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Richiza

August Sperl: Richiza - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleRichiza
authorAugust Sperl
year1909
firstpub1909
publisherDeutsche Verlagsanstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleRichiza
pages369
created20140621
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Neuntes Kapitel

Es war die Nacht vor der Ausfahrt, und in tiefem Frieden lag die Burg.

Richiza erhob sich von ihrem Bette, schlüpfte in das Gewand, griff unter ihr Kopfkissen und ging leise aus der Kammer. Krampfhaft umspannte die zitternde Hand das wundersame Kleinod.

Ganz stille war's in der weitläufigen Burg. Das Fräulein huschte den Laubengang hinunter, über die Schatten der kurzen, dicken Säulchen, die schräg auf dem roten Ziegelpflaster lagen. Kein Lufthauch regte sich. Eine Kette klirrte drüben über dem mondhellen Hofraum, und Richiza schrak heftig zusammen. Ein Rind brüllte dumpf auf im Stalle neben dem Küchenbau.

Sie war an das Ende des Ganges gekommen und lief die enge, finstere Wendeltreppe hinan. Sie öffnete leise die Türe und stand im Kämmerlein der alten Gürtelmagd.

98 »Kunne –?« rief sie in den mondbeschienenen Raum.

»Jungfrau?« antwortete die Alte vom Fenster herüber.

»Ei, Kunne, du läßt den Laden offen stehen? Zu nachtschlafender Zeit, wo doch die Herren der Luft umherfliegen wie Fledermäuse?« sagte sie ängstlich.

Kaum hörbar lachte die Alte und beugte sich weit aus dem Fenster. »Ich fürcht' mich nicht. Aber kommt her zu mir, Jungfrau,« flüsterte sie.

Zaghaft stieg Richiza die Stufe empor.

»Da gucket –!« raunte die Magd und wies hinab in den Hof. »Sehet Ihr's nicht?« fragte sie geheimnisvoll.

»Was denn?«

»Da sind nun richtig die sieben Entlein hintereinander über den Hof gegangen, Jungfer. Grad so, wie's sein muß.«

»Komm, Kunne!« flüsterte das Mägdlein aufgeregt und zerrte die Alte am Kleide. »Was kümmern uns die Entlein?«

Die Gürtelmagd schüttelte den Kopf und blickte unverwandt in den Hof hinunter: »Was uns die Entlein kümmern? Ei, Jungfer, die sieben weißen Entlein mit den schwarzen Köpfen?« Sie umklammerte den Arm des Kindes und wies mit der ausgestreckten Linken hinunter: »Nun sitzen auf dem Brunnenrand noch ihrer zwei – seht Ihr's denn nit?«

99 Angestrengt spähte Richiza in die Tiefe. Dann sagte sie: »Kunne, der Brunnen steht doch im Schatten; 's ist nichts zu sehen. Kunne, du träumst!«

»Und jetzt ist das letzte Entlein im Brunnen verschwunden,« raunte die Magd. »Und jetzt« – sie schüttelte sich – »jetzt, Jungfer, möcht' ich nicht stehen draußen in den Wiesen am Grundlosen Loch.«

»Kunne!« Richiza zerrte an ihrem Arm. »Komm, Kunne, mach den Laden zu!«

Bedächtig schloß die Alte den Laden. Nur spärlich fiel das Mondlicht durch die herzförmigen Ausschnitte in die Kammer.

»Als Entlein gehen sie hinein in den Brunnen, die Sieben, und als Schwäne kommen sie drüben im Grundlosen Loch wieder heraus. Und dann steigen sie ans Ufer – und dann – –« Geheimisvoll schloß sie ihre Rede: »Dann sitzen sie und spinnen im Mondlicht. So ist es damals gewesen, so wird's auch heute sein.«

»Hast du dich besonnen?« fragte Richiza.

»Hab' mich besonnen, Jungfrau. Ist mir aber noch nichts eingefallen.«

»Macht nichts, Kunne!« Mit zitternder Hand hielt Richiza ihr Kleinod empor, mit bebender Stimme rief sie: »Kunne, nun hab' ich ein Heiltum.«

»Vom Herrn Kaplan?« erkundigte sich die Magd neugierig.

Richiza trat zurück und versteckte die Faust in den Falten ihres Gewandes.

100 »Ein starkes Heiltum,« sagte sie mit unsicherer Stimme. »Und Kunne, du hilfst mir?«

»Wenn ich kann, Jungfer.« Die Alte gähnte.

»O, du kannst, Kunne. Gelt, Kunne, du holst mir – Kunne, wo muß man's einnähen – – weißt du's?«

»Ob ich's weiß! In das Seidenhemd, das sie unter der Brünne tragen, die Mannsleut, grad über dem Herzen, Jungfer.«

»O gelt, Kunne, du bringst mir das seidene Hemd auf der Stelle!« flehte Richiza.

»Von wem –?« Die Magd hustete ein wenig. »Verzeiht, ich hab's vergessen.«

»O Kunne!« Die Jungfrau wandte sich ab und schluckte verlegen.

»Vom Jungherrn Friedel, gelt?« sagte die Alte. »Jetzt weiß ich's auf einmal wieder. Wenn er nun aber aufwacht, der Jungherr, und schreit Dibio, und rennen die Leut zusammen?«

»O Kunne!«

»Bleibet! Will schauen, ob ich's kriegen kann.« Damit ging sie.

Das Kind setzte sich auf das Bett und lauschte. Die Tür stand offen.

Nach langer Zeit kam die Alte wieder mit schlurfenden Schritten zur Wendeltreppe. Richiza sprang auf und lief hinaus. »Hast du's, Kunne?« fragte sie mit halblauter Stimme hinunter in die Finsternis.

101 Lichtschein drang empor aus der Tiefe.

»Sie hat's!« rief die Jungfrau und riß ihr das seidene Gewand vom Arme.

»Bscht, bscht!« mahnte die Alte und stellte die brennende Kerze auf den Tisch. Und heftig schnaufend berichtete sie: »Zu viert schlafen die Jungherren in seiner Kammer – der Karl, der Dietz, der Heinz. Ja, es geht eng her in der Burg.«

»Ist's auch gewiß sein Gewand?« fragte Richiza ängstlich.

»Es sieht gar wüst aus in der Kammer. Überall liegen die Kleider,« sagte die Alte.

»O Kunne–!«

»Die von den andern, Jungfrau, von den drei andern. Aber was das Kind – der Jungherr Friedel ist, der hat seine Kleider fein säuberlich an den Pfosten neben sein Lager gehängt.«

Erleichtert atmete Richiza auf. »Und jetzt hilf, Kunne, und gib mir die Seide.«

Brummend kramte die Magd in ihrem Nähzeug. »Mit Seide, Jungfrau?«

»Freilich, Kunne, freilich.«

»Macht aber das Bäuschlein so klein, daß er's beileibe nicht merkt, und näht es zwischen die Falten,« mahnte die Magd.

Eifrig nähte das Kind.

»Wo Ihr nur das Heiltum so geschwind bekommen habt?« fragte Kunne nach einer Weile neugierig.

102 Richiza schwieg. Endlich sagte sie halblaut: »Wenn nun, Kunne – wenn nun einer – ich meine nur – wenn etwa einer ein Heiltum –.« Sie stockte. »Wenn einer ein Heiltum, das ihm nicht gehört –?«

Leise lachte die Alte: »O, ich versteh' Euch. Aber seid ohne Sorge. Ich denk' mir, Heiltum bleibt Heiltum, ob's nun einer gekauft oder –« Nun stockte auch sie. »– oder gefunden hat.«

»O gelt, Kunne!« rief die Jungfrau und atmete tief auf.

*

Im Frieden der Mondnacht schlief der weite Gau, im silbernen Lichte lagen die Weingärten, die Felder und Wiesen. Nur zuweilen kam von den dunkeln Waldbergen der klagende Ruf eines Käuzleins herüber, nur zuweilen lockte draußen zwischen den Sümpfen ein Wasservogel. Es blinkte kein Licht mehr aus den Fenstern des Grafenschlosses.

Im Schatten der Eschen und Erlen lag der kleine runde Weiher, und sein grünliches, unbewegtes Wasser spiegelte den vollen Mond.

Geräuschlos schwammen im Kreise über der unergründlichen Tiefe die sieben Schwäne. – – –

Sieben Frauen stiegen ans Ufer; und es fielen die Tropfen aus ihren Federkleidern zurück in die Flut. Sie setzten sich schweigend in den Schatten der Bäume um das Grundlose Loch, stießen ihre Rocken in den Wasen und begannen zu spinnen.

103 Feiner Nebel kam aus den Wiesen und kroch nahe am Boden hin. Wie weißes Linnen breitete sich der Nebel über die Fläche.

»Heute mir, morgen dir!« raunte die erste und erhob das uralte Antlitz zum goldenen Monde empor.

»So muß es sein, weil's immer so gewesen,« raunte die zweite.

»Und wird so sein bis ans Ende der Tage,« raunte die dritte und wandte das jugendliche Antlitz traurig hinüber zu den schimmernden Mauern des Schlosses Castell.

Dann aber sangen sie leise zu siebt im Schatten der Bäume am Grundlosen Loch unter dem stillen Mond:

»Sie liegen
und schlafen,
wir wachen
und sichten
die Sachen
und richten
und strafen
und lohnen.
Sie hasten
und jagen;
sie rasten,
sie zagen –
wir sinnen,
wir spinnen,
und eh sie's gedacht,
über Nacht, über Nacht
ist alles vollbracht.«

104 Es klang nicht wie Menschenstimmen, es klang nicht wie Blättergeflüster. Unirdische saßen und raunten und warfen die Spindeln.

Und mit leisem Ächzen riß ein Faden nach dem andern, und mit leisem Lachen tauchte eine nach der andern zurück in die dunkelgrüne Flut.

Zuletzt saßen nur noch zwei von den Sieben am Ufer und raunten und spannen und spannen.

Der Nebel stieg höher und höher und verschlang ihre schimmernden Leiber.

 

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