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Richiza

August Sperl: Richiza - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleRichiza
authorAugust Sperl
year1909
firstpub1909
publisherDeutsche Verlagsanstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleRichiza
pages369
created20140621
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtes Kapitel

Es war spät am Abend, und wer schlafen durfte, der schlief. Lang ausgestreckt lagen auch die ermüdeten Rosse auf ihrem Stroh. Nur die Wächter ließen sich hören, sie spähten hinaus in die Mondnacht, sie riefen einander zu, sie schritten auf und ab über die Bretter der Wehrgänge, und es klang dumpf und hohl unter ihren Tritten.

Vor dem Armstuhl der Mutter, im schwacherleuchteten Gemache, kauerte auf einem Schemel Graf Lutz.

»Das war damals vor zwölf Jahren, Frau Mutter. – Laßt mich, Frau Mutter, es muß alles vom Herzen herunter, ehe wir ausfahren. O, ich weiß es noch wie heute, und meine Lüge brennt mich, als hätt' ich sie gestern gesagt.«

»Aber Lutz!« Die Herrin beugte sich herab und strich liebkosend über seine Haare.

»Könnt Ihr mir diese Lüge vergeben?« fragte Lutz und sah erwartungsvoll zu ihr empor.

Frau Imma lächelte wehmütig: »Alles, alles vergeb' ich dir, mein lieber Lutz.«

»Wirklich, Frau Mutter?« Nun atmete er tief auf und wandte das kleine gebräunte Antlitz zur Seite. Das Flämmchen der Ampel warf ungewisses Licht auf seine vergrämten Züge. »Sünde auf Sünde fällt mir ein.«

»Du wirst sie beichten,« sagte die Mutter.

90 »Beichten,« wiederholte er nachdenklich; »jawohl, beichten. Wie ist's aber, wenn mir nach der Beichte, beim Reiten, wieder neue Sünden einfallen, Frau Mutter?«

»Alle Sünden, auch die vergessenen mußt du dem Priester beichten,« riet Frau Imma und nahm das Haupt des Bekümmerten zwischen ihre Hände.

»Wie ist doch ein jeder so anders geartet – ein jeder von uns Brüdern!« murmelte Graf Lutz nach einer Weile. »Frau Mutter, mir graut vor ihrer Ausfahrt. Da ist der Kunz. Seit er eingeritten ist, sitzt er täglich eine Stunde beim Pfaffen und läßt seine Habe aufschreiben, sagt ihm in die Feder, wer's erben soll.« –

»Der tapfere Kunz – er ist ein Haushalter,« erwiderte die Mutter nicht ohne Stolz.

»Gewiß, er hat noch keinen Heller vergeudet; aber ich fürchte, seine Seele ist geknechtet vom Geiz.«

Die Mutter schwieg.

»Da ist der Heinz,« fuhr Graf Lutz fort. »Wie hat ihn der Allmächtige gesegnet mit Gaben des Geistes!«

»Und wie schöne Lieder weiß er zu setzen! Und wie klug spricht er!« unterbrach ihn die Gräfin.

»Lieder?« fuhr Graf Lutz auf. »Jawohl, Liebeslieder, Weinlieder, Schelmenlieder! Und klug? Jawohl, aber all seine Klugheit ist nur für Frau Welt. Hat er schon jemals ein Lied zu Ehren der heiligen Jungfrau gesungen –?«

91 »Er preist dennoch Gott den Herrn in seinen Liedern,« behauptete die Mutter. Und flüsternd setzte sie hinzu: »O, ich kenne Lieder von ihm –«.

Mit strenger Miene unterbrach sie Graf Lutz: »Ich bin dennoch besorgt um das Heil seiner Seele. Die beiden, der Heinz und der Karl – Frau Mutter!« Raunend fuhr er fort: »Bin gestern früh den Fahrweg zwischen den Planken hintergegangen. Draußen vor dem letzten Zaun unter den alten Eichen auf dem Wall, Ihr wißt doch, ist der Heinz auf dem Rücken gelegen; vor ihm sitzt sein Knabe mit der Schreibtafel, nicht weit von ihm steht Karl. Frag' ich: ›Was treibt ihr da?‹ Brummt der Heinz und kichert der Knabe. Der Karl aber verhöhnt mich: ›Er setzt mir ein Lied für meine Holde, andächtiger Herr Bruder, Bischof im Lande der Ungläubigen, und wir müssen uns sputen, weil das Singerlein heute noch laufen soll mit dem Lied über Berg und Tal.‹ Verführt mich der Kuckuck, daß ich bleibe. Frau Mutter –!« Graf Lutz schlug die Hände zusammen. »Ich müßte mich schämen, wenn ich's sagen sollte; der Heinz aber hat es dem Singerlein in den Griffel gesummt. Vom Küssen und von roten Lippen hat er gesummt, und der Karl hat's nachgebrummt – da bin ich entflohen.«

»Ich kann mir's denken, daß ihnen die Mägdlein gut sind, dem Karl und dem Heinz,« seufzte Frau Imma. »Die Welt wird nicht müde zu locken.«

»Dann wappne man sich mit allerlei Tugend!« 92 rief Lutz. »Wenn ich denke, wie sich die Brüder zur Ausfahrt rüsten, so graut mir, Frau Mutter. Da ist der Johann. Vorgestern war er voll, gestern war er voll –«

Die Herrin erhob sich und ging an das mondhelle Fenster: »Voll? Mag sein, und Gott verzeih' es ihm. Aber ohne Falsch ist er und tapfer ist er –. Ich schätze, Lutz« – sie trat ins Fenster und blickte hinaus – »ich schätze,« sagte sie langsam und mit Betonung, »du solltest barmherziger sein gegen die Brüder –«

»Bin ich's doch auch nicht gegen mich selbst, Frau Mutter!«

»– und solltest ihre Tugenden nicht vergessen über ihren Fehlern –«

»Seht meinen Rücken an, Frau Mutter, wie er narbig ist von Geißelhieben,« kam's vom Schemel herüber. »Und bedenkt, wie ich faste –«

»– und solltest ihre Fehler bedecken mit barmherziger Liebe, wenn du von ihnen sprichst!«

»Frau Mutter!« Graf Lutz stand auf von seinem Schemel. »Gott soll mich strafen in seinem Zorn, wenn ich vor Fremden rede von ihren Lastern –« Er kam näher heran. »– aber Euch muß ich sagen, was mich quält; denn Ihr allein, Ihr allein könnt reden mit den Stolzen, und Euch allein hören sie vielleicht.«

Die Gräfin seufzte.

»Tag und Nacht, Frau Mutter, verzehrt mich 93 die Angst um ihre Seelen und um meine Seele. Und oft fahre ich des Nachts empor und sehe uns Sieben in den Flammen. Uns Sieben und mich mitten unter ihnen.«

Er stand nun dicht vor der Mutter. Da legte diese die Hand auf seinen Scheitel.

»Der Angstschweiß bricht mir aus der Stirne, wenn ich also wachend auf meinem Bette sitze. Frau Mutter –« seine Rede wurde zum Flüstern – »es ist ein böser Handel, und es klingt mir allzeit ein Wort in den Ohren, das heißt Simonie. Frau Mutter, was dünkt Euch um Christi Wort: steck das Schwert ein – Frau Mutter? Wir aber, fahren wir nicht aus und greifen in den Schacher ein und kämpfen in zwiespältiger Wahl, und ist Frau Welt, Frau Welt, allüberall Frau Welt, wohin ich schaue.«

»Solltest du den Vater meistern und die Brüder verlassen?« fragte die Mutter, hob sein Kinn und sah in seine Augen.

»Verlassen? Jawohl, Frau Mutter, ich sollte sie verlassen.«

»Lutz –!«

»Versteht mich, Frau Mutter, ich sollte, aber ich kann nicht.« Er stampfte. »Da ist ein Angelhaken, an dem hat mich Frau Welt.« Er stampfte. »Ich weiß, sie höhnen mich, weil ich niemals zum Lanzenbrechen reite. Und sie sagen: Wie kann der reiten im Ernst, wenn er sich nicht finden läßt im Schimpf?« Er stampfte. »Ich darf ja doch nicht 94 gegen die Gebote der Kirche. Aber nun will ich's ihnen zeigen. O, ich fürchte den Tod nicht, so wenig wie ihren Hohn. Und sie sollen mich nimmer höhnen!« Erschöpft hielt er inne.

»Armer Lutz!« sagte die Gräfin.

»Der Herr Vater hat mich gerufen,« fuhr der Jüngling fort, »und also hab' ich zu reisen. Ist's Sünde, dann fällt's auf sein Haupt. Seht, Frau Mutter,« – hastig wischte er über die Stirne – »schon wieder der Angstschweiß! Gut, daß die Brüder nicht da sind – sonst hieße es, der Lutz hat Angst vor dem Sterben!« Verächtlich wiederholte er: »Angst vor dem Sterben!« Dann schlich er mit gesenktem Haupte aus der Türe.

*

Er schlich durch dunkle Gänge, über finstere Treppen in die kleine Schloßkapelle.

Die gemalten Fenster des Chörleins leuchteten im Mondenscheine, das ewige Licht glühte vor dem Hauptaltar. Aber zwischen den dicken Säulen des Schiffes war's dunkel.

Graf Lutz ging hastig an einen Seitenaltar, warf sich auf die Knie, preßte die Stirne auf die unterste Stufe und betete.

Nach einiger Zeit ward die Türe abermals geöffnet. Männerschritte kamen zwischen den Säulen heran, mit einem tiefen Seufzer kniete einer inmitten des Schiffes auf die Steinplatten.

95 Regungslos lag Graf Lutz vor seinem Altar in der Dunkelheit.

Nach einer Weile begann der andre mit dumpfer Stimme:

»Mir ist, als wär' es zum letzten Male,
mir ist, als neigte der Weg sich zu Tale,
als wollte auf all mein Fühlen und Denken
die Nacht sich leise herniedersenken.

Ich spänne so gerne noch weiter das Leben,
das du, Gottvater, mir selber gegeben –
doch hab' ich dir gar nichts vorzuschreiben,
möchte nur immer dir nahe bleiben.

Verlaß mich nicht auf dieser Erden,
wenn böse Tage kommen werden,
und sei mir nahe mit deiner Gnade,
wenn sich verwirren die Erdenpfade.

Und wenn ich versinke in Nacht und Grauen,
dann laß mich, Herr, dein Antlitz schauen –
und gib mir, wenn ich hienieden erbleiche,
die schlechteste Wohnung in deinem Reiche.«

Graf Lutz zitterte am ganzen Leibe, und tonlos bewegten sich seine Lippen: »Heinz –!« Aber er rührte sich nicht, während der andre seines Herzens Gedanken ausschüttete in der Dunkelheit der Kapelle:

96 »Ihr Heiligen alle und du, Gnadenmutter, wollet mich hören. Weiß wohl, sie hat mich hin und her gerissen, Frau Welt. Weiß wohl, bin schwach gewesen und hab' mich lassen zerren. Hab' das Gute gekannt und hab' das Böse getan. Kann mich nicht trösten mit Unwissenheit. Kann euch nur bitten, tröstet mich, ihr Heiligen. Darf meine Augen nicht heben zu euch, denn ihr seid rein und unbefleckt die schmutzige Lebensstraße gezogen – ich aber habe ein schmutziges Kleid. Muß nun reiten in Kampf und Not, weiß nicht, vielleicht in bittern Tod. Hab' keine Angst vor Kampf und Not und Tod, allein mein schmutzig Kleid tut wir sehr leid. Schäme mich und fürchte mich. Fürchte, sie werden mich aussperren. Ihr Heiligen und du, Gnadenmutter, sagt's doch dem Herrn, wie bitter leid mir's tut. Erinnert ihn daran, daß er einst dem armen Schächer an seiner Seite Trost gespendet hat, und der ist fröhlich von hinnen gefahren. Sagt's ihm doch, dem Herrn, der Heinz hat keine Angst vor Kampf und Tod, ihn ängstet nur sein schmutzig Kleid.«

Mit einem leisen Seufzer erhob sich der betende Mann und ging auf den Fußspitzen aus der Kapelle.

Regungslos blieb Graf Lutz auf seinem Antlitz liegen und wartete, bis die Schritte verklungen waren. Dann richtete er sich auf, fuhr mit beiden Händen in sein wirres Haar, raufte es und schwankte zwischen die Säulen. Wo der andre gekniet hatte, warf auch er sich auf die Steinplatten, rang die 97 Hände und stöhnte. Und er ward vom Ankläger ins heilige Land getragen und im Tempel niedergesetzt. Da mußte er die beiden sehen, von denen das Evangelium erzählt: den Satten, der dem lebendigen Gott sein armselig Fasten und Almosengeben vorrechnet, und den Hungrigen, den der Satte verachtet. Und er glaubte es ganz deutlich zu sehen: der Satte war er und der Hungrige war Heinz.

 

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