich habe keine Macht,« flüsterte die Gräfin.

»Dann will ich tun, was ich zu tun vermag,« murmelte der Rote, faltete die Hände über dem Kreuze seines Schwertes und starrte wiederum in die Farbenglut der Fensterlein.

»Gott vergelt's Euch!« flüsterte die Herrin und schluchzte.

Der Tannhauser trat zur Seite und beugte das Knie.

Noch einmal sahen die verweinten Augen flehend auf das harte Antlitz. Dann stieg die Mutter der Sieben langsamen Schrittes die Stufen zum Ausgang empor.

109 Mit halbgeschlossenen Augen stand der Riese zwischen den Säulen und wartete, bis ihr Schritt im Gange verhallt war. Dann verließ auch er die Kapelle.

Der Weihrauch hatte sich an die gebräunte Holzdecke verzogen. Ruhig brannten die Kerzen auf dem Altare. Ein verirrter Sonnenstrahl zitterte in der Dornenkrone des Gekreuzigten.

*

Alle Sieben standen im Gemach des Blinden. Da nahm dieser das Bündlein mit dem wunderbaren Stein aus seinem Gewande.

»Ihr kennt das Kleinod,« sagte er und streichelte das Bündlein, »und ihr wißt, warum ich euch zu mir gerufen habe vor der Ausfahrt. Könnte ich, dann gäbe ich jedem von euch den Stein in den Krieg mit. So aber wird ihn nur einer tragen.«

»Vergebt, Herr Vater,« kam's murmelnd aus dem Hintergrunde.

»Wer spricht?« fragte der Blinde.

»Ich, der Lutz,« kam die Antwort zurück. »Ich habe oft schon gehört von dem Steine, Herr Vater.«

Nun wichen die andern zur Rechten und Linken, daß Graf Lutz vor dem Vater zu stehen kam.

»Darf ich Euch fragen, Herr Vater, ob dieser Stein ein Heiltum des Hauses ist oder,« – einen Augenblick hielt er inne, dann kam es vollends heraus – »oder heidnische Zauberei?«

110 Die Hand des Blinden schloß sich fest um das Bündlein, die erloschenen Augen richteten sich auf den Sprecher, und grollend kam die Antwort zurück: »Mir dünkt, der Stein ist lange schon in unserm Geschlecht gewesen, ehe der heilige Kilian in unsre Gauen fuhr. Was kümmert's dich, Lutz? Es ist ein kräftiger Stein.«

Murrend standen die sechs. Mit geneigtem Haupte trat Graf Lutz einen Schritt vorwärts. Er schluckte etliche Male und leckte seine trockenen Lippen.

»Ich denke, wir entscheiden die Frage durchs Los,« sagte der Alte.

»Vergebet, Herr Vater,« brachte nun Graf Lutz mit Anstrengung heraus, »mir dünkt, der Stein ist heidnischer Greuel und –«

»Lutz!« drohte der Alte.

»– und da sei Gott vor, daß ich mich also beschmutze!«

Er beugte das Knie vor dem Vater, wandte sich und schritt mit demütig gesenktem Haupt aus der Tür.

Mit geballten Händen saß der Graf. Laut murrten die Söhne.

Graf Kunz trat vor, beugte das Knie und sprach: »Vergebet, Herr Vater, daß er das Kleinod des Hauses geschmäht hat. Wir andern alle –«

»Bring mir die Losstäbe!« unterbrach ihn der Blinde mit rauher Stimme. »Das hat noch keiner 111 getan, solange der Stein im Geschlecht ist. Und es ist ein übles Vorzeichen.«

»Wozu die Losstäbe, Herr Vater?« sprach Graf Kunz.

»Weil's also Brauch ist seit Urväterzeiten, wenn mehr als einer ausfährt.«

»Der Älteste soll ihn tragen, den Stein!« rief Heinz. »Das ist billig und recht.«

Beifällig nickten die andern.

»Der Älteste?« Graf Kunz lachte. »Und warum gerade der Älteste? Weil er ohnedies am längsten gelebt hat? Warum nicht der Jüngste?«

»Der Älteste!« rief nun Graf Friedel.

»Darf ich reden, Herr Vater?« fragte Kunz.

»So sprich!«

»Was liegt daran, Herr Vater, ob der oder jener von uns im Feld bleibt? Wir sind unser sieben – etliche werden ja doch wieder heimkehren und das Haus weiterbauen. Alles aber liegt daran, daß die Fahne wiederkommt. Und so denk' ich, wir sechse hängen das Heiltum an die Fahne!«

»An die Fahne! An die Fahne!« riefen die andern und schlugen an ihre Wehren.

Beifällig nickte der Alte.

»Und wer soll's an die Fahne heften?« fragte er nach einer Weile.

»Die Frau Mutter,« sagte Graf Kunz.

Und wiederum erklang es im Kreise: »Die Frau Mutter, die Frau Mutter!«

112 Und zu dritt stürmten sie aus der Türe, holten die Mutter und brachten die Fahne.

Da nahm Frau Imma das Bündelein, wie es war, aus den Händen des Gatten, setzte sich auf den Schemel und nähte es mit starker Seide oben an das rotweiß geviertete Tuch, dicht unter die vergoldete Spitze. Schweigend standen die Söhne im Halbkreise. Die Hände der Gräfin zitterten, als sie nähte, und sachte tropften die Tränen herab auf die zerschlissene Fahne.

*

Das Morgenmahl war eingenommen.

Im Schloßhofe rasselten die Trommeln, die Pauken dröhnten, die Pfeifen quiekten, die Hörner jauchzten, die Rosse stampften und schnaubten und schäumten in die Gebisse, das Lederzeug knarrte, die Ketten und Ringe und Bügel klirrten, und die alten Mauern hallten wider vom Getöse der Ausfahrt.

Ein Stück vom blauen Morgenhimmel lugte in den engen Schloßhof hinein. In den Fenstern rings umher standen die Burgleute Kopf an Kopf und sahen herab auf die Reisefertigen. Ein kaltes Leuchten ging aus von den Spitzen der Lanzen, der Lufthauch spielte mit den rotweißen Wimpeln.

Oben auf der Freitreppe stand der Blinde neben der Gräfin und gedachte Abschied zu nehmen von seinen Söhnen und Mannen.

Er griff nach der schwarzen Samtkappe und entblößte das Haupt.

113 Die Musik verstummte.

Mit lauter Stimme rief der Alte über die Gewappneten: »Ich will euch etwas sagen zum Scheidegruß, ihr meine Getreuen. Ihr reitet aus kühlen Mauern ins heiße Feld, ihr reitet auf Leben und Tod. Ihr seid aber nicht die ersten, die also reiten aus diesen Mauern, und seid gewiß auch nicht die letzten. Reitet in Gottes Frieden und vergeßt nicht bei Tag und vergeßt nicht bei Nacht, daß die Schande ärger ist als der Tod.«

Er hielt einen Augenblick inne, hob die Hände segnend über die festlich gekleidete Schar und sang mit zitternder Stimme die uralten Worte: »Rett Castell all' Tag!«

Da schwenkten sie allzumal die bewimpelten Lanzen, und singend kam ans hundert Kehlen zurück der Lagerruf des Geschlechts: »Rett Castell all' Tag!«

Mit schallender Stimme befahl Graf Kunz den Abzug. Die Trommeln rasselten, die Pauken dröhnten, die Hörner jauchzten, aus den Fenstern ringsumher wehten die weißen Tüchlein zum Abschied, klirrend setzte sich die Schar in Bewegung.

Das Tor widerhallte vom Lärm der Ausfahrt.

Weinend verhüllte die Gräfin das Antlitz mit dem Schleier, wortlos wandte sich der Blinde, bedeckte das Haupt und reichte der Gemahlin den Arm. Und mit schleppenden Schritten gingen die beiden hinein in den Palas.

114 In der Ferne, zwischen den hohen Planken des Reitweges unter der Grafenlinde, verklang die Musik, und stille ward's zwischen den Mauern des Schlosses Castell.

Bis vor sein Gemach geleitete die Gräfin den Blinden. Dann aber löste sie den Arm und schritt hastig den Gang hinunter, öffnete die kleine Tür und klomm zum Wehrgang empor.

Sie stand auf der Plattform des Bergfrieds, und im lachenden Sonnenscheine lag das Land zu ihren Füßen – man konnte in weite Ferne sehen, in weite, duftige Ferne, bis zum glitzernden Strom, bis zu den blauen Waldbergen jenseits des Stromes.

Sie trat an die steinerne Brüstung und spähte hinunter ins Tal. Aus der Tiefe schlug das Getöse der Musik an ihre Ohren. In der Tiefe zwischen den strohgedeckten Häusern des Dorfes funkelten die Lanzenspitzen, leuchteten die bunten Gewänder der Herren.

Draußen vor dem Dorfe, nahe den Herrengärten, hielt, wartend auf grünem Wasen, die Menge der Reiter.

Jetzt kamen die Herren und Mannen durchs Tor des Dorfes, hinaus zur Linde, jetzt stießen sie zu den andern.

Die Musik verstummte, aus weiter Ferne trug der Windhauch des Morgens zerrissene Befehle zu der lauschenden Frau empor. Aufs neue erhob sich die Musik.

115 Wie eine gleißende Schlange kroch der Zug der Reiter und Sarjanten auf der weißen, staubigen Straße gen Abend.

Regungslos stand die Herrin und sah ihnen nach, bis sie allmählich im Staube hinter dem Dorfe Trautberg verschwanden.

 

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