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Richard Feverel

George Meredith: Richard Feverel - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleRichard Feverel
authorGeorge Meredith
year1904
firstpub1859
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleRichard Feverel
pages677
created20100628
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtes Kapitel.

Der bittere Kelch.

Farmer Blaize war nicht so erstaunt über Richard Feverels Besuch, als der junge Mann es von ihm erwartete. Der Farmer saß in seinem Lehnstuhl in dem kleinen niedrigen Wohnzimmer eines alten Landhauses; 68 ein lange Tonpfeife lag auf dem Tisch an seiner Seite, und ein ehrwürdiger Jagdhund zu seinen Füßen. Er hatte schon drei hervorragenden Mitgliedern der Familie Feverel Audienz erteilt, die, gemäß ihrer gewohnten Heimlichtuerei, einzeln gekommen waren, aber in der gleichen Absicht. Am Morgen war es Sir Austin selbst. Kurz nachdem er gegangen, kam Austin Wentworth; auf den Fersen folgte ihm Algernon, den man in Lobourne den Kapitän nannte, und der überall, wo man ihn kannte, beliebt war. Farmer Blaize lehnte sich zurück und war in sehr gehobener Stimmung. Er hatte diese hohen Herrschaften in eine recht demütigende Lage gebracht. Er hatte sie gastfreundlich empfangen, wie es sich für einen englischen Freibauern geziemte, aber er hatte nicht einen Fuß breit nachgegeben in seinen Forderungen: nicht dem Baron gegenüber, nicht dem Kapitän, nicht dem guten, jungen Herrn Wentworth gegenüber. Denn Farmer Blaize war ein praktischer Engländer und, nachdem er den Baron offen hatte bekennen hören, daß er, der Bauer, die Familie in seiner Gewalt habe, beschloß er diese Gewalt auszunutzen und nur nachzugeben um greifbarer Vorteile willen: Entschädigung für seinen Geldbeutel, seine verwundete Person und seine noch mehr verwundeten Gefühle. Die Gesamtentschädigung sollte in der Zahlung von dreihundert Pfund bestehen und einer persönlichen Abbitte des jungen Herrn Richard, als des Hauptbeleidigers. Auch dann blieb noch ein Vorbehalt. »Vorausgesetzt,« sagte der Farmer, »daß niemand versucht hätte, seine Zeugen zu beeinflussen.« In diesem Falle, erklärte Farmer Blaize, möge das Geld verloren gehen; er würde dafür sorgen, daß Tom Bakewell deportiert würde, wie er es geschworen habe. »Und dem Mitschuldigen ergeht es schlecht vor Gericht,« fügte er hinzu, und klopfte ruhig die Asche aus seiner Pfeife. Er hätte nicht den Wunsch, 69 irgendwohin Schande zu bringen, er achtete die Einwohner von Raynham, wie es ihm zukäme, er würde traurig sein, wenn sie in Kummer gerieten. Nur dürfte sich niemand mit seinen Zeugen zu schaffen machen. Er wäre ein Mann des Gesetzes. Rang wäre viel, Geld wäre viel; aber Gesetz wäre mehr. In diesem Lande stände das Gesetz über dem Herrscher. An den Gesetzen rühren wollen, wäre Vaterlandsverrat.

»Ich komme direkt zu Ihnen,« erklärte der Baron. »Ich sage Ihnen ganz offen, wie ich es herausfand, daß mein Sohn in diese elende Sache verwickelt ist. Ich verspreche Ihnen Entschädigung für Ihren Verlust, und eine Entschuldigung, die, wie ich hoffe, Ihre Gefühle befriedigen wird, und versichere Sie, daß Zeugenbeeinflussung nicht im Bereiche der Feverels liegt. Alles was ich von Ihnen erbitte ist, daß Sie die Sache nicht weiter verfolgen. Gegenwärtig hängt es nur von Ihnen ab. Ich bin verpflichtet für diesen Gefangenen alles zu tun, was in meiner Macht liegt. Wie und warum mein Sohn dazu veranlaßt wurde, eine solche Handlung anzustiften, oder zu unterstützen, das kann ich Ihnen nicht erklären, denn das weiß ich nicht.«

»Hm!« sagte der Farmer, »ich glaube, ich weiß es.«

»Sie kennen die Veranlassung?« rief Sir Austin erstaunt. »Ich bitte Sie, sie mir mitzuteilen.«

»Wenigstens glaube ich, daß ich es ziemlich gut raten kann,« sagte der Farmer. »Ihr Sohn, Sir Austin, und ich sind grade jetzt nicht sehr gute Freunde; wir stehen uns nicht freundschaftlich. Sehen Sie, Sir Austin, ich bin ein Mann, der es nicht gerne sieht, wenn junge Herren auf seinem Gebiet wildern, ohne seine Erlaubnis – besonders nicht, wenn sie auf ihrem Gebiet genug Vögel haben. Es scheint, daß er das liebte. Folgedessen mußte ich mit dieser Peitsche knallen – wie die Leute es bei den 70 Wettrennen tun. Alles hier im Umkreise gehört mir, sollte das heißen. Und wer getroffen wird, der ist vorher gewarnt worden. Es tut mir leid, aber so war die Sache.«

Sir Austin zog sich zurück, um, sobald er seinen Sohn treffen würde, mit ihm zu sprechen.

Algernons Unterredung ging unter Biertrinken und Versprechungen vorüber. Auch er versicherte Farmer Blaize, daß kein Feverel durch seine Bedingungen berührt werden könnte.

Dasselbe tat Austin Wentworth. Der Farmer war zufrieden. »Das Geld ist sicher, wie ich weiß,« sagte er, »bleibt noch die Entschuldigung;« und Farmer Blaize streckte seine Beine weiter aus und legte seinen Kopf zurück.

Der Bauer dachte natürlich, daß die drei einzelnen Besuche zusammen geplant wären. Doch des Barons Freimütigkeit, und daß er sich nicht für den dritten und letzten Angriff aufgespart hatte, setzten ihn in Erstaunen. Er überlegte noch, ob sie eine sehr tiefe oder sehr oberflächliche Gesellschaft wären, als der junge Richard ihm gemeldet wurde.

Ein hübsches, kleines Mädchen, mit den Rosen von dreizehn Sommern auf ihren Wangen und üppig schönen, blonden Zöpfen, hüpfte vor dem Knaben her und blieb schüchtern zögernd an dem Armstuhl des Farmers stehen, um einen verstohlenen Blick auf den hübschen Ankömmling zu werfen. Sie wurde Richard als des Farmers Nichte, Lucy Desborough, vorgestellt, die Tochter eines Leutnants bei der königlichen Marine und was noch mehr wert war, wie der Farmer leise hinzusetzte, ein wirklich gutes Mädchen.

Weder die Vortrefflichkeit ihres Charakters, noch ihre Stellung im Leben führten Richard in die Versuchung das kleine Fräulein näher anzusehen. Er machte eine ungeschickte Verbeugung und setzte sich.

71 Der Farmer zwinkerte mit den Augen. »Ihr Vater,« fuhr er fort, »focht und fiel für sein Vaterland. Ein Mann, der für sein Vaterland kämpft, hat das Recht den Kopf hoch zu tragen – ja, jedem gegenüber im Lande. Desborough aus Dorset, kennen Sie die Familie, Mr. Feverel?«

Richard kannte sie nicht und schien, nach seiner Miene zu urteilen, auch nicht den Wunsch zu haben, mit irgend einem Sprößling der Familie bekannt zu werden.

»Sie kann Puddings und Pasteten machen,« fuhr der Farmer fort, unbeirrt durch die mürrische Miene seines Zuhörers. »Sie ist eben so gut eine Dame, wie nur irgend eine. Mich kümmert's nicht, daß sie Katholiken sind; – die Desboroughs von Dorset sind vornehme Leute. Und sie versteht auch was vom Klavier! Sie klimpert mir was vor am Abend. Mir gefallen die alten Lieder, sie ist mehr für die neuen, das ist so Mädchenart. So lange sie bei mir ist, soll sie nützliche Sachen lernen. Sie kann auch parlez-vous und tanzen wie sich's gehört: ist ein paar Jahr in Frankreich gewesen. Mir gefällt das Singen besser als das Parlieren. Komm mal her, Lucy, schieß mal los – was? du willst nicht? – Das Lied von« – Farmer Blaize versuchte die Übersetzung eines Titels – »du weißt doch, von der Frau, die mit den Soldaten marschiert. 'n hübsches Lied, sollt' ich denken.«

Mademoiselle Lucy verbesserte das Französisch ihres Onkels, weigerte sich aber mehr zu tun. Der hübsche, mürrische Knabe hatte ihr schon beinahe die Sprache genommen, in seiner Gegenwart singen konnte sie erst recht nicht. So stand sie, mit einer Hand auf ihres Onkels Stuhl gestützt, drückte durch allerhand Windungen ihres Körpers ihre Weigerung aus, und schüttelte den Kopf mit starrem Blick.

72 »Ach so,« lachte der Farmer und schickte sie fort, »sie lernen schnell genug den Unterschied zwischen einem Jungen und einem Alten. Geh', Lucy, und lern' deine Aufgaben für morgen.«

Zögernd schlich die Tochter der königlichen Marine fort. Des Onkels Blick folgte ihr bis zur Türe. Hier zögerte sie noch ein Weilchen, um einen letzten Eindruck von dem finstern Gesicht des jungen Fremden mitzunehmen, und schoß dann hinaus.

Farmer Blaize schüttelte sich vor Lachen. »Sie ist nicht alle Tage so zärtlich zu ihrem Onkel! Nicht, daß sie keine gute Pflegerin wäre – das freundlichste kleine Herz, das man nur finden kann. Sie kann einem vorlesen und den Trank zurecht machen und vorsingen, wenn man's gern hat, und wird nicht müde. Wirklich gut ist sie. Gott segne sie.«

Der Bauer hatte wohl die Absicht, durch dieses Lob seiner Nichte seinem Besucher Zeit zu geben, sich zu sammeln und mit einem gewöhnlichen Gesprächsthema anzufangen. Aber diese Ablenkung reizte und verwirrte nur unsern vor Scham fast vergehenden Jüngling. Richards Absicht war es gewesen, auf des Bauern Schwelle zu treten, ihn dorthin zu bitten und in lautem und hochmütigem Tone dort auf der Stelle die ganze Last der Anklage gegen Tom Bakewell auf sich selbst zu nehmen. Auf dem Wege nach Belthorpe war er wieder etwas in sein altes Wesen zurückgefallen; und daß er nun gezwungen worden war, das Haus seines Feindes zu betreten, auf seinem Stuhle zu sitzen, daß er es dulden mußte, seiner Familie vorgestellt zu werden, war mehr, als was er übernommen hatte. Er zog die Augenbrauen fest zusammen zur Vorbereitung auf die schreckliche Dosis, die er zu schlucken hatte, und die der Aufschub und des Farmers Leutseligkeit noch unendlich viel bitterer machte. 73 Farmer Blaize fühlte sich äußerst behaglich, war durchaus nicht in Eile. Er sprach von dem Wetter und der Ernte, von den letzten Vorgängen auf dem Schlosse, erwähnte das Kricket des letzten Jahres, hoffte, daß nicht noch einmal ein Feverel ein Bein dabei verlieren würde: Richard sah und hörte in allem nur Brandstiftung. Er blickte immer finsterer, je näher er dem bittern Kelche kam. In einem Augenblick des Stillschweigens griff er mit einem tiefen Atemzuge zu.

»Mr. Blaize! Ich bin gekommen, um Ihnen zu sagen, daß ich es war, der Ihren Heuschober angesteckt hat.«

Des Bauern Mund zog sich wunderlich zusammen. Er richtete sich auf und sagte: »So! und deshalb sind Sie hergekommen, Herr?«

»Ja,« sagte Richard entschlossen.

»Und das ist alles?«

»Ja,« wiederholte Richard.

Der Bauer veränderte wieder seine Stellung. »Dann, mein Junge, bist du hergekommen, um mir eine Lüge zu erzählen.«

Farmer Blaize sah den Knaben fest an, unbekümmert um den flammenden Zorn, den er entzündet hatte.

»Sie wagen es, mich einen Lügner zu nennen!« schrie Richard und sprang auf.

»Ich sage,« wiederholte der Bauer mit demselben Nachdruck und schlug sich dabei auf den Schenkel, »daß das eine Lüge ist.«

Richard streckte seine geballte Faust vor. »Sie haben mich zweimal beleidigt. Sie haben mich geschlagen, Sie haben es gewagt, mich einen Lügner zu nennen. Ich wollte um Entschuldigung bitten, ich würde Sie um Verzeihung gebeten haben, um den Burschen aus dem Gefängnis zu befreien. Ja! ich wollte mich selbst 74 erniedrigen, damit nicht ein andrer für meine Tat büßen sollte –«

»Ganz wie's sich gehört!« warf der Bauer ein.

»Und Sie nehmen die Gelegenheit wahr, mich von neuem zu beleidigen. Sie sind ein Feigling, Herr! nur ein Feigling konnte mich in seinem eigenen Hause beleidigen.«

»Setzen Sie sich, setzen Sie sich, junger Herr,« sagte der Farmer auf den Stuhl zeigend, und den Zornesausbruch mit einer Handbewegung beschwichtigend. »Setzen Sie sich. Seien Sie nicht zu hastig. Wären Sie neulich nicht zu hastig gewesen, würden wir Freunde geblieben sein. Setzen Sie sich, Herr. Es würde mir leid tun, wenn ich es Ihnen, Herr Feverel, oder irgend einem andern Ihres Namens vorrechnen müßte, daß er ein Lügner ist. Ich achte Ihren Vater, obgleich wir politische Gegner sind. Ich bin ganz bereit, gut von Ihnen zu denken. Was ich sage, ist nur, daß das, was Sie sagen, nicht die Wahrheit ist. Passen Sie wohl auf, ich habe deshalb keine schlechtere Meinung von Ihnen. Aber es ist nicht so, wie Sie sagen. Das ist alles. Und Sie wissen es eben so gut wie ich!«

Richard verschmähte es zu zeigen, daß er besänftigt war, aber er setzte sich wieder. Der Bauer sprach vernünftig, und nach seiner letzten Unterredung mit Austin war der Knabe imstande, dunkel zu begreifen, daß ein gewaltiger Zorn kaum als Rechtfertigung für ein solches Benehmen angesehen werden kann.

»Und nun sagen Sie mal,« fuhr der Farmer nicht unfreundlich fort, »was haben Sie sonst noch zu sagen?«

Wieder wurde der bittere Kelch, den er schon einmal geleert hatte, randvoll an Richards Lippen gesetzt. Ach, die arme menschliche Natur, die den bösen Trank ein Dutzendmal bis auf die Hefe trinkt, um nur den einen 75 Trank zu vermeiden, aus dem das viel weniger grausame Schicksal besteht.

Der Knabe kniff die Augen zu und trank ihn aus.

»Ich kam, um Ihnen zu sagen, daß ich es bedauere, mich so an Ihnen gerächt zu haben, weil Sie mich geschlagen haben.«

Farmer Blaize nickte.

»Und nun sind Sie fertig, junger Herr?«

Noch ein Becher voll!

»Sie würden mich sehr verpflichten,« fing Richard ganz förmlich an; aber er wurde von heftigem Ekel erfaßt und konnte nur tropfenweise schlucken, wodurch sein Widerwille so stark wurde, daß er drohte, die Ausführung seiner Buße unmöglich zu machen. »Sehr verpflichten,« fuhr er fort, »sehr verpflichten, wenn Sie so freundlich wären,« und es wurde ihm klar, daß, wenn er dieses zuerst gesagt hätte, seine Worte überzeugender gewesen wären und seinem Stolze mehr entsprochen hätten, sie wären ehrlicher gewesen; denn das Bewußtsein von der Unehrlichkeit dessen, was er sagte, ließ ihn Demut heucheln, um den Farmer zu täuschen; und je mehr er sagte, desto weniger fühlte er bei seinen Worten, und je weniger er fühlte, desto schwülstiger wurden sie. »Wenn Sie so freundlich sein würden,« stammelte er, »so freundlich« (man stelle sich vor, ein Feverel bat einen groben Kerl, so freundlich zu sein), »und mir den Gefallen tun« (mir den Gefallen!), »sich zu bemühen« (alles nur, um Austins Wunsch zu erfüllen), »zu versuchen zu – hm – zu –« (man kann es nicht sagen).

Der Kelch war noch ebenso voll wie vorher. Richard faßte ihn noch einmal.

»Was ich Sie bitten wollte, ist, ob Sie die Freundlichkeit haben wollten, zu versuchen, was Sie tun können« (was für eine schreckliche Schande, so bitten zu müssen), 76 »tun könnten, zu befreien – zu sichern – ob Sie die Freundlichkeit haben würden,« – es schien über alle menschliche Kraft hinauszugehen, das hinunterzuschlucken. Der Trank wurde immer unerträglicher. Seine eigene Missetat bekennen, um Entschuldigung bitten für das Unrecht, das man getan hat, so viel konnte man tun, – aber den Beleidigten auch noch um eine Gunst bitten, das war mehr, als wozu sich die Selbsterniedrigung eines Feverel verstehen konnte. Der Stolz aber, dessen unvermeidlicher Kampf gegen sich selbst gerichtet ist, zog den Vorhang fort von des armen Tom Gefängnis und rief ihm noch einmal zu: »Schau her, das ist dein Wohltäter!« und während diese Worte auf seiner Seele brannten, schluckte Richard den Rest.

»Also, ich wollte Sie bitten, Mr. Blaize, wenn es Ihnen nicht unangenehm ist, mir zu helfen, daß dieser Mann, dieser Bakewell, nicht bestraft wird.«

Man muß dem Bauern die Gerechtigkeit widerfahren lassen, er hatte sehr viel Geduld mit dem Knaben, wenn er auch nicht recht verstehen konnte, weshalb er nicht gleich auf das hinauskam.

»Ach,« sagte er, als er die Bitte gehört und darüber nachgedacht hatte. »Wir werden mal morgen sehen, was sich tun läßt. Aber wenn er unschuldig ist, wissen Sie, können wir ihn doch nichts schuldig machen.«

»Ich habe es getan,« erklärte Richard.

Der halb belustigte Ausdruck des Bauern wurde wieder etwas schärfer.

»So, junger Herr! und die Arbeit jener Nacht tut Ihnen nun leid?«

»Ich werde zusehen, daß Ihnen der volle Umfang Ihres Schadens ersetzt wird.«

»Danke Ihnen,« sagte der Farmer trocken.

77 »Und wenn der arme Mann morgen frei wird, kommt es mir auf die Höhe der Summe nicht an.«

Farmer Blaize neigte zweimal schweigend sein Haupt. »Bestechung,« drückte eine Bewegung aus, » Beeinflussung« die andre.

»Nun,« sagte er und lehnte sich dabei vor, die Ellenbogen auf die Knie stützend, und zählte den Fall an seinen Fingerspitzen ab, »entschuldigen Sie die Freiheit, aber da ich wissen möchte, wo das Geld herkommen soll, möchte ich doch auch fragen, ob Sir Austin davon weiß?«

»Mein Vater weiß nichts davon,« erwiderte Richard.

Der Farmer warf sich in seinen Stuhl zurück. »Lüge, Nummer zwei,« drückte die Bewegung seiner Schultern aus. Seiner echt englischen Art war es äußerst zuwider, daß man Ränke gegen ihn schmiedete und nicht offen mit ihm verfuhr.

»Und Sie haben das Geld bereit, junger Herr?«

»Ich werde meinen Vater darum bitten.«

»Und er wird es Ihnen geben?«

»Sicherlich wird er das.«

Richard hatte nicht die leiseste Absicht, seinen Vater jemals in sein Vertrauen zu ziehen.

»Es sind runde dreihundert Pfund, wie Sie wissen,« bemerkte der Farmer.

Keine Erwägung über die Ausdehnung des Schadenersatzes und den Umfang der Summe konnte Richard Eindruck machen, der kühn sagte: »Er wird sich nicht weigern zu zahlen, wenn ich es ihm sage.«

Natürlich schien es Farmer Blaize etwas zweifelhaft, daß ein Jüngling sich für die Zahlung einer solch kräftigen Summe verbürgen sollte, wenn er nicht vorher seines Vaters Einwilligung und Vollmacht erhalten hätte.

»Hm!« sagte er, »weshalb haben Sie ihm nicht vorher davon gesagt?«

78 Der Bauer legte eine abstoßende Verschmitztheit in den Ton seiner Frage, was Richard dazu veranlaßte, die Lippen zusammenzupressen und ihn hochmütig anzusehen.

Farmer Blaize war sicher, daß es eine Lüge war.

»Hm! Sie halten noch daran fest, daß Sie den Heuschober angesteckt haben?«

»Die Schuld ist mein,« erwiderte Richard mit der Erhabenheit eines alten Patrioten in Rom.

»Na, na!« beschwichtigte ihn der ehrliche Brite. »Entweder Sie haben es getan, oder Sie haben es nicht getan. Haben Sie es nun getan oder nicht?«

So in die Enge getrieben, sagte Richard: »Ich habe es getan.«

Farmer Blaize griff nach der Klingel. Sie wurde sogleich durch die kleine Lucy beantwortet, die den Befehl erhielt, einen Angestellten von Belthorpe zu holen, den man den Kampfhahn nannte, und die wieder hinausging, wie sie hereingekommen war, den Blick auf den jungen Fremden gerichtet.

»Nun,« sagte der Bauer, »das sind meine Grundsätze. Ich bin ein einfacher Mann, Herr Feverel. Immer ehrlich mit mir, und Sie werden mich großmütig finden. Versuchen Sie mich zu überlisten, und ich bin ein böser Kunde. Ich werde Ihnen zeigen, daß ich keinen Groll hege. Ihr Vater zahlt, und Sie bitten um Entschuldigung. Das ist für mich genug. Laß Tom Bakewell es vor dem Gesetz ausfechten, ich werde nur zusehen. Das Gesetz hat nicht zugesehen, nehme ich an? So ist das Gesetz auch kein Zeuge. Aber ich bin einer. Das heißt, der Kampfhahn ist einer. Ich werde Ihnen was sagen, junger Herr, der Kampfhahn hat es gesehen. Sie können beim besten Willen das Zeugnis nicht wegleugnen. Und was nützte es auch, Herr, frage ich Sie? Was kommt dabei heraus? Ob Sie es nun waren, oder Tom Bakewell – das ist 79 ganz gleich. Wenn ich mich zurückhalte, ist das nicht dasselbe? Die Wahrheit will ich! Und hier kommt sie,« fügte er hinzu, als Fräulein Lucy den Kampfhahn hereinführte, der eine sonderbare Figur bildete zur Verkörperung dieser erhabenen Gottheit.

 

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