Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > George Meredith >

Richard Feverel

George Meredith: Richard Feverel - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleRichard Feverel
authorGeorge Meredith
year1904
firstpub1859
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleRichard Feverel
pages677
created20100628
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Fünftes Kapitel.

Adrian wirft seine Angel aus.

An dem Morgen nach dieser Nacht gab es viel zu erzählen zwischen Raynham und Lobourne. Im Dorfe erzählte man sich, daß dem Farmer Blaize auf Belthorpe Farm ein Heuschober von Schurkenhänden angezündet worden wäre; seine Ställe hätten Feuer gefangen, es hätte nicht viel gefehlt, so wäre er selbst lebendig verbrannt, bei dem Versuch sein Vieh zu retten, von dem viel in den Flammen umgekommen war. Raynham dagegen konnte von einem wirklichen Gespenst berichten, das Fräulein Klara in dem linken Flügel des Schlosses gesehen habe, dem Geist einer Frau in dunkeln Trauergewändern, mit einer Narbe auf der Stirn und einem blutigen Tuch auf der Brust, schrecklich anzusehen! Kein Wunder, daß das Kind bis auf den Tod erschrocken in einem traurigen Zustand dalag und man auf die Ankunft der Londoner Ärzte wartete. Man erzählte weiter, daß sämtliche Dienstboten gedroht hätten, das Schloß zu verlassen, und daß Sir Austin, wie es einem Herrn zukäme, versprochen hätte, um sie zu beruhigen, den ganzen linken Flügel niederreißen zu lassen; denn kein anständiger Mensch – so sagte Lobourne – könnte in einem Hause leben, in dem es spuke.

Diesmal enthielten die Gerüchte ein Körnchen mehr 45 Wahrheit als gewöhnlich. Die arme kleine Klara war krank, und das Unglück, das den Farmer Blaize mit dem Heuschober betroffen hatte, war nicht sehr übertrieben geschildert worden. Sir Austin verlangte, daß man ihm beim Frühstück einen Bericht darüber gäbe, und schien so sehr zu wünschen, genau über die Ausdehnung des Schadens unterrichtet zu werden, daß der gewichtige Benson nach dem Dorfe hinunterging, um den Schauplatz in Augenschein zu nehmen. Benson kam zurück, und auf Adrians boshaftes Anstiften gab er einen schriftlichen Bericht über die Katastrophe, in dem die Beinkleider des Farmers eine Rolle spielten und gewisse kühlende Mittel, die man auf einen Teil seines Körpers hatte anwenden müssen. Sir Austin las den Bericht durch, ohne zu lächeln. Er nahm auch Veranlassung, ihn in Gegenwart der Knaben vorlesen zu lassen, die sehr ehrbar zuhörten, als ob es sich um einen gewöhnlichen Zeitungsartikel handelte; nur als der Bericht das besondere Kleidungsstück erwähnte, das durch das Feuer gelitten hatte, und die ungewöhnlich traurige Lage des Farmers schilderte, die ihn ans Bett fesselte, bekam Ripton unpassenderweise das Niesen, und Richard biß sich auf die Lippen und brach in ein lautes Gelächter aus, in das Ripton einstimmte, ohne sich um etwaige Folgen zu kümmern.

»Ich hoffe, du hast Mitleid mit dem armen Manne,« sagte Sir Austin in etwas strengem Tone zu Richard. Er sah keine Spur von Gefühl.

Es war eine schwere Aufgabe für Sir Austin, dem hoffnungsvollen Erben gegenüber seine gewöhnliche Fassung zu bewahren, da er wußte, daß er Mitschuldiger bei einer Brandstiftung war, und annahm, daß die Tat nicht herausgefordert und nur im Übermut begangen worden wäre. Aber er mußte so handeln, um seinen Sohn auf die Probe stellen zu können. Es mag auch nicht 46 unerwähnt bleiben, daß der Baron sich geschmeichelt fühlte, um seines Sohnes Geheimnis zu wissen. Es war ihm dadurch möglich, als Vorsehung zu handeln und gewissermaßen auch so zu fühlen; es setzte ihn instand zu beobachten und im voraus Anstalten zu treffen gegen die Handlungen der noch Uneingeweihten. Er behandelte deshalb den Jungen wie gewöhnlich, und Richard sah keine Veränderung in seinem Vater, die ihm die Vermutung erwecken konnte, daß man Verdacht gegen ihn hegte.

Schwerer war sein Spiel mit Adrian. Adrian jagte nicht und fischte nicht. Freiwillig tat er nichts, um sich von dem verderblichen Nerven-Fluidum zu befreien, oder was es sonst sein mag, das in der Natur des Menschen liegt; so war es nicht wahrscheinlich, daß die beiden jugendlichen Verbrecher, die in seiner Macht waren, die sanfte Hand der Barmherzigkeit spüren würden; und Richard und Ripton mußten für manche Forelle und manches Rebhuhn büßen, die Adrian verschont hatte. Es verging kein Augenblick am Tage, an dem Ripton nicht in Angstschweiß geriet, wenn bei einer gelegentlichen Bemerkung oder Botschaft Adrians die Entdeckung unmittelbar bevorstehend schien. Er war wie ein Fisch mit dem Angelhaken im Kiemen, der auf geheimnisvolle Weise gefangen war, ohne angebissen zu haben; und in welche Tiefen er auch untertauchen mochte, er verlor nie das Gefühl, daß es eine starke Gewalt gab, die ihn immer wieder zwang, an der Oberfläche zu erscheinen, und der er sich unweigerlich nähern mußte, sobald die Glocke zum Mittagessen rief. Hierbei drehte sich das Gespräch ausschließlich um Farmer Blaize. Wenn man im Begriff war, den Gegenstand fallen zu lassen, lenkte Adrian das Gespräch immer wieder darauf zurück, und die liebevolle Art, mit der er Ripton dabei behandelte, glich der Kunst eines Fischers, 47 der eine Zeitlang mit der Forelle spielt, um seine Beute dann schließlich der Welt vorzuführen.

Sir Austin beobachtete die Manöver und bewunderte Adrians Schlauheit. Aber er mußte der Entfaltung dieser natürlichen juristischen Veranlagung einen Zügel anlegen, denn das andauernde versteckte Aushorchen fing an verderblich auf Richard zu wirken. Auch dieser Fisch fühlte den Haken in seinem Kiemen, hatte aber mehr die Natur des Hechtes und schwamm in andern Gewässern, in denen es galt, sich um alte Baumstumpfe und schwarze Wurzeln herumzuwinden, und in denen man dem starken Reißen sowohl wie dem sanften Anziehen Trotz bieten konnte. Mit andern Worten – Richard gab Anzeichen davon, daß er seine Zuflucht im Lügen suchte.

»Du kennst ja das Terrain, mein lieber Junge,« bemerkte Adrian ihm gegenüber. »Sag mir doch, würdest du es für leicht halten, sich dem Heuschober unbemerkt zu nähern? Ich höre, daß man auf einen von dem Farmer fortgejagten Arbeiter Verdacht habe.«

»Ich kann dich versichern, ich kenne das Terrain nicht,« antwortete Richard mürrisch.

»Nicht?« Adrian heuchelte höfliches Erstaunen. »Ich meinte Thompson verstanden zu haben, daß ihr noch gestern dort wart?«

Ripton, sehr froh darüber, daß er die Wahrheit sprechen konnte, beeilte sich, Adrian zu versichern, daß er es nicht gewesen wäre, der das gesagt hätte.

»Nicht? Aber ihr hattet doch gute Jagd, nicht wahr?«

»O ja,« murmelten die unglücklichen Opfer, tief errötend, da der leichte Anklang an bäurischen Ton, mit dem Adrian sprach, sie an die erste Anrede des Farmers erinnerte.

»Ich glaube, ihr gehörtet letzte Nacht auch zu den Feueranbetern?« fuhr Adrian beharrlich fort. »Ich höre, 48 daß man in einigen Gegenden am besten zur Nachtzeit jagt und das Wild mit Fackeln auftreibt. Es muß ein schöner Anblick sein. Überhaupt wäre es doch auf dem Lande sehr langweilig, wenn nicht irgend ein Galgenstrick dann und wann für eine kleine Feuersbrunst sorgen würde. Natürlich wißt ihr ja, daß es eine ziemlich ernste Sache ist, nicht wahr? Bei uns sind ja überhaupt die Landleute immer die Lieblinge der Gesetze. – Traft ihr nicht gestern,« fuhr er dann fort, als wenn er sich einem neuen Gegenstande zuwenden wollte, »traft ihr nicht gestern auf euren Entdeckungsreisen zwei Landstreicher, die auch Feueranbeter waren? Wenn ich erster Gerichtsbeamter der Grafschaft wäre, wie Sir Miles Papworth, würde sich mein Verdacht sofort auf die Leute richten. Ein Kesselflicker und ein Ackersmann denke ich, sagten Sie, Mr. Thompson? Nicht? – Nun denn wohl zwei Ackersleute?«

»Eher zwei Kesselflicker,« sagte Richard.

»Ach, wenn du meinst, es war kein Ackersmann, dann war es wohl einer, der keine Stelle hatte?«

Ripton stammelte unter Adrians unbarmherzigem Blick eine bejahende Anwort.

»Der Kesselflicker oder der Ackersmann?«

»Der Ackers – – –,« der offenherzige Ripton blickte auf, als ob er sich Mut machen wollte, die Wahrheit zu sagen, und als er sah, was für ein finsteres Gesicht ihm Richard machte, verschluckte er die andere Hälfte des Wortes.

»Der Ackersmann also,« fuhr Adrian fröhlich fort. »Wir haben also einen Ackersmann ohne Stellung. Auf der einen Seite ein Ackersmann ohne Stellung, auf der andern ein in Brand gesteckter Heuschober. Das Anzünden eines Heuschobers ist ein Racheakt, und ein entlassener Ackersmann ist ein rachsüchtiges Tier. Der 49 Schober und der Ackersmann werden einander gegenübergestellt. Das Motiv der Tat ist festgestellt, wir haben nur noch ihre räumliche Nähe zu einer bestimmten Stunde zu beweisen, und unser Ackersmann reist über das Meer.«

»Steht Deportation auf Brandstiftung?« fragte Richard entsetzt.

Adrians Rede nahm einen feierlichen Ton an: »Die Haare werden abgeschoren, Handschellen angelegt. Die Kost besteht aus saurem Brot und Käserinden. Man arbeitet zu zwanzig oder dreißig an einer Kette. Deportation wird dem Verbrecher mit einem großen D auf den Rücken gebrannt. Theologische Schriften sind die einzige literarische Erholung, die man zur Belohnung für gutes Betragen erhält. Stelle dir einmal das Schicksal dieses armen Burschen vor, und was er sich durch einen Akt der Rache zugezogen hat. Weißt du, wie er heißt?«

»Wie sollte ich das wissen,« sagte Richard mit einem Versuch unschuldig zu erscheinen, der einen peinlichen Eindruck machte.

Sir Austin meinte, man würde es wohl bald erfahren, und Adrian sah ein, daß er aufhören müsse, seine Schnur anzuziehen, wunderte sich aber, daß der Baron blind erschien gegen das, was doch so klar war. Er wollte nicht darüber sprechen, das hätte für die Zukunft seinem Einfluß auf Richard geschadet, er wünschte aber Anerkennung seines Scharfsinns und seiner hingebenden Pflichterfüllung.

Die Knaben standen vom Tisch auf und nach langer Beratung kamen sie zum Entschluß, wie sie ihr ferneres Benehmen einrichten wollten. Sie wollten ihr Mitleid mit Farmer Blaize laut aussprechen und sich in ihrem Benehmen so weit wie möglich nach der Menge richten, so weit wie es zwei solche Übeltäter konnten, von denen 50 einem Adrians Feuerzeichen schon mit dem Grimm des prometheischen Adlers am Rücken fraß und ihn für immer von der menschlichen Gesellschaft ausschloß. Adrian genoß mit Vergnügen ihre neue Taktik und brachte sie dazu, lang und breit ihr Mitgefühl mit Farmer Blaize auszusprechen. Was sie auch tun mochten, der Angelhaken saß in ihren Kiemen. Unter der Peitsche des Bauern hatte sich ihr Körper krümmen müssen, wie viel mehr litten sie unter den seelischen Qualen, denen Adrians Behandlung sie aussetzte. Ripton verwandelte sich rasch in einen Feigling und Richard in einen Lügner, als am nächsten Morgen Austin Wentworth von Poer Hall herüberkam und die Nachricht brachte, daß ein gewisser Thomas Bakewell, ein Landmann, unter dem Verdacht der Brandstiftung festgenommen und in das Gefängnis gebracht worden wäre, wo er warten müßte, bis es Sir Miles Papworth beliebte, über ihn zu Gericht zu sitzen. Austins Blick ruhte auf Richard, als er diese schreckliche Nachricht verkündete. Der hoffnungsvolle Erbe erwiderte den Blick vollkommen ruhig und hatte sogar die Geistesgegenwart, Ripton nicht anzusehen.

 

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.